Geschichte der Wolgadeutschen
UNSERE WIRTSCHAFT
Illustrierte Halbmonatsschrift
1923 № 19-20

Der Revolutionskampf in den Wolgakolonien

Von A. Reichert.

Unsere Wolgakolonisten nehmen in sozialer, wirtschaftlich-ökonomischer Hinsicht eine Sonderstellung in Rußland ein; sie konnten nicht zu den gesinnten Bauernmassen Rußlands, die lange Jahre hindurch unter dem Joche des Zarismus und der Edelleute als Leibeigene schmachteten und nach Aufhebung der Leibeigenschaft ein kümmerliches Dasein fristeten, gezählt werden.

Die Arbeiter und reinen Proletarier waren in den Kolonien schwach vertreten und konnten keine entscheidende, die Massen beeinflussende Rolle spielen. Das größte Prozent der Kolonisten gehörte zur kleinbürgerlichen Klasse, die, wenn auch nicht im Überfluß lebte, so doch auch sehr wenig von Not zu sagen wußte. Lange Jahre hindurch hatten unsere Kolonien eine Art eigene Verwaltung, das sogenannte Deutsche Kontor in Saratow, das voll und ganz unter dem Einfluß der Pastoren stand. Also indirekt war die Geistlichkeit die alleinige Selbstherrscherin in den Kolonien. Sie schalteten und walteten in den Kolonien, wie sie wollten, und alle Beamten mußten alle ihre Befehle auf den ersten Wink durchführen. Diese geistlichen Herren, fast ausschließlich. Fremdlinge aus den Ostseeprovinzen, verstanden es, unser Volk von aller Welt abzusondern, religiös bis zum äußersten Fanatismus zu erziehen und es auf diese Art lange Jahre hindurch zu knechten und auszubeuten.

Diese Selbstherrschaft der Geistlichkeit, gegründet auf den Fanatismus der Masse, währte, wenn auch in verschiedener Form, Art und Weise, manchmal offen und frech, manchmal geheim und heuchlerisch, je nachdem der Wind wehte, bis zur Revolution des Jahres 1905. Non diesen, Jahre an geht es bergab. Dank dem offenen Kampfe durch die Presse gelingt es einigen Männern, diese Selbstherrschaft zu untergraben und einen Teil der Bevölkerung oppositionell gegen sie zu stimmen.

Die Revolution von 1905 ging sonst spurlos an unseren Kolonien vorüber, wie es auch aus den angeführten Gründen nicht anders sein konnte. Das Häuflein Revolutionäre konnte unter den zur Zeit waltenden Verhältnissen unter dem kleinbürgerlich gesinnten Volke nichts ausrichten und mußte abwarten, bis der Boden durch irgend ein Ereignis zur Revolutionsarbeit vorbereitet war. Diese Ereignisse kamen, und zwar übernahm diese Arbeit die Zarenregierung selbst und führte sie großartig durch. Das Landgesetz Stolypins hatte zwar den Zarismus zeitweilig gerettet, aber es hat auch eine große Vorarbeit für die Revolution geleistet; es trennte uno entzweite die Gemeinden in zwei Lager; es schuf Klassen. Wir bekamen ländliche Bauernproletarier, unter denen mit Erfolg die Revolutionsarbeit in Angriff genommen werden konnte. Was dieses Gesetz nicht fertigbrachte, das wurde durch die Reaktion, die nach 1905 so stark einsetzte, vollendet.

Die Unterdrückung, Entrechtung der Fremdvölker, der blinde, reaktionäre, nationale Haß gegen sie, der sich wie ein roter Faden durch alle Verordnungen und Gesetze jener Zeit hindurchzieht, verrichtet eine riesenhafte revolutionäre Vorarbeit. Purischkewitsch und Konsorten dienen der Revolution als Schäferhunde, die durch ihr Gebell alles was revolutionär gesinnt war, ins linke Lager treiben. Auch unsere deutschen Kolonisten wurden allmählich aus ihren, Schlafe aufgerüttelt, und das Gesetz über die Entrechtung und Vertreibung weckte sie vollends. Alle sehnten sich nach der Revolution als nach der einzigen Retterin, selbst die Geistlichkeit nicht ausgenommen.

Wie überall, so auch in unseren Kolonien gab es Klassen und Gruppierungen, von denen sich jede, je nach Bedarf und Geschmack, eine Revolution zurechtschnitt und zurechtlegte. Die Revolution kam, und unsere Deutschen atmeten auf — sie waren gerettet. Ein großer Teil wollte sich schon wieder nach den, Sturz des Zaren ruhig schlafen legen, da sie nichts mehr zu wünschen hatten. Doch sie hatten die Regel nicht gelernt, daß eine Revolution voll und ganz durchgeführt werden muß und entweder Siegerin bleibt oder besiegt wird. Nach dem Sturz des Zaren beginnt erst der Revolutionskampf in unseren Kolonien als Klassenkampf.

Jetzt verlangt das landlos gewordene Proletariat sein Recht. Die Geistlichkeit und Protzen reißen, die Macht an sich. Sie saßen als Herren im Knüppelkomitee und in der Kreislandschaft, und die Verfolgung der revolutionären Führer setzt so stark ein wie nie zuvor.

