Eine Reise an die Wolga
(Herbst 1996)


       Die Forschungen nach meinen Ahnen führten mich im Herbst 1996 aus Deutschland nach Rußland, an die Wolga, in die Ortschaften, wo ich meine Kindheit und meine Jugend bis zum September 1941, bis zur Vertreibung der Wolgadeutschen nach Sibirien und Kasachstan, verbrachte. Das Ziel meiner Reise war das Gebiet Saratow, genauer die Archive in Saratow und Engels, und die Ortschaften Borodajewka (vor dem Krieg Boaro), wo meine Eltern und Großeltern geboren wurden, und das Rayonzentrum Marx (früher Marxstadt), wo unsere Familie direkt vor dem Krieg lebte, und von wo wir ausgesiedelt wurden. Es war also nicht nur die Ahnenforschung, die mich dorthin trieb, sondern es war auch der sehnlichste Wunsch, meinen Geburtsort und den Ort meiner Kindheit vor meinem Ende noch einmal zu sehen. Die allgemeinen Lebensverhältnisse, die ich dort antraf, und meine persönlichen Eindrücke, die diese Reise in mir hinterlassen hat, das alles zusammen, glaube ich, ist es wert, auf Papier festgehalten zu werden, zumal es heute immer weniger Menschen gibt, die aus eigenen Erlebnissen darüber berichten können, da die älteren schon zum Teil weggestorben sind, und die jüngeren zu wenig darüber wissen. Es sind ja nur Bruchstücke, aber aus solchen Bruchstücken besteht eben unsere Geschichte die Geschichte der Deutschen aus Rußland und der ehemaligen Sowjetunion.

       Nachdem ich mich vorher unter großen Schwierigkeiten mit der Leitung des Archivs in Engels in Verbindung gesetzt und die Zusage erhalten hatte, die Archivakten persönlich einsehen zu dürfen, faßte ich den festen Entschluß, zu fahren. Jetzt entstand die Frage: wie fahren? D.h. mit welchen Transportmitteln, wie ein Visum bekommen, wie eine Einladung bekommen, ohne die man von der Russischen Botschaft kein Visum erhält? Da ich alle diese Probleme allein nicht bewältigt hätte, wandte ich mich an das mir am nächsten gelegene Reisebüro. Da hatte man mir eine so rosige und problemlose Reise ausgemalt, daß ich das Angebot sofort annahm: Mit dem Flugzeug aus Hannover über Wolgograd nach Saratow und ein Visum für das gesamte Saratower Gebiet. Die Termine wurden zu beiderseitiger Zufriedenheit festgesetzt, und ich zahlte auch sogleich die verlangte Summe für den Hin- und Rückflug ein. Nach sechswöchigem Warten, 10 Tage vor dem Abflug, brachte man mir meine Reisepapiere direkt ins Haus. Nach deren eingehendem Studium mußte ich leider feststellen, daß mein Visum nur für die Stadt Saratow ausgestellt war, (ich mußte aber auch die Städte Engels und Marx besuchen); die Flugkarte war überhaupt nur bis Wolgograd gültig. Nach längerem erfolglosem Verhandeln gelang es mir endlich, nicht ohne Nervenstrapazierung, die Papiere zurückzugeben und mein Geld zurückzubekommen. Meine Zeit und unsere Urlaubspläne für den Sommer 1996 waren dahin. Ich schrieb sofort an die Russische Botschaft, um zu erfahren, ob ich nicht direkt von dort ein Visum für die von mir vorgemerkten Städte bekommen könnte. Aus der Antwort verstand ich, daß ein einfacher deutscher Staatsbürger, zumal ein Aussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion, so einfach um diese aufgebauten Riffe nicht herumkommt, denn an dem potentiellen Reisenden wollen ja möglichst viele Firmen verdienen: das örtliche Reisebüro, mit dem der Kunde unmittelbar in Verbindung steht; die Firma, die die Gasteinladung besorgt; die Botschaft; die entsprechende Fluggesellschaft. Es wäre ja auch gut so, das entspricht auch der deutschen Dienstleistungsnorm, würde nur nicht alles nach russischem (sowjetischem) Schlendrian verlaufen!

       Ich hatte meinen Reiseplan für 1996 schon fast aufgegeben, da fand sich plötzlich eine scheinbar ganz einfache Lösung: Mein Neffe bereitete sich zu einer Fahrt mit dem Auto nach Marx, besser gesagt, nach dem Dorf Pawlowka, vor, wo er seine Hausangelegenheiten erledigen wollte. Er willigte gerne ein, mich mitzunehmen. Und so bestellte ich dann bei einer anderen Reisefirma ein dreimonatiges Visum für die Städte Engels, Marx und Omsk, (wohin ich eventuell auch fliegen wollte), machte mein Reisegepäck zurecht und wartete, teils mit Freude, teils mit Bangen auf die bevorstehende Autoreise (in meiner ausgestellten Gasteinladung stand auch wörtlich: Autotourist). Ich hatte zuvor jegliche Autoreisen nach Rußland abgelehnt: ich hatte ja genug gehört und gelesen über die Schwierigkeiten an den Grenzübergängen und über die Raubüberfälle unterwegs und auf den Parkplätzen. Aber diesmal wagte ich es: mein Fahrer war mit dem Auto schon mehrere Male an die Wolga gefahren und hatte gewisse Erfahrung. Außerdem war mein Wunsch, mich einmal vor Ort über alles zu informieren und meinen Geburtsort nochmals zu sehen, außerordentlich groß. Leider änderte sich kurz vor der Abfahrt unser Reiseplan noch einmal: statt zu zweit, fuhren wir zu dritt, entsprechend mehrte sich auch das Gepäck, so daß an ein Schläfchen während der Fahrt nicht mehr zu denken war. Der Tag der Abfahrt kam heran.

