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INGEBORG FLEISCHHAUER

DIE DEUTSCHEN IM ZARENREICH

ZWEI JAHRHUNDERTE
DEUTSCH-RUSSISCHE KULTURGEMEINSCHAFT



Fleischhauer I. Die Deutschen im Zarenreich. Zwei Jahrhunderte deutsch-russische Kulturgemeinschaft. - 2005. 671 S.


Fleischhauer I. Die Deutschen im Zarenreich.

Ein in der Sachbuchliteratur oft vernachlässigtes, aber bedeuten­des Kapitel der europäischen Geschichte ist die Beteiligung deutscher Einwanderer an der Erschließung und Entwicklung des Russischen Reiches. In ihrer lebendigen und spannenden Schilderung deckt Dr. phil. Ingeborg Fleischhauer bisher un­bekannte Aspekte dieser deutsch-russischen Vergangenheit auf. Ausfuhrlich und wissenschaftlich fundiert verfolgt sie über zwei Jahrhunderte, wie deutsches Bürgertum, deutschbaltischer Adel sowie die von Katharina der Großen herbeigerufenen Kolonisten an der Geschichte Rußlands mitwirkten.

 

 

 

 

 

 



Inhalt


Vorwort

11

I. Zur Vorgeschichte der deutschen Präsenz im Zarenreich

15

1. Deutsche im Kiewer Rußland

16

2. Der Weg des Handels - Die Hanse

19

3. Kriegsgefangene und Kriegstechniker — Deutsche Nieder­lassungen in russischen Städten

22

II. Zar Peter I. — Die Errichtung der deutschen Sonderstellung im Russischen Reich

30

1. Der jungeZarunddie»deutscheSloboda« (1690-1700)

34

2. Die Anwerbung ausländischer Kräfte

43

3. Deutsche in St. Petersburg

53

4. Die Unterwerfung der baltischen Deutschen

61

III. Der deutsche Drang zur Macht über Rußland — Von der »Frem­denherrschaft« Anna loannownas zur Ermordung Peters III
65

