Endlich frei. Wir wechseln den Wohnort.


       Im März 1956 wurden die Deutschen unseres Rayons von der Kommandanturaufsicht befreit. Wir bekamen neue Pässe, in denen das Kainsmal Aufenthalt erlaubt nur auf dem Territorium des Jegorjewsker Rayons / Altai-Region nicht mehr stand. Die Deutschen freuten sich schon über diese winzige Freiheit. Die Leute begannen, einander zu besuchen, wechselten den Wohnort, suchten nach besseren klimatischen und Lebensverhältnissen. Ich war nächtelang allein im Maschinenraum der Brutstation, wo an der Wand eine große Karte der Sowjetunion hing, und schmiedete auch meine Reisepläne. Es ist doch ein sonderbares, angenehmes Gefühl, eine, wenn auch beschränkte, Freiheit zu genießen. Wir durften uns jetzt auf dem riesigen Territorium der Sowjetunion frei bewegen, nur die Ortschaften und Rayons, von wo wir 1941 ausgesiedelt worden waren, waren uns untersagt. Und natürlich die Grenzgebiete, deren Besuch ja für alle eingeschränkt war. Ich träumte von den westlichen Regionen der Sowjetunion, oder von den warmen mittelasiatischen Republiken.

       Also, nach nächtelangem Planen und Reisen auf der Landkarte, faßte ich den Entschluß, nach dem Ende der Brutsaison mal allein eine Aufklärungsreise zu unternehmen und einen Platz auszusuchen für einen künftigen Wohnsitz. Ich arbeitete eine Reiseroute aus zu Bekannten in den verschiedensten Regionen der Sowjetunion, wo es solche gab, bei denen ich übernachten und die mich beraten konnten. Die Reiseroute verlief folgenderweise: Rubzowka Nowosibirsk Moskau Taganrog Mariupol (beide am Asowschen Meer) Debalzewo (in der Ukraine) Marx (an der Wolga) Taldy Kurgan (in Kasachstan) Rubzowka.

       Anfang Juli 1956 war die Arbeit in der Brutstation zu Ende. Ich packte den alten hölzernen Koffer, dessen Herkunft ich nicht mehr weiß. Meine Frau nähte mir einen Überzug dazu aus grauem Stoff. Zwischen dem Überzug und dem Kofferdeckel verstaute ich eine dünne Wolldecke. So ausgerüstet begab ich mich auf Entdeckungsreise. Einen Monat lang reiste ich umher, war mehr im Zug als in den Ortschaften. Ich besuchte alle die vorgemerkten Städte und beschloß nach meiner Rückkehr, mit meiner Familie (Frau und 5jähriger Sohn) nach Debalzewo (Ukraine) zu ziehen. Dort lebte mein ehemaliger Hausnachbar aus Marxstadt, Heinrich Halle. Die Frau hatte zu Hause inzwischen unser Häuschen und das ganze Hab und Gut vorläufig verkauft an Bekannte für den Fall, daß wir wirklich wegzögen. Zwei Wochen dauerten noch die Reisevorbereitungen, dann fuhren wir mit dem Zug vom Altai in die Ukraine nach Debalzewo. Wir beeilten uns, denn ich wollte zum 1. Oktober, zum Beginn der Abendschule, an Ort und Stelle sein. Dort lebten wir zuerst eine Woche bei meinem Freund, dann mieteten wir ein Zimmer bei einem Rentnerehepaar, ehemalige Lehrer, (gerade Letzteres imponierte mir so.) Ich fand Arbeit in einem Maschinenbauwerk als Koppler an einem Brückenkran. Abends besuchte ich die 9. Klasse der Abendschule. Meine Frau war in einer Bäckerei tätig. Das Leben gefiel uns, leider lenkte es das Schicksal wieder mal anders.






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