Wolgareise 1997


       Die zweite Reise an die Wolga machte ich zusammen mit meiner Frau im Mai 1997. Diesmal fuhren wir zu dritt: mein Bruder fuhr noch mit. Er hat dort an der Wolga noch 3 Söhne und 1 Tochter. Wir hatten hier untereinander und auch mit denen dort abgemacht, daß Pauline und ich bei dem jüngsten Sohn wohnen würden. (Voriges Jahr kam es mir so vor, als ob es bei denen weniger Küchenschaben gebe und etwas sauberer wäre; auch die Hausfrau kam mir aufgeschlossener und gastfreundlicher vor.) Mein Bruder wollte bei der Tochter und seinem Schwiegersohn wohnen. Der Schwiegersohn war als Taxifahrer tätig und sollte mich umherkutschieren, gegen Bezahlung natürlich.

       Wie auch im vorigen Jahr gab es bei dem Reisebüro mit der Anfertigung der notwendigen Dokumente verschiedene Scherereien: zuerst meldete man mir nach zwei Wochen, daß der Direktflug nach Saratow gestrichen sei, aber wir könnten über Sankt Petersburg fliegen und dort umsteigen. Als ich mich nach einer weiteren Woche erkundigte, hieß es, daß die Flüge nach Saratow überhaupt für Mai alle gestrichen seien, weil es zu wenig Fluggäste gebe. Ich besann mich kurz und buchte eine Reise per Zug: von Horn-Bad Meinberg bis Saratow 400 DM pro Person. Der Zug fuhr von Berlin / Lichtenberg direkt nach Saratow. Meine beiden Reisegefährten waren über solch einen Wandel der Dinge sehr erfreut: Pauline weil sie Angst hatte, mit dem Flugzeug zu fliegen, mein Bruder weil es so billiger kam.

       Bis Berlin ging auch alles gut, abgesehen davon, daß ich auf Pauline gehört habe, und wir schon an unserem Bahnhof mit dem Haufen Gepäck in einen falschen Zug gestiegen waren, der nach Osnabrück fuhr, während wir nach Bielefeld mußten. Es blieb uns nichts anderes übrig, als in Detmold mit dem ganzen Kram umzusteigen, was mir die Stimmung für den ganzen Tag verdorben hatte, denn wir hatten mindestens 100 kg Gepäck zu dritt.

       In Berlin Bhf. Zoo wurden wir von einer Verwandten meines Bruders empfangen. Sie hatte schon einen Kofferkuli und half uns, das Gepäck zum Bahnsteig nach Lichtenberg zu bringen. Sie half uns auch beim Einsteigen in den Zug nach Saratow. Ich weiß nicht, wie wir ohne diese robuste und gewandte Frau fertiggeworden wären. Im Waggon kamen wir in ein Abteil für 4 Personen, der vierte war ein junger Mann, der mit uns bis nach Engels fuhr.

       Es war angenehm, im Zug zu fahren. Die Schaffner waren zuvorkommend und hilfsbereit. Sie hatten uns sogar jedem zwei Matratzen und zwei Kissen zur Verfügung gestellt (einige Abteile waren mit irgendwelchen Sportgeräten vollgepfropft). Aber in Polen kamen in den Zug zwei angebliche polnische Eisenbahnbeamte und prüften die Gepäckmenge der Passagiere. Wir hatten kein Übergepäck und konnten diese Kontrolleure überzeugen, daß wir nichts über die Norm hatten. Aber ein älteres Ehepaar im Nachbarabteil mußte 25 DM zuzahlen wegen angeblichen Übergewichts des Gepäcks. Ich weiß nicht, wie das die Beamten nach Augenmaß so genau feststellen konnten, so wie ich auch nicht verstehe, was polnische Beamte in einem russischen Zug mit deutschen Passagieren zu suchen haben. Ansonsten verlief die ganze Fahrt reibungslos und es war bequem und nicht so anstrengend wie im Auto. Man hatte Bewegungsfreiheit und konnte auch schlafen nach Herzenslust. Es war interessant, die Gegend, wo wir durchfuhren, zu beobachten. Wir bewunderten die akkuraten Felder in Polen, aber die vernachlässigten Felder und Ortschaften in Weißrußland und in Rußland waren bedauernswert, so wie auch die Menschen, die man sah.