       Am 16. September 1996 fuhren wir um 17 Uhr nachmittags aus Horn ab. Geplant war, früh morgens am nächsten Tag die deutsch-polnische Grenze hinter Frankfurt/Oder zu passieren. Polen wollten wir tagsüber durchqueren, denn da sollte es angeblich mit den Raubüberfällen am schlimmsten sein. Aber wir erreichten diese Grenze schon spät abends am ersten Tag, und da die Grenzabfertigung wider Erwarten schnell und reibungslos verlief, mußten wir die halbe Nacht durch polnisches Territorium fahren. Aber alles ging gut. Gegen Morgen machten wir auf einem mit Fahrzeugen vollgepfropften Parkplatz für zwei Stunden halt, damit sich unser Fahrer etwas erholen konnte. Da wir ihm zu diesem Zweck eine Autohälfte einräumten, die andere von seiner Schwiegermutter und mit Gepäck gefüllt war, lief ich diese Zeit auf dem Parkplatz umher. Eine Übernachtung in einem Motel, mit einem angeblich bewachten Parkplatz, lehnten meine Reisegefährten entschieden ab: die Schwägerin doch wohl wegen der Unkosten, und der Fahrer meinte, dort würden wir bestimmt beraubt, und beschützen würde uns so wie so keiner. Als wir schon bei Tageslicht einen kleinen Ort passiert hatten, wurden wir dahinter von einer polnischen Verkehrsstreife angehalten. Nach einer routinemäßigen Kontrolle der Papiere konnten wir weiterfahren. Aber nach kaum 100 Metern wollte unser Fahrer einen LKW überholen, der mit ca. 30 Stundenkilometern dahinfuhr. Wir gerieten aber sofort auf einen ununterbrochenen Mittelstreifen. Da war die Polizei auch schon bei uns. Das Ganze machte den Eindruck, daß dieser LKW speziell dazu diente, fremde Fahrzeuge in eine solche Falle zu locken. Die Polizei nahm unseren Fahrer trotz aller Erklärungen mit zu ihrem Fahrzeug mit dem Hinweis, Fahrpapiere und Geld mitzunehmen. Einer von den Polizisten verlangte 50 DM Strafgeld. Doch ein zweiter fiel ihm sofort ins Wort, er sei heute der Kassierer, und es koste 60 DM, denn sie seien ja zu dritt, also für jeden 20 DM. (Die 50 DM waren ja auch schwieriger durch 3 zu teilen.) Unser Fahrer wußte schon, daß in solchen Fällen ein Reisender völlig der Willkür der Polizei ausgeliefert ist, und zahlte. Natürlich wurde ihm keine Quittung ausgestellt. Die wissen ganz genau, daß ein Durchreisender in diesen Fällen immer in Zeitnot ist und sich auch keinen Anwalt leisten kann, was auch wenig helfen würde. Wir waren froh, daß wir ohne weitere Gewalt durchkamen.

       Am Nachmittag des zweiten Tages waren wir an der polnisch-weißrussischen Grenze angelangt. Hier begann erst die richtige Hölle einer solchen Reise.

