Die letzten Tage meiner Frau


       Am 1. Mai 1962 erhielten wir eine Kommunalwohnung 2 Zimmer, Küche, Bad und im Keller einen Abstellraum in einem ganz neuen Haus, im 2. Stock, insgesamt 44 Quadratmeter Wohnfläche. Um diese Wohnung mußte ich lange und hart kämpfen. Ich war in der Wohnungsliste in unserem Betrieb der hundertvierte Mann. Als ich den Gewerkschaftsleiter fragte, der für die Verteilung der Wohnungen zuständig war, wie lange wohl die Wartezeit dauern würde, antwortete er: Wir bekommen 2, selten 3 Wohnungen jährlich, jetzt kannst du selbst rechnen, wann du an die Reihe kommst. Da war guter Rat teuer. Wir lebten in der Sommerküche eng aufeinander gepfercht, ohne irgend welche Bequemlichkeiten, das Wasser holten wir im Eimer von einem Pumpbrunnen auf der Straße, aus dem Ofen mußte jeden Morgen die Asche herausgekratzt und hinausgetragen werden, dann mußte er mit Holz und Kohle geheizt werden. Es gab nur ein Stübchen und einen kleinen Flur. In der Stube schlief die kranke Frau in unserem Ehebett, an der Wand gegenüber schlief der Sohn in seinem Kinderbett, ich schlief auf einem Klappbett, das zwischen den zwei Betten aufgestellt wurde. Oft war die Schwiegermutter da, dann schlief sie auf meinem Klappbett, ich begnügte mich mit einer Matratze auf dem Fußboden vor (beinahe unter) dem Bett meiner Frau. Wenn ich nachts den Notarzt rufen mußte, konnte der gar nicht an die Kranke herankommen. Die Ärzte gaben mir eine Bescheinigung über unsere Wohnungslage, halfen mir, einen Antrag an das Gesundheitswesen zu schreiben, die sollten eine Kommission schicken, die unsere schwere Lage bestätigen sollte, daß man uns vom Wohnungsdezernat im Kreishaus so schnell wie möglich eine normale Wohnung zur Verfügung stelle. Das Rote Kreuz mischte sich auch ein. Überall bemitleidete man uns, aber Wohnung gab es keine. Im Wohnungsamt zeigte man mir einen Haufen solcher Verordnungen vom Kreisamt wie die meine. Man sagte mir: Wenn der Kreisdirektor Ihnen zusammen mit diesem Papier auch eine Wohnung zur Verfügung gestellt hätte, könnten Sie morgen schon einziehen. Das zog sich so anderthalb Jahre lang. Endlich sagte man mir: In dem Botanischen Wohnungsmassiv wird in drei Wochen ein Haus mit 48 Wohnungen fertiggestellt, wir geben eine Wohnung Ihrer Gewerkschaft extra für Sie. Also, ab jetzt wenden Sie sich an Ihre Gewerkschaft. Dort wollte man die neue Wohnung mit allen Bequemlichkeiten einem Gewerkschaftsfunktionär geben, und wir sollten in seine Wohnung ziehen. Der Mann habe aber im Laufe der Jahre viel Geld in seine Wohnung rein gesteckt, und da sollte ich mich mit ihm einigen und verrechnen. Und der Mann arbeite immerhin schon 7 Jahre im Betrieb, ich aber erst 2 Jahre. Ich sagte dem Gewerkschaftsboss: Wenn Euer Mann meint, daß die neue Wohnung besser ist als die seine, da komme ich Ihnen und ihm entgegen