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FRITZ PETERSEN

KAMPFESBILDER AUS DER STEPPE

SKIZZEN AUS DEM LEBEN EINES WOLGADEUTSCHEN
VOR DER FEBRUAR-REVOLUTION



Petersen, Fritz (Franz Schiller). Kampfesbilder aus der Steppe. Skizzen aus dem Leben eines Wolgadeutschen vor der Februar-Revolution. — Pokrowsk: Zentral-Völker-Verlag, 1930, 76 S.

Fritz Petersen: Kampfesbilder aus der Steppe.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



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I.

DAS ALTE HAUS IM OCHSENGRUND

Dort, wo der Karaman, ein kleiner Nebenfluß der Wolga, in seinem oberen Laufe durch unendliche Steppe eine schroffe Wendung nach Westen macht, liegt das Dorf Marienheim. Steht man auf der Anhöhe des linken Flußufers und schaut ins Tal hinab, so liegen die Straßen wie auf der flachen Hand da: im Talkessel stehen stattliche viereckige Häuser, von vielen Stallungen und Getreidespeichern, hier „Ambaren“ genannt, umgeben. In der Mitte dieses Dorfviertels, das man auch einfach „Teil“ heißt, ragt die Kirche mit ihrem hohen weißen Turm in die Höhe. – Hinter diesem Talkessel zieht sich ein Graben von der Steppe herein; im Frühjahr, beim Schmelzen des Schnees, und sonst bei starkem Regen, wälzt sich auf seinem lehmigen Grunde eine schäumende Flut dahin, mit Schmutz und Steppengras vermischt. Während dieser Zeit ist das „Tal“ nur durch eine baufällige Holzbrücke mit dem anderen Teile des Dorfes, dem „Ochsengrund“, verbunden. Hier sieht es anders aus. Zunächst beim Überschreiten der Brücke stehen noch hie und da lange, mit Moos bedeckte hölzerne Bauernhäuser; an ihrer „Stern“ sind große, aus Holz geschnitzte Rosen angebracht, die, rot gestrichen, einer aufgehenden Sonne ähnlich sehen. Dann werden diese Häuser immer seltener und machen zuerst gelb- und weißgetünchten Lehmhäusern mit Strohdächern Raum und endlich armseligen Hütten, halb aus Lehm gebaut, halb in die Erde gegraben, mit nur einem Fenster und einem niedrigen Schornstein. Mann nennt diese Häuschen „Semlinke“.

Im „Tal“ wohnten reiche und mittlere Bauern mit vielen fetten Pferden und warmen Stuben. Dort stand die Kirche, die „Prikas“ und alle Buden. Im „Ochsengrund“ wohnten einige mittlere Bauern und viele armen mit mageren Pferden. Auch die meisten Handwerker lebten da; und am Ende des Dorfes, in den „Semlinker“, hielten sich Tagelöhner, viehlose arme Bauern und Hirten auf. –

Marienheim ist groß. Es zählt über tausend Höfe.



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Die beiden Dorfteile waren sich von jeher spinnefeind. Die Leute waren auch sehr verschieden. Selbstbewußt und prahlerisch trat der „Täler“ auf; der „Ochsengründer“ dagegen war ihm immer an Stärke, und besonders Geschicklichkeit, überlegen. Überall gab es zwei Parteien: in den Gemeindeversammlungen, in der Schule, auf der Nachtweide. Machte ein lediger Bursche aus dem „Tal“ einem Mädel aus dem „Ochsengrund“ den Hof oder umgekehrt, so bekam er Messerstiche und Prügel, bis er davonließ.

Unser Vaterhaus stand nahe an der Brücke, gerade unter der Anhöhe. Es war noch eines der wenig erhaltenen „altmodischen“ Bauernhäuser mit zwei großen Stuben hinten und vorn, und in der Mitte die Küche. In der vorderen, der sogenannten Gaststube, wohnten die Großeltern; in der hinteren – drei Familien: wir und die zwei jüngeren Brüder des Vaters, der Martins- und Antonsvetter mit ihren Familien. Es waren zusammen vierzehn Kinder, sechs Erwachsene und die Großeltern dazu, also zweiundzwanzig Menschen. –

Wir Kleinen lebten ja ziemlich friedlich miteinander, mit Ausnahme derjenigen, die an den Enden der beiden langen Nachtlager auf dem Boden schliefen und sich ewig um die allzukurze Zotteldecke rauften. Auch sonst gab es hie und da wohl Zänkereien wegen der Spielsachen, die uns mein ältester Bruder aus Holz schnitzte und aus Lehm formte. Aber die harten Hände der Mütter, die, ohne zu unterscheiden, einfach alle drei blindlings in den Kinderhaufen dreinschlugen, brachten uns bald wieder zur Ordnung. Die Mütter dagegen zankten sich viel häufiger, und jede klagte dann abends ihrem Manne ihre Not. Aber die Männer hießen sie einfach 's Maul halten, schlugen die Frauen sogar manchmal und sakramentierten, daß draußen hinter den Fensterladen die Spatzen erschreckt davonflogen. Zum Großvater durften solche Szenen nicht gelangen, obwohl er sie sicher auch hörte. Ich erinnere mich noch, wie nach einem solchen Skandal der Martinsvetter zum Großvater in die Stube ging und sagte: „Papa, ich will mai Erbteel!“

Der Großvater hat ihn nur angeschaut, sonst nichts, und hat drei Tage lang kein Wort gesprochen.

Wir saßen während dieser Zeit mäuschenstill.

Es blieb alles wieder beim Alten.

Gegen den Willen des Großvaters hätte es niemand gewagt, ein Wort zu sagen. Er herrschte noch trotz seiner zweiundachtzig Jahre im Hause wie ein Häuptling über seinen Stamm.



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Wir Kinder hatten eine unbeschreibliche Furcht, aber auch eine grenzenlose Ehrfurcht vor dem Großvater und der Vorderstube überhaupt. Wie denn auch nicht, wenn uns diese Stube wie ein Heiligtum vorkam! Da stand z.B. die riesige Truhe der Großmutter, in der gar seltsame Sachen aufbewahrt wurden: alte Hauben, die Großmutter einst als Mädchen getragen und schon lange nicht mehr „in der Mode“ waren; wenn die alte Frau manchmal an hohen Feiertagen eine davon aufsetzte, sah sie der Großmutter in der Erzählung vom Rotkäppchen so ähnlich, daß wir uns beinahe vor ihr fürchteten. Da lag weiter in der Truhe eine lange Pfeife, die Großvater nur auf Neujahr rauchte; dann viele Bilder mit seltsamen Heiligen drauf, und Gebetbücher mit großen Buchstaben, die Großmutter „Himmelschlüssel“ nannte. – An der vorderen Wand in der Stube hingen der Herrgott und die Heiligen, vor allem in der Mitte ein großer, ganz schwarzer, aus Holz geschnitzter Herrgott, mit dem Großmutter uns immer Angst eintrieb, wenn wir unartig waren, indem sie sagte: „Paß uf, dr Herrgott schlagt dr 'n Nagl in 'n Kopp“.

Uns schien das zwar unwahrscheinlich, daß dieser Herrgott, der ein Gesicht wie ein gutmütiger Bauer hatte, zu so etwas fähig sei; aber wer kann 's wissen? Denn wir sahen nur zu gut, wie er auf den Bildern nebenan die bösen Menschen in der Hölle auf Pfannen schmoren ließ, und wie er selbst die armen Seelen, für die wir doch jeden Abend ein Vaterunser beten mußten, so schrecklich im Fegefeuer peinigen ließ – und so bekamen wir dennoch Angst. An dem Türpfosten hing ein Branntweingläschen, mit Weihwasser gefüllt, und jeder Eintretende besprengte sich damit und sagte „Gelob sai Jes Ghrisch“. Oben am Durchzug hatte der Großvater mit Kreide die Anfangsbuchstaben der sieben Wochentage hingemalt, und es war ein ganz besonders feierlicher Akt, wenn er morgens nach dem Frühstück, nachdem er eine Prise Schnupftabak zu sich genommen, das rote Taschentuch sorgfältig auseinandergefaltet und sich geräuspert hatte, die Monatszahl unter den betreffenden Wochentag schrieb. Etwas ganz Geheimnisvolles war noch eine alte Schwarzwälderuhr an der linken Wand der Vorderstube; die hatte Strickchen statt Kettchen, und oben im Kasten standen die zwölf Apostel und der Hahn und lagen alle Marterwerkzeuge Christi. Besonders feierlich war der Moment, wenn Zwölf herankam. Da balgten wir Kleinen uns draußen in der Küche an dem Türklinkeloch um den Platz. Es entstand



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dann plötzlich ein fürchterliches Gerassel in der Uhr, und nacheinander kamen und gingen die zwölf Apostel. –

In die Vorderstube selbst durften wir nicht oft. Die Großmutter lag schon lange, lange Zeit – die Mutter sagte, als wir die braune Kuh schlachteten, habe sie sich erkältet – im Bett und hustete. Der Großvater dagegen kümmerte sich noch um jede Kleinigkeit in der Wirtschaft und war meist brummig und auch unfreundlich uns Kleinen gegenüber. Nur manchmal, an hohen Feiertagen, wie Weihnachten und Neujahr, wenn er etwas angetrunken war, wurde er wehmütig gestimmt und weinte auch. Dann ließ er uns Kinder zu sich kommen, setzte zwei auf die Knie, zwei auf die Füße und zwei auf die Schultern – die übrigen hingen so an ihm herum und rupften und zupften – und erzählte uns von früheren Zeiten: wie die Menschen in seiner Jugend gelebt, wie sie sich vor sprechenden Pudeln, feurigen Fässern, Hexen und „Gspukern“ gefürchtet. An einem solchen Abende erzählte er auch, wie sein Großvater Hubertus aus Schwaben als junger Bursche nach Rußland gegangen sei, habe sich unterwegs einem Zuge Pfälzer aus Zweibrücken angeschlossen und auch eine „Pälzerin“ geheiratet. Dieser Hubertus sei der stärkste Mann in der ganzen Gegend gewesen und habe es ohne Mühe mit zehn Mann aufgenommen. Nachher aber sei er von Kirgisen nach Buchara verkauft und erst nach sechs Jahren losgekauft worden.

„Do drvun is der Hubertus etwas gspaßig im Kopp gin“, sagte der Großvater und nickte traurig.

„Er hat dann 's Trinke angfang un hätt alles vrsoff, wenn se 'm 's Vatersrecht nit gnomm hätte. Er hat jedr Ta' finf Kopi vun seine Kinner krie't und hat immer in dr Kawak g'sotz. Wenn sei Geld all war, hat'r sich vun dr Leit vrhetze gloß un hat for finf Kopi fremde Lait 'n Ohrfeig gin... Und doch is 'r hunert drei Johr alt gin“. –

Unser Großvater war der eigentliche Begründer der Wirtschaft. Durch seinen eisernen Fleiß gelang es ihm nach und nach, trotz häufiger Mißernten und Unglücksfälle mit dem Vieh, zu einem gewissen Wohlstande zu gelangen. In den letzten Jahren jedoch schmolz das Vermögen mehr und mehr zusammen. Eine Viehseuche und drei aufeinanderfolgende „knappe“ Jahre brachten ihn in völlige Abhängigkeit von dem Großbauer Gerlach im „Tal“. Wir konnten sogar nicht genug aufbringen, um die alljährigen hohen Zinsen zu bezahlen, nicht zu reden von der Grundsumme der Schulden.



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– Wie heute sind mir noch jene Szenen lebendig im Gedächtnis, wie ein glattrasierter gutgekleideter Mann zu Großvater in die Vorderstube ging und schon alle zitterten und wir Kinder uns hinter den Ofen verkrochen, wenn wir diesen Menschen durchs Fenster kommen sahen; wie dann nach seinem Fortgehen alle fluchten, schimpften und weinten. –

Am nächsten Tag kamen Leute und führten ein Rind, Schaf oder Schwein fort. –

Nach einem solchen Vorfall wollten die drei Brüder jedesmal das Vermögen teilen; und jedesmal hielt sie der Großvater davon zurück. Die neue Hoffnung setzte man auf das Land.

Im letzten Jahr war nämlich nach sechs Jahren wieder das Land umgeteilt worden auf die männlichen Seelen. – Die Kolonisten waren bald nach ihrer Einwanderung nach dem Vorbilde der russischen Bauern zum Gemeindebesitz des Landes übergegangen. Jede sechs Jahre strich man die Verstorbenen, rechnete die Neugeborenen männlichen Seelen hinzu und verteilte so das Ackerland nach dem männlichen Familienbestand. Viehweide, Wiese und Wald waren gemeinsam. Bei der letzten Verteilung hatte unsere große Familie 10 Seelen, ungefähr 32 Deßjatinen, Land bekommen. Neues Hoffen stieg in uns auf. Vielleicht gibt's ein gutes Jahr, und wir können alle Schulden bezahlen? –

Wir lebten nach „altfränkischer“ Weise; so nannte man unseren Hausstand, auch weil wir noch kein viereckiges „französisches“ Haus besaßen. Die Hoffnung verloren unsere Eltern nicht. Sie arbeiteten wie das liebe Vieh, jahraus jahrein, machten jetzt, wo wir mehr Land hatten, größere Aussaaten, aber es wollte nicht glücken, und aus den Schulden kamen wir nicht heraus.

Eines Tages hörte man von Krieg mit Japan. Leute wollen es in Kosakenstadt gehört, und der Schulmeister sogar in der Zeitung gelesen haben. Also muß es auch wahr sein. – Am nächsten Tag kamen schon die „hohen Herren“ aus der Bezirksstadt und verlangten Soldaten zum Kriegen. Was war da zu machen? Es waren zehn bärtige Gendarmen darunter, unter den „hohen Herren“, mit langen Säbeln, Flinten und Knuten. –

Der Martins- und Antonsvetter zogen auch mit in den Krieg. Alle waren sehr traurig, besonders die Großmutter weinte viel und behauptete immer fort, die „Japoner“ wären lauter Wilde. –



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Lange hörten wir von den beiden nichts. Endlich kam ein Brief vom Martinsvetter. Von Sachalin. Dort esse er stinkige Fleischsuppe und müsse kriegen ohne Munition. Er habe mit eigenen Augen gesehen, wie Kosaken Soldaten aufgehängt hätten. Was sollte man dazu denken?

In der Kirche wurde gebetet für den Kaiser, den Sieg der russischen Waffen und für Frieden. Das war unserem Vater nicht ganz verständlich. Meine beiden Tanten weinten sehr viel und die Kinder weinten mit.

Frieden wünschte man, Frieden!

Auch der Antonsvetter meldete sich. Aus der Mandschurei. Bei Mukden ist er dabei gewesen. Der Krieg sei verloren, schrieb er, und in der Armee stehle alles, vom Untersten bis zum Obersten.

„Wenn's nor mol Friede wär un die Kinner heem täte kumme“, seufzte der Großvater.

Ein Himmelsbrief soll gefunden worden sein, erzählte man sich im Dorfe: der Betliese ist er in die Stube gefallen. Darin stehe: Frieden gebe es erst in drei Jahren; die Leute sollten Buße tun und viel Almosen geben. Bei der Liese könne man erfahren, wielange die Seelen der Verstorbenen noch im Fegefeuer zu leiden haben, wieviel Messen und Almosen sie noch benötigen zur Erlösung.

Die Männer schüttelten ungläubig die Köpfe oder schimpften gar auf ihre Frauen, wenn diese daran glaubten. –

Am Abende, zwischen Hell und Dunkel, schlichen die Frauen heimlich zur Betliese, unter dem Schal Butter, Fleisch, Wolle und drgl. eingepackt. – – –

Im Jahre 1905 hatte die untere Wolga wieder eine schwere Mißernte.

Krieg und Hungersnot:

Panik ergriff die Leute im „Ochsengrund“.

Die Semstwo versprach Hilfe. –

Aber das weiß man, eine dünne Krautsuppe, in der man Saratow liegen sieht! Und in den Gemeindeambaren verhungern die Mäuse; von da ist nichts zu hoffen...

Drüben im „Tal“, ja, da biegen sich die Dielen in den Ambaren von der Last des Getreides; aber ein jeder Ochsengrunder Bauer weiß, wer aus diesen Ambaren Brot ißt, wird ein Knecht auf ewig. –

Andere Neuigkeiten hörte man: vom Frieden mit Japan und von Aufruhr im Inneren Rußlands. In den Städten sei „Bunt“, die Arbeiter seien „aufrührisch“.



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„Warum solle 'se des nit“, sagte der Vater. „'S werd ihne aach schlecht genung gehen“.

Der Großhändler Keil drüben im „Tal“ wollte es ganz genau wissen, was es mit dem „Bunt“ sei; er las die Zeitung und sagte jedem Menschen, daß die „Buntujer“ lauter Spitzbuben, Räuber und Mörder seien. Jetzt wollten sie sogar von Saratow und Kosakenstadt aufs Land kommen, und alle Männer müßten dann mit ihnen fort, um gegen die Regierung zu kriegen. Die Kinder aber nageln die „Buntujer“ an die Wand und den Frauen schneiden sie die Brüste ab.

Wie war das alles so schrecklich! Wir Kinder getrauten uns kaum mehr auf die Straße. Und die Nacht, die lange Nacht hindurch, wie qualvoll!

Auf der Anhöhe hinter unserem Hause standen siebenundzwanzig holländische Windmühlen wie ein Heer von Riesen. Wenn der Wind stark wehte, fuchtelten diese Riesen derart schnell mit ihren Flügeln und krächzten besonders in der Nacht schauervoll, daß ich manchmal glaubte, jetzt seien wohl die „Buntujer“ da, und zog die Decke noch tiefer über meinen Kopf.

Am Sonntag predigte der Pfarrer in der Kirche, die Anführer dieser Räuber seien fast alle gottlose Juden, Leute von derselben Sippe, die einst den Heiland gekreuzigt.

Das wurde ja immer schlimmer. Wenn man nur gewußt hätte, was eigentlich los war.

Die Betschwestern wollen am Nachmittag einen feurigen Drachen übers Dorf ziehen gesehen haben. Drüben, hinter der Kapelle, habe er sich niedergelassen.

Am Abend kam der Obervorsteher vom Kreisamte und ließ die Gemeinde zusammenrufen. Er sprach viel von deutscher Treue zum Kaiser, von gewissenlosen Leuten, die sich mit fremdem Eigentum nähren wollten.

Die „Däler“ saßen da in ihren großen Tulups und murmelten viel von Faulenzern. Die „Ochsengrunder“ verstanden nicht recht, was das alles heißen sollte. Und als sie den Obervorsteher fragten, wie es denn um die Hilfe für die Hungernden sei, erhielten sie zur Antwort: im Dorfe sei ja Brot genug, man müsse sich eben gegenseitig aushelfen und in solchen Zeiten froh sein, wenn man überhaupt nicht verhungert.

Das war auch für die dicken Schädel der Ochsengrunder deutlich genug gesagt.

„Do is etwas nit sauwer“, sagte der Vater, als er von der Gemeindeversammlung heimkam.



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„Wann nor der Lehre Liebahn noch do wär“, meinte unser Nachbar, „der hat immer alles so schen daitlich erklärt. Awer der sitzt jo jetz im Mastrok wie mr hert“.

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Spät am Abend fuhr ein Schlitten mit vier Männern zu uns in den Hof. Zwei davon waren der Martin- und Antonsvetter. Die beiden anderen waren der Lehrer Liebahn als Bauer verkleidet und der Gräbers Philipp, auch ein Marienheimer, der aber schon vier Jahre in Saratow in der Mühle arbeitete.

Die Freude über die Ankunft der beiden Onkels war natürlich sehr groß. Sie trugen lange graue Soldatenmäntel, schwarze sibirische Pelzmützen und hohe Stiefel. Ihre Erzählungen von den Aufständen waren uns ganz neu. Der Vater nickte beständig zustimmend und murmelte: „Des han ich schun lang gedenkt“. Gräbers Philipp und der Lehrer erzählten noch deutlicher und ausführlicher. Keine Räuber und Mörder seien die „Buntujer“, sondern arme Arbeiter, die gegen die Fabrikanten gehen, und arme landlose Bauern, die den Gutsbesitzern das Land wegnehmen wollen.

Die Sache war klar für den Vater.

Am Abend noch fand eine Versammlung von Ochsengrunder Bauern in unserer Hinterstube statt. So viel ich mich erinnere, war die Stube vollgepfropft.

Philipp und der Lehrer sprachen nacheinander. Ersterer sagte, er sei Sozialist, der Lehrer nannte sich anders. Sie erklärten kurz die revolutionären Vorgänge in Rußland und erzählten, daß die russischen Bauern der Umgegend auch in Bewegung gekommen seien und die Gutshöfe in Besitz nähmen. Sie sprachen weiter von der Notwendigkeit des Anschlusses der Kolonisten an die russische Bauernbewegung. „Ihr Männer“, sagte Philipp, „Ihr müßt aich mit dene russische Baure vereinige un aich Brot aus dene Ambare im "Dall" nemme un nit aier letztes Kisse for 'n Stick Brot hingin!“

Die Ochsengrunder hörten ruhig zu und zogen bedächtig den Rauch ihrer Pfeifen ein. Dann stand der Kleene Hanjörg auf, ging in die Ecke, spuckte aus und sagte:

„Was ihr do sa't, Ihr Lait, is ganz scheen un gut. Die Russe han Recht, das 'se dene Gutsbesitzer das Land abnemme. Awer mir han jo Land un han gar ke Gutsbesitzer im Dorf“.

„Ja, un was ich sa'n wollt, Ihr Männer“, sagte ein anderer Bauer, „die Russe wolle uns jo auch gar nit. Wie ich vorgischter aus Kosakestadt heemgfahr sin, han die Buntujer



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uf'm Chutor Herwalt mir mit dr Gawele gedroht und geruf, an uns wollte 'se aach noch kumme“.

Philipp wollte gerade antworten, als draußen die Stimme des Urjadniks gehört wurde. Er war mit zwei Deßjatniks gekommen, um die Versammlung auseinanderzujagen und Lehrer Liebahn zu arretieren. Jemand hatte ihn schon angezeigt. Man führte ihn, meinen Vater und die beiden Onkels mit; Philipp nahm man nicht, weil ihn der Urjadnik nicht kannte. Am nächsten Tage verschwand er. Der Vater und die beiden Brüder kamen wieder frei, den Lehrer nahm man mit in die Stadt.

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Auf „Kerweih“ war „Losung“ in unserem Dorfe. Die jungen Rekruten wurden eingefordert. Von den umliegenden Dörfern waren viele Leute gekommen, auch von russischen Dörfern. Die sonst so ruhige breite Straße war voll von Menschen. Einige Schlitten fuhren ins Dorf: darin saßen die „hohen Herren“ oder das „Kommissje“. Kosaken ritten mit langen Säbeln und langen Piken die Straße auf und ab und trieben die Leute auseinander. Früher hatten sich die Russen und Deutschen an diesen Tagen immer geprügelt; diesmal nicht. Philipp war unter ihnen. Ich erkannte ihn, als ich mit Vater über die breite Straße ging. Plötzlich verbreitete sich die Nachricht, in der „Naistadt“ hätten die Lehrer Revolution gemacht und die Macht in den Händen.

Ist's war oder nicht?...

Drinnen im Kreishaus wurden die „Nowobranze“ gewogen und gemessen und untersucht, und in dem Menschenhaufen auf der Straße gährte es.

Gegen Abend hörten wir einige Schüsse.

Der Vater erzählte uns, als er spät heimkam, alle „Nowobranze“ seien auseinandergelaufen und nach Hause gefahren. Sie wollen nicht ins Militär. „Und die haben recht“, sagte der Martinsvetter.

Nach einer Woche kamen sehr viele Kosaken. Sie ritten in die Dörfer und brachten die jungen Leute wieder ins Kreishaus. Viele bekamen Schläge mit der Nagaika. Jetzt mußten sie doch fort...

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Dann war alles ruhig.

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Rote Feuersäulen sahen wir noch hie und da im Osten auflodern.



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„Es brennen Gutshöfe“, sagte der Vater.

Dann hörten wir nur noch schauerliche Geschichten erzählen, wie Kosaken russische Bauern aufhängten und erschossen, und wie man in den Städten viele Juden schlachtete. Ein junger Gymnasiast vom „Tal“, der in Saratow studierte, erzählte auch, wie zwei Revolutionäre auf dem Wege zum Galgen in größter Seelenruhe ihre Zigaretten geraucht und beim Besteigen des Galgens gerufen hätten: Es lebe die Revolution! Der Gymnasiast wollte das mit eignen Augen gesehen haben. –

Diese Episode wurde im Ochsengrund sehr oft erzählt und machte großen Eindruck.

