Faschist und Saboteur


       Im Frühjahr 1951 mußte ich mit meinem Traktor 10 Tage lang vor dem Dorf die Kolchosgemüsegärten pflügen. Ich war ganz allein und als Anfänger mir selbst überlassen, ohne Brigadier und ohne Mechaniker. Durch meine Unerfahrenheit kam es so, daß, bis ich die Gärten gepflügt hatte, ich auch den Traktor zugrunde gerichtet hatte: ich hatte es soweit kommen lassen, daß die Lager an der Kniewelle schmolzen, und auch die Kniewelle selbst hatte eine Ellipse. Das stellte sich alles erst heraus, als ich mit dem Traktor wieder in der Brigade war. Ich mußte mit den defekten Maschinenteilen in die MTS, in die Werkstatt fahren, um sie dort zu reparieren. Der Mechaniker der MTS sah sich die Sache an und rief den MTS-Direktor herbei, der gerade irgendwo in der Nähe war, und erklärte ihm alles. Der Direktor, ein richtiger Deutschenbeißer, begann sofort über mich zu fluchen, nannte mich einen Saboteur, einen Faschisten, einen Fritzen, der hierher kam, um Sabotage zu treiben. Diese ganze Tirade war reichlich vermengt mit den unflätigsten russischen Mutterflüchen. Und das vor einer ganzen Menge von Arbeitern. Mir wurde schwindlig vor Scham, Kränkung und Ohnmacht. Ich beherrschte mich, so gut ich konnte, und sagte nur leise: Wenn er von mir solche Meinung hätte, wäre es das Beste, wenn ich ginge und nicht mehr bei ihm arbeiten würde. Ich warf ihm die schmierigen Pleuelstangen vor die Füße und ging weg. Die Arbeiter um uns herum, auch Deutsche dabei, schwiegen verblüfft. Einer von ihnen, ein mir gut bekannter Schlosser, nahm die Maschinenteile und trug sie weg.

       Als ich nach Hause kam und die Sache erzählte, waren alle schockiert. Wir waren alle auf das Äußerste gefaßt. Wir kannten ja alle den Vorkriegserlaß vom 14. Juli 1940, laut dem Verspätungen und Versäumnisse auf der Arbeit, eigenmächtiges Verlassen der Arbeitsstelle und dgl. mit bis zu einem Jahr Gefängnishaft bestraft wurden. Bei mir war es noch schlimmer: es war Frühjahrsaussaat, und ich war Deutscher. Da konnte mein Vergehen auch leicht als Sabotage qualifiziert werden. Und das hätte mir 8 bis 10 Jahre Freiheitsentzug eingebracht. Am nächsten Morgen riet mir Vater zum Kommandanten zu gehen und ihm die Sache ehrlich und wahrheitsgetreu zu schildern. Vielleicht wüßte der einen Ausweg. Aber der Kommandant sagte mir nur, er verstehe ganz gut meinen Zustand, und verstehe auch, daß es mir unter diesen Umständen schwer würde, bei diesem Direktor zu arbeiten. Ich solle aber vorschriftsmäßig vorgehen und bei dem Direktor eine Entlassungseingabe einreichen. Ich brachte auch dem Direktor sofort eine solche Eingabe. Der fluchte mich nur nochmals aus und sagte, ich solle mich in die Brigade scheren und arbeiten. Ich ließ die Eingabe auf dem Tisch liegen und sagte nur beim Weggehen, er solle mich von nun an nicht mehr als seinen Arbeiter ansehen. Ich ging sofort in die Brigade und half noch drei Tage, den Traktor zu reparieren, dann bat ich die Feldbaubrigadierin, sie solle mir ein paar Pferde geben, ich wolle bei ihr als Fuhrmann arbeiten. Sie willigte sofort ein, denn es fehlte an Arbeitskräften. Ich begann also, in der Feldbaubrigade zu arbeiten. Das ging so 10 Tage lang, bis eines Tages der MTS-Direktor unsere Brigade aufsuchte und erfuhr, daß ich wirklich nicht mehr auf dem Traktor arbeitete. Am nächsten Tag wurden in allen Brigaden Verordnungen ausgehängt, daß ich absichtlich den Traktor kaputtgemacht und die Frühjahrsaussaat gehemmt hätte. Dabei sei dem Staat ein Schaden von rund 2000 Rubel entstanden. Ich sei sofort vor Gericht zu stellen.