und tausche mit ihm. Aber Geld zahlen werde ich ihm keine Kopeke, schon allein aus dem Grund, weil ich keines habe. Und sollte er in seiner Wohnung nur einen Nagel aus der Wand ziehen, dann gehe ich sofort zum Wohnungsamt und stelle ihnen dort die ganzen Machenschaften vor. Der Mann soll für eine alte Wohnung eine neue kriegen und will auch noch Geld dafür bezahlt haben. Wen meinen Sie denn, hier vor sich zu haben? Ich komme nicht aus der Klapsmühle! Der Boss nahm eine Wohnungsorder, füllte sie schweigend auf meinen Namen aus, unterschrieb sie und drückte ein Siegel drauf. Er gab mir das Papier und sagte: Gehen Sie zu Ihrer neuen Wohnung, ich gratuliere Ihnen. Ich sagte kurz Danke und verließ das Zimmer. Als ich draußen war, wurde mir schwindlig, ich mußte mich setzen. Ich fuhr mit der Order zu der neuen Wohnung, zeigte das Papier dem Mann, der da für die Verteilung zuständig war, und erhielt die Wohnungsschlüssel. Mein Wohnungsnachbar, ein junger Mann, sagte mir: Die Schlüssel passen für jedes Schloß, sie sind alle einerlei. Diese Schlösser kann man mit einem beliebigen Nagel öffnen. Ich fragte ihn, was er jetzt zu tun gedenke. Er sagte: Ich fahre sofort in ein Geschäft und kaufe ein neues Schloß. Was soll man weiter machen? Ich bat ihn, er solle auch für mich eins kaufen. Er willigte ein, bat aber seinerseits, ich solle hier bleiben und auf die Wohnungen aufpassen. In einer knappen Stunde war er da. Er war auch schon zu Hause bei sich angefahren und hatte einen Kasten mit Instrumenten mitgebracht. Er sagte, er sei Tischler von Beruf, er werde das Schloß sofort selbst einbauen. Ich bat ihn, auch bei mir das zu machen und blieb da, bis er beide Schlösser eingestellt hatte. Erst dann verließ ich das Haus und fuhr zu meiner Arbeitsstelle. Ich suchte den Direktor auf und bat ihn, mir zu einem LKW zu verhelfen zum Umziehen und erzählte ihm kurz die ganze Sachlage. Er sagte, ich solle unseren Zweitonner-LKW auf dem Gelände des Werks suchen und den Fahrer sofort zu ihm schicken. Wenn ich den Wagen bis zum Ende des Arbeitstages nicht fände, solle ich nach Hause fahren, eine Matratze und eine Decke nehmen, in die Wohnung fahren und dort vorläufig allein übernachten. Es kam vor, daß leere Wohnungen über Nacht eigenmächtig besetzt wurden, dann war es nicht so leicht, diese Wohnungsstürmer wieder heraus zu bekommen. Ich fand schnell den Fahrer mit dem Auto, wir fuhren zum Direktor und der befahl dem Mann, er solle meine Sachen heute noch überfahren. Wir fuhren schnell zu uns nach Hause, luden die wichtigsten Sachen und Möbelstücke auf den Wagen, setzten die kranke Frau auf den Beifahrersitz, ich, meine Schwiegermutter und unser Sohn kletterten auf die Sachen und wir fuhren los. Ich und der Fahrer trugen unsere Sachen hoch, dann bezahlte ich den Fahrer, obwohl er seinen Lohn bekam, und entließ ihn.