IV. Katharina H. - Massiver Zuzug deutscher Fachkräfte ins Russische Reich
89

1. Wissenschaft und Forschung

90

2. Die planmäßige Kolonisierung des Russischen Reichs

97

V. Zwischen Reform und Repression - Deutsche unter Paul I
120

1. Qualitative Neuordnung des Kolonisationswerks

123

2. Die Zensur des freien Wortes

133

VI. Liberaler Auf bruch unter Alexander I
138

1. Der »Retter Europas« und sein Offizierskorps

139

2. Intrigantentum und Mystizismus

151

3. Die Ausweitung der deutschen Kolonien

156

4. Der Wettbewerb des Lernens und Forschens

176

VII. Die deutsche Dominanz im Rußland der Restauration unter Nikolaus I

181

1. Die Assimilation »nützlicher Ausländer«

190

2. Höhepunkte deutscher Repräsentanz im russischen Staat

196

3. Die »deutsche Bürgschaft« — Vorbote eines »Staates im Staate«?

205

4. Die Blütezeit der deutschen Gründerkolonien

226

VIII. Der deutsche Anteil an der Modernisierung des Russischen Reiches (1855—1905)
241

1. Deutsche Kräfte im Reformwerk Alexanders II

247

2. Deutsche Gründerjahre im Russischen Reich

261

3. Die deutschen Siedler als Teil des befreiten Bauerntums

278

4. Die Vorzeichen der »deutschen Frage« in Rußland

329

IX. Die Deutschen im politischen Leben des konstitutionellen Rußland (1905-1914)
358

1. Das Revolutionsjahr 1905

365

2. Deutsche Vereine, Verbände, Verbindungen

377

3. Die Mitarbeit in den politischen Parteien

391

4. Die Aktivität deutschrussischer Parlamentarier

397

X. Existenzprobe Erster Weltkrieg
440

1. Die Loyalitätsfrage

449

2. Der Einsatz im russischen Heer

461

3. Der russische Wirtschaftskrieg


479

XI. Atempause im demokratischen Rußland - Zwischen Februar­revolution und Oktoberputsch

524

XII. Ratlosigkeit — Zwischen der bolschewistischen Machtergreifung und dem Frieden von Brest-Litowsk
559

XIII. Ausblick — Der Bürgerkrieg und das Ende der deutschen Sonderstellung in Rußland
579

Nachwort
596

Anhang
 

Anmerkungen

601

Bibliographie

632

Quellen

633

Personenregister

634

Ortsregister

655

Sachregister

663



Vorwort

Die Geschichte der Deutschen unter dem Doppeladler zu schreiben, galt bisher als ein Unternehmen, das die Möglichkeiten eines einzelnen Forschers in vielen Aspekten überschreitet. Dabei war man sich durchaus des Desiderats einer solchen Untersuchung bewußt. Als die Stiftung Volkswagenwerk gegen Ende der siebziger Jahre der Erforschung der deutschen Minderheit in Osteuropa breitere Aufmerksamkeit zukommen ließ, konnten wir, zusammen mit mei­nem Kollegen an der Hebräischen Universität Jerusalem, Benjamin Pinkus, und unter kollegialer Unterstützung durch Herrn Prof. Richard Löwenthal in Berlin, die Aufarbeitung der Geschichte der Deutschen in der Sowjetunion in Angriff nehmen. Als dem Historiker dieses Teams fiel es mir dabei zu, die Fragen der geschichtlichen Kontinuitäten der Präsenz dieser nationalen Min­derheit auf osteuropäischem Hintergrund zu klären und in geeigneter Weise darzustellen. Schon bei meinen ersten Versuchen, mich in die vorhandene Lite­ratur einzulesen, wurde der Mangel an Vorarbeiten deutlich, die dem heutigen historischen Verständnis gerecht werden. Zwar fehlte es nicht an spezialisier­ten und gelehrten Einzelstudien—wobei die Arbeiten, die Prof. Erik Amburger über die letzten fünf Jahrzehnte vorgelegt hat, das breite Feld der Forschung an vielen Stellen in schöner Weise bestellt hatten. Doch mußten Leitlinien ent­deckt werden, die durch mehrere Jahrhunderte russischer Geschichte führten, Verbindungen hergestellt werden, die von den Ostseeprovinzen des Russi­schen Reiches bis ins Schwarzmeerbecken und asiatische Rußland reichten, und damit Gemeinsamkeiten aufgedeckt werden, die — bisher ungesehen — die Geschichte der deutschen Volksgruppe im europäischen Osten charakterisier­ten und ihre Geschicke bis zu einem gewissen Grade bestimmten.

Unzählige Fragen mußten dabei aufgeworfen oder angeschnitten werden. Zahlreiche mußten beantwortet werden. Einige so gut wie unbeantwortet bleiben. Zu diesen gehört vor allem eine Frage, die sich durch die gesamte Betrachtung wie ein roter Faden hindurchzieht, nämlich die Frage, wer denn tatsächlich im europäischen Osten als ein »Deutscher« bezeichnet werden kann, wann und unter welchen Umständen sich ein Prozeß der Assimilation vollzog und wann dieser Prozeß als abgeschlossen betrachtet werden kann oder muß. Diese Frage ist auf merkwürdige und unerwartete Weise gegen Klärungsversuche immun. Aus welcher Sicht man sie auch zu lösen versucht — sie widersetzt sich einer einheitlichen Behandlung. Das russische Volksemp­finden tut sich - wie dies in den Vielvölkerstaaten der Vergangenheit eine häufige Praxis war und noch heute in der Sowjetunion eine Fortsetzung findet — mit ihr nicht schwer, wenn es einen Menschen mit deutsch (oder einfach westlich fremd) klingendem Namen, einem (in der Regel) fremden Glaubens­bekenntnis und gelegentlich fremden Sitten als nemec (der Deutsche), eine Gruppe solcher Personen als nemcy (die Deutschen) oder auch, meist wohl­wollend, als nashi nemcy (unsere Deutschen) bezeichnet. Diese Redewendun­gen werden auch dann unbeirrt gebraucht, wenn diese Deutschen über einen langen Zeitraum hinweg im baltischen und slawischen Osten gelebt und sich mit dem russischen Volk oder anderen, im Russischen Reich und dann im Sowjetstaat lebenden Völkern, verbunden und vermischt haben. Dabei sind diese Ausdrücke meist von stereotypen Vorstellungen begleitet, die in der Re­gel ambivalent waren und sind, wobei im Laufe der Geschichte häufig, und heute wohl überwiegend, der positive Wertakzent dominiert. Solche Stereo­type — sie würden eine besondere Betrachtung erfordern — sind meist beharrli­cher als die sich wandelnden historischen Realitäten und garantieren die anhaltende Verständlichkeit und Funktionsfähigkeit dieser Bezeichnungen.

