Eine deutsche Tragödie


       Am Abend des 22. Juni 1941, am Tage des Kriegsausbruches, fand in Marxstadt ein städtisches Meeting statt. Eduard Airich (Mitarbeiter der örtlichen Zeitung Rote Sturmfahne und späterer berühmter Sporttrainer und Aktivist der russisch-deutschen Bewegung) und andere Deutschen erklärten ihre Bereitschaft, als Freiwillige an die Front zu gehen. Doch die die Clique Stalins und Berijas hatten ihnen ein ganz anderes Los vorbereitet. Bald darauf konnten die Marxstädter das 175-jährige Jubiläum ihrer Heimatstadt begehen, obwohl doch wohl kaum einem von ihnen solch ein Gedanke in den Kopf kam. Dieser Jahrestag sollte der letzte sein in der Geschichte der größten deutschen Siedlung an der Wolga.

       Wie auch die anderen Wolgadeutschen erfuhren die Marxstädter von dem Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR vom 28. August 1941 über die allgemeine Aussiedlung erst am 30. August aus den Radiosendungen und Mitteilungen der örtlichen Presse. Die Stadt wurde sofort von Truppen besetzt. Sie quartierten sich in mehreren Häusern ein und begannen von neuem eine sorgfältige Registrierung des Familienbestands, doch wohl zwecks Versorgung der Aussiedler mit Fuhrwerken. Die Verbindung Marxstadts mit anderen Siedlungen der ASSRdWD oder gar mit der Außenwelt war unterbrochen. In der Stadt wurde überall der elektrische Strom abgeschaltet, nachts heulten in der völligen Dunkelheit ununterbrochen die Hunde.

Erinnerungen eines Autors:

       ... Wir wurden aus Marxstadt auch so in den ersten Tagen im September ausgesiedelt. Ein paar Tage zuvor gingen Russenleute durch die Häuser der Deutschen und registrierten alles: Bestand der Familie, Häuser und Kühe. Wir besaßen kein eigenes Haus, wohnten in einer Kommunalwohnung (die Kuh lieferten wir ab; später, in Sibirien, hatten wir unter wenigen das Glück und erhielten dafür eine Kuh aus dem Kolchos). Der Vater arbeitete im Betrieb fast bis zum letzten Tag. Dann lief er zwei Tage dorthin, um den ihm noch zustehenden Lohn zu erhalten, doch vergebens. Wo sollten auch die Betriebe und örtlichen Banken das viele Geld auf einmal hernehmen? Die Zentralbehörden kümmerten sich nicht darum.

       Am Nachmittag des 6. September kamen Militärs und kündigten an, dass in zwei Stunden die Wagen kämen, wir sollten uns bereithalten. Doch sie waren kaum weg, als die Fuhren schon vor dem Haus hielten. Unsere Familie hätte nach den von oben bestimmten Normen für 7 Personen (die Eltern und 5 Kinder) zwei Fuhren bekommen sollen - eine zweispännige und eine einspännige. Doch es gab nur eine zweispännige. Es musste alles schnell umgepackt und einige Kisten und Bündel zurückgelassen werden.

       In der Stadt herrschte ein unbeschreibliches Chaos - auf den Straßen liefen Schweine, Schafe, Ziegen umher und schrieen, Hühner gackerten, die Hunde heulten (sie spürten am stärksten, dass etwas Ungewöhnliches in der Luft hing). Schüler russischer Nationalität aus den Berufsschulen liefen auf den Straßen und Höfen herum und versuchten, die Tiere einzufangen.

       Einige unserer Nachbarn, Vaters Arbeitskollegen, luden ihre Sachen nicht auf die Wagen, sie weigerten sich, ohne Geld wegzufahren. Sie fuhren zwei Tage später weg, nachdem sie in den Betrieben vollständig ausbezahlt worden waren. Unser Vater hatte zu große Angst, sich den Behörden zu widersetzen. Er war froh, dass er seine Kinder alle zusammenhalten konnte und in dem Durcheinander nicht verlor und dass er bei seiner Familie bleiben konnte (Angst vor Verhaftung). So fuhren wir los mit 5 kg Zwieback an Bord (den die Mutter noch trocknen konnte), einem Eimer gebratenem Fleisch und 13 Rubel Geld. Unterwegs sahen wir Kinder dann mit Neid auf die anderen, die Geld hatten und Lebensmittel kaufen konnten.

