In Kirgisien


       Wenn ich so zurückdenke, muß ich feststellen, daß ich in meinem Leben sehr viel gereist bin, ob es gegen meinen Willen geschah (Aussiedlung, Trudarmee, Gefängnis) oder nach eigenem Willen (Entdeckungsreise, Ukraine, Kirgisien). Bei diesen letzteren Reisen bemühte ich mich stets solche Reiseziele auszusuchen, die außer dem eigentlichen Ziel noch einer Bedingung entsprachen: es mußte ein Ort sein, wo wenigstens ein Bekannter lebte, von dem ich irgendwelche Unterstützung erhoffen konnte. Und ich reiste gewöhnlich zuerst allein, um dort für die Familie erst mal eine kleine Basis zu schaffen eine Wohnung, eine Arbeitsstelle für mich, und immer mußten Bedingungen zum Lernen oder Studieren dabei sein. In die Ukraine fuhr ich zu meinem ehemaligen Nachbarn und Freund Wolodja Halle, Kirgisien hatten wir ausgewählt, weil hier die Tante Berta Becker mit ihrer Familie und die Schwester meiner Frau Anja Faller lebten. Die wohnten alle in der Siedlung Kant, 25 km von der Hauptstadt Kirgisiens Frunse. Kirgisien war damals eine der 15 Unionsrepubliken der Sowjetunion. So beschlossen wir, daß ich zuerst allein dorthin fahre und uns einen Lebensunterhalt und eine Unterkunft vorbereitete. Ich konnte ja nicht mit der kranken Frau und dem Kind einfach so in die Welt hinein fahren, ins Ungewisse. Ich fuhr nach Kirgisien. Bei Anja Faller fand ich diesmal eine erste Unterkunft. Sie wohnte allein in einem kleinen, alten Häuschen, das dem Sowchos gehörte, in dem sie arbeitete. Ich konnte bei ihr wohnen, bis ich für mich eine Wohnung gefunden hätte. Ich fand in Frunse verschiedene Gelegenheitsarbeit: beim Entladen von Waggons an der Eisenbahn, beim Herstellen von Lehmziegeln bei den Leuten (nach Anzeigen, die gewöhnlich an Pfosten oder Wänden angebracht waren). Ich nahm beliebige Arbeit an, denn ich brauchte Geld zum Leben, für eine Wohnung, und schließlich, um meine Familie aus dem Altai zu holen. Ich fuhr morgens von Kant mit dem Zug nach Frunse, arbeitete, ernährte mich sehr sparsam (gewöhnlich mit Brötchen und Milch) und fuhr abends zum Übernachten wieder zurück nach Kant. Oft fand ich tagelang keine Arbeit, das brachte mich völlig zum Verzweifeln. Ich dachte oft darüber nach: was bin ich nur für ein jämmerlicher Versager, war 30 Jahre alt, gesund und stark, hatte es aber noch zu nichts im Leben gebracht, war nicht imstande, eine Familie von drei Personen zu ernähren. Da kam zu jener Zeit noch hinzu, daß meine Frau, die abgesehen von den Verwandten, allein sterbenskrank in Jegorjewka bald im Krankenhaus lag, bald bei ihrer Mutter lebte, auch noch von einer krankhaften Eifersucht befallen wurde, weil sie mich jetzt gar nicht mehr sah und mich bei ihrer Schwester wußte. Sie hatte ja keine Ahnung, wie mir selbst in Wirklichkeit zu Mute war. In dieser ihrer Verzweiflung schickte sie an mich ein Telegramm mit ungefähr solchem Inhalt: Ich treibe mich hier mit ihrer Schwester herum und hätte sie und unseren Sohn ganz vergessen. Dieses Telegramm kam zuerst in die Hände ihrer Schwester, die mich sofort aus ihrer Wohnung hinauswarf, obwohl ich überhaupt an nichts schuld war. Ich fand wieder bei Tante Berta einen zeitweiligen Unterschlupf. Ich war auch in den ersten Tagen meines Aufenthalts in Kirgisien bei denen untergekommen, aber dort war es so eng, daß mich diese Tante zu ihrer Nichte Anja verfrachtete, mit deren Einverständnis natürlich. Ich konnte ja nicht wählen, ich mußte hinnehmen, was man mir anbot.

