In der neuen Heimat


       Wir lebten bei der Schwägerin vom 8. Februar 1990 bis den 1. Juli in Leopoldstal, 3 km von Horn, dem Verwaltungszentrum der Stadt. Wir hatten aber schon eine Wohnung bei der Wohnungsbaugesellschaft in Horn beantragt. Es war damals sehr schwierig mit Wohnungen. Aber durch Zufall bot man uns zum 1. Juli eine Dachwohnung mit zwei ganz kleinen Zimmerchen und noch kleinerer Küche, sowie auch Badezimmer an. Mir gefiel das nicht (es war alles zu klein, wir konnten unser Gepäck, das inzwischen angekommen war, nicht mal richtig unterbringen), aber wir hatten keine andere Auswahl. Bis zur Zeit unseres Umzugs hatte ich auch den Papierkram erledigt. Dazu mußte ich fast jeden Tag von Leopoldstal nach Horn laufen oder zur Kreisstadt Detmold fahren. Wir hatten mit unserer übereilten Absage vom Lager Unna-Massen einen großen Fehler gemacht. Wir hatten ja den Staat durch diese Absage von einer organisierten Unterbringung unserer Familie befreit und alle Strapazen auf uns genommen. So kam es, daß das, was man im Lager in zwei Wochen erledigen konnte, jetzt Monate, ja Jahre lang dauerte. Wir hatten auch noch kein Auto und waren bei den vielen Laufwegen immer auf fremde Leute angewiesen. Mein Schwager hatte ja ein Auto, aber die fuhren jeden Tag nach Detmold zum Sprachkurs. Ich hätte ja auch schon so ein altes Auto kaufen können, aber ich hatte einfach Angst vor dem Fahren. Ich hatte zwar in den letzten Monaten in Frunse eine Fahrschule absolviert und einen Führerschein erhalten, aber richtig fahren mußte ich erst noch lernen, zumal hier, in einem fremden Land, wo aber auch alles ringsum fremd und anders war als in der Sowjetunion. Es war sehr schwer, sich hier in dem Straßennetz zurechtzufinden, obwohl ich lesen konnte und die Sprache verstand. Ein Auto kaufte ich erst ganz am Ende von 1990, da ich endlich verstand, daß ich ohne eigenes Auto nie fahren lernen würde. Aber das Jahr ohne Auto war doch nicht ganz verloren. Ich saß immer neben meinem Schwager als Steuermann. Wir hatten uns die Rollen geteilt er hatte die Verantwortung für das Auto, ich für die Straße und die Verkehrsregeln. So daß ich mich nach einem Jahr darin besser zurechtfand als der Schwager. Aber ich hätte kein Auto lenken können, das habe ich erst gelernt, als ich mein eigenes hatte. Die Autos sind ja hier auch ganz anders als die, womit ich in Kirgisien gelernt hatte.

       Ich hatte vom Anfang an alle Hände voll zu tun: Wir mußten uns überall anmelden, wir bekamen jeden Tag Briefe vom Arbeitsamt, vom Sozialamt, es mußte ein Haufen Formulare ausgefüllt und Dutzende Anträge gestellt werden, es gab sehr viel zu laufen. Es war gut, daß unsere Verwandten und Bekannten in der Nähe wohnten und uns aushalfen, wo sie nur konnten.

       Auch materiell wurden wir sehr unterstützt. Ich hatte hier in Deutschland viele hiesige Bekannte, mit denen ich schon seit Frunse Briefwechsel unterhielt. Ein bekannter Apotheker aus Hannover brachte uns schon in den ersten Tagen 200 DM ins Lager, sowie auch einen halben Kofferraum Lebensmittel, an denen es uns auch so nicht mangelte. Dr. Lindner aus Bad Godesberg schickte uns in einem Umschlag 300 DM. Das Professorenehepaar Dörr aus Gronau-Oberstenfeld überführte auf unser Konto ein ganzes Jahr lang monatlich 200 DM. Meine ehemalige Lehrerin und Kollegin Frau Theresa Schilke besuchte uns und übergab uns 200 DM und einen ganzen Sack Kleidung und Bettwäsche. Sehr viel Unterstützung bekamen wir von unseren Freunden Gerlinde und Helmut Stamm aus Ilvesheim bei Mannheim. Auch von der Bevölkerung aus dem Ort erhielten wir sehr viele noch gute Sachen. Damals waren die hiesigen Deutschen der Aussiedler noch nicht so überdrüssig wie heute, und das Leben war auch überhaupt noch leichter. Wir sind all den oben genannten Leuten und auch den vielen anderen, die uns in der ersten schweren Zeit mithalfen, sehr, sehr dankbar.