       In der Reihe, wo die PKW abgefertigt wurden, standen schon ca. 200 Wagen. Unser Fahrer sagte, das seien nicht viel, wovon ich mich bald selbst überzeugen konnte. Aber da die Zollbeamten sowie die Grenzwächter gerade Kaffeepause hatten, rückte die Wagenschlange überhaupt nicht vom Platz. Dafür wurde sie aber hinten merklich länger. Es verging eine Stunde, die zweite wir rührten uns nicht vom Platz. Dabei mußte man sehr aufpassen, daß sich kein Wagen vor uns hereinschob. Der Abstand zwischen den Wagen durfte nicht mehr als einen halben Meter betragen, sonst hätte sich jemand quer hineingezwängt. Hier gab es weder Ordnung noch Rücksichtnahme. Die Wagen waren meistens aus Polen, Weißrußland und Rußland, alle beladen wie Packesel mit den verschiedensten Kisten und Bündeln, Baumaterialien und Autoersatzteilen in großen Mengen, also fast alles Handelsware. Die Fahrer fühlten sich hier zu Hause und waren frech wie die Ratten. Ich ging die Autoschlange entlang und zählte schon über 800 Wagen, als endlich Bewegung in die Wartenden kam. Ganz vorn begann die Zollabfertigung. Die Leute wurden nervöser. Jetzt trat die polnische Polizei in Aktion. Zwei Beamte fuhren im Polizeiwagen die Autoschlange entlang, hin und zurück. Hier und da blieben sie stehen und unterhielten sich mit den Fahrern . Bald hier, bald da schob sich ein Wagen aus der Schlange heraus und folgte dem Polizeiwagen nach vorn. Ich drängte auf unseren Fahrer, er solle auch etwas unternehmen. War er doch vor der Reise ganz zuversichtlich, er werde keine 10 Stunden an der Grenze warten. Da müsse man handeln und nicht kleinlich sein. Aber jetzt wollte er nichts unternehmen. Er meinte, die Polizisten verlangten bis über 100 DM, um einen Wagen nach vorn, außer der Reihe durchzulotsen. Die Schwägerin wollte auch nicht blechen. Wir hielten jetzt hier schon über 4 Stunden und hätten gewiß noch bis zum Morgen warten müssen. Endlich hatte sich unser Fahrer ein Herz gefaßt und auch mit den Polizisten verhandelt. Für 50 DM ließen sie unseren Wagen ganz nach vorn bis zum Zoll durchfahren. Jetzt mußte alles sehr schnell gehen. Die Zoll- und Grenzbeamten hatten es hier sehr eilig. Aber trotzdem wurde alles sehr eingehend geprüft und kontrolliert. Hauptsächlich die Wagenpapiere. An der weißrussischen Sperre mußten wir Deklarationen ausfüllen über Wertsachen und Geld, das wir bei uns hatten. Als wir mit dem Auto schon auf der weißrussischen Seite standen, mußte unser Fahrer noch 30 DM Straßengebühr zahlen. Jetzt kamen wir in die Hände der weißrussischen Mafia oder Schutzgelderpresser. Junge Leute, sehr akkurat gekleidet, mit einer Plakette auf dem Mantelumschlag, begrüßten uns sehr höflich, erkundigten sich nach dem Leben in Deutschland, (daß wir aus Deutschland kamen, das sahen sie ja an unseren Wagennummernschildern) und wohin wir fuhren. Dann ließen sie die Katze aus dem Sack: sie stellten sich vor, sie seien von der Staatssicherheit und wären für unsere Sicherheit auf dem Territorium von Weißrußland verantwortlich und müßten uns begleiten, nicht umsonst, versteht sich, dann würden wir auf der ganzen Strecke von niemandem mehr angehalten. Meine Schwägerin antwortete, daß wir die Grenze nicht zum ersten Mal passieren würden, den Weg und die Verhältnisse gut kennen und keinen Begleiter brauchen. Unser Fahrer erklärte auch ganz ruhig, wir seien schon an Ort und Stelle angekommen, d.h., wir würden eine Woche lang hier in Brest bei Freunden bleiben. Die Sicherheitsbeamten machten noch einige drohende Bemerkungen und gingen weg. Inzwischen hatte sich ein Mercedes hinter unseren kleinen Ford geschoben und uns die Ausfahrt versperrt. Da war uns nicht ganz gut zumute. Wir waren der Meinung, daß das eine Finte der Staatssicherheit wäre, um uns nachgiebiger zu machen. Ich hatte schon ganz unauffällig mein Geld und die Deklaration im Wagen versteckt. Glücklicherweise waren unsere Ängste umsonst. Der Mercedes gehörte einem Durchreisenden, der ihn nur hinter unserem Auto abgestellt hatte, weil er auch erst die Straßengebühr bezahlen mußte. Er hatte keinen anderen Parkplatz gefunden, aber gesehen, daß unser Fahrer auch weggegangen war, und hatte das ausgenutzt. Als unser Fahrer zurückkam, erzählte er, daß der Polizist ihm die 30 DM Straßengebühr mit aller Gewalt ohne Quittung abluchsen wollte. Er meinte, es gebe so wie so keine weiteren Kontrollen mehr. Unser Fahrer wußte das aber besser und ließ sich nicht darauf ein. Und er hatte recht, wir wurden unterwegs noch öfter geprüft und nach der Quittung gefragt. Endlich kam der Mercedes-Fahrer und wir konnten weiterfahren. Ich hatte immer noch Angst, von der Mafia angehalten zu werden und schlug unserem Fahrer vor, einen anderen Weg zu fahren. Doch er meinte, unterwegs werde ihn so leicht keiner in der Nacht anhalten, es sei denn, man versperre ihm den Weg mit einem gefällten Baum, oder man würde ihm das Auto zerschießen. Wir fuhren die geplante Richtung weiter.

       In Polen waren die Straßen noch einigermaßen befahrbar, aber natürlich mit den deutschen Autobahnen nicht vergleichbar. Schlimm ist, daß man auch größere Städte nicht umfahren kann, und sich da durchzusuchen, ist gar nicht so einfach. Wir mußten ziemlich schwitzen, bis wir durch Warschau und Posen waren.

       Als wir jetzt nach Weißrußland und Rußland kamen, wurden die Straßen sofort schlechter: Schlaglöcher, keine Randbefestigungen, keine Markierungen. Nebenstreifen kennen diese Straßen überhaupt nicht, und meist sind sie einspurig, nur selten zweispurig. Auch hier führten die sogenannten Autobahnen direkt durch die Städte. Die Beschilderung ist sehr spärlich und auf grünem Hintergrund schwer lesbar. Besonders schwierig war es nachts zu fahren: die Straßen waren ja fast leer, aber man wurde von den entgegenkommenden Fahrzeugen geblendet. Leitplanken gibt es kaum. Da die Straßenränder mit Glas, Nägeln und allerlei anderem Schutt gespickt sind, sind die Fahrer bemüht, die Straßenmitte zu befahren, auch noch meist mit Scheinwerfern. Da gilt es, die stärkeren Nerven zu haben und selbst den Entgegenkommenden auf den Straßenrand zu drängen. Das sind aber alles Kleinigkeiten gegen die durch und durch von Schlaglöchern zerfetzten Straßen der russischen Städte.

       Mit Brennstoff gab es keine Probleme: für DM konnte man überall tanken, wenn es auch für örtliche Währung kein Benzin gab. Natürlich mußte für diesen Gefallen noch extra bezahlt werden.

