Neuer Anfang


       Nach dem Tod meiner Frau dachte ich sehr viel über das Leben nach, über die Winzigkeit des Menschen, über das unnötige (wie mir schien) Streben des Menschen nach einer Zukunft. Da schmiedet der Mensch Pläne für Jahre voraus, dann kommt plötzlich der unerbittliche Tod, rafft den Menschen im Nu hinweg und alles ist verloren, alles Planen und Streben war umsonst. Ich hatte ja jahrelang gelebt mit der Angst, daß der Tod meine Frau hinwegraffen würde, hatte aber doch nicht gedacht, daß das so schnell, so plötzlich geschehen würde. Ich hatte mich schon daran gewöhnt, mit der Angst zu leben, mit der Unbequemlichkeit eines Lebens mit einer schwerkranken Frau. Ich hatte mein Leben schon danach eingerichtet, konnte mir gar nicht mehr vorstellen, wie das ist, mit einer gesunden, starken Frau zu leben. Jetzt mußte ich mich daran gewöhnen, alle Entscheidungen im Leben, im Alltag, allein zu treffen. Das Leben ging weiter, aber es wurde, da ich jetzt ganz allein war, noch unbequemer als mit der kranken Frau. Der Kleine war nach dem Pionierlager, wo er insgesamt nur 4 Wochen verbrachte, oft in Kant bei der Großmutter und der Tante Anja. Aber ich mußte jemand um mich herum haben. So ließ ich nach einem Monat meine Mutter und die Schwester Lili wieder von Jegorjewka nach Frunse zu mir kommen. Wir hatten jetzt Platz in der Wohnung genug. So schien es mir. Ich forderte sie nicht auf dazu, bat sie auch nicht wie das erste Mal, ich hatte es ihnen einfach empfohlen. Sie waren auch der Meinung, daß es für uns alle besser wäre, wenn wir hier zusammen wären. Lili hatte in Jegorjewka eine schwere Arbeit und es ging ihnen nicht gut. Ich half Lili und sie wurde in unserem Werk in der Armaturenabteilung als Netzbinderin, dann als Schweißerin eingestellt und verdiente nicht schlecht. Die Mutter war zu Hause. Adolf ging wieder in die Schule. Ich studierte weiter an der Abendfakultät, hatte es jetzt aber leichter als früher. An Heiraten dachte ich natürlich noch nicht. Vor dem Heiraten hatte ich Angst. Ich hatte Angst, daß mein Sohn durch das Gründen einer neuen Familie beleidigt werden könnte.

       Als Berta noch lebte, fuhren wir manchmal nach Kant zu ihren Verwandten, meistens nämlich zu ihrem Vetter Jakob Becker junior. Der hatte schon xmal geheiratet. Zu jener Zeit lebte er mit Pauline Friedrich zusammen. Von der vorigen Frau, der Russin Soja Skorochodowa, hatte er zwei Kinder, einen Sohn Wolodja und eine Tochter Larissa. Seine jetzige Frau Pauline konnte infolge eines Unfalls in der Kohlengrube keine Kinder bekommen. Sie hing jetzt mit ganzem Herzen an der kleinen Larissa, die damals, als Pauline zu dem Becker kam, gerade 10 Monate alt war und bei Sojas Mutter lebte. Der vierjährige Wolodja lebte bei Jaschas Mutter. Jetzt nahm Pauline die kleine Larissa zu sich. Soja, die eigentliche Mutter des Kindes, war weggefahren. Sie kam nur immer und holte die Kinder weg, wenn der Jascha aufhörte, Alimente zu zahlen. Sobald sie wieder das Geld erhielt, ließ sie die Kinder wieder beim Vater und seiner neuen Frau Pauline. Pauline hatte es bei dem impulsiven Jakob Becker nicht leicht. Er betrog sie auf Schritt und Tritt mit anderen Frauen, beschimpfte sie unflätig und wenn er betrunken war, schlug er sie und bedrohte sie sogar mit dem Beil. Er hielt sie nur als Arbeitskraft für die große Wirtschaft, die er besaß. Wenn wir mit Berta, meiner Frau, zu ihnen kamen, tat mir die Frau immer leid. Sie hielt die Wohnung stets in bester Ordnung, versorgte die Kinder und das Vieh, mußte auf Arbeit gehen, nähte zu Hause (sie war eine gelernte, gute Näherin), war sehr kinderlieb und sehr unglücklich, weil sie keine eigenen Kinder haben konnte. Schließlich hielt sie das Leben bei dem Becker nicht mehr aus und verließ ihn. Ihr Vater holte sie wieder zu sich nach Hause. Das war das zweite Mal, daß sie ihn verlassen hatte, genau drei Monate vor Bertas Tod.

