Ökonomische Entwicklung


       Die anfängliche stürmische Entwicklung Katharinenstadts währte nicht lange. Die für die Kolonisten schwierigen und äußerst ungewohnten Lebensbedingungen am neuen Wohnort, die vielen Missernten, die Überfälle der Nomadenvölker und auch der Pugatschowaufstand machten    sich sehr bemerkbar. Dazu kam noch, dass Katharinenstadt keine Kronenkolonie, sondern eine Werberkolonie war. In solchen Siedlungen herrschte die Willkür der wucherischen Anwerber, die die Kolonisten mit zusätzlichen Steuern bedrängten.  Zur Bestätigung dieser Aussage möchten wir dem Leser folgendes Archivdokument nicht vorenthalten:

Die Tätigkeit der Lokatoren in den Kolonien

(Archivdokument)

       „Der Lokator Boregardt hat die Kolonisten zu Leibeigenen gemacht, indem er von ihnen folgende Verpflichtungen zur Untertänigkeit unterzeichnen ließ:  „Weder ich, noch meine Familienmitglieder haben das Recht, ohne die Erlaubnis unseres Chefs und Direktors, des Barons Boregardt, die uns angewiesene Parzelle zu verlassen und uns an einem anderen Ort anzusiedeln...

       Ich verpflichte mich, dem oben genannten Direktor und Chef oder seinen Nachkommen nebst den alljährlichen Schulden und Steuern noch einen Zehntel von der Ernte zu zahlen...““

       /Archiv (Name des Archivs) 1769, Akte Nr. – 25838/.

       Die außerordentlich hohe Sterblichkeit und die geringen Geburtenzahlen als Resultat der aufgezählten Ursachen, sowie auch das Nachlassen des Stromes neuer Siedler führten zu einem drastischen Rückgang der Einwohnerzahl von Katharinenstadt – bis auf 716 im Jahre 1776 und 636 im Jahre 1788. Die Lage war derart schwer, dass 1794 der Vorsteher von Katharinenstadt Simon Müller und 53 andere Kolonisten der Kaiserin ein Bittgesuch über ihre „äußerste Erschöpfung“ und die Unmöglichkeit, dem Staat die fälligen Schulden abzuzahlen, einreichten. Diese Misere wurde durch  Unkenntnis der russischen Sprache und der örtlichen Bedingungen, durch das fremde Klima und die damit verbundenen Krankheiten, sowie durch die Raubüberfälle der nomadisierenden Kirgisenstämme und der örtlichen Räuberbanden hervorgerufen. Antwort bekamen sie keine. In dieser verzweifelten Situation beschloss eine Gruppe Kolonisten zurück nach Deutschland zu fliehen. Laut Gerüchten besprachen sie sich mit örtlichen Einwohnern, die sie bis zur polnischen Grenze bringen sollten, sie aber auf eine Insel in der Wolga bei Katharinenstadt lockten, nachts sie hier töteten und beraubten. Die Gebeine der Ermordeten wurden erst im Sommer entdeckt, und somit kam die schreckliche Tat an den Tag. Diese Insel trug noch bis 1941 unter der Bevölkerung den Namen „Mordinsel“.

