Neues Unglück


       Im Herbst 1957 hauste in Europa eine bis dahin unbekannte Grippe, eine sogenannte Virusgrippe. In unserer Stadt fielen die Leute direkt auf der Straße um. Es wurden provisorische Krankenhäuser eingerichtet, Hilfstrupps gingen durch die Straßen und brachten die Erkrankten in die Krankenhäuser. Eine regelrechte Epidemie hatte die Region heimgesucht. Auch meine Frau erkrankte und lag länger als einen Monat im Krankenhaus. Als sie nach Hause entlassen wurde, war sie noch nicht wieder gesund, aber die Plätze wurden für Schwerkranke gebraucht, und diejenigen, die schon halbwegs auf den Beinen waren, wurden entlassen. Arbeiten konnte meine Frau noch nicht, da nahm sie Urlaub. Sie hatte schon ein ganzes Jahr auf diesen Urlaub gewartet, um ihre Mutter und ihre Geschwister im Altai zu besuchen. Jetzt ließ sie sich nicht mehr halten und fuhr mit unserem 6jährigen Sohn am 6. November 1957 nach Sibirien. Sie meinte, ihre Mutter würde sie schon wieder auf die Beine bringen. Ich blieb allein zurück. Ich konnte sie nicht begleiten, denn ich mußte ja arbeiten und zur Schule gehen. Am 8. November (es war gerade Feiertag) saß ich bei meinem Landsmann Wolodja Halle beim Festessen, da kam unser Wohnungsnachbar und übergab mir ein Telegramm. Es war von der Miliz der Eisenbahnstation Kamyschlow bei Swerdlosk im Ural. Man teilte mir mit, daß meine Frau ins Krankenhaus eingeliefert worden sei, und der Sohn sich in der Miliz befinde. Ich solle ihn abholen.

       Ich eilte sofort nach Hause, borgte mir Geld bei unserem Nachbarn (die Sparkasse war ja geschlossen) und lief zum Bahnhof. Das Telegramm von der Miliz bewirkte, daß ich sofort ohne weiteres eine Fahrkarte erhielt. Ich fuhr noch am selben Abend ab. Nach zwei Tagen kam ich spät abends in Kamyschlow an. Der Diensthabende der Eisenbahnmiliz zeigte mir den Weg zur Stadtmiliz, wo unser Sohn in einem Kinderraum zusammen mit einer Wärterin schlief. Dort empfing mich der diensthabende Milizionär und sagte, ich solle es mir auf dem Sofa bequem machen bis zum Morgen. Ich schlief etwas, dann kam die Wärterin. Wir tranken Tee und unterhielten uns. Sie erzählte mir, was geschehen war.

       Man hatte meine Frau nachts schwerkrank und fiebernd vom Zug genommen und ins Krankenhaus eingeliefert. Sie hatte sehr starke Rheumaanfälle, konnte nicht gehen und schrie vor Schmerzen. Den Jungen hatte man der Miliz übergeben. Er war in der Obhut dieser Wärterin und besuchte jeden Tag zusammen mit ihr seine Mutter. Am Morgen, als er aufwachte, erzählte er mir die ganze Geschichte selbst. Es war sehr traurig, anzuhören. Nach dem Frühstück gingen wir zu dritt ins Krankenhaus. Meine Frau fühlte sich besser und konnte schon gehen. Doch der Arzt sagte, sie müsse wenigstens noch drei Tage das Bett hüten. Ich wohnte während dieser Tage bei unserem Sohn in der Miliz. Die Wärterin war froh, daß sie zu Hause schlafen konnte. Als meine Frau entlassen wurde, wollte ich zusammen mit ihnen zurück nach Debalzewo fahren. Aber sie bestand darauf, weiter nach Sibirien zu fahren. Wir verabschiedeten uns von der Miliz und fuhren weiter. Es war sehr kalt, und wir waren leicht gekleidet (in der Ukraine war es ja warm). Deshalb war das ein harter Weg für uns alle, aber für die kranke Frau ganz besonders. Wir mußten noch 4 Tage mit dem Zug fahren, bis wir nach Rubzowka, der Endstation, kamen. Von da mußten wir noch 40 km mit einem mit einer Plane verdeckten LKW bis ins Dorf fahren. Andere Möglichkeiten gab es keine. Die Frau hatte sich während dieser Fahrt tüchtig erkältet, obwohl ich sie in der Kabine auf dem Beifahrersitz untergebracht hatte. Aber sie war froh, daß sie zu Hause bei der Mutter war. Die war sehr zuversichtlich und meinte, sie werde sie schon wieder gesund pflegen, es sei doch nicht das erste Mal. Hier muß ich sagen, daß meine Frau schon seit ihrer Kindheit an chronischem Rheuma litt. Die Krankheit suchte sie nach einem genauen Zyklus heim: mit 7 Jahren, mit 17 Jahren und jetzt, wo sie 30 war.

