Geographischer Überblick


       In jener Zeit wurden in Russland periodisch Revisionen (Volkszählungen) durchgeführt, die hauptsächlich dazu dienten, die steuerpflichtige Bevölkerung zu erfassen. Es gab in Russland insgesamt 10 Revisionen (in der Zeitspanne von 1727 bis 1857). Eine Revision dauerte manchmal mehrere Jahre. Die 5. Revision (1794) war gleichzeitig die 1. Revision in den deutschen Kolonien an der Wolga. 1798 führte im Auftrag des Aufsichtskontors in Saratow der Hauptrichter Hofrat Popow in den Wolgakolonien erneut eine Revision durch. In seinem Bericht bringt er außer den Einwohnerlisten auch eine kurze Beschreibung der allgemeinen Lage von jeder Kolonie. Nachfolgend bringen wir den übersetzten Text der Beschreibung. Allerdings beschränkt sich Popow hauptsächlich auf die Landwirtschaft und die Einnahmen der Bevölkerung, was ein übriges Mal darauf hinweist, dass es ihm um die Steuern ging.

Katharinenstadt

       Mai 1798 Im Auftrag des Aufsichtskontors

        Hauptrichter, Hofrat Popow

       Die Kolonie liegt auf der Wiesenseite der Wolga an dem Winterweg, der sich von der Gouvernementstadt Saratow zur Bezirkstadt Wolsk zieht. Sie befindet sich 1,5 Werst vom Fluss entfernt, 50 Werst von Saratow und 55 Werst von Wolsk. Die Kolonie besteht aus 153 Haushalten mit insgesamt 779 Einwohnern, davon 389 Personen männlichen und 390 Personen weiblichen Geschlechts. Die Einwohner gehören drei Konfessionen an: 86 Familien sind lutherisch, 30 römisch-katholisch, und 37 Familien sind reformiert. Jede Konfession besitzt ihr eigenes Kirchengebäude. Zu dem Kirchspiel gehören auch die Gemeinden der Kolonien Orlowskaja, Obermonjou, Boisroux, Kaneau, Beauregard, Paulskaja, Niedermonjou, Philippsfeld und Ernestinendorf. Die Reformierten haben ihren eigenen Pfarrer, die Lutheraner und die Katholiken werden von aus anderen Kolonien eingeladenen Pfarrern bedient. Es gibt ein Schulgebäude, in dem die Kinder der örtlichen Einwohner von Lehrern (Schulmeistern) in Lesen, Schreiben und Religion unterrichtet werden.

       Die Ländereien dieser Kolonie werden von einer Seite von dem Wolga-Fluss, von der anderen von den Ländereien der Kolonie Obermonjou, von der dritten und letzten Seite von den Ländereien, die den Kolonisten der Ortschaften Boisroux und Boregard gehören und von der Heide der ehemaligen Kolonie Cäsarsfeld begrenzt. Innerhalb dieser Grenzen sind der Kolonie folgende Ländereien zugewiesen: nutzbares Ackerland 2.100 Desjatinen, Braunböden 1.100 D., 500 D. Wald. Außerdem wurde ihr noch zusätzlich Heideland zugewiesen, das sich jedoch 20 Werst von der Kolonie entfernt befindet, an der Mündung des Nebenflusses der Wolga Kleiner Karaman und den Karaman entlang bis zur Kolonie Boisroux. Das sind 110 D. Heuschlag und 140 D. Wald. Das macht insgesamt 3.950 D. Von dieser Fläche wird von den Bauern aber nicht mehr als 1.200 D. bearbeitet. Ca. 100 D. Land sind von den Bauernhöfen eingenommen, 5 von Straßen. Der Rest des nutzbaren Landes dient als Viehweide. Dieses Land wird nicht bearbeitet, die Bauern behaupten, es sei nicht nutzbar: sandig und salzig. Deshalb verspüren sie angesichts der großen Anzahl der Bevölkerung Mangel an nutzbarem Boden und bauen statt Getreide mehr Tabak an, der ihnen aber weniger Einkommen bringt, als wenn sie Getreide anbauen könnten.

       Viele Kolonisten produzieren trotzdem große Mengen Tabak und Getreide zum Verkauf. An der Wolga gibt es eine gute Landestelle, und jede Woche kommen Kaufleute mit ihren Lastkähnen und kaufen den Kolonisten ihre Produkte ab. Montags werden Markttage veranstaltet, zu denen auch viele Kolonisten von der Bergseite der Wolga kommen. Aus den umliegenden russischen Dörfern kommen viele Handwerker, die hier ihre Erzeugnisse mit großem Gewinn verkaufen. Der Handel ist hier sehr günstig, da die Waren auf dem Wasserwege leicht zu transportieren sind. Es kommen Kaufleute von bis aus den oberen Regionen der Wolgaufer. Die fleißigen Kolonisten genießen gute Bedingungen, die den anderen nachbarlichen Einwohnern nicht gewährt werden. Sie treiben Handel mit reichen Kaufleuten aus Saratow und sogar aus Polen. Dort haben sie die Erlaubnis bekommen, Niederlassungen zu gründen und sogar Häuser zu bauen. Manche produzieren Handwerksgegenstände, die sie günstig in anderen Kolonien entlang der Hauptverkehrsstraße gegen Heu, Schafe und andere Gebrauchsartikel tauschen. Deshalb leben sie ziemlich wohlhabend.

