Geschichte der Wolgadeutschen

GEORG LÖBSAK

EINSAM KÄMPFT DAS WOLGALAND

EIN BERICHT AUS 7 JAHREN KRIEG UND REVOLUTION


Löbsack, G.: Einsam kämpft das Wolgaland. Ein Bericht aus 7 Jahren Krieg und Revolution. / Mit 6 Bildern und 3 Karten. – Leipzig: R. Voigtländers Verlag, 1936. – 404 S.


Auf Einzelposten

Im Sommer 1914 vollendeten sich 150 Jahre der deutschen Wolgakolonisation. Unserer Vorfahren Heimat in der Pfalz und in Hessen war durch den Siebenjährigen Krieg der Deutschen gegeneinander verheert worden. 150 Jahre später begannen für ihre Nachfahren, für uns, neue sieben Kriegsjahre, die des Welt- und des russischen Bürgerkrieges. Und wiederum: Deutsche gegen Deutsche.

Die Jahre von 1914 bis 1921 bilden in unserer Siedlungsgeschichte eine eigene Zeitspanne letzten volklichen Kräfteaufgebotes zur Selbsterhaltung und Selbstbehauptung. Sie umfassen die letzten Jahre des Zarismus und die ersten des Bolschewismus. Sie beginnen mit dem Kriegsdienstzwang gegen Deutschland und enden in der grauenvollsten Hungersnot unserer Geschichte. Und wiederum: die Heimat verheert.

Diese Aufzeichnungen sind aus dem Pflichtgefühl entstanden, Rechenschaft und Zeugnis dafür abzulegen, wie sich das Wolgadeutschtum in jenen sieben Jahren bis zur Verzweiflung um sein Leben schlug, wenn heute von der Wolga gesprochen wird, klingt immer wieder nur das Lied vom Untergang eines starken Volkstums auf. Und wer ist nicht erschüttert von dem Schrei jener Mutter: „Ich habe ja so großen Hunger, daß ich möchte mein Kind anbeißen; aber man hat noch einen Gott!“

Jedoch dem Sterben gingen sieben Jahre todesmutiger Erhebung unseres Volksgeistes voraus. 1914/15 verfemten Wolgadeutsche Reservisten den Kriegsdienst gegen Deutschland. 1921 fand der letzte Bauernaufstand vor der Hungerpest statt. Dann fielen in zwei Jahren 166000 Wolgadeutsche dem Hunger zum Opfer. Nur wenn man die Zeit und ihre Kampftragik vor diesem Volkssterben kennt, erfaßt man das ganze Grauen des heute drohenden völligen Unterganges.

Aber ich weiß, daß jeder nur von der Stelle aus über die Geschehnisse jener sieben Kampfjahre berichten kann, auf der er gestanden hat. Meine Generation mußte den Weltkrieg gegen Deutschland, gerade mannbar geworden, im russischen Soldatenmantel ertragen. Von diesem unfreiwilligen Landsknechtsdienst her auch sahen wir unseren Volkskampf, mitten darinstehend, zuerst unterm Zarenadler, dann unter dem Roten Stern. Von hier aus auch erkannten wir, daß dieser Kampf nie und nimmer mit unserer Generation abschließen wird. Solange das Wolgadeutschtum atmet, wird es auch einen Wolgadeutschen Heimatkampf geben, es sei denn, eine neue Macht in Rußland erspare ihn uns.

Die Größe dieses Kampfes wurzelt aber nicht nur im bolschewikischen pferch. Sie erwuchs aus unserer nun schon über 170jährigen Siedlungsgeschichte und reicht über die Weltmeere.

Wir sind insgesamt kaum eine Million Menschen und doch hingestreut über Asien, Europa und Amerika. Ist dieser zerstückelten Winzigkeit noch ein gemeinsamer Lebenssinn zu eigen? Ist unser Volksschicksal nur eine Versprengtheit ohne Sinn? wir alle sind nach vielen Seiten hin gebunden. Sie reißen uns auseinander. Alle Teile unseres Ganzen kämpfen auf Einzelposten. Jeder von uns ist ein Einzelposten. Das ganze Wolgadeutschtum ist ein Einzelposten.

