Nach Deutschland


       Als Anfang der 70er Jahre weitläufige Verwandte von mir nach Deutschland ausreisten, begannen meine Träume Gestalt anzunehmen.  Ich sammelte in aller Stille die notwendigen Dokumente und schickte sie auf Umwegen nach Deutschland zu meinen Nichten Ella Rosenfeld und Katja Hübert.   1974 erhielt ich mit Freude und Bangen eine Anforderung und die Einreiseerlaubnis aus Deutschland.  Unter großer Angst und großer Geheimhaltung begann ich jetzt die Vorbereitung der Papiere für die Auslandspaßstelle.  Ich und meine Frau (wir lebten ja nur zu zweit) mußten von jedem Verwandten 1. Grades (von den Eltern, den Kindern und den Geschwistern) eine eigenhändig geschriebene und unterzeichnete Zustimmung zu unserer Ausreise vorlegen.  Die mußte ich mit großen Schwierigkeiten aus den verschiedensten Regionen der großen Sowjetunion zusammenholen.  Da gab es Kopfschütteln, Tränen und auch Vorwürfe.  Aber Absagen erhielten wir von keinem.  Aber das Schlimmste stand mir noch bevor: im Falle einer Genehmigung von der Auslandspaßstelle – die Erklärungen und Auseinandersetzungen mit meinem Kollektiv und meinen Vorgesetzten an der Universität.  Diejenigen, die zu jener Zeit eine Ausreise aus der Sowjetunion nach Deutschland erwirkt hatten, mußten in den Belegschafts- und Gewerkschaftsversammlungen alle Kreise der Hölle durchlaufen.  Da gab es Schmähungen und Beschimpfungen, Unverständnis und Drohungen, die Ausreisewilligen wurden als Verräter abgestempelt. Ein guter Arbeiter, der jahrzehntelang einer der besten Arbeiter des Kollektivs war, von allen geachtet und geehrt, Dutzende mal ausgezeichnet worden war mit Staatsorden für gute, gewissenhafte Arbeit, wurde im Handumdrehen ein Landesverräter, ein Volksfeind, ein Verbrecher, ein heimlicher Faschist, der gewöhnlich seine Arbeit verlor und in Bann und Acht geriet.  Vor dieser Prozedur hatte ich die größte Angst. Es kam vor, daß ein Mensch nach solch einem Verfahren bis zum Selbstmord getrieben wurde.  Ich glaube, ich wäre auch einer von letzteren geworden.  Denn ich hatte mir immer eingeflößt: was einem einfachen Arbeiter oder Kolchosbauern verziehen wird, wird man mir nicht verzeihen.  Doch das Schicksal hatte diesmal Erbarmen mit mir.

       Als ich alle Papiere zusammen hatte, gab man mir in der Paßstelle nur widerwillig auf mein hartnäckiges Drängen die Vordrucke für einen Ausreiseantrag.  Nachdem ich alles ausgefüllt und abgegeben hatte, verging ein halbes Jahr, bis man uns mit zwei Zeilen benachrichtigte, daß unser Antrag um Ausreise abgelehnt sei, weil wir in der BRD keine Verwandten 1. Grades hätten.  Ich versuchte danach 2mal, beim Chef der Auslandspaßstelle (OVIR)  vorzusprechen – vergebens.  Dort waren immer so viele Menschen mit irgendwelchen Fragen, daß man da nie an die Reihe kam.  Da erklärte mir einmal ein „Leidensgenosse“, wenn ich doch schon eine Anforderung (Wysow) aus Deutschland hätte, sollte ich mich an die deutsche Botschaft in Moskau wenden, die würden mir diese Anforderungen im Handumdrehen von der Nichte auf die Cousine umschreiben, die im Russischen auch „Schwester“ lautet.  Ich wollte nichts unversucht lassen und schrieb an die deutsche Botschaft in Moskau.  Ich bat, meine Anforderung zu korrigieren.  Die Antwort war negativ. Man schrieb mir, dafür wäre allein das Innenministerium der UdSSR (Sowjetunion) zuständig und fügte noch eine ganze Seite Erklärungen hinzu.  Kurz danach wurde ich zu unserem Dekan Vitali Michailowitsch Karpow gerufen.  Er erklärte mir in aller Ruhe und ganz wohlwollend, wie mir schien, er wisse alles, er verstehe mich ganz gut, er könne mir aber nicht helfen. Er wolle mir aber einen guten Rat geben.  Er erklärte mir, ich käme sowieso nicht an gegen die staatliche Obrigkeit.  Deshalb solle ich doch seinem Rat folgen, mich ruhig verhalten und meinem Ansehen und meiner Arbeit nicht selber schaden.  Anderenfalls müßten wir uns trennen (das heißt, er müßte mich entlassen, an Formulierungen fehlte es da nicht),  und er möchte mich als gute Lehrkraft nicht verlieren.  Ich kam mir vor wie ein kleiner Schuljunge, den man bei einem unschönen Vergehen erwischt hat.  Ich sagte ihm, daß ich schon selbst alles eingesehen hätte und würde weder ihm noch mir weitere Schwierigkeiten bereiten.  Ich muß rot gewesen sein im Gesicht wie ein gekochter Krebs, so brannte es mir, als ich das Kabinett des Dekans verließ.

       Ich arbeitete noch einige Jahre weiter, immer mit der Angst, daß man mir mal mein „Vergehen“ unter die Nase reiben würde. Eines Tages wurden so ungefähr 50 Mann, Deutschlehrer aus der Universität und anderen Hochschulen, Personalleiter verschiedener Betriebe u.a. zur Bezirksparteisekretärin unseres Stadtbezirks eingeladen.  Die Parteisekretärin machte eine "Lageerklärung“, in der sie mitteilte, daß  in den letzten zwei Jahren in der Republik sich eine Auswanderungswelle spürbar macht.  Es wandern Juden aus, Armenier, aber das Schlimmste sei, daß immer mehr Deutsche in die Bundesrepublik ausreisen.  Daß Juden und Armenier ausreisen wollten, das beunruhigte sie nicht so sehr.  Aber die Ausreise der Deutschen wirke sich besonders negativ auf die Wirtschaft Kirgisiens aus.  Es müsse was unternommen werden, um den Ausreisedrang der Deutschen entgegenzuwirken.  Es wurden Dreiergruppen gebildet, die unter die Deutschen gehen sollten, in die Betriebe, Kolchose,  sogar in die Wohnungen der Leute, und sie dazu bewegen, ihre Auswanderungspläne aufzugeben.  Und da hatte man es ausgerechnet auf mich abgesehen.  Ich rätselte lange herum, ob das mit Absicht geschah oder Zufall war. Am Anfang der Rede der Parteichefin hatte ich Angst, daß sie jeden Augenblick auch meinen Namen nennen würde.  Natürlich dachte ich nicht im Geringsten daran, solche Agitation unter meinen Landsleuten zu treiben.  Aber ich hatte Angst, in die Universität zurückzukehren.  Ich mußte doch jetzt Farbe bekennen.  Am nächsten Tag traf ich unseren Universitätsparteisekretär und sagte ihm, was man mit mir vorhatte.  Der fragte mich geradeheraus: „Und Sie lehnen das ab?“  Ich antwortete: „Ich kann Ihnen eine Vorlesung vorbereiten und halten zu einem gegebenen Thema. Aber ich bin kein Agitator.“  Er zuckte mit den Schultern und ließ mich stehen.

       Ich unterhielt weiter Briefwechsel mit Kollegen und Verwandten  aus der Bundesrepublik und versuchte jetzt,  eine Urlaubsreise zu meinen Verwandten in der BRD zu erwirken.  Im OWIR (Auslandspaßstelle) erklärte man mir, daß ich allein einen Antrag stellen dürfe, meine Frau könne ein anderes Mal, nach meiner Rückkehr,  einen Antrag stellen.  Das politische Klima hatte sich inzwischen etwas verbessert und ich erhielt im Jahre 1978 eine Einladung von der Tochter meiner Kusine  Katja Hübert für eine Gastreise in die Bundesrepublik.  Die Administration der Universität und der Parteisekretär der Fakultät setzten sich für mich ein, weil ich als Lehrer für Landeskunde eine solche Reise notwendig brauchte.  Ich wurde in das Parteibüro der Universität eingeladen zu einem Gespräch, denn die mußten meine Charakteristik, die mir das Dekanat und die Parteiorganisation der Fakultät für Fremdsprachen ausgestellt hatten, bestätigen.  Die  Büromitglieder saßen am Tisch, an dessen Ende der mir bekannte Parteisekretär  Dshussajew thronte, und ich stand wie ein Schüler an einer Wandtafel.  Ich mußte verschiedene Fragen beantworten.  Einer fragte  z.B.,  ob ich auch wüßte, wie ich mich in einem kapitalistischen Ausland zu verhalten habe.  Ich antwortete, daß ich schon 14 Jahre an der Universität tätig sei und wüßte, wie ich mich verhalten müsse.  Der Mann spürte wahrscheinlich im Ton meiner Antwort etwas wie Unzufriedenheit und sagte:  „Ich wollte sie nicht beleidigen, aber  nicht alle, die dorthin geschickt werden, wissen es.“  Ich antwortete ihm noch einmal: „Sie können beruhigt sein, ich weiß es.“  Dann fragte jemand, wer mich dort hin schicke und zu welchem Zweck.  Darauf antwortete, der Parteisekretär, daß ich auf  Einladung von Verwandten eine Urlaubsreise in die BRD mache, daß mich keiner geschickt habe und fragte dann,  wer dafür sei, daß das Parteibüro meine Charakteristik vom Dekanat  bestätige.  Alle saßen und schwiegen, da lächelte der Parteisekretär und hob als erster die Hand, darauf flogen alle Hände in die Höhe.  Meine Charakteristik, die der Auslandpaßstelle (OWIR)  vorgelegt werden mußte, war bestätigt.  Jetzt mußte ich selbst im OWIR  erscheinen, um meinen  Reisepaß zu holen.  Dort fragte man mich kurz, ob es stimme, daß ich 1975 eine Antrag gestellt hätte, um in die Bundesrepublik  Deutschland zur ständigen Wohnsitznahme  auszureisen.  Ich bejahte es.  Dann legte man mir ein Papier vor und sagte: „Lesen Sie das durch und unterschreiben Sie.“  In dem Papier stand, daß ich mich verpflichte,  in Deutschland keinerlei Anträge zur Einreise zu stellen, an keinerlei  Demonstrationen teilzunehmen und rechtzeitig in die Sowjetunion zurückzukehren.  Ich unterschrieb und konnte gehen.