       Die örtlichen Einwohner besitzen fast 800 Desjatinen Heuschläge und 80 Desjatinen Wald, wo Espen, Eschen und andere Bäume wachsen. Mehrere frühere Heuschläge wurden von den Hochwassern der Wolga weggespült. Da ist nur noch Sand geblieben. Die Wälder wurden abgeholzt. So dass heute ein großer Mangel an Heuschlägen und Wald herrscht. Futter für das Vieh und Brennholz muss während der Jahrmärkte gekauft werden. Zum Heizen der Kochherde wird hauptsächlich Torf und Mistholz gebraucht, was von der ärmlichen Lage der Kolonie zeugt. Es gibt fast keine Möglichkeiten, die Mängel an Nutzland in der Kolonie zu beheben. Deshalb verlangen die Kolonisten, dass man ihnen Rechte auf das in der Nähe liegende Heideland gewährt, das 1797 an die Baschkieren übergeben wurde. Diese Ländereien befinden sicht etwa 25 oder 30 Werst von ihrem Wohnsitz. Sie könnten dort Chutors bauen und mit Erfolg Landwirtschaft betreiben. Außer diesen Ländereien gibt es keine Möglichkeiten, den Mangel an Wiesen und Wäldern zu beheben. Alles andere können sie, wie oben gesagt, während der Jahrmärkte billig kaufen.

       Die Gebäude sind in gutem Zustand, aber schon ein bisschen alt. Die Straßen sind gut befestigt. In der Kolonie gibt es eine hölzerne Kirche. Ein Haus ist aus Ziegeln gebaut. Andere sind von gutem Holz gebaut. Der Rest der Gebäude besteht aus Katen mit Veranden, daneben stehen Viehställe und Scheunen. Die Höfe sind alle umzäunt. Hinter jedem Haus gibt es einen Garten, wo allerlei Gemüse angebaut wird. Es gibt in der Kolonie eine große Trockenscheune für den Tabak. Auch viele Obstgärten und Bienenstöcke finden sich in der Kolonie. Außerdem gibt es eine Ziegelei, wo rote Ziegel hergestellt werden, und drei Windmühlen. An einem Fluss gibt es eine Wassermühle, wo das Getreide der Kolonisten und auch das aus anderen Dörfern von der Bergseite gemahlen wird. Die Inhaber der Mühle haben ein gutes Einkommen.

       Das Ackerland, das sich in der Nähe der Kolonie befindet, ist in drei lange Felder aufgeteilt. Die nächsten Felder werden mit Viehmist gedüngt und mit Pflügen geackert. Das Getreide wird abgeerntet und gedroschen auf dieselbe Art und Weise, wie das auch in den anderen Kolonien üblich ist. Der Gemeindegetreidespeicher ist in Ordnung und an einer sicheren Stelle gebaut. Das seit 1793 darin gelagerte Getreide beträgt laut Angaben der Akte des Saratower Finanzministeriums und des Wirtschaftsdirektors 127 Tschetwert Weizen (1 Tschetwert = 210 Liter). Nach den Kerbhölzern zu urteilen, mit denen die Ablieferung registriert wurde, sind auch weiter keine Abgaben geliefert worden, weil nichts mehr gesät wurde.

       Die Einwohner besitzen eine genügende Menge an Vieh, die periodisch vergrößert wird. Von Geflügel werden nur Hühner gehalten. Es gibt keinen Mangel an selbst hergestellten Produkten außer Flachs und Hanf. Diese können aber auf den Jahrmärkten leicht und billig beschafft werden, wenn die Bewohner von der Bergseite mit ihren Booten über die Wolga kommen. Es gibt keine festen Verkaufpreise, sie variieren entsprechend der herrschenden Bedingungen. Im letzten Jahr wurde Roggen für 2 Rubel, Weizen für 3,50, Gerste für 2, Hafer für 1,30, Hirse für 1,80 Rubel, Erbsen für 3 Rubel, Kartoffeln für 1 Rubel 30 Kopeken das Tschetwert und Tabak für 1 Rubel das Pud verkauft.

       In der Kolonie gibt es insgesamt 82 Gebäude.






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