       Am 19. Mai kamen wir um 7 Uhr abends in Saratow an eine halbe Stunde früher als planmäßig. Wir wurden dort von zwei Autos erwartet. Aber sie standen ziemlich weit vom Bahnsteig entfernt. Doch das kümmerte uns jetzt wenig es waren ja genug Helfer da. Nach der ersten Begrüßung, und nachdem alles in den Autos verstaut war, ging es los, die 70 km nach dem Dorf Pawlowka, wo unsere Verwandten wohnten und wir untergebracht werden sollten. Es war ziemlich weit durch die Stadt zu fahren. Saratow ist eine ziemlich große Stadt mit über 1 Million Einwohnern. Die Straßen sind voller Autos (meistens ausländische Marken), die mit einem Tempo von 60-70 km dahinrasen, ohne irgendwelche Verkehrsregeln zu beachten, obwohl in russischen Städten eine Geschwindigkeit von 40 Stundenkilometern Vorschrift ist. Am schlimmsten sind diese sogenannten neuen Russen, die sich mit ihren Mercedes, BMW, Volvo und noch verschiedenen amerikanischen Marken als die Herren der Straßen fühlen. Die Straßen selbst sind schmutzig, voller Schlaglöcher und fast gänzlich ohne Markierung. Solch eine Fahrt ist nicht ungefährlich und alles andere als bequem. Es war ja interessant, durch die Stadt zu fahren, aber wir waren froh, als wir sie hinter uns hatten.

       Als wir in Pawlowka ankamen, dunkelte es schon. Die ganze Verwandtschaft versammelte sich dort, wo wir waren. Es wurde Abendbrot gegessen und auch etwas getrunken, wider Erwarten nicht viel. Als die Gäste fort waren, wurde unter der Akkordeonbegleitung der Hausfrau, einer Russin, gesungen. Die elfjährige Tochter unserer Gastgeber nimmt privat Ballettunterricht, und jetzt tanzte sie uns etwas vor. Als alle schlafen gegangen waren, saßen ich und mein Neffe noch lange und unterhielten uns über das Leben in Rußland und in Deutschland.

       Geld tauschten wir bei unserer Hausfrau nach dem damals gängigen Kurs: für 100 DM 330.000 Rubel. Unsere Hauswirte sparten für ein Auto zusammen, und die Leute dort kaufen sofort für ihre Ersparnisse Dollar oder DM, da sie ihren Rubeln nicht trauen.

       Diese Familie kann es sich leisten, etwas Geld zusammenzusparen, denn mein Neffe ist fest angestellt bei der städtischen Feuerwehr und verdient bis 700-800.000 Rubel im Monat, aber leider bekommt er wie auch so viele andere Arbeiter seinen Lohn nicht regelmäßig ausgezahlt. Sie halten Vieh und ernten Gemüse von ihrem eigenen Hausgarten. Aber das Haupteinkommen haben sie durch den Verkauf von selbstgebranntem Hausschnaps. Er wird aus purem Zucker hergestellt, den sie auf dem Markt für 140.000 Rubel pro Zentner kaufen. Den Schnaps holen die Nachbarn und andere Bekannte für 10.000 Rubel pro Halbeliterflasche. Das ist ein gutes Geschäft. Der Alkoholverkauf wurde zwar per Erlaß des Präsidenten Jelzin wieder Monopol des Staates, aber die russischen Gesetzsuppen werden eben nicht so heiß gegessen, wie sie gekocht werden. Ein jeder sieht dort, wie er durchkommt. Wer gar keine Nebeneinkünfte hat, dem geht es ganz traurig.

       Pauline hatte vom ersten Tage an zusammen mit der Hauswirtin in der Wirtschaft zu tun: auf dem Markt Nahrungsmittel einkaufen, kochen, aufräumen, im Garten helfen. Die Abende verliefen mit Besuchen bei den Verwandten. Außerdem nutzte sie die Zeit dort aus, um sich ein neues Gebiß beim Zahntechniker zu machen. Das war sehr günstig: für 100 DM machte man ihr ein Gebiß und auch noch eine Frisur. Weiter hatte sie auch nichts von ihrer Wolgareise. Sie hatte nicht mal Zeit, ihren Geburtsort zu besuchen, oder mal eine Schiffahrt auf der Wolga zu unternehmen.

