Einleitung


       In der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts stellte Deutschland ein Konglomerat von größeren und kleineren Fürstentümern aus sich dar. Manche Geschichtsschreiber behaupteten, dass es in Deutschland damals mehr Fürstentümer, Königreiche, Grafschaften und selbständige Städte gab als Tage im Jahr. Manche besaßen große Territorien, andere bestanden aber auch nur aus einem Schloss und einem kleinen Bauerndörfchen. Aber alle diese Fürsten, Barone, Grafen und dergleichen waren bemüht, einander an Reichtum und Prunk zu übertrumpfen. Und nicht nur das, sie führten gegeneinander und mit anderen Ländern blutige Kriege. Das alles verschlechterte die auch ohnehin schwierige Lage der Bauern, Handwerker und des gemeinen Volkes überhaupt. Durch unbezahlbare Schulden gerieten diese Leute immer mehr in Abhängigkeit bei ihren „Brotherren“. Viele arme Leute suchten einen Ausweg, diesem Elend zu entrinnen.

       Russland hatte sich in dieser Zeit unter der Herrschaft der Kaiserin Katharina II. im Süden des Landes, hauptsächlich durch den Krimkrieg,  große Ländereien angeeignet, sowie in der Ukraine als auch an der unteren Wolga, die besiedelt und nutzbar gemacht werden mussten. Auf der Wolga zogen in jener Zeit eine ganze Menge räuberischer Banden umher, die die Karawanen der russischen Kaufleute und die russischen Städte Astrachan, Zaryzin, Saratow u. a. verunsicherten. Vom Osten her drangen die Nomadenstämme der Kirgisen und Kasachen oft bis zur Wolga vor. Das alles veranlasste die Kaiserin, Wege zu suchen, um diesem Treiben einen Riegel vorzuschieben. Andererseits wollte sie durch die Ansiedlung europäischer Kolonisten etwas westliche Kultur in die russischen Regionen bringen. Sie erließ im Dezember 1762 in verschiedenen europäischen Sprachen ein Manifest über die Ansiedlung von Kolonisten, nach dem die russischen Botschaften in den Ländern Europas ausreisewillige Kolonisten anwerben sollten. Doch der Inhalt dieses Manifestes war zu allgemein, zu oberflächlich und konnte nur wenige Interessenten anwerben. So wurde im Juli 1763 ein neues Manifest herausgegeben, in dem die Kaiserin den Kolonisten eine ganze Reihe von Privilegien versprach: materielle Hilfe beim Einwandern und einen großzügigen Kredit für den Neubeginn in der neuen Heimat, eine bestimmte Zeit Befreiung von allerlei Steuern, Befreiung vom Militärdienst, Selbstverwaltung und Religionsfreiheit. Diese Versprechungen trafen schon besser ins Ziel. In vielen Städten Deutschlands wurden Werbezentren organisiert, die sich mit der Anwerbung von Ausreisewilligen befassten. Die russische Regierung nahm zu diesem Zweck mehrere ausländische Werber in ihren Dienst, die parallel zu den Regierungsbeamten der russischen Botschaften die Aufgabe der Kolonisierung in Angriff nahmen. Sie erhielten von der russischen Regierung Geld und Vollmachten und vollführten die Ansiedlung an der unteren Wolga bei Saratow von der Anwerbung, dem Transport der Kolonisten bis zur Verteilung in den Kolonien. Besonders hervorzuheben ist hier der schweizerische Baron französischer Herkunft Kano de Boregardt, der von der Regierung sogar die Vollmacht erhielt, den von ihm auf dem linken Wolgaufer (Saratow gegenüber) angesiedelten Kolonien Namen nach seinem Gutdünken zu geben. So verewigte er dann auch seine ganze Verwandtschaft und hohe russische Würdenträger durch Benennung „seiner“ Kolonien. Der größten Kolonie gab er den Namen „Katharinenstadt“ nach dem Namen der Kaiserin. Dann kamen „Paulskaja“ nach dem Namen des Thronfolgers,  „Kano“ und „Boregardt“ nach seinen Vor- und Nachnamen, „Ernestinendorf“,   „Susannental“,  „Philippsfeld“ – nach seinen Verwandten, „Orlowskoje“,  „Obermonjou“ und „Niedermonjou“ nach dem Kaiserlichen Favoriten und nach einem seiner Offiziere, usw.  Der Name der Kolonie Katharinenstadt wurde im Laufe der Geschichte mehrere Mal geändert: Katharinenstadt, Baronsk, Marxstadt, Marx.