       Wir hielten immer zusammen mit den Nachbarn, die an diesem Tag wegfuhren. Unsere Verwandten lebten im Dorf. Später erfuhren wir, dass die Kraftfahrer des Rayons als letzte abtransportiert wurden, nachdem sie sämtliches Getreide aus den leeren Kolchosen an den Staat abgeliefert hatten.

       Wir fuhren langsam im Schritt durch die ganze Stadt. Es war ein schauriges Bild, das an die Aussiedlung der Kulaken (Großbauern) Ende der 20er und Anfang der 30er erinnerte, nur um das Hundertfache vergrößert. Der Treck zog sich Dutzende Kilometer dahin, begleitet von den Hunden der Einwohner. Auf den Straßen standen Menschen, russische Nachbarn, Kollegen. Viele weinten, andere winkten mit Tüchern, liefen zu den Wagen, um sich zu verabschieden.

       Wir fuhren nach Engels, zur Eisenbahn. Fuhren sehr langsam, mussten oft und manchmal sehr lange wegen irgendeiner Panne halten. So fuhren wir die ganze Nacht. Wir fuhren durch leere Dörfer, wenn da Deutsche gewohnt hatten, durch schlafende Dörfer, wenn da Russen wohnten. Doch wenn der Treck ankam, erwachten die Leute, liefen auf die Straße, um sich den seltsamen Zug anzusehen. Viele kamen zu den Fuhren und übergaben den Frauen und nicht schlafenden Kindern Milch, Tomaten, Äpfel und anderes. Wussten sie doch zu gut, dass den Leuten ein langer und schwieriger Weg bevorsteht.

       Zur Eisenbahn kamen wir schon am anderen Morgen. Das Gepäck wurde abgeladen, in langen Reihen die Eisenbahn entlang. Die Fuhrleute verabschiedeten sich und fuhren zurück, nach Hause. Vielleicht mussten sie dann denselben Weg noch öfter machen. Manche von den Fuhrleuten waren Deutsche, die aus anderen Dörfern mobilisiert waren, an sie kam die Reihe später. Sie sahen sich das Bild an und sagten traurig: Wer weiß, wie wir weggeschafft werden. Und sie hatten Recht. Uns erging es noch verhältnismäßig gut. Wir waren bei den ersten, die zwar überstürzt abtransportiert wurden, aber unter besseren Verhältnissen als die späteren, kamen auch gewöhnlich an bessere Orte der Aussiedlung.

       Wir warteten auf den Zug. Wieder kamen Militärs, machten Listen, erteilten irgendwelche Befehle. Es begann zu regnen. Die Fuhren mit den Aussiedlern kamen noch viele Stunden lang herangefahren, das Gepäck wurde jetzt direkt auf die nasse Erde gestapelt, manchmal sogar in Pfützen, denn jeder Familie wurde ein genauer Platz angewiesen. Am Nachmittag hörte der Regen auf, es zeigte sich die Sonne. Doch zum Trocknen der Sachen war keine Zeit mehr - der Zug kam. Es waren Güterwagen. Manche waren mehr oder weniger sauber, manche aber sehr schmutzig. Zum Saubermachen war keine Zeit, und die Leute mussten sich mit ihren Sachen auch so darin einrichten. Die Aussiedler wurden auf die Wagen verteilt. In jeden zweiachsigen Wagen kamen 40-45 Mann. Große Truhen und Bündel wurden von den Männern zum Kopfe des Zuges geschleppt, wo sie in große vierachsige Gepäckwagen verstaut wurden. Natürlich gab es wieder viel Lärm, Tränen, Durcheinander. Oft musste wieder umgepackt werden, um die notwendigen Gegenstände mit sich auf den Weg zu nehmen. Endlich waren Menschen und Gepäck verfrachtet. In unserem Waggon waren 42 Mann: auf der einen Seite des Waggons wir drei Familien zu je 7 Personen, auf der anderen Seite mehrere Familien, insgesamt 19 Personen. In der Mitte des Waggons lagerte ein älteres Ehepaar direkt auf seinem Gepäck, sie wollten nicht auf die Pritschen klettern, die in zwei Etagen zu beiden Seiten des Waggons angebracht waren. Dieser Waggon wurde für 17 Tage unser Wohnort.

