Ein neues Hungerprojekt


       Der neue Kreuzzug gegen die Religion fiel nicht zufällig zeitlich mit der Kollektivierung und der massenweisen Entkulakisierung (Enteignung und Verschickung der Großbauern) zusammen. In einem Staat, der das Stadium der reifen Totalisierung erreicht hatte, konnte es keinen Platz geben weder für die Religion, noch für irgendwelche andere unabhängige Formen des gesellschaftlichen Bewusstseins. Die Entkulakisierung, die in der ASSRdWD im Februar-März 1930 durchgeführt wurde, betraf auch viele Marxstädter, die sich von ihrer Bauernwirtschaft noch nicht getrennt hatten. Und die stalinsche Kollektivierung, die neue Formen der Prodraswjorska ins Leben gerufen hatte, rief eine neue Hungerkatastrophe hervor. In der ASSRdWD betraf die Hungersnot von 1933 am meisten den Teil der Bevölkerung auf der Bergseite, in Marxstadt die Kolchosbauern. Die Behörden nahmen ihnen faktisch jegliche Nahrungsvorräte und, zum Unterschied zu der Hungersnot von 1921, blockierten sie völlig die Hilfe von außen. Hier bringen wir eine Episode aus den Erinnerungen eines der Autoren.

       ... Weiter erinnere ich mich an die so genannte Prodraswjorstka, das heißt die zwangsmäßige Wegnahme des Getreides von den Bauern. Zu uns kam die zuständige Kommission mehrere Male, es war aber nichts mehr zu holen. Da wurde Vater in den Dorfsowjet geholt, in die Verwaltung. Er kam nach einer halben Stunde mit noch drei Männern nach Hause zurück, nahm einen leeren Sack und ging in den Flur zum Mehlkasten. Die Mutter hatte die kleine Schwester Lea auf dem Arm, und ich hing an ihrem Rock. Sie wollte sich vor den Mehlkasten stellen und schrie fürchterlich. Wir, Kleinen, begannen auch zu schreien. Aber Vater drückte Mutter schweigend beiseite und fegte mit dem Flederwisch (ein Stück Gänseflügel) das letzte Mehl aus den Ecken des Mehlkastens. Es ergab sich ungefähr ein halber Eimer. Vater schüttete es in den Sack und übergab es den Leuten. Sie standen stumm mit weit aufgerissenen Augen und Mündern da. Schließlich sagte einer von ihnen: Na, so war das doch nicht gemeint, Alexander. Weiter kann ich Euch nicht helfen, Männer, antwortete der Vater und die Tränen quollen ihm aus den Augen. Die Männer nahmen das Mehl mit und hießen Vater auch mitkommen. Im Kolchoskontor stellten sie die Sache dem Vorsitzenden vor. Der ordnete an, Vater mit einem halben Pud (8 Kilo) Roggenmehl zu prämieren, für gewissenhaftes Abliefern des letzten Getreides.

       Unter diesen Umständen griffen viele Einwohner der Stadt wiederum zur Flucht. Manche Marxstädter, die keine Möglichkeit hatten, selbst wegzufahren, schickten ihre Töchter nach Moskau, wo sie Arbeit als Mägde in den Familien verschiedener Würdenträger, ausländischer Spezialisten und sogar in den ausländischen Botschaften fanden. Die meisten dieser deutschen Mädchen kehrten nach ein-zwei Jahren wieder nach Hause zurück, aber manche blieben in der Hauptstadt bis 1941 und wurden gleichzeitig mit allen anderen Wolgadeutschen deportiert.[19]

       Nicht weniger schmerzhaft trafen die Marxstädter die politischen Repressalien der 2. Hälfte der 30er Jahre. Erstens deshalb, weil in den Städten diese Repressalien viel stärker verbreitet waren. Zweitens, die Deutschen eigneten sich wie kein anderer in der Rolle faschistischer Diversanten und Spione, mit dem Ziel der Vernichtung derselben, nach der damaligen offiziellen Version, gerade diese blutige Aktion auch organisiert war. Sie verschluckte auch den oben genannten Kamphausen und die meisten Kommunisten aus den Reihen der Deutschen aus Marxstadt, sowie viele parteilose und apolitische Einwohner der Stadt. Die Jahre 1921, 1933, 1937 diese Merkpfeiler konnten die Einwohner von Marxstadt sogar nach dem Genozid der 40er Jahre nicht vergessen.



[19] Vgl. Pinkus, B./Fleischhauer, I. Die Deutschen in der Sowjetunion. Baden-Baden, 1987, S.311.






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© DIE GESCHICHTE DER WOLGADEUTSCHEN.