       Von Frunse bis Moskau flog ich mit dem Flugzeug, das war schneller und günstiger als mit dem Zug.  Auf Empfehlung von einem meiner Kollegen aus Frunse nahm mich in Moskau ein Verwandter dieses Kollegen für ein paar Tage bei sich in seiner Wohnung auf.  Ich hatte ja noch kein Visum für Deutschland, das ich erst in der deutschen Botschaft besorgen mußte.  Als das erledigt war, mußte ich erst eine Fahrkarte von Moskau nach Deutschland lösen, was ja ohne Probleme machbar war, aber der Zug nach und durch Deutschland verkehrte nur zweimal in der Woche, so daß ich insgesamt 5 Tage bei den Leuten wohnen mußte. 

       Endlich war es soweit, ich stieg am Weißrussischen Bahnhof in Moskau in den Zug  Moskau-Amsterdam (ich mußte nach Köln) in ein zweiplätziges Abteil.  Meine Nachbarin war ein 16-jähriges Mädchen aus Moskau.  Ich hatte sie schon in der deutschen  Botschaft gesehen in Begleitung eines etwa 35-jährigen Mannes.  Als wir uns jetzt bekannt machten, erfuhr ich, daß sie die Tochter  eines Diplomaten war.  Ihr Vater arbeitete in der russischen Botschaft in Paris und lebte dort schon mit seiner Frau und einer 11-jährigen Tochter.  Diese  ihre Tochter mußte erst in Moskau die Schule beenden und fuhr jetzt zu den Eltern.  Der Mann, der sie heute auch zum Zug begleitete,  war ein Mitarbeiter des Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten und ein Freund der Familie und Kollege ihres Vaters.  Das Mädchen wohnte auch bei den Leuten, seit ihre Familie nach Paris gezogen war.  Sie war ein lebendiges, offenherziges und sehr  erudiertes  Ding und ich versprach mir schon eine interessante Reise in ihrer Gesellschaft.  Doch kaum hatte sich der Zug in Bewegung gesetzt, erschien der Schaffner, prüfte unsere Fahrkaten und sagte: „Was für ein Idiot von Kassierer hat euch denn solche Plätze verkauft?  Über ein Abteil ist ein ähnlicher Fall, dort sitzen ein älterer Herr und eine ältere Dame, die sich in Gesellschaft des fremden Mannes gar nicht wohl fühlt.  Wir machen es so:  wir lassen die junge Dame hier und Sie gehen mit mir zu dem älteren Herrn, ich bringe die alte Frau hier her.  Einverstanden?“  Ich  verließ nur ungern die Gesellschaft des jungen Mädchens, sah aber die Zweckmäßigkeit eines solchen Tausches ein.  Ich nahm meinen Koffer und ging dem Schaffner nach.  Er erklärte in dem anderen Abteil den Sachverhalt, auch hier waren alle einverstanden.  So kam ich jetzt in die Gesellschaft eines etwa 50-jährigen Herrn, dessen Gesellschaft sich als nicht weniger interessant erwies als die der jungen Dame.  Der Mann war Diplomat und fuhr in die sowjetische Botschaft nach Luxemburg, dem kleinen Staat zwischen Deutschland, Frankreich und Belgien.  Er war schon 22 Jahre im diplomatischen Dienst, davon lebte er insgesamt nur 4 Jahre in Moskau, alle andere Zeit im Ausland, und zwar in Afrika und in Frankreich, jetzt fuhr er nach Luxemburg.  Er erzählte unterwegs viel von seinem Leben in der Halbwildnis Afrikas,  von der Natur, den Menschen und den Abenteuern, die er dort erlebt hatte.  Er benahm sich sehr selbständig und unabhängig, er war es gewöhnt, sich auf einer höheren Ebene zu bewegen als ich.  Vor Brest, der Grenze zu Polen, meinte er:  „Wollen wir nicht in den Speisewaggon gehen und etwas Gekochtes zu uns nehmen?“  Ich hatte, ehrlich gesagt, wenig Lust zu solch einem Unternehmen, erstens mußte ich mit meinem Geld sparsam umgehen, zweitens war ich es nicht gewöhnt, allerlei Restaurants zu besuchen, ich aß und trank lieber zu Hause in vertrauter Umgebung.  Aber ich wollte dem Mann nicht vor den Kopf stoßen und wollte ihm Gesellschaft leisten, so ging ich eben mit.  Wir aßen und tranken etwas, ich weiß nicht mehr, was es war, dann fragte mein Kumpan die Bedienung, ob der Speisewagen auch über die Grenze fährt.  Die Frau erklärte, daß der Wagen in Brest abgehängt würde, sie würden dann wieder zurück nach Moskau fahren.  „Und was sollen wir auf dem weiteren Weg essen?“,  fragte er dann.  Die Kellnerin antwortete, wir müßten uns bei ihnen mit Lebensmitteln versorgen.   Was sie uns anzubieten hätten, fragte er sie.  Sie zählte ihr Angebot auf, er fragte mich nur immer: „Nehmen wir das?“  Ich sagte: ja oder nein, je nach dem.  Außer den Lebensmitteln hatten wir noch eine Flasche Sekt mitgenommen und gingen mit voll beladenen Armen in unser  Abteil.  Hier sagte er mir: „Bringe die Produkte zum Schaffner, er soll sie in den Kühlschrank verstauen.“  Ich erwiderte, daß ich das nicht könne, ich getraue mich einfach nicht, und der Schaffner wird sie nicht in seinen Kühlschrank  nehmen.  Er meinte: „Was seid ihr nur für bange Menschen!  Der Kühlschrank gehört uns, den Fahrgästen!  Wir bezahlen den ganzen Zug mitsamt dem Schaffner.  Wenn wir nicht wären, wäre der Kerl ohne Arbeit.  Das haben wir gleich.“ Er nahm die Lebensmittel und brachte sie zu dem Schaffner, der stellte sie ohne Widerrede in den Kühlschrank.  Als wir nach Brest kamen, war es schon spät abends, wir schliefen schon.  Man weckte uns und verlangte unsere Pässe.  Zuerst waren es die sowjetischen Grenzwächter, dann die Zollbeamten, dann die polnischen Grenzwächter und Zollbeamten.  Das wurde meinem Gefährten zu toll.  Er sagte: „Iwan Alexandrowitsch, nehmen Sie die Pässe, geben Sie sie dem Schaffner und sagen Sie ihm, der soll uns jetzt in Ruhe lassen, wir sind keine Verbrecher, davon haben sich schon alle überzeugt.“  Ich brachte die Pässe dem Schaffner und... es hat funktioniert, man hat uns bis in die Bundesrepublik, bis wir selbst aufwachten, nicht mehr geweckt.   Als wir am Morgen gegen 8 Uhr erwachten,  hielt der Zug in Hannover.  Ich ging hinaus auf den Bahnsteig.  Ein seltsames Gefühl übermannte mich, ich war in Deutschland, auf deutschem Boden!  Ich lief schnell zu einer Telefonzelle und rief Katja, die Tochter meiner Kusine an, von der ich die Einladung erhalten hatte.  Ich sagte ihr kurz, daß ich um die und  die Zeit in Köln sein werde.  Sie sagte mir, ich solle dort aussteigen und mich dann nicht vom Platz rühren, sie würden mich selbst finden.   Mein Gefährte gab mir die Flasche Sekt und einige Süßigkeiten und meinte: „Nehmen Sie das für Ihre Verwandte, ich werde in Luxemburg empfangen und versorgt.  Machen Sie sich um mich keine Sorgen.“  Er brachte mich und meine Sachen bis zu Bahnsteig,  als ich meine Verwandten begrüßt hatte, gab er mir die Hand und sagte: „Jetzt bin ich beruhigt und weiß, daß Sie aufgehoben sind.  Ich hatte immer noch Angst, man würde Sie vielleicht am Bahnhof nicht empfangen.  Leben Sie wohl!“ 

       Katja und ihr Sohn nahmen meine Sachen und wir gingen auf einen anderen Bahnsteig.  Sie hatten ihr Auto an einem 12 km von ihrem Wohnort entfernten Bahnhof abgestellt und waren nach Köln mit dem Zug gekommen, um mich abzuholen.  Unterwegs,  im Waggon, bemühte ich mich Deutsch zu sprechen, damit uns die anderen nicht verstünden.  Ich konnte mich nicht sofort daran gewöhnen, daß ich jetzt in Deutschland war und man ringsum Deutsch sprach und nicht Russisch.  Wir stiegen nach einiger Zeit aus und fuhren mit dem Auto weiter.  Zu Hause warteten schon ein ganzer Haufen  Verwandte, um mich zu begrüßen.  Es war ein Sonntag und die Leute waren bis zu 200 km gefahren, um den Gast aus dem fernen und so vertrauten Kirgisien zu sehen, mit ihm zu sprechen.  Ein jeder hatte was zu fragen, was zu prahlen oder zu klagen.  Es wurde gegessen, getrunken und gelärmt.  Meine Kusine (die Tante Lyda) wohnte bei der ältesten Tochter Katja in dem Ort Reichshof.  Spät am Abend nahm mich der Bruder von Katjas Mann hinaus auf den Hof.  Es regnete, wir setzten uns in sein Auto, er fragte mich aus, wie es in Kirgisien gehe, dann sagte er: „Wir fahren jetzt in einen anderen Ort, dort zeige ich dir etwas.“  Wir fuhren so 10 Minuten durch einen Wald durch die regnerische Nacht.  An einer Kneipe hielt er.  Wir gingen hinein und er stellte mich der Kneipeninhaberin vor und prahlte, es sei seine  Freundin, d.h. seine Geliebte.  Dann gingen wir in den Hof und fischten aus einem  Becken zwei große Forellen.  Er bezahlte und sagte: „Jetzt fahren wir nach Hause, die Forellen sind unser Alibi.“  Die wurden dann am anderen Morgen gebraten. 

       Ich verbrachte damals 42 Tage in Deutschland.  Mein ständiger Wohnort war Reichshof, bei Katja Hübner.  Von da machte ich Ausflüge zu anderen Verwandten und Bekannten, war bei Aussiedlern aus Kirgisien, sowie auch bei hiesigen bekannten Deutschen, die ich während meiner Arbeit als Dolmetscher kennengelernt hatte.  Die Zeit verlief sehr schnell, und trotzdem wurde ich müde und sehnte mich schon nach meiner Familie und meinen Freunden in Kirgisien.   Man hatte mich in Deutschland überhäuft mit Geschenken, und auch viel Geld hatte man mir geschenkt, wofür ich kaufen konnte, was ich wollte. 

