Das Katharinendenkmal


       ...1851 wurde zu Ehren des 90jährigen Jubiläums der Kaiserlichen Manifeste ein Bronzedenkmal der Kaiserin eröffnet, das nach dem Projekt des berühmten Bildhauers Baron von P. Klodt für Spenden der Kolonisten errichtet wurde. Katharina II. war sitzend auf dem Throne dargestellt, sie hielt in der Hand die Rolle mit ihrem berühmten Manifest vom 22. Juli 1763. Das Denkmal wurde eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt, und der Park, der um das Denkmal herum angelegt worden war, das so genannte Katharinengärtchen, - ein beliebter Erholungsplatz der Katharinenstädter. Hier halten wir für angebracht, zu einem Artikel des oben schon erwähnten wissenschaftlichen Mitarbeiters der Marxer Filiale des Saratower Gebietsmuseums für Heimatkunde A. Kirsanow zu greifen, der in der Zeitung  „Woloshka“ Nr. 41 vom 08.04.2004 veröffentlicht war.

Die Geschichte einer „Regierungszeit“    

       Im Herbst 1965 beförderte der Bagger, der eine Grube für das Fundament des künftigen „Pionierpalastes“ aushob, eine Bronzeplatte von 2x1,5 m an den Tag, die von beiden Seiten mit  Wenzeln der gotischen Schrift bedeckt war.

       Die Inschrift lautete (gekürzt): „Begeistert  vom Gefühl der Dankbarkeit und  Treue für die Gunst, die von Ihrer Hoheit, der großmütigen Kaiserin Katharina II. erwiesen wurde, beschlossen  die Kolonisten des Saratower Gouvernements im Jahre 1848 nach der Geburt Jesus Christus ihre Dankbarkeit durch die Errichtung in der Kolonie Katharinenstadt eines Monuments zu verewigen. Zur Verwirklichung dieses Beschlusses wurden im November 1848 durch Sammlung von Spenden in allen 102 Kolonien eine Summe von 14492 Rubel 83 Kopeken in Silber zusammengetragen. Zum Erlangen der hoheitlichen Erlaubnis zu dieser Frage wurde von den Bevollmächtigten sämtlicher 10 Kolonistenkreise dem Ersten Departement  der Reichsverwaltung eine Mitteilung gemacht, und am 2. Mai 1849 erlaubte Seine Majestät der Selbstherrscher und Zar Nikolai I. den Wunsch der Saratower Kolonisten zu erfüllen. Das Monument wurde in Sankt Petersburg vom Professor der Zarenakademie der Künste Herrn Baron von Klodt angefertigt und am 4. Oktober 1851 in Katharinenstadt aufgestellt. Eingraviert von Philipp Koch.“

       Das weitere Schicksal dieser einzigartigen Platte ist unbekannt. Höchstwahrscheinlich beendete sie ihre Existenz im Schmelzofen des Werks „Kommunist“. Und wie lautet die Geschichte des Denkmals selbst, unter dem diese Platte vergraben war? Die Alteinwohner unserer Stadt erinnern sich noch gut an die majestätische Schöpfung des großen  Klodt.

       Die Kaiserin war sitzend auf dem Thron dargestellt. In der herabhängenden rechten Hand hielt sie das Manifest, das sie 1763 den Kolonien geschenkt hatte, die linke ruht auf der Armlehne des Sessels. Auf dem Kopf hatte sie ein Diadem. Die Tunika um zeichnete hübsch die Figur, die Falten fielen auf die Beine. Die Schultern waren vom Mantel bedeckt. Die Figur war in Bronze gegossen und stand auf einem hohen marmornem Postament, auf dessen zwei Seiten in russischer und deutscher Sprache die Inschrift eingemeißelt war: „Der Kaiserin Katharina II. aus Dankbarkeit  von den ausländischen Ansiedlern des Saratower Gouvernements. Den 24. November 1848“.