       Auf solch einen Ausgang des Konflikts war ich nicht gefaßt gewesen. Ich hatte ja erwogen, daß man mich der Sabotage beschuldigen könnte, aber daß man auch noch die Familie ruinieren würde, das ging zu weit. 2000 Rubel das wäre der Verlust unserer Kuh gewesen. Denn das war damals so üblich: wenn jemand eine solche Summe zu zahlen hatte, an den Kolchos oder an den Staat, so wurde die Kuh weggeführt, denn eine solche Summe konnte ja kein gewöhnlicher Kolchosbauer aufbringen. Das Ärgerlichste an der Sache war, daß das alles nicht der Wahrheit entsprach. Für die Reparatur des Traktors war nur eine neue Dichtung der Ölwanne nötig, und die 6 Rubel, die sie kostete, wurden sofort mir, meinem Schichtpartner und dem Traktoristenbrigadier in Rechnung gestellt. Alles andere wurde beim Schrott zusammengesucht, sogar eine noch gute Kniewelle. Mein bekannter deutscher Schlosser Robert Schmidt half mir dabei sehr viel. Der Traktor war auch nur drei Tage außer Betrieb, während wir ihn reparierten. An dem Traktor gab es keine Scheinwerfer, so daß nachts nicht gearbeitet wurde. Ich und mein Partner arbeiteten je über einen Tag von Sonnenaufgang bis spät in die Nacht. Jetzt, wo ich weggegangen war, nutzte mein Partner das aus und arbeitete jeden Tag. Er tat das sogar gern, denn er verdiente ja gut dabei. Das alles beschrieb ich in einer Erklärung, die ich schriftlich zusammenstellte. Ich bat einige Kollegen, die den Sachverhalt gut kannten (meinen Partner, den Traktoristenbrigadier und den Schlosser), das auch zu unterschreiben. Sie taten es auch, denn es war ja die reine Wahrheit. Nur einer, der Rechnungsführer der Traktoristenbrigade, der am besten bezeugen konnte, daß alles so war, weigerte sich, seine Unterschrift zu geben. Er meinte, er wolle mit der ganzen Sache nichts zu tun haben. Nun, mir genügten auch die drei Unterschriften, die ich hatte. Mit diesem Papier ging ich zum Kommandanten. Er las es durch und sagte, ich solle beruhigt nach Hause gehen. Er werde alles in die richtigen Bahnen leiten.

       Am nächsten Morgen fand der Prozeß statt. Es waren im Gerichtssaal einige meiner Kameraden, meine Frau und mein Bruder anwesend. Doch die Gerichtssekretärin rief mich in das Kabinett des Richters. Und hier fand die ganze Verhandlung statt. Anwesend waren: der Richter, die Sekretärin und ich. Die Öffentlichkeit war ausgeschlossen. Der Richter hörte sich meine Erklärung an und sagte, der Direktor habe eine sehr verantwortliche und nervenzerreibende Arbeit, da könne mal schon solch ein Ausrutscher passieren. Ich solle zu ihm gehen, um Verzeihung bitten und weiterarbeiten. Dann würde mein Vergehen mit 6 Monaten je 25% Lohnentzug bestraft. Wenn ich aber die Arbeit nicht fortsetzen werde, müßte ich ins Gefängnis. Ich erwiderte, daß ich lieber ins Gefängnis gehen würde. Darauf schickte man mich hinaus in den Saal, und das Gericht traf seine Entscheidung. Nach 10 Minuten wurde ich wieder hereingerufen. Wir standen alle um den Tisch des Richters und er verlas das Urteil: 4 Monate Gefängnishaft. Das Gesetz sah für solch ein Verbrechen 2 bis 6 Monate Gefängnishaft vor (wie ich später erfuhr). Ich bekam also die Durchschnittsfrist. Als ich dieses Urteil hörte, wurde mir so leicht ums Herz, als ob gar nichts geschehen wäre. Ich hatte mit 8 bis 10 Jahren gerechnet.