       Ich habe vergessen, zu erzählen, daß ich in Moskau, vor meiner Abreise nach Deutschland, mehrere Geschenke für meine Verwandten und Bekannten in Deutschland gekauft hatte.  Darunter waren auch eine Dose Kaffeepulver, sowie auch ein halbes Kilo Kaffee in Bohnen.  Als in Brest die Zollkontrolle in den Waggon kam, sagte man mir, den gemahlenen Kaffe könne ich behalten als Verpflegung unterwegs, aber die Kaffeebohnen solle ich nach Hause zurückschicken, sonst müßten sie ihn beschlagnahmen, denn Kaffee ausführen sei verboten, was ich wirklich nicht wußte.  Ich hätte niemals gewagt, etwas Verbotenes zu tun.  Mir blieb nichts anderes übrig, ich lief schnell zur Post beim Bahnhof und schickte den Kaffee nach Minsk, zum Bruder meines Schwagers, zu dem ich beim Nachhausefahren  einkehren wollte.  Auch das russische Geld, das man bei sich hatte, mußte man in Brest am Bahnhof in der Sparkasse  auf ein Sparbuch legen und bei der Rückkehr wieder nehmen.  Unser Zug hielt in Brest 2 Stunden, weil hier die Fahrgestelle der Waggons gewechselt wurden, im Westen sind die Eisenbahngleise nämlich 15 cm schmäler als in Rußland.  Man brauchte da nicht auszusteigen, das wurde alles gemacht, während die Passagiere in den Waggons waren oder draußen irgendwelche Abgelegenheiten erledigten.  Alles verlief  normal.  Ich war infolge des Zwischenfalls mit dem Kaffee etwas aufgeregt, aber ich hatte es bald vergessen.  Als ich nach 42 Tagen mit meinen Koffern, Taschen und Bündeln zur Rückreise nach Frunse bereit war, brachte mich mein Freund Johann Rempel mit seinem Auto von Reichshof nach Köln zum Bahnhof.  Wir kreisten lange mit dem Auto um den Bahnhof herum und fanden keinen Parkplatz.  Aber die Zeit der Ankunft meines Zuges rückte immer näher, so stellte Johann den Wagen im Parkverbot ab.  Er sagte: „Lieber bekomme ich einen Strafzettel, als daß du den Zug versäumst.“  Wir  nahmen zwei Gepäckwagen und brachten das Gepäck zum Waggon, dort warfen wir alles schnell, schnell in den Vorderraum des Waggons.  Der Schaffner wollte protestieren, aber Rempel sagte ihm:  „Mache keinen Krawall, da ist auch dein Anteil dabei!“  Der Schaffner hatte ihn richtig verstanden und half jetzt, das Gepäck schneller zur Seite zu räumen.  Ich schleppte das Gepäck aus dem Vorraum den Korridor entlang in mein Abteil, das für zwei Personen bestimmt, aber  schon voll mit Gepäck war.  Draußen, auf dem Bahnsteig, vor dem Fenster, stand ein junger Mann und machte mir allerlei Zeichen mit den Händen, aber, ich konnte ihn nicht verstehen.  Da kam er herein und sagte mir in gebrochenem Russisch, ich solle etwas warten und nichts im Abteil verstauen, der Schaffner würde mir ein anderes Abteil geben, er habe das mit ihm vereinbart, und ging zum Schaffner.  Der Junge war ein Armenier aus Paris.  Er fuhr jetzt nach Jerewan, um sich  die Heimat seiner Vorfahren anzusehen.  Sie waren während des Bürgerkrieges in Rußland nach Frankreich geflohen.   Nach ein paar Minuten, als der Zug sich schon in Bewegung gesetzt hatte, kam der Schaffner und sagte mir, ich solle das Nachbarabteil einnehmen.  Dort war ich jetzt auch allein.  Der Waggon war fast leer.  Als ich mein Gepäck verstaut hatte, rief ich den Schaffner (einen Russen, der ganze Zug war ja ein sowjetischer) zu mir und gab ihm zwei Fünfzigmarkscheine, die ich noch übrig hatte, und eine Flasche Bier.  Ich war damals so dumm, ich wußte nicht, daß ich die Markscheine hätte mit nach Hause nehmen und sie in dem Intershop „Berjoska“ in Frunse ausgeben  können.  Der Schaffner sagte, das könne er nicht nehmen, das sei doch so viel Geld!  Ich sagte ihm: „Nehmen Sie es nur, ich kann ja so wie so damit nichts anfangen, aber Sie können es doch in Moskau eher loswerden.“  Dem Mann ging ein Licht auf, er sagte: „Na ja, da haben Sie auch wieder recht.“  Er hatte jetzt verstanden, wie dumm ich war, und beließ es dabei.  Ich bat ihn noch, ob er nicht einen von meinen Koffern zu sich nehmen könnte, ich hätte so viele.  Er meinte, das gehe nicht, bei ihm würde auch oft genug  alles untersucht, und fragte, ob ich wohl was Verbotenes dabei hätte.  Ich sagte  „Nein.“  Aber, ich hätte hier ein Pornoheft und 35 Rubel russisches Geld.  Er meinte, das Geld und das Pornoheft nehme er zu sich, bis wir über die Grenze wären, und um die Koffer brauche ich mir  keine  Sorgen zu machen.  So machten wir es dann auch.  Ich hatte in jedem Koffer und in jeder Tasche oben drauf eine Inhaltsliste, dachte, das könnte mir vielleicht helfen beim Zoll.  Aber das war alles vergebens, meine Angst hatte sich für richtig erwiesen.  Am Zoll mußte ich das ganze Gepäck auf einen großen Gepäckwagen stapeln und der Gepäckfahrer brachte es zum Zoll.  Dort hat man mich fast bis zur Abfahrt des Zuges gehalten und untersucht.  Ich mußte jeden Koffer und jede Tasche bis zum letzten Stück ausleeren.  Es wurde alles auseinander genommen und durchsucht.  Die Durchsuchung leitete eine Frau.  Sie fanden noch eine Zeitschrift mit Nacktfotos und einige Fotos mit versteckten Bildern (die konnte man auf verschiedene Weise drehen, da kam immer etwas anderes zum Vorschein, meistens auch Nacktfotos).  Das nahmen sie sofort zur Seite.  Das Komische dabei war, daß ich von diesen Dingen selbst nichts wußte.  Die hatte einer von den Jungen zur Überraschung hineingelegt, nun, diese Überraschung war ihnen gelungen!  Die Dame sagte, ich hätte zu viele Stoffstücke, zwei davon nehme sie weg.  Ich hatte auch wirklich zu viele, es waren alles in allem 4 Stücke für Frauenkostüme, 1 Stück für einen Herrenanzug, und noch etliche für Damenröcke und Blusen und dergleichen.  Außerdem hatte ich 30 m Tüll für Fenstergardinen.  Meine größte Angst hatte ich aber um eine Schreibmaschine, die mir damals meine ehemalige Lehrerin von der  Universität geschenkt hatte.  Mir war bekannt, daß alle Schreibmaschinen vom KGB registriert werden mußten.  Zum Glück war diese Verordnung nicht mehr gültig, was ich aber nicht wußte.  Man hatte mich mehrere Male gefragt, ob ich russisches Geld hätte, das hatte ich aber nicht.  Ich war durch diese Schikane so fertig, wenn ich noch einmal in Deutschland gewesen wäre, hätte mich keiner mehr zurück gebracht.  Als mir die Dame  sagte, sie nehme diese Stoffstücke  weg, antwortete ich ihr, sie könne meinetwegen alles nehmen, alles mitsamt den Koffern und Taschen,  ich verlange aber  eine genaue Liste jedes einzelnen beschlagnahmten Stückes, wenn ich nach Moskau       käme, würde ich mich schon erkundigen, was ihnen gehöre und was mir.  Ich sagte ihr noch, daß ich speziell in die sowjetische Botschaft gefahren war, um mich dort zu erkundigen, was und wieviel ich mitnehmen dürfe.  Man hatte mir geantwortet – was ich wolle und soviel ich wolle, es dürfe nur nicht den Zwecken der Spekulation  (Schieberei) dienen und den in der Deklaration angeführten Artikeln nicht widersprechen.  Keiner hätte mir gesagt, daß ich nur so und so viel Stoff mitnehmen dürfe.  Mir kam es aber nicht um die Stoffstücke an, ich hätte der Dame vom Anfang an, noch im Waggon ein Stück angeboten, aber ich hatte Angst.  Ich mag in dem Moment im Gesicht schrecklich ausgesehen haben, die Dame sah mich an und warf mir ein Stück nach dem anderen, die sie weggelegt hatte, wieder zurück.  Sie fragte noch, wenn ich kein sowjetisches Geld und nichts Verbotenes bei mir hätte, wovor ich solche Angst gehabt hätte?  Ich sagte ihr: „Vor diesen Prozeduren, die hatten mir schon in den letzten drei Tagen die Ruhe und den Schlaf geraubt.  Ich war schon im Gefängnis, aber sogar dort ist man mit mir  nicht derartig umgesprungen!“  Sie meinte: „Was sind das schon für Prozeduren! Wenn wir Sie richtig untersuchen würden, kämen Sie heute mit Ihrem Zug gar nicht mehr fort.“  Ich verstaute alles wieder in einer Anzahl von Taschen, die ich vorsorglich mitgenommen hatte,  denn es war unmöglich, alles wieder so einzupacken, wie es eingepackt war.  Die Koffer standen bei meiner Nichte im Zimmer,  gepreßt voll  aufeinander.  Nach ein paar Tagen öffneten ihr Mann sie und steckte immer noch dazu.  Anfangs hatte ich 9 Gepäckstücke, jetzt waren es 14.

       Als ich alles wieder eingepackt und auf den Gepäckwagen verladen  hatte  und schon draußen  vor meinem Waggon stand, kam ein junger Milizionär angelaufen und rief mich noch einmal zurück, mich allein, ohne Gepäck.  Der Wagen mußte vor dem Waggon halten.  Der Milizionär führte mich in das Zollgebäude, dann in ein kleines Zimmer.  Er hieß mich ausziehen, dann durchsuchte er meine Kleidung, ließ mich die Sporthose ausziehen und guckte auch dort hinein.  Er meinte, ob ich wohl glaube, daß diese Prozedur ihm Spaß mache.  Aber wegen solcher Kerle wie ich, müsse er in der Wäsche der Passagiere herumwühlen.  Er fand natürlich nichts Verbotenes in meinen Taschen und in meiner Wäsche und sagte dann, ich könne mich anziehen und gehen.  Ich wußte schon, sie suchten sowjetisches Geld.  Ich ging wieder zu meinem Zug und schleppte das Gepäck in mein Abteil.  Mein Geld konnte ich nicht mehr aus der Sparkasse holen, dazu war keine Zeit mehr. Zum Schlafen kam ich in dieser Nacht auch nicht mehr, ich mußte jetzt die Sachen umpacken, denn ich wollte ja in Minsk aussteigen und einige Tage beim Bruder meines Schwagers verweilen.  Da wollte ich die meisten Sachen an der Gepäckaufnahme abgeben.  Einiges, das nicht  fest genug verpackt war, mußte ich mit zu meinem Freund nehmen.   In Minsk kamen wir am frühen Morgen an.  Ich stieg aus, der Schaffner half mir, das Gepäck aus dem Waggon zu tragen.  Jetzt stand ich da allein (es wußte ja keiner, wann ich ankommen würde),  und getraute mir nicht 10 Schritte von dem Gepäck wegzugehen, ich hatte eine nicht unberechtigte Angst, daß mir ein Stück hätte geklaut werden können.  Endlich sah ich in der Nähe einen Eisenbahnarbeiter. Ich rief ihn heran und bat ihn, mir einen Gepäckträger zu schicken, was der Mann auch tat.  Der Gepäckträger kam mit seinem Karren und wir fuhren mein Gepäck zur  Gepäckaufbewahrung.  Ich gab die größten und meisten Gepäckstücke auf und schleppte dann das übrige zum Taxistand, ich hatte ja noch das russische Geld, das mir der Schaffner aufbewahrt hatte.  So fuhr ich zur Wohnung meines Bekannten.  Er selbst war nicht zu Hause, er war auf seiner Arbeitsstelle im Stadtbezirkssowjet, wo er als stellvertretender Vorsitzender tätig war.  Zu Hause war seine Frau Galja mit ihrem kleinen Sohn.  Bei ihr war gerade noch eine Freundin zu Besuch da, wir  frühstückten, obwohl es schon bald Zeit war, zu Mittag zu essen.  Dann legte ich mich auf ein Sofa und schlief  bis Wolodja von der Arbeit nach Hause kam.  Es war schon 5 Uhr nachmittags, er weckte mich und sagte: „Kommen Sie zu Mittag essen!“ Beim Essen fragte mich der Hauswirt aus über das Leben in der Bundesrepublik.  Seine erste Frage war:  „Na, Iwan Alexandrowitsch,  ist der Kapitalismus schon angefault?“  (Er deutete dabei auf die Worte Lenins: «çàãíèâàþùèé êàïèòàëèçì       » hin).

