Das Bildungs- und Schulwesen


       Das Bildungs- und Schulwesen in Marxstadt und auch in der Wolgarepublik überhaupt beschreibt sehr interessant und allseitig der ehemalige Lehrstuhlleiter der Engelser deutschen Musterschule F. Emich in seinem Artikel Schule für die Deutschen, der in der Saratower Zeitschrift Wolga Nr. 2 für 1990 veröffentlicht war.

       An dieser Stelle möchte ich die Erzählung des Herrn F. Emich durch meine eigenen Erinnerungen an mein persönliches Schulleben in Marxstadt in der zweiten Hälfte der 30er Jahre etwas ergänzen.

       ... Im Herbst 1935 brachte mich die Mutter zur Schule. Der Schuldirektor, ein junger Mann mit Namen Paul Herr, wollte mich nicht aufnehmen, da ich erst am 22. Dezember 8 Jahre alt wurde. Damals wurden die Kinder eingeschult, die zum 1. September, d.h. zum neuen Schuljahr, volle 8 Jahre alt waren. Aber meine Mutter bat so inständig, dass sich der junge Direktor erweichen ließ und mich aufnahm.

       Die ersten Wochen waren für mich, einen Jungen aus dem Dorf, sehr schwer in der Schule. Erstens sprach ich den Marxstädter Dialekt sehr durchdrungen mit Elementen des Boaroer Dialekts. Zweitens war ich in städtischen Dingen nicht so gewandt wie meine Schulkameraden. Die Marxstädter waren überhaupt durch ihre Überheblichkeit anderer Einwohner gegenüber berühmt. Sogar manche Lehrer konnten es sich nicht verkneifen, Schüler, die die Marxstädter Aussprache nicht beherrschten, zu verspotten und zu hänseln. So hänselte selbst der Direktor zwei Mädchen aus dem Dorf Orlowskoje, die den stimmlosen Laut k nicht aussprechen konnten, weil es ihn in ihrem Dialekt gar nicht gab: Ihr Orlowskojer Gatzengopp, Gochgessel, Gaffeeganne. Dann hing das doch wohl auch viel von meinem Charakter ab: ich wollte immer alles genau so machen, wie es der Lehrer sagte. Und da es bei mir natürlich nicht so wurde (das Schreiben, z.B.), kam ich jeden Tag mit Tränen nach Hause.

       Das erste Halbjahr schrieben wir ABC-Schüler mit Griffeln auf schwarze Täfelchen oder mit Bleistiften auf Papier in Heften. Das sollte das ganze erste Schuljahr so bleiben. Aber der Lehrer (uns unterrichtete in der 1. Klasse der Schuldirektor in eigener Person, der Lehrer Herr) konnte die Bleistifte von 42 Schülern während der Schreib- oder Rechenstunde nicht so schnell anspitzen, wie wir sie abbrachen. So ging er im 2. Halbjahr zur Tinte über.