       Doch so nach und nach, in dem Maße, wie die Kolonisten sich an die neuen Umstände gewöhnten, und die Regierung Truppen schickte, um die Kolonisten vor den Überfällen der Nomadenstämme und der örtlichen Räuberbanden zu schützen, normalisierte sich die Lage. Das wirkte sich auch auf die Dynamik des Bevölkerungswachstums von Katharinenstadt aus. Diese Dynamik spiegelte sich in den periodischen Revisionen wider: 1798 – 720, 1816 – 1441, 1834 – 2468, 1850 – 3669, 1857 – 4354. [10]  Trotzdem rückte eine Reihe Kolonien der Bergseite (Jagodnaja Poljana, Frank, Norka, Hussenbach, Dönnhof, Grimm) in dieser Periode nach der Einwohnerzahl merkbar voran. Die Ursache ist nicht schwer zu erklären, wenn man die Landfläche, die sie in ihrem Besitz hatten, vergleicht. Katharinenstadt besaß zum 11. Januar 1857   4918 Desjatinen, in den oben angeführten Kolonien gab es entsprechend 5843, 5869, 10803, 8459, 8635, 14483 Desjatinen.[11]  Also hatte Katharinenstadt, das in enger Umgebung von anderen deutschen Kolonien eingezwängt war, gar keine Perspektive für die Entwicklung zu einer reinen Agrarsiedlung. Das war scheinbar auch einer der Gründe, warum sich hier seit der 2. Hälfte des XIX. Jh. der Handel, das Gewerbe und danach auch die Industrie verstärkt entwickelten.  Das geschah nicht auf leerem Boden: schon zum Ende des XVIII. Jh. gab es in Katharinenstadt eine Ziegelbrennerei, drei Windmühlen und eine Wassermühle. Katharinenstadt wurde ein wichtiges Zentrum des Getreidehandels. Am Ufer der Wolga wuchsen gigantische Getreidespeicher heran. Das Gewerbe und die Industrie waren auch hauptsächlich  auf die Bedienung der Landwirtschaft ausgerichtet. In Katharinenstadt entstand der größte Industriebetrieb der deutschen Wolgakolonien – die Schäferfabrik (wie sie damals genannt wurde), die am Vorabend des Ersten Weltkrieges bis zu 400 Arbeiter beschäftigte. Sie produzierten landwirtschaftliche Technik und Inventar, beschäftigten sich mit dem Bau und der Renovierung der Mühlen. Die Produktion der Fabrik verbreitete sich weit über die Grenzen der Region, bis nach Sibirien und Bessarabien. [12]

       Ausführlicher über diesen Betrieb schreibt A. Kirsanow, Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Marxer Filiale des Saratower Gebietsmuseums für Heimatkunde in einem seiner Artikel. 

„Vom Hirseschäler bis zum Traktor“    

       Wir setzen unsere Historische Rubrik fort und eröffnen sie mit einer Erzählung über den ältesten Betrieb unserer Stadt, der im Leben der Stadt und seiner Einwohner eine besondere Rolle spielte. Wir führen hier Fakten an, die früher noch nicht veröffentlicht waren. Es wächst eine neue Generation der Einwohner von Marx heran, denen man wieder über die Geschichte der Region auf Grund von Dokumenten und genauen Fakten erzählen muss.

       ... Einer der ältesten Betriebe unserer Stadt wird mit Recht das „Werk für Dieselapparatur „Kommunist“ (neueste Benennung dieses Werks) gezählt, das nicht wenig ruhmreiche Seiten in die Geschichte der russischen Industrie geschrieben hat.

         Alles begann im Jahre 1880 mit einigen kleinen Handwerkerwerkstätten deutscher Kolonisten, der Gebrüder F.F. Schäfer, K.F. Schäfer und ihrer Teilhaber  G.J. Schäfer, A.N. Schäfer, G. Schäfer und F.N. Lippert.

         Mit der Entwicklung der landwirtschaftlichen Produktion entstand die Notwendigkeit der Schaffung eines Betriebs zur Herstellung und Reparatur von Ackerbaumaschinen und Ackerbaugeräten. Die Gebrüder Schäfer entwickelten schnell die Produktion von Pflügen, Sämaschinen, Worfelmaschinen, einspännigen Wagen, Hirseschälern, Häckselmaschinen  und anderen landwirtschaftlichen Geräten.

       1885 wurden die Werkstätten in die Fabrik  „Schäfer und Co“ umgebildet, wo im Jahre 1896 schon 125 Arbeiter tätig waren. In der Fabrik funktionierten 6 Abteilungen: eine Schmiedeabteilung, eine Tischlerei, eine Schlosserei, eine Gießerei, eine Malerei und eine Dreherei. Sämtliche Werkbänke wurden von einer Dampfmaschine mit 45 Pferdestärken in Betrieb gesetzt. 