       Wir fuhren, wenn auch langsam, immer weiter nach Osten. Anfänglich war für uns Kinder diese Reise sehr interessant. Wir wussten ungefähr, dass man uns nach Kasachstan oder Sibirien fuhr. Wir erinnerten uns an die Bilder im Lehrbuch für Geographie, an Kinofilme, und das alles kam uns sehr exotisch vor. Für uns war es interessant, jetzt das zu sehen zu bekommen, was früher nur in unserer Phantasie lebte.

       In jedem Waggon wurde ein Ältester gewählt, der zusammen mit anderen Männern nach warmem Mittagessen und Brot ging, die uns an manchen Eisenbahnstationen zugeteilt wurden. Dann wurde dieses unter den Familien nach Personenzahl verteilt. Es kam vor, dass unsere Suppenträger vom Zug zurückblieben. Dann mussten sie ihn auf anderen Zügen einholen, was im allgemeinen nicht besonders schwierig war, da unser Zug fast an allen Stationen stundenlang hielt, denn er musste alle übrigen Züge vorbeilassen. Doch es kamen Fälle vor, wo Familienmitglieder einander für lange verloren. Manche kamen auch beim Durchkriechen unter Waggons unter die Räder eines anfahrenden Zuges.

       Nachts reichten im Waggon die Schlafplätze nicht für alle aus. Da saßen wir drei Halbwüchsige in der Tür des Waggons mit baumelnden Beinen und erzählten einander Märchen und verschiedene Geschichten. Um 2-3 Uhr nachts wurden wir dann von Erwachsenen abgelöst.

       Der Zug, besser gesagt die Insassen, wurden natürlich von Militärs bewacht, die in zwei Wagen am Anfang und am Ende des Zuges untergebracht waren. Manchmal mussten unsere Waggonältesten zum Begleitstab kommen, um irgendwelche Befehle entgegenzunehmen. Dies wurde dann von Waggon zu Waggon durchgeschrieen.

       Am 18. September kam unser Zug auf der Station Rubzowka (Altai-Region) an. Es war ein kühler Herbstmorgen. Wir luden unser Hab und Gut aus dem Waggon und freuten uns, dass unser Leben unter dem Klopfen der Räder endlich vorbei war. Aber die Ungewissheit über unser weiteres Schicksal wirkte sehr beunruhigend. Die schlechten Russischkenntnisse (manche verstanden überhaupt kein Wort Russisch) machten die Lage noch schwieriger.

       Am Abend desselben Tages kamen Pferdefuhren aus den verschiedensten nahe und weit gelegenen Kolchosen. Wir wurden nach einem uns unbekannten Prinzip auf verschiedene Rayons verteilt, so dass verwandte oder befreundete Familien, die bis jetzt zusammengehalten hatten, getrennt wurden. Diejenigen, die Russisch beherrschten, brachten es manchmal fertig, zusammenzubleiben, aber die meisten wurden auseinander gerissen. Ich glaube nicht, dass das von den örtlichen Behörden absichtlich getan wurde. Absicht war es von oben gewesen, die Deutschen so auf die weiten Regionen zu zerstreuen, dass sie nicht aufmucken konnten und zwangsläufig unter der anderen Bevölkerung assimiliert wurden. Wir kamen in das Rayonzentrum Nowo-Jegorjewka, 40 km von Rubzowka. Es war 2 Uhr nachts, als wir vor dem Dorfsowjet ankamen, wo wir wieder lange warten mussten. Dann brachte man uns und noch etliche Familien in den Kirow-Kolchos, der am Ende des großen Dorfes, weit vom Zentrum entfernt, gelegen war. Wir wussten eigentlich gar nicht, wo wir uns befanden, wir wollten nur eines - schlafen. Über Nacht brachte man uns im leer stehenden Kolchoskontor unter. Die Ernte war in vollem Gange und die Buchhalter von Beruf, fand Arbeit in einer Rayonorganisation, der andere zog in ein anderes Dorf desselben Rayons und wurde Mechaniker in einem Sägewerk (später erfuhren wir, dass wir in den Grenzen eines Rayons anfänglich noch etwas Bewegungsfreiheit hatten). Mein Vater, ein ehemaliger Bauer, und die drei allein stehenden Frauen fuhren schon am Morgen des ersten Tages in die Brigade und begannen dort auf dem Feld zu arbeiten. Dort waren Arbeitskräfte sehr nötig.