       Nach dieser Begrüßung von meiner Frau war ich bereit, meinem Dasein, d.h. meinem Leben, ein Ende zu machen. Ich fuhr nach Frunse und ging zur Eisenbahn mit dem Ziel, mich beim Ankommen eines Zuges auf die Schienen zu werfen. Ich setzte mich unweit eines Gleises auf einen Stein und ließ in Gedanken mein Leben an mir vorbeiziehen. Als ich an den jetzigen Augenblick angelangt war, dachte ich: Hier ist meine Endstation. Wenn der Zug schon ganz nahe ist, lege ich mich mit dem Hals auf die Schiene, mache die Augen zu und nach einem Ruck ist alles vorbei. Dann dachte ich wieder: Halt! Es ist dann für mich vorbei, aber was wird aus der kranken Frau, aus unserem Sohn, aus meiner Mutter und all meinen Verwandten? Wie werden die Leute, meine Bekannten meine Tat, meine Flucht aus dem Leben einschätzen? Das wäre in ihren Augen sicher nichts als eine feige Flucht aus dem Leben vor mir selbst. Bin ich denn wirklich so feige? Die Leute kennen mich doch ganz anders! Nein, dachte ich, das ist keine Lösung, ich muß etwas anderes unternehmen! Ich gab mir einen Ruck, stand auf und ging fort, schnell weg von dem Gleis. Ich wußte selbst noch nicht, wohin.

       Es war mir schon zur Gewohnheit geworden, wo ich ging oder stand die Anzeigen an den Wänden und Pfosten zu studieren. Überall hielt ich Ausschau nach Arbeits- und Wohnungsangeboten. So fiel ich auch diesmal wieder schnell in meine alte Gewohnheit. Plötzlich sah ich eine Anzeige, die meine Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Eine Bauorganisation, die SMU-7, suchte verschiedene Baufachleute und Hilfsarbeiter. Hilfsarbeiter! Das war etwas für mich, denn Beruf hatte ich keinen, den sie hier gebraucht hätten. Ich schrieb mir die Adresse an und suchte das Büro dieser Organisation auf. Man fragte mich etwas aus, erklärte mir, was für Arbeit bevorsteht, was für einen Lohn man ungefähr dafür bekommt und sagte mir, wenn ich einverstanden sei, solle ich sofort eine Bewerbung schreiben. Man gab mir ein Stück Papier, Feder und Tinte standen auf einem Tisch im Korridor. Ich schrieb die Bewerbung (die Dame in der Personalabteilung half mir dabei), unterschrieb sie und gab sie ab. Man nahm meinen Paß und schrieb alle Angaben davon ab. Dann sagte man mir, ich könne morgen mit der Arbeit beginnen, ich solle hierher kommen, der Bauleiter werde hier sein und mir alles Weitere erklären. Am nächsten Morgen kam ich wieder hierher, machte mich mit dem Bauleiter bekannt und der führte mich zum Bauobjekt. Dort übergab er mich dem Brigadier (Vorarbeiter). Ich erhielt eine Schaufel, eine Picke und mußte in einem Gebäude, das erst im Rohbau war, ein Loch an der Wand graben, dann dieses Loch unter dem Fundament nach außen führen, daß man ein Elektrokabel von draußen hereinführen konnte. So bekam ich in Kirgisien meinen ersten festen Arbeitsplatz. Als ich am Abend nach Hause kam, freuten sich alle über meinen Erfolg. Das Leben sah jetzt schon wieder etwas besser aus. Ich wohnte schon einige Tage bei Beckers, fuhr morgens nach Frunse zur Arbeit, abends mit dem 6-Uhr-Zug wieder nach Kant. In meinem Abteil fuhr gewöhnlich noch eine junge Frau mit, hin und zurück. Sie war als Malerin in einer anderen Bauorganisation tätig. Unterwegs erzählten wir einander immer über unser Leben, über unser Schicksal. Als sie meinen Namen hörte, sagte sie, daß in der Siedlung Nowo-Pokrowka, unweit von Kant, wo wir immer durchfuhren, auch eine Familie Herber wohnt, ob die vielleicht mit mir verwandt wären. Ich sagte, daß das wohl kaum möglich wäre, ließ mir aber beschreiben, wo die Leute wohnten. Am anderen Tag, stieg ich dort aus und suchte die Herber-Familie auf. Wie ich auch geahnt hatte, waren wir weder verwandt noch bekannt. Dann erzählten sie mir, daß in Kant auch eine Herber-Familie wohne, und erklärten mir, wie ich sie finden könne. Ich suchte am selben Abend auch diese Familie auf. Diesmal hatte ich mehr Glück. Es stellte sich heraus, daß die Hausfrau eine weitläufige Kusine zu mir war: ihre Mutter Pauline Herber und mein Vater waren Halbgeschwister. Die Pauline war unseres Großvaters Tochter von seiner ersten Frau. In solchem Zusammenhang waren wir mit der Frau Lydia Herber, die ich gefunden hatte, verwandt. Sie hatte meinen Vater und meine Mutter gut gekannt. Es gab ein langes Ausfragen und Erzählen. Sie lebte hier in ihrem eigenen Häuschen mit ihrem Mann und ihren zwei Töchtern. Die dritte, älteste Tochter war schon verheiratet und wohnte in einer anderen Abteilung von Kant. Der Mann von Tante Lydia, wie wir sie zu Hause immer nannten, war ein sehr geselliger und guter Mensch. Als sie meine Geschichte hörten, sagten sie, ich könne bei ihnen wohnen, sollte sofort hier bleiben und bei ihnen übernachten. Ich ging aber zu Beckers, denn die machten sich doch Sorgen um mich, aber am nächsten Tag, als ich früher nach Hause kam, holte ich meine Sachen her zu Tante Lydia und Onkel Sascha Herber. Sie boten mir selbst ein Zimmerchen an, bis wir etwas Besseres gefunden hätten, damit ich schneller meine Familie holen könnte, und wir ruhig zusammen leben konnten. Darauf fuhren dann auch ich und Tante Lydia nach Jegorjewka, um meine Familie zu holen. Sie wollte auch mal ihre so lange vermißte Verwandtschaft besuchen. Und wir kamen nach ein paar Wochen zusammen mit meiner immer noch schwerkranken Frau und unserem Sohn wieder zurück nach Kant, also nach Kirgisien. Während dieser Fahrt hatte ich wieder einmal Pech. Ich stieg an einer Station aus dem Waggon, um eine Wassermelone zu kaufen. Als ich zurückkam, stellte es sich heraus, daß man mir die letzten 25 Rubel aus der Hosentasche gestohlen hatte. Ja, es heißt nicht umsonst: Wo es dünn ist, da reißt es.