         Der Arbeitstag dauerte 15 Stunden – von 5 Uhr morgens bis 8 Uhr abends, der Arbeitslohn eines Durchschnittsarbeiters betrug 10 bis 16 Rubel pro Monat. (Zum Vergleich: im Jahre 1900 kostete eine Kuh 5 Rubel.)

         In der Fabrik herrschte eine musterhafte Ordnung. Eine beliebige Verletzung dieser Ordnung führte eine Strafe nach sich, für schwerwiegendere Vergehen (Arbeitsversäumnisse ohne triftige Gründe, Sauferei, systematische Herstellung von Ausschuss) – Entlassung. Jeder qualifizierte Arbeiter besaß ein eigenes Haus und eine kleine Nebenwirtschaft. Die Schäfers versorgten mit landwirtschaftlichen Geräten nicht nur die örtlichen Bauern, sondern entwickelten auch Lieferungen in andere Regionen des Wolgagebiets. Schon 1913 wurde Produktion für 430 Tausend Rubel hergestellt.

         Mit dem Beginn des I. Weltkrieges und bis November 1917 war die Fabrik zu 75% auf die Erfüllung von Kriegsbestellungen ausgerichtet. Sie lieferte der Kriegsbehörde eiserne Wagen und Hufeisen.

         Nach der Februarrevolution wurde zwischen dem Fabrikanten und der Gewerkschaft ein Arbeitsvertrag abgeschlossen. Der Arbeitstag wurde bis auf 8 Stunden gekürzt, an Sonnabenden – auf 7 Stunden. Für Überstunden zahlte der Fabrikinhaber den Arbeitern 150% des Arbeitslohnes. In der Fabrik wurde eine Konfliktkommission aus Arbeitern gebildet, die die Konflikte zwischen der Administration und den Arbeitern schlichten musste.

         Der Einfluss der verschiedenen politischen Parteien war in den deutschen Kolonien unbedeutend. Ein mehr oder weniger bemerkbares Gewicht besaßen die Sozialrevolutionäre (SR), hauptsächlich bei den Bauern. In der Katharinenstädter Fabrik gab es auch eine kleine bolschewistische Parteizelle, aus der sich später die kommunistischen Leiter der Stadt herausbildeten, und im weiteren auch in der Wolgadeutschen Republik. Die örtliche Bevölkerung verhielt sich zu den Bolschewiken mit Misstrauen (wie übrigens auch zu deren Gegnern). Deshalb wurde nach dem Oktoberumsturz die Sowjetmacht in unserer Stadt erst im März 1918 gegründet. Im Dezember desselben Jahres wurde aufgrund des Beschlusses des Gouvernementsowjetrates der Wolgadeutschen die Schäfer-Fabrik nationalisiert und in die „I. staatliche landwirtschaftliche Maschinenbaufabrik“ umbenannt. Es wurde eine Fabrikverwaltung gewählt im Bestand eines Vorsitzenden und zweier Stellvertreter.

       Auf der Vollversammlung des Betriebs wurde mit Mehrheit der Stimmen einer von den Schäfers zum Chefingenieur gewählt.

         Nach dem Bürgerkrieg, in der Zeit des allgemeinen Ruins, verringerte sich natürlich auch sehr die Produktion. Doch trotz alledem erholte sich die Fabrik wieder. In den Jahren 1923-24 betrug die Produktion nach den Vorkriegspreisen 178 Tausend Rubel, im Jahre 1924-25 – schon 238 Tausend. Zum Jahre 1926 erreichte die Arbeitsproduktivität 78% des Vorkriegsniveaus.

         Seit Anfang der 20er Jahre spitzte sich die Frage um eine serienweise Produktion von technischen Zugmaschinen, d.h. Traktoren, zu. In dieser Zeit lebte und wirkte der talentvolle russische Erfinder Jakob Wassiljewitsch Mamin (1874-1956), der schon 1995 einen Selbstfahrwagen mit einem Verbrennungsmotor gebaut hatte, den Vorläufer des Rädertraktors.