       In dem Kontorgebäude lebte jetzt nur noch unsere Familie: die Mutter und wir fünf Kinder. Später siedelten wir in ein leer stehendes Häuschen über. Wir Kinder, ich war der Älteste, 13 Jahre alt, halfen im Dorf den alten Frauen und Soldatenwitwen die ungeheuer großen Gärten abräumen. Dafür bekamen wir Kartoffeln, Rüben, Kürbisse, Kohl und anderes Gemüse, so dass wir für die erste Zeit genug zu essen hatten. Brot erhielten wir aus dem Kolchos, anfangs gebackenes, dann Mehl (später bekamen wir auch eine Kuh). Doch die Familie war groß, und wir begannen so nach und nach unsere mitgebrachten Kleidungsstücke und andere Sachen gegen Lebensmittel umzutauschen. An eine Schule war vorerst gar nicht zu denken. Ich verstand zwar ein paar Brocken Russisch, aber ich musste arbeiten. Die beiden jüngeren schulpflichtigen Geschwister verstanden überhaupt nichts. So blieb der Bruder (Jahrgang 1933) auch für sein ganzes Leben lese- und schreibeunkundig. Solche gibt es unter den Russlanddeutschen heute noch viele.

       Anfangs verhielt sich die örtliche russische Bevölkerung ganz friedfertig zu den Aussiedlern, sogar mitleidig. Es wurden Arbeitskräfte gebraucht (die Männer waren alle an der Front), und die Deutschen waren geradezu willkommen mit ihrer Arbeitslust und kindlichem Gehorsam. Man musste ja manchmal dumme Fragen einstecken z.B. wie unsere Meinung wäre, wer siegen wird - die Sowjetunion oder unser Hitler; ob wir wohl Nemzy (Deutsche) oder Nenzy (ein Volk im Norden der Sowjetunion, am Eismeer) seien. Manche hatten bis dahin ernsthaft geglaubt, dass die Deutschen Hörner an den Köpfen hätten. In den Kinos lief damals der Film Alexander Newskij. Das war ein mittelalterlicher Nowgoroder Fürst, der im Jahre 1242 den Deutschen Ritterorden auf dem Peipussee besiegt hatte. Die Ritter hatten da oftmals Hörner an ihren Helmen. Dieser Umstand und die bösartige Propaganda der Politkommissare gegen alles Deutsche hatten unter der Bevölkerung ihr Ziel erreicht, hatten den Hass auch gegen die eigenen Deutschen auf die Spitze getrieben.

       Schlimmer wurde es, als die Totenbriefe von der Front begannen, dutzendweise in die Häuser der russischen Bevölkerung zu flattern. Das Wehklagen erschütterte dann die Luft. Die Frauen und Kinder rauften sich die Haare aus, beschütteten ihre Köpfe mit Asche.

       Wir Deutschen getrauten uns an solchen Tagen nicht auf die Straße. Schimpfworte wie: Faschisten, Hitleristen, Fritzen - das war das Geringste, was wir über uns ergehen lassen mussten. Wenn man das von einer vor Gram wild gewordenen Witwe hören musste, oder von Kindern, die es von Älteren lernten - das konnte man ja noch verstehen. Aber wenn man von der Kolchos- oder Dorfobrigkeit, den Vertretern der Sowjetmacht, so beschimpft wurde, da ließen auch die Geduldigsten und Verständnisvollsten die Arme sinken. Oft kam es zu Raufereien (wegen einer solchen Beschimpfung), schuld waren natürlich wieder die Nemzy.

       Der Vater arbeitete bis zum späten Herbst 1941 in der Brigade. Als das Getreide alles gedroschen war, gab man ihm zwei Pferde und zwei einspännige Schlitten und er wurde Fuhrmann wie noch einige Männer, die noch im Kolchos waren. Die Pferde waren Nachts über im Kolchosstall, das Pferdegeschirr und die Schlitten standen bei uns zu Hause. Wir wohnten, als die Kolchosverwaltung wieder ins Dorf zog und das Kontor gebraucht wurde, in einem leer stehenden Häuschen direkt neben dem Kolchosvorsitzenden Stepan Nasarowitsch Sjukin, ein Ukrainer. Er war ein dicker kleiner, schon ältlicher Mann, der seines Alters wegen doch wohl auch nicht an die Front genommen wurde.