       Ich durfte im Gerichtssaal noch bei meinen Verwandten und Freunden sitzen, bis ein Milizionär kam und mich abholte.

       Der Milizionär war ein Bekannter von mir, ich hatte zusammen mit seinem Bruder die Traktoristenkurse absolviert. In der Miliz übergab er mich dem Diensthabenden. Es war der Stellvertreter des Kommandanten. Er führte mich in eine Zelle, die ziemlich schmutzig war. Dann rief er mich in eine andere, die sauber gewaschen war. Ich nahm meine Steppjacke, breitete sie auf dem Fußboden aus und legte mich hin. Mutter hatte mir am Morgen zwei kleine Kartoffelpasteten in die Tasche gesteckt. Ich wollte jetzt etwas essen, brachte aber nichts hinunter. Ich lag und dachte über meine Lage nach. Dann ging ich zu dem kleinen vergitterten Fenster und schaute hinaus, so gut es ging. Es war Anfang Mai, das Gras fing gerade erst an zu wachsen. Ich stellte mir vor, daß in 4 Monaten alles Gras schon wieder verwelkt und vertrocknet wäre. Also würde ich diesen Sommer überhaupt kein Gras mehr richtig zu sehen bekommen. Bei solcher Vorstellung wurde mir so wehmütig ums Herz, daß mir die Tränen kamen. Jetzt verstand ich, warum den Häftlingen alle Metallknöpfe, Schnallen, Hosenriemen und dergleichen weggenommen werden. Da habe ich nur 4 Monate abzusitzen und liege da und flenne. Aber wenn ich 8 oder 10 Jahre vor mir gehabt hätte!

       Indessen kam ein anderer Milizionär, öffnete die Tür und fragte, was ich hier in der Frauenzelle suche, und wer mich hierher gebracht hätte? Ich mußte mitkommen, wieder in die schmutzige Zelle. Kaum hatte ich mich dort umgesehen, brachte man noch drei Häftlinge. Zwei in meinem Alter und einer etwas älter. Der ältere hatte ein Metallröhrchen in der Gurgel, durch das er atmete. Wenn er sprechen wollte, mußte er das Röhrchen mit dem Finger zuhalten. Er hatte noch ein vorrätiges, denn er mußte jedes Mal nach dem Essen das Röhrchen mit heißem Wasser saubermachen. Konnte aber ohne das Ding nicht atmen.

       Ich erfuhr, daß man diese drei Häftlinge nach Rubzowka bringen wollte. Sie hatten mit einem Milizionär 4 Stunden am Dorfende am Weg gesessen und auf eine Gelegenheit gewartet, mitzufahren, waren aber nicht fortgekommen. Es hieß, daß man uns jetzt morgen um 8 Uhr fortschaffen wollte.

       Ungefähr um 7 Uhr abends gab es Abendessen. So um 10 Uhr abends holte mich mein bekannter Milizionär in die Dienststube. Er hatte Nachtdienst. Jetzt wollte er mich malen, wie er sagte. Er beschrieb genau mein Äußeres, suchte meinen Körper nach Tätowierungen ab, nahm Fingerabdrücke. Er bestätigte, daß wir morgens weg sollten. Ich sprach ihm meinen Kummer aus, daß meine Sachen, die ich mitnehmen wollte, noch zu Hause seien, wir hätten nicht damit gerechnet, daß wir so schnell unsere Miliz verlassen würden. Er fragte mich, ob ich bestimmt zurückkäme, wenn er mich nach Hause gehen lasse, um die Sachen zu holen und mich zu verabschieden. Ich beteuerte natürlich, daß ich ihn gewiß nicht hereinlegen würde. Er lachte dann und sagte: Du Dummerchen, ich würde den eigenen Bruder nicht laufen lassen. Wenn so etwas herauskäme, würde man mich erschießen. Aber er sagte, ich solle ihm jemanden nennen, der hier in der Nähe wohnt, und auf den ich mich verlassen könnte, und sollte eine Nachricht schreiben, aber nur russisch, er würde den Zettel dorthin bringen, und die Leute würden ihn morgen in aller Früh zu meiner Familie bringen. Wir wohnten ja ganz am anderen Ende des Dorfes. Und so machten wir es auch. Am Morgen, als wir vor dem Frühstück zur Toilette gehen mußten, dann auf dem Hof uns die Beine vertraten und gleichzeitig Späne sammelten, damit man für den Kranken heißes Wasser für sein Röhrchen machen konnte, kam mein Bruder Sascha mit meinem Eßsack angeritten. Ich sagte ihm, daß er ans Dorfende reiten solle. Dort empfingen mich dann mein Bruder mit dem Sack, meine Frau und meine Schwester. Sie waren noch so lange bei mir, bis der Milizionär einen Tankwagen angehalten hatte und uns darauf verfrachtete. Sogar die Miliz hatte damals kein Auto und mußte sehen, wie sie ihre Transportangelegenheiten erledigte.