         1923 machte sich  Mamin in Saratow mit der Administration der Marxstädter Maschinenfabrik bekannt. In dieser Zeit hatte Jakob Wassiljewitsch große Probleme mit der Serienproduktion seiner Erfindung – dem Traktor „Gnom“ mit 10 PS. Die Marxstädter boten ihm ihre Hilfe an. Mamin erwog alle Pro und Kontra und übersiedelte nach Marxstadt. An Ort und Stelle ließ er die Idee mit dem „Gnom“ fallen und vollendete das Projekt eines billigeren und einfacheren Traktors „Karlik“ mit 12 PS.

       Auf seinem Vorschlag hin wurde die Fabrik in die Maschinenfabrik „Wiedergeburt“ umbenannt. Die ehemalige Malerabteilung wurde zur Traktorenabteilung umgebaut.

       Ende 1923 begann die Produktion einzelner Teile und Blocks für die Produktion von Traktoren.

       Wir führen hier ein Zeugnis jener Zeit an, eine Skizze des Korrespondenten der Zeitung  „Powolshskaja Prawda“ („Wahrheit des Wolgagebiets“):  „Die Fabrik „Wiedergeburt“ ist ein kleines Werk mit 400 Arbeitern. Nicht besonders groß ist auch seine beste Abteilung, die Traktorenabteilung, die eigentlich zu einer zweiten Fabrik herangewachsen ist. Äußerlich ist das ein graues, kaum bemerkbares Gebäude. Doch was für ein Prunkwerk ist das von innen! In mehreren Reihen stehen rund 100 neue und komplizierte Maschinen, die einen durch ihre präzise Arbeit und ungeheure Arbeitsproduktivität überraschen. In der Abteilung gibt es nicht einen Kronzirkel, nicht ein Nutrometer, nicht ein Lineal. In der Fabrik kommt man ohne sie aus. Das vervollständigte System der Produktionsorganisation schließt die Notwendigkeit der Anwendung dieser auch in geschickten Händen ungenauen Messinstrumente aus. Es wäre eine mühevolle Arbeit, alle Vorteile des Motors von der Fabrik „Wiedergeburt“ vor anderen zu beschreiben. Es genügt zu sagen, dass diese neue, originelle Konstruktion eine vergrößerte Umdrehungszahl besitzt, sie vermindert die Nutzungsauslagen, sowie auch den Preis des Motors selbst.“

       Der Motor der „Wiedergeburt“ wurde auf dem Ständer im Moskauer Mechanischen Elektrotechnischen Institut namens Lomonossow aufgestellt. Nach Marxstadt kam zur Inspektion der Fabrik der bekannte Spezialist auf dem Gebiet des Werkbank- und Motorenbaus  Professor Britkin.  „Die Qualität der Motoren steht nicht hinter den besten ausländischen Mustern zurück“ schlussfolgerte der Professor. 

        Im August 1924 rollte aus dem Tor der Fabrik der erste sowjetische Rädertraktor „Karlik“ heraus. Er bestand erfolgreich den Test auf den umliegenden Feldern. Am 9. Oktober desselben Jahres berichteten die „Iswestija“ („Nachrichten“) über die Resultate der Prüfungen. „Natürlich ist der „Karlik“ der einfachste landwirtschaftliche  Traktortyp zur Anwendung unter den russischen Bedingungen. Im Traktor sind sämtliche Mechanismen maximal reduziert, sie sind äußerst originell und  einfach für die Herstellung und Reparatur.“ Der Nützlichkeitskoeffizient des „Karlik“ zeigte die Kennziffer 47, während bei dem besten amerikanischen Traktor „Fordson-Amerikan“ er nur 38 betrug.

         So verwandelten sich in nur 45 Jahren die unansehnlichen Werkstätten in einen großen

       Industriebetrieb und wurden zum Pionier des vaterländischen Traktorenbaus.

       Zur Geschichte des Baus des Traktors „Karlik“ in Marxstadt bringen wir noch einen Artikel aus der Zeitung „Nachrichten“  Nr. 266 vom 13. Dezember 1929.