       Ich war zu dieser Zeit schon einer der besten Schüler in der Klasse. Aber als wir begannen, mit Tinte zu schreiben, begann mein Elend von neuem. Wir sollten zu Hause alle von den Eltern Tintenfässer kaufen lassen oder einfache kleine Fläschchen nehmen und Tinte machen lassen. Die Mutter hatte kein Geld, weder für ein Tintenfass noch für Tinte. Also machte sie alles selbst. Da wir auch keine Tintenstifte hatten, die wir gewöhnlich zum Tintemachen verarbeiteten, machte sie Tinte aus Wäschefarbe. Die Tinte schrieb schlecht. Da meinte meine Mutter, sie habe noch zu ihrer Schulzeit immer gehört, dass in richtige Tinte etwas Zucker hineingehöre. Sie hätten als kleine Mädchen die Tinte immer etwas mit der Zunge probiert, und sie habe süß geschmeckt. So füllte sie auch in mein Tintenfass einen halben Teelöffel Zucker hinein. Die Tinte zog sich jetzt wie Sirup. Schon am ersten Schultag nach den Winterferien hatte ich die Kleidung, Hefte und Bücher, sowie die Schulbank und sogar meine Banknachbarin mit meiner Tinte so eingeschmiert, dass es furchtbar anzusehen war. Die beklagte sich auch sofort beim Lehrer. Der sah mich verächtlich an und sagte nur: Du Schmierhannes! Und dieser Spitzname blieb dann noch jahrelang an mir haften, obwohl ich sauberer aussah als die meisten Jungen unserer Klasse. Wie gesagt, ich lernte leicht und gut, und auch mit viel Fleiß und Eifer. Am Ende des 1. Halbjahres wurde ich mit einem Schreibheft belohnt. Das war für mich besonders wichtig, weil Hefte überhaupt Mangelware war, und meine Eltern hatten auch nicht immer das nötige Geld dazu. Nach der Beendigung der ersten Klasse erhielt ich als Prämie eine Trikotageunterhose. Der Elternbeirat, der diese Prämien verteilte, wusste gut, dass wir 4 Kinder und sehr arm waren. Andere Kinder erhielten Bücher, Malhefte, Farbkasten, Schreibkasten, Schulmappen u. a. Ich heulte wieder. Ich wollte solch eine Prämie nicht, ich wollte auch Farben oder etwas Ähnliches haben. Die Mutter beruhigte mich: für meine Unterhose könnte man ja 10 Farbkasten kaufen. Das sei doch die höchste Prämie, die vergeben wurde. Aber dieses Argument wollte mir nicht einleuchten. Ich lernte auch weiterhin gut in der Schule und wurde oftmals ausgezeichnet. Unsere Schule war die damalige Schule Nr. 4 in der Rotarmistenstraße. Das war eine kleine Schule mit nur 4 Klassenzimmern. Es gab zwei solcher Schulen in Marxstadt, die andere stand am anderen Ende der Stadt. Beide wurden 1910 erbaut, aus roten Ziegeln. Unsere war, als ich eingeschult wurde, schon weiß gestrichen. Seitdem ist sie mehr scheckig als weiß. Da die Schule an einem Teich stand, in dem zur Sommerzeit die Frösche und Unken ihre Lieder zum besten gaben, wurde sie von groß und klein nicht anders als das Krottennest genannt (Krötennest), obwohl man da Kröten nur selten sah. Aber wir liebten unser Krottennest, denn ihre Lage, nur 150 m von dem Teich, der sich im Frühjahr bis vor die Schule ausdehnte; (dann war direkt neben der Schule ein ungeheuer großes rundes Loch, wo der Lehm zum Bau der Schule genommen worden sein soll, dessen Ränder von der einen Seite ziemlich lang und von der anderen Seite ganz kurz waren, und das Ganze sich für uns Kinder gut zum Ski- und Schlittschuhlaufen eignete) machte sie so anziehend. Ich verbrachte in dieser Schule 6 unvergessliche Jahre, und sie hat mir sehr viel mit auf den Lebensweg gegeben, was ich natürlich meinen Lehrern zu verdanken habe. Das waren in erster Linie der Direktor der Schule, Lehrer Paul Herr. Er unterrichtete uns in der 1. und in der 2. Klasse. Weiter konnte er uns nicht unterrichten, denn er hatte selbst nur 7 Klassen hinter sich. Aber er war ein vorzüglicher Schulleiter und Organisator. Dann war da Lehrer Dörr, der uns in Russisch von der 2. Klasse unterrichtete. Er war ein schon ältlicher nervöser und jähzorniger Herr, der sein Fach aber sehr liebte und uns viel beibrachte. Der nächste war Lehrer Emich, auch schon ein älterer Herr, mager wie ein Reis und immer sehr ernst und unzufrieden. Der führte uns nicht nur in die klassische deutsche Literatur ein, er lehrte sie uns auch lieben. Die russischen Gedichte und Fabeln, die uns Lehrer Dörr beigebracht hat, und die deutschen Balladen und Gedichte, die wir bei Lehrer Emich gelernt haben, die habe ich bis heute nicht vergessen. Dann waren noch die Lehrerinnen Ebert, Keilmann, Bersch und Schulz.