       Noch vor dem Beginn der Aussiedlung war Marxstadt voller Flüchtlinge aus den besetzten Territorien der Ukraine und Weißrusslands, hauptsächlich Juden. Gleichzeitig drängten in die Stadt Einwohner der benachbarten russischen Dörfer, vor allem aus dem Dorf Beresniki, das sich der Stadt gegenüber auf der Bergseite befindet. Sie besetzten ohne lange zu warten die hübschen (nach ihren Vorstellungen) deutschen Häuser und nahmen gleichzeitig als Trophäen alles, was nicht niet- und nagelfest war. Die Hauptmasse der Flüchtlinge kehrte nach dem Krieg in ihre Heimat zurück. Ihren Platz nahmen hauptsächlich die Einwohner der nachbarlichen Rayons, Gebiete und Republiken ein, die hierher mobilisiert wurden.

       Die Deutschen aus Marxstadt (außer den Frauen, die Ehemänner anderer Nationalität hatten) wurden in der ersten Septemberhälfte ausgesiedelt. Sie kamen hauptsächlich in den Altai und das Gebiet Nowosibirsk. Die typische Marschroute verlief auf Lastkähnen bis nach Engels, von dort in den berühmten Viehwaggons, die von Solschenizyn beschrieben wurden, auf Umwegen durch den Süden Kasachstans nach Sibirien. Der ganze schwierige Verbannungsweg dauerte rund zwei Wochen. Fast keiner von den ausgesiedelten Marxstädtern kehrte in seine Heimatstadt zurück.

       Einige der von dem stalinschen Genozid am Leben gebliebenen Einwohner der Stadt machten in den 50er und 60er Jahren zaghafte Versuche, zurückzukehren. Aber bis Ende 1972, der offiziellen Annullierung des Anmeldeverbots der Russlanddeutschen in ihren früheren Wohnorten, waren solche Versuche vom Anfang an umsonst. Erst in den 70er und 80er Jahren rührte sich die Sache vom Platz, und 1989 lebten in Marx schon ganze 617 Deutsche (1,8% der Gesamteinwohnerzahl).

       Zu dieser Zeit wurde die Stadt zum Zentrum einer zügellosen antiautonomistischen (in Wirklichkeit antideutschen) Kampagne, die von den örtlichen Parteibonzen ausgelöst wurde. Gleichzeitig entstand in Marx eine Zelle der Saratower Gesellschaft Gerechtigkeit mit dem Parteisekretär des Werkes Radon Valentin Proskurjakow an der Spitze. Dieser tapfere Mann verlor für sein Auftreten zugunsten einer deutschen Autonomie an der Wolga nicht nur seinen hohen Posten, sondern auch sein Parteibuch. Doch die gegnerischen Kräfte waren sichtbar ungleich. Die antideutschen Meetings versammelten in den Jahren 1989-91 eindrucksvolle Menschenmengen, und die Zahl der aktiven nichtdeutschen Anhänger einer deutschen Autonomie an der Wolga überstieg niemals einige Hundert Personen. Es ist nicht wunderlich, dass sogar die wenigen Deutschen, die in den letzten Jahrzehnten an die Wolga zurückgekehrt waren, zum größten Teil schon in die Bundesrepublik ausgewandert sind, oder planen, es zu tun.

       Das heutige Marx zählt zweimal mehr Einwohner als vor dem Krieg. Aber diese Stadt wie auch die Stadt Krasnoarmejsk (das ehemalige Balzer) hat sein deutsches Gesicht noch nicht ganz verloren, was man nicht sagen kann von den meisten ehemaligen deutschen Dörfern. Der historische Teil von Marx ist, nach der Meinung der Alteingesessenen, noch gut erkennbar, seine Gebäude haben sich zum Größten Teil noch erhalten (nicht gezählt diejenigen, die noch vor 1941 abgetragen wurden, so wie auch solche, die dem Bau von neuen Wohnhäusern und Schulen Platz machen mussten). Trotzdem verspüren die Marxstädter, die nach Jahrzehnten in ihre Heimatstadt kommen, eine große Verwirrung, Verstutztheit. Einerseits sind viele alte Häuser mit Ziegelsteinen verkleidet, die einst hier eine Rarität waren. Andererseits und das ist das Wichtigste die Stadt ist auffallend baufällig und altersschwach geworden. Ihre Straßen und Häuser, gelinde gesagt, glänzen nicht vor Sauberkeit und Gepflegtheit, was vor dem Krieg gar nicht denkbar war. Die Nachkriegsbauten in Marx sind genauso eintönig, gesichtslos und unüberlegt wie in vielen anderen russischen Städten. Eine Ausnahme ist vielleicht der neue Kulturpalast, eine andere Sehenswürdigkeit ist in der Stadt kaum zu finden.

