Endlich in Deutschland


       Der Flug verlief gut, und wir landeten am 15. Januar 1990 um 21 Uhr örtlicher Zeit in Frankfurt am Main. Dank der sehr milden Winter der letzten Jahre in Deutschland empfangen einen die deutschen Flughäfen auch im Winter gewöhnlich mit üppigem Grün und Blumen. Ich konnte es gar nicht fassen, daß ich nach 30-gradigem Frost in Moskau auf einem Flughafen mit blühenden Magnolien landete, und daß das Frankfurt sein sollte und nicht irgendwo im Süden war. Dort wurden wir von einem Vertreter des Roten Kreuzes empfangen und in einen ziemlich großen Raum geführt. Da warteten noch andere Aussiedler, die vor einer halben Stunde mit einer sowjetischen Maschine von Moskau hier angekommen waren. Wir waren jetzt insgesamt 150 Personen. Unser Begleiter, der eher einem Hippie ähnelte, erklärte uns etwas, ohne seinen Kaugummi aus dem Mund zu nehmen, dann führte er uns zur Grenzkontrolle, zum Zoll und dann zur Gepäckausgabe. Dort herrschte ein ziemliches Chaos. Mir gelang es, einen Gepäckkarren zu ergattern, so daß wir das Gepäck nicht zu schleppen brauchten. Es ging aus dem Flughafengebäude hinaus zu den Bussen. Es waren zwei Doppeldeckbusse und ein gewöhnlicher. Als wir die Koffer verstaut hatten, stiegen wir in den kleineren Bus und setzten uns ganz vorn beim Fahrer hin. Es war ein junger Bursche, er sprach sehr gut Deutsch, aber irgendetwas stimmte nicht ganz. Ich fragte ihn, wo er geboren wäre. Er lachte und sagte: In Karaganda. Als Sprachlehrer merkt man so etwas sofort.

       Wir fuhren fast die ganze Nacht in Richtung Hamburg. Als ich erfuhr, daß man uns nach Lüneburg bringt, und auch noch in Kasernen, da war ich ziemlich enttäuscht, zum Glück zu Unrecht. Ich unterhielt unterwegs unseren Fahrer mit Gesprächen, damit er nicht einschliefe. Er hatte in seinem Vorratsraum so 100 Dosen Fanta und Koka-Cola, die uns nach dem üppigen Abendessen im Flugzeug sehr zugute kamen.

       Am 16. Januar 1990 um 5 Uhr morgens kamen wir in der Theodor-Körner-Kaserne hinter Lüneburg an. Man brachte uns direkt zur Kantine. Hier wurden wir von einigen Soldaten und Offizieren empfangen. Man lud uns ein, erst mal zu frühstücken. Nach dem Frühstück wandte sich ein Oberstleutnant an die Versammelten mit einer Begrüßungsrede, die aus deutsch-polnisch-russischem Wortschatz bestand mit der entsprechenden Grammatik. Ich fragte ihn, in welcher Sprache er gesprochen habe, ob in polnischer. Er sagte lachend: Ich weiß es nicht, vielleicht.

       Nach dem Frühstück wurden die 150 Ankömmlinge in zwei Kasernen untergebracht. Das Essen für die Leute wurde aus der Soldatenküche direkt in unsere Kasernen gebracht und da ausgeteilt. Tag und Nacht standen Speisen auf dem Tisch im Korridor, jeder konnte frei hingehen und nehmen und essen, wann er wollte. Wir sollten uns hier einen Monat lang erholen, so lange in den Lagern kein Platz war. Ich war täglich sehr beansprucht, denn ich arbeitete als Dolmetscher. Nach 1 Woche mußten die Leute ins Lager gebracht werden. Die guten Vorsätze der Offiziere scheiterten an der medizinischen Betreuung. Wir wurden ja von den Militärärzten betreut, aber unter denen gab es keine Spezialisten für Frauen- und Kinderkrankheiten. Die meisten Kranken waren aber unter diesen Gruppen. So mußten die Aussiedler schon nach einer Woche ins Lager gebracht werden. Es blieben nur 3 Familien zurück, in denen Schwerkranke waren. Und da man ohne Dolmetscher nicht auskommen konnte, und ich und Pauline uns erkältet hatten und stark an Husten litten, schrieb man uns kurzerhand auch krank und behielt uns noch eine Woche da, bis die Kranken transportfähig waren. Am 1. Februar 1990 brachte man uns in das Lager von Bramsche. Die zwei Wochen in der Kaserne waren meine besten Tage in Deutschland ich fühlte, daß ich noch gebraucht wurde und war glücklich.