       Mit welcher Aufmerksamkeit man sich zu dem Inhalt des Denkmals verhielt – darüber spricht die Bescheinigung des Saratower Kontor für ausländische Siedler. Nach der Aufstellung des Denkmals blieben der Kommission, die „zur Durchführung des Planes bis  zur Verwirklichung“ gebildet worden war, noch eine Summe von2355 Rubel und 5 Kopeken. Aus dieser Summe wurden 300 Rubel herausgegeben für eine gusseiserne Umzäunung des Monuments, 1000 Rubel wurden für den Unterhalt einer ständigen Wachmannschaft beim Denkmal bestimmt. Das Geld wurde den  vertrauenswürdigen Kolonisten Christian Lehmann und Johannes Asmus zur rechtsmäßigen Anwendung  ausgehändigt, die sich verpflichteten, über diese Summe auf Grund des Statuts zu verfügen, das sich in den Akten des Saratower Kontors befand. Nach allen Auslagen blieb noch eine beträchtliche Summe übrig. Wie verfügten sie über diese Summe? Lesen wir in demselben Dokument: Die Kommission bittet „um Erlaubnis, ein Stipendium für junge Leute aus den Kolonisten  zu gründen, die sich der Theologie, der Medizin, der Pädagogik, der Technologie widmen wollen, damit sie Universitätsausbildung bekommen können“. So wurde ein Stipendium gegründet, zu welchem immer neue Einlagen hinzukamen. So spendete  der Unternehmer Peter Lippert 5000 Silberrubel  „ zur Erziehung von Kolonistenknaben auf dem Gebiet verschiedener Gewerbe und verschiedener Künste“.

       In einem anderen Dokument vom 9. Juni 1861 lesen wir folgendes in Bezug zu dem Werk von Klodt.  „Sein Hochwohlgeboren Herr Verwalter des Kontors erklärte, dass er während seines Aufenthalts in Katharinenstadt Verwahrlosung des Platzes um das Monument der Kaiserin Katharina II. bemerkt habe.  Der Platz muss mit Bäumen und Sträuchern bepflanzt  in Form einer Grünanlage und dieselbe mit einem leichten Holzzaun umgeben werden.“ Und so entstand nach einigen Jahren rings um die Kaiserin ein hübsches „Katharinengärtchen“ mit schattigen kühlen Alleen.

       Die unbramherzige Zeit nahm ihren Lauf, Jahre vergingen um Jahre, und die nicht alternde Kaiserin „schaute“ aus der Höhe ihres Postaments auf alle Begebenheiten der vaterländischen Geschichte.

       Mit schrecklicher Schießerei und allgemeinem Chaos verkündete von sich der Oktober 1917, danach auch der März 1918, der in Katharinenstadt die Macht der Bolschewiki ausrief. Mitte der 20er Jahre fegte eine Vernichtungswelle der Denkmäler durchs Land. Es wurde niemand verschont. Bagrations Denkmal wurde gesprengt, Kutusows Memorial zerstört, in Nowotscherkassk wurde das Denkmal General Platows vernichtet. Was kann man da sagen über die russischen Selbstherrscher, „Mütterchen Katharina“ nicht ausgeschlossen. Unasere Stadt verwandelte sich in Marxstadt, der Katharinengarten in Garten der Freiheit. Es war verständlich, dass das Schicksal der „Katharina“ besiegelt war.

       Nach einer Versammlung auf dem städtischen Platz riss eines „unschönen“ Tages eine Gruppe schäumender vor Klassenhass Stadtbürger das Denkmal von seinem Postament und stellte es in den Hinterhof des Heimatmuseums. Aber auch hier ließ die Statue durch ihre Erhabenheit jemandem keine Ruhe. Im Jahre 1941 wurde das kunstvolle Meisterwerk in der Gießerei des Werks „Kommunist“ in flüssige Lava verwandelt. Und die verwaiste Stadt wurde mit geschmacklosen Skulpturen der Führer  des Weltproletariats geschmückt. Als Postamente wurde das Piedestal der „gestürzten Kaiserin“ verwendet  (ein Teil davon wurde am Obelisk der Helden des Bürgerkriegs verbraucht).

       So endete die 90jährige „Herrschaft“ der Kaiserin in unserer Gegend.       






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