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Das Hungerjahr war schwer, schwer für die Erwachsenen und Kinder. Die Semstwo hatte für die ganz Armen eine Küche errichtet, aber was half das? Zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel. Hungertyphus kam und raffte viele jungen Männer hinweg. Im Wasser sollte die Krankheit liegen, ein Doktor habe den Karaman vergiftet.

Manche glauben's, manche nicht.

Kalt war der Winter, wie schon lange nicht mehr.

Die mageren Pferde nagten das Stroh von den Dächern, das vielleicht schon dreißig Jahre alt war. Hunde wurden toll und bissen Menschen.

Sechzehn Kinder saßen bei uns in der Hinterstube und waren weiß im Gesichte wie der Ofen.

Woran dachten sie Tag und Nacht?

An Brot.

Der Laib Brot war in die Truhe der Mutter eingeschlossen. Und morgens, mittags und abends nahm meine Mutter, als die älteste, den Laib und schnitt allen im Hause eine dünne Scheibe davon ab. Langsam, Krümchen für Krümchen aßen wir es, setzten uns dann wieder an den Ofen und zählten nach dem Schlagen der Uhr in der Vorderstube die Stunden, bis die nächste Brotscheibe kam. – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Ein Bauer nach dem andern wanderte vom „Ochsengrund“ ins „Tal“ nach Brot. Hatte er etwas zu versetzen – Gebäude, Vieh oder landwirtschaftliche Geräte – gut, dann bekam er zu hundert Prozent „geborgt“ bis zum neuen Jahr. Ganz arme Leute vermieteten sich im voraus als Knechte.

Auch der Vater ging ins „Tal“ und lieh Getreide. Was war anders zu machen? Außerdem wurden viele Sachen aus Großmutters Truhe auf Kartoffeln und Brot verhandelt. Die



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Mutter tat das im Geheimen, um die alte kranke Frau nicht unnütz zu kränken. –

Die Ernte fiel wieder nicht gut aus.

Viele Gegenstände wanderten da wieder vom „Ochsengrund“ ins „Tal“.

Der Antonsvetter diente beim Großbauer als Knecht, für die Schulden.

* * *

Im Herbste, kurz vor Weihnachten, kam der Vater von der Gemeindeversammlung heim und erzählte, ein neues Landgesetz sei vorgelesen worden. Ein jeder Bauer könne jetzt aus der Gemeinde austreten und sein Land für sich nehmen und „erblich“ machen. Damit dürfte er dann machen, was er wolle, ohne die Gemeinde zu fragen. „Otrup“ nenne man ein solches neues Landstück, und das Gesetz habe der erste Minister, Stolypin, herausgegeben.

Den Winter hindurch wurde nur gestritten über das Landgesetz. In den Maistuben kam es manchmal zu Prügeleien.

Gemeinde- oder Einzelbesitz? – das war die Frage.

Zwei Parteien bildeten sich im Dorfe; die „Duscher“ und „Otruper“. Zu ersteren gehörte fast der ganze Ochsengrund; sie wollten den Gemeindebesitz des Landes beibehalten, weil sie fürchteten, daß, sobald das Land verkauft werden darf, die reichen Bauern es bald alles in den Händen haben. Zu den „Otrupern“ gehörte das ganze Tal, und auch einige Mittelbauern im Ochsengrund schlossen sich ihnen an. Sie sagten, durch das ewige Umteilen werde das Land nur „versaut“, der jeweilige Besitzer trachte nur danach, in den sechs Jahren möglichst viel Nutzen aus dem Land zu ziehen. Jetzt, wenn jeder sein „befestigtes“ Land habe nach dem neuen Gesetz, dann könne er Düngemittel anwenden, Gebäude aufrichten, Brunnen graben usw.

„Do bau ich mr 'n scheenes Landhäusche naus, setz Beemjer drvor, un Sunntag's owens spiel ich dann uf dr Bank unner dr Beem scheen die Ziehorgel, un mai Alti, 's Rose, muß uf die höchste Tön singe“. So stellte sich das neue Leben unser Nachbar, der lustige Simon, vor, der auch zu den „Otrupern“ gehörte.

Im Frühjahr waren die Anhänger des Einzelbesitzes in der Mehrheit. Im Sommer wurde das Land auf „erblich“ umgeteilt. Stolypin hatte in Marienheim gesiegt.

* * *



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Unser neues Landstück lag an der Metschet, einem Nebenflüßchen des Karaman, fünfzehn Werst vom Dorfe entfernt. Die drei Brüder hatten sich schon separat ihr Land hinmessen lassen; bei der neuen Ordnung der Dinge wollte ein jeder für sich wirtschaften. Die Großeltern sollten beim Antonsvetter, dem jüngsten, bleiben.

Im Herbste, nach der Ernte, wurde alles Vermögen, bis zum letzten Nagel, in vier gleiche Teile gemacht. Nur Hof und Gebäude wurden verkauft, um die Schulden zu bezahlen.

Der darauffolgende Winter verlief in ewigem Krieg und Raufen. Drei Familien wohnten in dem schon verkauften Haus, und jede führte ihre eigene Wirtschaft. Es verging kein Tag, daß sich die Frauen nicht an den Haaren hatten. Auch die Männer fluchten viel. Alle sehnten den Frühling herbei.

Im März geschah dann etwas, was mir ewig im Gedächtnis blieb: der Großvater starb.

Das letzte Jahr war er merklich schwächer geworden. Er klagte viel über Herzschmerzen und hustete unaufhörlich. Um die Wirtschaft kümmerte er sich nicht mehr, seitdem der Martinsvetter ihm barsch gesagt, er solle in der Stube bleiben und sich um sich bekümmern. Uns Kinder ließ er jetzt öfters kommen, wahrscheinlich war's ihm einsam.

Und so füllte ich also eines Tages im März wie gewöhnlich dem Großvater seine Schnupftabaksdose. Er rechnete oben am Durchzug mit Kreide aus, wieviel Tage wir noch im Haus bleiben dürfen. Auf einmal tat's einen Schlag, und der Großvater lag am Boden. Die Großmutter jammerte, ich lief den Vater rufen. Man legte den alten Mann aufs Kanapee – am Abend war er tot. –

Das war der erste Todesfall in unserer Familie.

Ich wußte zwar, daß die Menschen sterben, aber als jetzt der Großvater so ruhig dalag, wurde mir zumute, als stecke mir etwas in der Kehle, woran ich ersticken müsse. So stand ich wohl lange am Kanapee, und niemand kümmerte sich um mich.

Der Schreiner kam, nahm das Maß und sagte: „So große Menschen wachsen heute nicht mehr“.

Die Totengrete trat herein, setzte mich in die Ofenecke und zog dem Großvater blütenweiße Kleider an, die schon lange in Großmutters Truhe gelegen hatten. Der Vater und der Antonsvetter legten ihn dann auf „die Schaab“ – eine lange Bank. Mutter kam herein, deckte Großvater zu, zündete eine Wachskerze auf dem Tische an, stellte eine Schale mit



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Weihwasser auf einen Stuhl neben dem Toten und legte ein kleines Bündel Ähren daneben. Leute kamen beten, tauchten Ähren in die Schale und besprengten den Großvater, dann gingen sie hinaus und sprachen flüsternd.

Die Hinterstube war vollgepfropft mit Menschen. Auch die Großmutter lag dort hinter dem Ofen. Nachbarn und Verwandte kamen und gingen, auch Verwandte aus anderen Dörfern. –

Die Nacht hindurch wurde Wache gehalten. Man ließ die Betliese holen, die betete Litaneien und Rosenkränze ohne Ende. Aber meist tönte ihre heisere Stimme allein: die Älteren waren eingeschlafen, die Jüngeren beschäftigten sich damit, die Schlafenden aneinanderzunähen, ihnen Mützen, Strümpfe und drgl. auf den Rücken zu nähen...

Am Nachmittag war Beerdigung. Acht starke Männer trugen die Bahre. Am Grabe sang man „Das Schicksal wird keinen verschonen“, und dann rollte die Erde hinab auf den Sarg...

Die Totengräber, Träger und nächsten Verwandten versammelten sich in der Vorderstube, aßen, tranken und erzählten von Großvater...

Dann wurde es sehr still im Hause. Alle waren müde und schliefen. Nur die Großmutter schluchzte noch.

Nach einigen Wochen starb auch sie...

* * *

Die Frühlingssonne leckte den Schnee von den Dächern, und morgens hingen lange Eiszapfen herab.

Der Misthaufen auf dem Hinterhofe begann zu rauchen. Wir schaufelten Schnee darauf, damit er recht gut durchbrenne.

Die Einwohner des hohen Starnestes auf dem Hofe kündigten ihre Ankunft aus dem warmen Süden an, schmissen die Spatzen aus dem Neste und sangen jeden Tag.

Bauer, Bauer, wichs dai Schar'n,

Morgen geht's ins Ackrefahr'n.


Wir Kinder freuten uns.

Die Alten waren traurig. Es war der letzte Frühling auf dem alten Hof, wo jeder Winkel so vertraut, jeder Gegenstand mit irgendeiner Jugenderinnerung verbunden war.

Anfang April trennten sich die drei Familien. Jede zog auf ihr neues Landstück, um dort den Sommer zu verbringen.

* * *



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Draußen, ganz am Ende des Ochsengrundes, hatte der Vater einen Hofplatz erworben. Hier bauten wir nach den Feldarbeiten ein Haus und Stallungen aus großen Lehmsteinen und deckten sie mit Stroh. Unsere Familie zählte damals acht Menschen: Vater, Mutter und sechs Kinder, lauter Buben. Ich war der zweitälteste. Pferde hatten wir zwei und eine Kuh; Land besaßen wir zwölf Deßjatinen.

Die Eltern verzweifelten nicht. Sie waren in den besten Jahren und hatten gesunde Arme zum Arbeiten. Die Kinder konnten auch schon etwas mithelfen. Wir hofften, bald aus dem gröbsten Dreck heraus zu sein.

II.

DIE KLEINE MARIE

Zwei Jahre wirtschafteten wir auf dem „erblichen“ Landstück.

Im Frühjahr zogen wir mit „Sack und Pack“ hinaus und erst kurz vor Weihnachten wieder heim ins Dorf. Den ganzen Sommer über fuhren wir höchstens hie und da an Sonn- und Feiertagen heim zur Kirche und um das Notwendigste einzukaufen. Fünfzehn Werst ist ein weiter Weg, außerdem war ja die ganze Wirtschaft draußen. Wir hatten uns auf dem Landstück ebenfalls ein Lehmhäuschen gemacht, auch einige Stallungen und eine Tenne zum Dreschen.

Vorwärts waren wir noch nicht gekommen in der Wirtschaft. Freilich die Arbeit wurde leichter. Die Sense mit dem „Reff“ verschwand, und an ihre Stelle kam die Mähmaschine. Das war eine Lust! Da spannte man Pferde ein, und die Maschine mähte, man brauchte nur die abgeschnittenen Halme abzuwerfen. Auch Putzmaschinen kamen an, und ein Ende hatte das mit der Schaufel „in-die-Höhe-Werfen“, um die Körner von der Spreu zu sondern. –

Das wäre ja alles schön und gut gewesen. Aber die neuen Maschinen kosteten viel, viel Geld. Der arme Mann mußte sie wieder vom Reichen teuer mieten.

* * *



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Ich war indessen dreizehn Jahre alt geworden. Es mußte nun endlich ein Problem entschieden werden, über das bisher zwar wiederholt nachgedacht und gesprochen worden war, aber immer hinausgeschoben wurde: die Schule. Ich war noch in keiner Schule.

„Was soll der Jung in dr Schul?“ pflegte der Vater immer zu sagen. „In der ruschig lernt er doch nix, un forn 'n in die Hausschul zu schicke ha' mr ke Geld“.

Es war das eine große Misere in der Wolgakolonien damals, mit der Schule. Die alten Kirchenschulen mit dem halbgebildeten Küster als Buchstabierlehrer waren um die Jahrhundertwende durch russische Volksschulen, die sogenannten Semstwoschulen, ersetzt worden. Hier unterrichtete man die Kinder in einer Sprache, in der sie kein Wort verstanden. Bei den Bauern stand diese Schule in keinem guten Rufe. Sie schickten ihre Kinder lieber in „Hausschulen“, von lese- und schreibekundigen Bauern geleitet, die die alte Buchstabiermethode weiterübten: diese Hausschulen wurden jedoch mit der Zeit unterdrückt. Die Semstwoschule war die offizielle und die Geistlichkeit zögerte nicht allzulange, sie anzuerkennen. Dann kamen auch die Bauern nach; die ärmeren kamen ohnehin nicht in Betracht, da ihre Kinder wegen Mangel an Kleidung die Schule meist nicht besuchen konnten.

Mein älterer Bruder ist auch nicht in der Schule gewesen und konnte nicht lesen und schreiben. Ihn hatte der Pfarrer noch vor zwei Jahren „zum Speisen“ aufgenommen; aber am letzten Sonntag wurde von der Kanzel vermeldet, daß nunmehr nur die Schulkinder „zum Speisen“ zugelassen werden.

Was war da zu machen?

So saß eines Samstagsabends die ganze Familie auf der Lehmbank vor dem Landstückerhäuschen und hielt Rat, was mit mir zu tun sei.

Beim Vater zog's schlecht, mich fortzulassen. Ich hütete nun schon zwei Jahre im Sommer das Vieh eines Großbauers, war also „aus der Kost“ und verdiente obendrein noch etwas. Außerdem hatte ich bei diesem Hirtenleben in einer alten biblischen Geschichte lesen gelernt, mit Hilfe des Vaters, und mit der Kreide auch auf einem „Brettelchen“ etwas schreiben.

„Das reecht for den Fritz, wenn 'r fort kummt for Saldat, das r' sai Briefe schraiwe kann“, sagte der Vater. „Un wann ihn dr Pater nit zum Speise annemme will, so brauch r' nit“.

Die Mutter hatte eine sehr weiche Natur und brach gleich in Tränen aus. Sie wollte keine Kinder großziehen wie die



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Wilden in der Steppe, und wie denn der Junge „aus dr Schul“ kommen könne, wenn er gar nicht drinnen war?

Der Vater gab endlich auch nach, und so beschloß der Familienrat – die Eltern und der ältere Bruder –, dem ich, die Wagendeichsel reitend, beiwohnte, daß ich am nächsten Tage heimgebracht werde ins Dorf, in die Schule.

Mir war die ganze Angelegenheit Wurst. Ich hatte mir die Hausschule des Dicken Joske einigemal durch die Türritze angesehen. Und das war nicht schön. Einige Kinder standen auf einem Beine wie die Kraniche in der Ecke, andere knieten auf Erbsen, und einem Jungen versohlte der Dicke gerade den Hintern mit einer Rute, als ich hineinschaute. Die übrigen Kerle saßen in den Bänken und buchstabierten wie verrückt. In der russischen Schule soll es anders sein; dort dürfen die Lehrer nicht schlagen. Aber man versteht ja nichts...

Der Vater sprach am Sonntage selbst mit dem Lehrer, und ich wurde in die russische Schule aufgenommen.

* * *

Die ganze Schulangelegenheit wäre beinahe wieder gescheitert, denn wer sollte mich im Dorfe versorgen? Mutters Vater, der mit einer Tochter daheim wohnte, und zu dem ich sollte, war plötzlich verrückt geworden. Das konnte freilich kein Mensch im voraus wissen. Der Alte hatte früher viel gesoffen und die Großmutter geprügelt, bis sie immer stärker hustete und eines Tages starb. Darüber kränkte sich dann Großvater, ging immer allein im Hinterhofe herum, und jetzt also war er verrückt geworden, aber auch ganz verrückt. Er nannte sich Jesus Christus und nagelte seine Hände jeden Tag irgendwo an eine Wand, zuerst eine Hand, dann die andere. Auch an den Füßen hatte er Wunden, die nie zuheilten. Ich fürchtete mich vor ihm – er trug beständig Messer, Hammer und Nägel mit sich.

Mutter dachte und dachte und sagte dann: „Fritz, koch dir allein, du kannst ja!“

So hauste ich also allein daheim, kochte und aß, was ich wollte, legte mich schlafen und stand auf nach Belieben. Keine mahnende Stimme der Mutter weckte mich beim Sonnenaufgang, um die blökende, brummende, mäkernde und grunzende Viehherde des Großbauers auf die Weide zu treiben. Ich war frank und frei.

Ein Gedanken störte mich beständig in meinem Glück – der Gedanken an das schmutzige Kochgeschirr. Da hing der



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Teig wochenlang am Löffel, der Kessel hatte eine fingerdicke Kruste und an den Schüsseln konnte man vor Staub die ursprüngliche Farbe nicht mehr feststellen. Ich konnte und konnte das Geschirr nicht sauber kriegen. – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Ins Nachbarhaus zog eine Familie ein. Eine Frau mit vier Kindern, zwei Knaben und zwei Mädchen. Das waren spassige Menschen. Die Jungens trugen Kniehosen und Schnürstiefel und hatten kleine Gewehre, mit denen sie Spatzen vom Dache schossen. Die Mädchen sahen auch kurios aus; sie trugen ganz kurze Röckchen und spielten mit ausgestopften Bären und Puppen, welche quiekten wie kleine Kinder und sogar die Augen auf- und zumachen konnten.

Das müssen aber reiche Leute sein!

Sie waren aus der Stadt gekommen, hatten aber gar keinen Vater. – Das war seltsam. Ich kannte so einen Jungen, der auch nur eine Mutter, aber keinen Vater hatte, dem ging's aber sehr schlecht. – – –

Die Tante vom verrückten Großvater erzählte mir, der Vater der vier Stadtkinder sei schon einige Jahre in Amerika und lasse die Familie im Stiche. Drüben habe er sich mit einer anderen Frau auf drei Jahre verheiratet, wie man erzählt, dort könne man so etwas. In Amerika hätten die Frauen die Hosen an und sie, die Tante, wolle auch mal noch dahin.

Das war alles sehr neu für mich, und ich dachte wohl am Abende darüber nach, konnte aber vieles nicht verstehen. Am anderen Tage, nach der Schule, schlich ich mich an den Zaun heran und sah mit zu, wie die fremden Stadtkinder spielten. Auf einmal erwischten mich die Jungens und wollten schießen. Ich muß jämmerlich blöd ausgesehen haben – obwohl ich sonst der Gefürchtetste unter meinen Kameraden war, denn ein etwa neunjähriges Mädchen kam gelaufen und schimpfte auf die Jungens wie die Lehrerin in der Schule auf uns in russischer Sprache. – Die Jungens lachten aber, schleppten mich in den Hof und ich mußte mit ihnen spielen.

Von nun ab war ich ihr täglicher Spielkamerad. Nach und nach erfuhr ich, daß die Familie in großer Armut lebte. Die Frau arbeitete bei den Bauern, die beiden Jungens mußten auch arbeiten für die Kost bei Verwandten. Die Familie war aus Marienheim und vor sieben Jahren nach Odessa gezogen. Die Kinder sprachen nur gebrochen deutsch.

Marie, so hieß meine kleine Retterin, kam jetzt sehr oft zu mir; sie half mir kochen und essen und reinigte das Geschirr. Wir wurden sehr gute Kameraden. Sie hatte schwarzes



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Haar, kreideweiße Haut und kluge, freundliche Augen. Sie wusch sich jeden Tag das Gesicht und sogar mit Seife, und trug immer ein Taschentuch bei sich. Gab man ihr etwas, so sagte sie so herzlich „Danke schön“, daß man ganz verwirrt wurde. War sie bei mir in der Küche, so kamen meine übrigen Kameraden, sahen durch die offene Türe herein wie auf ein Weltwunder und vergaßen dabei, die Nase zu putzen und den Mund zu schließen. –

Die kleine Marie, wie wir sie alle nannten, gehörte zu jenen Menschen, aus deren Augen immer die warme liebe Sonne strahlt, die auch unter Tränen lachen und deren Blick einem so wohltut, daß man vor Freude laut aufjauchzen möchte; sie gehörte zu jenem Frauentypus, der nie alt wird, und in dessen schrunzeligem Gesichte selbst das Kindliche noch immer vorherrscht. –

Ich wurde nach und nach als der Beschützer der kleinen Marie anerkannt; das brachte viel Sorgen mit sich. Sprach jemand in ihrer Gegenwart ein Schimpfwort, so mußte er bestraft werden; gingen wir an den Fluß Krebse fangen, so mußte achtgegeben werden, daß Marie nicht so nahe ans Wasser kam; machten wir Jungens einen Überfall auf einen Obstgarten, so mußte sie in geraumer Entfernung sitzen bleiben, damit sie nicht von dem fluchenden und tobenden Gärtner erwischt oder von den Hunden gebissen werde. Und solcher Sorgen gab es viele.

Schon lange quälte mich das Verlangen, Marie irgend ein Geschenk zu machen. Die großen Buben kauften ihren Mädchen immer Kämme, das wußte ich. Außerdem wußte ich noch, daß Marie sehr gern Konfekt aß, solche, mit Drosseln oben dran, wie der Scheele Händler drei gab für eine Kopeke.

Aber wo Geld hernehmen? Neue Sorgen.

Unsereiner brachte seine Kasse nur einmal im Jahre, wenn es noch kam, auf zehn Kopeken. Das war am Neujahr. Da ging man zu den Nachbarn und allen Verwandten und Bekannten, das Neue Jahr anzuwünschen. Bei manchen bekam man außer zwei Bretzeln noch eine Kopeke.

Bis Neujahr war noch weit.

Ebenso bis Pfingsten. Da schlüpfte man in einen Sack und tanzte als „Pfingsterling“ unter den Tönen einer Sense vor den Bauern. Dafür gab's Eier.

Ja, wenn man bei den Meßdienern wäre, die hatten immer etwas Geld: jeden Dienstag vom Kopulieren und jeden



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Feiertag bekamen sie fünf Kopeken. Aber da mußte man viel unverständliches Latein auswendig lernen; außerdem nahm der Pfarrer nur Meßdiener aus dem „Tal“.

Eier stehlen? Nein, das galt als schlecht.

Einen Ausweg gab's – Lumpen sammeln.

Der alte Hannickel kaufte Lumpen, Eisen und Knochen. Der gab aber nur eine Kopeke für einen Korb voll Lumpen. Das kam daher, weil ihn die ledigen Burschen im Winter angeführt hatten. Damals tauschte er Fische auf Pfähle, vier auf einen. Nahmen die Burschen einen Pfahl, gingen zum Hannickel und verlangten Fische.

„Stell nur'n Pohl drauß hin, Knechtje“, sagte der Alte und gab Fische.

So gingen sie alle nacheinander hinein mit demselben Pfahl und nahmen alle Fische. Der Hannickel machte völlig bankrott und zahlte jetzt wenig für Lumpen.

Ich machte mich ans Lumpensammeln; und damit Marie es nicht sehe, spät abends. Alle Asch- und Müllhaufen der Umgegend habe ich nach Knochen durchwühlt und mir die Hände fürchterlich zerkratzt an Blechbüchsen und zerbrochenen Flaschen.

Zum Glück gab es bald Regen. Nachdem das Wasser sich etwas verlaufen hatte in den Straßen und dem Ochsengraben, balgten wir Jungens uns in den Rinnen herum. Wir suchten nach Geld. Ich fand einige Kopeken, eilte in mächtigen Sprüngen sofort in die Bude und kaufte das so lange Ersehnte.

