Studium


       Ich hatte meinen Traum von einem Abendstudium an einer Hochschule nicht aufgegeben. Der Direktor meines Werkes, wo ich arbeitete, unterstützte mein Vorhaben. Ich hatte aber Angst, ich könnte während der Aufnahmeprüfung in irgend- einem Fach durchfallen, deshalb bewarb ich mich im Herbst 1960 an einem Vorbereitungskurs zur Aufnahme an der Universität. Ich wurde gegen eine geringe Bezahlung in einem Abendkurs aufgenommen. Ich wählte die ökonomische Abteilung. Alle Fächer gingen mir gut von der Hand, nur mit der Mathematik hatte ich Schwierigkeiten. Einmal begegnete mir im Gebäude der Universität ein bekannter Zeitungskorrespondent. Wir unterhielten uns ein wenig, dann fragte er mich: Bist du sicher, daß du ein guter Ökonom wirst? Paß auf, schlechte Ökonomen braucht das Land nicht, die gibt es auch ohnehin genug. Aber garantiert würdest du ein guter Deutschlehrer werden. Überlege dir das mal, bevor es zu spät ist. Ich hatte auch selbst schon Zweifel, ob ich das Richtige für mich gewählt hätte. Jetzt freute ich mich, daß mich jemand unterstützte. Ich übersiedelte schon am nächsten Tag an die humanitäre Abteilung. Hier gab es keine Mathematik, alles andere war für mich ein Spiel. Jetzt hatte ich es leichter und hatte auch mehr Lust am Studieren. Nach dem 8monatigen Vorbereitungskurs bewarb ich mich im Sommer 1961 an der Abendfakultät für Fremdsprachen an derselben Universität, an der deutschen Abteilung. Ich legte die Aufnahmeprüfungen erfolgreich ab mit zwei guten und zwei sehr guten Noten. Ich wurde immatrikuliert und mein Traum erfüllte sich ich wurde Abendstudent. 6 lange, schwere Jahre arbeitete ich tagsüber im Stahlbetonwerk, abends studierte ich an der Universität. Zweimal jährlich bekam ich bezahlten Urlaub während der Prüfungssessionen. Auf der Arbeit während der Mittagspause aßen die Kollegen schnell ihr Mittagessen hinunter, um anschließend Domino oder Schach zu spielen. Ich verschlang auch in 15 Minuten mein Essen, setzte mich in eine Ecke und machte meine Ausaufgaben. Unterwegs im Bus oder im Trolleybus büffelte ich deutsche Grammatik oder Vokabeln. Ich ging selten ins Kino und schon gar nicht irgend wohin zu Besuch. Bis ich mein Diplom eines Deutschlehrers erworben hatte, hatte ich insgesamt 10 Jahre Abendstudium hinter mir mit 2 Jahren Unterbrechung. Das waren die schweren Jahre, als ich mit der kranken Frau nach Kirgisien kam, bald einen Arzt rufen mußte, bald in die Apotheke laufen und bald auf Wohnungssuche gehen mußte. Es war eine sehr schwere Zeit. Ich weiß gar nicht, wie ich das alles schaffte, wie ich den Mut und die Kraft aufbrachte. Aber ich war jung und gesund und hatte einen sehr, sehr großen Wunsch zum Lernen. Darin liegt wohl die Erklärung, warum ich damals nicht zusammengebrochen bin. Dabei wurde ich von niemandem unterstützt (ich meine moralisch) und war auf mich selbst angewiesen. Die Lehrer die taten ihre Arbeit. Von meiner Frau bekam ich keine Unterstützung, ich war ihr noch dankbar, daß sie nicht murrte. Aber einmal ließ sie doch die Katze aus dem Sack: sie meinte, wenn sie gesund wäre, würde sie mir ein allabendliches Studium zeigen. Ich konnte sie verstehen. Sie meinte, auf dem Hintergrund einer so schweren Lage wie der unseren, wäre es nicht angebracht, solch ein Abendstudium zu machen. Aber ich gab nicht auf, ich hätte für sie auch nicht mehr tun können, wenn ich nicht studiert hätte. Ich selbst hätte es nur physisch leichter gehabt.






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© DIE GESCHICHTE DER WOLGADEUTSCHEN.