       Die Grenze zwischen Weißrußland und Rußland ist ziemlich locker, und das Passieren dieser Grenze verlief ohne Schwierigkeiten. Als wir schon auf russischem Territorium waren, fühlten wir uns erleichtert, da wir jetzt wenigstens mit der Sprache keine Schwierigkeiten mehr hatten, im Gegensatz zu Weißrußland und Polen. In Weißrußland gab es ja mit der mündlichen Sprache keine Probleme, aber das Schriftliche ist jetzt auch alles in weißrussischer Sprache geschrieben. Das Tanken machte auch hier keine Schwierigkeiten, und das Benzin kostete hier nur 50 Pfennig pro Liter. Aber so viele Verkehrskontrollen wie in Rußland und in Weißrußland habe ich in meinem Leben noch nie getroffen. Vor und hinter jeder Ortschaft ist ein Verkehrspolizeistützpunkt eingerichtet. Von 22 Uhr abends bis 6 Uhr morgens wird hier jedes Fahrzeug angehalten und wird registriert. Oft sind auch Radaranlagen versteckt. An einem solchen Stützpunkt wurde unserem Fahrer durch ein Radargerät, das kurz davor irgendwo installiert war, eine Geschwindigkeitsüberschreitung von 10 Kilometern nachgewiesen. Als Strafe mußte er für jeden überschrittenen Kilometer eine Dose Bier spendieren, also 10 Dosen. In den Ortschaften ist eine Geschwindigkeit von nur 40 Stundenkilometer erlaubt. Die Verkehrspolizisten gehen meist grob und sogar brutal mit ihren Klienten um. Und trotzdem hält sich dort fast keiner an die Verkehrsregeln. Ich konnte erfahren, daß auf Straßen, wo 50 Stundenkilometer angesagt waren, bis 130 gefahren wurde. Am gefährlichsten sind aber, sowohl für die Fahrer als auch für die Polizei, die Straßenbanditen. Vor der Einfahrt nach Marx, meiner Heimatstadt, ist die Verkehrspolizei mit einem Panzer ausgerüstet. Ich glaubte anfänglich, es sei noch ein Denkmal oder so etwas Ähnliches aus dem 2. Weltkrieg. Aber man belehrte mich anders: wie soll denn die Polizei mit den Banditen fertig werden, wenn die mit Kalaschnikows und Granatwerfern ausgerüstet sind? Auf der Straße von Marx nach Engels sah ich Schilder, die die Kraftfahrer aufforderten, unterwegs nicht anzuhalten, damit sie nicht ausgeraubt oder gar umgebracht würden.

       Am frühen Morgen des 19. September 1996 kamen wir endlich nach Saratow, der Hauptstadt des gleichnamigen Gebiets. Es wurde schon hell, und man konnte gut die alten Gebäude erkennen. Wir fuhren durch eine der Hauptstraßen, die früher die Deutsche Straße hieß. Sie wurde von deutschen Siedlern erbaut und führt den Hang hinunter bis zur Wolga. Wir fuhren über die Wolgabrücke und waren in Engels, der Hauptstadt der ehemaligen Autonomen Republik der Wolgadeutschen. Hier konnte man noch überall die einstmals schmucken deutschen Holzhäuser sehen. Da erging es mir fast wie Heinrich Heine, als er 1843 noch einmal aus Paris nach 13jähriger Emigration nach Deutschland zurückkehrte (bei mir waren es jedenfalls 55 Jahre): ...Da fühlt ich ein stärkeres Klopfen in meiner Brust, ich glaube sogar, die Augen begannen zu tropfen....

       Als wir aus Engels draußen waren, fuhren wir in freudig aufgeregter Stimmung mit ziemlich schnellem Tempo die 45 km bis zu unserem Bestimmungsort, dem Dorf Pawlowka (früher: Paulskoje). Um 8 Uhr morgens örtlicher Zeit, genau nach 60 Stunden fast ununterbrochener Fahrt, waren wir endlich am Ziel. Wir stiegen aus dem Wagen ganz benommen wie betrunken und wollten weiter nichts als umfallen und etwas schlafen, was wir auch taten.

       Aber schlafen konnte ich nicht lange, ich mußte an die frische Luft, um den Rausch loszuwerden. So machte ich einen Spaziergang aus Pawlowka Richtung Marx. Unterwegs standen und saßen überall am Straßenrand zweifelhafte Gestalten, die Fische, gekochte Krebse und noch zweifelhaftere Getränke feilboten. Als ich vor Marx den Verkehrspolizeistützpunkt mit dem Panzer passiert hatte, mußte ich einen großangelegten Verkehrsring bestaunen. Ich stand da eine Weile und sah dem Verkehr zu. Mir fiel auf, daß hier etwas andere Verkehrsregeln herrschten als in Deutschland: hier herrscht auf dem Ring rechts vor links. Da der Ring sehr groß ist, müssen manchmal 2-3 Autos auf dem Ring warten und die von rechts einmündenden Fahrzeuge vorbei lassen.

