Im Kolchos


       Einige Jahre verrichtete ich im Kolchos die verschiedenste Arbeit, aber meistens war ich als Fuhrmann tätig, arbeitete sowohl mit Pferden als auch mit Ochsen. Den Sommer über war ich fast ununterbrochen in der Brigade, die 22 km vom Dorf entfernt war. Das ging vom Frühjahr bis zum späten Herbst. Bei der Aussaat fuhren wir Jungen das Saatgut zu den Sämaschinen auf die Felder. Dann begann die Heuernte. Hier arbeitete ich meistens mit der Grasmaschine, mähte das Gras. Oft war ich aber auch beim Heuschobern tätig. Während der Ernte fuhren wir das Getreide mit Pferdewagen von den Mähdreschern auf die Tenne. Am späten Abend wurden die Pferde gefüttert und getränkt (das machte der Pferdefütterer), wir aßen Abendbrot. Die Mädels beluden inzwischen unsere Wagen mit sauberer Frucht. Wenn die Pferde gefüttert waren, spannten wir sie wieder ein und brachten das Getreide zu den staatlichen Getreidespeichern, wo wir es ablieferten. Wir waren immer so 5 bis 8 zweispännige Wagen, auf jedem Wagen ein Fuhrmann. Natürlich mußten wir das Getreide selbst abladen. Es wurde mit Schaufeln oder Eimern in Säcke gefüllt, die wir dann auf dem Buckel die Treppen hoch in die Speicher trugen und dort dann aus der Höhe in das Innere des Speichers schütteten. In die Säcke wurden 60 bis 80 und mehr Kilo gefüllt wieviel man eben tragen konnte. Wenn man Glück hatte, konnte man das Getreide einfach mit der Schaufel vom Wagen auf den Boden schaufeln, von wo es mit einem Fließband in die Speicher befördert wurde. Wo und wie man die Wagen abladen mußte, hing weitgehend von den Laborantinnen der Annahmestelle ab. Diese Frauen oder Mädels prüften das Getreide auf Feuchtigkeit, Sauberkeit, Sorte und Güte und schickten uns dann zu den entsprechenden Speichern. Manche Jungen verstanden es, die Laborantinnen mit Wassermelonen oder Zuckermelonen zu bestechen, dann drückten die ein Auge zu und schickten die Wagen an eine günstigere Abladestelle, wo es leichter war, abzuladen. Da kam es oft vor, daß schmutziges Getreide in sauberes, feuchteres in trockenes usw. durcheinandergeschüttet wurde. Die Kolchosverwaltung unterstützte oft solche Tätigkeit, indem sie extra für solche Zwecke Melonen herausgab. Hauptsache war, mehr und schneller Getreide an den Staat liefern, damit das Soll schneller erfüllt wurde.

       In der Erntezeit kamen wir Jungen fast nicht zum Schlafen. Hier erfuhr ich, was das heißt beim Gehen schlafen, was ich früher stets nur als stehende Redewendung verstanden hatte. Wenn wir nachts mit dem Getreidewagen zur Annahmestelle fuhren, konnten wir uns nicht auf die Wagen setzen, wir wären sofort eingeschlafen und die Pferde wären vom Weg aufs Feld gegangen, hätten können in einem Straßengraben den Wagen zerbrechen. So gingen wir immer hinter die Wagen her. Manchmal spürten wir plötzlich, daß unsere nackten Beine im nassen Gras einherstapften und ... erwachten.

       Wenn wir dann gegen Morgen zurückkamen, waren wir hundsmüde und schläfrig. Aber nur selten gelang es, noch 1 Stunde zu schlafen, man mußte meist schon sofort wieder zum Mähdrescher.

       Im Sommer 1948 arbeiteten Lea, Sascha und ich in der Brigade, Vater und Richard hüteten die Kühe der Dorfbewohner, die Mutter und Lili waren zu Hause. Da beschlossen wir, uns ein Lehmziegelhaus zu bauen. Wir machten am Dorfende Lehmziegelsteine. Diese harte Arbeit mußte hauptsächlich der kranke Vater verrichten, denn wir drei konnten ja nur selten ins Dorf kommen und mithelfen. So war es auch beim Herbeifahren der Ziegel zur Baustelle. Wir konnten nur manchmal kommen, um die 40 kg schweren Lehmziegel an Ort und Stelle zu bringen und sie aufs Gerüst zu heben. Der Vater mußte auch selbst die Wände mauern, dann das Dach decken. Das war alles eine ungeheuer schwere Arbeit. Aber das Schlimmste war, daß wir uns dabei fast nie satt essen konnten und meist hungrig waren. Satt essen konnte man sich in jenen Jahren nur im Frühjahr während der Aussaat und im Herbst, während der Ernte, und auch nur diejenigen, die in der Brigade arbeiteten. Nach der Ernte hatten wir selten Brot zu essen bis Neujahr. Mit Fleisch und Schmalz war es genauso. Unsere Hauptlebensmittel kamen vom Gemüsegarten. Kartoffeln gab es gewöhnlich genug. Im Herbst 1950 hatten wir von unserem Garten über 8 Tonnen Kartoffeln geerntet, und die reichten kaum bis zur neuen Ernte, denn es war ja weiter nichts da zum Essen. Genug Brot gab es erst seit dem Herbst 1954, als in der Sowjetunion die Neulandkampagne durchgeführt wurde. Da war der Vater schon tot.

       Die ersten Jahre als ich zu Hause war, wohnten wir in einem kleinen Häuschen in Privatmiete am Ende des Dorfes. Winters kamen nachts die hungrigen Wölfe bis vors Haus.

       Ich arbeitete als Fuhrmann, der Vater fütterte im Winter im Wald jenseits des großen Sees, an dem unser Dorf Nowojegorjewka liegt, kranke Kolchospferde. Damals wurden in unserem Rayon die Pferde von einer fast unheilbaren Krankheit heimgesucht, der afrikanischen Pest, wie diese Krankheit genannt wurde. Der Körper der Tiere bedeckte sich mit größeren und kleineren Beulen, die sehr schmerzhaft waren und am Ende aufbrachen. Die meisten von dieser Pest befallenen Pferde starben nach 1-2 Jahren Krankheit. Die kranken Pferde wurden in einem im Wald eingerichteten Isolator gehalten, weit ab von den anderen Tieren. Dort war ein Haus für die Pferdewärter und für den Veterinärarzt eingerichtet und auch Ställe für die Pferde. Die kranken Tiere wurden vom ganzen Rayon hier versammelt. Ich mußte einige Winter über das Heu für unsere Pferde aus der Steppe dorthin bringen. Von dort brachte ich für uns Brennholz, das der Vater stets vorbereitet hatte. Das war sowohl für uns als auch für den Kolchos von Nutzen. Wir hatten unser Brennholz, und die kranken Kolchospferde waren stets mit Futter versorgt. Um das fertigzubringen, mußte ich dreimal wöchentlich fahren und verbrauchte dazu oft noch die halbe Nacht, was andere Fuhrleute nicht getan hätten. Die fuhren nicht öfter als zweimal pro Woche, aber ich konnte ja meinen Vater mit seinen Tieren nicht ohne Futter lassen. Außerdem versorgte ich auch noch den Kolchosvorsitzenden mit Brennholz. Das hatte der Mann klug ausgedacht. Im Sommer arbeitete ich wieder in der Brigade, da hatten die Pferde genug Futter im Wald.






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