Marie machte zuerst große, helle Augen, als ich ihr den Kamm und Konfekt überreichte. Dann lachte sie mit dem ganzen Gesicht, wie sie immer tat, wenn sie besonders vergnügt war. –

* * *

Auf unserem Hofe, wo drei Schlitten aufeinandergestellt waren, befand sich unser Spielplatz. Außer mir und Marie bestand die Gesellschaft noch aus ungefähr einem Dutzend Jungens und Mädchen. Ein jeder hatte sein Lieblingsspiel. Des Felde Hannes Ideal war, einmal sechs fette Braunen zu haben und durch die Straße zu jagen, daß alle Leute sollten stehen bleiben und sagen: Ja, des is dr Felde Hannes. Vorläufig mußten wir Jungens die fetten Braunen ersetzen, und der Hannes sprengte uns auf der Gasse herum im Staub, bis der Schaum von uns lief. – Der Lauterbachs Lexi, der sollte im Herbst ins Seminar, geistlich studieren; dem hängten



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wir alle verflickte Decken als Meßgewänder um und er langweilte uns ewig mit einem Gebrumme, was Latein sein sollte. Die Jungens benahmen sich dabei höchst unerzogen und verlangten vom Lexi, er solle lieber kopulieren, das sei lustiger. Aber da gab's wieder Streit: alle wollten die Marie als Braut; meine ganze Autorität, selbst Kniffe und Hiebe, halfen nicht. Marie fand den Ausweg: sie erklärte, sie wolle mit mir die Eltern der Brautpaare spielen; dagegen konnte niemand etwas einwenden, denn Eltern müssen auch sein. – Sonst ging's beim Kopulieren alles manierlich; nur beim Beichten nicht. Wenn die Jungens kamen und dem Lexi ins Ohr flüsterten, schrie der Lexi manchmal auf, warf alle Gewänder von sich und lief davon.

* * *

Aus der Schule machte ich mir im Anfange herzlich wenig. Unsere Lehrerin, eine junge Russin, die wahrscheinlich eben selbst erst die Schulbank verlassen hatte, verstand kein Wort deutsch, und wir sechsundsechzig Kinder in der Klasse kein Wort russisch. Sprach sie zu uns, so afften wir ihr nach, lachten und stampften mit den Füßen. Dann weinte sie, und dann tat sie mir leid. Oft rief sie den Lehrer aus der anderen Klasse, den wir den „Hundskopp“ nannten. Dieser kannte etwas deutsch und schrie mächtig: RuhRuhRuh!!! Wir lachten dann noch mehr, denn wir wußten, daß die Semstwolehrer nicht schlagen durften. –

Einen Menschen fürchteten wir in der Schule – den Pfarrer. Dem war das Schlagen anscheinend erlaubt. Und Hände hatte er wie Eisen. Er kam zweimal in der Woche, da hatten wir Religionsunterricht. An diesen Tagen bekamen wir dann auch immer genug Strafe für die ganze Woche. – Der Jörgel, mein Nachbar in der Schulbank, erfand ein Mittel dagegen: er brachte Schweinescharten mit und schmierte an den beiden Tagen die Eisenöfen in der Klasse ein; dann gab es einen Dunst, daß man krepieren konnte, und wir wurden heimgeschickt.

Diese Anarchie nahm ein Ende, sobald Marie in die Klasse kam. Ihre Mutter war lange dagegen. Ich schleppte sie im Spätherbst aber doch einmal mit, und sie gefiel der Lehrerin derart, daß sie nun immer kommen mußte. Die Klasse bekam sofort ein anderes Leben. – Marie saß da vorn am Tisch wie eine kleine Lehrerin neben der großen, sprach russisch wie Wasser und unterhielt sich mit ihr wie ein



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großer Mensch. Wie saßen mäuschenstill und sperrten Maul und Nase auf. Dann übersetzte uns Marie alles, was die Lehrerin sagte. Das war zwar gegen die Schulgesetze, wie man uns sagte, aber wir waren froh und die Lehrerin auch. – Einige rohen Bengels wollten sich zwar von der „Rotznas“ nicht übersetzen lassen – aber mein dicker Hosenriemen machte sie nach und nach alle mürbe. – Wir lernten mit Freude, konnten schon etwas rechnen, zählen, kannten das russische Alphabet, als nach Weihnachten ein Mann mit langem roten Bart gefahren kam und auf uns und die Lehrerin schimpfte. Das Übersetzen hatte ein Ende. Unsere Lehrerin wurde versetzt, wir bekamen eine neue. Die frühere Anarchie begann wieder.

III.

DER FAULE VINZENZ

Der Winter war gekommen.

Lange, bis Weihnachten, fiel kein Schnee. Der Acker lag kahl da, und die Erde hatte tiefe Spalten: vor Kälte. Vom Nordost, aus Sibirien bließ der Wind. Dann drehte er sich, bließ aus Saratow und brachte als Weihnachtsgeschenk große, dichte Schneeflocken.

Unsere Familie war vom Landstück heimgezogen, und mein frank und freies Leben hatte ein Ende. Esser waren's wieder viel und Arbeiter wenig. Ich mußte der Mutter helfen kochen, backen, waschen, Kinder versorgen und drgl.

Mariens Mutter zog mit den Kindern zwei Straßen weiter. Ich konnte sie nur noch an Sonn- und Feiertagen besuchen.

Ein jeder Junge im Ochsengrund hatte seine Kameraden; ich natürlich auch. Zehn waren es. Am Abende, nach der Arbeit und dem Nachtessen, strolchten wir in den Straßen herum, foppten und ärgerten die Leute, klopften an die Fensterscheiben und schrien hinein, besonders wenn wir wußten, daß ledige Burschen und Mädchen drinnen saßen, und sangen Gassenjodler und Schlaglieder auf die neuesten Dorfereignisse; der alte Schmied Günther dichtete sie und machte auch die Melodie dazu. Oder wir gossen Wasser vor dem Eingang des Türchens aus, dort, wo



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sich die Burschen und Mädchen spät in der Nacht verabschiedeten.

Am liebsten jedoch „katatzten“ wir den „langen Berg“ hinunter. Irgendwo auf dem Hinterhofe eines Bauers stahlen wir einen Schlitten, zogen ihn die Anhöhe hinauf, und dann ging's mit mächtigem Hallo hinunter. Schlimm ging es dabei her. Gut, wenn man noch im Schlitten lag und sieben, acht Kerle oben drauf; aber es kam auch vor, daß man nur noch mit einem Bein drinnen lag, und alles Übrige nachschleifte, oder noch schlimmer, wenn man unter dem Schlitten lag. So mancher hinkte am späten Abend, blutete irgendworaus und betrachtete wehmütig seine zerrissenen Jacke und Hosen; die Mütter kannten in solchen Fällen keinen Pardon. Ihnen war das Schlagen ja auch nicht verboten. Dann raffte man die gefrorenen Pelzlappen zusammen, wartete bis das Licht zu Hause gelöscht war und schlich sich in sein Lager. –

An einem solchen Winterabend hatte ich mal wieder Ursache, nach Hause zu kommen, wenn kein Licht mehr brannte. Bis dahin ging ich zu unserem Nachbar, dem Glaubengottvatersklos. Der hatte schon jahrelang die „Bettlerstube“ von der Gemeinde gemietet, d.h. er war verpflichtet, allen durchs Dorf ziehenden Bettlern Nachtherberge zu geben.

Die Stube war heute voll. Ich erkannte einen Mann aus Remmler, der am Tage bei uns war und stark gehinkt hatte; jetzt ging er sehr gut und aufrecht. Noch einige Männer in den mittleren Jahren waren anwesend, die übrigen Bettler waren Blinde, Lahme und Stummen. Die Gesunden klagten, daß sie nirgends Arbeit finden könnten, die Krüppel seufzten über ihr Los.

„Vinzenz“, rief der Remmler Mann hinter dem Ofen, „spielt und singt doch mol was, villaicht gibt's besser“.

Es kam ein etwa dreizehnjähriger Junge hinter dem Ofen mit einer Geige hervor, darauf erhob sich auch ein alter blinder Mann von seinem Strohlager. Man nannte ihn den „blinden Christoffel“. Die beiden stellten sich mitten in die Stube, der Junge stimmte die Geige, spielte, und der Alte sang das bekannte Lied vom „Blinden Mann“, der keine Sonne sieht, sein Stückchen Brot mit Tränen ißt, und dem Tag und Nacht gleich ist.

Dann ging der Blinde wieder zu seinem Strohlager, von dem Jungen geführt.

„Vinzenz“, rief der Remmler Mann wieder, „spiel doch was Lustiges, 's is ja so schun alles traurig gnung“.



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Vinzenz strich einigemal nachdenklich über die Saiten und begann eine Polka. Ein Mann aus Schönchen mit einem Arm – der andere lag in Mandschurien – trat hervor, hob den Arm in die Höhe und rief: „Ech, Lait, wann ich mai g'sunde Glieder noch hätt', Sakerment, ich tät die Welt uf 'n Kopp stelle. Gretl, kumm mir tanze ans!“

Von der anderen Seite der Stube kam eine noch verhältnismäßig junge Frau, und nun drehte sich das in Lumpen gehüllte Paar... Noch zwei Männer schlossen sich dem Reigen an. Die Krüppel rückten ihre Brot- und Mehlsäcke beiseite und schauten mit gierigen Augen zu. Es war unheimlich... Drüben bei uns war das Licht ausgelöscht; ich ging nach Hause.

Am anderen Morgen erzählte man, der blinde Christoffel sei in der Nacht gestorben. Aus seinem Passe erfuhren die Dorfbehörden die unangenehme Tatsache, daß Christoph Lang aus Marienheim stammte; das hieß soviel, daß die Gemeinde nun die Waise Vinzenz übernehmen mußte. – Der Vorsteher zerbrach sich den Kopf, was wohl mit dem Jungen zu tun sei und war herzlich froh, als der Scheppe Florian, einer der gefürchtetsten Großbauern im Tal, bei dem es kein Knecht ein Jahr lang aushielt, sich bereit erklärte, Vinzenz auf ein Jahr als „Knechtchen“ zu nehmen. Man wählte zwei „Vormünder“, die sich um den Jungen kümmern sollten.

Es war an einem kalten Januarabend, als ich Vinzenz nach dem Begräbnis seines Vaters, den man auf einem alten Wasserschlitten auf den Kirchhof geführt hatte, zum Scheppen Florian ins Tal begleitete. Die Sonne lugte nur noch zur Hälfte hinter der Anhöhe hervor. Die klappernden Windmühlen warfen gespensterhafte Schatten, die über das Karamantal hinweghuschten und wieder kamen. Wir stampften beide die Straße entlang mir großen Filzstiefeln, aus denen vorn und hinten neugierig Stroh und Lumpen herausguckten. Der Schnee knirschte unter den Füßen, die Dächer krachten vor Frost, und der Rauch aus den Schornsteinen ging zu Boden. –

Vinzenz trug einen alten abgeblaßten und schmutzigen städtischen Herrenhut und den zerrissenen Kaftan seines Vaters; der reichte ihm bis zu den Knöcheln. Mit den langen Ärmeln rieb er sich Ohren, Wangen und Nase, damit sie nicht erfroren. Unter dem linken Arm hielt er, fest an sich gepreßt, seine Geige.

So gingen wir. Er betrachtete mich und ich ihn. Dann sprachen wir, zuerst nur einsilbige Worte, dann mehr. Und ich erfuhr kurz folgendes.



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Vinzenz wurde in einer großen Stadt geboren. Der Großvater war ein Tischler, ein feiner Tischler, und stammte aus den Kolonien. Er konnte sehr hübsche Sachen aus Holz ausschneiden, und reiche Leute hatten ihn mit in die Stadt genommen. Der Vater war auch Tischler und heiratete eine „verrückte“ Person, wie der Großvater die Mutter von Vinzenz nannte. Sie hatte einen sehr sonderbaren Charakter, wollte Schauspielerin werden und war ihrem Vater, einem reichen Kaufmann, davongelaufen. Vater und Mutter verstanden sich schlecht, und die junge Frau starb früh. Dann arbeitete der Vater wenig und trank viel, und nicht nur Branntwein. Nach zwei Jahren war er blind.

Singen konnte der Vater, deutsche und russische Lieder. Er ließ die Geige des verstorbenen Großvaters hervorsuchen und versuchte zu spielen. Der kleine Vinzenz erlernte das schneller. Dann sah man jahrelang die beiden, Vater und Sohn, am Eingange des Stadtparkes singen und spielen. Zuerst gaben die Leute Geld, aber mit der Zeit immer weniger. Der Vater beschloß, in die Kolonien zu gehen; hier wanderten sie von Dorf zu Dorf, sangen den Leuten traurige und lustige Weisen und bekamen Stückchen Brot. Den blinden Christoffel mit seinem Junge kannte man überall. – Und jetzt ist der Christoffel tot und der arme Vinzenz allein. So dachte ich nach der kurzen Erzählung.

„Vinzenz, da wohnt der Scheppe Florian“, sagte ich, und schon bellten zwei große Hunde und sprangen auf uns zu. Ein Knecht kam. Der jagte die Bestien fort und führte uns Halberfrorenen zum Bauer in die warme Stube.

Zwei Bengels von sieben, acht Jahren kamen auf uns zu und entrissen dem Vinzenz die Geige. Sie rissen an den Saiten, und es gelang uns zwei nur mit Mühe, das Instrument vor der Vernichtung zu retten.

Der Bauer stand dabei und lachte.

„Wie heescht dann, Jung?“ fragte er Vinzenz. „Vinzenz? Des war'n großer Heiliger. Ich han iwer ihn in dr Legende g'les. Awer des Spielding gib nor dene Kinner. Vicheline sin nit for Knechte“.

Ich hatte alle Mühe, den Scheppen zu überreden, daß er die Geige einschließen soll und sie dem Vinzenz wenigstens an Sonntagen zum Spielen gebe. Der Junge sei doch ein Musikant und werde auch ihnen was vorspielen.

Den Sonntagnachmittag verbrachten ich und Vinzenz immer in Mariens Familie. Der kleine Musikant lebte dann in einer



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anderen Welt. – Auf Hochzeiten hatte ich oft Musikanten spielen hören, die Rohre und auch die Gerbere, die beiden berühmtesten Truppen in der Umgegend. Zimbal und Violine, die haben mir immer am meisten gefallen. Sogar die große Baßgeige, die der Vetter Breit stehend strich, und die Töne wie eine Kuh von sich gab, hörte ich immer noch lieber als den Schall der langen Hörner. –

Aber der Vinzenz spielte ganz, ganz anders. Sobald er die Violine in die Hand nahm und einigemal mit dem Bogen über die Saiten gefahren war, geriet er „in Verzückung“, wie das Mariens Mutter nannte. Er vergaß dann nicht nur Stall und Pferdestriegel, Mistgabel und Besen, den knurrigen Scheppen Florian und seine zankende Alte, sondern auch uns alle und die ganze Umgebung. Seine langen schwarzen, ungepflegten Haare hingen in dichten Locken über die Stirn herab; seine Augen bekamen einen besonderen Glanz, der schwächliche Oberkörper bewegte sich fieberhaft hin und her, die Füße schlugen den Takt. Ich glaube, man hätte Vinzenz in solchen Momenten stechen und stoßen können, er hätte nichts gespürt. Die Töne, welche aus den Saiten strömten, waren bald ein Jauchzer aus voller Brust, wie ein Kettenhund sich freut, wenn er losgelassen wird, bald waren es liebkosende Töne, die einem so wohl taten, als ob eine Katze mit ihrem Rücken, oder die Lehrerin in guten Stunden mit ihrer zarten Hand einem die Wange streichelte. Dann waren sie ein wilder, ungebändigter Aufschrei, so wie ein gefesseltes Tier schreit. –

Wir, eine Rotte wilder Gassenbuben, saßen an diesen Nachmittagen da und rührten uns nicht. Der Marie kamen sogar manchmal Tränen in die Augen. Darauf mußte der Vinzenz ganz gewiß was Lustiges spielen.

Lachen in Tränen, das stand der Marie so schön.

Lernen mußte der Vinzenz, sagte Mariens Mutter, das gäbe einen Menschen. In Odessa sei eine Musikschule, und in Saratow auch. Ob das auch etwas koste? Ja freilich, Geld müsse da sein.

Da wird wohl Vinzenz nie ein Mensch.

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Als die Bauern erfuhren, wie gut und schön der Vinzenz spielen kann, ließen sie ihn zu Trinkgelagen und Hochzeiten rufen. Seine ernste und traurige Musik fand man zwar schön, aber lieber waren ihnen doch immer Polka, Walzer „Schlaiwer“...

Frühling kam über die Steppe.

Lauer, nasser Wind wehte von Westen.



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Die Sonne schien, Vögel zwitscherten, die Erde dampfte. Lerchen erfüllten die Luft mit Tirillieren, man sah nicht, woher es kam.

Grasspitzen lugten unter der Erde hervor. Butterblumen und Schneeglöckchen wuchsen.

„Raus mit dem Vieh uf's Feld!“ sagte der alte Bauer und Knechte und Mägde treiben Rinder, Schafe, Ziegen und Kälber heraus aus dem Stall zum Tabun. Das Vieh rüttelt und schüttelt seine Glieder, reibt sich an Pfosten und Zäunen, um den Winterschmutz loszuwerden; der Hirt knallt mit der Peitsche, und brummend und blökend bewegt sich der Haufen auf die Weide. Zuerst stößt das fremde Vieh noch, dann gewöhnt sich alles.

Reiche Bauern mit viel Vieh haben ihren eigenen Hirten und eigene Weide.

Hinter der „Barmherzigkeit“ des „Scheppen Florian“ stack doch wohl schon im Winter, als er den Vinzenz nahm, der praktische Gedanken, auf diese Art zu einem billigen Hirten zu kommen. Etwas Ungeschickteres und Unmenschlicheres hätte er nie tun können.

Während das Vieh auf fremde Äcker lief und schaden anrichtete, lag Vinzenz geistesabwesend auf dem Rücken im Gras, schaute nach oben und summte irgendwelche Weisen vor sich hin. Körperliche Züchtigungen folgten und Ermahnungen der „Vormünder“. Bald hieß es im ganzen Dorfe, Vinzenz sei ein liederlicher Kerl, der nur fressen und spielen, aber nicht arbeiten wolle; man nannte ihn nur noch den „faulen Vinzenz“.

Ich und meine Kameraden verstanden den Vinzenz; an Sonntagen besuchten wir ihn auch beim Vieh. Aber was konnten wir machen?

Zu allem Unglück hatte der Scheppe in diesem Jahre die Binsenecke als Viehweide gepachtet. Dort hatte sich in vorigem Jahre ein junger Knecht, auch eine arme Waise, an einem Baume aufgehängt; als Selbstmörder war er auch hier begraben.

Der Vinzenz saß nun tagelang an seinem Grabe, schnitt Binsen ab, die darauf wuchsen, machte sich kleine Flöten daraus und blies hinein. Aus den Tönen, sagte er, habe er das ganze Leben des Knechtes erfahren. Wir hörten den Tönen zu, konnten aber nichts verstehen: es waren Töne wie aus „Heududeln“, die uns mein ältester Bruder oft machte...

Davonlaufen, weit fort von hier, in die Stadt, rieten wir Vinzenz. Vielleicht käme er in eine Musikantenschule.



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Die Violine, die Violine wenn er hätte, sagte Vinzenz. Der Scheppe hielt sie verschlossen in der Truhe seiner Alten und gab sie auch nicht mehr zum Spielen.

Mit Vater und anderen Männern sprach ich über Vinzenz; der Junge ginge zugrunde; ob man ihm nicht helfen könne, und den Scheppen zwingen, ihm andere Arbeit zu geben.

„Loß dai Rotznas aus so Sache“, war die Antwort.

Haß, tötlicher Haß fraß sich tiefer und tiefer in mein Innerstes, glühender Haß gegen den Scheppen und seine fetten Braunen, gegen das ganze Tal und die verzagten Bauern im Ochsengrund. Wenn ich groß wäre, sehr groß, so groß wie eine Windmühle, und könnte mit schweren eisernen Stiefeln das Tal hinwegschreiten – dann würde ich dem Scheppen seinen ganzen Hof zu Brei zertreten, und dann alle Ambaren umschmeißen und die Bauern aus dem Ochsengrund hinschleppen und ins Getreide werfen, das sie selbst geerntet haben...

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Im Herbste, als wir vom Landstück heimkamen, traf ich Vinzenz beim Büttel. Der Scheppe hatte ihn im Sommer fortgejagt, und nun half er dem Gemeindediener Leute in die „Prikas“ rufen; er fand ein besonderes Wohlgefallen an dem „Gemeindeausschellen“, wenn er durchs ganze Dorf ging und an jeder Ecke mit der Glocke läuten durfte. Auch hatte er einen intimen Freund gefunden an dem früheren Büttel, einem halb Wahnsinnigen, der auch im Hause wohnte. Dieser Alte verstände nämlich seine Musik am besten, wie mir Vinzenz versicherte. Die Geige hatte der Scheppe behalten als Schadenersatz.

Zu Weihnachten ereignete sich etwas nie Dagewesenes: ein Wanderkino kam ins Dorf, das „lewendige Bilder“ zeigen sollte: Einfach Bilder zeigen, das verstanden wir, wie z.B. der Agronom das machte, oder wie im Guckkasten, der jedes Jahr in der Fastenzeit kam und das „bittre Lewelaide“ und Städte zeigte. Aber „lewendige“ Bilder?

Die Sache war jedenfalls interessant. Am Abende sollten sie im Schulhause gezeigt werden. Es war nur ein Problem, wie hineinkommen; zehn Kopeken kostete das Billett.

Am Nachmittage schaffte ich mich auf den Schulspeicher. Von dort gab es eine Leiter in den Korridor hinab. Wenn nur die Tür nicht verschlossen ist! Während ich auf dem dunklen Speicher zur Türe rutschte, um die Angelegenheit zu untersuchen, stieß ich an einen Menschen – an Vinzenz. Er war



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auf denselben Gedanken gekommen wie ich. – Das freute mich. Vinzenz glaubte an die „lewendigen“ Bilder, er hatte sie in der Stadt gesehen. Umso besser, wenn's wahr ist!

Es gab einen Krach, und wir beiden kurgelten die Leiter hinunter in den Korridor, auf eine Frau, die den Boden aufwusch. Geschrei und Schimpfen. Ein Lehrer, der „Hundskopf“ kam. Ich gestand ihm alles offen, wir wollten die „lewendigen Bilder“ sehen und hätten kein Geld. Er sprach russisch mit einem sauberen Herrn und erklärte uns dann: Wenn wir mit Bildern ins Dorf gingen, sie den Leuten zeigten und sagten, sie sollten am Abend ins Schulhaus kommen, so dürften wir umsonst herein.

Was war da noch lang zu überreden?

Wir erzählten den Leuten auf den Straßen und in den Häusern, daß am Abend im Schulhaus Wunderbilder gezeigt würden, auf denen die Menschen hin- und hergehen wie in der Stube.

Die Alten schüttelten skeptisch die Köpfe und meinten: Guckkasten wenn es wäre, ja, aber so etwas, nein, das sei zu weltlich. Außerdem wisse man nicht, ob die Menschen auf den Bildern nicht „nackig“ wären, das sei in den Städten jetzt so Mode. Die Jungen dagegen – na, die wären auch ohne unsere Agitation gekommen.

Das Schulhaus war voll zum Überlaufen. Dunkel war's. Dann kam eine große Sonne von hinten und fiel vor uns auf ein weißes Tuch. Und da auf dem Tuch waren die Bilder, ganz richtige, lebendige Menschen zum Greifen nahe. Zwei fast nackte Männer rauften sich. Und als der eine am Boden lag, liefen wir Jungens hinzu und wollten ihn aufheben. Aber andere Bilder waren schon da: ein fürchterlicher feuriger Drachen fraß Vieh, Menschen und Häuser. Ein Mann fiel in einen Kessel mit kochendem Wasser und verkochte ganz. Eine Frau kam, fischte Knochen und Fleisch heraus – alles begann sich zu bewegen, und bumms! stand der Mann wieder da. Er setzte sich auf den Drachen, fuhr zur Sonne am Himmel, zündete sich seine Pfeife an und kehrte wieder ruhig, als wenn nichts geschehen wäre, zurück. Hübsche Landschaftsbilder kamen, mit Wölfen und Elefanten, Tigern und Löwen. Die fletschten die Zähne auf uns.

Wir saßen da wie angewachsen und schauten, schauten. Heiß wurde es uns vor Freude und Spannung, und kalt wurde der Schweiß auf der Stirn, und die Haare stellten sich zu Berg, vor Angst.



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Als die Sonne ausging, wollte kein Mensch hach Haus. Aber der saubere Herr hatte keine Bilder mehr zu zeigen.

Musik her, tanzen wollen wir!

Vinzenz spiel Walzer und Polka!

Was? Seine Violin is noch beim Scheppe? Er git se nit raus? – Hin zum Scheppe, den Sakerment soll dr Daiwel nemme!

Auf die Straße ergoß sich der große Haufen, zu drei Vierteln aus ledigen Burschen bestehend. Zuerst hörte man nur einzelne helle Stimmen auf den Scheppen schimpfen, dann brummelte alles durcheinander, daß man kein Wort mehr verstand. Ewalds Fritz trat heraus, der war im Krieg mit den Japanern Unteroffizier, und kommandierte „Smirno!“ Dann stellte er alle in Reih und Glied, zu zehn Mann, und rief: schagom arsch! zum Scheppe!

