Wieder daheim


       Ich war nicht abgemagert, war gesund und bei Kräften. Aber schon unterwegs, vom Kommandanten nach Hause, fingen schon wieder, wie gesagt, die Sorgen an, zu nagen: wo Arbeit finden (in den Kolchos gehen wollte ich nicht mehr, das stand fest), wo wohnen (wir konnten ja nicht noch einen Winter bei den Eltern und den Geschwistern wohnen, wo es für diese schon eng war), wie Heizmaterial für den Winter beschaffen.

       Meine Frau verstand sich schlecht mit meinen Eltern. Sie glaubte immer, ich würde gegen die anderen Geschwister benachteiligt, wenn die Eltern für das Geld, das Vater und Richard fürs Hüten bekamen, für die Geschwister irgendwelche Kleidung kauften und für mich nicht. Sie konnte nicht verstehen, daß die Kinder nackt waren und nicht arbeiten konnten ohne Kleidung, ich aber erst zum Herbst zu Hause erwartet wurde. Sie schrieb sich ihre Sorgen und ihren Kummer in Briefen an mich von der Seele. Ein solcher Brief kam zurück, denn ich war schon nicht mehr im Lager. Er fiel dem Vater in die Hände, und es gab Streit in der Familie. Ich beschloß, mit meiner Frau auszuziehen. Wir kamen für den Anfang bei den Nachbarn unter, dann mieteten wir ein Häuschen, nicht weit von uns entfernt. Meine Eltern waren überrascht und beleidigt, weil ich sie verlassen wollte. Aber mein Verstand lehrte mich, daß wir zusammen nicht ruhig und friedlich leben könnten. Und so blieb mein Entschluß fest und endgültig.

       Ich und meine Frau lebten jetzt noch ärmer als zuvor, denn wir mußten nun auch den primitivsten Hausrat entbehren, den wir bei den Eltern mit benutzen konnten. Dazu kam noch, daß ich sozusagen zwischen zwei Fronten leben mußte. Ich fand Arbeit als Lagerarbeiter im Waren- und Lebensmittellager des Rayonkonsumvereins. Von hier wurden die Läden und Geschäfte des ganzen Rayons mit den entsprechenden Waren versorgt. Ich konnte da auch manches für mich bekommen, für Geld natürlich. Das war schon gut, denn es mangelte überall an allem. Als erstes schleppte ich zwei leere Zigarettenkisten aus Furnierholz nach Hause, die ich dort für 5 Rubel das Stück kaufen konnte. Daraus machte ich eine Mehlkiste und eine Truhe für unsere Wäsche. Dann konnte ich manchmal für einen billigen Preis etwas schadhafte Tassen, Teller oder Kannen erstehen. So fingen wir an, unsere eigene Wirtschaft zu führen.

       Mein Heimweg von der Arbeit führte am Elternhaus vorbei. Da sah die kranke Mutter stundenlang zum Fenster hinaus und wartete, ob ich nicht für 10 Minuten zu ihr hereinschaute, wenn ich von der Arbeit kam. Ungefähr 300 m weiter schaute meine Frau zum Fenster hinaus, die den ganzen Weg übersehen konnte. Sie war schon in den letzten Monaten schwanger, saß den ganzen Tag über allein zu Hause und wartete auch mit Sehnsucht auf meine Heimkehr. Ging ich bei der Mutter vorbei, ohne hereinzuschauen, war sie zutiefst beleidigt. Kehrte ich aber da ein, so traf ich dann nach einer Viertelstunde zu Hause meine Frau in Tränen. Das war für mich die reinste Hölle. Und weder die Mutter, noch meine Frau wollten einsehen, daß ich mich nicht in Stücke zerreißen konnte.

       Am 18. Oktober war es soweit, ich mußte meine Frau in das ca. 2 km entfernte Krankenhaus bringen. Wie ich sie dorthin brachte, daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Am 19. Oktober 1951 kam unser Sohn Adolf zur Welt. Meine Frau war von dem schlechten Essen so entkräftet, daß sie nicht imstande war, ihr Kind selbständig zur Welt zu bringen. Die Geburtshelferinnen mußten allerlei Tricks anwenden, um unseren Sohn ans Tageslicht zu befördern. Als ich ihn am nächsten Tag durchs Fenster sah, sah er aus wie eine abgehäutete Zieselmaus und hatte Härchen am ganzen Körper. Aber es war geschafft. Mutter und Kind erholten sich schnell. Zu Hause erzählte mir dann meine Frau den schwierigen Vorgang dieser Geburt.

