Meine Tätigkeit an der Kirgisischen Staatlichen Universität
(1967-1988)


       Die  21 Jahre meiner Tätigkeit an der Universität  spielten in meinem Leben eine derart wichtige Rolle, daß ich es für notwendig halte,  ihnen ein spezielles Kapitel zu widmen.

       Nach 12 Semestern Abendstudium  hatte ich mein Diplom als Deutschlehrer erhalten.  Da es an qualifizierten Deutschlehrern am deutschen Lehrstuhl mangelte,  behielt man mich sofort als Lehrkraft  einer russischen  (sprich: europäischen) Studiengruppe.

       An der deutschen Abteilung wurden jährlich 50 Abiturienten immatrikuliert  (an der englischen – 80,  an der französischen – 30).  Manchmal  wurden an jeder Abteilung noch  10 – 20  Kandidaten  aufgenommen,  die nach dem ersten Semester entweder immatrikuliert oder weggeschickt wurden, je nach dem, was für Kenntnisse und Bestreben sie aufwiesen.  An der deutschen Abteilung wurden aus den 50 – 60  Studenten und Kandidaten  5 Studiengruppen gebildet: 2 russischsprachige Gruppen,  die sich der Nationalität nach aus Russen, Deutschen, Juden, Koreanern, Chinesen u.a.  und Kirgisen, die eine russische Schule absolviert hatten, zusammensetzten, und  3 Gruppen, die ausschließlich aus Kirgisen bestanden, die eine kirgisische Schule absolviert hatten.  Nach erfolgreichem  fünfjährigem Studienabschluß, der mit einer obligatorischen  Staatsprüfung  im Fach „Wissenschaftlicher Kommunismus“ und in den Fächern  Deutsche Sprache  und Deutsche Literatur,  oder einer Diplomarbeit  zu einem Aspekt der deutschen Sprache  endete,  erhielten die  Absolventen das Diplom eines Deutschlehrers  für die Mittelschule und Übersetzers.  Anschließend erhielten sie eine Einweisung in irgendeine Schule der Kirgisischen Republik, wo Deutschlehrer gebraucht wurden.  Nach zwei Jahren Arbeit an der vorgeschriebenen Schule  erhielten sie das Recht,  sich selbständig eine Arbeitsstelle zu suchen.

       Eine Studiengruppe enthielt  8 bis 12  Studenten,  die aus ihren Reihen einen Gruppenältesten wählten.  Aus den Reihen der Lehrkräfte  erhielt die Gruppe  einen Kurator (Betreuer), der  diese Gruppe gewöhnlich  vom ersten bis zum letzten Studienjahr  betreute.  Wie gesagt, waren die Studiengruppen ihrem nationalen Bestand nach  sehr mannigfaltig.  Eine Gruppe aus  10-12 Personen konnte aus  4-5  und mehr Nationalitäten bestehen.  Es muß unterstrichen werden, daß es niemals  zu Meinungsverschiedenheiten  oder gar Zusammenstößen  auf nationaler Grundlage kam.  So etwas wäre auch  niemals  zugelassen, sondern streng geahndet worden.  Aber außerhalb der  Lehr- oder Arbeitsstellen,  auf der Straße, im Verkehrsmittel,  im Geschäft oder anderen  öffentlichen Stellen kam es manchmal zu Beschimpfungen  auf nationaler Grundlage.  Aber auch dies wurde gewöhnlich von der Öffentlichkeit  verurteilt.

       Anders war es, wenn    in der Gruppe  ein Mitglied  einer religiösen  Sekte oder Konfession   entdeckt wurde.  Es wurden natürlich gegen solch einem Studenten keine offiziellen Maßnahmen ergriffen  (das wäre verfassungswidrig gewesen), aber es wurde  gezielte antireligiöse Propaganda  betrieben,  hauptsächlich von Seiten des Komsomol  (Kommunistische Jugendorganisation) oder der Partei,  die dem Betroffenen das Leben sauer machte.  Aber es kamen solche Fälle vor, die meistens von den Studiengenossen  gedeckt wurden.  Auch manche Lehrer wußten davon und nahmen es stillschweigend hin, oder taten, als ob sie nichts wüßten.  