Vinzenz, der alte Büttel und ich marschierten vorn.

Verwundert sahen uns die Leute zu.

Am Hause des Scheppen angelangt, schickte Ewalds Fritz drei Burschen hinein die Geige verlangen.

„Der Daiwel git se nit“, war die Anwort.

Toren und Türen wurden verramelt.

Die Burschen schleppten Schlitten, Wagen, Heu, Stroh, Mist und allerhand Gegenstände herbei und verbarrikadierten den ganzen Hof. Dann machten sie eine Katzenmusik, daß das ganze Dorf zusammenlief. Auch der Urjadnik kam mit seiner Dorfpolizei und griff einige Burschen roh an. – Plötzlich loderte hinten, im Heuschuppen des Scheppen eine helle Flamme auf, und in einigen Sekunden standen die Stallungen in Brand. Menschen jammerten, das Vieh schrie, alles rannte durcheinander, über die Barrikaden hinweg, rissen Türen und Toren auf. – Fässer kamen mit Wasser. Die alte Dorfspritze funktionierte nicht...

„Aus einer Komödie war eine Tragödie geworden“. So schrieb der Urjadnik in seinem Berichte.

Ich dachte anders.

Die stolzen Gebäude des Scheppen standen jetzt halb abgebrannt da, das verkohlte Gerüst drohte, jeden Augenblick ganz einzustürzen.

Menschen waren keine verbrannt, wohl aber Vieh.

Wer wohl der Brandstifter war? Man wußte es nicht. Und selbst, wenn man es gewußt hätte, wäre es nie herausgekommen. Einige wollen den alten Büttel zuletzt in dem Heuschuppen gesehen haben. Wahrscheinlich war es sein Werk.



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Er und Vinzenz verschwanden in jener Nacht. Vinzenz sah ich zum letzten Mal im brennenden Hause.

Am Neujahr-Abend kamen fremde Fuhrleute in die „Prikas“ und brachten zwei erfrorene Menschen. Einen alten Mann und einen Jungen mit einer Geige, fest unter dem Arm. Die Saiten waren zersprungen...

Draußen in der Steppe, unweit der Landstraße, hatte man sie gefunden.

IV.

WIE WIR GESTORBEN SIND

Fünf Jahre wirtschafteten wir schon auf dem „erblichen“ Landstück.

Das ganze Land um das Dorf herum, dreißig Werst im Durchmesser, war mit kleinen Landstückerhäuschen besät. Vor vielen standen Bäumchen, mit einer hohen Wand umzogen, damit die Ziegen sie nicht abfraßen. Hinter dem Häuschen stand gewöhnlich bei wohlhabenden Bauern ein Bretterschuppen, noch weiter die Tenne mit Strohhaufen und etwas abseits ein Brunnen und „die Pferche“ für das Rindvieh. – Die Leute wohnten alle von Frühjahr bis Herbst draußen, und nur wer daheim einen Obstgarten besaß, dessen „Alten“, d.h. Großeltern wohnten im Dorfe und „versorgten“ den Garten. Die übrigen Häuser waren den ganzen Sommer über verschlossen, und auf dem Hofe wuchs hohes Gras.

Marienheim – das Dorf und die Menschen – hatte sich in den letzten Jahren derart verändert, daß es kaum mehr zu erkennen war...

Im Tal ließen alle „umbauen“. Große, blau oder gelb gestrichene „französische“ Häuser mit grünen Blechdächern und hohen, hellen Fenstern mit weißen gestickten Vorhängen dahinter, traten überall an die Stelle der früheren einfachen Bauernhäuser. Die breite Kirchengasse mit mehreren zweistöckigen Backsteinhäusern sah nun eher einer Stadtstraße ähnlich. Die kleinen Buden waren alle verschwunden; der rege Handel lag in den Händen zweier starken Konsumvereine, in denen die gewesenen Händler 63 Prozent der „Paje“ besaßen. Von den siebenundzwanzig Windmühlen auf der Anhöhe hinter



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unserem gewesenen Hause standen nur noch zwei: die übrigen waren teils verkauft, teils als Bauholz zu neuen Häusern benutzt worden. Dafür mahlten jetzt zwei riesige Dampfmühlen am Ende des Dorfes Tag und Nacht für die ganze Umgegend Mehl genug. –

Aus Kosakenstadt kletterten hohe Pfosten herein, mitten in die Kirchenstraße in ein großes Haus. Dann kamen Leute, befestigten weiße Pfeifen daran und Draht. Wenn starker Wind wehte, so pfiffen die weißen Pfeifen wie die Heimchen in einer warmen Sommernacht, aber viel, viel lauter...

Auch eine Bierhalle wurde gebaut im Tal. Dort konnte man alles bekommen zu essen, Sachen sogar, von denen wir gar nicht wußten, wie sie hießen. Daneben gab es jetzt jeden Sonntag „Kino“. Kein Mensch zweifelte mehr an den „lewendigen Bildern“...

Eine höhere Schule hatte die Semstwo auch gebaut. Mit sechs Klassen. Wer die beendigt hat, kann in die fünfte Klasse eines Gymnasiums eintreten. – Reiche Kinder gingen in diese Schule, auch von anderen Dörfern kamen welche. Die hatten alle Schulranzen mit vielen Büchern auf den Rücken geschnallt, trugen hübsche Kleider und sprachen mit den Lehrern russisch. Handschuhe hatten sie mit fünf Fingern, und wenn es kalt war, putzten sie die Nase mit einem weißen Tuch. Sie balgten sich auch gar nicht auf der Straße wie wir und gingen hübsch sittsam still wie große Menschen.

Wie viele schöne Bilder müssen in diesen Büchern sein...

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Auch in der Wirtschaft änderte sich vieles. Der Agronom brachte immer neue Maschinen, und die Bauern im Tal kauften sie. Einen hölzernen Pflug fand man auch im ganzen Ochsengrund nicht mehr, und wir Jungen hatten auf Pfingsten schon unsere liebe Not, eine Sense zum „Pfingsterling“ aufzutreiben.

Die Menschen waren auch anders geworden. Bei den reichen Bauern wanderte die ehrwürdige Truhe der Urgroßeltern auf den Speicher, und hübsche neue Komoden mit großen Spiegeltüren kamen an. Eiserne Betten, „gedrehte“ Stühle, Gläser, Teller, „weiße“ Löffel, Grammophon, Harmonium – solche Sachen standen fast in jeder Stube eines Großbauern. Und erst die Kleidung! Da kamen die Alten gar nicht mehr aus dem Kopfschütteln heraus! Die Männer ließen sich Hüte und Schnürstiefel bringen und bestellten beim Schneider feine Anzüge. Wie in der Stadt. Und erst die Frauen! Hohe Absätze an den Schuhen, daß sie stolperten auf Schritt und Tritt, und



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enge Röcke wie ein Sack, daß man alles sehen konnte. Die Alten sagten zwar, solche Kleider tragen sei Sünde, aber niemand hörte auf sie, oder man lachte sie aus.

Zehn Werst vom Dorfe entfernt baute man die Eisenbahn, weit in die Steppe hinein... Die Marienheimer wollten sie am Dorfe vorbei haben, aber es gelang ihnen nicht. Einige Gutsbesitzer draußen an der Landstraße setzten ihren Willen durch.

Die alten Sitten und Gebräuche wurden vernachlässigt. Was lag den Menschen jetzt daran?.. Auch mit dem alten Glauben ließ es nach. Im Tal kamen junge Gymnasiasten der Großbauern, die in den Städten studierten, im Sommer auf die Ferien nach Hause und stritten mit den Alten, der Mensch stamme vom Affen ab. Im Ochsengrund kümmerten sich die Männer schon gar nicht mehr um die Kirche. Ein junger Feldscherer war im Dorfe, der ging im Winter viel in die Maistuben zu den Ochsengrundern und bewieß ihnen, daß die Kirche immer auf Seiten der Reichen sei. Auch gab er ihnen Strauß und andere Bücher zu lesen.

Den Ochsengrundern leuchtete das sehr gut ein.

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Während aber das Tal und auch einzelne Bauern im Ochsengrund „vornehm“ und reich wurden, ging es den Kleinbauern von Jahr zu Jahr schlechter. Zu den früheren Schulden vor dem Stolypinschen Landgesetz kamen neue hinzu. Mißernten, Unglücksfälle und hohe Steuern trieben den armen Bauer immer tiefer in das Netz des Großbauern. Diese hatten es jetzt auf die „Seelen“ abgesehen: das Land war, sobald es verkauft werden konnte, zur ergiebigsten Quelle der Ausbeutung in den Kolonien geworden. Die Jagd auf „Seelen“ begann sofort nach Einführung des neuen Landgesetzes. Wie ein Fuchs schlich der Protze im Ochsengrund herum, benutzte jede Not des Kleinbauern, verlieh ihm zu hohen Zinsen gegen den „Versatz“ des Landes; konnte der Arme im Herbst nicht bezahlen – und das war zumeist der Fall – so gehörten die „Seelen“ dem Großbauern. „Sterben“ nannte man das im Dorfe, und der landlose Bauer hieß der „Verstorbene“: er hatte auch kein Stimmrecht in Gemeindeangelegenheiten.

Bis zum Ausbruch des Weltkriegs waren die meisten Kleinbauern in Marienheim „gestorben“. Es gab da keinen Ausweg. Wie sehr die Protzen im Ankauf des Landes auch konkurrierten, sie liehen einem Armen nichts, wenn er seine „Seelen“ vor dem „Sterben“ retten wollte. Die landwirtschaftliche Kreditbank befand sich ganz in den Händen der Groß-



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bauern, da die Kredite nach der Größe des Vermögens gegeben wurden, und das Tal in der Verwaltung saß. –

Nachdem so der Grundbesitz zum größten Teil in die Hände einiger Dutzende Dorfprotzen übergegangen war, gestalteten sich die Verhältnisse von Grund aus neu: die früheren selbständigen Kleinbauern wurden jetzt „Halbbauern“. Sie säten beim Grundbesitzer „um die Hälfte“, d.h. sie erhielten von diesem nur das Land, stellten selbst den Samen, verrichteten die ganze Arbeit, und nach der Ernte wurde der ganze Ertrag in zwei Hälften gemacht: eine bekam der Gutsbesitzer, die andere der Halbbauer.

Der Gutsbesitzer selbst hatte keine eigentliche Wirtschaft mehr. Er wohnte das ganze Jahr daheim im Dorfe in einem schönen Haus. Seine Kinder studierten meist in der Stadt. Auf der Glasveranda saß er gewöhnlich nach dem Frühstück und las die Zeitung; da meinen die Ochsengrunder, diese Schattenrutscher, immer, die Reichen hätten es gut! Sie wissen nicht, wieviel Sorgen so ein reicher Mann hat! Da muß immer achtgegeben werden, daß bei den Neuwahlen als Dorfvorsteher, Obervorsteher, Kreisrichter die rechten Leute gewählt werden. Stellt man sich nicht auf die Hinterbeine, so weiß man, was herauskommt! Wählte man da vor drei Jahren einen von den Lehrern, den „Ferschtegängern“ zum Kreisrichter, und der nahm in allen Prozessen Partei für den Ochsengrund!.. Oder wenn ein neuer Pfarrer ins Dorf bestimmt wird? Wer fährt da nach Saratow zum Bischof, daß auch ein „ordentlicher“ Pfarrer kommt? Wiederum Leute aus dem Tal. Oh, es gibt viele Sorgen im Tal, von denen der Ochsengrund nichts weiß... Nach einem süßen Mittagsschläfchen spannt der Knecht den schwer zu bändigenden Rappen vor den leichten Korbwagen mit blinkenden Federn und Gummischienen. Dann setzt sich der Knecht auf den Bock, der Herr Gutsbesitzer in den Wagen; den Hund nimmt er auch hinein. Und fort geht's ins Feld, die Saat besichtigen. Es ist ein Elend mit diesen Halbbauern, sieht man ihnen nicht auf die Finger...

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Unser Vater hatte das Land verhältnismäßig lange gehalten; unseresgleichen waren fast schon alle „gestorben“. Schlecht ging's uns. Unser Haus besaß noch immer keine Dielen; wir Kinder schliefen auf dem Lehmboden, und einer meiner jüngeren Brüder zog sich dadurch die Lähmung eines Beines zu. Das Brot reichte kein einziges Jahr. Nach Neujahr waren auch gewöhnlich die Kartoffeln zu Ende. Dann schaute der Vater



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uns an, wie wir mit hungrigen Augen um den Ofen herum saßen, zog sich stillschweigend an und ging hinüber ins Tal. –

Von den Verwandten hatten wir keine Unterstützung zu hoffen. Der Martins- und Antonsvetter waren schon „gestorben“. Die Mutter hatte zwei Brüder, die wohnten im Tal und waren reich, wollten aber von uns nichts wissen. Ihre ledige Schwester, die ein Kind bekommen hatte, jagten sie auf die Straße, und sie wurde eine Bettlerin. Besonders der ältere war ein Unmensch: er ging in den Ochsengrund und freute sich an der Armut und dem Elend der Leute. Neben seine zehn Jahre alten Strohhaufen legte er Eggen mit den Eisenzähnen nach oben und bedeckte sie mit Stroh. Kamen dann im kalten Winter die Leute nachts und wollten etwas Stroh nehmen, so traten sie in die Zähne. So fing er die Menschen, wie wir Jungens die Spatzen mit Pferdehaaren.

Der Vater ging zum Stummen Peter im Tal. Bei dem standen noch Schulden von früher. Zu Hause warteten alle mit hungrigem Magen. Wird der Vater Brot bringen?

Er brachte.

Im Frühjahr, sobald die Steppe grün war und wir auf dem Landstück wohnten, ging es besser. An der Metschet, dem kleinen Flüßchen, in dem im Sommer die Hühner spazieren gingen, wuchsen Glockenblumen, wilde Zwiebeln und Sauerampfer. Wir aßen das gern. – Die Hühner legten Eier und unsere einzige Kuh gab Butter. Das wurde alles zusammengespart die ganze Woche, und am Sonntage kaufte der Vater ein Pud Mehl dafür. –

An einem Frühlingsmorgen, kurz vor dem Ackernfahren, kam der Stumme Peter zum Vater und sprach lange mit ihm. Er entfaltete ein großes Blatt Papier und rechnete mit dem Bleistift... Das waren unsere Schulden...

Der Stumme – so hieß er, weil er sehr wenig sprach – verlangte, daß im Herbst alles bezahlt werde: er wolle Land kaufen. Das sei jetzt am Vorteilhaftesten. Wenn der Vater wolle, könne er unsere „Seelen“ in Versatz geben, Getreide und Geld bei ihm, dem Stummen, leihen und eine große Aussaat machen. Wer weiß, wenn Gott will, gibt's vielleicht eine gute Ernte, dann könnten wir ja alle Schulden bezahlen.

Der Familienrat dachte und dachte... Es gab keinen anderen Ausweg: unsere „Seelen“ konnte nur eine gute Ernte retten. Wir nahmen noch Land, Geld und Getreide beim Stummen, versetzten dafür unsere „Seelen“ und machten eine große Aussaat. Vielleicht...



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Ein warmer Frühlingsregen machte die Körner in der Erde keimen, und üppig schossen die zarten grünen Hälmchen aus dem schwarzen Acker hervor. Sonnenstrahlen kamen, warm und freundlich, liebkosten die jungen Sprößlinge, und bald wallte die Saat, vom sanften Westwind befächelt, wie ein großer grüner See.

In den Herzen der Menschen in der Steppe lag sonniger Mai.

Das Arbeitsvieh ruhte nach schwerer Arbeit auf der Wiese aus und fraß saftiges Gras. Die Lämmer und Zieglein hüpften und machten „Männchen“, die Hirtenbuben jauchzten und suchten nach den Nestern der Sandschwalben...

Zwei Wochen, drei, vier Wochen kein Regen.

Die Saat steht noch gut.

Juni kam.

Noch immer kein Wölkchen am Himmel.

Die Sonne geht morgens auf, und geht abends unter, und nichts, nichts trübt ihren Lauf.

Bangnis fällt in die Herzen der Steppenleute.

Wenn nur...

Schlaff hängen die saftigen Halme schon ihre Spritzen zur Erde.

Noch wäre es nicht zu spät. – Ist das da hinten keine Wolke? – Nein, nur ein Staubwirbel...

Heißer und heißer brennen die Sonnenstrahlen auf die trockene Erde herab.

Schon färbt sich das Gras in der Steppe gelb, schon werden auch die Getreidehalme auf erhöhten Stellen des Ackers an den Wurzeln gelb.

Noch immer keine Wolke?

Eine Mittelernte gäb's noch...

Sollen unsere „Seelen“ verloren gehen?..

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Scharen von Feldmäusen, hier „Piffer“ genannt, verlassen die ausgedörrte Steppe und gehen in die Saat.

Fässer rasseln, verzweifelt schütten die Leute Wasser in die Löcher, um die „Piffer“ zu vertilgen.

In Astrachan, hört man, will man Wolken von Heuschrecken gesehen haben, die nach dem Norden ziehen.

Und ganz ungetrübt, als ginge sie das gar nichts an, macht die Sonne jeden Tag wie eine feurige Glaskugel ihren Gang von Osten nach Westen. Der Boden ist heiß, daß man ihn barfuß unmöglich betreten kann. Sollen unsere „Seelen“ verloren gehen?..



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Daheim im Dorfe veranstaltete man einen Bittgang um Regen. Der Pfarrer ging mit dem Allerheiligsten in Prozession hinaus auf die heiße Steppe. Die Glocken läuteten, und die Leute beteten. Viele gingen auch ganz teilnahmslos nur so mit, noch mehr waren überhaupt nicht mitgegangen.

Die Glocken schwiegen, und wie zuvor herrschte lautlose Stille in der endlosen Steppe von Kosakenstadt bis tief in das Herz Asiens hinein. So fühlte man wenigstens. Am weiten Horizonte, dort wo sich Himmel und Erde vereinigen, spielte die Hitze wie Meereswellen; alle Gegenstände verschwammen in ihnen.

Am Abende, nach Eintreten der Dunkelheit, sprechen die Menschen wieder. Jetzt hört man jeden Laut in der weiten Umgegend so deutlich, als ob die ganze Welt in einem Tale versammelt wäre. Das ruhige Wiederkäuen der Rinder, ein einsamer Wagen in weiter Ferne, das Sprechen von Menschen, und das Schreien eines Kamels irgendwo sehr weit – alles das fließt zusammen.

Verzweiflung hat die Menschen erfaßt...

Am Morgen geht die Sonne anders auf wie gewöhnlich: die purpurroten Strahlen sind mit einer nebelartigen Masse vermischt. Dann steigt die Sonne höher und höher, und sie ist nicht imstande, den Nebel zu zerstreuen.

Dann weiß der wolgadeutsche Bauer in der Steppe, daß seine schwere Arbeit umsonst war, und daß die Ernte für dieses Jahr vernichtet ist.

„Herauch“ nennt unser Bauer diesen Nebel. Es sind die feinsten Staubkörnchen aus den zentralasiatischen Wüsten. Zuerst sanfter, dann stärker und stärker treibt der Südostwind diese Wolken über die ebene Steppe dahin, bis über die Wolga. Der feine Sand verstopft die Poren der Pflanzen, und der letzte grüne Halm senkt seine Spitze ganz zur Erde.

Wie aus einem Blasbalg, so groß wie die Welt, kommt der Wind vom Südost. Er ist glühend heiß und peitscht einem den Sand ins Gesicht. Die Wangen platzen auf, und rotes Blut, mit Sand vermischt, läuft dem Reiter oder Fuhrmann die Wangen hinab.

Dann, nach drei, vier Tagen legt sich der Wind... Die Steppe ist so dürr, daß man fürchtet, die Sonne werde sie in Brand stecken. Die ganze Natur schreit, lechzt nach Wasser.

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Unsere „Seelen“ waren verloren. – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –



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An einem regnerischen Herbsttage fuhr ein stattliches Gespann mit Schellen und Glöcklein an unserem Hause vor; hinten im Wagen, in einen Regenmantel gehüllt, saß der Stumme Peter und winkte meinem Vater durchs Fenster. Drinnen weinte die Mutter und machte dem Vater den Brotsack zurecht. Ich und der ältere Bruder standen in der Stalltür.

Der Vater kam aus dem Hause, rief uns zu, wir sollten während seiner Abwesenheit gut aufs Vieh achtgeben, setzte sich dann in den Wagen, neben den Stummen, und schon trabten die unbändigen Pferde hinter der Dampfmühle.

Es ging nach Saratow, zum Notar, „Papiere machen“ auf den Verkauf unserer Seelen Land. –

Ich stand noch lange am Hoftore und hörte die Glöcklein in der Ferne immer schwächer und schwächer erklingen... Jetzt hörte man nichts mehr...

Tränen kamen mir in die Augen.

Am Zaune stand die Nachbarin.

„Ja, ja, Fritz“, sagte sie, „jetzt seid ihr aach g'storb. Die im Ochsengrund sterwe all. Hait ihr un morje mir“...

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Am Abende konnte ich sehr lange nicht einschlafen. Es war wirklich, als ob wir gestorben seien. Man sprach wenig, und die Mutter hatte rote Augen.

In der Nacht träumte ich von schrecklichen Dingen.

Ich war ein feuriger Drache und flog in einem Nu nach Saratow, ins Kontor zum Notar. Dort standen der Stumme Peter, unser Vater und unsere vier Seelen saßen als vier Kinder auf der Bank: eins davon war Vinzenz, und ein anderes die Marie. Da packte ich den Stummen, der gerade die Papiere unterschreiben wollte, und trug ihn in ein weites Land, und warf ihn dort ins Meer. Darauf kehrte ich zurück, nahm den Vater und die vier Seelen und wollte sie heimbringen. Da fiel mir ein, daß der Vinzenz doch in die Musikantenschule müsse, und ich wachte auf... Dunkel war es in der Stube, und die Mutter schluchzte.



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V.

MIT DEN WANDERVÖGELN SÜDWÄRTS

Nicht alle „gestorbenen“ Kleinbauern konnten „Halbbauerei“ treiben: dazu brauchte man Vieh und „Gfährt“. Wer also viehlos war, vermietet sich beim Großbauer als Jahresknecht oder, da das Angebot die Nachfrage stets überstieg, im Frühjahr, Sommer und Herbst als Saisonarbeiter. –

Schlimm stand es mit den Viehlosen im Winter. Da gab es im Dorfe fast keinen Verdienst. Am Karaman gibt es keine Hausindustrie wie die Weberei in den Kolonien auf der Bergseite oder das Korbflechten in den unteren Kolonien auf der Wiesenseite. Sollte das Häuflein Kinder auf der Ofenbank nicht Hungers sterben, so hieß es Arbeit suchen in den Städten. –

Und an späten Herbsttagen, wenn alle Feldarbeiten zu Ende waren, und alle Schuppen und Speicher im Tale sich unter der Last des Ernteertrags bogen, und die Bauern sich flegmatisch für den langen Winter vorbereiteten, fette Schweine schlachteten, Wolle und Schafsfelle zum Walker und Pelzmacher trugen, gab es auch Bewegung in den letzten Straßen des Ochsengrunds. Kinder und verschiedene Hausgeräte wurden auf Schubkarren geladen; wer noch ein Pferd besaß, machte sich nach Art der Zigeuner eine „Kibitke“ zurecht, und fort ging es, der großen Landstraße zu. – Im Tale hieß es dann: „Die Wandervögel ziehn fort“.

Nach der großen Mißernte des letzten Sommers war die Schar der Wandervögel besonders groß. Auch der jüngste Bruder unseres Vaters, der Antonsvetter, zog fort. Da sagte der Vater zu mir: „Wie wär's denn, Fritz, wann du mit'm Antonsvetter ziehen tätscht; des bißje Geld, wo mr noch vum Land rauskrieht han, reecht nit for di iwrige hungrige Mailer“. Mir war's etwas schwer, von Vater, Mutter und den Geschwistern fortzufahren; aber der Antonsvetter war ein so lieber Mensch und wußte so viel „G'spaß“ zu machen, daß ich mich bereit erklärte.