Welche teuflischen Schandtaten die Konter-revolutionäre unter der Revolutionsfahne voll-brachten, ist fast unaussprechlich. Die Lehrer, die es wagten, offen aufzutreten, wurden einfach verjagt, in manchen Dörfern sogar mißhandelt. Schreiber dieser Zeilen mußte in 24 Stunden wegen seiner politischen Arbeit seinen Wohnort verlassen, nur weil der Pastor und sein Schulmeister es haben wollten.

Der Zeitraum zwischen der Februar- und Oktoberrevolution muß als schwerste Kampfeszeit der Revolutionäre bezeichnet werden. Das deutsche Komitee, das sich in Saratow aus Fabrikanten, Kapitalisten, Protzen und deren Speichelleckern organisiert hatte, führte auf allen Versammlungen in Saratow, Schilling und Warenburg das große Wort, und die Revolutionäre mußten schweigen.

Doch wir kämpften unermüdlich und nicht ohne Erfolg. Dem deutschen Komitee lieferten wir die Hauptschlacht in Katharinenstadt auf einer Lehrerkonferenz, auf der das Komitee die Lehrer für sich zu gewinnen suchte: es mußte mit Schimpf und Schande abziehen. Der Wahlkampf in die Gründerversammlung wurde hartnäckig geführt, und wir sehen, wie eine Scheidung in den Kolonien durchgeht. Auf einer Seite stehen die Geistlichkeit, Händler, Kapitalisten und Protzen mit dem berühmten deutschen Komitee an der Spitze, auf der anderen Seite die ärmere Bevölkerung, teilweise die Mittelbauern und der revolutionäre Teil der Lehrer als Führer dieser Gruppe.

Die wenigen Internationalisten und Kommunisten hatten nicht die Möglichkeit, ihre eigene Liste aufzustellen, da sie nicht organisiert und nicht stark genug waren, und deshalb mußten sie den Wahlkampf aus, um den Hauptfeind lahmzulegen und seine Liste durchfallen zu lassen, was uns auch voll und ganz gelang, ungeachtet dessen, daß der Gegner alles aufs Spiel setzte und selbst Fälschung und Betrug bei den Wahlen nicht verschmähte.

Die Oktoberrevolution machte einen Strich durch die Rechnung dieser Herren. Die Maske wurde ihnen jetzt heruntergerissen, und man sah, daß alle ihre Losungen und jesuitischen Kniffe zum Betrug der Massen dienten. Schon vor der Oktoberrevolution suchte man eine große Reemigration der Deutschen nach Deutschland ins Leben zu rufen; doch erst die Oktoberrevolution, die den Herren so überaus unerwünscht kam, brachte diese Idee zur Reife. Das deutsche Komitee versuchte zwar noch einmal, im Trüben zu fischen, und war so frech, nach Moskau zu fahren und „seine treue Untertänigkeit“ der Sowjetmacht auszusprechen mit der Bitte, ihnen die Organisation der Selbstverwaltung unserer Kolonien zu übertragen. Doch was ihnen nach der Februarrevolution gelungen war, die Macht an sich zu reißen, mißlang diesmal; denn jetzt saß dorten Lenin mit anderen Genossen, die diese Herren gleich durchschauten und festellten, wes Geistes Kind sie sind. Die Genossen in Moskau bedankten sich freundlichst für das freundliche Anerbieten und schickten die Herren höflichst ab. Jetzt war es für sie klar, daß nur noch ein Ausweg blieb, und zwar der Handel mit Schutzscheinen und der Betrug. Diesen Weg schlugen sie auch ein, und ungeachtet dessen, daß ihnen nur eine kurze Spanne Zeit gesichert war, brachten sie es doch fertig, einen Massenbetrug durchzuführen und ein ansehnliches Kapital nach dem Ausland zu schmuggeln, mit dem sie jetzt drüben Geschäfte machen und herrlich leben, während die genarrten und verführten Kolonisten das Nachsehen hatten. Mit der Organisation der Selbstverwaltung wurde diesem Treiben der Todesstoß gegeben, und das ganze Heer der Nachtvögel ergriff die Flucht nach Berlin. — Doch auch dort saß und sitzt mau nicht untätig. Indirekt, durch ihre Agenten Bier u. a, nahmen diese Herren regen Anteil an den Kämpfen hier in den Kolonien, und sie sind die Hauptschuldigen an dem Blut, das in den Kolonien geflossen ist. So mancher unserer Kolonisten mußte es mit seinem Leben büßen, weil er den Worten der Berliner Agenten Gehör schenkte und sich zum konterrevolutionären Werkzeug ausnützen ließ. Doch auch in dieser Hinsicht sind sie jetzt lahmgelegt, und kein Mensch glaubt ihnen mehr, da die von ihnen verführten Kolonisten, die Rußland verlass n hatten, durch Briefe ihre Brüder hier über den Betrug dieser Mord- und Diebsgesellen aufgeklärt haben. Nur eins bleibt ihnen noch, durch Betrug unseren Brüdern in Amerika ihr Geld abzuschwindeln, von dem kein Knopf nach Rußland kommt, sondern das zu konterrevolutionären Schandtaten ausgenützt wird. Nun, der Tag der Rache ist nicht mehr fern. Der Arm der Gerechtigkeit, dem sie in Rußland entgangen sind, trifft sie bei Ausbruch der Revolution in Deutschland gewiß, so daß sie endlich empfangen, was ihre Taten wert sind.


Unsere Wirtschaft, 1923, Nr. 19-20, S. 608-610.