       Einige Wochen Haft verbrachte ich in verschiedenen Gefängnissen und verschiedenen Zellen in Rubzowka und Barnaul, wo ich das Leben von seiner Kehrseite her etwas kennenlernte. Hier möchte ich kurz beschreiben, wie sich das Leben damals in einem sowjetischen Gefängnis abspielte, wenigstens dort, wo ich war.

       Ich kam in Rubzowka in eine Zelle, wo sich so 25 Häftlinge befanden. Der Platz auf der zweistöckigen Pritsche reichte nicht für alle, so mußte ich mich mit meiner Steppjacke auf dem Fußboden einrichten, wie auch einige andere, die keinen anderen Platz hatten. Neben der Tür stand der traditionelle Toilettenkübel aus Eisenblech mit einem Deckel aus demselben Material. Er hatte an den Seiten zwei Griffe und wurde jeden Morgen von zwei Mann, die gerade Dienst hatten, in die Toilette geschleppt, geleert und ausgewaschen. Dieser Kübel diente nur für die kleine Notdurft, worauf von den Insassen streng geachtet wurde. Es gab noch einen Stubenältesten, der auch auf Ordnung sah. Bettsachen gab es hier keines, jeder schlief nachts auf dem, was er hatte. Wenn jemand nur Hemd und Hose anhatte, der lag eben auf der blanken Pritsche, außer sein Nachbar erbarmte sich und ließ ihn neben sich auf einen Zipfel seiner Sachen legen. In Rubzowka war ich nur drei Tage, und es gab keine besonderen Vorkommnisse. Ich hielt mich auch stets von jeglichen Aktionen und Spielen abseits. Es wurden verschiedene Geschichten erzählt zum Zeitvertreib, manche erzählten von sich und warum und wofür sie hier gelandet waren. Das Wort führten gewöhnlich die Diebe, die sich hier als die Herren der Lage aufspielten und in der ganzen Ordnung den Ton angaben. Aber keiner wurde gezwungen, über sein Leben und über die Ursache zu erzählen, die ihn ins Gefängnis brachte. Wenn der Betroffene noch keinen Gerichtsprozeß hinter sich hatte, verboten ihn die erfahrenen Insassen sogar, darüber zu reden, das könne ihm schaden.