       Das erste Jahr erhielten wir vom Arbeitsamt zu zweit 1920 DM monatlich Eingliederungsgeld; dann ein halbes Jahr 1600 DM Arbeitslosenhilfe. Seit ich vom 1. Juli 1991 meine Rente bekam (1800 DM), erhielt Pauline weiter keine Unterstützung mehr. Uns reichte meine Rente vollauf. Während all der Jahre, die wir in Deutschland sind, halfen und helfen wir unseren Verwandten in Kirgisien und Rußland mit Paketen und auch mit Geld.

       Natürlich ging nicht alles glatt bei uns mit dem Leben in Deutschland. Es gab auch sehr viel Ärger und Kummer, zum Teil durch unsere Unwissenheit, zum Teil aber auch ohne unsere Schuld. Es gab Probleme mit der Verkehrspolizei, mit Rechtsanwälten, wir wurden auch von Gaunern übers Ohr gehauen und müssen auch jetzt noch oft hören, daß wir den hiesigen Steuerzahlern auf der Tasche liegen, den hiesigen Arbeitern die Arbeitsplätze wegnehmen, schuld sind an den leeren Rentenkassen. Aber das alles wäre schon ein Thema für sich.

       Wie paradox das sich auch anhört, aber ich hatte in den ersten Monaten große Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache. Erstens höre ich schwer, zweitens fiel es mir schwer, mich an die hiesige unartikulierte Aussprache zu gewöhnen. Ich hatte im Herbst 1990 in Volk auf dem Weg einen Artikel geschrieben über die nachlässige Handhabung der deutschen Sprache von Seiten der hiesigen Beamten, Politiker und Journalisten, sowie auch Schauspieler und mancher Moderatoren von all denjenigen, die berufen sind, die deutsche Sprache zu pflegen und ein gepflegtes Deutsch in die Massen zu bringen. Das brachte mir nur noch mehr Ärger und einen Haufen Feinde, obwohl einzelne Personen auch mit mir einverstanden waren.

       Sprachkurse hatte man uns nicht zugestanden, als wir nach Deutschland kamen wir wären im Rentenalter und benötigten diese Kurse nicht. Ich persönlich hätte dort wirklich nichts lernen können hinsichtlich der Sprache. Aber ich hätte mehr Kontakte gehabt zu den Menschen, und das hätte mir auch nicht geschadet, auch meine Frau hätte sie ganz gut gebrauchen können. Na ja, ich kann aber auch die Behörden verstehen.

       Ich hatte mir schon im März 1990 eine inoffizielle Beschäftigung gesucht. Ich half bei einer Übersetzerin mit, denn ich beherrschte ja die beiden Sprachen Deutsch und Russisch. Da in jenen Jahren sehr viele Aussiedler aus der Sowjetunion kamen, gab es auch viel Arbeit. Ich lernte bei dieser Beschäftigung viel und verdiente auch noch etwas Geld, so daß wir mit unserem Eingliederungsgeld vom Arbeitsamt und dem bißchen, was ich noch hinzuverdiente, gut auskamen. Außerdem arbeitete meine Frau noch 3 Stunden in der Woche als Putzfrau und bekam auch jedesmal 30 DM. Wir hatten schon im ersten Jahr einige kleine Pakete an unsere Kinder in Frunse geschickt, wo es damals sehr ärmlich zuging, auch Geld schafften wir manchmal hin.