       Aber die größte Erschütterung ruft bei den Alteingesessenen der Anblick des hiesigen alten Friedhofs hervor. Die Zerstörung des deutschen Teils, die schon während der Aussiedlung begann, ist erfolgreich vollendet. Es sind nur noch einzelne Grabmale erhalten geblieben; Kreuze, Denkmäler und Grabplatten sind völlig vernichtet. Die alten Ziegelgruften sind aufgebrochen, die geschändeten Gebeine in der ganzen Umgebung zerstreut. Aus angeblichem Platzmangel wurden über den alten Gräbern neue Beerdigungen durchgeführt.

       An dieser Stelle ist es angebracht, eine Augenzeugin, Frau Elena Michailowa, zu Wort kommen zu lassen.

Erinnerungen an die ersten Tage in Marxstadt nach der Deportierung
der Deutschen aus der Wolgarepublik

       Ich lebte damals in Miete bei einer Witwe mit 3 Kindern in einem kleinen Häuschen in der Karl-Marx-Straße, unweit des Maschinenbauwerks. Nach der Deportierung der Hauswirte zog mein Bruder zu mir und wohnte jetzt bei mir. Zuvor wohnte er in einem Wohnheim der Berufsschule, wo er damals lernte.

       Wir waren jetzt die einzigen Einwohner in der ganzen Straße. Es war sehr schaurig. Einige Tage lang zeigte sich niemand. Dann brachte man aus Engels einige Autos mit Zöglingen eines Kinderheims, Berufsschüler. Die begannen sofort die leer stehenden Häuser zu durchsuchen, sie vollzogen eine regelrechte Plünderung und Zerstörung. Man hatte ihnen ja eingeflößt, dass hier deutsche Faschisten gelebt hatten, und jetzt ließen sie ihren ganzen Hass an den leer stehenden Häusern aus.

       Das dauerte einige Tage. Auf den Straßen lief das herrenlose Vieh umher, die ungemolkenen Kühe brüllten, die hungrigen Hunde heulten.

       Als erste kamen mit ihren Familien und ihrem Hab und Gut Einwohner aus Beresniki (ein russisches Dorf jenseits der Wolga, direkt Marxstadt gegenüber). Früher brachten die Frauen aus dem Dorf stets Dickmilch zum Verkauf nach Marxstadt. Sie trugen oft ihre Milch mit Traghölzern durch die Straßen und wussten genau, wo reiche deutsche Häuser waren, und wo die Leute schon Vorräte an Lebensmitteln für den Winter in den Abstellräumen, Kellern und Scheunen gelagert hatten. Sie zogen für immer nach Marxstadt. Das Dorf Beresniki wurde bald menschenleer.

       Dann kamen die ersten Evakuierten aus den von den Deutschen okkupierten Gegenden. Sie bezogen auch die besten Häuser und eigneten sich das an, was von den marodierenden Kinderheimszöglingen noch übrig geblieben war.

       In den Dörfern ging es genauso zu.

       Nachdem wir noch vor dem Krieg unsere Eltern verloren hatten (der Vater wurde 1937 erschossen, die Mutter starb bald darauf), kam meine 16-jährige Schwester in das Kinderheim von Orlowskoje. Von dort wurden auch alle deutschen Kinder weggebracht. Es blieben nur diejenigen, die russische Namen hatten, wenngleich sie die russische Sprache nicht beherrschten. Diese einigen Mädchen kümmerten sich um das Dorfvieh, als die Deutschen weg waren. Sie molken die Kühe direkt auf die Erde, damit sie nicht so brüllten vor Schmerzen in den vollen Eutern. Etwas später kamen auch hier her Evakuierte, und die Kinder wurden in das Kinderheim von Marxstadt gebracht. Wir nahmen unsere Schwester zu uns.