       Aber trotzdem blieben ein bedeutender Teil der Einwohner von Katharinenstadt Bauern, die ihre Landanteile draußen in der Steppe, in den so genannten Chutors  hatten und nur im Winter in der Stadt lebten.  An den langen Winterabenden beschäftigten sich (hauptsächlich die Frauen und älteren Kinder) mit Strohflechterei.

Das Strohflechtegewerbe im Kanton Marxstadt der ASSRdWD    

       Eines der aller verbreitesten Hilfsgewerbe in der Landwirtschaft des Marxstädter Kantons ist das Strohflechten. Es besteht aus der Herstellung von Strohbändern aus Roggenstroh (den Flechten) von 25 – 30 m Länge und deren Verarbeitung in Erzeugnisse der verschiedensten Art, wie: Hüte, Schildmützen, Taschen, Teppiche, Läufer u. a.

       Einen genauen Zeitpunkt der Entstehung dieses Gewerbes ist nicht möglich. Laut den Erzählungen 70jähriger Alten war in ihrer Jugend das Strohflechten schon bekannt, hauptsächlich einfache Hüte für die Feldarbeiten im Sommer und andere Gegenstände, die in der Bauernwirtschaft gebraucht wurde. Anfang der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts kam in die Kolonie Kano  ein Siedler mit Namen Otto Simonson  aus der Ostseeregion, Schneider von Beruf, der sich für das Strohflechten interessierte. Er fand, dass man unter den hiesigen Bedingungen dieses Gewerbe entwickeln und den Bauern in ihrer Freizeit einen kleinen zusätzlichen Verdienst geben  kann, und dass auch er dabei ein Stück Brot verdienen könnte mit leichterer Arbeit als mit dem Schneiderhandwerk.

       Zum Flechten wurde wie gesagt nur Roggenstroh genommen, doch wohl, weil Roggen höher als Weizen wächst, und der Halmteil zwischen zwei Halmknoten länger ist als bei Weizenstroh. Es wurden Garben genommen und die Ähren wurden ausgeklopft, nicht gedroschen, damit die Halme nicht geknickt wurden. Dann wurden die Halme in Stücke geschnitten, immer zwischen den Knoten, damit in das Flechtwerk keine Knoten kamen. Jetzt wurden die geschnittenen Halmstücke nach ihrer Dicke sortiert und alle einerlei lang geschnitten  und in handliche Bündel gebunden. Die Bündel wurden ins Wasser gelegt, damit die Halme schön weich wurden und beim flechten nicht zerbrachen. Manchmal wurden die Flechtstrohbündel in gewöhnlicher Textilfarbe gefärbt, um bunte Flechten zu erzielen. Aus feinerem Stroh gab es auch feinere Flechten, aus denen dann elegante Damenhüte genäht wurden. Für Männerhüte wurde gröberes Stroh genommen. Außerdem wurde auch die Anzahl der gleichzeitig zu bearbeitenden Halme reguliert (von 3 bis 8 und mehr), davon hing die Breite der Flechte ab. Dann konnten die Ränder der Flechten zackig oder gerade geflochten werden. Wenn die Flechte die nötige Länge erreicht hatte, wurden die herausragenden Enden der Strohhalme akkurat beschnitten. Danach wurde die Flechte mit dem Bügeleisen glatt gebügelt und wie Stricke zusammengefaltet, manchmal auf ein Brett ca. 70 cm Länge gewickelt. In fiesem Zustand ist die Flechte fertig zum Verkaufen. Es gab keine technischen Mittel, um den Prozess zu beschleunigen oder die Qualität zu verbessern. In Deutschland, Japan und in der Schweiz gab es in den 20er Jahren schon Maschinen, die Arbeit beschleunigten und die Qualität verbesserten.                           