Die breite lange Landstraße, die sich in schnurgerader Linie von Kosakenstadt nach der „Nai-Stadt“ hinzieht, hat etwas entzückend Schönes für den Neuling. Bedächtig, mit den langen Beinen weit ausschreitend, ziehen Karawanen von Kamelen im Gänsemarsch dahin; die flachen russischen Wagen ächzen, und die



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Kamele strecken ihren Hals bald zur einen, bald zur anderen Seite und raffen die Stacheln am Wege auf; dann kauen sie, schlappen mit der Unterlippe und stoßen eigentümliche Töne aus. Die Fuhrmänner liegen unbesorgt auf dem Wagen und schlafen. Dahinten kommt eine zweite Karawane von Wagen; davor sind Ochsen gespannt, die hartnäckigsten Tiere der Steppe. Hier rast im Galopp die „Britschka“ eines reichen Gutsbesitzers vorbei; sie überholt ein „Faierwa'“, ein Auto mit hohen Herrschaften. In der Ferne hört man das eintönige Geklapper von eisenachsigen, hohen, deutschen Mennoniten-Wagen. Weit vor uns steht eine große Staubwolke – da treibt man eine Viehherde aus der Kirgisensteppe nach Kosakenstadt, zur Schlächterei. –

Der Weg war schlecht. Zuerst fuhren die Räder bis zu den Naben im Sande, so daß wir fast immer neben der Kibitke herlaufen mußten. Zu beiden Seiten der Landstraße zogen sich Arbusenfelder hin. Die Arbusen lagen in mächtigen Pyramiden aufgehäuft und sahen aus der Ferne wie Schneeberge aus. Wagen hielten daneben und luden auf. – Gegen Abend zog ein Gewitter herauf, und es schien, als wollte die Natur jetzt nachholen, was sie den Sommer über versäumt hatte: es schüttete in Eimern. Zum Unglück kamen wir jetzt vom Sande auf Salpeter, und die Erde hing sich an die Räder, als wolle sie ihre Kinder festhalten. Die magere Braune „ließ bald nach“, und an der Saratowka, einem kleinen Nebenflüßchen der Wolga, wo früher die Stadt Saratow stand, machten wir Halt. Hier, in einer leeren Scheune, hatten sich schon viele Marienheimer „Wandervögel“ eingefunden zur Nachtrast. Es dunkelte.

Bald loderte eine Flamme unter einem schweren Kessel mit Teewasser, an einem „Tachan“ aufgehängt. Kinder hockten herum, wärmten sich und trockneten ihre nassen zerrissenen Kleider. Die Mütter machten den ganz Kleinen in einer Ecke „schloufen“ mit einem Liedchen. Die Väter versorgten die Pferde und wir Halberwachsenen suchten Holz unter der baufälligen Brücke, um die Nacht hindurch das Feuer zu nähren. Die Hunde standen an der Türe, gähnten und wedelten mit ihren nassen Schwänzen.

Mit hölzernen Löffeln schlürften wir den „Stepptee“ – weil er mit Steppenkräutern gekocht wird – aus Tonschüsseln. Dann suchten die Frauen und Kinder ihre Lager auf; wir setzten uns zu den Männern ums Feuer.

Daheim, im Marienheimer Tale, galt es als feste Wahrheit, daß die Wandervögel ein arbeitsscheues, luderfaules Gesindel seien.



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„Schafft, dann hat'r was zu Fresse! Ihr wollt nor im Schatte ritsche!“ Solche Redensarten gehörten so zum Glaubensbekenntnis der Täler. „Schaffe muß mr, wann mr was han will“, liebte der Fischer Hannes zu sagen, wenn ihm im Herbste die Halbbauern die Ambaren vollgefahren hatten. Und „Mich sucht 's Glück“, meinte der stumme Peter, als er unsere vier Seelen in der Tasche hatte, die das erste Hundert der gekauften Seelen voll machten.

Das Glaubensbekenntnis der Wandervögel war freilich anders, und so drehte sich denn das Gespräch zuerst beim Feuer um die „Gurwäns“ im Tal, und die unverschämtesten Fälle von Ausbeutung und Hintergehen. Dazwischen fielen Dorfneuigkeiten, wie dieser oder jener Ochsengrunder, von dem man noch gar nicht glauben wollte, daß es schon so weit mit ihm wäre, nun auch „gestorben“ sei. Auch an Dorfklatsch fehlte es nicht: wie des Großen Philipps Frau ihrer Nachbarin den Kopf in die Kiste geklemmt und ihr den Hintern vollgehauen habe, weil sie ein Auge auf ihren Mann gehabt, und wie der Schmidtjoske dem gelernten Iwan Jakowlewitsch, der immer prahlte, kein Mensch könne ihm den Arm biegen, richtig den rechten Arm gebrochen habe.

Die Marienheimer sind an der ganzen Wolga ihres Humors wegen bekannt. Und wenn sie auch den Strick schon am Hals haben, machen sie unbedingt noch einen Witz. Am liebsten tun sie aber ihre lieben Mitmenschen „foppen“. Auch die Männer am Feuer in der Scheune suchten nach einer Zielscheibe ihres Witzes und fanden sie in der Person des kleinen Hänneschen. Nun war das Hänneschen aber in Wirklichkeit ein kurioser Kauz: er war nur anderthalb Arschin hoch gewachsen, reichte also den übrigen Männern nur bis ans Hosenband, galt dabei aber nichtsdestoweniger als der größte Vielfresser im Dorfe. Von ihm wurde erzählt, er habe drei Pfannen voll „Maultaschen“ gegessen, zwei Töpfe Milch dazu getrunken und dann zu seiner Alten gesagt: „Sich sou, jetz han ich dr Nichtre g'broch“. Auch sonst war er ein Sonderling. Von Hause aus ein Schneider, soll er die Streiche von Eulenspiegel so lange nachgeahmt haben, bis er keine Arbeit mehr bekam. Dann schaffte er sich Bauerei an. Aber auch hier ging's nicht besser. Gleich das zweite Jahr verlor er seine „Seele“. Zuletzt verlegte er sich aufs Beten: er klapperte in der Kirche mit den Lippen, daß sich alle Leute nach ihm umdrehten, rasselte mit dem Rosenkranz und seufzte laut, Gott möge doch sein Geld nich alle werden lassen. Aber alles half nicht. – Dann



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wieder erzählte man sich, er besuche die Leute am liebsten um die Essenzeit herum, und wenn die Hauswirtin sagte: „Ja, Hännesche, mir däte dich jou gern netige, awer mir han ke Leffel meh“, zog er schnell einen Löffel aus seinem Stiefelschäft, und schon saß er am Tische.

Also zu diesem Hänneschen sagte jetzt der Niklese Hans:

„No Sackrement, Hännesche, sa doch mol, wie war denn des sellemol mit dem Sackvoll Mehl, wu dei Schimmel nit am Lehmberg nuffgzou hat?“

Das Hännesche, das sich gerade den Fuß an den Kohlen verbrannt hatte, machte sich etwas zu schaffen und tat, als habe er nicht gehört.

„No, wann's Hännesche des nimmeh weeß“ – meinte mein Antonsvetter, „do kann ich 's jo san. Des war so: sai Schimmel war schwach und hat's 'n Berg nuff nit g'bascht. Und do is 's Hännesche scheen druff sitze gblieb, hat 'n Sackvoll Mehl uf'n Buckel gnomm und g'johlt: "Ji, ji, Schimmelje, jetz muß 's doch gehn!"“

Wir Jungen wälzten uns, soweit das in der Scheune möglich war, vor Lachen.

„Bubrment, Hännesche, du machst jo Sache wie dr Wellem“, meinte der Niklese Hans drauf. „Der is a mol 12 Werscht vum Landstick hemgfaar; und wie 'r draus fortgfaar is, is 'm dr Reen schun ufs Waabrett kumm und hat 'n awer nit krieht, bis er drheem im Hof gehall hat“.

„Ihr kennt norre nix wie die Lait vor Narre halle“, rief eine Frau aus der Ecke. Aber wir waren nun trotz unserer Müdigkeit einmal „angesteckt“, und da die Pferde noch nicht getränkt werden durften, baten wir den Antonsvetter als Zeitvertreib, die Geschichten vom „Vetter Willem“ zu erzählen. Dazu hatte mein Onkel ein besonderes Erzählertalent. Die Art und Weise, wie er beim Erzählen die „Schriftsprach“ nachzuahmen versuchte, erhöhte noch eher den Reiz. Er ließ sich erst noch ein bißchen bitten und betteln, tat verschämt, als könne er nicht erzählen – worauf alle sagten: „no Antonsvetter, hätt 'r 's nor sin gloss“ – legte sich eine helle Kohle in seine lange Pfeife, räusperte sich einigemal und begann dann zu erzählen.

Der Willem hat mol in seiner Jugend beim Scheppe Klos in Marienheim gedient. Er und sein Herr ware arig zufriede miteinander, weil sie sich so arig gut verstan han. Han die Glocke gelait for ins Ackre, in die Ernt oder ins Weideschneide, der Scheppe un der Willem ware immer die erschte, wenn sie



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sich aach vum Stall oder vum Ambar han falle geloss um nit so spot zu kumme. Un wann sie sich aach g'stritt han, daß die Fetze g'floh sin, so hat doch eener den andre gar nit verstann, weil sie so hortig g'plaudert han, win 'n Hackselmaschin. So han sie sich zum Beispiel mol finf Dag in der Ernt drum g'stritt, ob sie den Fuchs oder die Blässin „zur Hand“ spannen sollen, un in der Zeit is die ganz Frucht ausg'fall.

„Was verzählt dann der wider for brotlose Kinschte“, ließ sich meine Kathrins-Wesel aus der Ecke hören. „Detscht besser nohdenke, wu 'mr Brot hernemme for die Kinner, des wär gscheiter!“

Wir protestierten zwar dagegen, aber durch diesen Zwischenruf waren alle wieder in die nackte Wirklichkeit versetzt. Niklese Hans reagierte sofort darauf und rief in die Ecke zurück:

„No du meenscht wohl, Kathrin, das könnt' ewig so blaiwe uf der Welt wie jetzt? Schun fast die Hälft' vun dr Baure han kee Land meh. Die Reiche han's uns jo grad abg'nomm, wann mr's saan will. Des muß ball anners gin. Die Junge, wie der Fritz do, wann die mol groß sin un kee Land han, die stelle die Welt uf dr Kopp“. –

„So proste geht des nit“, sagte nun der Antonsvetter und legte sich frische Kohlen in seine Pfeife. „Ich erinner mich noch vun vor siewe Jahr, wie sellemol der Philipp bei uns uf der Versammlung g'saat hat, daß mir Baure leenig das Ding nit dorchfihre könne. Die Hauptsach sin die Arweiter in dr Städt. Awer ich glab aach, daß 's nit lang meh so bleibe kann. Jetz sin mr aach nimmeh so dumm wie sellemol und losse uns nit meh vun denne Händler verplaudre“.

„Um Gotteswille“, zappelte das Hännesche, „seid do bißche vorsichtig; wegen so Gespräche kann mr jo noh Sibirje kumme“.

„Awer dich soll jo 'n Sackermillion nemme, du dämliches Hännesje“, schrie eine Frau aus der Ecke. „Du meenscht vielleicht, mir däte ewig for die Dickwäns im Dal arweite? Mucks dich nimmeh, sonst putz ich dir die Nas!“

Hännesche zog sich grunzend auf sein Lager zurück. Der Antonsvetter und andere gingen hinaus die Pferde tränken, und bald hörte man nur noch das regelmäßige Atmen der Schlafenden und das Knistern des langsam erlöschenden Feuers. –

* * *

Am nächsten Tage kamen wir in Kosakenstadt an. Unten an der Wolga, in einer ganz billigen „Tschajna“ kehrten wir ein. An dem Ufer fanden wir viele „Wandervögel“ aus den Kolo-



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nien vor, besonders aus den oberen, Wittmann, Schönchen und Remmler. Manche hatten Arbeit gefunden als Säcketräger bei den bekannten Kolonistenmillionären-Getreidehändlern Reinecke und Borel. Andere waren so „glücklich“, als Arbeiter in die Riesendampfmühlen eines anderen Kolonistenmillionärs Schmidt in Saratow unterzukommen. Wiederum andere spalteten Holz oder reinigten Abtritte. Viele aber hatten überhaupt keine Arbeit gefunden und schickten ihre Kinder und Frauen betteln. Die traurigsten Szenen waren wohl, wenn die Kinder sich weigerten und weinten, und der Vater sie mit Gewalt zum Betteln trieb. –

Der Antonsvetter konnte in Kosakenstadt und Saratow auch keine Arbeit finden. Denn „Lomowiki“ (Lastkutscher) gab es hier übergenug. Und das Pferd verkaufen und „Galach“ werden, wollte mein Antonsvetter auch nicht. – Da erfuhren wir, daß man in Astrachan als „Lomowik“ Arbeit finden könnte, nämlich Fische führen. Und so entschloß mein Vetter sich, mit noch einigen Marienheimern, nach Astrachan zu fahren. Schon die nächste Barke nahm uns mit, und so schwammen wir wie eine kleine Insel auf dem sechs Werst breiten Strome nach dem Süden. –

* * *

Diese Wolgafahrt war herrlich. Freilich, im Frühjahre, wenn das Wasser die breiten Wiesen auf der linken Flußseite überschwemmt und die vielen Sandbänke und Inseln bedeckt, sodaß nur hie und da die Spitzen von Bäumen sichtbar sind – dann ist dieses Wassermeer wohl am herrlichsten. Im Spätherbste dagegen zerfällt dieses Meer in mehrere Arme. Aber genau wie im Frühjahr oder Sommer sahen wir damals im Spätherbst große drei- und vierstöckige Flußdampfer, die ihresgleichen auf der Welt nur noch auf dem Mississippi haben sollen. Diese Riesenschraubendampfer bewegten sich ruhig und sicher stromauf- und stromabwärts. Lärmend folgten ihnen kleinere Räderdampfer, dann die unendliche Reihe von „Schleppern“, die pustend und tutend eine oder mehrere Barken an Seilen nachzogen. Dazwischen steuerten Segelfahrzeuge und größere Kähne. Und im Hauptstrome bewegte sich eine unabsehbare Kette von Baumstämmen, auf denen Häuser standen und Menschen sich häuslich eingerichtet hatten. Das war ein Tuten, Fahnenschwenken, Fluchen und Schimpfen, daß man seine eignen Worte nicht verstand. In der Nacht mußte sehr gut aufgepaßt werden, um nicht aufeinanderzufahren oder auf eine



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Sandbank zu laufen. Besonders gefährlich ist das bei Nebel. Unter Solotoje fuhren wir tatsächlich auf einer Sandbank auf: der Steuermann hatte die rote Lampe auf dem Wasser, welche die flache Stelle anzeigt, nicht rechtzeitig bemerkt. Unser kleiner Schleppdampfer drehte sich wie ein Fischlein an der Angel, aber alles half nichts; auf ein Signal fuhr ein großer Dampfer heran, warf ein Seil und zog uns heraus. –

Wir kamen an vielen Städten und Dörfern vorbei und hielten längere Zeit in Zaryzin und in Sarepta, der grünen Stadt der Herrnhuter. Für mich war das alles neu, und es wäre ein großer Genuß gewesen, wenn ich nicht so gefroren hätte. – Der Antonsvetter unterhielt sich mit den anderen Marienheimern auf der Barke, meist Handwerkern. Diese Leute verdienten daheim auch schon sehr wenig, seitdem man es vorzog, die Sachen aus der Stadt zu beziehen. In Marienheim hatte ein junger Pfarrer vor einigen Jahren versucht, alle Handwerker der Umgegend in einer riesigen Werkstätte zu beschäftigen, um für den Markt zu arbeiten. Schon standen große Häuser da, speziell für Schuster, Schneider, Tischler und Schmiede. Auch die Werkzeuge waren zum Teil schon da. Aber die ganze Sache verschlug sich, da die bisherigen Geldgeber die „Werkstell“ nicht mehr finanzierten und die kirchliche Behörde den Pfarrer obendrein als verrückt erklärte und ihn seines Amtes enthob. – In den Städten ging es den Handwerkern auch nicht besonders gut, aber immerhin fanden sie in Saratow, Astrachan usw. noch Arbeit als „Gesellen“. –

Die Nähe von Astrachan kündete sich durch einen alles durchdringenden Fischgeruch an. Die Stadt kam mir zwar weniger schön als Saratow und Zaryzin vor, aber wir waren doch herzlich froh, als wir eine Kellerwohnung und Arbeit gefunden hatten. Der Antonsvetter führte mit seinem Wagen Fische vom Hafen zur Eisenbahn. Er saß vorn auf dem hochbeladenen Wagen und ich hinten. Ich mußte aufpassen, damit keine Fische herabfielen. So ging es jetzt von Tag zu Tag. Die Kathrins-Wesel führte den kleinen Haushalt, und die zwei älteren Kinder lasen Fische auf, die von den Wagen fielen. Und ich bekenne mich hier ohne Reue zu der Sünde, daß so mancher Fisch wahrscheinlich nicht hinabgerutscht wäre ohne meine Mithilfe. –



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VI.

AN DEN BLAUEN BERGEN

Kurz vor Weihnachten trat eines Tages ein deutscher Mann in unsere Kellerstube in Astrachan, stolperte über die Schwelle, fluchte und fragte, ob wir die „Samarer Lait“ wären.

„Ja freilich“, meinte der Antonsvetter, „mir sin aus dem Samarsker Gubernje“.

Der Mann trat darauf vor, setzte sich an den Tisch, schob die „Woble“ weg und sagte stracks heraus, er brauche einen „Bua“, als Gehilfe zu seinem „Samarer Milla“.

Der Antonsvetter reinigte langsam seine Pfeife, stopfte sie und schlug mit seinem Stahlzeug Feuer. Dann fragte er den Fremden, wo denn die „Miehl“ stehe, und wer er, der deutsche Mann, sei?

Der Fremde hieß Johann Lindle, ein Auswanderer aus den ukrainisch-deutschen Kolonien an der Molotschna. Er wohnte draußen in der uralisch-kosakischen Steppe, auf dem deutschen Chutor Friedenthal bei der Eisenbahnstation Tschalykla. Mit dem Lande, erzählte der Mann, steht es dort schlecht; und so habe er sich eine „samarische“ Windmühle gekauft und dazu einen Müller aus den Kolonien gemietet. „Awa 's isch zu vill Arwit for a Mensch“, schloß er, und er wolle noch einen „Bua“ als Gehilfe mieten. Ob er den „Bua“ dort in der Ecke nicht haben könne, meinte er, und zeigte dabei auf mich. –

Mein Antonsvetter antwortete, ich sei ja nur ein Bruderskind zu ihm, er könne also nicht über mich verfügen. Wenn man freilich gut zahle und der „Jung“ mit wolle, habe er nichts dagegen. Meine Eltern könnten etwas Geld schon gebrauchen.

Dann schauten beide, der Antonsvetter und der Fremde, auf mich.

Ich wußte, daß es meinen Eltern recht wäre, wenn ich etwas Geld mitbrächte, und so willigte ich bald ein: 5 Rubel monatlich und die Kost beim „Samarer Milla“. Noch am selben Abend fuhren wir ab, und zwar auf der Eisenbahn.

Ich war früher nie auf der Eisenbahn gefahren. Unser Dorf lag 10 Werst von der Bahn entfernt. Wohl hatte ich manchmal, wenn ich vom Vater im Herbst hie und da nach Kosakenstadt mitgenommen wurde, die lange Reihe von „Haiser uf



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Rädder“ gesehen mit dem pustenden und pfeifenden „Ofen“ davor. Ich hatte eine geheime Furcht vor diesem Ungeheuer. Und doch zog es mich so sehr zu ihm hin! Derselbe Trieb, der mich jeden Weihnachtstag verleitete, dem am Abende vorher vom „Chrischtkindje“ geschenkten papiernen Pferdchen den Bauch aufzuschlitzen, trotz der harten Schläge der Mutter, um zu erfahren, was da innen drin sein möge, derselbe Trieb zog mich immer, wenn ich die Eisenbahn sah, zum „Ofen“ hin. – Außerdem legte ich jedes Mal einen Nagel auf die Schienen und betrachtete ihn nach dem Vorbeigehn des Zuges mit einer gewissen Ehrfurcht. In meiner rechten „Koftjetasche“, die immer zerrissen war, hatte ich schon ein ganzes Museum gesammelt von derartigen Gegenständen, die ich gelegentlich meinen Bekannten geheimnisvoll zeigte. –

Also jetzt saß ich auf einmal mit dem Vetter Johann Kindle in so einem „Haus auf Rädern“, in einem Wagen dritter Klasse! Mein Vater saß noch nie darin! Von meinen übrigen Verwandten nur diejenigen, die fortgezogen sind! – Aber wie das nett war in dem Wagen! Wie die Räder immer so regelmäßig klopften! Und draußen zogen Telegraphenposten, Dörfer und Felder an uns vorüber. Und warm war es im Wagen, und oben brannte elektrisches Licht. Wenn jetzt meine Kameraden in Marienheim wüßten – vor allem die Marie – wie ich so hübsch fahre!..

Wir legten uns schlafen, und ich träumte von Vater und Mutter und kleinen Geschwistern. Alle säßen in der Mühle, und ich schüttete immer Getreide auf und rief: Jetzt haben wir immer Brot. –

Am Morgen weckte mich Vetter Johann: „Aufstehna Fritz, gleich kommt unsa Stanzje!“ – Wir stiegen aus, und auf dem Bahnhofe sah ich ein ziemlich buntes Völkergemisch: Kirgisen, Tataren, Kosaken, Kleinrussen und Deutsche. Hinter dem Bahnhof hielt ein deutsches Gespann, zwei Pferde vor einem Kastenschlitten, der Sohn vom Vetter Johann war gekommen, den Vater abzuholen. Ein großer Wolfshund hatte nicht üble Lust, mich sofort zu beißen. Man nahm mich in die Mitte, zwischen Vater und Sohn, damit ich mich erwärme; und schon jagten die ungeduldigen kleinen Kirgisenpferde durch die endlose weiße Schneesteppe dahin. Aus dem tiefen Schnee ragten überall rote Burianstengel heraus, so daß das Landschaftsbild ganz neu war für mich. – In einigen hundert Schritt Entfernung trabte ein Rudel Wölfe, ich konnte 16 zählen. Die Pferde wurden unruhig und schnoben, der Hund kam



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zu uns in den Schlitten. Vetter Johann legte die Flinte zurecht. – Aber die Wölfe kehrten sich nicht an uns. – In etwa zwei Stunden kamen wir in dem kleinen Dörfchen an. –

* * *

Friedenthal gehörte zu den vier kleinen Dörfern, die Anfang des Jahrhunderts von Kolonisten aus Südrußland gegründet worden waren. Die Einwohner waren meist ärmere Wirte, welche ihre Heimat an der Molotschna wegen Landmangel verlassen hatten. Dort gab es von jeher nur „erbliches“ Land, 60 Deßjatinen die Wirtschaft. Hatte ein Bauer mehrere Söhne oder war die Wirtschaft durch Vererbung ohnehin schon in kleinere Landanteile zersplittert, so mußten eben einige auswandern. Nur war das Auswandern im Süden viel besser organisiert als an der Wolga. Die Gemeinden verfügten über gewisse Mittel, zum Teil noch aus den früheren „Schäferkassen“, um am Ural, Sibirien usw. für ihre Landlosen Ländereien ankaufen zu können. Außerdem war und ist der südrussische Kolonist unternehmungslustiger und weniger an das Gemeindewesen gebunden als der Wolgabauer. Dieser, selbst wenn er sich aus Not zur Auswanderung entschließen muß, tut es immer mit der Absicht, sich etwas Geld zu verdienen und wieder heimzukehren, während der „Südner“ sich eher seiner neuen Umgebung anpaßt. –

Friedenthal war also durch Ankauf eines adeligen Grundstückes im äußersten Osten des Samarischen Gouvernements entstanden. Die Wirte bekamen von 80 bis 200 Deßjatinen Land. – Aber die Steppe benahm sich zu launisch und unfreundlich den neuen Ankömmlingen gegenüber, die an ein wärmeres Klima und andere Ackerbauverhältnisse gewöhnt waren. Die Wolga- und Uralsteppe fordert ihre besondere Behandlung, wenn ihre Bewohner sich von ihr nähren wollen. Der Bauer darf vor allem im Frühjahre nicht versäumen, den Samen in einigen Tagen unter die Erde zu bringen; verpaßt er diese Zeit, so geht die Saat nicht auf. Denn auf einer Stelle liegt oft noch Schnee, während es auf der anderen schon staubt. Außerdem muß der Landmann genau beobachten, wie es „wintert“; davon hängt es nämlich ab, ob im Frühjahr flach oder tief gepflügt, ob das Hauptgewicht auf Getreide oder Hackfrüchte gelegt werden muß usw. – Alle diese Erfahrungen gingen den südrussischen Deutschen ab, und daher kam es, daß die meisten in einigen Jahren abgewirtschaftet hatten, ihr Land an die staatliche Agrarbank ver-



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kauften und weiterzogen nach Ufa, Orenburg oder Omsk, um sich eine neue Heimat zu gründen. Die Hälfte der Häuser in Friedenthal standen daher leer, die noch zurückgebliebenen Bauern pachteten sich ihr gewesenes Land von der Agrarbank. – Mein neuer Herr, Johann Lindle, dagegen, hatte in den Wolgakolonien eine holländische Windmühle gekauft und verdiente durch den Malter sein Brot. –

Diese holländischen Mühlen an der Wolga haben auch ihre Geschichte. Zimmerleute aus der Mitte der ersten Ansiedler bauten sich nach dem Muster ihrer alten Heimat Mühlen – ein großes hohes Gebäude mit dickem Bauche und vier Flügeln. Sie beherrschten länger als ein Jahrhundert das Steppenbild. Für Wassermühlen waren die trägen Steppenbächlein, die ihre Wasser nur mit Mühe bis zur Wolga schleppten, nicht geeignet. Kam ein völlig trockenes Jahr, so wurde das Wasser von dem glühheißen durstigen Steppensande aufgesogen und das Mühlenrad konnte „verlechen“. Wind dagegen gab es immer genug, sei es eiskalter oder glühheißer. – Als dann aber zu Anfang des 20. Jahrhunderts auch in den größeren Kolonien Dampfmühlen gebaut wurden, begannen die Windmühlen eine Wanderung nach dem Osten. Und auf diese Weise kam auch eine nach Friedenthal, zu Johann Lindle. –

Am nächsten Morgen nach unserer Ankunft führte mich Vetter Johann zum Müller, der in einem kleinen Hause unweit der Mühle auf einer Anhöhe wohnte.