       Am nächsten Tag stellte ich bei der örtlichen Sparkasse einen Antrag zur Überführung meines Geldes aus Brest nach Minsk.  Nach drei Tagen, als ich mein Geld hatte, brachte mich Wolodja zum Bahnhof und half mir, das Gepäck in den Waggon zu schaffen.  Jetzt standen die Schaffnerinnen und lärmten, es sei doch unmöglich,  mit einer Fahrkarte  so viel Gepäck zu befördern.  Da half wieder mein Begleiter, er sagte: „Helft lieber dem Mann, er wird Euch schon eine fette Strafe bezahlen!“  Als sich der Tumult gelegt hatte und der Zug schon fuhr, kamen die Schaffnerin und die Revisorin und sagten, ich müsse 10 Rubel Strafe zahlen für das Übergepäck.  Ich erwiderte: „Warum denn so streng, gleich Strafe?!  Kann man das nicht anders nennen?“  Die Revisorin meinte: „Wir haben doch auch einen Plan für Strafgeld, es geht nicht anders.“  Sie nahm 10 Rubel und gab mir eine Strafquittung für 3 Rubel.

       Am anderen Morgen war ich in Moskau.  Ich verfrachtete mein Gepäck in einem Taxi, um vom Weißrussischen Bahnhof zum Kasaner Bahnhof zu fahren, von wo mein Zug nach Frunse fuhr.  Der Taxifahrer verlangte 5 Rubel für diese Fahrt. Als wir abfahren wollten, kam ein Typ mit einer roten Armbinde und rief mir zu,  „Das Fahrgeld! Gib schnell das Fahrgeld her und halte das Taxi nicht auf!“ Der Fahrer hielt und wartete. Ich war der Meinung, die Ordnung wäre hier so, daß das Fahrgeld von den Kontrolleuren kassiert wird, und gab dem Kerl 5 Rubel.  Als wir etwas weggefahren waren, fragte der Taxifahrer, wer der Mann gewesen sei. Ich fragte meinerseits, ob das wohl nicht ihr Kassierer wäre.  Er antwortete: „Ich kenne den Kerl gar nicht! Ich dachte, er sei ein Freund von Ihnen.“  Er hielt an und sagte: „Da müssen wir zurück fahren und den Kerl suchen!  Sie müssen es der Miliz melden!“ In mir  entstand sofort der Verdacht, daß dies eine Bande sei.  Wenn wir jetzt zurückfahren und ich suche nach dem Gauner, verliere ich mein ganzes Gepäck.  Ich brauche nur auszusteigen und schon wird der Taxifahrer  mit meinem Gepäck über alle Berge sein.  Es ist leichter eine Nadel in einem Strohhaufen zu finden als einen  Mann in Moskau. Die Miliz hätte mich höchstens ausgelacht.  Ich sagte dem Fahrer: „Fahren wir zum Kasaner Bahnhof, Sie kriegen Ihr Geld, und der kann ersticken an den ergaunerten 5 Rubeln.  Die sind nicht umsonst verloren, damit habe ich mir eine gute Lehre gekauft für mein ganzes bevorstehende Leben.“    Auf dem Kasaner Bahnhof waren so viele Menschen, wie ich in meinem Leben noch nie gesehen hatte.  Ich mußte mein ganzes Gepäck in der Gepäckaufbewahrung aufgeben, damit es mir nicht noch abhanden kam, ich war jetzt ein gebranntes Kind.  Jetzt stand das Problem vor mir: wie eine Fahrkarte nach Frunse bekommen?  Der Zug fuhr nach Frunse um 10 Uhr abends, aber es war nirgends eine Fahrkarte zu bekommen: alles ausverkauft.  Schließlich faßte ich mir ein Herz, ging an einen Schalter, der nur für Militärs bestimmt war, und wo im Moment kein seliger Mensch stand.  Ich erklärte der Kassiererin, daß ich aus Deutschland gekommen sei (als Bestätigung zeigte ich ihr meine Fahrkarte und meinen Reisepaß) und könne keine Fahrkarte bekommen, müßte aber in 3 Tagen schon auf meiner Arbeitsstelle sein,  und ob sie mir nicht helfen könne.  Und ich würde mich natürlich verbindlich zeigen.  Die Dame fragte nur, ob ich eine Karte erster Klasse nehmen würde.  Ich sagte: „Natürlich!“  Sie begann die Fahrkarte herauszuschreiben und ich nahm aus einer größeren Tasche einen kleinen Plastikbeutel mit einer Flasche Kognak und einer Schachtel Schokolade, den ich ihr überreichte.  So erstand ich überglücklich eine Fahrkarte  noch für denselben Abend.  Da konnte ich wirklich von Glück sprechen nach so viel Pech, wie ich in den letzten Tagen gehabt hatte.  Manche Leute mußten wochenlang  am Bahnhof liegen, bis sie fort kamen.

       Am Abend, als der Zug kam, nahm ich wieder einen Gepäckfahrer, der mir auch half, das Gepäck in den Waggon zu schaffen.  Es waren aber in diesem Wagen erster Klasse nicht viele Passagiere, dafür hatte sich hier aber das ganze Zugkommando versammelt: viele Schaffner, Kontrolleure, Revisoren und sogar Miliz.  Ich hatte seit Brest stets eine panische Angst, daß man mich nicht so ungeschoren nach Hause fahren lassen würde.  Die verfolgte mich in Minsk,  im Zug nach Moskau und auch jetzt im Zug nach Frunse.  Als ich die Miliz in unserem Waggon sah, dachte ich: Nun, da haben wir den Salat! Die haben gewiß aus Brest schon angerufen und hier auf dem Zug, wo wir drei Tage bis Frunse fahren müssen,  hat die Miliz die beste Möglichkeit, mich so richtig durchzufilzen.  Aber meine Ängste waren umsonst, ich fuhr bis nach Frunse und es kümmerte sich keiner um mich.  Dann dachte ich wieder: Vielleicht empfangen die mich in Frunse  am Bahnhof und lassen mich das ganze Gepäck in das Zimmer der Bahnhofmiliz schleppen und untersuchen mich noch einmal dort.  Aber auch dort standen auf dem Bahnhof nur mein Schwager  August Sonntag und meine Frau Pauline.  Sie waren mit dem Auto gekommen, um mich abzuholen.  So kamen wir um 12 Uhr nachts  mit meinem ganzen Gepäck heil zu Hause an.  August fuhr sofort nach Hause und ließ uns allein.  Als ich mich gewaschen hatte und etwas gegessen, begann   für meine Frau der schönste Teil meiner Reise:  das Auspacken der Koffer und Taschen, und ich kommentierte die Geschenke.  Nur eins betrübte mich noch an jenem Abend, ich hatte in der Hektik auf eine sehr schöne Sonnenbrille getreten, die auf den Fußboden gefallen war, und ein Glas ging entzwei.

       Ich hatte natürlich für jeden meiner Verwandten und Freunde ein kleines Geschenk mitgebracht, wie auch für meine Kollegen an der deutschen Abteilung, wenn es auch nur ein kleines Souvenir war.  Ich wurde noch wochenlang von den verschiedensten Leuten eingeladen oder besucht, die sich mit mir über meine Reise unterhalten wollten, denn der Informationshunger über Deutschland war sehr groß, und die Möglichkeiten, sich darüber zu informieren, sehr gering.  

       Ich hatte aus Deutschland eine Menge Materialien mitgebracht zu den verschiedensten Themen (hauptsächlich zu den Themen  „Bildungswesen“,  „Topographie“ und  „Toponomastik“,  sowie auch über verschiedene andere Aspekte von Deutschland),  die ich in meiner Lehrarbeit benutzen konnte.  Es wurde auch speziell eine Fakultätsversammlung anberaumt, wo ich über meine Reise und über das Leben in Deutschland berichten mußte.  Ich hatte meinen Bericht so kurz wie möglich gestaltet (ca. 45 Minuten), denn ich wußte, daß es noch einen Haufen allgemeiner und persönlicher Fragen geben wird, und so war es auch.  Ich mußte noch über zwei Stunden die verschiedensten Fragen beantworten,  zu den verschiedensten Themen, vom Bildungswesen bis zur Ausreise zur ständigen Wohnsitznahme.  Ich hatte für die nächsten 5 Jahre genügend Gesprächsstoff.

       Ich habe schon erwähnt,  daß ich in diesen Jahren eine beliebige Möglichkeit ausnutzte, um mich über Deutschland zu informieren.  Ich traf mich mit Touristen und anderen Gästen aus Deutschland,  lud einige Mal auch einzelne Personen heimlich zu mir nach Hause ein.  So traf ich mich schon 1976 mit den Deutschländern Helmut Stamm  aus Ilvesheim bei Mannheim und einem seiner Arbeitskollegen, die in jenem Jahr mit einer Gruppe anderer ausländischer Spezialisten in Frunse weilten und hier als Kältemontagearbeiter  ein großes Geschäft für Fleisch- und Fischhandel einrichteten.  Als ich dann 1978 meine erste Gastreise nach Deutschland unternommen hatte, besuchte ich auch die Familie Stamm.  Ich war damals zwei Tage bei Herrn Dr. Eberhard  Lindner  in Bad Godesberg bei Bonn zu Besuch.  Da unternahmen wir zusammen eine Schiffsreise den Rhein hinauf bis  Rüdesheim.  Das war damals für mich eine sehr interessante und lehrreiche Reise! Es ist unmöglich, das alles hier zu beschreiben.  In Rüdesheim gingen wir mit Herrn Lindner an Land und wurden von Helmut Stamm mit dem Auto empfangen.  Ich und Helmut verabschiedeten uns  von Herrn Lindner, der jetzt zum Bahnhof ging und mit der Bahn zurück nach Bad Godesberg fuhr.  Ich und Helmut fuhren nach Ilvesheim  zu ihnen nach Hause.  Bei denen verbrachte ich einige Tage und fuhr wieder mit dem Zug nach Reichshof zu Katja. 