       An dieser Stelle möchte ich etwas ausführlicher über das Alltagsleben meiner Schule berichten, denn ich glaube, das wird für die nachfolgenden Generationen von Interesse sein.

        Es gab in unserer Schule überhaupt nur 4 Klassenzimmer, und der Unterricht verlief in 2 Schichten. Es gab für jedes Schuljahr je zwei Klassen, und die waren überfüllt: mit 40 bis 44 Schülern in der Klasse. Ich lernte in der Klasse A. Anfänglich war unsere Schule eine Grundschule, d.h. es gab nur 4 Schuljahre. Dann mussten die Schüler in eine andere Schule umwechseln, wo es 7 Schuljahre gab (eine unvollständige Mittelschule), oder 10 Jahre (eine Mittelschule). Als ich in die 5. Klasse kam, wurde unsere Schule zu einer unvollständigen Mittelschule gemacht. Ich konnte also auch weiterhin in unserer Schule bleiben. Ich absolvierte in dieser Schule, wie oben schon gesagt, im Sommer 1941 die 6. Klasse.

       Wir wurden in folgenden Fächern unterrichtet: Deutsche Sprache (Grammatik, Rechtschreiben, Literatur). In Literatur wurden wir mit den Werken der deutschen Klassiker Goethe, Schiller, Heine, Lessing, Freiligrath, Bürger bekannt gemacht. Wir lernten Gedichte, Balladen und Prosa- und Dramenauszüge. Außerdem lernten wir aus den Werken der russischen Klassiker Puschkin, Lermontow, Krylow, und zeitgenössischer Schriftsteller und Dichter: Gorki, Demjan Bedny u. a. in deutscher Übersetzung.

       Von der 2. Klasse an lernten wir Russisch ebenfalls Grammatik und Literatur und schrieben Diktate. In der 6. Klasse lernten wir die russische Grammatik auf der Ebene der russischen Schule.

       Wir hatten Mathematik, Naturkunde, Geographie, Malen, Singen und Sport. In den höheren Klassen beschäftigten wir uns außerschulisch in verschiedenen Zirkeln. Es gab einen dramatischen Zirkel, einen Gesangzirkel und einen Sportzirkel. Außerdem gab es Zirkel mit militärischer Ausrichtung: GTO (Bereit zur Arbeit und Verteidigung), GSO (Bereit zur sanitären Verteidigung), PWChO (Luft- und Chemieschutz) und Woroschilowschütze (hier wurde schießen gelernt). Für die Schüler der jüngeren Klassen gab es entsprechend dieselben Zirkel nur mit dem Vorsatz Seid (Z. B.: Seid bereit zur Arbeit und Verteidigung). Wenn man diese Zirkel mit einer entsprechenden Prüfung absolviert hatte, erhielt man ein Abzeichen. Doch es muss gesagt werden, dass die Teilnahme an den Zirkeln freiwillig und ziemlich locker war. Und es nahmen höchstens 40-50% aller Schüler daran teil.

       Während der Pausen mussten die jüngeren Klassen im Korridor oder auf dem Schulhof organisiert spielen oder singen.

