Industrie


       Die Kataklysmen der ersten Jahre der Sowjetmacht haben ihren Stempel allen Seiten des Labens von Marxstadt aufgedrückt. 1919 wurde die Schäfer-Fabrik nationalisiert. Sie wurde in die 1. Staatliche Fabrik für Landmaschinenbau umbenannt und arbeitete zum Ende 1921, während des Höhepunktes des Hungers nur auf 3% ihrer Kapazität. [16] Doch bald begann auf der Basis dieses größten Unternehmens im Gebiet der Wolgadeutschen der Bau des ersten im

       Lande Traktorenwerkes mit dem bemerkenswerten Namen Wiedergeburt. Im Jahre 1926 wurden hier schon 12 Traktoren herausgelassen. Doch mit der Herstellung von stärkeren Traktoren und dem Bau gigantischer Werke für deren Produktion, ging die Fabrik zur Herstellung von Motoren über. Sie erhielt ihren nächsten Namen Kommunist. Zusammen mit dem Werk und selbst der Stadt behauptete sich die kommunistische Symbolik auch auf den Straßen der Stadt. Sie erhielten alle neue Namen: Kommunistenstraße, Karl-Marx-Straße, Karl-Liebknecht-Straße, Friedrich-Engels-Straße, August-Bebel-Straße, Lassallestraße, Arbeiterstraße, Freiheitsstraße, Rote Straße, Rotarmistenstraße, Kollektivistenstraße, Oktoberstraße. Neben diesen ultrarevolutionären Symbolen gab es keinen Platz mehr für die Kaiserin Katharina II. In den 20er Jahren wurde das Denkmal der Kaiserin in den Hinterhof des örtlichen Museums abgeschoben, dann lag es jahrelang unter einem riesigen Schrotthaufen des Werks Kommunist, bis es 1941 eingeschmolzen wurde.

       Die Kulturrevolution der Bolschewiki beschränkte sich aber nicht nur auf neue Namen und die Vernichtung von Denkmälern. In den 20er und 30er Jahren wurden in Marxstadt bestimmte positive Schritte unternommen zur Entwicklung der Bildung und Kultur. Anstelle der Gymnasien entstand ein Netz von sowjetischen Schulen. In der Stadt wurden ein Mechanisches Technikum (Fachschule), ein Bautechnikum (vereinigte sich 1933 mit dem Mechanischen Technikum) und ein Pädagogisches Technikum eröffnet. Die Gebäude, wo sich diese Lehranstalten befanden, existieren auch heute noch. Schon im März 1919 wurde in Katharinenstadt das erste staatliche nationale Museum der Wolgadeutschen eröffnet. 1925 übergab die Regierung der ASSRdWD dem Museum ein zweistöckiges Gebäude, wo sich das Museum bis zu seiner Schließung im Jahre 1936 befand. In den 30er Jahren gab es in der Stadt sogar ein Bauerntheater. Die Theatervorstellungen fanden im Kulturpalast statt, d.h. in der ehemaligen lutherischen Kirche.

       Aber in derselben Periode entfaltete sich in Marxstadt wie auch überall im Land eine zügellose Hetze gegen die Religion. Durch die Bemühungen des Kommunisten L. Kamphausen aus Deutschland und seiner örtlichen Kollegen wurden von der lutherischen Kirche die Kreuze heruntergeworfen, der imposante Glockenstuhl wurde zerstört und in dem verstümmelten Gebäude wurde der Kulturpalast des Werks Kommunist errichtet. Zur größeren Überzeugungskraft wurde daneben ein riesiges Transparent angebracht mit der Losung: Die Religion ist Opium für das Volk. Der Moment der Zerstörung der Kirche ist auf einem Foto festgehalten, das sich im örtlichen Heimatmuseum befindet. In der historischen Chronik von A. Hermann wird der Massenauftritt der Marxstädter am 5. Juni 1930 mit einem Protest gegen die Schließung der lutherischen Kirche erwähnt. Augenzeugen erzählen, wie die wütenden Stadtbürger Kamphausen ergriffen, der dabei war, die Kreuze von der Kirche zu werfen, ihn mit Petroleum begossen, es aber nicht mehr schafften, ihn anzuzünden. Nach diesem Ereignis wurden viele Marxstädter verhaftet, auch solche, die gar nicht beteiligt waren. Die wunderbare Kirchenorgel existierte noch bis zu dem kalten Winter 1941/42, als die neuen Einwohner sie zu Brennholz verschleppten. Der letzte Pastor der Marxstädter lutherischen Gemeinde Artur Julius Klück wurde 1928 nach Sibirien verschickt und dort hingerichtet. [17]

       Ein analoges Schicksal traf auch die katholische Kirche: sie wurde verstümmelt und dann in ein Lichtspielhaus verwandelt. 1986 wurde sie auf Befehl der Stadtväter dem Erdboden gleich gemacht. Laut Mitteilung von A. Hermann geschah die Schließung dieser Kirche auch nicht ohne Zutun des erwähnten L. Kamphausen, der als Vorsitzender des Marxstädter Kantonsowjets der Atheisten tätig war. Dieser kriegerische Atheist zwang mit der Pistole den damaligen Pater Georg Bayer und den Rat der katholischen Kirche eine Erklärung zu unterzeichnen über die Übergabe des Gotteshauses an den Staat. Die rowdyartige Tätigkeit von Kamphausen löste in der Öffentlichkeit großes Aufsehen aus, und das Oberste Gericht der ASSRdWD verurteilte ihn zu 2,5 Jahren Freiheitsentzug. Doch das Oberste Gericht der RSFSR stellte die Strafe zur Bewährung aus. Der Volkskommissar für Justizwesen nahm den Gotteslästerer unter seinen Schutz.[18]

       In der Marxstädter orthodoxen Kirche wurde zuerst ein Getreidelager eingereichtet, aber dann wurde sie einfach gesprengt. Man erzählt - aus den Bruchstücken des Gebäudes gelang es, nur eine kleine Schule im Dorf Boaro (heute: Borodajewka), unweit von Marxstadt, zu bauen.

       Um zu zeigen, mit welchem Pomp und mit welcher Propagandademonstration die Einweihung des Gebäudes der lutherischen Kirche in einen Kulturpalast verlief, bringen wir einige Artikel aus der wolgadeutschen Republikzeitung Nachrichten vom Dezember 1929. (Nur die Schrift wurde von der gotischen zur lateinischen geändert.)

       Noch ein Beispiel aus der Zeitung Nachrichten, wie damals der Kampf gegen Die Religion geführt wurde:



[16] Ebenda, S. 149.

[17] Die Kirchen und das religiöse Leben der Russlanddeutschen. Evangelischer Teil. 2.Auflage.- Stuttgart, 1978, S. 150.

[18] Siehe: Der deutschrussische Ethnos: Richtpunkte der Geschichte. M., 1994, S. 50.






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