       Nachdem ich mich hier umgesehen hatte, schrieb ich unserem Sohn, er solle, wenn sie auch nach Deutschland ziehen wollten, mir die notwendigen Unterlagen zuschicken. Aber durch ihre Uneinigkeit im Familienleben zogen sie die Sache sehr lange hin. Und auch in Deutschland zog sich die Bearbeitung der Dokumente immer länger hinaus. Dann kam auch noch das Gesetz hinzu, daß nur rund 200 000 Aussiedler jährlich aufgenommen werden sollten. (Deutschland war zu jener Zeit schon so ziemlich voll, und die Staatskassen leer.) So kamen der Sohn und seine Familie mit großen Schwierigkeiten erst im September 1993 hier an. Meine Schwester Lili und Schwager August hatten ihre Dokumente uns schon mitgegeben, sowie auch Paulines jüngste Schwester Anja mit ihrer Familie. Beide Familien trafen im Sommer 1991 hier ein. Später kamen auch mein Bruder Sascha mit seiner jüngsten Tochter, auch die Schwester Lea mit ihrer Tochter und deren Familie. Paulines Verwandte übersiedelten auch alle Anfang der 90er Jahre nach Deutschland. Von mir ist nur noch der Bruder Richard im Fernen Osten, im Primorski Krai, sowie die Kinder von Sascha und Lea leben noch im Gebiet Saratow und in der Altai-Region.

       Wir leben jetzt schon fast 8 Jahre in Deutschland. Da gab es auch schon erwähnenswerte Ereignisse. Über einige von ihnen möchte ich hier noch berichten.

       Im ersten Jahr arbeitete ich viel an Übersetzungen, und hatte eine umfangreiche Korrespondenz. Ich veröffentlichte auch einige Artikel in Zeitungen und notierte einzelne Episoden aus meinen Lebenserinnerungen. Die schickte ich nach Frunse, wo sie in der Zeitung der Deutschen Kirgisstans veröffentlicht wurden. Das sind: Wie das geschah, Wie es war, Aus der Sicht von innen). Ich fuhr ungefähr 8mal nach Bochum, wo ich mit verschiedenen Vorlesungen vor der dortigen Ortsgruppe der Landsmannschaft der Deutschen aus Rußland auftrat. Mehrere Male war ich als Vertreter der Landsmannschaft auf verschiedenen Konferenzen des Bundes der Vertriebenen, aber die Einstellung der dortigen Redner gefiel mir nicht: sie hatten eine meiner Meinung nach zu nationalistische Färbung, und ich blieb weiterhin fern. Einmal hatte ich eine dreistündige Unterhaltung mit Aussiedlerbetreuern. Zweimal trat ich in Kirchen mit Berichten über das Leben und die Geschichte der Rußlanddeutschen auf.

       Das erste Mal machte ich hier in Deutschland den Versuch, eine Familienforschung zu beginnen, schon im Jahre 1990. Aus Telefonbüchern erfuhr ich, daß es in Deutschland viele Familien mit dem Namen Herber gibt. Auf meine Anfrage bei einem Bekannten in München hatte ich von ihm 2 Anschriften von Herbern bekommen, die sich bereit erklärt hatten, mit mir über Familienforschung zu korrespondieren. Ich schrieb an die beiden Adressen, erhielt aber keine Antwort. Die Leute dachten doch gewiß, ich wollte was von ihnen. Diese Reaktionen auf meine Briefe hatten mir für längere Zeit den Mut genommen, mich noch einmal an jemanden mit einer derartigen Bitte zu wenden.

       Im Herbst 1994 war ich in dem Städtchen Reiskirchen bei Gießen bei meinen ehemaligen Studenten Waldemar und Nelly Haun zu Besuch. Dort lernte ich Kurt und Petra Herber kennen, ein sehr nettes und menschenfreundliches Ehepaar mit einem sehr großen Interessenbereich. Er ist Ingenieur von Beruf, ehrenamtlicher Vorsitzender des örtlichen Heimatkundlichen Vereins und beschäftigt sich viel mit der Geschichte seines Heimatortes. Das Ehepaar zieht vier adoptierte Kinder groß. Sie sind die ersten von den hiesigen Herbern, die mir und meinem Bestreben Verständnis entgegen gebracht haben. Sie haben mir sehr viel geholfen mit Rat und Tat. Dank der Initiative von Kurt habe ich zweimal vor den Mitgliedern ihres Vereins Vorträge über die Geschichte der Rußlanddeutschen, über Kirgisien und über meine Reise an die Wolga 1996 gehalten. Außerdem haben sie in einem Heft ihrer Schriftenreihe meine Erinnerungen und meine Beiträge zur Geschichte der Rußlanddeutschen veröffentlicht.