       Eines Morgens, es war gerade ein Sonntag, begann einer ein Gespräch, er habe aber schrecklichen Kohldampf (Hunger), das Essen sei miserabel, und wir würden alle bald verrecken, wenn wir nichts unternehmen würden. Er sagte: Heute ist Sonntag, also Markttag. Wir könnten auf den Markt gehen, einige Sachen verkaufen und etwas zum Essen einkaufen. Es fragten sofort einige, ob denn so etwas möglich wäre. Andere behaupteten, das dies völlig möglich sei, nur dürfe man keinen schicken, der eine große Frist abzusitzen habe. Denn, wenn der Abgeordnete fliehen würde und nicht mehr zurückkäme, würde man seine Frist auf alle übrigen verteilen. Jetzt wurde gefragt, wer was geben könne zu verkaufen. Es fanden sich sofort einige, die sogar ihre Sachen vom Leib nahmen, um sie zu verkaufen. Die Sachen wurden begutachtet, eingeschätzt und in eine Liste eingetragen, mit dem Namen des Spenders. Irgendjemand holte einen Sack herbei, in den die Sachen verstaut wurden. Es gab über einen halben Sack der verschiedenartigsten Kleidung, so 8 -10 Kilo. Auch eine Liste von Lebensmitteln wurde aufgestellt, die gekauft werden sollten. Jetzt mußte ein Bote gewählt werden, der sich einwilligte, auf den Markt zu gehen. Es fanden sich einige Freiwillige, aber ihre Kandidaturen wurden abgelehnt, weil sie zu hohe Haftfristen hätten, ein anderer fiel weg, weil er noch keinen Gerichtsprozeß hatte, den würde die Gefängnisleitung nicht gehen lassen. Schließlich fand sich einer von den Kolchosniks das heißt ein blöder Kolchosbauer, der sich nach langen Bedenken einwilligte, zu gehen. Er wurde aber sehr gewarnt, daß man ihn, wenn er nicht mehr zurückkäme, auch unter der Erde noch finden und erschlagen würde, obwohl er nur 6 Monate abzusitzen habe und 6 Monate geteilt durch 25 (Zahl der Insassen) ergebe nur für jeden ca. eine Woche größere Frist, abzusitzen. Der Kerl beteuerte und schwor, er würde niemals so etwas tun und würde seine Kameraden reinlegen, auch wenn er 10 Jahre Haft hätte. Nun, man glaubte ihm. Jetzt schrieb jemand eine Eingabe an die Gefängnisleitung, alle unterzeichneten und der Botengänger mußte an der Tür anklopfen und dem Wachhabenden den Zettel überreichen und seine Bitte noch mündlich hervorbringen. Der Wachhabende schrie den Tölpel an, er solle machen, daß er von der Tür wegkomme, sonst würde er ihn für 3 Tage auf solch einen Markt schicken, an den er sein Leben lang denken würde.        Der Junge rannte mit Tränen in den Augen und einem dummen Lächeln im Gesicht unter dem Gelächter und Gegröle der ganzen Zelle zurück auf seinen Platz. Er konnte kein Wort sagen. Aber die Insassen konnten sich noch lange nicht beruhigen und freuten sich wie Kinder über ihren gelungenen Scherz. Endlich nahmen sie ihre Sachen auseinander und sannen darüber nach, was sie noch zum Zeitvertreib anstellen könnten.

       Am nächsten Tag prahlten manche Kerle, wie stark sie wären, und welche Tricks man anwenden könne, wenn die Kraft nicht ausreiche. Einer sagte: Wollt ihr, ich zeige es euch an einem kleinen Beispiel? Ich lege mich mit dem Rücken auf den Fußboden, es können sich 9 Mann mittlerer Größe auf mich setzen, und ich stehe mit ihnen vom Fußboden auf. Er legte sich auf den Fußboden und rief die anderen auf, sich auf ihn zu setzen. Es fanden sich Freiwillige. Sie mußten sich zu beiden Seiten mit dem Hintern auf den Fußboden setzen, die Beine über den Liegenden legen und einander an den Armen festhalten. So setzten sich 4 Paare über den Kerl, vom Kopf bis zu den Füßen. Jetzt rief der Liegende, jemand müsse sich auf die Beine der anderen legen, auf den Bauch, mit dem Kopf zum Gesicht des Liegenden. Es fand sich einer, den lehnte der Mann aber ab, er sei zu schwer, es müsse ein leichterer Mann sein. Einer von den Gaffern schubste einen kleinen, schmächtigen Kerl heran und sagte: Lege dich hin, du paßt genau! Der legte sich auch mit dem Bauch auf die Beine der 4 Paare, mit dem Gesicht neben das Gesicht des unten Liegenden. Der rief, er solle den Kopf tiefer legen. In dem Moment goß ein anderer dem Jungen einen Becher Wasser ins Genick. Der sprang auf und das Wasser lief ihm den Buckel runter in die Hose hinein. Da brach das Gejohle und Gelächter wieder aus. Der Betroffene lächelte nur verlegen.

