История немцев Поволжья
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Ein ethnographisches Konzert

Von P. Sinner, Saratow


 

Das Saratowsche Gebiet bietet für die ethnographische Forschung recht mannigfaltiges und reichhaltiges Material. Es ist hier ein ganzes Konglomerat von Völkerschaften vertreten. Hier sitzen in kompakten Massen: Großrussen, Kleinrussen, Mordwiner, Tschuwaschen, Meschtscherja, Tataren, Kirgisen, Kalmyken, Deutsche, Esten . . .

Als Urbewohner des Gebiets sind die Finnenstämme: Mordwiner in zwei Verzweigungen (Järsä und Mokscha) Tschuwaschen und Meschtscherjaken erhalten, wobei letztere sprachlich allerdings fast ganz verrusst sind. Später, beim Eindringen asiatischer Nomadenstämme in die Wolgasteppen, kamen die türkisch-mongolischen Elemente: Tataren, Kirgisen, Kalmyken hinzu. Bei der Kolonisierung des Gebiets durch den russischen Staat gesellten sich ihnen zunächst die Großrussen, später die Kleinrussen aus der Ukraine, ferner, im 18. Jahrhundert, die deutschen Kolonisten und schließlich in den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts in kleinen ethnischen Inseln jenseits der Wolga die Esten zu. Bis auf die Meschtscherjaken, die trotz der Einbuße ihrer Sprache ihre alten Nationaltrachten sowie ihre Sitten und Gebräuche immer noch erhalten haben, wahren diese Völkerschaften ihre Eigenart in vollem Umfange bis auf den heutigen Tag. Zwecks volkskundlicher Erforschung und Festhaltung der völkischen Eigenheiten des Gebiets für künftige Geschlechter gründete der rührige Ethnologe Professor B. Sokolow neuerdings in Saratow ein ethnographisches Museum und leitete eine rege Forscher- und Sammelarbeit ein. Kürzlich veranstaltete er im hiesigen Stadttheater ein ethnographisches Konzert, das sich großer Teilnahme der weitesten Gesellschaftskreise erfreute und mit bestem Erfolge verlief.

Nach einer glänzenden, sachkundigen Einleitung Professor Sokolows traten zunächst die Mordwiner auf und improvisierten eine Hochzeit mit genauem völkischem Gepräge. Dann sang ein Chor kleiner Tatarenkinder ein paar schlichte tatarische Volks- und Kinderliedlein, und zwei Erwachsene, ein Mann und eine Frau, sangen ein volkstümliches Duett. Ferner führten die Tschuwaschen, unter Beteiligung eines starken Volkschores vom Lande, ebenfalls eine Nationalhochzeit auf. Zum Schluss sang ein glänzend eingeübter großrussischer Studentenchor einige schöne lokale Volkslieder.



Ein ethnographisches Konzert. Von Peter Sinner, Saratow.
Wolgadeutsche Monatshefte, 1923, Nr. 1/2, S. 16-18.



Von größter Bedeutung und Wichtigkeit für das Deutschtum an der Wolga war aber die vorletzte Nummer des Konzerts, ein ethnographisches Bild aus dem wirklichen Leben der Wolgakolonien („Hochziglade un Maajerstubb"), organisiert von Frau E. Dinges,  Studentin der germanistischen Abteilung der hiesigen Universität. Sie hatte einen gediegenen Chor aus den Kolonien zusammengetrommelt und eingeübt. Die Agierenden waren in die richtigen Bauerntrachten eingekleidet. Es war eine deutsche Bauernstube mit Himmelbett, Truhe, Wanduhr, Spinnrad, Kratzbank u. dgl. inszeniert. Auch das althergebrachte Dorforchester mit Hackbrett, Geige und Baßgeige („Kuh"), wie es hier noch bei jeder Tanzgelegenheit vertreten ist, fehlte nicht.

Und nun das Bild!

Am Tisch sitzt der Vater und liest in der Bibel. Neben ihm auf der Diele liegt, auf den Ellenbogen gestützt und die Pfeife rauchend, der Nachbar, ein ältlicher Mann. Er hat die Mütze auf dem Kopfe und „speizt" dann und wann in die Stube. Die Mutter spinnt; eine Tochter kratzt Wolle, die andere, jüngere Tochter sitzt auf der Erde und „zaast" Wolle. Zwei ledige Mädchen, die zu Gast sind, stricken. An der Tür erhebt sich Geräusch und Männerstimmen sprechen Scheltworte aus, weil sie die Tür im Dunkeln nicht finden können. Man hört: ,,No zum Donnerwetter! M'r maant, die hätte gar kaa Tür."

Vater: „Dös werre doch kaa Freier sei? Ei no, Mädchen, so hebt euch doch emol un macht off!"