       Als ich noch im Süden Deutschlands war, hatte ich in Augsburg unsere ehemalige Studentin  Therese Boger und in Bodelshausen meine ehemalige Lehrerin Therese  Franzen / Schilke  besucht.  Im Norden besuchte ich  Familie Busch, mit der ich mich in Frunse während ihrer Touristenreise in Kirgisien bekannt gemacht hatte,  und meine ehemalige Kollegin von der Universität  Frau Hilde Krasson.  Ich machte damals noch mehr Besuche bei Bekannten, von dessen Beschreibungen ich den Leser verschonen will.  Die 6 Wochen meines Aufenthalts in Deutschland verliefen wie im Fluge.

       Helmut Stamm äußerte den Wunsch, einmal mit seiner Frau Gerlinde nach Kirgisien zu kommen, er hatte ihr so viel über Kirgisien erzählt.  Aber sie wollten nicht mit einer Touristengruppe fahren, sie wollten gern auf eine persönliche Einladung zu uns zu Besuch kommen, so wie ich bei ihnen war, d.h. hier in Deutschland.  Sie wollten nicht von einer Gruppe abhängig sein, und baten mich, solche Möglichkeiten auszukundschaften.  Ich erfüllte ihren Wunsch, aber es kostete mich viel Nerven und ich mußte unheimlich viel Geduld aufbringen.  Die Bearbeitung der Dokumente (sprich: die Prüfung der Personen) dauerte sehr lange.  Ich war schon müde von dem ungewissen Warten, Helmut und Gerlinde nicht weniger, obwohl die hiesigen Deutschen im Allgemeinen geduldigere Menschen sind als wir Sowjetmenschen.  Helmut schrieb mir in einem Brief, ob es nicht sinnvoller wäre, die ganze Sache aufzugeben, denn außer Unannehmlichkeiten für beide Familien käme doch nichts dabei heraus.  Ich wollte aber nicht klein beigeben und überredete ihn, noch etwas Geduld aufzubringen.  Ich wollte weder mich selbst, noch mein  Land bloßstellen, wollte zeigen, daß es auch bei uns etwas Sehenswürdiges gäbe, nicht nur Schlechtes.  Und wir hielten durch.  Im August 1980 kamen unsere Gäste aus Deutschland mit einem Haufen Koffern und Taschen voller Geschenke.  Aber ganz ohne Probleme ging es nicht.  Zu dieser Zeit mangelte es gewöhnlich an Brennstoff, der mußte für die Ernteeinbringung  aufgehoben werden.  Deshalb gab es große Probleme mit dem städtischen Verkehr  und wir kamen kaum vom Flughafen die 35 km nach Hause. Als wir endlich nach Hause kamen und mit den Gästen hinterm Tisch beim Essen  saßen,  flog plötzlich ein faustdicker Stein vom Hof durchs Fenster des zweiten Stocks, zerschmetterte die Fensterscheibe und sauste einen Zentimeter an Gerlindes (unseres Gastes) Kopf vorbei neben mir gegen die Wand.  Wir saßen eine Zeitlang alle wie gelähmt, ich ging zum Fenster und sah noch, wie ein etwas 20-jähriger Kerl um die Ecke verschwand.  Übers Dach kreiste ein Schwarm Tauben.  Die kleinen Kinder, die vor dem Haus Ball spielten, sagten, daß der Kerl nach den Tauben geworfen hatte, mehrere Mal, bis ein Stein in unser Fenster flog.  Ich glaubte, daß es so war, ich hatte auch früher schon gesehen, wie Kerle nach den Tauben warfen, aber meine Gäste waren schwer zu beruhigen.  Ich konnte sie kaum überzeugen, daß der Stein nicht der Frau gegolten hatte.

       Unsere Gäste waren 4 Wochen bei uns. Gerlinde litt an Gelenkerheuma, da war ihr das trockene, heiße Klima in Kirgisien sehr angenehm.   Ihnen gefiel es so gut, daß sie nach einem Jahr wieder um eine Einladung baten.  Ich lud sie 1982 wieder ein, aber diesmal fragte man mich im OWIR lang und breit aus, was diese Leute hier so anziehe.  Ich mußte erklären, daß es mit der Krankheit der Frau zu tun hätte, was den Beamten auch einleuchtete.  Natürlich erzählte ich meinen Gästen nicht, daß ich bei jeder Einladung ein winziges Papier unterschreiben mußte, worauf geschrieben stand, daß ich für alles, was meine ausländischen Gäste hier machten,  sowie für alles, was mit ihnen hier geschehe, ich verantworten müsse.  Sie durften nichts Anstößiges fotografieren,  sie durften sich nur im Umkreis von 50 km um Frunse bewegen, sie durften nichts tun ohne mein Wissen.  Als sie das zweite Mal hier waren,  hatte man ihnen nach langem Bitten und Warten die Erlaubnis erteilt, nach Alma-Ata  zu dem Hochgebirgsstadion  „Medea“ , nach Taschkent und nach Samarkand zu fahren.  Ich mußte natürlich mitfahren, erstens hätte man sie ohne mich nicht fahren lassen, zweitens  brauchten sie einen Reiseführer und Dolmetscher.  Aber diese  „Abstecher“ waren mit so vielen Schwierigkeiten und Strapazen verbunden, daß ich sie, wenn es mir nachgegangen wäre, nicht unternommen hätte.  Andererseits wirkten die deutschen Pässe meiner Gäste  geradezu magisch auf die Beamten, und wir kamen überall dort durch, wo sowjetische Staatsbürger  nur mit Beziehungen und Bestechungen  durchkamen, hauptsächlich, was die Flugtickets anbelangte.  (Ich habe schon beschrieben, daß es jedes Jahr um diese Frühherbstzeit stets an Kraftstoff mangelte.)

       Die Sowjetbürger durften nur alle 5 Jahre eine Auslandsreise unternehmen. Ich nutzte das aus und stellte nach 5 Jahren, im Jahre 1983, wieder einen Antrag zu einer Gastreise nach Deutschland.  Meine Frau durfte wieder nicht mitfahren.  Mir half viel, daß ich diese Reisen als Studienreisen beantragen konnte, weil ich an der Universität Landeskunde Deutschlands unterrichtete  und, wie mir schien, das volle Vertrauen meiner Obrigkeit genoß.  Trotzdem rief mich 1983, vor meiner Abreise, unser damalige Dekan zu sich, druckste lange herum und sagte schließlich:  „Iwan Alexandrowitsch,  wir haben Ihnen eine sehr gute Charakteristik ausgestellt. Ich war selbst unlängst in den Vereinigten Staaten (er unterrichtete Englisch)  und weiß, daß es im Ausland, besonders im kapitalistischen Ausland, sehr viele Versuchungen und Verführungen gibt.  Wenn Ihnen dort in Deutschland plötzlich solch eine fixe Idee in den Kopf kommt und sie wollen dort bleiben, schreiben Sie mir bitte zuerst einen persönlichen Brief.“  Ich antwortete ihm: „Assan Karybajewitsch, Sie wollen doch ruhig schlafen?“  Er meinte schnell: „Ja, das will ich.“  Ich sagte: „Ich auch.  Ich habe eine Familie und viele Verwandte hier in der Sowjetunion und will, daß auch die ruhig schlafen können.  Wenn mich solch eine „fixe Idee“  heimsucht, dann komme ich erst nach Hause und leite die Sache gesetzmäßig ein, damit  ich und auch Sie ruhig schlafen können.“

       Diesmal hatte ich eine Einladung von Familie Stamm bekommen.  Die Reise verlief ruhig.  Nur ein Ereignis kam dazwischen, das damals die ganze Welt erschütterte.  Am 1. September 1983 verletzte ein südkoreanisches Passagierflugzeug mit 269 Menschen an Bord, das von einer amerikanischen Aufklärungsmaschine begleitet wurde,  den sowjetischen Luftraum  und wurde überm Meer von einer sowjetischen Rakete abgeschossen.  Alle Insassen mitsamt der Besatzung kamen um.  Das war ein fürchterliches Ereignis.  Monatelang waren alle Medien voll von Mitteilungen, Analysen,  verschiedenen Spekulationen.  Viele von meinen neuen Bekannten aus der Mitte der hiesigen Deutschen sprachen mich an, fragten, was ich darüber denke, ob so etwas menschlich sei.  Manche schauten mich an, als ob ich das Flugzeug abgeschossen hätte.  Ich konnte nur eine Antwort geben, das heißt, daß ich gar nichts dazu sagen konnte,  denn ich war ja auch nur einseitig informiert.  Natürlich war das unmenschlich, aber Schuld konnte ich den  "Sowjets", wie es immer hieß, nicht geben: die internationale Lage war damals sehr gespannt, das Flugzeug reagierte nicht auf die Kommandos der sowjetischen Grenzwächter, und niemand wußte, was in dem Flugzeug war, und zu welchem Zweck es den Luftraum der Sowjetunion verletzt hatte.  Drei Monate später erhielt ich einen Brief von Helmut Stamm und einige Blätter aus der  Hamburger  Zeitschrift „Stern“.  Dort war ein großer Artikel von englischen Militärexperten, die schrieben, daß  die  „Jumbo“ (Benennung des Passagierflugzeugs) die Aufmerksamkeit der sowjetischen Grenzwächter  von einem  amerikanischen Aufklärer, der sie begleitete, ablenken sollte, der Angaben über sowjetische Militärstützpunkte auf der Halbinsel Kamtschatka  aufnahm und an einen amerikanischen Sputnik weitergab.  Helmut schrieb mir: „Hans, alle diejenigen, die Dich damals hier in Deutschland angebellt haben, müssen sich jetzt bei Dir entschuldigen.“         Auch bei der Zollkontrolle in Brest ging diesmal alles glatt.  Ich hatte nur drei kleine Koffer und Taschen und nichts Anstößiges dabei.  Sämtliche Drucksachen, die ich bei mir hatte, waren in drei Pakete verstaut:  in einem war Literatur über die politischen Parteien in der BRD, in einem zweiten hatte ich Prospekte und Bücher über Städte und Sehenswürdigkeiten der Bundesrepublik,  das dritte enthielt Materialien über das Bildungswesen in der BRD.  Der Kontrolleur vom Zoll fragte mich, was ich meinen Koffern hätte.  Ich zählte alles auf, dann ließ er mich einen Koffer öffnen, guckte hinein und fragte wieder, was ich noch bei mir hätte.  Ich sagte ihm: „Ich habe alles aufgezählt, was ich in den Koffern und Taschen habe.  Vielleicht interessieren Sie die Drucksachen, hier, auf dem Tisch?“  Er schnellte empor: „Was für Drucksachen?“  Ich zeigte auf die Pakete, die auf dem Tisch lagen und zählte  auf,  in welcher Tasche zu welchen Themen sich Literatur befand und sagte dabei: „Wenn Sie die konfiszieren wollen, dann müssen sie die Pakete selbst an die Universität Frunse schicken, das sind nämlich Lehrmittel.“  Er fragte: „Wo arbeiten Sie denn?“ Ich sagte es, da meinte er: „Ach, dann fahren Sie nur weiter, schließen Sie die Koffer.“  So glimpflich kam ich diesmal durch den Zoll. 

