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Geschichte
Eine Fundgrube für Geschichtsforscher

Das Archivgebäude in Engels soll ausgebaut werden
     Die Engelser Filiale des Staatlichen Archivs des Gebiets Saratow - so lautet die offizielle Bezeichnung des Archivs zur Geschichte der Russlanddeutschen. Mit einem umfangreichen Bestand von wertvollen Archivdokumenten zur Geschichte der Volksgruppe aus über drei Jahrhunderten ist es eine regelrechte Fundgrube für russische und ausländische Geschichts- und Heimatforscher für Literaturwissenschaftler und Journalisten.

     Anhand von Archivmanuskripten sind bereits einige Bücher herausgegeben worden, darunter die "Geschichte der deutschen Kolonisten" von Jakob Dietz Ende der 90er Jahre. Danach ist in Deutschland die aufschlussreiche Forschungsstudie "Aus der Geschichte der Kolonie Mariental an der Wolga" erschienen. Zu den jüngsten Werken zählen "Sprichwörter und Redewendungen der Wolgadeutschen" und "Seiten der Geschichte. Pokrowsk-Engels".

     Aber nicht nur forschungsinteressierte Menschen wenden sich an das Archiv. Die Fragenpalette, die von den Menschen aus Russland und dem Ausland bemüht wird, ist so breit gefächert wie die Schicksale der Betroffenen selbst. Bestätigung von Arbeitszeiten oder Auskünfte über die richtige Schreibweise des Namens bzw. Vornamens sind dabei die einfachsten Fälle.

     Zahlreichen Deutschen in der ehemaligen Sowjetunion hat das Archiv geholfen, Schadenersatz für das verloren gegangene Vermögen während der Repressionen und Deportationen in Anspruch zu nehmen. Wenn im Archiv die entsprechenden Nachweise fehlen, bemühen sich die Mitarbeiter, andere Institutionen einzubinden. Hier wird keiner so einfach abgewimmelt. Die engagierte Archivdirektorin Elisaweta Erina (70) ist Mitglied der Rehabilitierungskommission und nimmt die Sache ernst. Im vergangenen Januar war sie rund 40 Jahre im Amt. Keiner weiß mehr über die Geschichte der Filiale und des Archivs, darüber kann sie stundenlang erzählen.

     Das Archiv der Russlanddeutschen in Engels befindet sich in einem 1902 errichteten ehemaligen Getreidespeicher. Als Archivgebäude wurde es 1930 in Betrieb genommen. Dort wurde das Archiv der Autonomen Republik der Wolgadeutschen untergebracht. Damals war es ein Gebäude ohne Fenster und Türen, das weder beheizt noch beleuchtet wurde. Auf einer Feuerwehrleiter gelangte man in den Getreidespeicher, wo sich ein Berg von Archivdokumenten und Akten stapelte. Jedes Mal wurden die zu bearbeitenden Akten in das unweit gelegene alte Gebäude des Rayonexekutivkomitees mitgenommen, wo für die Arbeit mit den Archivakten eine kleine Scheune eingerichtet war. Blick auf den Dachboden des Archivs. Danach sollten die Akten in den Getreidespeicher zurückgebracht werden. Nach und nach wurde der Getreidespeicher zu einem Aufbewahrungsraum ausgebaut, mit Regalen und einem Dachboden ausgestattet.

     In der Geschichte des Archivs in Engels gab es auch einige schicksalhafte Perioden. Eine entscheidende Herausforderung war der Zweite Weltkrieg. Als 1941 die Deportation der Wolgadeutschen begann, wurde auch ein Teil des Archivs verlagert. Dabei sind viele wertvolle Dokumente verloren gegangen. Um so mehr wird heute das geschätzt, was glücklicherweise erhalten geblieben ist.

     Deshalb war es eine echte Tragödie für das Archiv, als Ende der 90er Jahre das alte Dach an mehreren Stellen zu lecken begann. Da gerade auf dem Dachboden die Mehrheit der unikalen Dokumente vom Ende des 18. bis Anfang des 20. Jahrhunderts wie Kirchenbücher. Akten der Dorf- und Kantonverwaltungen etc. aufbewahrt wird, schlug die Direktorin sofort Alarm. Das Problem konnte man damals dank der Unterstützung des Deutschen Konsulats in Saratow und der Gesellschaft "Wolga-Entwicklung" beheben.

     Seit Jahren droht eine andere Gefahr für das Archiv, die ebenfalls ein dringendes Handeln erfordert. Die Lagerflächen des ehemaligen Getreidespeichers können die Archivbestände schon lange nicht mher fassen. Auch sind die derzeitigen Aufbewahrungsbedingungen zu einem großen Teil desolat und gefährden den weiteren Erhalt dieser unwiederbringlichen Dokumente. Es gibt außerdem keinen Lesesaal, kein Erholungszimmer und keine Räumlichkeiten, in denen man die Computer und andere Organisationstechnik unterbringen könnte. Von der Notwendigkeit eines neuen Gebäudes oder zumindest eines Anbaus versuchte Elisaweta Erina die Zuständigen auf allen Ebenen zu überzeugen.

     Das Ende des Vorjahres brachte nun eine entscheidende Wende in der Geschichte des Archivs. Im Oktober 2004 wurde ein Vertrag zwischen der deutschen und russischen Seiten über die Finanzierung eines Anbaus unterzeichnet. Es wird beabsichtigt, die erforderlichen Maßnahmen wie Renovierung der vorhandenen Bausubstanz und Errichtung eines Erweiterungsbaus möglichst bald in Angriff zu nehmen.

VadW


VOLK AUF DEM WEG 5/2005

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