       Mit Beginn des Ersten Weltkrieges erhielt die Stadt im Rahmen des „Kampfes gegen die deutsche Übermacht“ den russifizierten Namen Jekaterinograd.

       Im Juni 1919, als die Stadt schon das Zentrum der deutschen Autonomie war, wurde sie umbenannt in Marxstadt. Den Namen von Marx, zum Unterschied zu den Namen seiner zahlreichen „Schüler“ verdiente nur eine Stadt in der UdSSR. Formal fand die Umbenennung auf dem Sowjetkongress der Wolgakolonien statt, doch solch ein Beschluss konnte natürlich nicht ohne Sanktion von ganz oben gefasst werden. Sichtlich war diese hohe Ehre dadurch zu erklären, dass die Arbeitskommune der Wolgadeutschen (das war der erste Name der Autonomie) nach den Ideen der bolschewistischen Führer als eigenartiges Beispiel einer  marxistischen Kommune in Deutschland dienen sollte. Jedenfalls wurde die Rolle der winzigen nationalen Bildung als Beispiel für die westlichen Proletarier in jenen Jahren ziemlich energisch hochgespielt.

       Schließlich,  im Jahre 1941, nach der Liquidierung der ASSRdWD und der Ausmerzung der deutschen Namen auf ihrem Territorium, erhielt die Stadt ihren heutigen „abgehackten“ Namen Marx.

       Die Geschichte eines beliebigen Volkes spiegelt sich wie in einem Tropfen Wasser in den Schicksalen der Menschen und der Siedlungen wider, wo es lebt. Aus bekannten Gründen befindet sich die Geschichtsschreibung der Wohnorte der Deutschen in Russland und in der UdSSR vorläufig noch weit von einer  tiefen wissenschaftlichen Bearbeitung und Vollständigkeit. Zu den offensichtlichsten „weißen Flecken“ ist in dieser Sphäre die Geschichte einzelner Ansiedlungen der Russlanddeutschen nicht wegzudenken.[1]

       Die Lücken im Studium der Geschichte der russlanddeutschen Siedlungen sind derart groß, dass man sogar bei dem großen Forscher  Karl Stumpp aus der BRD zum Beispiel folgende Behauptung antreffen kann: „In Russland gab es keine deutschen Städte. Aber die Russlanddeutschen waren weit vertreten in vielen Städten, besonders im Wolgagebiet. Schon während der Übersiedlung kamen deutsche Handwerker und Kaufleute in die Städte; später zogen aus Landmangel viele Bauernsöhne ebenfalls in die Städte. Zum Beispiel nach Saratow, Katharinenstadt und Pokrowsk, das spätere Engels“. [2]  Wie wir sehen, wird in dieser Phrase Katharinenstadt, dem diese Publikation gewidmet ist, in eine Reihe mit dem russischen Saratow und dem von den ukrainischen Kosaken gegründeten Pokrowsk (später Engels) gestellt. Dabei ist Katharinenstadt eine ureigene deutsche Ansiedlung, mehr noch – nach 1917 erhielt es offiziell den Status einer Stadt. Etwas später erhielten die Wolgadeutschen noch eine zweite Stadt – Balzer (heute: Krasnoarmejsk im Gebiet Saratow). Laut den Volkszählungen von 1926 und 1939 lebten in diesen Städten bedeutend mehr Einwohner als in einem beliebigen anderen deutschen Ort der UdSSR.