       Das Hauptfach Deutsch war in Aspekte gegliedert:  Analytik,  Grammatik,  Phonetik,    Orthographie,  Zeitungslektüre,  Stilistik, Lexikologie und selbständige Hauslektüre.  Dann wurde noch Landeskunde unterrichtet,  die die Studenten mit der Geschichte, der Geographie,  Kultur und Wirtschaft  des jeweiligen Landes  bekanntmachte,  d.h.  der DDR  und der BRD. Die Lehrer spezialisierten sich gewöhnlich  auf zwei bis vier  Sprachaspekte.  Ich unterrichtete gewöhnlich  praktische Phonetik im 1. Studienjahr in der Gruppe, wo ich als Betreuer tätig war, praktische Grammatik,  Hauslektüre,  Zeitungslektüre,  seltener  Analytik in den ersten Studienjahren und leitete Übersetzungspraktiken,  Jahres- und Diplomarbeiten.  In den letzten 15 Jahren war die Landeskunde  fast ausschließlich mein Prärogativ.  Viele Studenten schrieben Diplomarbeiten zu Themen der Landeskunde,  die ich persönlich vorschlug, oder, die sie auch selbst auswählten.  Das waren z.B. solche Themen  wie: „Martin Luther und seine Rolle in der deutschen Reformation“, „Etymologie der deutschen geographischen Namen von Flüssen, Seen und Gebirgen“, „Sitten, Bräuche und Feste in der Bundesrepublik Deutschland“,  „Sitten, Bräuche und Feste des deutschen Volkes in der Literatur“,  „Der deutsche Humanismus und seine Rolle in der Vorbereitung der Reformation“,  „Neue deutsche Nachkriegslexik und ihre geschichtliche Grundlage“,  „Deutsch-Russisch-Kirgisisches Lexikon der Geschichte Deutschlands“ u.v.a.

       Die langjährige Arbeit an der Landeskunde  trug dazu bei, daß  ich zweimal  die Bundesrepublik  auf Einladung von Verwandten  während der Sommerferien besuchen durfte.  Diese Besuche wiederum  halfen mir,  Kenntnisse und Material für meine Arbeit  an der Universität  zu sammeln.  Die Landeskunde Deutschlands  war, wenigstens zu jener Zeit,  eines der beliebtesten  Fächer  der Studenten der deutschen Abteilung.  Zweimal im Jahr kamen  zu uns, d. h. an die Universität, Deutschlehrer aus den Schulen  der Rayons und der Hauptstadt Frunse  zu vierwöchigen  Weiterbildungskursen und Seminaren, wo sie ihre Kenntnisse nicht nur in der deutschen Sprache erweiterten, sondern auch  mit besonderer Vorliebe die Vorlesungen in der Landeskunde besuchten.  Hier muß hervorgehoben werden,  daß zu jener Zeit die  Einwohner Kirgisiens (auch der anderen Republiken der Sowjetunion)  nur ganz wenige Möglichkeiten hatten, sich über Deutschland, hauptsächlich über die Bundesrepublik,  zu  informieren.  In den 60er – 70er  Jahren  waren noch verhältnismäßig wenige Deutsche aus der Sowjetunion nach Deutschland emigriert,  und die Verbindung mit Deutschland, hauptsächlich mit der Bundesrepublik,  war  noch sehr spärlich.  Die wenigen Deutschen, die  in der Bundesrepublik Verwandte oder Freunde hatten  und Briefwechsel unterhielten,  oder gar  sie besuchen durften,  stellten dies nicht besonders zur Schau. 

       Außer den oben angeführten  Fächern, die alle zur deutschen Sprache gehörten,  wurden die  Studenten  der deutschen Abteilung an der Universität noch in folgenden anderen Fächern  unterrichtet:

       Geschichte der KPdSU,  Marxistisch-leninistische  Philosophie,  Politische Ökonomie,  Wissenschaftlicher Atheismus,  Pädagogik,  Psychologie,  2 Semester Kirgisische  Sprache,  1 Semester Latein,  Ausländische Literatur,  1 Fremdsprache (Englisch oder Französisch)  u.a. 