       Mit dieser Familie unterhalte ich auch jetzt noch freundschaftliche Kontakte und bin ihr für die Unterstützung sehr, sehr dankbar.

       Das Jahr 1994 war für uns überhaupt ein ereignisvolles Jahr. Leider waren es nicht nur freudige Ereignisse, es gab auch traurige und sogar tragische. Im Frühjahr 1994 kam mein Bruder Sascha mit seiner Familie nach Deutschland. Man wollte sie anfänglich in eins der neuen Bundesländer schicken, doch dann schickte man sie auf ihre Bitte hin nach Bayern, ganz an die österreichische Grenze. Am 7. Mai wollten ich und Pauline sie dort besuchen. Wir fuhren mit meinem neuen Auto. Wir waren schon hinter Würzburg auf der Autobahn, als ich einen LKW überholen wollte. Plötzlich tauchte vor meiner Motorhaube ein roter PKW auf, der mich von rechts überholt hatte. Ich erschrak, riß das Lenkrad nach links und bremste, aber das Auto kam ins Schleudern, rammte einige Leitplanken, machte eine Wendung von 180 und blieb endlich stehen. Wir erlitten beide einen schrecklichen Schock, waren mit Dosen, Flaschen und Gepäckstücken überhäuft. Aber, Gott sei Dank, wir blieben heil und gesund. Der eigentliche Urheber war über alle Berge. Keiner hatte richtig gesehen, was für ein Auto das war. Wir waren wieder die Letzten, die, wie bekannt, von den Hunden gebissen werden. Wir zahlten der Polizei 75 DM für ihren Einsatz, hatten ein total zerschlagenes, fast noch neues Auto, das erst 21 000 km auf dem Tachometer hatte, und wurden die 450 km nach Hause geschleppt. Sämtlichen Schaden, den ich mit dem Auto angerichtet hatte, zahlte die Versicherung, nur meinen nicht das Auto war nicht versichert. Wir wurden lange Zeit den Schock nicht los. Aber ohne Auto ist es in Deutschland kein Leben. Ich verkaufte das Wrack für 6000 DM, nahm unsere Beerdigungsgelder aus der Sparkasse und kaufte ein neues Auto.

       Am 1. November 1994 zogen wir um in unsere neue, aber teure Privatwohnung.

       Schon im Frühjahr 1993 hatten ich und Pauline eine Gastreise nach Frunse unternommen. Von dieser Reise blieb mir auch keine gute Erinnerung. Außer den zerstörten und schmutzigen Straßen, den demolierten Telefonzellen, den überfüllten alten Bussen und Trolleybussen und der allgemeinen Armut unter den Leuten, hauptsächlich den Rentnern, was alles ein sehr bedrückendes Gefühl hervorrief, kam auch noch die Angst vor der Kriminalität hinzu. Die seitenlangen Mitteilungen der Miliz darüber in den Zeitungen steigerten die Angst noch mehr. (Es war vielleicht doch gar nicht so verkehrt, wenn früher, zu den Sowjetzeiten, das alles geheimgehalten wurde?) Als wir wieder in Deutschland waren und im Zug Berlin-Bielefeld saßen, waren wir wirklich sehr glücklich.

       Pauline flog 1994 noch einmal nach Frunse: sie wollte mit aller Gewalt unseren kleinen Urenkel sehen. Ich war seitdem noch nicht wieder in Kirgisien.

       Außer den vielen Reisen durch Deutschland, die ich alle zum Zweck der Familienforschung unternahm, reiste ich schon dreimal an die Wolga, in das Gebiet Saratow. Das erste Mal im Herbst 1996. Im Folgenden wird diese Reise kurz beschrieben.






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© DIE GESCHICHTE DER WOLGADEUTSCHEN.