       Unter den beiderseitigen Verwandten kam es jetzt zu einer kurzen Diskussion, wie der neue Erdenbürger heißen sollte, und wie er getauft werden sollte: lutherisch oder katholisch. So kam es, daß er von beiden Seiten die Nottaufe erhielt. Was den Namen anbetrifft, so stand für mich schon lange fest, daß er zu Ehren meines im Krieg gefallenen Onkels Adolf" heißen würde. Dagegen gab es von beiden Seiten heftige und nicht ganz unbegründete Einwände. Alle hatten Angst, daß das für das Kind ein Schimpfname würde, wo wir doch auch ohnehin oft genug als Fritz und Faschist beschimpft wurden. Aber ich pfiff auf alle diese Argumente und ließ ihn Adolf einschreiben. Aber er wurde dann doch von allen weder Wanja (wie es manche gerne gewollt hätten, meine Frau mit eingeschlossen), noch Adolf gerufen, sondern Tolja (von Anatoli). So wird er auch heute noch meistens gerufen.

       Wir wohnten damals in dem Haus des alten Bytschkow in Miete. Aber im Frühjahr 1952 wurde das Haus verkauft an den Traktoristen Dmitrij (Mitja) Stukolow. Wir mußten uns eine neue Bleibe suchen und fanden ein kleines vernachlässigtes Häuschen in der Zentralstraße. Ich und meine Frau waren gerade dabei, es etwas aufzupäppeln, da erreichte mich die Nachricht, ich sollte sofort zu der alten Großtante meiner Frau, der Tante Anna Schüler kommen, es sei dringend notwendig. Sie wohnte ganz im Zentrum des Dorfes, der Kolchosverwaltung gegenüber. Sie sagte mir, daß unweit von ihr, auf der anderen Seite der Kolchosverwaltung, auf der Ecke ein altes Lehmhaus verkauft würde. Es hatte weder Dachstuhl noch Flur, auch keinerlei Nebengebäude, deshalb wurde es für einen ganz billigen Preis von nur 500 Rubel abgegeben. Die Großtante wohnte nur drei Häuser davon entfernt. Als sie über diesen Verkauf erfuhr, ließ sie mich sofort rufen. Sie erklärte mir kurz worum es ging, gab mir 500 Rubel und befahl mir, sofort dorthin zu gehen und den Leuten das Geld zu geben. Die alte Dame war Näherin von Beruf und besaß immer Geld. Ich ließ mir das nicht zweimal sagen. In einer halben Stunde war ich Inhaber eines eigenen Hauses. Die Papiere wurden später gemacht. Natürlich mußte an dem Häuschen geschuftet und geschuftet werden, bis es erst mal für Menschen wohnlich war, aber es war unser Heim. Das vorgestreckte Geld konnte ich bei der Tante in ihrer Hauswirtschaft abarbeiten. Ich arbeitete an unserem Häuschen am Wochenende und abends nach der Arbeit, oft bis spät in die Nacht bei Mondschein.

       Die Tatsache, daß ein Enkel da war, versöhnte unsere Eltern mit uns mit der Zeit. Es kam so, daß der Sohn bis zu seinem dritten Lebensjahr meistens bei meinen Eltern war, da Berta und ich arbeiten mußten, die Mutter aber, war immer zu Hause. Da lernte er auch Deutsch, und anfangs verstand er kein Wort Russisch. Wir schleppten den Kleinen jeden Morgen, im Sommer mit dem Fahrrad, im Winter bei Sturm und Frost in einem Handschlitten, die 1,5 km zu den Eltern, abends holten wir ihn auf derselben Weise ab. Uns wurde heiß bei diesen Fahrten im Winter, aber das Kind erkältete sich und erkrankte. Als er 3 Jahre alt war mußte er für 2 Monate in ein Sanatorium für Lungenkranke. Als er von dort zurückkam, war er ziemlich gut ausgeheilt, sprach aber schon kein Wort mehr Deutsch, obwohl er noch alles verstand. So wuchs er dann auch zweisprachig auf, wobei das Russische mit der Zeit dominierte.