       Dann schlenderte ich durch die Straßen von Marx. Die meisten Straßennamen sind immer noch die alten, die auch zu unserer Zeit vor dem Krieg waren, nur ins Russische übersetzt. Die meisten Straßen waren einmal asphaltiert, sind aber lange nicht renoviert worden und jetzt voller Schlaglöcher. Bürgersteige gibt es so gut wie keine, oder sie sind in einem so jämmerlichen Zustand, daß sie nicht begehbar sind, deshalb benutzen die meisten Passanten den Fahrdamm. Aber da müssen sie selbst auf ihre Sicherheit achten. Die Autofahrer rasen auch über die Kreuzungen, ohne auf die Fußgänger zu achten. Hauptsächlich diejenigen fühlen sich als Herren der Straße, die eine ausländische Automarke fahren (sie müssen doch zeigen, was sie haben!). Ich sah mir die Häuser genau an: es gibt noch sehr viele Vorkriegshäuser aus Ziegeln, die aber meist etwas verkümmert aussehen. So manche Häuser habe ich wieder erkannt (Schulen, das alte Gebäude des ehemaligen Stadtrates, die ehemalige Augenklinik, die Buchhandlung). Unter allen diesen Gebäuden ragt im Stadtzentrum der Rumpf der ehemaligen evangelischen Kirche heraus. Die Kirche hatte früher zwei Türme. Der kleinere war noch vor dem Krieg ausgebrannt und wurde dann abgerissen. Der große Turm mit dem Glockenstuhl und dem Uhrwerk wurde 1956 abgerissen. Man brauchte einfach Ziegel zum Errichten anderer Bauten. Die russische Kirche war schon Anfang der 30er Jahre unseres Jahrhunderts völlig abgerissen worden. Von der katholischen stand vor dem Krieg noch der Rumpf ohne Türme. Bis 1941 war in dieser Kirche das Lichtspielhaus, in der evangelischen (lutherischen, wie wir sie nannten) war bis zu unserer Aussiedlung der Kulturpalast der Stadt. Hier war ein deutsches Theater, hier wurde getanzt, hier gab es mehrere Sportsäle. Heute macht das Gebäude einen bedauernswerten Eindruck. Schon seit anderthalb Jahren ist das Gebäude der evangelischen Gemeinde der Stadt übergeben. Aber weder die Stadtverwaltung, noch die evangelische Gemeinde sind imstande, die Kirche zu renovieren und wiederherzustellen. In einem kleinen Nebenraum versammeln sich sonntags bis zu 20 ältere Menschen zu ihrer Gebetsstunde. Als Pastor diente die Vorsitzende des Zentrums der deutschen Kultur Frau Eleonore Herdt. Deutsche Kulturzentren gibt es in Rußland fast in allen Ortschaften, wo es noch einige Dutzend Deutsche gibt. Diese Kulturzentren werden von den Vereinen der Deutschen im Ausland unterstützt. Ich habe an einem Sonntag den Gottesdienst in der evangelischen Kirche besucht: er machte einen sehr traurigen Eindruck. Aber die Leute sehnen sich nach Gemeinsamkeit und dem Wort Gottes. Da auch die älteren Leute die deutsche Sprache schon schlecht beherrschen, verlas die Predigerin ihre Predigt zuerst in deutscher, dann in russischer Sprache.

       Heute gibt es in Marx schon eine neu gebaute katholische Kirche aus roten Ziegeln in modernem Stil. Sie steht aber nicht im Stadtzentrum wie die frühere, sondern fast ganz am Stadtrand, doch wohl dort, wo es einen freien Bauplatz gab. Das Innere anzusehen, hatte ich keine Gelegenheit. Den Russen dient als Kirche die ehemalige Soldatenkaserne, wo in meiner Zeit eine Schule untergebracht war.

       Ich besuchte auch meine Schule, wo ich vor dem Krieg 6 Jahre die Schulbank gedrückt hatte. Heute ist dort eine Musikschule. Ich unterhielt mich mit dem Hausmeister, aber er war selbst ein Zugereister und konnte mir fast nichts über die Schule berichten.

       Ich ging durch viele Straßen, sah noch viele alte Vorkriegshäuser aus Holz. Das waren alles einmal schmucke Häuschen. Manche sind heute mit Ziegeln ummauert, manche sind dem Zusammenbruch nahe, manche sehen aber auch jetzt noch hübsch aus. Ich sprach mit vielen Leuten, älteren und jüngeren immer hörte ich dieselben Klagen: viele sind arbeitslos, diejenigen, die Arbeit haben, verdienen sehr wenig (im Durchschnitt 250 300. 000 Rubel im Monat 70 bis 90 DM), aber auch diesen Lohn zahlt man den Leuten bis 5-6 Monate lang nicht aus. Die Rentner bekommen 200 300. 000 Rubel, aber auch diese Summe wird nicht pünktlich ausgezahlt. Sehr traurig steht es mit der Versorgung der Bevölkerung mit Strom, Gas und Wasser. Die Leute raffen ihre letzten Rubel zusammen und zahlen für diese Dienstleistungen der Stadtverwaltung oder der Verwaltung des Sowchos (im Dorf), aber die rechnen nicht rechtzeitig mit den Firmen ab, die diese Dienstleistungen liefern, und letztere schalten dann schonungslos ganze Dörfer und Städte ab. Dann sitzen die Leute stundenlang, manchmal auch tagelang ohne Strom, Gas oder Wasser. In den Dörfern finden die Leute manchmal einen Ausweg, indem sie einen alten Petroleumkocher an den Tag fördern oder ein Holzfeuer machen, damit sie ihr Essen kochen können. Aber in den Städten sitzen die Leute in solchen Fällen kalt, dunkel und ohne Essen. Noch ein kleines Beispiel aus dieser "Serie. Ich war in Engels, der ehemaligen Hauptstadt der Republik der Wolgadeutschen. Dort arbeitete ich einige Tage im Archiv und suchte nach meinen Vorfahren. Am Freitag sollte ich um 17 Uhr von meinem Neffen abgeholt werden, nach seinem Wohnort, dem Dorf Pawlowka, 45 km von Engels. Als er nicht rechtzeitig da war, wurde ich unruhig und fragte die Archivdirektorin, ob sie nicht mal in Pawlowka anrufen könnte, um nachzusehen, ob man mich abholen würde. Sie versuchte es, aber es gab keine Direktverbindung, und sie mußte die Telefonvermittlungsstelle einschalten. Von dort fragte man vor allem nach der Kontonummer des Archivs. Die Dame vom Telefonamt sagte dann, die Kontonummer sei gesperrt, da es kein Geld darauf gebe. Sie legte ohne weitere Erklärung den Hörer auf, und das Telefon der Direktorin war jetzt auch gesperrt. Na ja, sagte sie, jetzt kann ich sogar nicht mehr innerhalb der Stadt telefonieren. Und ich fühlte mich schuld an diesem Mißgeschick. Sie schickte mich über einen großen Platz hinweg zu einem Telefonamt, ich sollte es mal dort versuchen, das Dorf anzurufen. Ich zahlte dort am Schalter über 5000 Rubel für ein 3-minütiges Gespräch und gab der Dame auf einem Zettel die Nummer des Telefons in Pawlowka. Nach ein paar Minuten meldete die Dame vom Kommutator per Lautsprecher, mit Pawlowka gebe es keine Verbindung. Ich war der Verzweiflung nahe, aber zum Glück kam mir mein Fahrer schon entgegen. Er mußte unterwegs für die Scheibenwischer Wasser nachfüllen, das er glücklicherweise in einer Flasche im Auto mit sich führte. Das Wasser in den Behältern war aufgebraucht, aber bei dem Regen und Matsch konnte er ohne Scheibenwischer nicht weiterfahren, deshalb die Verspätung. Es war schon dunkel, aber die meisten Fahrzeuge fuhren ohne Licht (entweder hatten sie keine Glühlampen in den Scheinwerfern, oder man sparte Brennstoff). Und die Straßen voller Schlaglöcher und Matsch.