       Wir hatten uns bei den Herbers eingerichtet, so gut es ging. Ich arbeitete in Frunse in der Bauorganisation und fuhr jeden Morgen mit dem Zug hin und abends zurück. Die Krankheit meiner Frau wurde indessen immer schlimmer. Die hiesigen Ärzte meinten, was uns denn eingefallen wäre, daß wir eine herz- und rheumakranke Frau hierher ins Gebirge gebracht hätten (Frunse liegt 800 m über dem Meeresspiegel). Ungefähr 40 km von uns lebte damals in den Bergen hinter der Stadt Tokmak ein alter Dungane (Vertreter eines chinesischen Volksstammes), ein Heilpraktiker, der angeblich mit verschiedenen Wurzeln und Kräutern heilte und dabei Wunder vollbrachte. Ich glaubte zwar nicht an Wunder, aber auf Drängen der Frau willigte ich ein, sie mal dorthin zu bringen. Ich verkaufte unsere Nähmaschine, das einzige Stück, das noch einen Wert hatte, und fuhr mit der Frau zu dem Dunganen. Wir fuhren mit dem Bus bis nach Tokmak, von da mit einem Taxi in die Berge, wo der Dungane ganz abgeschieden von den Siedlungen mit seiner Familie und seinem Vieh lebte. Der begegnete uns schmutzig und voller Mist (er war gerade beim Mistholzmachen) und befühlte, ohne sich die Hände zu waschen, der Frau den Puls. Dann fragte er sie aus und nahm aus verschiedenen Beutelchen Kräuter, warf sie in eine Dreiliterblechtonne, die wir mitgebracht hatten, und schickte uns zu einem 12jährigen Jungen, der in einem großen Kessel verschiedene Wurzeln kochte. Der Junge goß uns die Tonne voll von dem Sud. Davon sollte meine Frau dreimal täglich zu je drei Eßlöffel austrinken. Es würde ihr bestimmt helfen. Ich fragte, was wir schuldig wären, der Dungane sagte: Soviel ihr gebt. Ich gab ihm 50 Rubel (ich verdiente 500-600 Rubel im Monat). Zu Hause angekommen begann die Kur. Aber der Frau wurde schon am zweiten Tag so schlecht, daß ich sie schleunigst ins Krankenhaus bringen mußte.