       Im Grenzdurchgangslager Bramsche (20 km von Osnabrück am nördlichen Ende des Teutoburger Waldes) waren wir nur 1 Woche. Aber diese sieben Tage haben auf mich keinen guten Eindruck gemacht, zumal das Lager erst im Aufbau war. Früher war das eine belgische Kaserne. Dazu kam, daß das Lager gepfropft voll war. Ungefähr 20% der Aussiedler waren aus der Sowjetunion, die übrigen aus Polen, Rumänien und der DDR. Unsere Leute fühlten sich da besonders niedergedrückt, denn wir waren nicht so an die Freiheit gewöhnt wie die übrigen Aussiedler, die aus westlicheren Gebieten kamen und mit der hiesigen Ordnung vertraut waren. Die ältere Generation der Rußlanddeutschen wird doch wohl eine gewisse Scheu nicht mehr los. Der Stempel des Krieges, der Trudarmee und der Kommandantur läßt sich so leicht nicht abwaschen.

       Am 8. Februar 1990 waren wir mit der Registrierung in Bramsche fertig, und man brachte uns weiter. Vor der Abfahrt trafen wir noch zufällig Jura Beiz, Zacharias Neffen. Er übergab mir meinen Führerschein, den ich in Frunse in der Eile nicht mehr erhalten konnte. Von hier hätten wir eigentlich nach Unna-Massen gebracht werden müssen, aber da dieses Lager schon überfüllt war, kamen wir in ein Nebenlager nach Geseke. Hier sollten wir jetzt bleiben, bis wir vollständig registriert wären, und bis wir zum Ort unseres ständigen Wohnsitzes fahren konnten. Hier hatte man uns (jedenfalls für die erste Nacht) in ein Zimmer mit 10 Betten eingewiesen. Wir sollten die obersten Plätze der letzten zwei zweistöckigen Betten belegen. In dem Zimmer wohnten 8 erwachsene polnische Aussiedler mit einem kleinen Brustkind. Das Kind schrie dauernd, denn es bekam in dem verrauchten Zimmer keine Luft, alle 8 Erwachsenen rauchten ununterbrochen (auch die Frauen, die Mutter des Kindes nicht ausgenommen). Ich konnte es in diesem Rauch und Gestank nicht aushalten und wollte ein Fenster öffnen. Aber da schrie die Großmutter des Kindes, daß sich das Baby erkältet. Ich antwortete ihr, daß es eher erstickt.

       Nach Bramsche hatte ich vom Lagerleben die Nase voll. Zu allem Unglück hatte ich dort auch noch mein Notizbuch mit allen Telefonnummern und Adressen in Deutschland in einer Telefonzelle liegenlassen und nicht mehr bekommen. Es war ein Glück, daß ich Lilis Telefon auf einem Zettelchen in der Tasche hatte. Ich kam mir vor wie Robinson Crusoe auf der unbewohnten Insel. Ich wollte weder nach Unna-Massen, noch in ein anderes Lager. Ich hatte meinen Entschluß schon gefaßt: wir wollten heute noch fort von hier, zur Schwägerin. Ich ging ans Telefon und rief Lili und Zacharias, ihren Mann, an, und bat sie, uns von hier abzuholen. Sie kamen auch gegen Abend, als sie von den Sprachkursen nach Hause kamen. Spät Abends kamen wir an unserem neuen Wohnort an. Wir wurden mit einem schmackhaften Abendessen empfangen, an dem auch die Hauswirte, Frau und Herr Christmann, teilnahmen. Herr Christmann hatte sogar als Begrüßungstrunk, wie er sagte, eine Flasche Wein spendiert.

       Ich bestand darauf, daß man uns zu meiner Schwägerin entließ. Die hatten schon bei Herrn Christmann eine Privatwohnung gemietet und für uns ein kleines Zimmerchen für die erste Zeit reserviert. Das war in Leopoldstal (ein Ortsteil von Horn-Bad Meinberg, der Stadt, wo wir auch heute noch leben 15 km von Detmold, unserer Kreisstadt entfernt), am südöstlichen Ende des Teutoburger Waldes (einem bewaldeten Gebirgszug). Eine wunderschöne Gegend mit vielen Kurorten, der Winter sehr mild und schneearm, der Sommer kühl und regnerisch. Zweimal fuhr ich noch nach Geseke, um die wichtigsten Angelegenheiten zu erledigen und eine Einweisung in unsere Stadt Horn-Bad Meinberg zu bekommen.






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