„He, Vetter Willem“, rief er dem Müller zu, „ich hab aich do 'n Samarer Bibla als G'hilf brocht“.

Der Müller hielt in seinem Gesange inne und trat hinter den Mehlsäcken hervor. Es war ein etwas rötliches Männchen und machte durch seine Figur einen komischen Eindruck.

„Schun recht“, sagte der Mann, „wann 'r nor aach was kann“, und deutete auf mich. „Wo bischt dann her, Jung? – Vun Marienheim? So, so. Un wie schreibst dich denn? – Gell du bist den Druschke sei Jung? – So, so. Dai Großvater han ich arig gut gekennt, des war 'n großer Snakom zu mir.“

„Ja un wo said dann Ihr her, Vetter, wann mr froe derf?“ wagte ich etwas schüchtern zu fragen.

„Ich? Aach vun Marienheim. Ich sin dr Vetter Willem“. – „Woll der Vetter Willem, von dem die ville V'rschtouljer "Historchen" herstamme?“

„Ja, awer do is die Hälft gelou drvun!“



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Das war meine Einführung in den neuen Dienst. Vetter Johann ließ mich in der Mühle und ging heim. Ich wußte zuerst nicht recht, ob das nun alles Wirklichkeit war oder nicht. – Ich hatte immer gedacht, „Vetter Willem“ habe einmal irgendwo gelebt wie Till Eulenspiegel, sei aber schon lange tot. Man erzählte auch immer von ihm in der Vergangenheit. Dabei wußte man oft nicht, ob die Streiche von Eulenspiegel, den sieben Schwaben, Münchhausen oder Vetter Willem herrührten. Alles floß durcheinander. Später begriff ich freilich, daß „Vetter Willem“ nur ein Sammelbegriff für alle Streiche und allerhand „Kumedjer“ war, die sich mit der Zeit ein Existenzrecht im Volksleben erworben hatten. Fast jedes Dorf hat seinen Eulenspiegel oder Münchhausen; bei uns hieß er „Vetter Willem“, in einer Nachbarskolonie „roter Peter“, in einer anderen „Weirich“ usw. –

Ein kurioser Mensch war Vetter Willem, mein Müller in Friedenthal, immerhin, und einen Teil der ihm zugeschriebenen Schwänke, „Riss“ und „Goune“ hat er sicher auf dem Gewissen. Das Seltsamste war das Miniaturhafte in seiner ganzen Erscheinung: ein kleiner roter Kopf auf einem kurzen dicken Rumpf, eine zwiebelähnliche Nase, immerfort blinzelnde graue Äuglein und große Ohren, mit denen er watscheln konnte wie eine Ziege. Grimassen konnte er schneiden wie der alte Affe, den ich im Astrachaner Tiergarten gesehen hatte. – Auch der ganze Haushalt in dem Häuschen war eine Miniatur, angefangen von seiner Frau Lisbeth, die wie ein zehnjähriges Mädchen aussah, bis hinab zu den Stühlen, Tischen und dem Wasserfasse auf dem Hofe. Jeden Nachmittag spannte sich Vetter Willem vor das Wasserschlittchen und fuhr zum Teich – Brunnen gab es nicht – nach Wasser. Ich ging hintenher, trug den Eimer und half „drücken“. –

Ich gewöhnte mich bald an das Leben in der Mühle. In aller Frühe kochte uns die Lisbeth-Wesel eine warme Suppe; nach dem Essen – draußen war es noch dunkel – nahm Vetter Willem eine zweiläufige Flinte, und wir gingen zur Mühle. Es gab ungeheuer viele Wölfe, die besonders im Frühjahr während der Brunstzeit das Dörfchen förmlich belagerten. Alle Stallungen und Wohnungen mußten fest verschlossen werden, und wenn jemand in der Nacht fahren mußte, was nur in der größten Not geschah, zündete er immerfort Strohbündelchen an und warf sie auf den Weg. –

Betraten wir also mit der Flinte den Hof, so wichen die Wölfe etwas zurück, und wir setzten die Mühle in Gang. Es



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ist das keine so leichte Arbeit; besonders bei der körperlichen Schwäche des Vetter Willems dauerte es immer eine geraume Zeit, bis das Räderwerk in Gang kam. Ich half dann oben aufschütten und unten die Mehlsäcke an- und abbinden, ebenso Mehl und Kleie „einstumpe“. Vetter Willem unterhielt sich mit den russischen Bauern, die Getreide brachten, schrieb alles hübsch ein und gab Quittungen. Seine Buchstaben sahen zwar aus, daß sie niemand lesen konnte, aber das machte nichts. Wenn gerade Vetter Johann nicht auf den Wind und schlechte Zeiten schimpfte, so waren wir vergnügt und sangen. Unser Lieblingslied, besonders des Vetter Willems, war das Lied vom Müller und Ziegenbock.

Wer hat dich denn geschlagen,

Mein Ziegen der Bock,

Mein Ziegen der Bock –

       Der Müller, der Müller,

       Mein gnädiger Herr,

       Mein gnädiger Herr.

Womit hat er dich denn geschlagen,

Mein Ziegen der Bock,

Mein Ziegen der Bock –

       Mit 'm Stock an den Kopf,

       Mein gnädiger Herr,

       Mein gnädiger Herr.

         usw.


Dabei mußte ich freilich immer die wenig dankbare Partie des Ziegenbockes singen. –

Abends zu Hause machte sich Vetter Willem etwas gemächlich. Da lag er nach dem Abendessen auf der Bank hinter dem warmen Ofen, und die Lisbeth-Wesel saß vor dem Ofen auf einem Lederschemel und strickte. Der Alte rauchte seine Pfeife und ließ sie zu Hause nie kalt werden, da er in der Mühle nicht rauchen durfte. So war er stets in der kleinen Ecke in eine Rauchwolke gehüllt und grunzte vor Vergnügen. Er hatte offenbar immer das Bedürfnis, jemandem Episoden aus seinem Leben zu erzählen. Und da ich sein einziges Publikum war – die Lisbeth-Wesel hörte nie zu, so wandte er sich an mich. Das beliebteste Thema war die Geschichte von seinem Fuchs. Gewöhnlich begann er:



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"Ja, Fritz, frieher is mr's arig gut gang. Un des han ich alles maim Fuchs zu verdanke. Mai bißje Zaig, wu ich noch han, stammt jo alles vun sellemol.

Sitz ich do mol in der Kawak mit vill Mannslaid zamme un gulai, un do ware aach tichtige Jemschike mit gute Per drunner. Awer mai Fuchs war doch 's beschte Perd in ganz Rußland. Un do kummt een Jemschik zu mr un saat:

„Willem, verhandel mr doch dai Fuchs, der soll jo so sakermentisch gut sin“.

„Kann mr. Wievill gibscht zu?“

„Zwanzig Ruwel“.

„Ing'schlaa“.

Und do sitze mr und drinke Magritsch.

Kummt 'n anrer Jemschik un saat: „Willem, verhandel mr doch den Schimmel, wu'scht jetz grad gehandelt hascht!“

„Wievill gibscht zu?“

„Dreißig Ruwel!“

„Ing'schlaa“.

Un so sitze mr un trinke Magritsch. Kummt wieder ein Jemschik un saat: „Willem, verhandel mr den Rapp!“ – Un so is 's fortgang bis zum Morget. Do han ich 'n großer Haufe Geld g'hat. Un wie ich rausgeh un will mr mol des Perd ansien, wu ich d' letscht gehandelt han – was menscht, Fritz? – 'S war mai Fuchs! Un do hat des traie Perd die helle Freedeträne gekrisch, weil's wieder bei mir war! Un ich han des ville Geld g'hat!"

Auf die südrussischen Deutschen in Friedenthal war Vetter Willem schlecht zu sprechen. Sie waren ihm zu „guratzig“ und verstanden vor allem seine Spässe nicht. Dagegen die Wolgaer, besonders die Marienheimer, ja, die wußten, warum sie lebten und verstanden vor allem Spaß.

"Fahr ich emol dorch's Dorf", erzählte Vetter Willem, "'s war im Summer Sunntags owend, un vill Mannslait stehn uf dr Gaß. Un do rufe mr etliche zu: „Hall doch mol Willem un belüg' uns 'n bißche!“

„Nee, han ich g'sagt, ihr Mannslait, ich han jo gar kee Zait; 's Kerschegrawe Damm is ausg'riß un do lait dr Grawe voll Fisch. Ich will mr hortig 'n Wag' voll holle“. – Un han druff g'schlaa uf mai Fuchs un jeh! Un was menscht, Fritz? Alle Marienheimer han die Wäg'n ing'spannt und sin an dr Kerschgrawe g'far, weil 'n jeder Fisch nemme wollt. – Natirlich han ich mich schepp g'lacht! Weil 's Damm war grad noch so wie's war. Die Marienheimer han tichtig g'lacht un han nor g'saat:



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„Sakerment, wie hätt' uns der Willem erscht ang'fihrt, wann der mehr Zeit g'hat hätt!“" – Die Friedenthaler, meinte Vetter Willem, hätten ihn wohl dafür totgeschlagen.

Darin mußte ich dem Alten freilich recht geben. Die südrussischen Deutschen sind nun mal ganz anders als die „Wolgaer“. Ich wunderte mich sehr, wie die Leute in Friedenthal ohne „Maistube“ sein konnten, wie sie immer so brummig und allein für sich lebten und einer sich um den andern nicht kümmerte. Arbeiten taten sie wie Maulwürfe von morgens früh bis in die Nacht; auch die Kinder wurden nicht geschont. Dabei ewiges Mißgönnen gegeneinander. Kalbte die Kuh des Nachbars ein Mutterkalb, gleich hieß es: „Die sucht's Glück“. Wuchsen die Kinder des andern etwas schneller, so sagte man: „Sehn 'er denne ihre Buwe sen schun so stark, die brauche bald ka Knecht meh!“

Wir „Samarer“ standen bei ihnen in schlechtem Ruf. Das hat auch seine Geschichte. – Die Kolonisten im Süden kannten die Wolgadeutschen nur durch zwei Vertreter: Schulmeister und Hirt. Besonders seitdem das „Sterben“ in den Wolgakolonien so überhand genommen hatte, zogen viele landlose Leute, „Wandervögel“ und Bettler, in die Schwarzmeerkolonien. Der südrussische landlose Kolonist verstand ja seinen Bruder von der Wolga, aber der südrussische deutsche Großbauer entschied eben kurz, die „Samarer“ müßten alle „liddrig“ sein und wollten nicht arbeiten. Daher der stehende Ausdruck „liddriger Samarer“.

Die Friedenthaler hatten auch einen „samarischen“ Schullehrer, namens Haller, einen gewesenen Seminaristen. Das war ein Sonderling! Um die Schule bekümmerte er sich, aber auf ganz besondere Art, die den Bauern nicht einleuchten wollte; aber das Bethaus, das vernachlässigte er ganz. Er tat am liebsten „jägdle“ mit zwei weißen Windhunden und einer zweiläufigen Flinte. Und die Schüler halfen ihm dabei. Schulunterricht gab er am liebsten im Freien: da lernten die Kinder Naturgeschichte, Geographie und Erzählen. Die Bauern schüttelten nur die Köpfe, waren's aber soweit zufrieden. Mir half Haller viel; er gab mir Anweisungen zum Studium und Bücher. Dagegen war der Gottesdienst an Sonn- und Feiertagen ein wahrer Jammer. Der Schullehrer war nämlich just an diesen Tagen oft betrunken und verwechselte alle Gebete und Lieder. Den Männern war das Wurst; aber die Frauen machte er sich dadurch zu Feinden. Wenn die Bauern sagten: „Die Kerch is ka Grot und hupst net fort“, so schalten die



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Frauen umso eifriger auf Haller und meinten, es sei eine Schande mit so einem Schullehrer. Aber was konnte man da machen? Haller hatte die beste Eigenschaft eines Lehrers, er diente billig. – Und dennoch brachte eine Geschichte ihn im Frühjahr um seine Stelle.

Die Sache verhielt sich so. Eines Tages ließ der alte Herr Pfarrer in Kosakenstadt ankündigen, er habe eine Sehnsucht, zu Pfingsten seine in der weiten Steppe zerstreuten Schäflein zu besuchen. Das nun mit vielen Unannehmlichkeiten für Friedenthal verbunden. Die Männer fluchten im Geheimen, denn jeder Besuch kostete ihnen einen Rubel auf die Seele. Aber das war noch nicht das Schlimmste. Als der Dorfschulze sich für den Zustand des Bethauses etwas näher interessierte, stellte es sich heraus, daß der Schullehrer den großen Herrgott zwar am Karfreitag, wie sich's gehört, ins Grab gelegt hatte, aber in der Osternacht mitsamt dem Dorfältesten betrunken war und vergaß, ihm vom Tote auferstehen zu lassen. So lag also der Herrgott noch wochenlang im Grabe, und als Frau Haller die Fenster des Bethauses öffnete, stiegen Ziegen hinein und fraßen ihm Haupthaar und Bart weg. Diese Sache kam jetzt in die Öffentlichkeit, und man fürchtete mit Recht, daß der alte Pfarrer einen Mordskrach machen werde. Außerdem entdeckte der Dorfschulze bei seiner Revision, daß Frau Haller den ganzen Winter über den Altarkasten als Entenstall benutzt hatte, und da kann man sich vorstellen, wie der jetzt aussah! Die Frauen zogen vors Schulhaus und nannten die Frau Haller mit allen Kosenamen. Aber das war noch immer nicht das Schlimmste: die Frauen konnte man schließlich noch beschwichtigen. Die Hauptschwierigkeit bestand darin, daß es im ganzen Dörfchen kein „Sekrethäusl“ gab!! – Alle gewöhnlichen Sterblichen – na ja, die liefen eben hinter die Stroh- und Heuschober oder in den hohen Burian. Aber dem alten Pfarrer konnte man das doch nicht zumuten! Als er im vorigen Jahre hier war, so kam das ganze Dorf deswegen in Verlegenheit. Und der alte Herr hatte ausdrücklich gebeten das letzte Mal, der Dorfschulze müsse für ein „Sekrethäusl“ sorgen. – Doch da war guter Rat teuer. Denn in der Steppe ist das Holz so rar wie weiße Raben. Aber was sein muß, muß sein. Mit schweren Herzen kollektierte der Schulze Geld ein, ließ Bretter kommen, und bald stand ein bunt gestrichenes Häuschen unweit des Schulhauses. Es wurde von allen Durchfahrenden wie ein Wunder angestaunt. –



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Der Pfarrer kam. Er erfuhr natürlich die ganze Geschichte mit dem Herrgott und dem Altar und runzelte die Stirn. Die Unkenntnisse der Schulkinder in Bibel und Katechismus verstimmten ihn noch mehr. Haller bekam viele Rügen, sogar in der Predigt. Als der dicke Herr jedoch abreiste, und sein Wagen mit Enten, Butter, Eiern usw. gefüllt war, schlug er versöhnende Saiten an. Alles schien gut zu sein.

Eine Woche später stand die ganze Geschichte mit dem „Sekrethäusl“ in der Zeitung, und wieder einige Zeit später erschien der Urjadnik mit einem Papier beim Schulzen mit vielen Stempeln. Darin stand, Haller habe Friedenthal zu verlassen.

* * *

Im Sommer erweiterte sich der Kreis meiner Bekannten bedeutend. Auf den schwerfälligen russischen Getreidewagen mit plumpen Rädern und Holzachsen, die jeden Tag ächzend und krächzend zur Mühle kamen, saßen auch oft russische Jungens mit weißen Haaren und grauen Augen von meinem Alter. Russisch verständigen konnte ich mich schon, und so war bald Freundschaft mit ihnen geschlossen. Von nun an verbrachte ich den Sonntag mit diesen meinen Bekannten in dem russischen Nachbarsdorfe Osinki. Da ging es lustig her: Basar, Karussell, billiger Kwas und viele Süßigkeiten. Außerdem „Semetschki“, Gesang und Musik.

Die russischen Bauern in Osinki lebten sehr arm. Sie besaßen auch kein Land. Früher waren sie leibeigen, dann brachte ihnen das Manifest von 1861 zwar die Freiheit, aber kein Land. Was half ihnen da die Freiheit? Sie mußten nach wie vor für die Gutsbesitzer arbeiten.

In der Umgegend lagen viele Gutshöfe. Sie waren groß und sahen mit ihren roten Ziegeldächern aus wie eine kleine Stadt. Um Osinki herum lagen die „Utschastki“ von Karebanow, Kobsar, Morosow und Trinkyn. Jeder dieser Gutsbesitzer besaß mehrere „Utschastki“ mit vielen Tausenden von Deßjatinen Land. Die Herren selber, so erzählten mir die Väter meiner Bekannten, kamen höchst selten, sondern wohnten in Petersburg, Berlin und Paris. Die Güter wurden von „Prikaschtschiki“ verwaltet. Die Arbeitskraft, Maschinen und Vieh reichten natürlich nicht hin, um solche Riesenflächen zu bearbeiten. Und so ging das ganze Dorf Osinki jedes Frühjahr, Sommer und Herbst mit Vieh, Wagen und Menschen auf die Gutshöfe „na sarabotki“. Dann sahen die Felder aus wie



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Ameisenhaufen. – Der knappe Verdienst reichte gerade aus, um nicht leben und nicht sterben zu können.

Von meinen damaligen jungen Freunden erinnere ich mich besonders lebhaft des weißhaarigen kleinen Waska. Der hatte eine Ziehharmonika und war immer lustig, obwohl er keinen Vater mehr besaß und sehr arm lebte. Sein Vater half 1905 den Gutshof Karebanows stürmen und wurde von den Kosaken erhängt.

Einen anderen guten Freund fand ich im Sommer damals in dem Friedenthaler Hirten – einem etwa fünfzehnjährigen Kirgisenjungen Kuschindai. Es lag etwas Fremdes und doch Anziehendes in dem milden Lächeln des gelben und verbrannten Gesichts mit den kleinen Schlitzaugen. Er trug im Winter wie im Sommer immer dieselbe Kleidung: den langen Kaftan mit Gürtel, die Kirgisenmütze und Filzstiefel. Morgensfrüh stellte er sich mit seinen krummen Beinen mitten auf die Straße, knallte mit der Peitsche und rief singend: Ai-dai-dai Kuschindai, Kuschindai! – solange, bis die „Moidle“ alles Vieh zusammengetrieben hatten. – Abends besuchte ich ihn manchmal; er wohnte und aß bei den Bauern „die Reih rum“. Kuschindai sprach gebrochen russisch und nannte uns „Alleman“; er erzählte, dort hinter den blauen Bergen wohnten seine Eltern und Geschwister in „Jurten“. Sie seien arm. Im Herbste werde seine Schwester heiraten, dann wolle er bei seinem Schwager wohnen.

Wirklich, im Herbste kamen Reiter auf geschmückten kleinen Pferden. Es waren Verwandte des Bräutigams, und sie holten Kuschindai. Vetter Johann, in dessen Mühle viele Kirgisen verkehrten, wurde eingeladen, und Kuschindai bewirkte, daß auch ich mitkam. Wir ritten einen ganzen Tag. Überall, wo wir an Kirgisenjurten vorbeikamen, wurden wir freundlich begrüßt. Am Abende waren wir an den blauen Bergen. Sie waren gar nicht blau, sondern aschgrau und weißgelb. Schullehrer Haller hatte mit erklärt, es seien die letzten Ausläufer der uralischen Bergkette Obschtschi Syrt; auch fielen mir hier die Erzählungen meines Großvaters ein, daß an dieser Stelle vor 150 Jahren die gefangenen Marienheimer von dem Major Goguel und seinen Leuten den Kirgisen abgejagt worden seien. Damals war auch mein Ur-Urgroßvater dabei. Das klang alles wie ein Märchen. Wir ritten immer weiter in die uralische Steppe hinein, immer gegen Sonnenaufgang, und spät in der Nacht kamen wir bei Kuschindais Eltern an. Ich erinnere mich nur noch, wie man uns in eine mit Teppichen geschmückte



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Jurta führte, wo Kirgisen im Kreise am Boden saßen. Vetter Johann kam oben hin zu sitzen neben den Hausherrn, ich neben Kuschindai. Dann nahm der Älteste einen gebratenen Hammelkopf, biß etwas davon ab und reichte ihn die Reihe herum; Hammelfleisch und Kumys folgten. Ich muß bald betrunken geworden sein von dem säuerlichen Getränke aus Stutenmilch. Jedenfalls, als ich erwachte, stand die Sonne schon hoch am Himmel. Draußen vor den Jurten veranstaltete die kirgisische Jugend ein Wettreiten. Unsere Gastgeber brachten mich und Vetter Johann wieder zurück nach Friedenthal; Kuschindai blieb in den Jurten.

Im Spätherbst mußte auch ich von Friedenthal scheiden. Vetter Johann verkaufte nämlich seine Windmühle nach Uralsk an einen Kosaken; sie was nicht mehr rentabel. Auf dem Morosowschen Gutshofe hatte man nämlich beim Graben eines Brunnens Brenngase in der Erde entdeckt. Sofort baute man eine Riesendampfmühle, welche die ganze Umgegend mit Mehl versorgte.

Vetter Willem lud eines Tages also unsere Habseligkeiten auf ein Wäglein, spannte sich davor; ich und die Lisbeth-Wesel halfen „drücken“. So gingen wir zusammen bis zur Eisenbahnstation Tschalykla. Vetter Willem fuhr nach Astrachan, ich – nach meinem Heimatsdorfe zurück.

VII.

WOHIN?

Daheim sah es traurig aus.

Der ältere Bruder arbeitete als Knecht, die jüngeren Geschwister saßen alle auf der Ofenbank, hatten bleiche Gesichter, matte Augen und sahen einer Brut junger Raben ähnlich. Sie dachten an Essen.

Vater und Mutter waren in dem Jahre meiner Abwesenheit sichtlich gealtert; auch klagte der Vater über kranke Augen. – Die Familie hatte eine Aussaat von fünf Deßjatinen „um die Hälfte“ gemacht, sich mit den zwei matten Pferden fürchterlich abgeplagert. „Und schun widder will 's Brot



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nit reeche“, sagte die Mutter. „So, Fritz, jetz bischt aach du noch do“, schloß der Vater – „zum esse“.