Ein Mädchen öffnet die Tür. Es kommen zwei „Hochzigläder" zur Tür herein, mit „Stock un Band“. Ihnen folgen zwei „Brautmädchen" mit einem Korbe, der mit Bändern und Blumen verziert ist. Sie sammeln Geschirr zur bevorstehenden Hochzeit. Die „Hochzigläder" sagen folgenden Spruch:


               „Jetzt kommen wir geschritten.
               Hätten wir Pferde,  wären wir geritten.
               Nun wollen  wir euch auch  sagen,
               Wegen was wir da  sind.
               Wegen Jungfer Braut und Bräutigam und den Hochzeitsvätern.
               Die haben uns zwei  gesandt,
               Das könnt ihr sehn  am Stock und Band.
               Die haben uns  zwei aufgetragen,
               In ihrem Namen  euch zu sagen:
               Sie lassen  euch bitten insgemein,
               Ihr sollt ihre Hochzeitsgäste sein,
               Mit ihnen in  die Kirche gehn
               Und dort  die Trauung mitansehn.
               Wenn dann die Trauung  ist vorbei,
               Da macht  die Musik ein  Geschrei.
               Jetzt geht es nach dem Hochzeitshaus,
               Dort ist vorhanden ein fetter Schmaus.
               Dann werdet  ihr gesetzt hinter den Tisch,
               Da wird euch aufgetragen ein gebackner Fisch,
               Dazu eine  Kanne mit Bier oder Quast,
               Dabei könnt ihr euch freuen  fast.
               Allerlei Vieh  ist angeschafft
               Und zu  der Hochzeit abgeschlacht't.
               Ein weißer Ochs und  eine rote Kuh,
               Die kommen   ganz bestimmt dazu,
               Und noch dazu das  Federvieh,
               Das  kam geflogen  in aller Früh,
               Siwwe Giekel und ein Hahn,
               Die müsse all  uff aamal dran.
               Alle diese sein so  fett,
               Wie ein gedörtes  Wagebrett.
               Jetzt müßt ihr mein Kameraden fragen,
               Der wird euch  solches besser sagen."

Z w e i t e r:

„Mein Kamerad, dös is'n blöder (schüchterner) Mann: Er geht nicht gern in der Küche an. Dann muss man erst die Köchin fragen, Die wird einem solches besser sagen. Gestern Abend sagt' eine Köchin zu mir, Im Keller braust ein starkes Bier, So stark, mir graut es selbst dafür. Und wie ich vom Hochzeitsvater vernommen, So soll noch mehner aus Saratow kommen. Dabei soll auch Salat noch fein. Doch ist es aber Winterzeit, So sind nur Rüben zubereit't. Musikanten sind auch hier, Die spielen alles nach dem Stiel Auf Geige, Hackbrett, Dudelsack, Da kann man tanzen nach dem Takt. Bis zum künftigen Donnerstag ist das Fest, Da findt't euch ein, ihr lieben Gast. Haben wir eins oder das andre nicht recht gemacht, So sollt ihr doch alle geladen sein." [1]

Die Hochzeitsbitter bekommen ein Schnäpschen und Bänder an ihre Stöcke gebunden, die Mädchen Geschirr; sie gehen dann eilig ab. Inzwischen sind noch mehrere Nachbarsmädchen gekommen. Jede bietet beim Eintreten ihren „Gut'n Owed!" Der Vater erwidert den Gruß mit „Groß Dank!" und „Setzt euch, Mädcher!" Die Alten merken bald, daß sie „üwwrig" sind, und der Vater sagt: „Alti, do sein m'r zu viel junge Leute. Komm, mir wolle emol e bißche spille geh." „Un ich will emol haam gehe", bemerkt der Nachbar und steht gemächlich von der Erde auf. Die drei Alten ab.

Die Mädchen sind schalkhaft aufgelegt und heben an, „klaane Stückelcher" zu singen. Sie singen ohne Unterbrechung:


                         Haste net mein Mann gesehe?
                         Haste'n net sehe  reite?
                         Hot e bloo Kortüsche (Mütze) uff,
                         s' Schnupptuch in der Seite.

*

Wer Heu und Stroh im Stalle hat, Dem wird die Kuh nicht mager; Wer eine schöne Schwester hat, Bekommt 'n schönen Schwager.

*

Komm rei'che, komm rei'che, Ich bin so ganz alleiche; Ich Höb Kartoffel un Klöß gekocht, Die stehn im Ofe un brate noch.

*

Kommt 'n alter Russ' gefahrn, Mit 'me lange Droschke, Sitzt e zottlich Männche druff, Handelt mit Kartoschke.

*

Hei, tei, tapke! Die Russe trage Lapke [2]; Die Deutsche fahre uff die Stepp, Die Russe trage die Lapke schepp.

*

Hei-ra-rei! Hei-ra-rei! In Saratow sitze drei, Volle Rose, volle Kröpp. Ei, was schöne Tuwocksäck!

*

Die Motter backt Kreppel, Die backt se so hart; Sie schließt se in Keller Un gebt m'r net satt. Sie gebt mer die Brocke. Die Hinkel zu locke. Komm bi, komm ba, Die Freier sin da.

*

Mein Schatz, der is m'r bös, Ich mach m'r gar nix draus; Es laufe ja schon wieder Sechs andere um das Haus.