       Im Winter, als der Bruder schon 18 Jahre alt war, wurde er eingezogen, kam an die Front und fiel bei Stalingrad im Oktober 1942. Wir blieben mit der Schwester zu zweit.

       Es kam ein früher und sehr rauer Winter. Die Öfen mussten geheizt werden. Als das Brennholz in den deutschen Scheunen zu Ende ging, begannen die Leute, alles Brennbare zu zerbrechen und zerschlagen. Zuerst die Bretterwände, Hoftore, und Hoftüren, dann die Nebengebäude. Zum Frühjahr blieben nur noch die nackten Häuser übrig, von denen sogar die Fensterläden abgerissen wurden.

       Diese Leute dachten doch nicht daran, hier längere Zeit zu leben. Sie hofften, sobald der Krieg zu Ende wäre, in ihre Heimatsorte zurückzukehren. Doch dort war auch alles vom Krieg zerstört, so dass kaum jemand von hier wegzog. Jetzt musste allmählich alles wieder hergestellt werden, was sie selbst zerstört hatten.

       Doch das ist jetzt nicht mehr das saubere, akkurate Vorkriegsmarxstadt, wie es in meinem Gedächtnis haften geblieben ist. Ich habe mein ganzes Leben hier verbracht, und ich musste mit Wehmut das alles mit ansehen.

       Im Frühjahr 1942, als die Zeit der Aussaat heran nahte, waren die Dörfer immer noch halb leer. Um die Felder zur Aussaat vorzubereiten, mussten sie von der vorjährigen nicht eingebrachten Ernte befreit werden. Man schickte die Stadtbewohner auf die Felder. Es waren hauptsächlich Frauen, Mädchen und Jugendliche. Ich war auch dabei. Anfangs mähten wir die Frucht ab, dann steckten wir einfach die Felder von allen Seiten an, das gab ein ganzes Feuermeer. Die Sonnenblumenfelder waren auch nicht abgeräumt. Wir rissen die Sonnenblumenköpfe ab und warfen sie auf einen Haufen, die Stängel sammelten wir zum Heizen für den Winter.

       Es gab da noch eine sehr unangenehme Arbeit die Kadaver der auf den Feldern verendeten Kühe, Ziegen und Schafe mussten begraben werden. Sie lagen da mit aufgeblasenen Leibern, schon halb verwest. Wir, Mädchen, mussten neben jedem Kadaver ein Loch graben, dann mit dem Spaten sie hinein stoßen. Dann erst konnten die sauberen Felder gepflügt und gesät werden.

       In Marxstadt gab es vor dem Krieg ein Pädagogisches Technikum. Gleich nach der Deportation der Deutschen wurden hier Soldaten einquartiert. Die zerstörten auch alles, was niet- und nagellos war. Mit den Büchern aus der Bibliothek wurden die Öfen geheizt. Im Frühjahr 1942 wurde hier ein Hospital eingerichtet. Man brachte die Verwundeten direkt von der Stalingrader Front hier her. Doch im Herbst, vor Einbruch der Fröste, musste das Hospital nach Kujbyschew evakuiert werden, denn die Front näherte sich schon dem Gebiet Saratow.

       Nach dem Hospital wurde in dem Gebäude des Technikums eine Erziehungsanstalt für Erwachsene eingerichtet, dann für Jugendliche, die bis auf den heutigen Tag noch existiert.

       Von einer großen Zerstörungswelle wurde auch der städtische Friedhof heimgesucht. Das war einmal ein sehr hübscher und gepflegter Ort mit hübschen Grabmälern und Familiengräbern. Die Grabmäler wurden umgestoßen, zerschlagen und mit unanständigen, zensurwidrigen Inschriften geschändet. Die Familiengräber wurden aufgerissen, die Särge und Skelette auf dem ganzen Friedhof umher geworfen. Das machten alles die hierher gebrachten Kinderheimzöglinge.

       Solch ein Bild stellte Marxstadt (und wahrscheinlich nicht nur Marxstadt) gleich nach der Deportation aus sich dar.