Im Ochsengrund sprach man viel vom Fortziehen. Nicht mehr als Wandervögel. Nein, ganz fort, und auf immer, eine bessere Heimat suchen. Was soll der Bauer ohne Land machen? Und in die Fabrik werden nur wenige aufgenommen.

„In Brosilje soll 's glaab so arig gut sin. Dohin sin die Petersch Kinner vor drei Jahr gezoh und sin jetz raiche Lait.“ So erzählte man abends in den Maistuben. Nur müsse man viele Bäume hauen, und auch die Fliegen seien lässig. Aber die Auswanderer aus Marienheim, Herzeneck und Grabendorf, die damals, vor 30 Jahren, als die Große Hungersnot war, nach Brasilien gezogen sind, schrieben recht aufmunternde Briefe.

„Wann nor 's Land gut is“, meinten die meisten: „quäle misse mr uns iverall.“

Bald hatte sich eine Gruppe von Ochsengrunder Familien zusammengeschlossen; man fuhr zum „Achent“ der brasilianischen Regierung nach Saratow, um die näheren Bedingungen zu erfahren. Eine weitere Gruppe bildete sich nach Argentinien. Das hing meist von den Verwandten „drüben“ ab, welche die Fahrkarten zu schicken hatten. – Auch nach den Vereinigten Staaten gingen manche. Die Arbeit sei dort zwar sehr schwer, aber leben könne man. Auch scherzten die Frauen, dort wollten sie mal „die Hos anziehe“. Die meisten zog's aber nach Argentinien. „Dort ham'r dieselb Stepp wie bai uns un braiche ke Beem z' hacke. Wann nor die Spannjer ke so wildes Volk wäre. Awer Klapot hat mr ewe iverall“. – Nur hatten die meisten das Geld nicht für die Fahrt über den Ozean. Und so kam es, daß der größte Teil der Auswanderer sich nach Sibirien wandte. Zwar hatten frühere Versuche von Ansiedlungen in der Umgegend von Omsk und Tomsk ein klägliches Ende genommen: meist kamen die Familien nach zwei-drei Jahren zu Fuß oder „uf dr Achs“, als Bettler in ihr Heimatdorf zurück. Daher auch das Liedchen in Marienheim:

Omske, Tomske, kaltes Loch

Hätt ich nor mai Geldje noch.

Jetzt aber hatten sich ungefähr hundert Familien zusammengeschlossen, die durch die Bemühungen eines Lehrers im Gouvernement Akmolinsk Land und „billige Fahrt“ auf der Eisenbahn erhielten. Im Frühjahr sollte es gehn.

Ein Onkel von mir, der Martinsvetter, zog nach den Vereinigten Staaten. Sein Schwager hatte ihm Fahrkarten geschickt.



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Der Antonsvetter ließ sich in die Liste der „Sibiraker“ eintragen. Die beiden freiten viel an unserem Vater, er solle doch auch auswandern. Der Ochsengrund gehe zu Grunde, werde ganz vom „Tal“ aufgefressen. „Und du hascht vill Buwe“, meinte der Antonsvetter, „kriescht in Sibiri vill Land. Dohi muscht ball bettle gehn.“

Aber bei Vater und Mutter zog es schlecht.

„Was hat mr schun mit Land, wann mr 's nit bearweite kann?“ war stets die Antwort des Vaters. „Aach is mai Auelicht zu schlecht, ich sin kein richtiger Arwaiter meh, un die Kinner sinn noch so jung zum Schaffe“.

Und die Mutter fügte noch hinzu, „'s kann aach nimmeh lang daure, daß die arme Lait ohne Land blaiwe“.

An einem sonnigen Frühlingsmorgen fuhr der Antonsvetter mit seiner Familie an die Station. Mit ihm eine lange Reihe von anderen bekannten Familien. Vater und Mutter weinten, und der gutmütige, frohe Antonsvetter auch. Alle fühlten, daß sie sich nicht mehr sehen werden. „Blaibt halt all scheen g'sund“, rief der Antonsvetter uns nach, „un kummt aach ball noh; 's immer besser, wann die Fraindschaft baisamme is“.

In derselben Zeit zog auch unsere Nachbarin mit der kleinen Marie fort. Ganz unerwartet trat eines Tages ein hoher Herr mit Schnürstiefeln und Uhrkette ins Nachbarhaus, polternd und fluchend in einer kauderwelschen Sprache: es war Mariens Vater aus Amerika, und schimpfen tat er auf die russische Polizei, die seinen Koffer gestohlen hatte. Nach langer Abwesenheit war er gekommen, die Familie nach Amerika abzuholen. Dort hatte er einen größeren Laden, so sagte er wenigstens.

Mein Verhältnis zu Marie war etwas kühl und komisch geworden. Sie war schon ziemlich stark gewachsen und half der Mutter bei fremden Leuten arbeiten. Ich sah sie sehr wenig, und jedesmal, wenn ich sie sah, wurde ich ohne Grund über und über rot und stolperte auf ebener Straße. Als sie wegzogen, reichte sie mir sehr vornehm die Hand und teilte mir mit, ihr Vater habe es ihr versprochen, sie als Lehrerin studieren zu lassen. Darauf hob ich meine Mütze vom Kopf, machte eine leichte Verbeugung, – genau so, wie der Lehrer vor unserer Lehrerin immer tat – und ging in unseren Stall.

Die Ackerzeit war herangerückt. Der Vater ging zum Stummen Peter, und wir säeten wieder fünf Deßjatinen „um



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die Hälfte“. Den Sommer über wohnte die Familie wie gewöhnlich auf dem Landstück.

Eines Tages im Sommer ging das Gerücht, der Schulmeister habe in der Zeitung gelesen: ein fremder Thronfolger sei ermordet, und es gebe Krieg. Die Leute unterhielten sich viel darüber, aber niemand wußte, warum man denn kriegen müsse. Aber schon nach einigen Tagen kam ein „Expreß“ aus der Bezirksstadt mit einem Prikas, alle Soldaten der Reserve müssen fort. War das ein Jammer: Wozu kriegen? Für wen? Wessen Land ist denn in Gefahr? – Viel Zeit zum Nachdenken war da nicht: in der Nacht ging's noch fort. Die Mobilisierten zerschlugen die Schenke, und manche betranken sich. Wenn schon, dann schon. Auch der Urjadnik wurde gleich in einem verprügelt. In der Bezirksstadt hetzte dann die Polizei die russischen Soldaten auf die Deutschen: das seien Spione. Es gab große Prügeleien, wo sogar einige ihr Leben ließen. Die beteiligten Deutschen kamen sofort an die Front.

Im Dorfe und auf dem Landstück sprach man nur vom Krieg. Wenn der „kleene Japoner“ uns schon gehauen hat, was erst jetzt? Der „Daitsche“ soll Maschinen haben, mit denen man unter, auf und über der Erde und dem Wasser fahren, schwimmen und fliegen könne! Seine Kanonen schießen von Berlin bis Saratow – schon wollte man schießen hören. – Ein bekannter lutherischer Betbruder prophezeite, bald gehe die Welt unter. Briefe, sehr schlecht russisch geschriebene Briefe kamen, die nur der Dorfschreiber und ein Prikaschick im Konsumverein entziffern konnten, die meldeten von den ersten Toten. Deutsch schreiben war verboten. Es ginge schlecht, keine Munition, schlechtes Essen. Die Kolonisten werden als Spione behandelt und, von Kosaken begleitet, an die türkische Front geschickt.

Die Betschwestern im Dorfe wollten einen Himmelsbrief gelesen haben, den keines Sterblichen Auge sehen dürfe; in Jerusalem sei er auf die Erde gefallen und darin stehe: die Leute sollten Buße tun und Almosen geben. Die Betschwestern konnten auch Auskunft geben über das Schicksal der Seelen der Gefallenen: wieviel Messen, Gebet oder Almosen sie noch bedürften. – In der Dämmerung schlichen Frauen, etwas unter der Schürze tragend, zum Häuschen der krummen Betliese.

Daheim im Dorfe war das Deutschsprechen auch verboten. Ein russischer Polizist war als Vorsteher der Gemeinde geschickt worden. Wenn er an Sonntagen bei den Gemeinde-



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versammlungen sprach, so stießen sich die Männer an und fragten: „Was balatscht der Ruß?“

Dann hörte man wieder, es sei ein Gesetz erschienen, mit der eigenhändigen Unterschrift des Kaisers, worin geschrieben stehe, alle Kolonisten sollten weit nach Sibirien verschickt werden. Das wollte man nicht so recht glauben. Warum denn? Aber da ging der Urjadnik mit zwei Polizisten von Hof zu Hof und schrieb alles Vermögen auf. Das gefiel besonders den Leuten im „Tal“ sehr schlecht. Manche reichen Bauern und Händler suchten Auswege: ihre Söhne oder Töchter, oft Gymnasiasten oder Studenten, verheirateten sich mit Russen und ließen sich griechisch-orthodox taufen. Das Vermögen solcher Leute wurde nicht aufgenommen.

Immer mehr Tote wurden gemeldet. Krüppel und verwundete Soldaten kamen heim – manche „auf immer“, manche „auf otpusk“. Wann gibt's endlich einmal Frieden? Für wen kämpfen wir? Wessen Land beschützen wir? – Doch nur der Reichen. Warum sich also totschießen lassen? Aber der Krieg ging weiter. Monate kamen und gingen, und die Glocken, die man im Ochsengrund nur leise hörte, läuteten immer häufiger das schnelle dreimalige „Zusammen“, zum Zeichen, daß wieder jemand im „Kabkas“ gefallen ist. – Wo soll das hinführen? Wohin?

VIII.

AUF DER „UTSCHASS“

Im zweiten Kriegsjahr hatten die Wolgakolonien eine Ernte „aus achtzig“, d.h. ähnlich wie in dem Rekordjahre 1880.

Mannshoch stand der gelbe Roggen auf den unübersehbaren Feldern und wog, von dem Westwind leicht angefächelt, die schweren Ähren hin und her. Auch der „daitsche Kahlweez“ neigte den Kopf tiefer und tiefer unter der schweren Last der heranreifenden dicken Körner.

Hie und da ließ sich das rassenlde Räderwerk der Mähmaschine hören. Das galt dem Roggen.

Peter und Paul,

Die machen dem Korn die Worzle faul,



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sagt der Bauer, und macht die letzten Verrichtungen zur Ernte.

Heuer fehlte es an Arbeitskraft.

Frauen, Greise, Halberwachsene und Krüppel sollten die reiche Ernte einbringen. –

An Peter und Paul gab es nach dem Gottesdienste wie alljährlich auf der breiten Straße einen Menschenmarkt. Wer sich „verdingen“ wollte, kam dahin, und wer Knechte, Mägde, Tagelöhner oder Saisonarbeiter brauchte, kam auch dahin. Ein richtiger Menschenhandel. – Vor dem Kriege wimmelte die breite Straße an diesem Tage von ärmlich gekleideten Männern und Frauen, die entweder „'n naier Herr“ suchten oder sich „for die Ernt“ vermieten wollten. Dazwischen gingen die „Herre“ Arbeitgeber, taten, als ob es ihnen alles auf der Welt gleichgültig wäre und warteten oft bis gegen Abend, um den Eindruck hervorzurufen, als sei die Nachfrage nach Arbeitskräften sehr gering. – In diesem Jahre jedoch war es umgekehrt: da rafften besonders die „Utschassniki“ der Umgegend alles zusammen, was nur Hände und Füße hatte – denn es galt so schnell wie möglich Getreide auf den Markt zu werfen. Die Getreidespekulation begann sich damals schon zu entwickeln.

„Fritz“, sagte der Vater mit einem schweren Seufzer zu mir, „geh doch aach in die breet Gass; bischt jo noch zu schwach for 'n richtiger Arweiter, awer villaicht findscht aach 'n Herr“.

Ich stellte mich neben den Vater: mein Kopf reichte bis unter sein Arme. – Die Mutter meinte, es gebe sogar Männer, wie z.B. 's Hännesje, die seien noch kleiner als ich. So viel wie 'n Weibsbild könne ich auch wohl schaffen.

So setzte ich Vaters Mütze auf, zog seine Weste an – mit solchen „Bruschtlappen“ sah man männlicher aus –, zündete mir seine Pfeife an und begab mich in die breite Straße. Ich mag wohl recht komisch ausgesehen haben, denn manche bekannten Mädchen kiecherten und riefen mir was nach. Aber was kümmerte mich das! Ich wollte Arbeit, um der Familie etwas mithelfen zu können. Der älteste Bruder war bei den Soldaten, und Vater war fast ganz erblindet. Ich erinnere mich auch, daß ich ein ganz besonderes Gefühl von Selbstbewußtsein zur Schau trug.

Ich gesellte mich also zu den Erwachsenen. Sprach von Ernte und Dreschmaschine, von Krieg und Frieden. Klopfte bedächtig die Pfeife aus und stopfte sie wieder aus dem



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Katzenfell-Tabaksbeutel. Gebärdete mich mit einem Wort wie ein erwachsener Mann. – Aber dennoch wollte niemand anbeißen.

„Vun der Mähmaschin runnerschmeiße kannst nit“, sagte ein glattrasierter „Täler“, „un for Sprau wegschaffe sin die Waibslait besser“. –

So stand ich bis gegen Abend herum und gab schon jede Hoffnung auf. Da kam der Utschassnik Jodel auf mich zu, zog mir die „Kartus“ aus den Augen und redete mich an: „Ich han g'hert, Jingelje, du kennscht so gut lese un schraiwe. Is des wohr?“

Lesen und schreiben könne ich, war die Antwort, ebenso Schottschlagen und dreißig Zahlen aussprechen. Auch etwas russisch und kacholisch.

So, so. Dann dürfe ich mitfahren auf die Utschass. Der neue Verwalter verstehe nämlich nicht zu rechnen, auch nicht recht zu lesen und schreiben. Ob ich mit einem Rubel den Tag einverstanden wäre? Ob ich's war? Sofort lief ich zu den Eltern, verkündete ihnen die Freudennachricht und fuhr noch in der Nacht auf die Utschass. –

* * *

Die eigentliche Heimstätte des Großgrundbesitzes im Südosten des Europäischen Rußlands war die weite fruchtbare Steppe – zum Teil noch Ursteppe – zwischen der Wolga und dem Uralflusse. Wer erinnert sich nicht der vielen Gutshöfe mit dem stolzen Hauptgebäude, den vielen Stallungen, niedrigen Nebengebäuden, endlosen Strohschöbern und dem hohen Schwengel am Brunnen, der sich den ganzen Tag über ächzend auf- und abbewegte? – Solche „Utschasse“ lagen zu Hunderten zwischen den Kolonien – sie waren nicht selten aus zusammengekauften Kolonistenländereien entstanden – oder zogen sich zu beiden Seiten der großen Landstraße von Kosakenstadt zur „Naistadt“ hin. –

Eine solche „Utschass“ war auch der Gutshof von Jodels. Die Besitzer selbst – zwei Brüder – lebten ständig in Großwald, wo sie einen Laden hatten, und überließen die Verwaltung des Hofes einem „Prikaschik“. – Dieser wohnte im Hauptgebäude. Er hieß Iwan Jaklsch und war der frühere Oberknecht. Den alten Verwalter hatte man vor einem Monate zum Militär genommen. – In den Nebengebäuden hatte man Knechte und Mägde untergebracht. Etwas abseits in einer Lehmhütte wohnte der Hirt mit seiner Familie, ein Mensch,



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der schon dreißig Jahre lang bei Jodels das Vieh hütete. – Iwan Jaklsch empfing mich sehr mürrisch. Diese Rotznas solle rechnen können, besser als er, Iwan Jaklsch? – Er bildete sich nämlich ein, ein sehr gescheiter Mensch zu sein; betonte immer, er sei im japanischen Krieg Denschik gewesen, sei eines Tages beim Abholen des Essens für seinen Herrn von einer Kugel zum Krüppel geschossen und dafür mit einem Kreuze belohnt worden. – Tatsache war jedenfalls, daß er stark hinkte, auf Schritt und Tritt einige zweifelhaften russischen Brocken ganz falsch in seiner Rede gebrauchte, keinen Bauerntabak, sondern Machorka rauchte und sehr zürnte, wenn ihn jemand nicht Iwan Jaklsch, sondern einfach Vetter Hannes anredete. –

Iwan Jaklsch also, wie gesagt, nahm mich sehr ungnädig auf. Als der alte Jodel jeboch alles aufzählte, was ich kenne und wisse: deutsch, russisch, kacholisch und lateinisch, lesen, schreiben und sprechen, dreißig Zahlen „aussprechen“, Schottschlagen und noch anderes, so wurde Iwan Jaklsch ganz still. Und die Rotznas bekam im Hauptgebäude ein kleines Zimmerchen, das „Kontor“, mit Bett, Papier, Tinte und einer „Schott“. –

Die Mäh- und Bindemaschinen begannen zu drillern und klappern. Von der Morgenröte bis in die Nacht hinein lärmte, rief, wieherte, meckerte, brummte, dengelte und schimpfte es. Die von dem müden Körper so ersehnte Nacht ist an der unteren Wolga nur sehr kurz: zwei-drei Stunden. Während dieser Stunden füttern die Knechte abwechselnd die Pferde. Zwei Hunde, groß wie Löwen im Tiergarten, bellen rauh und kurz abgerissen die Nacht hindurch als Wächter. Kaum haben sich die schweren Glieder ein wenig ausgeruht, und schon färbt sich der Himmel im Osten rot. Der Oberknecht sakermentiert über die „Schlofmitze“, die Knechte und Mägde reiben schlaftrunken die Augen, die sich gar nicht öffnen wollen, eilen zum Brunnentrog, sich zu waschen. Das Vieh rüttelt sich, wiehert und brummt. Mägde tragen volle Eimer Milch zum summenden Separator – schon knallt der Hirt mit der Peitsche – ein neuer Erntetag hat begonnen, einer wie der andre.

Meine Arbeit bestand vorläufig im Landmessen. Für den Herbstacker und zum Roggensäen mußten Felder abgemessen werden. Iwan Jaklsch nahm einen großen hölzernen Faden und wir gingen über einen der vielen alten Hügel – Jahrtausende alte Gräber, sagt man – zu zwei Knechten,



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die vier Paar Ochsen vor einen „Sachspflug“ spannten. Etwas weiter sahen wir schon zwei Ochsengespanne bereit stehen. Iwan Jaklsch entfaltete nun den Faden und schritt die Gewanne entlang, immer mit dem Fadengestell weit ausholend, so daß es von weitem aussah, als hätte er sich Windmühlflügel umgeschnallt. Ich saß bei den Ochsen und hielt Papier und Bleistift bereit. Wenn dann Iwan Jaklsch ein Stück Land abgemessen hatte, kam er zu mir zurück und nannte die Länge und Breite des Stücks. Meine Aufgabe war, die Flächengröße in Desjatinen zu berechnen. Bis Iwan Jaklsch zurückkam, sollte die vorhergehende Aufgabe immer fertig sein. – Handelte es sich um einfache Vierecke, so war die Sache leicht. Stellte das gegebene Landstück dagegen eine „Spitze“, d.i. Dreieck in verschiedenen Varianten, oder gar einen „Kessel“, d.i. Kreis, dar, so war die Sache schwieriger. In der Schule lernten wir solche Sachen nicht. Es gab da nur eine Methode, solche Flächen zu berechnen, die in keinem Buche stand: die urgroßväterliche, die vielleicht noch aus den frühesten Zeiten stammt. Jedenfalls hatte sie unser Großvater vom Urgroßvater, unser Vater vom Großvater, und ich vom Vater gelernt. Diese Methode ist ziemlich kompliziert. Wenn es sich also um „Spitzen“ oder „Kessel“ handelte, so wurde ich nicht fertig, bis Iwan Jaklsch zurückkam. Ich geriet in Schweiß, unterhielt mich überlaut mit den Zahlen, und die Ochsen wandten manchmal träge den Kopf und klotzten mich mit ihren blöden Augen an. – Aber Iwan Jaklsch wurde nicht böse: er schien einen ungeheuern Respekt vor allem zu haben, was er nicht begriff. Er saß geduldig neben mir, und lobte meine Kenntnisse. – Nachdem auf diese Weise das Land zum Pflügen abgemessen war, wurden die Ochsen mit langen Peitschen angetrieben. Tief bohrte sich der Pflug in den Boden, und schwarze fruchtbare Erde rollte über das Wendebrett. Vögel kamen angeflogen und untersuchten die Furche nach Nahrung. Das Johlen der Ochsentreiber ertönte monoton. Iwan Jaklsch legte den Faden zusammen, und wir gingen zum Hofe zurück: ich hatte mein erstes Examen bestanden. –

Ich wunderte mich nur, warum man gleichzeitig pflügt und mäht. Zuhause war das undenkbar. Aber Iwan Jaklsch erklärte, die Jodels seien sehr reiche Leute, sie könnten sich so etwas erlauben. Die Ochsen könne man ohnehin nicht vor Maschinen spannen; auch sei es besser, das Stengelland früh zu pflügen. –



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Am Nachmittag gingen wir zu den Mähmaschinen. Jodels hatten zwei Selbstbinder in Betrieb. Außerdem noch zwei gewöhnliche Mähmaschinen. Das war ein Rasseln und Lärmen! Ein Teil des Feldes war schon glatt geschoren. Frauen trugen die Garben zu „Schanzen“ zusammen. Heuhüpfer zirpten überall, und oben in der Luft beklagte eine Lerche ihr zerstörtes Nest. Feldmäuse schleppten schwere Ähren in ihre Löcher, aus den abgeschnittenen Disteln quoll eine milchartige Flüssigkeit, und die kurzen Stoppeln verwundeten meine nackten Füße. –

Iwan Jaklsch sprach mit den Leuten, und ich mußte alle ihre Namen aufschreiben. Dabei merkte ich, daß der Verwalter ein saugrober Mensch sein mußte. Wie er die Leute anschnauzte! Wie ihm alles nicht schnell genug ging! – Und dabei kam mir meine eigene Stellung ganz unbehaglich vor. Sollte ich etwa lachen, wenn der Verwalter bei den Frauen unanständige Witze machte und mir zublinzelte? Ich überlegte mir, ob ich nicht bitten sollte, mich auch Garben tragen zu lassen. Aber in den nächsten Tagen, als die gröbste Rechen- und Schreibarbeit gemacht war, sagte man mir ohnedies, ich solle meine freie Zeit auf dem Felde mithelfen. –

Noch während der Ernte spannte der Oberknecht eines Tages alle Kamele vor die Dreschmaschine, zuerst vor den „Ofen“, dann vor die „Trommel“, und zog sie unter dem hohen Schuppen heraus auf die Tenne. Der Schmied hämmerte tagelang an der Dreschmaschine herum. Und als alle Felder kahlgemacht waren, heizte man den „Ofen“, und das große Schwungrad begann sich zu drehen. Der Maschinist zupfte an einer Schnur und es pfiff wie daheim in der neuen Dampfmühle. Das Pfeifen aber bedeutete, alle Arbeiter sollen sich auf der Tenne einfinden, das Dreschen beginne.