       Nach der Beerdigung meiner Frau mußte ich unseren Sohn wieder ins Pionierlager bringen. Er brauchte ein neues weißes Hemd, und ich wandte mich an Pauline, sie sollte dem Jungen eins nähen. Ich besuchte sie im Atelier während der Mittagspause und rief sie heraus in den Korridor. Hier brachte ich meine Bitte vor. Sie sagte, ich solle im Laden weißen Stoff kaufen und ihr bringen, morgen würde das Hemd fertig sein. Dann klagte sie über ihr Schicksal und fragte, ob ich in Frunse nachsehen könnte, ob in irgendeinem Atelier Näherinnen oder Zuschneiderinnen gebraucht würden. Sie würde gern in der Stadt arbeiten und sich dort auch eine Wohnung suchen. Dann sagte sie plötzlich: Und später würden wir zwei vielleicht auch zusammenfinden. Ich würde deinen Sohn nicht beleidigen, da brauchst du keine Angst zu haben. Sie wurde rot im Gesicht und lief weg. Sie hatte doch wohl schon von jemandem gehört, daß ich keine Kinder mehr wollte, wegen des Jungen. Ich hatte mich vielleicht einmal irgendwo ähnlich geäußert, und das hatte sich herumgesprochen. Ich hatte nach Bertas Tod schon einige Male ähnliche Andeutungen gehört von anderen Frauen, aber so geradeheraus hatte mir solch einen Antrag noch keine gemacht. Pauline war dem Charakter nach nicht mein Typ, und ich hatte ihr damals eine nichtssagende Antwort gegeben, so halb im Spaß. Ich sah aber, daß es ihr todernst war. Ich fuhr in jenem Sommer und Herbst einige Male nach Kant und war meist in Gesellschaft von Bertas Schwester Anja und ihrer Freundin Maria. Die hatten sich gewiß auch irgendwelche Hoffnungen für die Zukunft gemacht, wobei meine Person mit einkalkuliert war. Später kehrte ich auch bei den Friedrichs ein, bei Pauline. Aber ich hatte noch keinen festen Entschluß gefaßt, was ich tun sollte. Ich besuchte oft den Friedhof, Bertas Grab, brachte Blumen dorthin. Da die Friedrichs unweit vom Friedhof wohnten, ging ich manchmal auch zu ihnen herein. Pauline ging manchmal mit auf den Friedhof. Unsere Gespräche hatten stets nur einen nicht konkreten Charakter. Mir imponierte die Frau, auch das, daß sie keine Kinder bekam (das am meisten), ihr Äußeres, ihr Fleiß. Aber in unseren Gesprächen gab ich ihr unmißverständlich zu verstehen, daß ich sie nicht liebe, aber mit etwas Verstand und Geduld würden wir vielleicht miteinander auskommen. Sie antwortete auf gleiche Weise. Aber eins stand fest, daß ich in diesem Jahr nicht gedenke zu heiraten. Natürlich wußten ihre Arbeitskolleginnen Bescheid, manche warnten sie, daß sie nur drei Klassen Schulbildung habe und ich an der Universität studiere da könne nichts Gescheites herauskommen. Solche Bedenken schlug sie in den Wind, und ich antwortete darauf genauso. Ich hatte damals nicht damit gerechnet, daß verschiedene Interessen in der Familie, zwischen Eheleuten, große Probleme mit sich bringen könnten.

       Pauline hatte noch in jenem Sommer Arbeit in einem Atelier im Zentrum von Frunse gefunden. So fuhr sie jeden Tag mit dem Zug zur Arbeit und wieder zurück nach Kant, wie ich es einst getan hatte.

