Heirat


       Einige Jahre war ich das Frühjahr und den Sommer über als Traktoristengehilfe tätig. Den Beruf nannte man im Kolchos (buchstäblich aus dem Russischen ins Deutsche übersetzt) Anhänger. Der Anhänger war für die Anhängegeräte am Traktor (Pflug, Sämaschine u.a.) verantwortlich. Der Anhänger und der Traktorist bildeten zusammen ein Team. Ein Anhänger bekam die Hälfte des Arbeitslohnes des Traktoristen. Das war gewöhnlich im Durchschnitt mehr, als ein anderer Kolchosbauer verdienen konnte. Im Winter arbeitete ich dann wieder als Fuhrmann mit Pferden.

       Einige Winter wurde ich zusammen mit noch 15-20 Kolchosbauern in eine Forstwirtschaft geschickt. Dort mußten wir im Wald Bäume fällen. Der Kolchos bekam für diese Hilfe von der Forstwirtschaft Bauholz. In der Forstwirtschaft machte ich mich mit einem Russenmädchen aus unserem Dorf, aber aus einem anderen Kolchos, bekannt. Als wir schon wieder zu Hause waren, und ich wollte sie im Dorf besuchen, traf ich zufällig meine ehemalige Mitschülerin Berta Faller. Wir hatten vor dem Krieg in Marxstadt in einer Schule gelernt. Aber in der 1. Klasse war sie sitzengeblieben, so daß sie dann immer eine Klasse hinter mir war. Es war sehr interessant und angenehm, über unseren gemeinsamen Schulbesuch und über gemeinsame Schulkameraden Erinnerungen auszutauschen. Wir fanden sofort Gefallen aneinander und trafen uns dann öfter. Diese Treffen gingen dann in eine feste Freundschaft über, die vom Frühjahr 1948 bis zu unserer Heirat am 6. Dezember 1950 währte. Ich hatte auch da noch nicht die Absicht, zu heiraten. Ich wollte bei dieser Armut keine Familie gründen. Meine Verlobte (wenn man sie so nennen will) war derselben Meinung. Und wir hätten unsere Heirat vielleicht auch noch länger hinausgeschoben, aber es gab da Zustände, von uns nicht abhängige, die unsere Heirat vorantrieben.

       Ich hatte im Winter 1950 in unserer Maschinen-Traktoren-Station (MTS) die Traktoristenkurse besucht und erhielt im Frühjahr 1950 die Qualifikation eines Traktoristen. Man gab mir einen Sporenrädertraktor (ChTS) und ich arbeitete damit den Sommer über auf den Feldern. Im Herbst, als die Feldarbeiten vorbei waren, mußten alle Traktoristen in der MTS arbeiten und die Traktoren, sowie andere landwirtschaftliche Maschinen reparieren und für das nächste Frühjahr vorbereiten. Also mußte auch ich in der MTS arbeiten. Meine Verlobte sollte aber mit anderen Kolchosbauern wieder in die Forstwirtschaft fahren und Holz fällen. Wäre sie verheiratet gewesen, hätte man sie nicht dorthin geschickt. Ebenso mußte auch meine Schwester Lea in den Wald fahren. Die Mutter war krank und konnte den Haushalt in der großen Familie nicht allein bewältigen. Da blieb uns nur ein Ausweg heiraten. Das schaffte mit einem Schlag die größten Probleme aus dem Weg: Ich und meine Frau mußten uns nicht trennen; unsere Mutter erhielt eine Haushilfe; meine Schwiegermutter, die immer Angst hatte, daß ich ihre Tochter nur verführen und nicht heiraten wollte, bekam ihre Ruhe; meine Frau brauchte nicht in den Wald (die meisten Frauen und Mädchen fuhren nur ungern dorthin, denn die Arbeit im Wald war physisch sehr schwer). Aber es gab da trotzdem noch ein Problem, das ich früher immer mit einer Handbewegung abgetan hatte: ich war Lutheraner, und meine Frau war Katholikin. Da machten sich unsere Eltern schon immer Sorgen, was das geben wird mit unserem Nachwuchs. Und es hätte beim Freien noch Reibereien geben können. Da gingen wir kurzer Hand in den Dorfsowjet und ließen unsere Ehe im Stillen registrieren. Außerdem mußten wir auch so schnell wie möglich dem Kolchosvorsitzenden unsere Heiratsurkunde vorlegen, damit er meine Frau von der Waldarbeit befreite und zu Hause ließ. Es ging auch alles reibungslos, der Vorsitzende gratulierte uns und sagte, die Lebensmittel, die meine Frau für den Wald aus dem Kolchos bekommen hatte, sollten wir als Hochzeitsgeschenk behalten. Wir waren natürlich sehr froh über solch ein Geschenk, denn zu Hause war schon fast kein Brot mehr. Natürlich wurden diese Lebensmittel im Herbst von unserem Lohn abgerechnet.