       Gewiss, der Unterschied zwischen den Städten und den Dörfern ist nicht auf die Einwohnerzahl zurückzuführen. S. Tjerjochin unterscheidet völlig begründet zwei Typen deutscher Siedlungen in Russland, die sich sowohl in der Bevölkerungsstruktur als auch durch ihre architektonischen Besonderheiten unterscheiden – Ackerbau- und Gewerbe und Handel betreibende Kolonien. Zu den letzteren, wie er selbst betonte,  gehörte auch Katharinenstadt. Das von ihm Anfang der 30er Jahre ausgestellte Zeugnis ist ziemlich ausdrucksvoll:  „Katharinenstadt hat viele hübsche Häuser, einige davon sind aus Ziegelsteinen gebaut, es ähnelt einer schönen Stadt, jedenfalls zählt ein großer Teil der ausländischen Siedler es als solche“. [3] Offensichtlich war es vom Anfang an als Stadt geplant, wie kann man  anderenfalls seinen Namen erklären, für den es unter den deutschen Wolgakolonien keinen gleichartigen Fall gibt. Schon an der Grenze des XIX. und XX. Jh. plante das Ministerium für Innere Angelegenheiten Russlands Katharinenstadt den Städtestatus zu verleihen, doch die örtlichen Behörden sagten sich, laut vorhandener Angaben, ab von dieser Ehrung aus Angst vor nachfolgenden höheren Steuern.

       Die Bedeutung Katharinenstadts in der Geschichte der Russlanddeutschen ist nicht nur durch seinen einzigartigen „halbstädtischen“ Typ bedingt. Es war schon vor 1917 ein wichtiges Handels- Gewerbe- Industrie- Bildungs- und Kulturzentrum. Hier konzentrierte sich eine seltene für die deutschen Kolonien Koexistenz dreier Religionskonfessionen – der lutherischen, katholischen und orthodoxen. Von April 1919 bis Juli 1922 war es die „Hauptstadt“  der deutschen Autonomie an der Wolga. Man kann nicht sagen, dass die Geschichte von Katharinenstadt, die dort stattgefundenen Ereignisse  die Aufmerksamkeit der Forscher nicht angezogen hätte. In dieser Hinsicht gibt es sehr interessantes Material in den Arbeiten von A. Hermann, S. Tjerjochin, I. Dietrich, I. Pleve, A. Eisfeld. [4]  In letzter Zeit wurden auch Erinnerungen an diese Stadt veröffentlicht. Unter ihnen können hervorgehoben werden die Essays von F. Emich aus Tjumen, die mehrere Male in der periodischen Presse der Russlanddeutschen erschienen. Und trotzdem ist bis jetzt nicht eine größere verallgemeinernde Arbeit über Katharinenstadt erschienen.

       Es kann möglich sein, dass dies bald geschieht. Seit 1993 arbeitet an einem Buch über die Stadt und seine Einwohner  die englische Journalistin Sussan Richards, Autorin einiger Bücher über Russland. Im Frühjahr 1994 teilte sie  mit, dass die Arbeit ihrem Ende zugeht. Ein merkbares Interesse an diesem Thema macht sich in den USA spürbar, wo nicht wenige ehemalige Katharinenstädter und ihre Nachkommen leben. 1992 gelang es einigen von ihnen in vielen Jahren das erste Mal nach Marx zu kommen. Dabei versprachen sie, dem örtlichen Heimatmuseum einige Dokumente und Materialien über die Geschichte der Stadt, die in ihrem Besitz sind, zu übergeben. Es dünkt uns, dass es uns Deutschen, die noch in Russland leben, nicht ziemt, abseits von dieser Forschung zu stehen.

       Als anschauliche Illustration zur Geschichte der Stadt kann die lange und bei weitem nicht zufällige Reihe ihrer Namen dienen: Katharinenstadt-Baronsk-Jekaterinograd-Marxstadt-Marx. Der Name Ktharinenstadt stammt wie bekannt vom Namen der Kaiserin Katharina II., die die ausländischen Kolonisten zur Ansiedlung nach Russland eingeladen hatte.

       Um die Übersiedler nach Russland zu bringen, schloss die russische Regierung Kontrakte mit ausländischen Unternehmern (hauptsächlich mit Franzosen, Belgiern und Schweizern) und zahlte ihnen eine bestimmte Belohnung für jede angeworbene Familie.  Der bekannteste unter diesen Anwerbern war der Baron Kano de Boregard, nach einigen Angaben war er ein Schweizer, nach anderen – ein Franzose. Sein Name ist in dem Wort „Baronsk“ eingegangen, so wie auch in den Namen zweier Dörfer Kano und Boregard. Bis 1914 wurden die Namen Katharinenstadt und Baronsk parallel gebraucht.