       Ich weiß nicht mehr, was damals den konkreten Anlaß dazu gegeben hatte, aber am 17. Dezember 1962 holte ich sie aus Kant zu mir nach Frunse. Wir waren jetzt dem Charakter nach eigentlich drei Familien in einer: ich und mein Sohn (wir hatten unsere Gewohnheiten); die Mutter und Lili (die hatten ihre Gewohnheiten), Pauline (die war wiederum an anderes gewöhnt). Anfänglich ernährten wir uns gemeinsam. Zur Verpflegung legten wir das Geld zusammen: Lili anderthalb Teile, wir mit Pauline dreieinhalb Teile. Das ging nicht lange gut. Dann teilten wir unsere Ernährung, jeder kochte für sich, d.h. die Mutter und Lili zusammen und wir. Jetzt schienen anfänglich alle zufrieden zu sein, die Stimmung in der Familie hob sich. Aber auch das währte nicht lange, es gab immer etwas, was dem einen oder dem anderen nicht paßte. Am meisten bohrte Pauline. Vor unserer Heirat freute sie sich auf die große Familie, sie sei das gewöhnt, sie seien schon immer eine große Familie gewesen. Dann warf sie mir vor, sie habe ihr Leben lang noch nicht selbständig sein können, und jetzt wieder nicht. Um einen größeren Streit zu vermeiden, schlug ich der Mutter und Lili vor, sie sollten in eine eigene Wohnung gehen. Ich versprach ihnen, daß ich helfen werde, wo ich nur kann. Es war ja auch ziemlich eng für 5 Personen in der 44 Quadratmeter großen Wohnung. Wir fanden ganz in der Nähe eine Sommerküche. Natürlich half ich beim Einrichten der Wohnung, half für den Winter Holz und Kohle beschaffen. Im Mai 1963 bezogen die Mutter und Lili ihre selbständige Privatmietwohnung.

       Im selben Monat 1963 wurde unsere Ehe im Standesamt registriert. Früher ging es nicht, die Papiere meiner Frau waren nicht in Ordnung. Meine Frau nahm mir jegliche Hausarbeit ab, so daß ich in Ruhe meiner Arbeit im Werk und meinem Studium an der Universität nachgehen konnte. Auch materiell ging es uns besser, wir waren ja jetzt zwei Verdiener. Außerdem verdiente Pauline noch viel zu Hause beim Nähen.

       Größere Probleme gab es jetzt mit unserem Sohn. Pauline wünschte, daß er Mama zu ihr sagen sollte, sie wollte auch mal Mama sein. Der Junge war auch einverstanden. Er übte sich sogar, seine neue Rolle zu spielen. Aber, als er dann in den Frühjahrsferien eine Woche in Kant bei seiner Großmutter war, kam er ganz verändert von dort zurück. Er weigerte sich nicht nur, Pauline mit Mama anzurufen, er verweigerte ihr überhaupt jeglichen Gehorsam. Er erzählte dann, die Großmutter hätte ihm gesagt, sie sei nicht seine Mutter, deshalb brauche er auch nicht Mama zu ihr sagen. Die Beziehungen zwischen Pauline und dem Jungen spitzten sich immer mehr zu, besonders, wenn er nach dem Wochenende aus Kant zurückkehrte. Ich wußte ja ganz gut, daß das Problem nicht in den Pauline Adolf Beziehungen bestand, sondern darin, daß die Schwiegermutter die Hoffnung gehegt hatte, ich würde Bertas Schwester Anja zur Frau nehmen, da hätten sich dann die Beziehungen in der Familie nicht verändert, und die Anja wäre gut unter die Haube gekommen (sie war immer noch ledig). Als sich diese Hoffnung nicht erfüllt hatte, wurde die Schwiegermutter sauer und suchte, Pauline eins auszuwischen, was ihr auch gewissermaßen gelang. Ich hatte selbst Paulines Idee, daß der Junge Mama zu ihr sagen sollte, und zwar auf Geheiß, für ziemlich absurd gehalten. Eine andere Sache wäre es gewesen, wenn sie das Kind mit ihrem Benehmen und Verhalten zu ihm so weit gebracht hätte, daß er sie selbst, aus eigenem Trieb, Mama genannt hätte. Das hatte ich auch versucht, ihr beizubringen, aber vergebens, sie kannte ja das Mutter Kind Gefühl nicht. Sie versuchte, ihren innigen Wunsch von oben durchzusetzen und hatte jetzt mit Hilfe der Schwiegermutter das Gegenteil erzielt, der Junge wurde geradezu stur. Das ging mir zu weit. Ich fuhr nach Kant und sagte der alten Dame direkt ins Gesicht, daß, wenn sie den Jungen auch weiterhin aufhetzen würde, ich ihn nicht mehr nach Kant zu ihr fahren lassen würde. Immerhin wäre für seine Erziehung ich verantwortlich und nicht sie. Das half, zwischen Pauline und der Fallers-Familie (meine erste Frau war eine Faller) entwickelten sich im Weiteren geradezu freundschaftliche Beziehungen, wir besuchten sie, und sie kamen oft zu uns nach Frunse. Adolf nannte aber Pauline nicht Mama, er konnte es einfach nicht, brachte es nicht über die Lippen. Ich sagte ihm, er könne sie ja Tante Pauline nennen, das wollte er auch nicht, das sei zu beleidigend für sie. Ihre Beziehungen konnte man ja als gute bezeichnen, aber er vermied, Pauline irgendwie anzurufen. Als er älter wurde, rief er sie Mamascha, das war schon besser.