       Also, wir hatten unsere Eltern vor vollendeter Tatsache gestellt, obwohl ich den meinen zuvor schon angedeutet hatte, daß ich meine Schwester nicht vor der Fahrt in die Forstwirtschaft retten könnte, aber wohl meine Verlobte. Jetzt machten sich meine Eltern auf den Weg zu meiner Schwiegermutter, um die Braut zu freien. Der Vater erklärte, wie es materiell bei uns stehe. Die Schwiegermutter zeigte sich aber verständnisvoll und meinte, der liebe Gott würde uns schon nicht verhungern lassen. Die beiden Mütter wollten noch auf die Taufe des zukünftigen Enkelkindes eingehen, aber der Vater ließ es nicht zu vielen Worten darüber kommen, lud die Familie meiner Frau zum nächsten Sonntag zu einem Abendessen ein und drängte nach Hause. Die Frage über die Kindtaufe blieb in der Luft hängen. Ich und meine Frau waren an diesem Abend absichtlich ins Kino gegangen, um bei dem Freien nicht dabeizusein. Wir kamen zurück, als sich meine Eltern schon verabschiedeten. Sie wären schon früher nach Hause gegangen, aber sie wollten ihre zukünftige Schwiegertochter wenigstens mal sehen, denn sie kannten sie ja noch gar nicht. Ich möchte hier nur noch erklären, daß meine Frau keinen Vater hatte, er war 1944 in der Trudarmee verhungert.

       Am nächsten Sonntag spannte ich den Zuchthengst des Kolchos in einen Schlitten und fuhr nach meiner Frau. Die Fallers wohnten vielleicht 1 km von uns. Dort lud ich die Mitgift meiner Frau, eine ganz kleine Truhe mit ihren Sachen, auf den Schlitten. Die ganze Familie setzte sich auch drauf und wir fuhren los. Als ich am Häuschen um die Ecke bog, schleuderte der Schlitten, und die linke Schlittenstange zerbrach. Ich mußte sie mit einem Riemen binden. Wir langten daheim an. Es war der erste Januar 1951. Der Vater hatte zwei Flaschen Schnaps gekauft, es waren Kartoffeln gekocht, die Schwiegermutter hatte Kuchen und Fleisch mitgebracht, und wir machten uns an den Hochzeitsschmaus. Mein Schwager Reimund Leikam, der Ehemann der Schwester meiner Frau, hatte eine Gitarre mitgebracht und spielte zum Tanzen auf. Es wurde ein bißchen getanzt, man gratulierte uns zwischendurch. Aber die ganze Hochzeit sah mehr einem Leichenessen ähnlich. Die Tatsache, daß unsere Familie nur noch Kartoffeln zu essen hatte, konnte uns nicht lustig werden lassen.

       Gegen 12 Uhr nachts verabschiedeten sich die Schwiegermutter und ihre Familie. Ich lud sie wieder auf den Schlitten mitsamt der kleinen leeren Truhe und brachte sie nach Hause. Das hätte auch mein Bruder Sascha machen können, aber ich wollte die Frauen mal allein lassen und genierte mich auch, diesen Weibersachen beizuwohnen. Ich hatte mir aus der Brigade für die erste Zeit ein schmiedeeisernes Bettgestell geben lassen, damit ich und meine Frau nicht auf dem Fußboden schlafen mußten. Als ich die Schwiegermutter und ihre Familie nach Hause brachte, richteten die Mutter und meine Frau unser Nachtlager her. In der einen Ecke unseres Zimmers stand jetzt unser Bett, zwei Meter davon, in der anderen Zimmerecke das der Eltern. Das waren Flitterwochen! Die anderen Geschwister schliefen in der Küche auf dem Fußboden. Beim Bettmachen zerriß meine Frau einen ihrer neuen Kissenzüge, die sie von zu Hause mitgebracht hatte, an einer der Verzierungen, die der Kolchosschmied an unserer Bettstelle angebracht hatte, und ich traf nach meiner Rückkehr meine Frau in Tränen an. Erstens tat ihr der Kissenzug leid, zweitens sollte das kein gutes Vorzeichen sein.

       Aber uns ging es auch ohne böse Vorzeichen in jenem Winter sehr schlecht. Ich mußte jeden Morgen zur Maschinen-Traktoren-Station laufen und dort Traktoren reparieren. Im Hause gab es keine Kopeke Geld, nicht mal für Salz, Zündhölzer und Lampenöl. Brot gab es auch keines, auch kein Fleisch und kein Schmalz. Nur Kartoffeln. Meine Frau mußte dreimal am Tag Kartoffeln schälen: morgens einen Eimer, mittags einen und abends einen, denn es gab weiter nichts zu essen. Zu allem Unglück wurde meine Frau auch noch schon im ersten Monat unseres Ehelebens schwanger, was wir in dieser Armut nicht mit einkalkuliert hatten. Aber wir lebten ja damals in einer ganz anderen Zeit und anderen Verhältnissen, da konnte man keine Familienplanung voraus machen. Davon verstanden wir einfach nichts.

       Aber wie heißt es denn so schön: Alles geht vorüber, / alles geht vorbei, / nach einem Dezember / kommt wieder ein Mai. Es war ein schwerer Winter, aber auch der ging vorbei. Es wurde warm, der Schnee schmolz, das Gras kam hervor. Ich fuhr mit den Traktoristen in die Brigade, dort begann die Aussaat. Meine Frau Berta fuhr auch wieder in ihre Brigade, so auch meine Geschwister Lea und Sascha. Dort gab es auch wieder zu essen. Der Vater und Richard hüteten wieder die Kühe der Dorfbewohner und erhielten sofort wieder Lebensmittel für ihre Arbeit und auch etwas Geld. Es schien, als ob wir das schwere Jahr besiegt hätten. Aber das Unglück lauerte schon hinter der Ecke.






Inhaltsverzeichnis

© DIE GESCHICHTE DER WOLGADEUTSCHEN.