       1984 erhielt Pauline eine Einladung nach Deutschland von der Familie Stamm.  Als ich die Dokumente für ihre Reise vorbereitete, stand ich vor einem Problem.  Eine von Paulines Schwestern befand sich gerade zu jener Zeit in einer Strafvollzugsanstalt.  Ich wußte nicht, was ich tun sollte, sollte ich die Wahrheit schreiben oder sollte ich diese Tatsache einfach übergehen?  Ich wandte mich an einen meiner ehemaligen Studenten, der jetzt im Ministerium des Innern tätig war, um Rat.  Er sagte mir: „Wenn Sie die Wahrheit in den Fragebogen schreiben, dann bekommt Pauline Iwanowna hundertprozentig eine Absage.  Verschweigen Sie aber diese Tatsache, dann kann es sein,  daß sie durchkommt.“  Ich sagte darauf: „Das kann man doch im OWIR leicht herausfinden, dann stehe ich als Lügner da, und sie bekommt bestimmt eine Absage.“  Er meinte dann: „Die Beamten sind ja nicht überall und alle so gewissenhaft wie Sie.“  Und ich ging das Risiko ein, was mir gar nicht leicht fiel, verschwieg, daß eine Schwester  meiner Frau sich in einer Strafvollzugsanstalt befindet, und es funktionierte,  Pauline fuhr im Dezember 1984 nach Deutschland.  Von dieser Reise brachte mir meine Frau eine ganz neue kleine Reiseschreibmaschine mit.  Ich ließ die alte umbauen, mit russischen Typen versehen, und hatte jetzt eine deutsche und eine russische Schreibmaschine, womit  zu jener Zeit  nur selten  ein Lehrer in Frunse prahlen konnte.

       Als Pauline mitteilte, wann sie nach Moskau komme,  besorgte ich drei Fahrkarten,  eine für mich nach Moskau und zwei von Moskau zurück nach Frunse für mich und meine Frau.  Über einen Bekannten hatte ich in Moskau bei einer alten Dame für drei Tage ein Zimmer gemietet.  Pauline kam am 30. Dezember mit dem Zug nach Moskau und wir wollten  Silvester und Neujahr in Moskau verbringen, ich wollte ihr mal die Stadt zeigen und wir wollten  einmal gemütlich  in der Hauptstadt das neue Jahr 1985 empfangen.  Aber das Wetter war miserabel, Pauline war müde und, zu allem Unglück gab es in der Wohnung bei der alten Dame ganze Schwärme von Küchenschaben.  Pauline wollte nichts hören von einem längeren Verbleiben in Moskau und wir fuhren mit einem Taxi vom Weißrussischen Bahnhof direkt zum  Kasaner Bahnhof.  Dort blieb Pauline bei dem Gepäck und ich fuhr zu meinem Quartier, nahm meine Aktentasche, verrechnete mich mit der Hauswirtin und fuhr sofort wieder zurück zum Bahnhof.  Jetzt blieb ich bei den Sachen und Pauline  ging fort, um die Fahrkarten umzutauschen, was ihr auch mit Hilfe eines kleinen Geschenks gelang.  Wir bestiegen am selben Abend noch mit unserem Gepäck  den Zug  Moskau-Frunse.  Wir hatten ein Abteil für zwei Personen, wo wir auch zu zweit  das neue Jahr empfingen.

       Nach Gorbatschows Machtantritt wurden die Ausreisemöglichkeiten besser.  Im Sommer 1989 zog Valja Fuchs, die Schwester meiner Frau, aus Luxemburg (Kant) mit ihrer Familie und ihrer Schwiegermutter nach Deutschland. Ich hatte unsere Papiere  noch einmal vorbereitet und schickte sie mit.  Damals bestanden die Anträge für eine Einreise in Deutschland aus nur 6 Seiten. Die Wartezeit betrug  von 2 bis 4 Monaten.  Wir bereiteten uns jetzt intensiv auf die Ausreise vor und warteten mit Ungeduld auf eine Ausreisegenehmigung.  Am 3. September 1989 fuhr Lili Propst (Paulines zweite Schwester)        mit ihrem Mann nach Deutschland. Sie hatten eine Einladung von Propsts Tochter erhalten. Sie mußten ihr Haus in Woronzowka  an einen Mitarbeiter der Auslandspaßstelle für einen Spottpreis verkaufen, damit sie schneller loskamen.  Da wurde auch herausgehandelt, daß ich und Pauline schneller wegkämen.  Es hing nur an die Einladung aus Deutschland.  Mir dämmerte plötzlich etwas.  Ich erinnerte mich an unsere Einreisegenehmigung von 1975. Unsere Papiere mußten doch in Deutschland irgendwo aufbewahrt sein.  Ich telefonierte diese Hoffnung nach Deutschland.  Und es klappte wunderbar. Valja Fuchs erhielt unsere Aufnahmegenehmigung vom Roten Kreuz und brauchte keinen Antrag  mehr zu stellen.  Sie schickte uns sofort eine Einladung,  die   am 25. Oktober 1989 bei uns ankam.  Wir standen jetzt wie gelähmt und wußten nicht, was wir zuerst tun sollten.  Doch dieser Schock dauerte nur ein paar Stunden. Dann fingen wir an, zu handeln. Nach 5 Tagen hatten wir die notwendigen Unterlagen im OVIR abgegeben.  Nach weiteren 25 Tagen hatten wir unsere Reisepässe. Ich habe oben schon erwähnt, daß ich Angst hatte vor der Reaktion meiner Studenten und Kollegen, wenn ich ausreisen würde. Aber wider Erwarten beglückwünschten uns alle, als sie von unseren Ausreiseplänen erfuhren (einer meiner ehemaligen Studenten arbeitete damals im OVIR, und so erfuhren es auch schnell viele andere). Sie freuten sich mit uns.  Das Telefon läutete sich heiß.

       Am 4. Dezember 1989 flog ich nach Moskau mit den Pässen und begab mich in die deutsche Botschaft wegen der Visa.  Das war ein Abenteuer!  Ich hatte mich noch im Flughafen in Frunse mit einem älteren deutschen Mann aus Kara-Balta bekanntgemacht, der mit demselben Ziel nach Moskau flog.  Er hängte sich an mich und bat mich, ihn nicht im Stich zu lassen.  Er flog zum ersten Mal nach Moskau. Aber er wurde dort vom Flughafen von seiner Nichte und ihrem Mann abgeholt und nahm mich mit zu ihnen ins Quartier.  In Moskau war ein schrecklicher Wind und Schneesturm.  Die Leute wollten den Alten mit ihrem Auto abholen, aber wegen des Wetters kamen sie mit dem Bus zum Flughafen.  Als sie uns empfangen hatten, übernahm ich das Kommando.  Wir mußten vor allen Dingen erst in die Botschaft fahren, um uns dort in die Listen der Wartenden einzutragen.  Ich war im Sommer schon einmal da gewesen mit meinem Schwager Probst und kannte mich schon ein wenig aus.  Wir fuhren alle zusammen  mit dem Bus bis zur U-Bahn-Station,  dann mit der U-Bahn einige Stationen, dann ging es in diesem Hundewetter noch so 1,5 km zu Fuß bis zur Botschaft.  Es war schon 12 Uhr nachts, als wir dort ankamen.  Vor der Botschaft war kein einziger Mensch.  Wir standen einige Minuten unschlüssig da, dann ging ich zur Wachstube und klopfte an die Tür.  Der wachhabende Milizionär sagte uns, wir sollen an den Bäumen vor der Botschaft suchen, es müsse da irgendwo ein Plastikbeutel mit den Wartelisten hängen.  Wir fanden auch die Listen bald und schrieben unsere Namen hinein.  Jetzt mußten wir am nächsten Morgen um 8 Uhr da sein und uns abmerken lassen. Diese Prozedur wurde jeden Morgen unternommen, das wußte ich schon.  Wir gingen wieder zurück zur U-Bahn-Station und fuhren zum Rigaer Bahnhof.  Es stellte sich heraus, daß unsere Gastgeber gar nicht in Moskau wohnten, sondern an einer Eisenbahnstation 60 km von Moskau entfernt.  Von ihrem Bahnhof mußten wir nochmals ungefähr 1 km durch den Schnee waten, bis wir um 2 Uhr nachts bei ihnen zu Hause ankamen.  Nach dem „Abendessen“ und ein paar Stunden Schlaf mußten wir aus den Betten und uns wieder auf den Weg zur Botschaft machen.  Im Vorortzug war es gedrängt voll und schrecklich kalt, denn die Waggons wurden ja nicht geheizt.  Der Zug fuhr um 6 Uhr von unserem Bahnhof ab, und 5 Minuten vor 8 waren wir an der Botschaft.  Der Platz vor der Botschaft war schon voller Menschen.  Es gab Gruppen, die nach einem Urlaubsvisum standen, und solche wie wir, die für ständig ausreisen wollten.  Wir fanden bald die Gruppe, bei der wir uns angeschrieben hatten. Es fanden sich Initiatoren, die die Namen und Nummern in den Listen aufriefen und die Anwesenden notierten, die Abwesenden wurden schonungslos gestrichen.  Es gab für jedes Datum eine besondere Liste.  Nach 20 Minuten erschien ein Mitarbeiter aus der Botschaft und sammelte die Listen ein. Er las die Eingetragenen wiederum nach den Daten ab, man zeigte ihm die Reisepässe und erhielt von ihm eine Karte mit einer Nummer und dem Datum, wann man schätzungsweise an der Reihe wäre, um in die Botschaft wegen der Visen eingelassen zu werden.  Diese Karten waren extra von der Botschaft angefertigt worden und nicht so leicht nachzumachen.  Es war der 5. Dezember, ich erhielt eine Nummer für den 14. Dezember.  Als auf diese Art und Weise die Leute alle mit Nummern versehen waren, vermeldete der Mitarbeiter, die Leute sollten jetzt auseinandergehen in ihre Quartiere und nicht unnötig hier frieren.  Man solle für alle Fälle höchstens einen Tag vor dem entsprechenden Datum erscheinen und sich erkundigen.  Die Leute gingen aber nur zögernd auseinander. Es kamen noch immer neue dazu.  Ich und mein Kumpan fuhren jetzt erst mal zum Flugkartenvorverkauf und bestellten Karten nach Frunse. Dann erst suchten wir unser Quartier auf.  Flugkarten nach Deutschland hatte ich für uns  schon im Sommer, als wir die Visen für  meinen Schwager holten, für den 15. Januar 1990  bei der „Lufthansa“ vorbestellt.  Die mußte man dann zu bestimmter Zeit, drei Tage vor dem Abflug, im Hotel „Olympia-Reisen“ abholen.  Dieses Hotel war extra von der deutschen Botschaft für die deutschen Aussiedler gemietet worden.  Aber leider blieb dort das sowjetische Personal und somit auch die sowjetische Ordnung erhalten.  Wir hatten also über eine Woche Zeit, bis wir in der Botschaft an die Reihe kamen.  Aber wir hatten keine Ruhe.  Jeden Tag fuhren wir um dieselbe Zeit von unserem Quartier ab und verbrachten den ganzen Tag vor der Botschaft, bis 5 Uhr abends.  Man konnte ja nicht wissen, vielleicht gab es doch Änderungen, und die wollten wir nicht versäumen.  Es war eisig kalt. Meistens Schneesturm, und ich war in einem dünnen Herbstmantel gekleidet und fror unbarmherzig.  An den Füßen hatte ich akkurate, hübsche Gummistiefeletten;  ich stand in ihnen wie auf Eis. Zum Glück fand ich in einem Geschäft in der Nähe der Botschaft, warme Filzschuhe, die unter den Leuten „Ade, Jugend“ genannt wurden. Doch man hatte darin warme Füße, und sie retteten mich damals geradezu vor dem Erfrieren.  Jedoch mein Rücken hatte bei dem tagelangen Stehen in diesem Frost unter dem dünnen Mantel was abbekommen.  Als ich am 14. Dezember nach Hause kam, wurde ich krank und mußte das Bett hüten.  Ich hatte mir eine starke Nervenwurzelentzündung zugezogen.  Zwei Wochen lang kam eine Masseuse ins Haus und bearbeitete mich, bis ich wieder einigermaßen gehen konnte...