       Ich selbst besuchte einige Male meinen ehemaligen Geburtsort, machte dort Fotoaufnahmen und versuchte, die Lage des Dorfes zu rekonstruieren, was mir aber nicht gelang, denn ich hatte keinen sicheren Ausgangspunkt. Ich machte mehrere Aufnahmen von alten Häusern in dem Geburtsdorf meiner Eltern. Ich durchstöberte kreuz und quer unser ehemaliges Kantonzentrum, von wo man uns im September 1941 nach Sibirien deportiert hatte, besuchte deutsche Familien. Doch die meiste Zeit verbrachte ich im Archiv von Engels - unserer ehemaligen Hauptstadt der Deutschen Wolgarepublik, war in den Archiven von Marx und Saratow. Im Saratower Archiv fand ich in alten Volkszählungslisten einige Familien Herber, von denen eine zu meinen Vorfahren gehören müßte. Auch aus Engels habe ich noch Kopien von aufgefundenen Listen mitgebracht. Ich habe das alles hier bearbeitet und analysiert , kann aber bis jetzt die Enden noch nicht alle zusammenbringen. Ich habe entdeckt, daß ich lange Zeit eine falsche Spur verfolgt hatte. Mein Vater hatte sich in seinen Erzählungen über unsere Herkunft geirrt, oder ich hatte ihn seinerzeit nicht richtig verstanden. Jetzt habe ich im Engelser Archiv die lang gesuchte Familie entdeckt, von der ich, wenn auch nur ganz spärlich, mehr oder weniger sicher meine Abstammung dokumentarisch nachweisen kann. Aber das ist in Boaro, wo meine nächsten Vorfahren geboren wurden und lebten. Meine Herberfamilie aus Deutschland lebte aber anfänglich in einem ganz anderen Dorf im Rayon Kamyschin, auf der Bergseite der Wolga südlich von Saratow. Dort lebten aber in der zweiten Hälfte des 18. Jh. drei Familien Herber. Jetzt muß ich herausfinden, welche von ihnen die meine ist, und von welchem der 6 Söhne aus diesen Familien wir abstammen. Da muß ich im Saratower Archiv noch nach anderen Volkszählungslisten suchen, denn die Kirchenbücher sind ja meistens während der antireligiösen Arbeit während der Sowjetzeit verlorengegangen. Wie dem auch sei, ich muß noch einmal, ein drittes Mal, nach Saratow fahren. Aber zuerst plane ich, nach Petersburg zu fahren, um dort in den Archiven zu suchen. So viel über meine Familienforschung.

       Sehr schwierig war es während unseres Aufenthalts an der Wolga mit den Verkehrsmitteln. Wir wohnten ja 60 km von Engels, von Saratow waren es 70 km. Ich mußte ja auch viel in den Dörfern herumfahren. Die Busse verkehren dort aber sehr spärlich oder mancherorts gar nicht. Dann kennt man sich auch in den Verbindungen sehr schlecht aus. Es gibt meistens keine Verkehrspläne. Offizielle Taxis gibt es sehr wenig, und sie sind auch sehr teuer. Den Verkehr beherrschen die Schwarzen Taxis. Das heißt, ein jeder, der ein taugliches Auto hat, macht Taxifahrten. Manche haben dazu eine halboffizielle Erlaubnis und zahlen an irgendeinen Mafiaboss Steuern. Und die beschützen diese Taxifahrer dann vor den Eingriffen der Polizei oder des Finanzamts. Aber diese Fahrer sind die reinen Raubritter. Die nehmen solche Fahrpreise, wie sie sie aus den Passagieren nur herauspressen können. Ich wollte einmal vom Bahnhof Saratow nach Engels zum Archiv fahren, das sind ca. 10 km. Da hat man mir 100 000 Rubel abverlangt. Natürlich habe ich da nicht eingewilligt. Ich habe mich dann zur Bushaltestelle durchgefragt und gelangte für 2 000 Rubel an Ort und Stelle. Außerdem ist man niemals sicher, ob man mit solch einem Taxifahrer überhaupt lebendig zum Ziel gelangt. Ich hatte ja meinen oben genannten Verwandten engagiert. Aber der fuhr nur ungern mit mir und nahm mir dann noch höhere Preise ab als von fremden Passagieren. Als ich 150 DM mit ihm verfahren hatte, sagte ich mich von seinen Diensten ab. Das waren ja nach unserem Geld keine allzu hohen Fahrpreise, aber er war mir doch zu frech. Ich fuhr dann entweder mit dem Bus, dort, wo es ging, oder hielt einfach einen Gelegenheitsfahrer an, oft sogar einen LKW-Fahrer. Das war sicherer und billiger. Man bekommt mit der Zeit einen Riecher für solche Sachen, um keinem Raubritter in die Hände zu fallen. Dorthin müßte man mit seinem eigenen Auto fahren, aber da käme man bestimmt mit Schrott zurück, wenn man überhaupt am Leben bliebe.

       Die Zeit verging sehr schnell, trotz Ärger und Unannehmlichkeiten. Wir hatten auch viel zu wenig Zeit, um meine Arbeit im Saratower Archiv erfolgreich weiterführen zu können. Wir hatten Visen nur für einen Monat und wollten auch nicht mit dem letzten Zug nach Hause fahren. Außerdem hatte Pauline die Nase voll von solch einer Erholung. Wir haben eben im Laufe der Zeit unsere eigenen Lebensansichten entwickelt, da wird jegliche Abweichung von dem gewohnten Lebensstil zur Qual.






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© DIE GESCHICHTE DER WOLGADEUTSCHEN.