Auf der Straße hört man schrilles Pfeifen und Jauchzer". Burschenstimmen singen, die Mädchen neckend:


                         Mein Schatz ist  keine Rose,
                         Mein Schatz ist keine Blumm;
                         Sie liebt ja fufzeh andre . . .
                         Was kömmer ich mich drum!

*

Ei, Mädel, ich peif drei, Wann du bös willst sei; Das Mädel, das ich liebe, Muß artig, artig sei.

*

Die Burschen kommen ans Fenster und an die Türe. Mädchen halten die Tür zu und verhängen die Fenster. Nach einigen neckischen Unterhandlungen werden sie eingelassen. Sie sind anfangs ziemlich ausgelassen, nehmen den Mädchen das Strickzeug weg u. dgl. Da schlägt jemand vor, eins zu singen. Alle setzen sich und singen folgende Lieder:


                              Hab's Häuschen verkauft,
                              Hab's Geldchen versauft.
                              Ich bin ein Soldat,
                              Der alles versoffen hat.
                         Wo kommt denn der hin,
                         Der so säuft?
                         In Himmel hinein,
                         Wo Petrus wird sein.
                         Schenkt mir ein Gläschen Wein!
                              Ich hab zu dem Tischler gesagt
                              Er soll ja  mache
                              Eine Totengrube,
                              Zwei Fenster zum Rausgucke.
                         Wer geht denn  mit mir zur Leicht
                         Der Wein und das Bier,
                         Das gläsern Geschirr,
                         Feinsliebchen [3] geht auch mit mir.
                              Was legt man dem Sultan aufs Grab?
                              Eine Weißwarscht, eine Rotwarscht,
                              Eine dicke, eine dünne,
                              Die legt man dem Sultan aufs Grab.
S o l o: A.: Bruder Lustig! B.: Ei was denn? A.: Wohin willst du denn gehn? B.: Bei mein Feinsliebchen. A.: Ei bis wann dann? B.: Ei bis Sonntag.
C h o r: Ach wenn's doch alle Tage Sonntag wär Und ich bei mei'm Feinsliebchen wär! Bei mein'm Feinsliebchen ist gut sein, Da trinkt man Bier und Branntewein.

Auf diese Weise werden den sieben Wochentagen entsprechend sieben Verse gesungen, mit Herzählung aller Tage im Refrain. Zum Schluss singt also der Chor:

„Ach wenn's doch alle Tage Sonntag, Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag wär. Und ich bei mein'm Feinsliebchen wär!" usw.

Das letzte Lied wird unterbrochen von vorübergehenden Musikanten. Einer bläst scherzweise ins Horn. Alle springen wie elektrisiert auf. Einige Burschen rennen hinaus und bringen die Musikanten mit herein. In ihrer Ausgelassenheit wollen sie heut abend einmal „ein paar" tanzen. Den Musikanten wird erst „Kraft“ gegeben. Dann werden sie hinter den Tisch gesetzt. Sie beginnen mit einer gehobenen Melodie, einem „Dusch“. Vier Paare stehen vor dem Tisch. Es wird dann ein „Schleifer“ auf die Melodie: „Hätt´ ich dich nicht gesehen“ angestimmt. Die vier Paare beginnen ausgelassen zu walzen, Witze reißend, das Liedlein mitsingend und „jauchzend“. Zum Schluss wird noch ein „Polka“ getanzt, wobei die Burschen wild trampeln und poltern. Dabei fällt der Vorhang.

Sämtliche Lieder sind von Fr. Dinges aufgezeichnet worden und werden hier, mit ihrer Genehmigung, zum ersten mal veröffentlicht. Die Auswahl der Lieder wurde weniger dem Inhalt, als den Melodien zuliebe gewählt, da anzunehmen war, dass Publikum in seiner Mehrheit die Worte nicht versteht, mussten heiteren Melodien gewählt werden, wobei auch das lokale Kolorit und die besondere Beliebtheit dieser Lieder in letzter Zeit nicht außer Acht gelassen werden sollte. Der Erfolg war groß. Und das mit Recht. Den das Bild war mit so viel Lebhaftigkeit und Realismus durchgeführt, dass man seine helle Freude daran haben konnte. Unter anderen waren alle Vertreter ausländischen Missionen erschienen, die auch ihre volle Anerkennung äußerten.

Den Veranstaltern, Prof. Sokolow und Fr. E. Dinges, gebührt für diese anerkennenswerte Leistung unser innigster Dank, den wir ihnen hierdurch auch zum Ausdruck bringen.



[1] Aus einer unveröffentlichten Sammlung ethnographischer Aufzeichnungen von Aug. Lonsinger, Saratow. Vom Sammler mir zur Veröffentlichung freundlichst zur Verfügung gestellt.

[2] Lapke, Lapti = Bastschuhe.

[3] Hier in den Wolgakolonien wird das „Feinsliebchen" überall zum „Franzliebchen" gemacht; ich halte aber für richtig, diese Korrektur zu machen. P. S i n n e r.



Wolgadeutsche Monatshefte, 1923, Nr. 1/2, S. 16-18.

 


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