Nun wurde Tag und Nacht gearbeitet. Ein Bursche steckte große Strohbündel in den Ofen; dunkel stieg der Rauch in die Höhe. Lange Leiterwagen brachten Garben vom Felde: oben ließ man sie in die „Trommel“. Etwas dumpfer wurde das Gebrumme – und Stroh, Spreu und „Hinterwurf“ fiel hinten auf die Erde. Frauen schoben alles mit Rechen fort. Ganz vorn aber hing ein Sack, in den fiel der saubere Weizen, so gelb wie Goldkörner. – Wies der Zeiger der Wage auf vier Pud, so mußte ich ein Zeichen geben; Arbeiter nahmen den Sack hinweg, und ich machte einen Strich in meinem Hefte. –



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Wolken zogen am westlichen Himmel herauf, schwere, schwarze Wolken, die aussahen wie schmutzige Schneebälle, wenn sie sich voll Wasser gesogen haben. Ein heftiger Wind trieb die Wolken vor sich her. Einzelne Tropfen fielen auf unsere staubigen Gesichter. Plötzlich färbte sich der Himmel braun und gelb – eine Windhexe war im Anzuge. Schnell wurde das Räderwerk der Dreschmaschine stillgelegt, alles rannte und lief – die einen, um das Vieh in die Stallungen zu bringen, die andern, um Stroh-, Heu- und Getredehaufen mit Stangen, Rechen, Klötzen und anderen Gegenständen zu befestigen. Denn man weiß nie, ob es kein Orkan wird, der Dächer wie Federn ins Feld trägt, Vieh und Menschen wie Sperlinge in die Luft hebt, Bäume aus den Wurzeln reißt und selbst Schiffe auf der Wolga wie Spielzeuge umwirft. – Aber damals war die „Windhexe“ leicht. In rasender Geschwindigkeit tanzten die „Trindelwinde“, Staub und leichte Gegenstände in der Luft kreiselnd, über die Felder. Dann zuckten starke, helle Blitze und tiefe, rollende Donner folgten. Das Vieh lief von selbst unter die Scheunen, und die Menschen taten es auch. Ein Regen ging hernieder, wie „aus Eimern geschüttet“. Er dauerte den Abend und fast die ganze Nacht hindurch. Am Morgen, als wir, länger als sonst schlafend, aufstanden, hörten wir schon die schimpfende Stimme Iwan Jaklsch: es war nicht nur ein „Strichregen“, sondern ging über in einen „Landregen“. Und Iwan Jaklsch fluchte – fluchte nicht über den Regen, sondern über den Mond: denn erst vor 3 Tagen war das „junge Licht“ eingetreten, und er behauptete, jetzt werde es immerfort regnen bis Vollmond, und da müßte das ganze Getreide verfaulen. –

Die nächsten Tage bewiesen, daß Iwan Jaklsch recht haben sollte: ganz dünn, fast wie Nebel, fielen die Tropfen Wasser vom Himmel. Und der Regen ließ sich nicht stören durch Iwan Jaklsch's Fluchen. Der Mond bekam alle Schimpfwörter zu hören, die das Wörterbuch eines wolgadeutschen Bauern aufweist – und das sind nicht wenig! – aber er zeigte sich gar nicht, und es regnete immer weiter. Das Getreide auf dem Felde wurde gelb, quoll auf und wurde schließlich braun: es faulte. Der Kern war weich wie Butter und man konnte die vollen Ähren zusammenkneten zu Teich. Ließ der Regen nur ein bißchen nach, so mußte hurtig alles aufs Feld, um die Garben zu wenden. In den inneren Garben begann der Kern zu keimen und bekam ein „Schwänzchen“. – Und noch immer regnete es weiter. – Auf der Nachbars-



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utschaß erzählte man, habe der Gutsbesitzer eine großeiserne Gabel genommen und den Regen stechen wollen. Die österreichischen Kriegsgefangenen, welche dort arbeiteten, fluchten in ganz neuen, gräßlichen Ausdrücken und schworen, sie würden den Herrgott zum zweitenmal kreuzigen, wenn er 's Regnen nicht bald einstelle; die Füße verweichten einem ja.

Bei uns auf der Utschaß erschien der alte Jodel und knurrte den ganzen Tag, die Knechte und Mägde fräßen ihn arm. Alle Tagelöhner waren entlassen. Es war ja nur das Vieh zu füttern und die Garben zu wenden. In der übrigen Zeit spielten wir „Solo“, „Durak“ oder Sechsundsechzig um Zündhölzer. Der alte Jodel beratschlagte mit Iwan Jaklsch, ob er seine 8 Knechte nicht für die Zeit des „Arwaitstillstandes“ entlassen könne. Aber der Verwalter entgegnete ihm kategorisch, dies könne man bei dem großen Mangel an Arbeitskräften nicht riskieren, da nach dem Regen dann niemand zu bekommen sei. Der Alte fuhr unwillig heim und schickte seinen Sascha, einen Gymnasiasten aus Saratow, der die „Wertschaft“ etwas kennen lernen sollte. Am Tage spielte Sascha mit uns Karten. Wenn ihm der Verwalter die „Wertschaft“ zeigen wollte, so begann Sascha russisch zu fluchen, und zwar tat er das mit solcher Betonung, daß Iwan Jaklsch, der in dieser Hinsicht auch nicht aufs Maul gefallen war, verlegen die Pfeife putzte und hustete. Wir merkten bald alle, der Herrensohn war ein besonderer Nichtsnutz. Als ich ihn eines Tages bat, etwas von Saratow zu erzählen, gab er uns nur zweideutige Anekdoten zum Besten. Das Studium, sagte er, verachte er. Ja warum er denn dann studiere? – Nun – damit er nicht ins Militär eingezogen werde; totgeschossen zu werden, habe er keine Lust. Wir Knechte sahen uns nur einander an; ein jeder verstand den andern. Der Kerl wurde uns immer lästiger und verhaßter. Bald sollten wir ihn übrigens los werden. –

Auf der Utschaß diente nämlich auch ein bekanntes Mädchen von mir, das Hannese Bärwelje. Und ich weiß nicht, aus Zufall oder nicht, diente auch der Scheffels Jakob, ihr „Borsch“, mit ihr. Nun scheint Sascha Jodel, nebst den übrigen Mägden, wo er meist abfuhr, ein Auge auf Bärwelje gehabt zu haben. Mit einem Wort, eines Nachts gab's fürchterlichen Krawall zwischen Sascha und Jakob, wonach Sascha am Morgen den Korbwagen anspannen ließ und heimfuhr. –

In der dritten Woche arbeitete sich eines Morgens die Sonne durch den Nebel und lächelte uns allen freundlich zu.



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Alles rüttelte und streckte sich lange aus. Der Wind hatte sich vom Westen nach dem Osten „gedreht“. Wir wendeten die Garben. Der Wind blies wie aus einem Blasebalg. Nach fünf Tagen schickte Iwan Jaklsch nach den Tagelöhnern. Ich suchte meine Hefte zusammen, und alles bereitete sich wieder zum Dreschen vor.

Iwan Jaklsch fuhr zum alten Jodel und kam mit finsterem Gesichte zurück. Ob wohl eine neue Losung Soldaten fortmüsse? – Ja, das auch, aber mit den Arbeitern werde es immer schlimmer.

Auf der Tenne heizte man den „Ofen“. Man spannte die Pferde vor die Wagen. Da ließ Iwan Jaklsch alle Arbeiter zusammenrufen, klopfte seine Pfeife aus und sagte: „Ihr Lait, die Ernt git jetz vill schlechter als wann's nit gereent hätt. Der Jakob Iwantsch Jodel hat b'fohl, alle Löhn um 'n Vertel runner z' setze. Aach misse die Knecht for die drei Wuche Reenwetter Kostgeld b'zahle. So, jetz geht an die Arwait!“ –

„Was? Un wer hat 's Vieh versorgt un die Garben gewendt? Un wu is der Kuntrakt? Der Jodel krepiert aach nit vun dem Reen, der krieht immer noch gnung. For den Preis arwaite mr nit“ – so schrie alles durcheinander. Iwan Jaklsch sagte nur, er könne nichts machen, und zog sich auf sein Zimmer zurück.

Der Linke Anton, der erst vor zwei Monaten nach einer schweren Verwundung aus der Armee heimgekehrt war, rief auch alle Mägde, Saisonarbeiter und Tagelöhner zusammen. Man versammelte sich auf der Tenne, bei der Maschine, die lustig brummte. Mit einem Griffe stellte der Linke Anton die Maschine, kletterte auf die „Trommel“ und sprach sehr erregt von den Reichen, die nichts vom Kriege spüren und von dem gemeinen Soldaten, der alles ausfressen müsse. Die meisten stimmten ihm bei, und man beschloß, nicht eher zu arbeiten, als bis die alten Bedingungen wiederhergestellt würden. – Anton und noch zwei Arbeiter erschienen bei Iwan Jaklsch und erklärten ihm dies. –

Der Verwalter ging auf die Tenne unter die Leute und suchte sie zu überreden. Es sei doch eine Sünde, nach dem langen Regen jetzt nicht zu dreschen. Wenn die Knechte nicht arbeiten wollten, sollten es doch die Saisonarbeiter und Tagelöhner tun. Niemand rührte sich. Man stand, auf Gabel und Rechen gestützt, und schaute auf den Linken Anton. Der aber erklärte Nein und Nein. – Iwan Jaklsch ging zur Ma-



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schine und ließ das große Schwungrad los und rief: „Wer arwaite will, der geht bei!“

Keiner rührte sich. Man solle doch nicht handeln, sagten einige Knechte, sie seien doch keine Lumpenhändler. Und das Rad drehte sich, drehte sich rasend schnell.

„Was meenscht dann“, sagte Scheffels Jakob zum Christians Joseph, „wuvun dreht sich dann das Rad so scharf rum?“

„Des is kee Kunscht“, meinte Joseph, „wann mr dir so'n Feier unner dr Hinnere mache tät, tätscht woll aach springe. Ich wees des vun der Ochse, wann die sich lehe un nimmeh uffstehn wolle. Wann mr do nor bißche fairiger Schwamm unnern Schwanz steckt, springe se schun uff wie dr Daiwel“.

Es gab ein allgemeines Gelächter, das Iwan Jaklsch wütend machte. Er stellte die Maschine ein und rief mir zu: „Fritz, schraib mol die Lait uf, wu nit arwaite wolle“.

Ich weiß nicht mehr, wie es kam, aber es kam mir fast von ganz allein nur die einzige Antwort: „Nee, Iwan Jaklsch, ich arweit aach nit meh!“ –

Der Verwalter starrte alle wütend an, stampfte mit den Füßen und fluchte. Die jungen Knechte machten Witze und gingen auseinander. Iwan Jaklsch ließ den Korbwagen einspannen und fuhr zum alten Jodel. –

Noch am Abend kehrte er mit ruhiger Miene zurück. Er erklärte, alle seien entlassen, außer dem Maschinist. Wir aber blieben auf der Utschaß und schliefen in dem alten Strohhaufen. –

Am nächsten Tag fuhr der Verwalter ins Dorf und brachte drei Wagen voll vertriebener deutscher Wolhynier. Die Leute sahen sehr arm aus. Sie hatten die Schrecken des Kriegsschauplatzes und eine lange Reise in Viehwagen durch das europäische Rußland hinter sich. – Wir gingen alle zu ihnen, und der Linke Anton hielt eine Ansprache. Darauf verlangten die Wolhynier, man solle sie sofort wieder ins Dorf zurückbringen; wenn sie anderen armen Leuten das Brot wegnehmen sollten, das könnten sie nicht. –

Wiederum fuhr der Verwalter zum alten Jodel. Ringsherum, auf allen Utschassen, brummten die Dreschmaschinen und die Sonne lachte dazu. – In zwei Stunden schon kam die Antwort: die Arbeit beginnen unter den alten Bedingungen.

Schwarz stieg der Rauch wieder in die helle Luft, lustig flackerte die Flamme, zischte der Dampf, brummten und surrten die Räder – alles bewegte sich und lebte. Schrill und



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durchdringend rief der dreimalige Pfiff zum Beginne der Arbeit auf. Bald klang froher Männergesang vom Felde her begleitet von den Frauenstimmen an der „Trommel“. Einem jeden steckte ein Jauchzer in der Kehle, den er lustig hinausjohlen musste. Frühlingsstimmen schienen es zu sein trotz beginnendem Herbste. – Alle Arbeiter waren sich in den letzten Tagen viel näher gekommen. Auf den rauhen verbrannten Gesichtern aller lag ein neuer Glanz – der Abschimmer einer zum inneren Bewußtsein gelangten Kraft. –

IX.

IM EINKEHRHOFE

Anderthalb Jahre diente ich nun schon auf dem Utschaß von Jodels. Ich war unterdessen zu einem strammen Burschen herangewachsen und wußte wohl, daß man mich zum Militär einziehen werde, wenn der Krieg nicht bald ein Ende nehme.

Einsam und still war es in der Steppe, sehr einsam. Hätte ich mir keine Bücher aus unserer Dorfbibliothek kommen lassen, so wäre ich verrückt geworden. Jeden Tag das eintönige Ächzen des Brunnenschwengels, das Geschimpfe der Oberknechte, das Brummen und Wiehern des Viehes und das Gackern der Hennen. Diese Eintönigkeit drückte allen Utschaßbewohnern ihren Stempel auf. Die Knechte und Mägde verloren bald die den Wolgakolonisten so eigene Geselligkeit und Munterkeit, sie stumpften nach und nach ab und verrichteten mechanisch ihre Arbeit. Der alte Hirt, z.B., welcher nun schon über 30 Jahre das Vieh hütete, antwortete auf meine Frage, was er sich doch wünschen möge, – er möchte zwei Kirchen voll Geld. Dafür werde er sich viel Land und viel Vieh kaufen und dieses dann auf dem Land hüten bis zu seinem Tode.

Ein materiell leidliches Leben führten außer dem Verwalter nur noch die zwei Oberknechte, abgewirtschaftete Kleinbauern. Sie waren „gewichst“, etwas in der Welt herumgekommen und hatten es irgendwie verstanden, sich ein „weißes Billett“ zu verschaffen, mit anderen Worten, sich von dem Militärdienste zu drücken. Sie wohnten mit ihren Familien in einem



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Nebengebäude hinter der Schmiede. Sie waren beide den Knechten und Mägden gegenüber grob und despotisch, dem Iwan Jaklsch gegenüber dagegen katzenfreundlich. – Knechte wurden von Monat zu Monat weniger, Mägde immer mehr. Das Militär brauchte Leute. Auch die „Blaubilletigen“ mußten fort, und am Ende blieben nur noch Halbkrüppel auf der Utschaß.

Die Ernte im dritten Kriegsjahre fiel an der Wolga nur mittelmäßig aus. Aber für Jodels war das einerlei. Ihre Ambaren bogen sich noch von der Last des „Schwänzjerjohrs“. Umsomehr jedoch kam die Getreidespekulation in Blüte. Die Preise auf Roggen und Weizen stiegen von Tag zu Tag. Besonders gesucht war aber Mehl.

Jodels zögerten mit dem Verkaufen. Man wartete auf noch etwas Besseres. So gegen Neujahr kam dann der alte Jodel hinaus auf die Utschaß, ließ sich alle Ambaren öffnen, und zusammenrechnen, wieviel Getreide vorhanden sei. – Von nun an gingen jeden Tag fünf Fuhren Getreide in die Höher Dampfmühle.

Im Februar fuhren jeden zweiten Tag fünf Schlitten mit Mehl nach Kosakenstadt. Der Zug sah aus wie eine kleine Karawane, wenn er so die breite Landstraße dahinfuhr. Unterwegs wurde zweimal gefüttert in den „Poschthöf“. Ganz vorn fuhr ein Oberknecht mit zwei Schlitten, dann ich mit einem und hinten ein Knecht mit zwei. – Ich mußte immer dabei sein, weil das Deutschsprechen so streng verboten war in der Stadt.

In Kosakenstadt gab es einige deutschen Einkehrhöfe; dort kehrten die Kolonisten aus den Karamandörfern und überhaupt von der Wiesenseite der Wolga ein. Wir fuhren zum alten „Schiribiri“, einem lustigen Marienheimer, der Spaß verstand und auch selbst welchen machen konnte. Seinen Namen hatte er davon, weil er beim Suff seinen Nachbarn immer zurief „Schire beri!“ Im Unterschiede vom alten Jakob in Katharinenstadt ließ er sich nicht nur von den Marienheimer foppen, sondern zahlte es ihnen gewöhnlich doppelt heim.

Wenn wir also abends mit unseren Schlitten beim Vetter Schiribiri ankamen, so mußte der Knecht das Vieh füttern und wir, d.h. ich und der Oberknecht, gingen zu dem Prikaschik einer bekannten kleinrussischen Getreidefirma und verkauften das Mehl. Der alte Jodel hatte mit ihr einen Vertrag auf 3000 Pud abgeschlossen, und wir hatten uns nur jedesmal über den von Tag zu Tag steigenden Preis zu einigen. – Den



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Abend und die Nacht verbrachten wir dann im Einkehrhofe, lieferten am Morgen das Mehl ab und fuhren wieder auf die Utschaß zurück, um neues Mehl zu holen.

An solchen Abenden im Einkehrhofe erfuhren wir stets die Neuigkeiten aus den Kolonien. Dort sah es traurig aus. Traf die Polizei auf der Straße Leute, die deutsch sprachen, so wurden sie bestraft. Aber wie sollten sie denn russisch sprechen, wenn sie gar nicht konnten? So fuhren im Sommer zwei Marienheimer Bauern auf der Pereprawa von Kosakenstadt nach Saratow. Der eine von ihnen, der Pitts Hans, rauchte seine lange Pfeife, rauchte sie aus und steckte sie in seine Rocktasche. Auf einmal stieg der Rauch aus seiner Tasche in die Höhe; der andre, Jonese Hanjörg, sah das und rief seinem Bekannten zu: „Hans, Kaftan kurit!“ Dieser, der sogar auch solches Russisch nicht verstand, machte aber eine Miene und Handbewegung, als verstände er's und antwortet: Snai, snai! Als der Rauch jedoch immer stärker wurde, wiederholte Hanjörg seinen Ruf: Hans, Kaftan kurit!, doch mit demselben Erfolg. Und erst als Hanjörg schrie: No Herrgottsakerment, Hans, dai Koftje brennt jo, wurde die Gefahr beseitigt. Aber Hans und Hanjörg hatten drei Rubel Strafe für's Deutschsprechen zu zahlen!

Noch andere Sachen erzählten die Kolonisten im Einkehrhofe. Man lag da auf dem Boden, in seine Kleider gehüllt, rauchte die Pfeife und sprach über die brennendsten Tagesfragen. So hatte die Regierung in die meisten Dörfer gewesene russische Gendarmen geschickt als Vorsteher. Die Urjadniki bekamen Verstärkung an Polizisten. Man wollte Ernst machen mit der Vertreibung nach Sibirien. In den russischen Nachbardörfern verbreitete man Hetzblätter gegen die Deutschen, die „Spione und Feinde des Vaterlandes“, die das beste Land in den Händen hätten.

Manche russischen Beamten und Lehrer, darunter unser „Hundskopp“, hatten sich schon die schönsten Häuser ausgesucht, die sie nach der Vertreibung der Kolonisten einnehmen wollten.

Das war eine schlimme Lage.

Dabei standen über hunderttausend Wolgadeutsche draußen im Felde.

Im Einkehrhofe waren auch stets heimkehrende Soldaten anwesend, die kamen auf „Otpuske“. Sie erzählten vom Kriege, und wie satt die Armei es sei, noch weiterzukriegen.

* * *



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Ende Februar saßen wir wieder im Einkehrhofe beim Vetter Schiribiri. Die Stube war fast voll von Soldaten. Manche waren gekommen vom „Otpuske“, manche kehrten in die Armee zurück. Das Gespräch drehte sich nur um den Krieg und Frieden und die Lage der Kolonisten. Was wird? Einige Neuangekommenen meldeten von Arbeiter- und Soldatenunruhen in Petersburg. Lange könne es nicht mehr dauern, es müsse losgehn. Was losgehn soll, wußte wohl niemand so recht, aber was mußte im Anzug sein.

„Wann mr nit selwer Friede mache, dann git's keener“, meinte ein bärtiger Mann im grauen Soldatenrock.

„Un wann mr doch noh Sibiri g'schickt gin“, sagte ein anderer, „dann mach ich schun erscht nit meh fort in den Krieg. Und warum soll ich dene Utschaßniker ihr Land verteidige? Ich han jo so wie so keens. Solle die kriege gehn, wu ihr Land beschitze wolle“.

Ein neuer Soldat kam frisch von der Front. Er trat in Schiribiris Stube, legte seine Sumka in die Ecke und sagte dann, man höre munkeln, der Kaiser danke ab und es gebe Frieden. Ob das wahr sei? – fragte man.

Sicher wußte es der Neuangekommene noch nicht, aber in Petersburg und Moskau sei Revolution, das sei bestimmt.

Die Gesichter der Anwesenden hellten sich auf wie bei Menschen, die alles verloren hatten und in denen plötzlich eine Hoffnung auf ein neues Leben aufsteigt.

„No do warte mr mol noch mit 'm Fortmache“, sagte ein Lujer Soldat zu einem anderen Lujer. „Do warte mr mol noch, das Ding dreht sich“.

„Sich do hätte mr uns nit mit dem Quäcksilwer so quäle bräuche“, meinte der andere Lujer.

Was war das mit dem Quecksilber, fragte man sie von allen Seiten.

„No soll ich's woll vrzähle, Klemens? Sakerment, schäm dich doch nit so, des kann doch jedem passiere“.

Und dann erzählte der erste Lujer Soldat, Pius, wie ihnen ihr Rotner Feldscherer ein Mittel gegen die unerträglichen Läuse empfohlen habe – Quecksilber. Vor ihrer Abreise heute also gingen sie in die Apotheke und wollten welches kaufen, hatten aber keine Flasche. Der Apotheker gab ihnen die Flüssigkeit auf Papier, aber sie begann sofort zu „laufen“. Klemens fing sie mit dem Munde auf, verzog das Gesicht und sagte: „Sakerment, Pius, des Zaig lait em schunn in dr Hos“.



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Während des allgemeinen Gelächters trat ein Mann in die Stube – es war der Gräbers Philipp aus Saratow. Der hatte ein sehr feuerliches Gesicht und sagte nur die Worte:

„Ihr Männer, der Kaiser is g'sterzt!“

Man umringte ihn, man bestürmte ihn mit Fragen. Ja, ein Telegramm ist aus Petersburg gekommen, es war wirklich wahr.

* * *

Am nächsten Morgen fuhren die Knechte von der Jodelsutschaß ohne mich zurück: ich ging mit Philipp nach Marienheim. Ein Bauer lud uns unterwegs auf.

Während der Schlitten über die gefrorene Steppe dahinglitt, erzählte mir Philipp, wie wir nun den Urjadnik und seine Gendarmen verhaften werden in Marienheim, und wie wir den Ochsengrund organisieren müssen.

„Aber“, fügte er hinzu, „das ist alles erst der Anfang.“

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ERKLÄRUNG DER WÖRTER RUSSISCHER HERKUNFT

1. Ambar = Getreidespeicher

2. Arbuse = Wassermelone

3. Babajaika = Hexe

4. balatsche = schwatzen

5. Bitschowke = Spagat

6. Britschka = Federwagen

7. Bunt = Aufstand

8. Buntujer = der Aufständische

9. Burian = Rote Stengel

10. Denschik = Offiziersbursche

11. Deßjatnik = niedere Dorfpolizei

12. Durak = Narr (Kartenspiel)

13. Duscher = (von „duscha“ Seele) Anhänger des Gemeindebesitzes an Land

14. Galach = Landstreicher

15. gbascht = bewältigen

16. gulai = trinken, Zechgelage halten

17. Jemschik = Kutscher

18. Jurte = Zelt der Kirgisen

19. Kabkas = Kaukasus

20. Kachol = Kleinrusse

21. Kaftan kurit = der Mantel

22. Kartus = Sommermütze

23. katatzen = Schlitten

24. Kawak = Dorfschenke

25. Kibitke = halbverdecktes Fuhrwerk

26. Klapot = Mühe, Sorge

27. Koftje = Rock oder Bluse

28. Kwas = saures Getränk

29. Lomowik = Lastkutscher

30. Machorka = eine Sorte Rauchtabak

31. Magritsch = Trinkgelage

32. Mastrok = Gefängnis

33. na sarabitki = auf Verdienst

34. Nagaika = Peitsche

35. Nowobranze = junge Rekruten

36. Otpusk = Urlaub

37. Otruper = Anhänger des individuellen Landbesitzes

38. Pai = Mitgliedsbeitrag

39. Pereprawa = Überfahrt

40. Prikas = Befehl oder Gemeindeamt

41. Prikaschik = Verwalter oder Ladendiener

42. proste = einfach

43. Rot = Abteilung eines Regiments

44. schagom arsch = Vorwärts! Marsch!

45. Schireberi = Greif zu!

46. Schott = Rechenbrett

47. Semetschki = Sonnenblumenkern

48. Semlinke = Lehmhaus

49. Semstwo = Vertretung der Landschaft

50. Smirno = Ruhig!

51. Snai = Ich weiß es

52. Snakom = Bekannter

53. Stanzje = Eisenbahnstation

54. Sumke = Ranzen

55. Tachan = Dreifuß

56. Tschajnaja = Teestube

57. Tulup = Schafspelz

58. Urjadnik = Landpolizist

59. Utschaß, Utschastki = Gutshof

60. Woble = gedörrter Fisch

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Ãëàâíàÿ Áèáëèîòåêà Ôîíä ðåäêîé êíèãè Ñòàòüè è ïóáëèêàöèè Áèáëèîãðàôèÿ Õóäîæåñòâåííàÿ ëèòåðàòóðà Ñòàðûå ãàçåòû Äîêóìåíòû Êàðòû Âèäåîòåêà