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Nro. 180.1 Dienstag, den 5. May. Anno 1812.


AUGSBURGISCHE ORDINARI POSTZEITUNG2
Von Staats, gelehrten, historisch. u. ökonomischen Neuigkeiten.
Mit allerhöchsten Privilegien.
Gedruckt und verlegt von Joseph Anton Moy, wohnhaft auf dem
obern Graben in dem sogenannten Schneidhaus.


Русский

Stettin, den 21. April.

Seit vielen Jahren suchte die russische Regierung, um ihre zahlreichen Wüsteneyen zu bevölkern, aus Frankreich, aus dem Würtembergischen, von den Rheinufern etc. Landleute und Professionisten an sich zu locken. Diese fanden sich aber in ihren glänzenden Hoffnungen getäuscht, und Elend war ihr Loos. Als die russische Regierung nach dem Tilsiter Frieden3 erfahren hatte, daß viele junge Aerzte, die bey der preußischen Armee angestellt gewesen, ohne Anstellung wären, so trug sie ihren Agenten auf, denselben den Vorschlag zu machen, sich nach Russland zu begeben. Die Bedingungen waren: 1500 Rubel Gehalt, für die Aerzte der ersten Klasse, nebst 150 Dukaten4 Reisegeld, 1000 Rubel für die Aerzte der zweiten Klasse, und 700 für die der dritten. Letztere beyden Klassen erhielten 100 und 70 Dukaten Reisegelder. Man engagierte sich auf 6 Jahre. Nach Verlauf derselben sollte man die Freyheit haben, mit der Hälfte des Gehalts in Russland zu bleiben, oder das Reich zu verlassen, ohne jedoch Anspruch auf eine Entschädigung zu haben. Ein junger preußischer Arzt, der unter diesen Bedingungen in Dienst getreten war, ist hierher zurück gekommen. Er macht von seiner Reise nach Russland folgende Beschreibung: Nachdem ich mit dem russischen Gesandten zu Kassel, Fürsten Repnin5, einen Kontrakt abgeschlossen, kam ich im Monat Junius 1808 zu Petersburg an. Was andere fremde Aerzte mir sogleich klagten, traf auch mich. Unerachtet des feyerlichsten Kontraktes ward ich in die dritte Klasse herunter gesetzt, und mit einem Gehalt von 700 Rubel in Papiergeld in einem Hospital angestellt. Alle Gegenvorstellungen waren fruchtlos, und der erste Arzt des Kaisers erklärte, daß es mir frey stünde, nach Deutschland zurück zu reisen. Nachdem der Kaiser Frieden mit Schweden geschlossen, erhielten 3 Divisionen der finnländischen Armee Befehl, nach Moskau und Kaminiek6 zu marschieren, um sich zu der Armee von der Moldau zu begeben, die große Verstärkungen nöthig hatte, da durch die Epidemie im Jahr 1810 über 25,000 Menschen weggerafft worden. Da der General Kamensky7 Aerzte und Wundärzte8 für seine Armee verlangte, so erhielt ich mit vielen anderen den Befehl, mich nach Jassy9 zu begeben. Man schickte gleichfalls 6 französische Wundärzte dahin, die seit Kurzem von Paris angekommen waren. Der Fürst Kurakin10 hatte sie mit Erlaubniß der französischen Regierung engagi[e]rt. Als sie zu St. Petersburg angekommen waren, examini[e]rte man sie in der Arzneykunde. Sie antworteten, indem sie ihre Engagements zeigten, nach welchem sie nicht als Aerzte, sondern als operi[e]rende Wundärzte gekommen wären. Ich weiß nicht, was in diesem Examen vorfiel; genug, sie wurden mit 700 Rubeln in die 3te Klasse gestellt. Wüthend hierüber begaben sie sich nach dem Büreau des Kriegsministeriums. Auf ihre Vorstellungen bekamen sie 13 Tage Arrest; hernach stellte man sie, um sie etwas zu besänftigen, in der zweyten Klasse mit 1000 Rubel an, und führte sie nach Jassy ab. Die fremden Militärs werden nicht besser behandelt. Der Major Cellé11 war in Russland angekommen. Der Großfürst Konstantin12 hatte den König von Preußen um denselben ersucht, um ein Jägerbataillon zu organisi[e]ren. Der Großfürst schien mit der Haltung des Korps ungemein zufrieden. Zum Unglück für Cellé ward sein Bataillon unter die Befehle eines russischen Obersten gestellt, der sogleich seine Abneigung gegen die Veränderungen zu erkennen gab, die der Major eingeführt hatte. Bey einem Wortwechsel, den sie eines Tages miteinander hatten, vergaß sich der Oberst so weit, daß er dem Major eine Maulschelle gab. Da dieser am folgenden Tage zu ihm schickte, um Satisfaktion zu verlangen, ward er statt aller Antwort arreti[e]rt, und unter Eskorte nach Schlüsselburg13 geführt. Ich weiß nicht, was weiterhin aus ihm geworden ist. (H.C.14)




1 Im Text haben wir die Rechtschreibung und Zeichensetzung des Originals beibehalten. – Alle Anmerkungen zum Text wurden von Andrey Shpak gemacht.

2 Die Augsburgische Ordinari Postzeitung war eine deutsche katholische Tageszeitung, die bis zu ihrem Verbot durch die Nationalsozialisten im Jahr 1935 erschien. Die Ursprünge der Zeitung reichen zurück bis ins Jahr 1686.

3 Tilsiter Frieden ist ein Friedensvertrag, der zwischen Preußen zusammen mit dem Russischen Kaiserreich und dem Französischen Kaiserreich am Ende des Vierten Koalitionskrieges abgeschlossen war.

4 Der Dukat ist eine Goldmünze, die in ganz Europa vom 13. bis 19. Jahrhundert vorbreitete war.

5 Das russische Fürstengeschlecht. Im Text geht es um Herrn Nikolai Grigorjewitsch Repnin-Wolkonski, Fürst, Diplomat, Gouverneur. Quelle: Repnin-Volkonskij

6 Heutzutage ist eine Stadt in der Ukraine.

7 Das russische Adels- und Grafengeschlecht. Im Text geht es entweder um Herrn Nikolai Michailowitsch Kamensky (1776–1811) oder um Herrn Sergei Michailowitsch Kamensky (1771–1834).

8 Wundarzt ist bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts verwendete Bezeichnung für verschiedene, chirurgisch tätige Heilkundige. Die waren auch beim Militär, wo sie Feldscher genannt wurden.

9 Heutzutage ist eine Stadt in Rumänien. Bis 1859 war auch die Hauptstadt des Fürstentums Moldau.

10 Das russische Fürstengeschlecht.

11 Eine unbekannte Person.

12 Konstantin Pawlowitsch Romanow war Großfürst und Zarewitsch von Russland.

13 Die historische Stadt und die Festung in der Nähe von St. Petersburg.

14 Gemäß Intelligenzblattes der Allgemeinen Literatur-Zeitung vom Jahre 1806 steht H.C. für den Herrn H.C. Heinemeyer oder auch Steinmeyer, der Verfasser mehrerer anonymer Abhandlungen und Aussätze ist.



Augsburgische ordinari Postzeitung. 1812, Nr. 180


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