        Jetzt wollte ich meine Frau, die fast nicht gehen konnte, die Treppen hoch tragen, aber sie protestierte. Sie wollte versuchen, ob sie allein die 3 Treppen bewältigen könnte sie konnte es nicht. Sie weinte und sagte: Was habe ich nun von der schönen neuen Wohnung, wenn ich darin nicht leben kann? Ich wußte ja, daß ich die Treppen nicht kann hoch gehen, und daß ich hier oben keine Luft bekomme, wo ich doch zu gleicher Erde keine Luft bekomme.

       Ich hatte unsere Sachen fast alle in eine Ecke des Schlafzimmers gestellt, stellte das Bett auf seinen Platz, damit die Frau sich legen konnte. Die Schwiegermutter schaute sich in der Wohnung um und sagte: Du lieber Gott, was wollt ihr denn in diese Räume alles hereinstellen?

       Die Frau wurde mit jedem Tag schwächer. Sie mußte wirklich einen Monat nach dem Einzug in die neue Wohnung wieder ins Krankenhaus. (Die 2. Etage spielte dabei gewiß keine Rolle.) Ihre Lage verschlechterte sich von Tag zu Tag. Ich ging jeden Tag schon früh morgens zu ihr. Es war Juni Monat und schrecklich heiß in Frunse. Sie bekam keine Luft und streckte mir, sobald ich zur Tür herein kam, die Hände entgegen, sie wollte hinaus an die frische Luft. Ich hob sie in einen Sessel und trug sie mitsamt dem Sessel hinaus in den Garten. Ihr ganzer Körper schmerzte, von innen und von außen, ich konnte sie gar nicht anfassen. Rollstühle gab es dort keine. Sie klagte stets, daß ihr im Innern alles brenne. Man gab ihr kleine Eiswürfel, die sie im Mund zerschmelzen ließ. Der Arzt meinte, retten könne man sie nicht mehr, denn das Herz arbeite wie eine defekte Pumpe. Es pumpt und pumpt, bringt aber das Blut nicht mehr in Bewegung. Man müsse jetzt alles tun, um ihr die Schmerzen zu lindern. Ich hatte gerade Prüfungen an der Universität. Da war ich jeden Tag von morgens früh bis abends spät bei ihr. Manchmal löste mich ihre Mutter ab, die jenes Jahr meistens bei uns wohnte. Sonst wohnte sie bei der ältesten Tochter in der Siedlung Kant. Ich war in diesen Tagen selbst dem Zusammenbrechen nahe. Den Sohn hatte ich in ein Ferienlager gebracht. Seine Mutter spürte, daß sie ihn nicht mehr zu sehen bekäme und trennte sich nur sehr schwer von ihm. Aber sie wollte ihm auch die Freude nicht verderben und ließ ihn fahren. Am 12. Juni 1962, um 10 Uhr morgens erlag meine Frau ihren 5jährigen Leiden. Sie starb an Blutkreislaufstockung. Bei ihr war nur ihre Mutter. Ich war gerade unterwegs. Ich wollte versuchen, ihren Bruder Waldemar, der im hohen Norden der Sowjetunion im Militärdienst war, herzuholen, aber er konnte nicht kommen. Am Abend desselben Tages fuhr ich ins Ferienlager und holte unseren 10jährigen Sohn. Das ging auch nicht problemlos. Ich hatte ein Taxi angemietet, aber es hatte geregnet und der Wolga kam auf dem rutschigen Weg nicht auf die Anhänge hinauf. Dann hatten wir uns auch noch verfahren. Mit einem Wort wir kehrten gegen Abend unverrichteter Dinge zurück in die Stadt. Ich ließ mich in meinen Betrieb fahren. Dort arbeitete immer ein großer Selbstkipper. Ich ging zum Schichtmeister und erklärte ihm die Sache. Wir gingen zu dem Selbstkipper, der Fahrer ließ von einem Bagger so zwei Tonnen Splitt aufladen, warf drei Schaufeln hinauf, wir setzten uns alle drei in die Fahrerkabine und fuhren los. Jetzt passierten wir alle Abhänge ohne Problem. Wir weckten unseren Sohn und fuhren mit ihm nach Hause. Es war schon 12 Uhr nachts. Die Schwiegermutter stand im Hof und schaute auf die hell erleuchtete Wohnung. Unseren Sohn (er war 10 Jahre alt) hatte ich unterwegs auf die Tatsache vorbereitet, daß seine Mutter nicht mehr lebt. Er weinte still, reagierte aber sehr passiv. Ich glaube, er konnte doch noch nicht richtig wahrnehmen, was geschehen war.

       Am nächsten Tag kam der Onkel meiner Frau, der Onkel Jakob Becker aus Kant. Wir holten aus der Tischlerei unseres Werks den Sarg, den ich dort bestellt hatte, nahmen die Kleidung für die Tote und brachten alles in das städtische Totenhaus. Die Mitarbeiterinnen, die dort tätig waren, zogen sie an und legten sie in den Sarg. Wir bedeckten den Sarg mit dem Deckel, aber ohne ihn festzunageln, stellten ihn auf das Auto und fuhren ihn nach Kant. Unser Werkdirektor hatte uns für den Tag der Beerdigung einen LKW zur Verfügung gestellt. Damit fuhren wir den Sarg auch zum Friedhof von Kant. Das war noch der alte Friedhof in der Nähe der Eisenbahn vor dem Flüßchen Tschupra. Wir beerdigten meine Frau in Kant, weil da ihre Mutter, ihre Schwester und andere Verwandte lebten. Auch noch, weil hier das Beerdigen nicht so kompliziert war wie in der Stadt Frunse.

       Die Nacht nach der Beerdigung schliefen ich und unser Sohn bei der Schwiegermutter. Ich hatte die ganze Nacht hindurch schwere Alpträume und stöhnte ununterbrochen.






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