       Am 13.  Dezember war es soweit.  Es wurden noch einige Personen eingelassen, die noch Karten für den 12. und 13. Dezember hatten, dann kamen wir, vom 14. Dezember, an die Reihe.  Der Vertreter der Botschaft forderte die Leute auf,  einer nach dem anderen zur Hofpforte der Botschaft zu kommen, den Nummern nach, um einzeln eingelassen zu werden.  Aber an eine solche Ordnung waren unsere Leute nicht gewöhnt. Sie stürmten alle, so 80 bis 100 Mann, auf die Tür zu.  Der Mann ließ sie alle zurückgehen und von neuem antreten. Aber das Resultat war dasselbe. So mußten wir 3 mal zurück und wieder zur Tür kommen. Immer drängten sich die hintersten vor, und die Kolonne geriet durcheinander.  Ich schlenderte mutlos und skeptisch jedesmal hinten nach.  Der wachhabende Milizionär sah diesem Chaos zu, schüttelte den Kopf und rief: „Leute, was macht ihr denn?  Ihr seid ja schlimmer als das Vieh!  Und ihr wollt nach Deutschland ziehen!  Ja, dort wird man euch auf einer Dielenbohle gehen lehren!“ Der Aufruf des Milizionärs hallte mir den ganzen Tag im Kopf.  Einerseits mußte ich dem Mann Recht geben, und ich schämte mich wegen der Unerzogenheit  meiner Landsleute.  Andererseits konnte ich sie gut verstehen.  Wenn man ein Leben lang nur immer nach dem Motto lebt: "Die Letzten beißen die Hunde!“ und sich niemals auf Vorschriften verlassen kann, weil sie niemals eingehalten werden, da ist es auch kein Wunder, wenn es heute hier so zugeht. Die Sowjetmenschen hatten sich ja meist alle die Theorie Darwins gut angeeignet: die natürliche Auswahl.  Anders gesagt: der Stärkere überlebt. 

       Während der langen Wartezeit auf das Visum kamen kuriose und auch traurige Sachen vor.  Manche Leute hatten bis 3-4 Nummern und verkauften sie dann für 80-100 Rubel an weiter hinten Stehende.  Eine Frau hatte solch eine Nummer gekauft für 130 Rubel, die sich in der Botschaft als gefälscht entpuppte.  Die Frau wurde aus der Botschaft hinausgeworfen und man sagte ihr, sie solle nach Hause fahren, sie hätte in Deutschland nichts zu suchen.  Sie lief unter den Leuten herum, suchte nach dem Übeltäter und weinte herzzerreißend.  Was aus ihr noch geworden ist, weiß ich nicht.

       Wie dem nicht sei, wir kamen durch den Hof der Botschaft in ein Gebäude, wo wir noch zwei Stunden warten mußten, bis die Reihe an uns war und wir unsere Visa hatten.  Ein Vertreter der Botschaft trat vor uns, erklärte die Ordnung und sagte, wir seien jetzt erst mal in einem warmen Raum, und das wäre die Hauptsache.

       Bis alles erledigt war, dunkelte es auch schon.  Ich fuhr noch am selben Tag zum Hotel „Olympia – Reisen“ und wollte versuchen, die bei der Lufthansa bestellten Flugkarten zu bekommen. Aber dort herrschte solch ein Chaos, und ich fühlte mich so krank, daß ich die Sache aufgab und in mein Quartier  fuhr.  Am anderen Tag flog ich nach Frunse.  Ich war so krank, und mir war so elend zumute, daß ich gar nichts mehr wollte und konnte. Jetzt mußte Pauline alle Wege erledigen.  Wir lieferten am 21. Dezember, genau an Paulines Geburtstag, unsere zwei Container mit unseren Habseligkeiten in Alma-Ata ab. In beiden Containern (zu 1,50 x 1,20 x 1,20 m) waren 1300 kg Gepäck.  Wir hatten aber schon zuvor mit Paulines Schwester und unserem Bekannten Valeri Wolf so 250 kg verschiedenes Gepäck abgeschickt.  In unseren Containern hatte wir auch über 100 kg fremdes Gepäck.  Das war damals so üblich.  Alle hatten Angst, daß die Gepäckausfuhr jederzeit von den örtlichen Behörden verboten werden könnte.  Da wollten die Leute, die schon ihre Ausreisepapiere hatten, wenigstens das Notwendigste über die Grenze schaffen.  In unserem Gepäck hatten wir  über 600 kg Bücher.  Bis 1989 durften fast überhaupt keine Bücher ausgeführt werden.  Wenn – dann nur mit der Erlaubnis des Kulturministeriums und sehr teuer.  Für manche Bücher, die als Raritäten angesehen wurden, mußte bis zum 4-fachen und auch 5-fachen Preis Zoll bezahlt werden.  Da hatte ich zuerst begonnen, die Bücher zu verkaufen.  So gingen die besten Bücher zu dem Preis weg, für den ich sie vor Jahren gekauft hatte, obwohl sie jetzt auch im Inland schon das Doppelte kosteten.  Ich mußte sie doch schneller loswerden.  Dann kam die Erlaubnis, daß man fast alle Bücher ohne Zoll mitnehmen durfte.  So kam es, daß ich von meiner Bibliothek, die über 3000 Titel enthielt, 1/3 verkauft hatte, 1/3 mitnahm und 1/3 einfach in der Wohnung stehenließ. 

       Als wir die Container abgegeben hatten und  die Dokumente alle fertig waren,  mußten wir uns um die Flugkarten kümmern. Vor allem rief ich in Moskau bei der Lufthansa an und bat, unsere Flugkarten nicht weiterzuverkaufen, denn es war hier sehr schwierig, Flugkarten nach Moskau zu bekommen und unser Erscheinen nach den Flugkarten nach Deutschland konnte einen oder zwei Tage später werden.  Man versprach mir, unsere Flugkarten bis zum 13. Januar  abends zu reservieren.  In Frunse mußten wir die Flugkarten nach Moskau umbuchen, vom 13. Januar auf den 12. Januar. Dabei mußten wir den doppelten Preis bezahlen, sonst hätten wir rechtzeitig keine Karten bekommen.  Das neue Jahr 1990 begrüßten wir bei meiner Schwester Lili. Dann begannen die Abschiedsfeiern.  Wir mußten insgesamt 6 mal Gäste empfangen. Erstens waren es zu viele, sie wären gar nicht alle in unserer Wohnung untergekommen. Zweitens mußten die Gäste ja auch zusammenpassen. In unserem Treppenhaus z.B. waren wir zwar mit allen Nachbarn befreundet, die Nachbarn aber nicht alle untereinander.  Genauso war es auch mit den Arbeitskollegen.

       In den letzten Tagen wurde die Wohnung in Ordnung gebracht.  Die Möbel kaufte unser Sohn, der mit seiner Familie in der Wohnung blieb.  Da gab es auch viel böses Blut, denn wir verstanden uns nicht gut miteinander.  Am Vorabend unseres Abfluges kamen nochmals die nächsten Verwandten und Bekannten alle bei uns zusammen.   Der Sohn und die Schwiegertochter mußten mit dem Kind bei uns übernachten, damit am anderen Tag die Leute sofort sahen, daß die Wohnung bewohnt ist. Sonst hätte Gefahr bestanden, daß sich jemand eigenmächtig eingemietet hätte.  Die Schwiegertochter und das Enkelkind hatten wir erst vor kurzem  in der Wohnung angemeldet.  Früh morgens fuhren mein Schwager August Sonntag und unser Bekannter Valeri Wolf mit ihren Autos vor.  Wir waren schon bereit, verstauten die Koffer in den Autos und fuhren los: ich, Pauline, unser Sohn, August, Lili, Valeri mit seiner Frau und Andreas Frank, mein Schwager (Anjas Mann), der begleitete uns nach Moskau.  Ella und Verotschka schauten zum Küchenfenster heraus. 

       Auf dem Flughafen gab es einen peinlichen Abschied, weil wir uns am Vorabend noch mit Tolja (unserem Sohn) gezankt hatten. 