       Ich mußte ja wieder zurück zu meiner Arbeit und zur Schule. Nach 3 Tagen Aufenthalt fuhr ich weg. Meine Familie blieb im sibirischen Dorf bei meinen Verwandten zurück.

       Ich lebte bis Neujahr 1958 allein in Debalzewo. Ich arbeitete und lernte in der Abendschule. Von Jegorjewka, wie das Dorf in Sibirien hieß, bekam ich ein Telegramm nach dem anderen mit der Mitteilung, daß sich der Zustand meiner Frau von Tag zu Tag verschlechterte. Da entschloß ich mich, zurück nach Jegorjewka zu ziehen. Am Silvesterabend packte ich in der Wohnung meine Sachen und kam in den ersten Tagen des Januar 1958 mit meiner ganzen Habe zu meiner Familie.

       In Jegorjewka traf ich ein erschütterndes Bild an: das ganze Dorf war fast im Schnee versunken. In dem kleinen Häuschen der Schwiegermutter lag im überhitzten Zimmerchen mit dumpfer Luft, in Decken und Kissen gehüllt, meine Frau. Ihre Gelenke waren mit Rheumaknoten bedeckt, das Gesicht vor Schmerzen entstellt. Alle Künste und die ganze Mühe der Schwiegermutter konnten ihre Tochter nicht auf die Beine bringen.

       Ich lief sofort, ohne den Mantel abzulegen, zu meinem Bruder Sascha, der gegenüber wohnte, und ließ ein Pferd vor den Schlitten spannen (er war im Kolchos Fuhrmann und hatte seine Pferde und Schlitten immer zu Hause). Ich trug die Frau in einem großen Pelz gehüllt aus dem Haus und legte sie in den Schlitten. Wir fuhren, so schnell es die Schmerzen meiner Frau zuließen, durch das ganze Dorf ins Krankenhaus, das sich am Waldrand befand. Das war für meine Frau und auch für mich eine schreckliche Fahrt: der holprige und von Schneewehen überquerte Weg bereitete ihr unmenschliche Schmerzen. Sie schrie die ganze Zeit über und ich konnte ihr nicht helfen. Manchmal biß ich die Zähne zusammen, um selber nicht zu heulen, und trieb das Pferd an, denn wir konnten ja diese Marter nicht ins Unendliche ziehen. Aber die Schreie der Frau veranlaßten mich immer wieder, langsamer zu fahren. Endlich kamen wir im Krankenhaus an. Ich trug sie hinein und übergab sie dem Personal. Es war gegen Mittag. Am nächsten Morgen, als ich sie besuchte, hatte sie durch das Eingreifen der Ärzte schon weniger Schmerzen.

       Sie lag den ganzen Winter über, sowie auch das ganze Frühjahr im Krankenhaus. Ich wohnte bei meinem Bruder Sascha. Unser Hab und Gut befand sich bei meiner Mutter, die mit dem jüngsten Bruder Richard und der jüngsten Schwester Lili, die beide noch ledig waren, am anderen Ende des Dorfes wohnte. Adolf, unser 6jähriger Sohn, wurde im ganzen Dorf umhergereicht mal hier, mal dort. Es war eben so, daß keiner von den Verwandten so viel Platz im Hause hatte, daß da unsere ganze Familie (ich, die Frau, das Kind und unsere Habseligkeiten) Unterkunft gefunden hätte.

       Ich besuchte vor allen Dingen wieder die Abendschule. Am Tage fand ich kärglich bezahlte Gelegenheitsarbeit in der örtlichen Bauorganisation. Im Winter war es in den kalten, schneereichen sibirischen Dörfern immer schwierig mit Arbeit. Im Sommer machte ich mein Abitur an der Abendschule mit zwei guten und die anderen sehr guten Noten. Als ich mein Reifezeugnis erhielt, war ich überglücklich, nur die Krankheit meiner Frau betrübte dieses Glück. Ihre Lage besserte sich indessen nicht, sondern verschlechterte sich noch mehr. Die Ärzte meinten, sie könnte hier nochmals den rauhen Winter nicht überleben. Sie müßte milderes Klima aufsuchen. Auf unsere Frage, ob wohl Kirgisien für sie besser geeignet wäre, antworteten sie mit Ja. (Sie wollten sie einfach loswerden.)






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