       Heute ist die Stadt gewachsen, ist zweimal größer geworden, es erschienen mehrstöckige Häuser, viele Grünanlagen. Aber es ist nicht mehr das Marxstadt, das ich immer noch vor Augen habe.

Marx, 05.07.03

E. P. Michailowa

       Es ist schwer vorstellbar, dass nach der Besichtigung solch einer letzten Ruhestätte jemandem von den Marxstädtern die Idee kommen kann, nach Marx zurückzukehren.

       Gerechtigkeitshalber muss vermerkt werden, dass man in der Stadt auch einige neue Kennzeichen sieht. Die Stadt erstreckt sich zu beiden Seiten des Lenin-Prospekts weiter die Wolga entlang. In noch größerem Maße ist die Stadt vom Fluss seitwärts gewachsen. In diesem Rayon befindet sich ein relativ neuer Busbahnhof, wozu das Gebäude des ehemaligen Flughafens ausgenutzt wird, der heute nicht mehr funktioniert. Es gibt eine neue Anlegestelle an der Wolga. In der Stadt entstand ein großer Industriebetrieb das Werk Radon. Anstelle des Karl-Marx-Museums, das nach dem Krieg in einem ungeeigneten Gebäude untergebracht worden war, ist das Heimatmuseum wieder entstanden in demselben Haus, wo es auch vor dem Krieg war. Das Gebäude, das als Poliklinik benutzt worden war, wurde dem Museum 1992 zurückgegeben, in erster Linie dank der energischen Tätigkeit seines Direktors N. Titow, ehemaliger Kapitän in der Kriegsmarine. Dort, wo das Denkmal der Kaiserin Katharina II. stand, wurde im Stadtpark ein Pionierpalast erbaut. Wo sich früher die orthodoxe Kirche befand, wurde ein neuer Park angelegt. Hier (etwas abseits der früheren Stelle) wurde durch das Bestreben der deutschen Aktivisten auf dem Brudergrab der 1921 von den Händen der Banditen gefallenen Stadtbürger ein neuer Obelisk aufgestellt.

       Nebst der Rayonorganisation Wiedergeburt funktioniert in Marx ein Deutsches Kulturzentrum (heute nennt man es Russisch-Deutsches Haus), das von der unermüdlichen Enthusiastin Eleonora Herdt (inzwischen verstorben) organisiert und geleitet wurde, die in Marxstadt schon vor dem Krieg lebte. Sie hielt auch Predigten in der lutherischen Gemeinde, wenn kein Pfarrer da war. Damals - noch in einem Seitenflügel der Kirche, da das ganze Gebäude sich noch in einem ungeeigneten Zustand befand. Nach ihrem Tod wird die lutherische Gemeinde von dem Pastor Wladimir Rodikow geleitet. Er wurde 2002 von der kirchlichen Obrigkeit zum Pastor geweiht (es waren Prominenten aus Saratow, Moskau und Deutschland zugegen). Pastor W.K. Rodikow stammt von einer deutschen Mutter und einem russischen Vater. Früher lebte er in der Stadt Kamyschin. Er erhielt in den Jahren 1995 bis 1999 eine Pfarrerausbildung in Berlin/Zelendorf, absolvierte ein 4-jähriges Seminar im damaligen Paulinum. Aber Prediger war er in Marx schon seit 1993. Er meinte, die städtische und Rayonobrigkeit seien die größten und gefährlichsten Feinde der evangelischen Kirche in Marx. Sie wollten mit allen Mitteln das Gebäude der Kirche (da es jetzt in einen mehr oder weniger vernünftigen Zustand gebracht ist) der evangelischen Gemeinde wieder wegnehmen. Am 24. September 2001 wurde die Kirche in Brand gesetzt. (Unter anderem, zur selben Zeit wurde auch die evangelische Kirche in Samara in Brand gesetzt.) An der Restaurierung und dem Wiederaufbau der lutherischen Kirche waren Spezialisten aus Deutschland beteiligt. Mit Deutschlands Hilfe wurde die neue imposante Katholische Kirche in neuem architektonischen Stil aufgebaut.

       Und trotzdem ist Marx schon lange keine deutsche Stadt mehr und wird wahrscheinlich keine mehr geben. Die Geschichte der größten deutschen Wolgasiedlung ist abgeschlossen. Es bleibt nur noch sie gründlich zu studieren und nach Möglichkeit zu verewigen.






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