       Es gab manchmal Schwierigkeiten und Meinungsverschiedenheiten, aber, wir haben es geschafft, haben alle Klippen überwunden und unser Eheleben gemeistert. Im Dezember 2002 feierten wir unser 40-jähriges Jubiläum des gemeinsamen Kampfes um eine friedliche Koexistenz. Wir begingen dieses Ereignis mit einer Reise in die Ukraine und auf die Krim (Siehe Ukrainereise 2002).

       1967 erhielt ich nach der Beendigung der Universität und der Verteidigung meiner Diplomarbeit (ein grammatisches Thema: Syntaktische Funktionen der unflektierten Form in den verbal-adjektivischen und verbal-partizipialen Wortverbindungen der deutschen Gegenwartssprache) das Diplom eines Deutschlehrers. In den 2 letzten Jahren meines Studiums an der Universität leitete ich in den Sommermonaten ein Übersetzungspraktikum. Dann behielt man mich auch als Lehrkraft an unserem Lehrstuhl für deutsche Sprache. Außerdem hielt ich Vorlesungen und leitete Seminare in Landeskunde Deutschlands (DDR + BRD). Meine Lehrtätigkeit am deutschen Lehrstuhl der Universität Frunse begann offiziell im September 1967. Wir bildeten Deutschlehrer für die Schulen Kirgisiens aus. 5 Jahre arbeitete ich für den Spottlohn von 105 Rubel im Monat, (vergleiche: in den letzten Jahren verdiente ich im Stahlbetonwerk als Betonierer bis 200 Rubel im Monat). Nach 10 Jahren wurde ich Oberlehrer und erzielte einen Monatslohn von 185 Rubel. Insgesamt war ich an der Universität bis März 1988, bis ich in Rente ging, d.h. rund 21 Jahre tätig.

       Als ich im März 1988 die letzten Tage abgearbeitet hatte und in Rente ging, veranstaltete ich zu Hause eine kleine Abschiedsfeier von meinen Kollegen, d.h. von den Lehrern der deutschen Abteilung. Am Tisch verlas Frau Schurr, mit der ich vom ersten Tag meiner Tätigkeit an der Fakultät zusammenarbeitete, ein von ihr verfaßtes Gedicht, in dem sie in humorvoller Form meinen ganzen 60-jährigen Lebenslauf sehr treffend wiedergab. Ich glaube, es ist auch für meine Leser nicht uninteressant und führe es deshalb hier, an dieser Stelle, an.

Hans Herber gewidmet

Vor 60 Jahren in Boaro geboren,
hat er im Leben gehungert, gefroren.
Wenn man dran denkt, da wirds einem bange.
Ist ein paar Jahr in die Schule gegangen...
Aber das Leben ist manchmal verzwickt,
und unser Hans wird gen Osten verschickt.
Ist nicht mal fünfzehn und schon Trudarmee.
Hart ist die Arbeit bei Frost und im Schnee.
In der Taiga hat er Bäume gefällt,
oft ohne Essen, geschweige denn Geld,
hatte keine Kopeke in den Hosenficken,
ja nicht mal nen Lappen, die Hosen zu flicken.
Von solchen Strapazen könnt viel man noch sagen...
Nun hat ihn das Schicksal nach Frunse verschlagen.
Abends studierte er mehrere Jahre,
einbüßen mußte er Zähne und Haare.
Nach Abschluß ist er an der Uni geblieben,
auf Tabak und Baumwoll wird oft er getrieben,
Hans unterrichtet, kuriert, kontrolliert,
daß nicht, Gott bewahre, mit wem was passiert.
In Deutschlands Geschichte kennt er sich gut aus,
doch leider macht mancher Student sich nichts draus.
Das ärgert den Hannes, und er wird nervös,
deswegen wird mancher Student ihm auch bös.
Für seine Studenten tut Hans, was er kann:
Er weckt sie am Morgen, er kleidet sie an.
Nicht selten tut er sie im Heime besuchen,
verwöhnt sie mit Paulinas Bretzeln und Kuchen.
Wenn Kuchen nicht helfen, dann greift er zur Rute,
dabei ist ihm unheimlich scheußlich zumute.
In vielen Sachen ist Hannes naiv,
im Drange nach Ordnung, da greift er zu tief.
Beim Arbeiten hat er wohl niemals versagt,
hat selber geschuftet und andre geplagt.
War mießpetrig manchmal, doch niemals unfair,
war ehrlich und fleißig wenn jeder so wär!
Und jetzt ist er Rentner und klug wie n Professor,
(ein klein bißchen dümmer, das wär, scheints mir, besser.)
Trägt modische Pullis und Schuh Salamander,
und wird von Pauline verwöhnt wie kein andrer,
kriegt Geld vom SOBES und vom Funkkomitee,
kann tagsüber liegen, die Füß in die Höh.
Muß manchmal was schreiben? Das fällt ihm nicht schwer.
Na, sag mal, Johannes, was willst du noch mehr?!

