Hungerjahre


       Die örtliche Leitung verhielt sich zu den drakonischen Maßnahmen der Zentralbehörden nicht einerlei. Unter den allerhärtesten Funktionären, die für die Erfüllung der Prodraswjorstka um jeden Preis auftraten, war der schon erwähnte A. Dotz. Im Februar 1920 verhaftete die Gebiets-Tscheka, die er in jener Zeit leitete, den gemäßigten Teil der Gebietsleitung und jene, die die Verhafteten verteidigten. [14] Das Schicksal wollte es, dass er den Juli 1965 erlebte und im Bestand der zweiten Delegation der Russlanddeutschen von A. Mikojan empfangen wurde. Er sprach sich für die Wiederherstellung der ASSRdWD aus, erinnerte an seine Teilnahme an ihrem Aufbau in den Hungerjahren. Er sagte: Wir erfüllten alle Anordnungen über die Lebensmittelfertigstellung, erfüllten sie vorfristig. (...) Es genügte, einen Zettel zu schreiben und die Leute gaben alles. Doch in diesem Moment zog es die hohe Obrigkeit vor, an solche Heldentaten der Zeit des Kriegskommunismus nicht mehr erinnert zu werden, und Mikojan schwieg diplomatisch.

       Anfang 1921 erschienen in Marxstadt die ersten Hungeropfer. Im Resultat der Beschlagnahme bei den Bauern der letzten Getreidevorräte einschließlich des Samenguts, des zwangsläufigen Schlachtens des Viehs und der praktischen Hilfeunterlassung von außen verschlechterte sich die Lage mit jedem Monat. Viele Marxstädter waren gezwungen, sich durch Flucht zu retten. Im Herbst hungerten schon faktisch alle örtlichen Einwohner. Die Situation verschlechterte sich noch mehr, als Ende September 1921 sich die Einwohnerzahl der aussterbenden Stadt verdoppelte, als man hier her noch 10 Tausend Hungerleidende aus anderen Gebieten brachte. Auf Beschluss des Allrussischen Zentralen Vollzugskomitees sollten sie aus dem Gebiet evakuiert werden, mussten aber wegen Transportmangels noch zwei Monate (!) in Marxstadt bleiben. [15] An der Anlegestelle an der Wolga, auf den Straßen Marxstadts und in den Häusern konnten die Verhungerten nicht so schnell begraben werden wie sie wegstarben. Laut Erinnerungen von Augenzeugen wären die noch übrig gebliebenen Einwohner alle ausgestorben, wenn keine ausländische Hilfe herbeigeeilt wäre. Sie wurde in Marxstadt Ende 1921 zuerst den Kindern, dann auch den Erwachsenen vom Internationalen Kinderhilfebund unter der Leitung des berühmten Polarforschers F. Nansen erwiesen, der die Stadt persönlich besucht hatte. Als schreckliches Symbol jener Jahre ist ein Foto geblieben, das eine große Anzahl toter Kinder aus Marxstadt zeigt. Es war im Buch von E. Groß über die ASSRdWD veröffentlicht, das 1926 in Pokrowsk erschienen war. Den nicht wieder gutzumachenden Verlust, der Marxstadt zugefügt worden war, widerspiegelte teilweise die Volkszählung von 1926, die in der Stadt 12457 Einwohner fixierte, darunter 11260 Deutsche (über 90%). Dem zufolge hatte sich die Einwohnerzahl der Stadt in 14 Jahren (seit 1912) nur um 4,1% vergrößert. Die Zeiten des dynamischen Wachstums der größten deutschen Siedlung an der Wolga gehören für immer der Vergangenheit an.



[14] Siehe: Hermann, A.A. das benannte Werk, S. 60.

[15] Ebenda, S. 130.






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