       Während der großen Pause (15 Minuten nach der 3. Stunde) spielten wir älteren Jungen draußen vor dem Schulgebäude das beliebte Spiel Stellhopsen. Es bestand aus folgendem: ein Junge stellte sich mit dem Rücken an die Wand. Das war gewöhnlich ein neutraler Schüler, der selbst am Spiel nicht teilnahm. Die anderen (bis zu 12 oder 14) teilten sich in zwei Gruppen. Es wurde gelost. Wen das Los traf, der stellte sich gebückt, mit dem Kopf gegen den an der Wand Stehenden und hielt sich auch an ihm fest. Der zweite ebenfalls gebückt, umfasste seinen Vordermann von hinten und legte den Kopf zur Seite. Und so die ganze Gruppe. Sie mussten sich gut bücken, möglichst weit voneinander abstehen, so dass eine womöglich längere Brücke oder ein Pferd entstand. Die zweite Gruppe stellte sich so 20 m vor diesem Pferd auf. Ein jeder nahm einen Anlauf, stieß sich mit beiden Händen vorn am Pferd oder Bock ab, sprang und landete womöglich ganz vorn vor dem an der Wand Stehenden auf dem Rücken des gebückt stehenden Gegners. So sprangen alle der Reihe nach auf. Der beste Springer sprang gewöhnlich zuletzt, denn er muss te ja manchmal schon auf dem Rücken seines Kameraden landen. Hier musste er frei sitzen, in die Hände klatschen und bis drei zählen. Fiel niemand von den Springern herunter, so durfte die ganze Gruppe noch einmal springen. Und das so oft, bis jemand sich nicht halten konnte und herunterfiel. Dann wurde gewechselt.

       Gegen solche Spiele hatten die Lehrer nichts einzuwenden. Nur wenn wir durch das Spiel das Glockenzeichen zur Stunde überhörten, dann gabs Krawall.

       Da war aber noch ein anderes Spiel im Umlauf: Geldspielen. Das wurde von den Lehrern streng geahndet.

       Fremdsprachenunterricht gab es an unserer Schule nicht. Wir hatten einfach keine Lehrer. An anderen Schulen wurde er schon durchgeführt. Wir sollten im nächsten Schuljahr einen Fremdsprachenlehrer bekommen. Das hatte auch der Krieg vermasselt. Fremdsprache wurde an den sowjetischen Schulen obligatorisch 1938 eingeführt. Es wurde Englisch, Französisch oder Spanisch an unseren deutschen Schulen unterrichtet.

       Prüfungen hatten wir in den Schulen vor dem Krieg nach jedem Schuljahr. Für gutes Lernen und mustergültiges Betragen gab es Prämien oder Auszeichnungen. Nach der 4. Klasse hatte ich einen Belobigungsschein erhalten. Der ging später in Sibirien irgendwann verloren.

       Während der Sommerferien fuhr ich mehrmals für 1 Monat in ein Pionierlager (ein Erholungslager, wo viel Sport getrieben, gesungen, gewandert wurde.) Dort herrschte eine ziemlich straffe Disziplin.

       In den 30er Jahren des 19. Jh. wurde in Marxstadt (wie auch in anderen größeren Ansiedlungen der ASSRdWD) ein neuer Typ von Schulen eröffnet die Berufsschulen (russisch: - Fabrik- und Werkschule), wohin viele unserer Mitschüler aufgenommen wurden. Diese Zöglinge bekamen hübsche Kleidungsformen und, was uns übrigen besonders imponierte, sie trugen einen breiten Leibriemen mit einer großen Schnalle, wo die Buchstaben eingestanzt waren. Aber, um dort aufgenommen zu werden, brauchte man eine schriftliche Genehmigung von den Eltern und eine Einweisung samt Charakteristik der Schule. Natürlich gab die Schulleitung nicht ihre besten Schüler her, und auch nicht alle Eltern erteilten ihre Genehmigung dazu aus zwei Gründen: erstens waren die meisten Eltern bestrebt, ihren Kindern eine höhere Bildung zukommen zu lassen, zweitens bekamen die Berufsschüler bald einen negativen Ruf. Sie hatten nach der Meinung vieler Eltern zu viel Selbständigkeit und gerieten leicht außer Kontrolle. Aber im Allgemeinen war die Berufsausbildung keine schlechte Idee.






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