Der Historiker, der sich mit der Erforschung dieser nationalen Minderheit befaßt, hat es da schwerer. Die Vielfalt von Gruppen und Segmenten, die die deutsche Bevölkerung im Russischen Reich konstituierten, erlaubt es ihm nicht, mit den üblichen Kategorien und Kriterien zu arbeiten. Wenn die deut­sche Bevölkerung der baltischen Ostseeprovinzen sich noch relativ leicht mit dem hergebrachten Instrumentarium der Volksgruppenforschung behandeln ließe, so werfen schon alle jene tatkräftigen Elemente der baltischen Ritter­schaften und städtischen Bürger, die sich in die Tiefen des Reiches begaben und an den entlegensten Orten ihre Spuren hinterließen, die Frage auf, ob sie in erster, zweiter oder gar dritter Generation noch als Deutschbalten im ei­gentlichen Sinne zu bezeichnen sind. Traten familiäre Verbindungen zu ande­ren Volksgruppen auf, so kompliziert sich die Frage. Und wurde ein Über­gang zur Orthodoxie — als Glauben oder Staatsreligion — vollzogen, dem gelegentlich eine Slawisierung des Namens folgte, so kann der Historiker die fraglichen Personen und Familien nur mit großer Beklommenheit der »deut­schen« Bevölkerung des Zarenreiches zurechnen. Denn diese Personen haben sich ja selbst für andere nationale, religiöse und kulturelle Bindungen ent­schieden. Und sie hatten dafür — in der Regel gewichtige — Gründe. In diesen Fällen findet der historische Betrachter im russischen Volksempfinden einen versöhnlichen Verbündeten: Es scheint — trotz allen äußeren Anscheins - doch etwas erhalten geblieben zu sein, was diese Menschen noch immer und über lange Zeit im tagtäglichen Leben erkennbar macht. Und dieser Restbe­stand einer nationalen Identifikation — ob sie nun in dem Einzelnen selbst er­halten blieb oder von seiner andersethnischen Umwelt auf ihn projiziert wurde — konnte in besonderen Situationen (wie etwa den außenpolitischen Konflikten zwischen dem Russischen und Deutschen Reich) zum Ausgangs­punkt besonderer Entwicklungen werden. Latent dürfte also die Frage der Zugehörigkeit zum deutschen Volke eine größere Rolle gespielt haben, als sie der Historiker heute aus den ihm zugänglichen Zeugnissen ablesen kann.

Eine vergleichbare Frage stellt sich neben den Deutschbalten auch für die deutsche kolonistische Bevölkerung. Solange diese noch in den relativ ge­schlossenen deutschen Siedlungsgebieten zusammenlebte, konnte sie zu Recht als deutsche Bevölkerung in Rußland bezeichnet werden. Mit dem Auf­bruch aus den Kolonienbezirken und der gesellschaftlichen Mobilität, die auch diese ehemaligen Bauern und Handwerker in die etablierten Stände und Berufsgruppen sowie unterschiedlichsten Provinzen führte, tritt analog die Frage auf, wie lange man sie zu Recht als »Deutsche« bezeichnen kann. Und dies besonders in den Fällen, in denen eine bewußte und willentliche »Russifi-zierung« von Kultur, Namen und Religionszugehörigkeit vollzogen wurde. Eine nachträgliche nationale Rückbindung dieser Personen scheint bis zu ei­nem gewissen Grade das Maß an Gewalt, das der Historiker, der diese Ge­schichte schreiben will, ihnen notwendig und wissentlich antun muß.

Dies betrifft a fortiori die deutschen Bevölkerungsteile, die weder über die Ostseeprovinzen noch auf dem Wege der Kolonisation ins Russische Reich gelangten, sondern vielmehr als Einzelne zielstrebig und direkt die russischen Städte, ein adliges Gut oder eine Forstei, die Bergwerke des Urals oder die Universitäten des Landes ansteuerten, um hier ein neues Milieu der Wirksam­keit und des Lebens zu suchen. Sie haben sich manchmal schon in der ersten, in vielen Fällen in der zweiten, häufig aber in der dritten Generation in der russischen Gesellschaft so heimisch gefühlt, daß sie sich selbst kaum mehr als Deutsche verstanden hätten.