       Eines Abends, es war im März 1959, wir wohnten noch in Kant, kam ich aus Frunse von der Arbeit nach Hause. Ich traf im Haus eine schreckliche Aufregung an. Ich dachte im ersten Moment, es sei mit Berta etwas geschehen. Doch da sah ich schon unseren Sohn auf dem Bett liegen mit verdrehten Augen und fürchterlich krampfhaften Bewegungen, die an das Gebaren eines Irrsinnigen erinnerten. Ich war so erschrocken, daß ich aus dem Haus rannte, dabei wußte ich noch gar nicht, wo ich hin wollte. Aber ich lief instinktiv zum Bahnhof, wo die einzige öffentliche Telefonzelle war. Ich rief den Rettungsdienst an. Man sagte mir, der Rettungswagen sei gerade unterwegs, man werde ihn sofort schicken, sobald er zurückkäme. Das dauerte mir zu lange. Ich lief weiter zur Autostraße. Dort hielt ich einen Selbstkipper an und erklärte dem Fahrer, worum es gehe. Wir fuhren auch sofort los, ich wollte den Kleinen ins Krankenhaus bringen. Als wir schon vor dem Haus hielten, kam auch der Rettungswagen. Ich bezahlte meinen Fahrer und entließ ihn. Ich trug den Jungen zum Rettungswagen und wir fuhren los. Zu Hause blieben meine Frau, die Mutter und meine Schwester im Schock zurück. Im Krankenhaus erklärte ich den Ärzten, was passiert war, soweit ich es wußte. Der Junge hatte im Garten Wurzeln von Tollkraut gegessen. Man pumpte ihm den Magen aus (wobei er einer Schwester in den Finger biß) und legte ihn nackt in ein Bett im Korridor. Ich mußte mich zu ihm legen und ihn ständig festhalten, denn er bäumte sich auf und schlug um sich wie wild. Ich quälte mich die ganze Nacht und den ganzen nächsten Tag mit ihm herum, ohne eine Minute Ruhe im buchstäblichen Sinn des Wortes. Am nächsten Abend bat ich den Arzt, er solle doch etwas zur Beruhigung des Jungen unternehmen. Man gab ihm eine Spritze, dann schlief er auch bald ein. Er schlief fast zwei Tage lang, ohne zu sich zu kommen, so daß ich schon Angst bekam. Am Morgen des vierten Tages erwachte er und war wieder ganz normal. Er fragte mich, wo wir seien und warum er nackt wäre. Der Arzt untersuchte ihn noch einmal, er zog sich an, und wir konnten zusammen nach Hause gehen. Aber dieser Zwischenfall blieb nicht ohne Folgen. Der Junge wurde kurzsichtig und nervös. Diese Mängel behielt er auch fürs ganze Leben. Und sie beeinflußten, meiner Meinung nach, auch seinen Charakter.

