Abendschule. Neue Konflikte.


       Im Frühjahr 1952 wurde ich von meiner Arbeit im Konsumverein entlassen. In den Kolchosen fehlte es an Arbeitskräften. Da beschloß das Parteiaktiv des Rayons kurzerhand, alle ehemaligen Kolchosbauern, die im Laufe der letzten zwei Jahre den Kolchos verlassen hatten, in allen Betrieben des Rayons zu kündigen, um sie zu zwingen, wieder in den Kolchos zurückzukehren. Ich stand jetzt auf der Straße. Kein Vorgesetzter irgendeines Betriebs getraute sich, einen Arbeiter mit solch einem Wolfspaß einzustellen. Ich wandte mich an unseren neuen Volksrichter mit der Frage, ob er mich verurteilen werde, wenn ich nicht mehr in den Kolchos zurückkehre. Er meinte, ich hätte ja schon eine Strafe für derartiges Vergehen abgebüßt, und man könne einen Menschen nicht zweimal für ein und dasselbe Verbrechen vor Gericht stellen. Ich bedankte mich für die Auskunft und dachte bei mir: da könnt ihr mir dann mal den Buckel hinunterrutschen. Da überall Arbeiter gebraucht wurden, fand ich auch bald Gelegenheitsarbeit im Dienstleistungskombinat des Rayons. Ich half beim Holzfahren aus dem Wald, beim Lehm- und Ziegelfahren in der Ziegelei, bei der Heuernte im Kombinat. Ich schuftete so, daß ich oft Blasen in den Händen hatte.

       Im Herbst 1952, als die Jagd nach den ehemaligen Kolchosangehörigen etwas abgeflaut war, wurde ich endlich im Dienstleistungskombinat fest eingestellt. Dort war ich im Sommer in der Ziegelei tätig (wo auch meine Frau arbeitete), im Winter - in der Walkerei, ich walkte Filzstiefel. Das war sehr schwere Arbeit, sowie im Sommer, als auch im Winter. Aber man verdiente auch relativ gut. Im Winter 1956 kam es zum Konflikt mit dem neuen Direktor des Kombinats. Das kam so.

       Ich wollte schon immer gern lernen, denn ich hatte ja bis zu Kriegsbeginn nur 6 Klassen einer deutschen Schule in Marxstadt absolviert. Im Sommer 1955 wiederholte ich mit einer Lehrerin das Programm in Algebra, Geometrie und russische Sprache für die 6. Klasse. Ich wollte mich im Herbst in die 7. Klasse der Abendschule einschreiben lassen. Es gab aber keine 7. Klasse, weil keine Schüler zusammenkamen. Aber es gab eine 8. Klasse. Im Vorjahr wurden alle Rayonvorgesetzten, die keine Mittelschulbildung hatten, in die 7. Klasse zusammengetrommelt. Sie sollten die Mittelschule absolvieren, damit sie ihr Abitur machen konnten. Und die waren jetzt alle, 12 an der Zahl, in der 8. Klasse. Ich überredete den Schuldirektor, er solle mich die 8. Klasse besuchen lassen. Vielleicht würde ich es schaffen. Er meinte, er hätte nichts dagegen, aber er brauche irgendeine Bescheinigung, daß ich einmal in der 7. Klasse gelernt hätte, als Unterlage für die Aufnahme in die 8. Klasse. Ich ging zum Vorsitzenden des Dorfsowjets, mit dem ich zusammen 1942 die 7. Klasse besucht hatte. Der gab mir auch ohne weiteres eine solche schriftliche Bescheinigung. Der Direktor nahm das Papier und sagte, ich könne heute Abend schon zum Unterricht kommen. In ein paar Monaten hatte ich an Kenntnissen die meisten meiner Mitschüler überholt, obwohl ich parallel zur 8. Klasse auch das Programm für die 7. Klasse bewältigen mußte. Das Lernen machte mir ungeheuren Spaß.

       In meiner Klasse lernten zusammen mit mir: eine Mitarbeiterin des Volksgerichts, eine Mitarbeiterin des Rayonvollzugskomitees, der Direktor der Rayonsparkasse, unser Kommandant und noch andere höhere Persönlichkeiten von Rayonrang, auch der Direktor unseres Dienstleistungskombinats.

       Im Winter 1956 sollte ich mit noch einigen Arbeitern des Kombinats 20 km von unserem Dorf auf einem zugefrorenen See Schilf mähen, aus dem dann Matten gepreßt wurden, die man als Baumaterial verwendete. Da hätte ich dort auch übernachten müssen. Ich sagte meinem Chef, daß das nicht ginge, ich müsse doch jeden Abend die Schule besuchen. Er sagte, einen Monat lang könne ich die Schule versäumen, er habe auch schon eine Woche lang den Unterricht nicht besucht. Ich antwortete ihm, er besuche ja die Schule, um seinen Arbeitsplatz nicht zu verlieren, ich dagegen besuche sie, um einen Beruf nach meinem Interesse zu erlernen. Das sei doch ein Unterschied. Am nächsten Tag gab mir mein Brigadier keine Arbeit. Ich solle zum Direktor kommen, er habe mich entlassen. Der Direktor bestätigte das. In mein Arbeitsbuch schrieb er eigenhändig: Entlassen wegen Verletzung der Arbeitsdisziplin. Ich fand das ungerecht und gesetzwidrig. In der Schule hatten wir einen Mathematiklehrer, einen Deutschen. Ich erzählte ihm mein Mißgeschick. Er meinte, der Direktor sei im Unrecht. Ich solle an das Gewerkschaftskomitee eine Beschwerde einreichen, was ich dann auch tat. Nach ein paar Wochen erhielt ich Antwort: Ich solle alle notwendigen Unterlagen vorbereiten und sie zusammen mit meiner Erklärung und dem Brief vom Gewerkschaftskomitee dem Gericht übergeben, d.h. den Direktor verklagen. Ich übergab also die Papiere dem Gericht. Natürlich ging nicht alles so glatt, wie es sich in diesem meinem Bericht anhört. Ich will die Leser mit Einzelheiten verschonen.

       Der Gerichtsprozeß war für mich sehr peinlich, aber noch peinlicher muß er für unseren Direktor gewesen sein. Er war selbst Schöffe beim Gericht und stand jetzt als Angeklagter da. Zudem verlor er auch noch den Prozeß. Das Urteil lautete: Die Eintragung im Arbeitsbuch ändern und mir für die Tage, die nicht aus meiner Schuld ausgefallen waren, meinen mittleren Arbeitslohn auszahlen. Der Direktor fragte den Richter, ob man mich nicht zwingen könne, bei ihm weiter zu arbeiten. Der Richter antwortete darauf, das wäre jetzt meine Sache, ob ich bei ihm arbeiten wolle oder nicht. Er habe mich ja entlassen. Ich willigte natürlich nicht ein. Ich hatte Angst vor weiteren Schikanen. Ich fand im Frühjahr Arbeit in einer Brutstation, die aber nur 4 Monate währte, bis die Brutzeit vorbei war.






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