Was aber hält uns zusammen? Wo wirkt der Urkern unseres Ganzen? wem dient dieses Ganze? Unser Urkern ist unser deutsches Volkstum und unser deutsches Volksgewissen. Wer sich von ihnen mit einer Aufgabe betraut weiß, der gehört zum Ganzen.

Aber dieses Wolgadeutsche Volksganze ist nur ein geringer Teil des deutschen Weltvolkes. Seine Tragik, ununterbrochen während seit zwingt zum Kampf auf einsamem Einzelposten. Und der Sinn dieser Lebenstragik ist nicht vom Wolgaboden allein her zu erfassen. Er ist auch nicht von Deutschland oder Amerika allein her zu begreifen. Erst das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit aller Teile des deutschen Weltvolkes reicht an den Sinn des Lebens und Sterbens des einzelnen Teiles wie des ganzen Weltvolkes heran. Es ist die ewige Wiedergeburt des Volkes, wollen wir an diesem Schicksalssinn Mitwirken, dann heißt er praktisch: Heimat-Erschaffen in der Welt durch den Einzelposten für das Ganze und durch das Ganze für den Einzelposten.

Die hier ausgezeichneten Geschehnisse haben sich so zugetragen, wie sie erzählt werden. Die hier geschilderten Menschen haben gelebt, oder sie leben noch. Etliches mußte umschrieben werden. Aber so wenig einige Namensänderungen die Wahrheit selbst ändern, so wenig wird sie durch die Erweiterung einiger Geschehnisse in das Sinnbildliche geändert. Unsere Volksseele ja lenkte unseren willen, ihr Licht ja überschien und erhellte oftmals, wenn auch nur für einen Augenblick, die Geschehnisse im Symbol, die unser Verstand nicht mehr begreifen konnte, wir waren allein, und alle Kraft kam aus der Volksseele. Ich brauchte bei ihr nur abzuschreiben.

Die Sagen und Märchen, die Lieder und Legenden des Wolgadeutschtums zu sammeln, darin seinen steppendeutschen Lebens- und Kulturwillen zu erkennen und an seiner Gestaltung mitzuwirken, hatte ich in der Jugend als meine Lebensaufgabe ausersehen. Ein politischer Soldatendienst für die Wolgaheimat ist daraus geworden. Jedoch nicht wir Überlebenden trugen die Dornenkrone. Unsere Toten trugen sie.

Für die Überlebenden aber heißt die Lehre jener sieben Jahre für alle Zeit: Selbstbestimmung des Wolgadeutschen Volkstums gegen den Untergang, wir glauben an das Ziel, weil wir an die Überwindung des Bolschewismus glauben — und an den Urkern unseres Volkstums. Solange dieser Urkern nicht stirbt, triumphiert der Bolschewismus nicht über unser Volkstum.

Berlin, Dezember 1935.

Georg Löbsack


Kapitelübersicht
Seite
Auf Einzelposten 7
Heiliges Moskau 11
Der Krieg fängt an 29
Auswandern 46
Siedlerfesten 57
Die Ochrana putscht 82
Feuer im Land 93
Inselrebellen 104
Mit Russen in Reih’ und Glied 116
Die Büßer von Erserum 135
Abschied von der Mühle 163
Der Freistaat Frank 175
Sozialismus, Autonomie, Webgarn 197
Zwischen Klassenkrieg und Volkstum 224
Der russische Wolgakönig 163
Ein Spielmannslied 293
Knüppelkrieg gegen Maschinengewehre 301
Die Zeit bricht ab 326
Was sagt Europa? 343
Der letzte Pfad 367
Im Gral 396

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  1. Löbsack, G.: Einsam kämpft das Wolgaland. Ein Bericht aus 7 Jahren Krieg und Revolution. – Leipzig, 1936.

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