       Ich war der Verzweiflung nahe: ich mußte jeden Tag zur Arbeit fahren, die Frau im Krankenhaus besuchen, Lebensmittel und Arznei beschaffen, für mich und den Jungen kochen. Den ganzen Tag über war er allein zu Hause. In meiner Ausweglosigkeit schrieb ich an meine Mutter nach Jegorjewka und bat sie, zu uns zu kommen. Sie kam. Mein Bruder Richard (23) und die Schwester Lili (16) blieben in Jegorjewka. Da wurde in unserer Straße, unserem Haus gegenüber, ein kleines Lehmhäuschen zum Verkauf angeboten. Wir besprachen uns mit der Mutter, ihr Haus in Jegorjewka zu verkaufen und dieses hier zu kaufen. Ich nahm mir Urlaub und fuhr nach Jegorjewka. Es war Winter und kalt. Dort verkauften wir mit großer Mühe Mutters Haus, beluden zwei große Eisenbahncontainer mit den Sachen der Familie und mit zum Bauen brauchbarem Holz und kamen zu dritt nach Kirgisien. Das war auch nicht so schnell und so einfach getan. Es fanden sich nur sehr schwer passende Käufer für das Haus. Dann mußte ich mit Hilfe von Bekannten den Hausrat und das Holz nach Rubzowka auf einen Einkehrhof schaffen, von der Eisenbahn die Container holen, den ganzen Kram einladen, die Container wieder an der Eisenbahn abgeben, dann Fahrkarten für uns drei nach Frunse beschaffen. Und das alles bei Schneesturm und großer Kälte.

       Als wir nach Kant kamen, kauften wir das Häuschen und planten, auf dem Grundstück ein Zweifamilienhaus zu bauen. Den Winter über wohnten wir alle zusammen in dem kleinen Häuschen. Es war eng und ungemütlich. Aus den Bauplänen wurde nichts. Richard heiratete und zog von uns weg. Die Mutter und Lili sehnten sich nach Jegorjewka. Ich wollte nach der Arbeit ein Abendstudium aufnehmen, und das konnte ich nur in Frunse. Wir verabredeten uns, daß ich für meine Familie in Frunse eine Wohnung mieten sollte, dann wollten wir das Häuschen verkaufen und Mutter und Lili würden wieder nach Jegorjewka ziehen. So machten wir es auch. Ich fand in der Stadt eine Sommerküche als Wohnung für uns, das Häuschen verkauften wir wieder, und für das Geld konnten sich Mutter und Lili in Jegorjewka wieder ein Häuschen kaufen, in derselben Straße, wo Sascha, unser ältere Bruder, wohnte.

       Berta, meine Frau, befand sich mehr im Krankenhaus als zu Hause. Wieviel mal mußte ich nachts einen Arzt oder den Krankenwagen holen! Sie bekam zu dem Rheuma noch sehr schwere Herzfehler Myokarditis. Ich hatte an ein Moskauer Institut geschrieben, wo man damals schon Herzoperationen unternahm. Von dort kam die Anfrage an das Krankenhaus in Frunse nach gründlichen Analysen und Befunden. Die ärztliche Kommission in Frunse entschied, daß der allgemeine Zustand der Patientin zu schwach wäre, und sie nicht nur eine Herzoperation, sondern auch den Transport nach Moskau nicht überleben würde. Und dabei blieb es dann auch. Ich konnte nur hilflos zusehen.

       Als wir in der Stadt wohnten, arbeitete ich zuerst in einem Bauunternehmen als Maler- und Verputzergehilfe. In meiner Freizeit (viel gab es ja nicht) las ich sehr viel. Durch die Bibliothekarin, von der ich mir Bücher auslieh, wurde ich mit dem Direktor des Stahlbetonwerkes bekannt, der einen Deutschlehrer suchte, der ihn zur Aufnahme an der Aspirantur vorbereiten sollte. Ich bot ihm meine Hilfe an, obwohl ich von der Lehrerarbeit nicht viel verstand. Er selbst meinte nach einer Unterredung, wir würden es zu zweit schon schaffen, und ich brauchte Geld. Die Bibliothekarin sprach uns beiden Mut zu, denn sie wollte mir zu einem kleinen zusätzlichen Nebenverdienst verhelfen, weil sie unsere materielle Lage gut kannte. Nach einer Woche schlug mir der Direktor vor, bei ihm im Werk als Betonierer zu arbeiten. Ich nahm das Angebot an, schon deshalb, weil ich zu ihm Vertrauen hatte. Die Arbeit war ziemlich schwer, aber ich arbeitete mich schnell ein und verdiente nicht schlecht bis 700 Rubel im Monat (nach der Währungsreform vom 1. Januar 1961 waren es 70 Rubel). Zudem war das eine ständige und wetterunabhängige Arbeit in einer Werkhalle. Wir stellten Eisenbetonplatten für das Abdecken von Wohnhäusern und Werkhallen her. Aber nach zwei Jahren Arbeit litt durch den schrecklichen Lärm und die starke Vibration mein Gehör sehr stark, worunter ich bis heute noch leide.

       Das war 1960-61. Wir wohnten damals in einer Sommerküche nicht weit von meiner Arbeitsstelle. Für die Wohnung zahlten wir 150 Rubel im Monat (seit 1961 15 Rubel).






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