       Schon am ersten Tag, als ich im Rubzowker Untersuchungsgefängnis war, warf man gegen Abend einen Taschendieb in unsere Zelle (man hatte ihn nach einem schrecklichen Lärm im Korridor buchstäblich durch die Tür hineingeworfen). Das war ein mittelgroßer, ca. 25 Jahre alter Kerl, der jetzt vom Boden aufstand, schrecklich schrie, fluchte, mit den Händen gestikulierte und dann hysterisch weinte und jammerte: Drei Tage war ich in der Freiheit, hatte nach acht Jahren Gefängnis nur erst einmal mit einer Frau geschlafen, dann haben sie mich wieder geschnappt auf dem Markt: so eine alte Schlampe schrie, ich hätte ihr das Geld aus der Tasche gezogen. Es war gar nicht wahr, sie hatte es fallen lassen, ich hob es auf und wollte es ihr geben, da faßte man mich von hinten! Sollte denn keine von den Bettlern, denen ich so viel Geld verteilt habe, für mich beten! Einer habe ich 10 Rubel gegeben, einer anderen 5, einer jungen Zigeunerin mit einem kleinen Kind gab ich einen ganzen Laib Weißbrot! Aber hübsch war sie, die Schlampe, beruhigte er sich plötzlich und lachte. Dann ging er zu einem ganz jungen Kerl mit einem schwarzen Lockenkopf, der an der Wand saß, faßte ihn am Schopf und schrie wieder hysterisch: Was suchst du hier, du Freier, das ist nicht für dich, das Gefängnis, das ist mein Zuhause! Dein Platz ist im Kolchos! Sieh mal einer an! Hat einen Schopf wachsen lassen, der Freier! und so weiter in diesem Sinne. Dann zog er seine Chromstiefel aus, sah nach einem Mann, der seine Schuhe vor sich auf dem Fußboden stehen hatte, und sagte zu ihm: Probiere mal die Stiefel an, ich glaube, die passen dir, mir haben sie schon die Füße kaputtgedrückt. Ich probiere mal deine Schuhe an gerade wie für mich geschaffen! Passen dir die Stiefel? So behalte sie! und begann mit den Schuhen zu tanzen. Dann wandte er sich an mich und sagte: Freund, schenke mir dein Hemd, du hast ja noch eins darunter, ich beginne zu frieren! Ich gab ihm das Hemd widerstandslos, ich wußte doch, daß dies die beste Lösung für mich war, denn solche Banditen gab es noch viele in der Zelle, die im Moment nur den Neuen abschätzend beobachteten. Dann hörte ich, wie sie miteinander in ihrer Gaunersprache redeten. Die Rede war von einer anerkannten Gaunerautorität. Sie sprachen scheinbar Russisch, aber ich verstand fast nichts davon.

       Nach drei Tagen wurden wir in Viererkolonnen zum Bahnhof getrieben. Wir mußten einander mit den Armen unterhaken und in schnellem Schritt laufen, bewacht von Soldaten mit Maschinenpistolen und Hunden. Vor dem Weggehen wurde uns die übliche Warnung zugeschrien: Einen Schritt zur Seite und es wird scharf geschossen! Am Bahnhof mußten wir uns so untergehakt, wie wir waren, auf die Erde setzen, bis der Zug kam. Jetzt wurden wir in einen speziellen, mit eisernen Gittern versehenen Waggon hineingezählt, auch die Abteile waren vergittert und verschlossen. So fuhren wir bis nach Barnaul. Dort kamen wir am Nachmittag an. Wieder mußten wir untergehakt durch die Stadt marschieren. Wir kamen bis zum Fluß Ob. Hier mußten wir einzeln über eine schmale, löchrige, sehr schaukelnde Hängebrücke, hoch über dem Wasser, zum anderen Ufer balancieren. Dort ging es noch ca. 100 m bergan und wir waren vor dem Barnauler Untersuchungsgefängnis. Hier kamen wir in einen Korridor, wo wir uns alle in einer Reihe nackt ausziehen mußten und von zwei Ärzten untersucht und nach Krankheiten befragt wurden. Inzwischen untersuchten Wachsoldaten unsere auf dem Fußboden liegende Kleidung. Dann ging es ins Bad, danach wurden wir auf die Zellen verteilt. Ich kam mit einigen anderen in eine große Zelle, wo sich gut ein halbes Hundert Gefangene befanden. Sie lagen auf zweistöckigen eisernen Betten, ohne Matratzen und anderes Bettzeug. Die Innenausstattung war, abgesehen von den eisernen Betten, fast die gleiche wie in der Zelle von Rubzowka, nur größer. Das war eine Quarantänezelle. Mir wurde ein Bett angewiesen, ich breitete meine Steppjacke aus, legte meinen Sack, in dem ich noch einige Sachen hatte, unter den Kopf und streckte mich aus. Mich interessierte nicht, was um mich herum vorging, wovon erzählt wurde, oder was es alles in der Zelle gab.