       So lebten wir bis 1954. Dieses Jahr war reich an Ereignissen, sowohl erfreuliche, als auch traurige, und ist mir besonders im Gedächtnis geblieben. In diesem Jahr wurde in der Sowjetunion die Neulandkampagne gestartet, die Bevölkerung brauchte Brot, der Staat brauchte Geld. Jeder freie Flecken in der großen Sowjetunion sollte, da, wo es möglich war, bearbeitet werden. Es war nicht nur Neuland, sondern auch früheres Weideland wurde bis vors Dorf umgepflügt und besät. Von überall wurden Arbeitskräfte angeworben. Es wurden ganze neue Sowchose gegründet. Das war eine richtige extensive Wirtschaftsführung. In diese Kampagne wurde ein Haufen Geld hineingesteckt. Aber eines hatte man erreicht, seit jenem Jahr begannen die Sowjetmenschen sich wieder satt zu essen mit Brot. Zumal es damals (wenigstens im Altai) ein regenreiches Jahr war, und alles sproß nur so aus der Erde. Die Ernte war so reich, daß es unmöglich war, sie mit jener Technik, die es damals gab, mit jener Organisation und Vorbereitung ohne Verluste einzuheimsen. Ich erinnere mich noch gut: anfangs zog der Traktor den Mähdrescher im 1. Gang und nahm nur 1/3 der Mähplattform. Später, als das Wetter die Bauern antrieb (das Wetter wurde immer schlechter), fuhr der Traktorist im 4. Gang und nahm die volle Mähplattform, so daß hinten aus dem Drescher mit dem Stroh und der Spreu mehr Getreide herauskam als oben in den Getreidebunker floß. In jenem Jahr ging während und nach der Ernte mehr Getreide verloren, als in manchen Jahren geerntet wurde. Die Fuhrleute brachten den Kolchosbauern ihr Getreide, das sie auf ihre Arbeitseinheiten verdient hatten, in den Hof und schütteten es direkt vor die Haustür. Es gab keine Zeit, das Getreide ordentlich wegzuräumen, die Leute hatten auch keinen Platz dazu. Und nicht nur das Getreide ergab solch eine reiche Ernte, beim Gemüse und anderen Hackfrüchten war es genauso. Und in jenem Jahr, wo die Leute endlich wieder genug zu essen hatten, erlag der Vater seinen langjährigen Krankheiten (Asthma, Lungen- und Herzerweiterung). Er lag einige Monate krank im Krankenhaus und dann zu Hause, bis er am 29. September 1954 gegen 10 Uhr abends starb. Ich und Berta waren gerade am frühen Abend nach dem Kleinen gekommen und blieben den ganzen Abend da. Als es dunkel wurde ging meine Frau mit dem kleinen Adolf nach Hause. Ich blieb noch am Bett des Vaters. Auf einmal bekam er keine Luft mehr, ich hob ihn auf, aber es half nichts mehr, er verschied in meinen Armen. Das war das erste Mal, wo ich einen Menschen so nah sterben sah. Aus seinem Mund floß noch ein dünnes Gerinnsel Blut. Die Mutter sagte: Lege ihn hin und lasse ihn ruhen. Ich legte ihn wieder aufs Kissen und mußte mich um die Mutter kümmern, ihr wurde schlecht. Zu Hause waren nur noch Lili und Sascha anwesend. Lea war schon verheiratet und wohnte bei ihrem Mann und ihrer Schwiegermutter am anderen Ende des Dorfes. Richard war in der Brigade. Als ich die Mutter mit Arznei versorgt hatte, lief ich zu einer alten Russenfrau in der Nachbarschaft, zu der buckligen und lahmen Mutter Suchaterina, wie sie von allen genannt wurde. Sie wurde immer gerufen, wenn ein Leichnam gewaschen werden mußte. Sie fühlte sich an jenem Abend selbst sehr krank, versprach aber, sofort zu kommen, wir sollten den Vater nur auf eine Bank legen und Wasser besorgen. Als ich und Sascha ihn dann vom Bett hoben, hörte ich ein Röcheln und war anfangs erschrocken, dann verstand ich, daß beim Anheben die Luft aus den Lungen strömte und das Röcheln verursachte. Die Alte kam, wusch den Vater ab und half uns, ihn anzuziehen, dann legten wir ihn wieder aufs Bett. Wie wir dann einen Sarg machen ließen und wann wir ihn beerdigt haben, das weiß ich nicht mehr so genau. Ich weiß nur, daß wir den Sarg auf einen Pferdewagen gestellt hatten und ihn zum Friedhof fuhren, der ziemlich weit von unserem Haus entfernt war. Ich weiß auch nicht mehr, wer bei der Beerdigung anwesend war. Ich hatte andere Gedanken.

       Der Vater wurde auf dem Friedhof von Nowojegorjewka beerdigt. Anfangs stand auf seinem Grab ein einfaches Holzkreuz. Dann ließ ich in der Schmiede ein eisernes schmieden mit eingeschlagenen Namen und Geburts- und Sterbedaten. Nach einiger Zeit kaufte ich Holzstaketen und machte daraus eine Einfriedung um das Grab. Die stand auch mehrere Jahre, bis die Pfosten in der Erde verfaulten und die Wände zusammenbrachen. Danach schweißten Sascha und sein Kamerad einen eisernen Zaun, Lea strich ihn mit Farbe an.

       Mein Bruder Sascha heiratete am 8. Januar 1955 die Olga Schmidt. Wir hatten in dem Häuschen, das wir 1948 gebaut hatten und wo die Mutter mit den drei Kindern (Sascha, Richard und Lili) wohnte, eine kleine Hochzeit gemacht. Doch die war schon etwas besser als meine Hochzeit am 1. Januar 1951. Die Leute im Kolchos lebten nach der Neulanderschließung und der guten Ernte von 1954 schon etwas besser.

       Am 3. Februar 1956 brachte Olga, Saschas Frau, ein totgeborenes Mädchen zur Welt. Sie beerdigten es im Grab unseres Vaters.






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© DIE GESCHICHTE DER WOLGADEUTSCHEN.