       Große Bedeutung wurde der politischen und kulturellen Erziehungsarbeit  beigemessen.  Einmal  in der Woche wurden sogenannte Kuratorenstunden durchgeführt, wo die Studenten der Reihe nach  kurze politische Informationen aus aller Welt vorbereiteten  und damit vor der Gruppe auftraten.  Außerdem wurden Berichte über kulturelle Ereignisse  und  erzieherischen Charakters  erstattet.  Alle diese Maßnahmen  wurden unter der Leitung des Kurators durchgeführt, der einen schriftlichen Arbeitsplan dazu dem Dekanat vorlegen mußte,  sowie auch eine Abrechnung über dessen Erfüllung.

       Meine Vorlesungen in der Landeskunde wurden  öfters  von Vertretern des Rektorats, der Parteiorganisation  oder des Dekanats geprüft.  Dabei kam es manchmal zu kuriosen Fällen.  Ich hatte eine Broschüre,  wo in Farbe  eine Tabelle abgebildet war, die das Bruttonationalprodukt  der 10 führenden Länder der Welt darstellte.  Diese Tabelle ließ ich von einem Studenten, der sehr schön zeichnete,  in Großformat anfertigen und hängte sie zu den anderen Anschauungsmitteln an die Wand.  Die Sowjetunion war auf dem 8. Platz.  Diese Tabelle kam einem Vertreter des Rektorats unter die Augen.  Noch am selben Tag  mußte ich die Tabelle ins Dekanat bringen, von dort wurde sie ins Rektorat geholt.  Nach drei Tagen durfte ich sie wieder aus dem Dekanat abholen.  Der stellvertretende Dekan  sagte mir, ich solle sie nicht heraushängen.  Sie kompromittiere  die Sowjetunion.  Er meinte, ich hätte die Angaben  pro Personen  geben sollen.  Ich mußte ihm dann 10 Minuten lang erklären, daß eine solche Tabelle die Sowjetunion noch mehr bloßstellen würde.

       Das größte Problem  in meiner Arbeit als Lehrer  an der Universität,  sowie auch aller anderer Lehrkräfte,  war der „Druck  von oben“,  die „Prozentenmanie“,  das heißt,  daß wir  angehalten wurden,  jedes Jahr  möglichst so viele  Lehrer herauszulassen  wie vor 5 Jahren  Abiturienten  immatrikuliert wurden.  Das wirkte sich negativ auf die Qualität  der  fachlichen Kenntnisse  der Absolventen  aus.

       Das zweite Problem war,  daß die Studenten sowie auch die Lehrer alljährlich  ein bis zwei Monate der Lehrzeit  und auch einen beträchtlichen Teil  der Ferien auf den Feldern der Kolchose und Sowchose  bei der Ernte der Feldfrüchte  und in der Heuernte verbringen mußten. So daß das Lehrprogramm, das auf 5 Studienjahre berechnet war,  praktisch in 4 Jahren bewältigt werden mußte.  Außerdem  wurden die Studenten  regelmäßig zu den sogenannten „Subbotniks“ herangezogen,  wo sie unentgeltlich die Lehrräume  und das anliegende Territorium  aufräumen und saubermachen mußten.  Nicht diese Arbeit selbst  fiel den Studenten  schwer  oder störte sie beim  Studium,  sondern die Tatsache, daß es bei diesen Arbeiten nicht gerecht zuging.  Die Faulen drückten sich    vor der Arbeit,  wo und wie sie nur konnten,  so daß sich  die mehr Gewissenhaften dann  benachteiligt fühlten,  und die Schlaueren von ihnen  es dann den ersten  nachmachten.

       So verliefen  die Jahre meiner Tätigkeit an der  Kirgisischen Staatlichen Universität.  Es waren für mich schwere, aufreibende,  aber glückliche Jahre.






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