       Gegen Abend erhielten wir Matratzen, Decken und Kissen, am Morgen, nach dem Aufstehen, mußte man die Bettsachen wieder abliefern. Ich legte mich dann gewöhnlich wieder auf meine Steppjacke, manchmal schlief man noch einmal etwas ein. Das machten mehrere Insassen so. Eines Morgens, so gegen 11 Uhr, öffnete sich die Tür und der Wachhabende trat ein und zeigte mit dem Finger auf 4 Personen, darunter auch auf mich, und rief: Mitkommen! Wir fragten: Mit unseren Sachen oder ohne? Er sagte: Ohne! Er führte uns 4 Mann den Korridor entlang, öffnete dann eine Tür, drehte den am nächsten Stehenden um, mit dem Rücken zur Tür, und schob ihn in den Türeingang. Hinter der Tür war aber kein Raum, sondern eine Wand; dann schob er die anderen zwei Männer auf dieselbe Weise hinein und als Letzten mich. Wir hatten zu viert kaum Platz in dem Türrahmen, der Wachhabende machte die Tür zu, stemmte sich dagegen und sie fiel ins Schloß. Wir verstanden jetzt, was er mit uns vorhatte. Er sagte dabei: Ich zeige euch, wie man am Tage schläft und die Ordnung verletzt! Wir riefen, daß wir Neue sind und nicht wußten, daß man am Tage nicht auf dem Bett liegen darf. Er meinte: Könnt ihr nicht lesen? Es steht doch in der Hausordnung! Dann fragte er unsere Namen ab, den Artikel des Strafrechts und wie groß unsere Haftfrist sei. Das alles notierte er sich und sagte dann: Ich werde daß überprüfen, und Gnade Gott, wenn jemand von euch gelogen hat! Er ging weg. Wir standen aneinander gepreßt und unsere Gliedmaßen wurden immer lahmer. Wir konnten uns nicht rühren, konnten aber auch nicht mehr stehen. Wir sackten einfach ab wie locker gefüllte Säcke. Der ganze Körper schmerzte, es atmete sich schwer. Endlich kam der Mann und öffnete die Tür, wir wären beinahe herausgefallen. Er sagte: Ihr Schweinehunde, habt so geringe Haftfristen (zwei hatten zu 6 Monaten, einer ein Jahr und ich 4 Monate.) und treibt solche Sachen. Daß mir so etwas nicht mehr vorkommt. Wir entschuldigten uns und bedankten uns für unsere Befreiung. Diese Strafe nannten sie: in der Box stehen. Ein anderes Mal verletzte ich die Hausordnung, als wir am Nachmittag uns auf dem Innenhof die Beine vertraten. Wir marschierten im Gänsemarsch auf dem Hof hin und her. Plötzlich kam der Gefängnisdirektor, sah sich um und schrie etwas. Ich kümmerte mich nicht darum, ich hatte ja nichts getan. Dann schrie er wieder. Mein Hintermann stieß mich in den Rücken und zischte: Die Hände auf den Rücken, du Idiot, willst wohl in den Karzer wandern?! Ich steckte die Hände schnell hinter den Rücken und alles ging glimpflich vorbei.

