Das politische Leben in der Stadt


       Nach der Februarrevolution von 1917 entstand in Katharinenstadt eine Organisation der Sozialisten. Sie bestand aus Lehrern und anderen Vertretern der Intellektuellen, sowie auch aus Arbeitern. Da Katharinenstadt nach der Anzahl dieser Volksschichten allen andren deutschen Kolonien weit voraus war, so war es auch völlig gesetzmäßig, dass die größte und einflussreichste sozialistische Gruppe sich gerade in dieser Stadt herausbildete. Die örtlichen Sozialisten waren ziemlich loyal und neigten hauptsächlich zu den Menschewiki. Die Zeitung Kolonist, die seit März 1917 von der Katharinenstädter Gruppe herausgegeben wurde, verwandelte sich im Mai zum Organ des Sozialistenbundes der Wolgadeutschen. Im ZK dieser Organisation dominierten anfänglich die Katharinenstädter. Doch im Frühjahr 1918 kam durch die Unterstützung der Sowjets die führende Macht in die Hände des Saratower Komitees, das zu den Bolschewiki neigte. Doch ungeachtet dessen wurde im Herbst 1918 der verschiedenfarbige Bund auseinander gelassen, und bald entstand in Katharinenstadt eine bolschewistische Organisation. Noch früher, am 22. April 1918, wurde der Katharinenstädter Sowjet (Rat) gegründet, an der Spitze stand Alexander Dotz.

       Gleich nach dem Oktober 1917 gerieten die deutschen Wolgasiedlungen in die Macht der Willkür und des Chaos. Die Rotgardisten sprengten in die deutschen Wolgasiedlungen, entwaffneten ihre Selbstverteidigungsorgane, verhafteten die örtliche Verwaltung, erklärten den Kriegszustand und belegten die Kolonisten mit Kontribution. In Katharinenstadt betrug sie nicht mehr und nicht weniger als 2 Millionen Rubel. [13] Nach der Entrichtung der ersten drohten den Kolonien neue Kontributionen, anderenfalls willkürliche Requisitionen und bewaffnete Repressalien.

       Der Bürgerkrieg betraf Katharinenstadt nicht direkt, doch viele seiner Einwohner wurden da hineingezogen. Im Herbst 1918 wurde in Saratow das I. Katharinenstädter kommunistische deutsche Regiment zusammengestellt und in die Ukraine geschickt. 1920 wurde in Marxstadt eine Kavalleriebrigade formiert. Und Anfang 1921 wurden von hier Truppenteile gegen die Banden von Wakulin und Pjatakow geschickt, die ihr Unwesen südlich der Stadt trieben. Die Leichname der von den Banditen in der Umgebung von Marxstadt Umgebrachten wurden feierlich auf dem Platz neben der lutherischen Kirche bestattet. Bei der Eröffnung des Denkmals auf dem Brudergrab war selbst M. Kalinin anwesend.

       Viel mehr als vom Bürgerkrieg litten die Katharinenstädter von der katastrophalen Hungerepidemie in den Jahren 1921-22. Ihre Vorgeschichte wurzelte meinem nach in den Sommer von 1918, als in den Nikolajewsker Ujesd (Landkreis) des Gouvernements Samara, zu dem Katharinenstadt zählte, auf Anordnung von Lenin die erste in der RSFSR Lebensmittelexpedition unter der Leitung von S. Malyschew geschickt wurde. Sie führte mit sich einige Waggons mit Waren des bäuerlichen Bedarfs, um sie gegen Getreide einzutauschen. Die Expedition wurde nicht zufällig gerade hier her geschickt: dieses Territorium war einer der wenigen Getreiderayons, die sich zu diesem Moment in den Händen der Bolschewiki befanden. Außer der Versorgung der schon hungernden Hauptstädte verfolgte die Expedition offenbar noch ein anderes Ziel die Herstellung eines direkten Produktenumtauschs zwischen den Städte und Dörfern, der nach den Ideen der bolschewistischen Theoretiker die Waren-Geldbeziehungen abwechseln sollte. Die Abenteuerlichkeit solcher Pläne trat sofort zutage, als die kargen Warenvorräte, die der Staat zum Umtausch gegen Getreide besaß, ausgingen. Unter diesen Bedingungen griffen die bolschewistischen Machthaber zu viel effektiveren Methoden zur nackten Gewalt.

       Die Expedition von 1918 und ihr Einfluss auf die weitere Nahrungsmittelpolitik im Gebiet der Wolgadeutschen sind mit Sicherheit noch nicht genügend erforscht. In größerem Grade fand sich die Widerspiegelung dieses Ereignisses in der schöngeistigen Literatur: die Erzählung von I. Babel Iwan und Marja beschreibt das Katharinenstadt jener Periode sehr farbenreich, auch den Aufenthalt der Nahrungsmittelexpedition. Dieses Thema wird auch in den Erinnerungen von S. Malyschew selbst in Begegnung mit Lenin angesprochen. Die niedrigen Preise und der Überfluss an Nahrungsmitteln in dem noch nicht zerstörten Katharinenstadt machten es der Expedition möglich, in nur zwei Monaten 42 Tausend Pud Getreide zu beschaffen. Von den glänzenden Resultaten wurde sofort Moskau informiert, und am 17. August 1918 schickte Lenin an Malyschew nach Katharinenstadt als Antwort ein Begrüßungstelegramm.

       Allem Anschein nach riefen die schnellen und unerwarteten Erfolge im Kreml eine völlig verzerrte Meinung über die ökonomische Lage und die Möglichkeiten der deutschen Wolgabauern hervor. Diese Vorstellung änderte sich scheinbar auch nicht durch die Reise M. Kalinins und W. Molotows im Jahre 1919 nach Marxstadt. Anderenfalls lässt sich jene besondere Schonungslosigkeit nur schwer erklären, mit der 1919-20 in der Deutschen Wolgaautonomie die so genannte Prodraswjorstka (die zwangsmäßige Konfiszierung der letzten Nahrungsmittel bei den Bauern) durchgeführt wurde, die an und für sich schon eine grausame Maßnahme aus sich darstellte. In Verbindung mit den Dürren von 1920-21 musste dieser Umstand das Gebiet der Wolgadeutschen zu einer Katastrophe führen.



[13] Fleischhauer, Die Deutschen, S. 567.






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