       Wenn ich durch eine Stadt ging, mußte ich stets die großangelegten neuen Straßen, Prospekte und Plätze bewundern, groß und sehr vernachlässigt und... schmutzig. Die Querstraßen in Marx, hier Linien genannt, sind besonders unansehnlich: schmutzig, voller Unkraut, mit sehr tiefen Spurrinnen (diese Linien sind meistens nicht asphaltiert), die von den Anwohnern mit Schutt und Kehricht ausgefüllt sind. Es ist kaum zu glauben - in diesen Gassen konnte man auch tote Hunde und Katzen sehen. Überhaupt Schmutz, Fliegen und Küchenschaben sind in den Häusern, Höfen und Straßen nichts Außergewöhnliches. Die Leute scheinen sich schon daran gewöhnt zu haben. Und bei den allgemeinen Mißständen ist es auch außerordentlich schwer, gegen diese Unannehmlichkeiten zu kämpfen.

       Ich habe des öfteren die hiesigen Basare (Märkte) besucht. Ich mußte über das sehr große Angebot von Waren und Lebensmitteln staunen. Aber die meisten Waren sind Importwaren aus aller Herren Länder: aus China und der Türkei, aus Amerika und Deutschland, aus den Emiraten und den ehemaligen Sowjetrepubliken. Russische Erzeugnisse gibt es verhältnismäßig wenige. Die Preise sind an unseren Preisen und unserer Deutschmark gemessen relativ niedrig. Doch für die Bevölkerung sind auch diese Preise zu hoch, da die Leute zu wenig Einkommen haben. Ein Rentner erzählte mir, er bekäme eine sehr gute Rente 370.000 Rubel monatlich, mehr bekämen nur ehemalige Offiziere und noch einige Kategorien von Rentnern. Aber nach der alten Vorinflationszeit wären das nur 37 Rubel, während er damals 130 Rubel bekam.

       Es gibt heute auch noch viele staatliche Geschäfte, aber hier ist das Warenangebot sehr spärlich und die Waren teurer als auf dem Markt. Die Läden selbst sind ungemütlich, die Verkäuferinnen noch ungemütlicher. (Natürlich sieht es in den Supermärkten der Großstädte anders aus. Aber die Leute kommen ja dort nicht hin und haben auch kein Geld dazu.) Nur die neuen Russen, d.h. die neuen Kapitalisten haben es jetzt herrlich. Die haben sich während der Privatisierung auf unverschämte Weise einen ungeheuren Reichtum angeeignet und können sich jetzt alles leisten. Mit einem Wort das Leben in Rußland, die Ordnung und die ganzen Verhältnisse sind heute viel schlechter als in den schweren Kriegs- und Nachkriegsjahren. Damals litten fast alle gleich, es gab noch keine neuen Russen, keine Mafia, keine Schutzgelderpresser.