       Der Herr Otto Simonson begann von den Bauern des Dorfes Kano die Strohflechten aufzukaufen, nähte selbst einfache Bauernhüte und verkaufte die erste Partie von 200 – 300 Stück für einen für jene Zeit ziemlich hohen Preis. Als die Bauern sahen, wie gut der Herr Simonson  seine Hüte verkaufte, begannen sie mehr Strohflechten herzustellen. In kurzer Zeit verbreitete sich das Strohflechten  unter den Einwohnern nicht nur in Kano sondern auch in den anderen Dörfern nördlich von Marxstadt bis Schaffhausen. So wurde schon nicht mehr Kano zum Zentrum der Strohflechterei, sondern  der ganze heutige Marxstädter Kanton. Dank dem großen Einkommen, das dieses Gewerbe versprach, begannen immer mehr Unternehmer in Katharinenstadt sich mit der Produktion von Erzeugnissen aus Strohflechten zu befassen. Zum Anfang des 1. Weltkrieges beschäftigten sich schon rund 10.500 Handwerker mit diesem Gewerbe und lieferten in der Saison (Oktober bis April) bis 4.000.000 Flechten, hauptsächlich grober Sorte. Diese Beschäftigung war vorwiegend unter der ärmeren Bevölkerung verbreitet. In den Jahren der Missernten stieg gewöhnlich die Produktion der Strohflechtenerzeugnisse, da dieses Gewerbe dann bei vielen Bauern das einzige Einkommen war. Die Bauern verkauften ihre Erzeugnisse hauptsächlich den Dorfhändlern, die laut der herkömmlichen Tradition den Bauern kein Geld, sondern Waren zahlten, was die Bauern als völlig normal betrachteten, da sie dieses ihr Produkt als Nebenverdienst ansahen, wofür man Petroleum, Zündhölzer, Seife und andere Bedarfwaren bekommen konnte. Die Dorfhändler berechneten für die Flechten einen Preis von 3 – 5 Kopeken pro Stück. % Kopeken zahlte sie nur dann, wenn die Nachfrage größer war als das Angebot. 3-5 Kopeken pro Flechte war der Durchschnitt. Es kam vor, dass sie auch nur 2 Kopeken zahlten. Die letzten 10 Jahre vor dem 1. Weltkrieg wurde die Arbeit für dieses Gewerbe besonders niedrig berechnet. Die Bauern stellten aber das Strohflechten nicht ein, es hieß: Man kann im Winter dabei wenigstens für Petroleum und Zündhölzer verdienen (die sie auch während dieser Arbeit verbrauchten). Wie es meistens geschieht, bemühten sich die Dorfhändler bei der Auszahlung die Bauern übers Ohr zu hauen, d.h. womöglich weniger für die Flechten zu bezahlen, die schlauköpfigen Bauern aber, wandten allerlei Tricks an,  die Händler zu betrügen, um für weniger Arbeit mehr Geld zu bekommen. Sie machten z.B. die Flechten statt 30 m nur 25 oder sogar 23m lang. Dann zogen sie sie so lange, bis sie das notwendige Längemaß erreicht hatten. Das wirkte sich natürlich sehr auf die Qualität der Flechten aus. In den Jahren der Sowjetmacht wurde den Strohflechtern diese „Schlauheit“ ausgetrieben, indem man die Flechten nicht nur nach ihrer Länge, sondern auch nach ihrer Qualität bezahlte. 

       Im Juli 1925 wurde in Marxstadt die Gewerbegenossenschaft „Prima“ gegründet, die die einzelnen Strohflechter und Näher vereinigte. Jetzt konnten die Bauern der umliegenden Dörfer ihre Erzeugnisse (Flechten) hier abliefern und der Aufkaufpreis der Flechten wurde höher, je nach Qualität. Diese Genossenschaft beschäftigte in den 30er Jahren schon über 2.500 Arbeiter. Später wurden hier auch Flechten aus gespalteten Strohhalmen hergestellt.



[10] Ebenda, S. 254.

[11] Ebenda, S. 209, 210, 213, 215.

[12] Vgl. Eisfeld; Die Russlanddeutschen, S. 58.






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