       Die Entstehung von Katharinenstadt ist so schwach erforscht, dass in der Literatur bis jetzt noch verschiedene Daten seiner Gründung figurieren. So behauptet I. Fleischhauer aus der BRD, dass es die erste deutsche Kolonie an der Wolga war und schon im Jahre 1764 gegründet wurde. [5] Diese Version wird jedoch von anderen Forschern nicht bestätigt. Sie nennen zwei Daten – 1766 und 1767. Das letzte von ihnen steht auch auf einer Stele, die heute vor der Einfahrt nach Marx, wenn man  aus Engels kommt, aufgestellt ist. Aber genauer ist doch wohl das Datum, das im Buch von G. Beratz [6] angegeben ist, - der 27. Juni 1766.

       Aus derselben Quelle geht hervor, dass im Jahre der Gründung von Katharinenstadt es hier 283 Einwohner gab. [7] Sie kamen aus Frankreich (möglich, dass der Elsass oder Lothringen gemeint war), aus Sachsen und Hessen-Darmstadt.[8] Nach der Zahl der Ersteinwohner wurde es von einer ganzen Reihe deutscher Siedlungen auf dem linken Wolgaufer übertroffen. Doch nach einigen Jahren überholte  Katharinenstadt diese Siedlungen in seiner Entwicklung, da es an einer bequemen Stelle auf dem linken Wolgaufer gelegen ist, 50 km nord-östlich von Pokrowsk. 1769 lebten nach den Angaben des vorrevolutionären Historikers G. Pissarewskij in Katharinenstadt schon 220 Familien die 812 Personen zählten (eine Rekordzahl für die deutschen Wolgakolonien in jener Zeit), sie besaßen 422 Pferde, 3 Zugochsen, 254 Kühe, 29 Schafe, 47 Schweine und hatten 130 Häuser, 62 Getreidespeicher, 62 Pferdeställe.[9] Nach der Anzahl des Viehs und der Nebengebäude zu urteilen, gab es in Katharinenstadt vorwiegend Bauernwirtschaften. Und das dabei, dass die Einwohner zu einem Drittel Handwerker waren. Doch meistens fanden sie für ihren Beruf  am neuen Wohnort keine Verwendung, was eine ernsthafte Verletzung der Bedingungen des Manifests der Kaiserin vom 22. Juli 1763 darstellte.



[1] Eine der wenigen gründlichen Publikationen der letzten Jahre zu diesem Thema ist das umfangreiche, gut dokumentierte und illustrierte Buch: Bosch, A./Lingor, J.  Entstehung, Entwicklung und Auflösung der deutschen Kolonien am Schwarzen Meer am Beispiel von Kandel von 1808 bis 1944.- Stuttgart, 1990. Siehe auch: Hermann, P./Goßnitz. Mariental-Sowjetskoje.- Alma-Ata, 1987.

[2] Stumpp, K. Die Russlanddeutschen. Zweihundert Jahre unterwegs.- Stuttgart, o.J., S.52.

[3] Tjerjochin, S.O. Besonderheiten der „deutschen“ Architektur an der Wolga // Die Sowjetdeutschen: Geschichte und Gegenwart. – M., 1990, S. 345.

[4] Siehe: Hermann, A.A. Die deutsche Autonomie an der Wolga 1918-1941. Teil I. Das Autonome Gebiet 1918-1924.- Saratow, 1992; Hermann, A. Chronik der wichtigsten Ereignisse in der Geschichte der wolgadeutschen Autonomie (1918-1941) // Neues Leben, 1992-1994; Tjerjochin, S.  Deutsche Architektur an der Wolga. – Berlin-Bonn, 1993;  Dietrich, I.I. Abriss der Geschichte  der Wolgadeutschen. – M., 1993 ( Manuskript); Pleve, I.R. Die deutschen Kolonisten an der Wolga und Pugatschow // Die Kultur der Russen und der Deutschen in der Wolgaregion. Ausgabe I.- Saratow, 1993; Eisfeld, A. Die Russlanddeutschen. – München, 1992.    

[5] Fleischhauer, I. Die Deutschen im Zarenreich. Stuttgart, 1986, S. 103.

[6] Beratz, G. Die deutschen Kolonien an der unteren Wolga in ihrer Entstehung und ersten Entwicklung. – Saratow, 1915.

[7] Siehe: Dietrich, I. I. Das genannte Werk, S. 204.

[8] Ebenda, S. 215.

[9] Ebenda, S. 198.






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