       In den Jahren meiner Tätigkeit an der Universität machte ich fast jeden Sommer während der Ferien eine Bildungsreise, um nicht in der Allgemeinbildung hinter meinen Studenten zurückzubleiben. Ich war in Leningrad und Umgebung, im Baltikum, im Kaukasus an der Küste des Schwarzen Meeres, in Kiew und in der Westukraine, machte eine Schifffahrt auf der Wolga von Jaroslawl bis Saratow, war oftmals zur Erholung am Hochgebirgssee Issyk-Kul in Kirgisien, war im Fernen Osten in der unmittelbaren Nähe der chinesischen Grenze, war mehrere Male in Kasachstan und im Altai bei meinen Verwandten zu Besuch, machte eine Touristenreise durch Polen und die DDR, war zweimal in der Bundesrepublik Deutschland, war in Moskau. Ich wurde oftmals auch als Dolmetscher für Gruppen und Einzelpersonen, hauptsächlich Gelehrte, die Kirgisien besuchten, herangezogen. Ich war in der Industrie- und Handelskammer Kirgisiens als Dolmetscher und Übersetzer registriert. Außerdem war ich mehrere Jahre als Mitarbeiter des deutschen Rundfunks Kirgisiens tätig. In der Zeit der Perestroika (politische und ökonomische Umgestaltung unter Gorbatschow) kamen oft Journalisten und Regisseure aus der Bundesrepublik nach Kirgisien. Da sprang ich auch als Dolmetscher ein, half Fernsehfilme über die Deutschen in Kirgisien drehen.

       Seit 1988 war ich in Rente. Ich erhielt nach 46 Arbeitsjahren ganze 102 Rubel Rente. Ich machte mir aber Nebenverdienste, wie gesagt, als Dolmetscher und Übersetzer. Außerdem organisierte ich Familienkurse für deutsche Sprache für diejenigen, die in die Bundesrepublik auswandern und jetzt Deutsch lernen wollten.

       In meiner Tätigkeit als Deutschlehrer war ich unermüdlich, denn ich liebte diese Arbeit. Ich stand meinen Studenten Tag und Nacht zur Verfügung und half, wo ich nur konnte, meinen jüngeren Kollegen. Und meine Hilfe wurde oft in Anspruch genommen. Ich verlor die Verbindung zu meinen Studenten und deren Familien auch nicht, wenn sie selbst schon längst im Berufsleben standen. Ich wurde nicht müde, den Studenten zusätzlichen Unterricht zu erteilen, in Deutsch oder in Landeskunde, an der Fakultät, im Studentenheim oder zu Hause bei mir. Ich bemühte mich, Studenten und Lehrer soviel wie möglich über Deutschland und die deutsche Sprache aufzuklären. Ich suchte Begegnungen mit deutschen Touristen, wo und wann es nur möglich war, hörte jahrelang am Rundfunk die Deutsche Welle (was damals gar nicht ungefährlich war), unterhielt Briefwechsel mit Kollegen und anderen Personen aus beiden Teilen Deutschlands. Aber das war mir alles zu wenig. Seit vielen Jahren hegte ich den heimlichen Wunsch, nach Deutschland umzusiedeln, um die deutsche Kultur und das deutsche Leben aus erster Hand kennenzulernen.






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© DIE GESCHICHTE DER WOLGADEUTSCHEN.