       Aus dem Untersuchungsgefängnis wurde ich einer Baukolonne unweit von Barnaul zugeteilt. Dort mußten wir meistens Lehmziegel für den Bau einer Geflügelfarm machen. Wir waren 300 Männer, hatten verschiedene Fristen, von 4 Monaten bis 25 Jahren, mit solchen Vergehen wie das meine bis Mord, Banditismus und Vaterlandsverrat. Wir lebten in Baracken in einer Ecke eines riesigen Frauenlagers. Von der Außenwelt waren wir durch einen 6reihigen Stacheldrahtzaun getrennt. Von dem Frauenlager durch eine 6 Meter hohe Bretterwand, auf der noch 3 Reihen Stacheldraht befestigt waren. Aber diese Vorkehrungen und die strenge Ordnung hinderten manche Männer und Frauen nicht daran, Kontakt miteinander aufzunehmen. Das geschah meistens nachts oder am Abend, wenn die Häftlinge von der Arbeitsstelle ins Lager marschierten. Wenn sie erwischt wurden, hagelte es Karzer. Manche Männer verbrachten mehr Nächte bei den Frauen und im Karzer als in ihren Betten.

        Wir mußten 9 Stunden am Tage arbeiten, genau so lange, wie die Wachmannschaften Dienst hatten. Wenn wir zur Essenaufnahme durch das Frauenlager marschierten, in dessen einer Ecke sich die riesige Speisehalle befand, schoben uns alte Frauenhäftlinge stets einen Kanten Schwarzbrot zu. Diese Frauen waren alle aus der nächsten Umgebung und erhielten von zu Hause viele Pakete mit Lebensmitteln, so daß sie das Knastbrot nicht brauchten. Unter den älteren Frauen waren auch Deutsche, die aus religiösen Gründen ins Gefängnis gekommen waren.

       Ich arbeitete zusammen mit einem deutschen Jungen aus Barnaul. Er mußte 1 Jahr absitzen wegen Körperverletzung. Er hatte, seinen Worten nach, seinen jüngeren Bruder aus einer Schlägerei herausgehauen und dabei mehrere Teilnehmer krankenhausreif geschlagen. Wir warfen mit ihm aus der Lehmgrube den fertigen Ziegellehm hinauf auf niedrige Karren. Das war eine physisch sehr harte Arbeit. Aber wir lehnten eine Ablösung ab, die uns zustand, nur damit wir allein in der Grube sein und uns miteinander unterhalten konnten. Wir sprachen über die Schule, über Literatur und Kunst, über Frauen und über das Leben. So langweilten wir uns nicht und die Zeit verlief schneller.

       Ich mußte nur 2 Monate und 10 Tage absitzen, denn ich kam durch die Amnestie vom 26. Juni 1951 frei. Es wurden alle freigelassen, die unter 1 Jahr hatten und wegen solcher Delikte wie das meine verurteilt waren. Die Zeit im Lager war nicht die schlimmste in meinem Leben. Ich war jung, gesund, hatte genug zu essen und nur die einzige Sorge, ob ich bald wieder einen Brief von zu Hause bekäme. Nur das Regime und die Umgebung waren für solch einen Kolchosnik wie ich ungewohnt und deshalb auch schlimm genug. Die Tatsache, daß wir uns nicht frei bewegen konnten und von Stacheldraht und Wachposten umgeben waren, kümmerte mich wenig, das war ich ja von der Trudarmee noch gewöhnt. Als ich freigelassen wurde und nach Hause gehen durfte, fingen die Sorgen von neuem an. Sie begannen schon, als ich meine Entlassungspapiere bekam. Alle, die entlassen wurden, gingen zum Lagertor hinaus und waren frei. Ich jedoch stand als Deutscher unter Kommandanturaufsicht und wurde wie ein Gefangener unter Bewachung zusammen mit anderen Gefangenen bis nach Rubzowka transportiert. Dort mußte ich noch drei Tage im Gefängnis bleiben bei echten Verbrechern, bis ich von unserem Kommandanten abgeholt wurde.






Inhaltsverzeichnis

© DIE GESCHICHTE DER WOLGADEUTSCHEN.