       Ich besuchte mehrere Male das hiesige Heimatmuseum. Es wurde vor 5 Jahren in dem Gebäude des alten Vorkriegsmuseums eröffnet. Der Direktor, ein ehemaliger Marineoffizier, und seine 6 Mitarbeiterinnen haben sehr viele und interessante Exponate zusammengetragen. Alles wurde von den Alteingesessenen gespendet. Die Expositionen sind liebevoll und mit Geschmack aufgebaut. Der Direktor, der auch gleichzeitig wissenschaftlicher Leiter ist, ist ein sehr belesener Mann, der für die Besucher oft selbst ausgezeichnete Führungen macht. So konnte ich einer Führung beiwohnen, die er für eine Gruppe älterer deutscher Menschen machte, die von einem 40 km entfernten Dorf gekommen waren, um sich die Geschichte der Deutschen an der Wolga anzuhören. Sie besichtigten mit Interesse die Exponate, die für sie wehmütige Erinnerungen wachriefen. Das Dorf, woher diese Leute kamen, heißt Stjepnoje (Steppendorf). Hier wurden von der deutschen Regierung 90 neue Einfamilienhäuser für Deutsche gebaut, die aus den Randgebieten der Ex-Sowjetunion, aus Kasachstan und Mittelasien wegen der moslemischen extremistischen Ausschreitungen gegen jegliche Europäer flüchten mußten. Das Dorf wurde an der Stelle eines deutschen Vorkriegsdorfes angelegt. Es sind schöne Häuser, die da von deutschen Architekten entworfen und für deutsches Geld gebaut wurden, aber leider mit typisch sowjetischem Schlendrian. Die Einwohner erzählten, daß schon das Geld für die Bauten zum Teil verschleppt wurde, und die Anwesen jetzt ohne Nebengebäude und ohne Stallungen geblieben sind. Die Leute (alle Arbeiter der hiesigen Sowchose) waren gezwungen, aus altem Blech, aus Rasenstücken und allerlei altem Plunder Unterkünfte für ihr Vieh zu bauen, damit es im Winter nicht unter freiem Himmel stehen mußte. Aber damit nicht genug die Bauarbeiter selbst verschleppten das, was sie selber vor ein paar Tagen Installiert hatten (Badewannen, Rohrleitungen, Toiletteneinrichtungen und dergleichen) und verkauften es. Die meisten Deutschen dieses Dorfes sind der Meinung, daß sich der deutsche Staat umsonst solche Auslagen macht. Viele von diesen deutschen Neuwirten schauen sowieso nach Deutschland, hauptsächlich diejenigen, die schon Verwandte in Deutschland haben, obwohl für die Leute wirklich viel von dem deutschen Staat getan wird. Der VDA (Verein für das Deutschtum im Ausland) hat den Leuten in Stjepnoje einen Bus gekauft, damit die Kinder in die 7 km entfernte Schule gebracht werden können. (Es gibt im Dorf weder Busverbindung noch Telefon.) Es werden für die Deutschen Sprachkursen organisiert, wo sie unentgeltlich die deutsche Sprache erlernen können. Die Lehrer werden von dem VDA bezahlt. Es gibt einen deutschen Klub. In meiner Gegenwart kamen Vertreter des VDA aus Saratow, um mit den Einwohnern über den Bau eines Kindergartens zu beraten. Solche neue Dörfer, wo die Deutschen kompakt leben sollen, gibt es im Gebiet Saratow schon fünf.

       Ich habe mit meiner Wolgareise mein Ziel zum Teil erreicht, d.h. ich habe in den Archiven etwas über meine Vorfahren gefunden. Aber ich konnte mich auch davon überzeugen, wie verlottert die Archive sind. Das Archiv in Engels z.B., wo die meisten Archivakten über die Wolgadeutschen und deren Geschichte gelagert sind, hat sehr viele Bestände, die sich aber wegen Geldmangels in einem erbärmlichen Zustand befinden und nicht bearbeitet werden. Es gibt da wirklich viele Aktenbündel, deren Inhalt die Mitarbeiter des Archivs noch gar nicht kennen. Ich konnte mich auch davon überzeugen, daß ein gewöhnlicher Sterblicher, zumal ein Ausländer, nur mit großen Schwierigkeiten an die Archivbestände herankommt. Leichter haben es die einheimischen Gelehrten, die heute die Geschichte der Wolgadeutschen studieren (was jetzt sehr in Mode gekommen ist). Sie haben meist freien Zugang zu den Archiven und nutzen diese Möglichkeit zu kommerziellen Zwecken aus.

       Nach langem Suchen und Herumfragen konnte ich den Ort, wo vor dem Krieg mein Geburtsdorf war, ausfindig machen. Mit großer Mühe fand ich im Dorf Kirowskoje (vor dem Krieg war das das Dorf Kelke) ein Kasachenehepaar, das 1929 hier geboren war und bis heute hier lebt. Den Namen unseres Dorfes kannten sie nicht, aber, als ich ihnen den Namen des Kolchos Thälmann nannte, wußten sie sofort, worum es ging. Der Kolchos befand sich ungefähr 7 km von ihrem jetzigen Dorf. Sie erzählten viel, was mit unserem Dorf damals geschah (sowie auch mit allen anderen deutschen Dörfern): alles, was noch irgendwie brauchbar war, wurde verschleppt. Die Frau begleitete mich zu meinem ehemaligen Dorf. Mit einem sonderbaren Gefühl lief ich zwischen den Erdhügeln und kleinen Löchern herum, die von den ehemaligen Häusern geblieben waren. Und erst als ich zum Dorfteich kam (der auch heute noch mit seinem Damm existiert, weil hier Fischer ihr Gewerbe betreiben), erkannte ich das Dorf wieder. In diesem Teich haben wir Kinder damals, vor ca. 60 Jahren, zur Sommerzeit tagelang gebadet. Auch die Dorfherde hatte hier ihren Mittagsstand und ihre Tränke. Hinter dem Damm fand ich noch zwei große Weidenbüsche anstelle der zwei alten, großen Weidenbäume, die damals hier standen. An einem Ende des Dorfplatzes ist eine kleine Schaffarm, wo eine junge Kasachenfamilie haust. Aber die Farm gehört dem hiesigen Sowchos (heute heißt das Landwirtschaftliche Aktiengesellschaft). Die Kasachin führte mich zu dem alten Friedhof, wo man aber nur noch schwer einen Friedhof erkennen kann, außer zwei aus Eisen geschmiedeten Russenkreuzen aus der Nachkriegszeit. Ungefähr 500 m weiter sah man einen ziemlich großen, umzäunten und gut gepflegten moslemischen Friedhof. Das Gebiet Saratow grenzt ja an Kasachstan, und heute leben hier besonders viele Kasachen. Und die bringen ihre Toten von manchmal 100 km weit hierher zur Beerdigung. Der Kontrast zwischen diesen zwei Friedhöfen stimmte mich besonders traurig. Aber ich war dem alten Kasachenehepaar sehr, sehr dankbar, daß sie mich hierher gebracht hatten. Als Dank machte ich von ihnen ein Foto, das ich ihnen dann aus Deutschland zusandte. Es hatte in jenen Tagen viel geregnet, die Straßen waren sehr aufgeweicht, und wir kamen mit unserem Ford kaum durch den Matsch. Am nächsten Tag, als das Wetter etwas besser und die Straßen trockener waren, besuchte ich den Dorfplatz noch einmal, machte einige Fotos, unterhielt mich mit den jungen Kasachen, die mir aber natürlich nichts Näheres über das Dorf erzählen konnten, und verließ traurigen Herzens meinen Geburtsort. Es ist heute sehr schwer, den genauen Ort meines Dorfes auf der Karte ausfindig zu machen: erstens sind die Straßen von Ort zu Ort heute ganz anders verlegt. Zweitens gibt es sehr viele Dörfer jetzt überhaupt nicht mehr. Drittens waren nach unserer Aussiedlung alle Dörfer umbenannt worden. So daß nicht nur mein Dorf heute nicht mehr auffindbar ist. Aus der Geschichte der Wolgadeutschen wissen wir, daß im 18. Und 19. Jahrhundert, während der Überfälle der nomadisierenden halbwilden Kirgisen, einige deutsche Dörfer völlig zerstört und vernichtet wurden, daß Hunderte Deutschen dabei ermordet oder verschleppt wurden. Aber was war das gegen die Verschleppung und Vernichtung Hunderttausender Deutscher von den zivilisierten Machthabern mit Stalin an der Spitze während des 2. Weltkrieges, dessen Folgen auch heute noch spürbar sind! Damals blieben wenigstens die Namen der vernichteten Dörfer für die Geschichte erhalten, nach den Überfällen in den 40er Jahren sind auch die Namen nicht mehr übriggeblieben.

