Religiöses und kulturelles Leben


       In Katherinenstadt gab es eine lutherische, eine katholische und eine orthodoxe Kirche. Diese Multikonfessionalität, die für die deutschen Wolgakolonisten gar nicht charakteristisch war, stammte von der Herkunft der Ersteinwohner, die aus Ländern mit verschiedenen Konfessionen stammten, so wie auch von dem allmählichen Zustrom russischer Einwohner in dem Maße, wie sich die Stadt entwickelte. Zum Anfang des XX. Jh. machte die lutherische Gemeinde ca. 60% der Einwohnerzahl von Katharinenstadt aus, die katholische und orthodoxe je 20%.

       Die Gebäude aller drei Krchen wurden in den 30er Jahren zerstört. Zuerst war im Kirchturm der russischen Kirche Feuer ausgebrochen (wie weiß keiner) und er wurde abgerissen, dann wurde auch der andere Teil der Kirche abgetragen. Damals hieß es unter den Einwohnern, in dem Turm hätten sich Hexen eingenistet gehabt, die nachts herabstiegen und den späten Passanten Angst machten. Dann brach Feuer aus im kleinen Turm der lutherischen Kirche er wurde abgerissen. Das Kreuz und der Glockenstuhl vom großen Turm wurden ja schon früher zerstört. Dann hatte sich im Turm unter dem Uhrengeschoss die städtische Feuerwehr einen Aussichtsturm eingerichtet. Die 4 Uhren funktionierten bis 1941, bis zur Aussiedlung der deutschen Bevölkerung. Man konnte die Uhrzeit einen Kilometer weit noch erkennen. Die Garagen der Feuerwehrautos und der Wasserpumpen befanden sich direkt der Kirche gegenüber (heute ist hier das Administrationsgebäude der Stadt erbaut worden). Wie gesagt, in der lutherischen Kirche wurde ein Kulturpalast eingerichtet, in der katholischen ein Lichtspielhaus. Diesen Zwecken dienten die zwei Kirchen bis zur Aussiedlung der Deutschen.

       Dann brannte der Turm der katholischen Kirche aus, und er wurde abgerissen (später das ganze Gebäude). Aus den Ziegeln der Kirchen wurden andere Gebäude errichtet. Der große Turm der lutherischen Kirche wurde im Sommer 1956 abgebaut. Es hieß, man brauchte Ziegel für den Bau eines Behördengebäudes. Der Autor war Augenzeuge bei der Vernichtung des historischen Baudenkmals. Er stand damals stundenlang und sah zu, wie die Ziegel oben vom Turm mit Brechstangen abgebrochen und in hölzernen Rinnen von hoch oben herunterschossen auf alte Autoschienen, von da bis 5-6 Meter in die Höhe flogen, zur Seite herunterfielen und nicht daran dachten, kaputt zu gehen.

       Auf der Stelle der ersten, noch hölzernen, lutherischen Kirche wurde das Katharinendenkmal errichtet und die lutherische Gemeinde erhielt eine imposante Kirche aus Ziegelsteinen, die unweit der ehemaligen erbaut wurde. Sie wurde nicht ohne Grund als die schönste Kirche in den deutschen Wolgakolonien gezählt. 1895 wurde in ihr eine Orgel der Firma Walker aus Ludwigsburg (Deutschland) eingebaut. Ganz in der Nähe hatten die Jesuiten noch 1815 eine katholische Kirche gebaut, die eine der ersten aus Ziegeln erbaute religiöse Einrichtung im Wolgagebiet aus sich darstellte.

       Anfang des XX. Jh. war die endgültige architektonische Planung von Katharinenstadt beendet, die im Allgemeinen auch heute noch so existiert. Zu den ersten 5 Straßen, die längs der Wolga angelegt waren, kamen noch 6 hinzu. Die breiteste Querstraße mit dem Namen Reichsstraße (heute der Leninprospekt), wo sich die Lutherische Kirche befindet, teilte die Stadt in zwei fast gleichgroße Teile in die Oberstadt und die Unterstadt. Ungeachtet ihrer Benennungen befindet sich die erste tiefer nach der Strömung des Flusses, die zweite - höher. Auf dieser Straße befand sich traditionell der Marktplatz (da ist er auch heute noch). Je nach der Ausbreitung der Stadt rückte der Marktplatz immer weiter von der Wolga ab in Richtung Steppe. Schließlich befand er sich im Rayon der heutigen Arbeiterstraße und dringt an Markttagen weit in diese Straße hinein. In der früheren Reichsstraße, in der Nähe der Wolga, befand sich früher ein so genannter Einkehrhof (Gasthaus), dessen Gebäude auch heute noch existiert. Am Anfang des XX. Jh. wurde in dieser Gegend auf einer Anhöhe das größte und imposanteste Schulgebäude von Katharinenstadt gebaut (heute ein Dienstleistungskombinat). 1912 zählte die Stadt schon 11962 Einwohner. Es schien, dass nichts die verhängnisvollen Ereignisse voraussehen konnte, die bald das ganze Leben nicht nur der Katharinenstädter, sondern auch das ganze Leben aller Völker Russlands umstürzten.






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© DIE GESCHICHTE DER WOLGADEUTSCHEN.