       Wir kamen in Moskau im Flughafen „Domodjedowo“ an. Bis Pauline und Andreas  das Gepäck erhalten hatten, hatte ich schon ausgekundschaftet, daß man mit dem Vorortzug bis zum Pawelezker Bahnhof in Moskau fahren kann und hatte auch schon Fahrkarten am Automaten gelöst. Wir wollten so unauffällig wie möglich nach Moskau zum Hotel „Olympia-Reisen“ gelangen, denn wir hatten Angst vor der Mafia, die gewöhnlich die Deutschen am Flughafen oder am Moskauer Zug empfing, um sie für den zehnfachen Preis weiterzubefördern. Da kam es manchmal zu blutigen Tragödien.  Im Bahnhof in Moskau angelangt, wollten wir zuerst das Gepäck in der Gepäckaufbewahrung aufgeben und schnell zum Hotel „Olympia-Reisen“ fahren.  Aber es war gerade Schichtwechsel und die Gepäckaufbewahrung geschlossen.  Da kam Andreas angerannt und sagte, daß er ein Taxi ergattert hat, und zwar ganz offiziell, demnach auch für den offiziellen Preis.  Wir schleppten die Koffer schnell zum Taxistand zu dem uns angewiesenen Taxi. Taxis gab es Hunderte, aber alle Taxifahrer feilschten und wollten nicht für den normalen Preis fahren.  Aber diesmal waren da zwei Ordnungshüter mit sichtbaren Ausweisen und roten Armbinden, denen die Taxifahrer ohne weiteres gehorchten.  Unser Taxifahrer machte ein saures Gesicht, als er unser Gepäck sah. Er meinte, er könne das gar nicht alles verstauen.  Ich sagte ihm, er solle erst mal aussteigen und den Kofferraum öffnen.  Wir brachten  alles unter: die zwei Koffer  und mehrere Taschen. Außerdem hatten wir noch unseren „Marsik“, einen Zwergpinscher, für den die ganze Reise ungewohnt und nicht leicht war. 

       Ich gab dem Fahrer eine Orientierungsadresse an, und wir fuhren los.  Er murrte den ganzen Weg, daß die Banditen von Schwarzfahrern die vorteilhaftesten Fahrgäste wegschnappen, und er und seinesgleichen müßten für einen Spottpreis arbeiten.  Ich nahm 10 Rubel aus der Tasche und sagte ihm, ein ehrlicher Taxifahrer solle nicht weniger verdienen als ein Bandit und gab ihm das Geld (mehr als den dreifachen Preis).  Der Mann veränderte sich im Nu, er war wie ausgewechselt.  Er wurde gesprächig und fragte, ob wir zum Hotel „Olympia-Reisen“ wollten. Ich bejahte es.  Er sagte: „Na, was verdrehen Sie denn mir dann den Kopf und sagen es nicht gleich.  Ich habe es mir auch so gleich gedacht, wo Sie hinwollen.“  Ich antwortete, daß wir nicht jedem auf die Nase hängen wollten, wohin wir fahren. Er bestätigte, daß die Fahrten auch mit einem echten Taxi nicht immer ungefährlich wären.   Am Hotel sprang er aus dem Wagen und half uns das Gepäck zur Vorhalle zu tragen. Immerhin hatte er mehr als den dreifachen Preis verdient. 

       Im Hotel war die Hölle los.  Wir stellten das Gepäck in einer Ecke ab, und Pauline lief sofort, um Übernachtungsplätze zu ergattern.  Sie kam auch bald mit Formularen zurück, die wir ausfüllen mußten, dann schleppten wir  unsere Sachen in die zweite Etage in das vorgeschriebene Zimmer.  Für Andreas erhielten wir keine Übernachtungserlaubnis, weil er ja nicht ausreiste.  Wir sagten, er hilft uns nur das Gepäck hinauftragen.  Oben, auf der Etage, machte Pauline erst mal mit der Etagenfrau ab, daß er in unserem Zimmer bleiben könne.  Wir müßten aber eine Nacht zu dritt auf zwei Betten schlafen, sagte die Frau.  Das war schon gut.  Am nächsten Morgen wurden Plätze frei und wir bekamen auch ein drittes Bett.  Am anderen Tag kümmerte sich Pauline um die Flugkarten bei der Vertretung der Lufthansa.  Bis Mittag hatte sie sie erhalten.  Jetzt nahmen wir von ihr die Reisepässe und fuhren mit einem Schwarzfahrer schnell zur Botschaft. Wir mußten dort noch einen Haufen Dokumente abgeben, damit sie mit der diplomatischen Post nach Deutschland befördert wurden, denn am Zoll wollte man keine Originale von Urkunden und anderen Dokumenten durchlassen.  Die Botschaft kam da den deutschen Aussiedlern entgegen, denn sie wußten ja, daß das nicht gesetzlich war, was die Zollbeamten mit den Deutschen anstellten.  Die wollten doch nur Schmiergelder herauspressen.  In zwei Stunden war auch das erledigt.  Jetzt mußten wir nur noch auf den Tag unseres Abfluges warten.  Am nächsten Tag, einem Samstag, fuhren Andreas und Pauline  noch mit dem Hund zum Flughafen „Scheremetjewo“, um die Papiere für ihn in Ordnung zu bringen.  Es war ein sehr kalter Morgen, als sie wegfuhren.  Ich nutzte die Gelegenheit  und besuchte den nicht weit vom Hotel gelegenen „Deutschen Friedhof“, wo viele prominente Persönlichkeiten aus dem 18. und 19. Jahrhundert beerdigt waren, unter ihnen auch viele Deutsche.  Als die beiden am Mittag mit dem Hund zurückkehrten, erzählten sie mir, wie alles abgelaufen war.  Zuerst sagten die Veterinäre, daß in der Bescheinigung, die meine Frau aus Frunse für den Hund mitgebracht hatte,    das Vakzin, das dem Hund eingeimpft worden waren,  nicht angegeben sei.  Als Pauline ihnen eine Schachtel Schokolade zuschob, sagten sie: „Na ja, da wollen wir mal sehen, was in solchen Fällen zu machen ist.“ Als dann noch eine Flasche kirgisischen Kognaks hinzukam, da war das ein „solches süßes Hündchen“, und die Sache war in 5 Minuten erledigt. 

       Am nächsten Morgen gab es einen Kampf um den Bus, der uns vom Hotel zum Flughafen bringen mußte.  Er hielt hinter einer Häuserecke, und die Leute wurden immer unruhiger.  Das wurde absichtlich gemacht, damit die Aussiedler mit den Schwarzfahrertaxis fahren sollten, die ihnen den 10-fachen Preis abpreßten.  Erst als sich die Leute an einen Milizionär wandten und ein schreckliches Geschrei veranstalteten, holte der Milizionär den Bus herbei und wir stiegen ein.  So kamen wir auch glücklich über diese Hürde hinweg.  Im Flughafen lief Andreas sofort und brachte einen Kofferwagen. Da konnten wir alles aufladen und leichter hin- und her transportieren. Wir mußten ja auf unser Flugzeug bis 7 Uhr abends warten.

       Ich saß den ganzen Tag beim Gepäck und hatte den Hund auf dem Schoß.  Pauline und Andreas waren noch einmal in die Stadt gefahren und wollten noch irgendwas kaufen.  Am Abend begann die Registrierung der Flugdokumente, die Zollabfertigung usw.  Alles ging gut, bis der Hund an die Reihe kam. Seine Dokumente waren zwar in Ordnung, aber er mußte gewogen werden (er wog 1,8 kg), und wir mußten für ihn 12 Rubel  zuzahlen.  Aber wir hatten ja keine Rubel mehr. Es war gut, daß Andreas nicht weggegangen war, er sah alles und reichte Pauline 12 Rubel durch das Gitter.  Bis wir gezahlt hatten, war unsere Gruppe schon weg, und wir wußten nicht, wohin es jetzt ging. Wir waren ja zum ersten Mal in Scheremetjewo.  Wir fragten einen Milizionär, der uns ziemlich unzufrieden und grob den Weg  zum Warteraum zeigte.  Wir fanden ihn auch, aber jetzt gab es noch ein Problem. Man hatte uns befohlen, wir sollten den Hund in eine Plastiktasche stecken, denn die deutsche Flugzeugbesatzung würde keine nackten Hunde im Flugzeug dulden.  Wo sollten wir denn jetzt einen Plastikbeutel hernehmen?  Eine Frau machte eine kleine Plastiktasche leer und gab sie uns.  Aber der Hund paßte da nicht hinein, obwohl er selbst ganz klein war.  Ich schickte meine Frau zu einem Intershopgeschäft, das ich unterwegs in der Halle gesehen hatte.  Sie kam auch bald mit einer Plastiktasche zurück. Man hatte sie ihr dort sogar geschenkt. Jetzt hatten wir eine passende Hülle für unseren Hund.

       Ich hatte einen warmen Wintermantel mit Pelzkragen an.  Auch darunter noch Anzug, Jacke, Hemden und mehrere Hosen, auf dem Kopf eine warme Mütze aus Sumpfbiberfell.  Einerseits war es an jenem Tag in Moskau sehr kalt, andererseits zog ich, soviel ich konnte, auf den Leib, damit weniger zu tragen war. Jetzt war ich durch und durch  verschwitzt.  Und wir mußten in der Wartehalle so sehr lange warten.  Endlich wurden  wir zum Flugzeug geführt, das glücklicherweise direkt vor der Halle stand. Erst als ich da hineinkam und Mantel und Mütze abgelegt hatte, fühlte ich mich beruhigt und frei. Jetzt war ich sicher, daß wir nach Deutschland fliegen. Zuvor hatte ich immer noch Angst, es könnte noch was dazwischenkommen.

       Gewöhnlich tritt nach dem Streß, dem die Aussiedler in den letzten Monaten in der alten Heimat ausgesetzt sind, schon im Zug oder im Flugzeug, hauptsächlich, wenn das eine Maschine der Lufthansa ist, eine Erleichterung ein.  Das Flugzeug ist sehr geräumig, das Dienstpersonal sehr höflich und entgegenkommend.  Es gibt hier nicht die stimmungsverderbenden Verbote: man darf kein Gepäck auf die Gepäckträger über den Sitzen legen, man darf nicht im Gang stehen, man darf nicht ein übriges Mal was fragen – all das, woran wir uns dort schon gewöhnt hatten, das gibt es hier nicht. Man darf alles, was nicht ausdrücklich verboten ist.  Das gilt im Allgemeinen in Deutschland überhaupt. Ich hatte das Gefühl, als säße ich in einem Kinosaal.  Als erstes wandte ich mich an die Bedienung und bat um etwas Wasser für den Hund.  Der fühlte sich schlecht und war sehr beunruhigt.  Er kletterte von meinem Schoß zu Pauline und wieder zurück.  Er lenkte eine wohlwollende Aufmerksamkeit der Passagiere und des Personals auf sich.  Wir brauchten ihn natürlich nicht in die Plastiktasche zu stecken.  Dann bekamen wir Getränke und auch reichlich zu essen.






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© Ýòà ñòðàíèöà ÿâëÿåòñÿ íåîòúåìëåìîé ÷àñòüþ ñàéòà DIE GESCHICHTE DER WOLGADEUTSCHEN.