       Zum Schluß möchte ich unterstreichen, daß die Leute alle, sowohl die Deutschen als auch die Russen, mit denen ich in Berührung kam, sehr nett zu mir waren. Manchmal war mir ihre Zuvorkommenheit und Hilfsbereitschaft geradezu peinlich, und ich vermutete sogar, daß sie mich für eine ganz andere Person hielten. Alle klagten, und viele trauerten den alten, guten Zeiten unter den Sowjets nach. Natürlich war es damals nicht so gut, wie es jetzt schlecht ist. Da drängen sich unvermeidlich die Worte des russischen Dichters Nekrassow auf:

                                          Du bist ohnmächtig
                                          Und mächtig zugleich,
                                          du bist arm, und du bist reich,
                                          Mütterchen Rußland...

       Diese Worte, vor gut 150 Jahren geschrieben, gelten auch heute noch, oder, heute erst recht.

       Am meisten Ärger hatte ich während meines Aufenthaltes in meiner Heimatstadt mit der Miliz, besser gesagt, mit den Mitarbeitern der dortigen Paßabteilung. Die Vorschrift verlangt, daß ein jeglicher Fremder im Verlaufe von drei Tagen nach der Ankunft sein Visum bei der örtlichen Milizabteilung abmerken lassen muß. Mir gelang das erst am elften Tag meines Aufenthalts. 9mal musste ich laufen: 2 mal zum Dorfsowjet, 1 mal zur Bank und 6 mal zur Miliz, bis ich endlich den nötigen Vermerk in meinem Visum hatte. Die Paßbearbeiterin, eine robuste Dame in Leutnantsuniform, suchte mit allen Mitteln, mich und meinen Hauswirt, bei dem ich wohnte, zu erniedrigen, zu zeigen, wer hier der Herr im Haus ist. Und am Ende spielte sie noch den gnädigen Beamten, der uns unbestraft laufen läßt, obwohl ich den Vermerk so spät eingeholt hätte. Ich war, ob solcher Unverschämtheit bereit, eine Klage beim Gebietsgouverneur von Saratow einzureichen, aber mein Neffe bat mich, das nicht zu tun, denn ich fahre ja weg, aber er müsse hier bleiben, und diese Person könnte ihren Ärger an ihm auslassen. Und meine Klage hätte sowieso keine positiven Folgen. Die Niederträchtigkeit der Beamtin erklärte er damit, daß sie von mir eine Bestechung erwartet hätte, was hier auf Schritt und Tritt üblich sei. Ich mußte ihm in jeder Hinsicht recht geben.

       Endlich kam der Tag der Abreise. Am 9. Oktober 1996, um 5 Uhr morgens verließen mein Fahrer und ich mein Fahrer zu zweit mit dem Ford das Dorf Pawlowka. Die Schwägerin hatte noch zu tun. Sie mußte die Papiere ihrer Mutter fertigmachen, damit die 90jährige Frau mit der Tochter nach Deutschland fahren konnte. Als wir schon diesseits der Wolga waren und auch Saratow schon hinter uns hatten, mußte ich unwillkürlich an die Worte des russischen Dichters Michail Lermontow denken, die er niederschrieb, als er 1837 nach dem Kaukasus verschickt wurde:

                                          Leb wohl, du ungewaschenes Rußland,
                                          du Land der Sklaven und der Herrn,
                                          leb wohl denn, Bückling, Kniefall, Kußhand,
                                          Dreimaster, Uniform und Stern.

       Nach 62 Stunden Fahrt, mit ganz kurzen Unterbrechungen, wenn mein Fahrer nicht mehr konnte, kamen wir am 11. Oktober 1996 um 5 Uhr nachmittags heil und gesund und fast ungeschoren zu Hause in Horn an. Als wir die polnisch-deutsche Grenze glücklich passiert hatten, und die deutschen Grenzposten, die unsere deutschen Pässe hinter der Windschutzscheibe und das deutsche Nummernschild an unserem alten Ford sahen, uns wohlwollend (so schien es uns jedenfalls) mit der Hand winkten: Weiterfahren!, da waren wir geradezu stolz, fühlten uns als waschechte Deutsche und sehr glücklich.






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