Gruppen anschlössen, sprachlich deutlich, wann in diesen Fällen Assimilationsprozesse vorliegen. Und ich verwende schließlich für die über das ganze Reich verstreute deutsche Bevölkerung, die (in der Regel) aus »Deutschland«, das heißt den deutschen Fürstentümern oder freien Reichsstädten sowie später dem Deutschen Reich kamen und sich im Russischen Reich bis zu einem gewissen Grade assimilier­ten, die Ausdrücke »Deutschrussen« (so spricht man ja auch von »Deutsch­amerikanern«) und »deutschrussische Bevölkerung«. In Fällen, in denen starke nationale Querverbindungen und deutliche Assimilationsvorgänge vorliegen oder die Verbindung zur deutschen Volksgruppe weit zurückliegt, werden die umschreibenden Ausdrücke von »Personen deutscher Herkunft« sowie »deutschstämmigen Personen« verwendet, ohne daß hiermit eine Wer­tung verbunden wäre. Im Hinblick auf die Gesamtheit der im Russischen Reich lebenden Deutschen fand und findet ferner der Ausdruck »(all)russische (rossijskie) Deutsche« Verwendung. Personen mit einem russischen und einem deutschen Elternteil werden Deutschrussen genannt. Diese Begrifflich­keit ist zwar keineswegs vollkommen, doch gibt sie wenig Anlaß zu Mißver­ständnissen. Andere, in der Literatur häufig verwendete Begriffe scheinen mir weniger geeignet und sind zudem häufig historisch zu stark belastet, um ein gültiges Äquivalent für die hier gewählten Ausdrücke abzugeben. Das Ziel größerer Allgemeinverständlichkeit wurde auch bei der Wahl der hier ver­wendeten Transkription der russischen Namen und Worte verfolgt. Aus wis­senschaftlicher Warte ungenügend präzis, soll sie das Erkennen und die Aussprache der Namen erleichtern.

Um alle diese fluktuierenden Identifikationen im Fluß zu erhalten und sie nicht zu fester Begrifflichkeit gerinnen zu lassen, wurde hier eine Terminolo­gie gewählt, die zum Teil von diesen Deutschen selbst in den glücklicheren Zeiten ihres Aufenthaltes im baltischen und slawischen Osten (und das heißt: vor der Zuspitzung ihrer Lage vor dem Hintergrund außenpolitischer Kon­flikte) verwendet wurde: Ich habe die deutsche Bevölkerung der russischen Ostseeprovinzen als »Deutschbalten« und dort, wo sie außerhalb dieser Pro­vinzen stark an ihre russische Umgebung assimiliert waren, als »Personen (mit bzw. von) deutschbaltischer Herkunft« bezeichnet. Ich spreche von den »deutschen Kolonisten« beziehungsweise ab 1871 auch von den »deutschen Siedlern« und mache dort, wo ehemalige Kolonisten sich außerhalb der Kolo­nienbezirke betätigten und an andere nationale Bei Abschluß der Niederschrift dieser Geschichte, die die erste, die ver­schiedenen Segmente dieser Bevölkerungsgruppe umfassende Geschichte der Deutschen im Zarenreich ist, und die insofern auch zu Verbesserungen und , Vertiefungen einladen will, möchte ich der Deutschen Forschungsgemein­schaft für ihre Unterstützung sowie jenen persönlich danken, die durch Ge­spräche oder Lesen des Textes in seinen verschiedenen Redaktionen zur Klärung vieler Fragen beigetragen haben. Es sind dies vor allem Herr Prof. Erik Amburger, I. D. Tatjana Fürstin Metternich, die Herren Staatssekretär a. D. Bernt von Staden, Dr. Nikolaus Fasolt, Henning von Wistinghausen und Prof. Dietrich Geyer. Ihren interessierten Fragen und Anregungen sind manche Konturen dieses Werkes zuzuschreiben, das dem Leser eine Vertie­fung seiner Kenntnisse, ein neues Verständnis bestimmter Zusammenhänge und nicht zuletzt Freude an der russischen Geschichte bringen möge.


Ostern 1986

I. F.

 


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