Wie es war


       Ein genaues Datum, wann die Deutschen in der Sowjetunion in die Arbeitslager, damals „Trudarmee“ genannt, eingezogen wurden, ist mir nicht bekannt. Tatsache ist, daß es hauptsächlich im Jahre 1942 war. Sie wurden gewöhnlich von den Kriegskommissariats mobilisiert: alle Männer und Frauen von 14/15 bis 65/70 Jahren, die sich nur, wenn auch hinkend, fortbewegen konnten. Frauen, die Kleinkinder unter 2 Jahren hatten, durften gewöhnlich zu Hause bleiben (wenn man den Deportationsort als ein „Zuhause“ betrachten kann). Jedenfalls mußten diese Frauen oft kleinere Kinder aus anderen Familien zu sich nehmen, wenn die Mütter verschleppt wurden.

       Mein Vater wurde am 26. März 1942 mobilisiert. Er hinterließ seine kranke Frau mit 5 Kindern (ich, der älteste, war 14 Jahre, die kleinste Schwester knapp 2 Monate alt) dem Kolchos. Wir hatten 5 Tage, um Vater auf diese Reise vorzubereiten. Meine Aufgabe war es, Tabak zum Rauchen so viel wie möglich zu hacken, sieben und rauchfertig zu machen. Ich brachte es zu 300 Teegläsern, die später den Vater vor dem sicheren Hungertod retteten (er tauschte den Tabak, Machorka genannt, gegen Lebensmittel).

       Ich hatte damals ein paar Monate die russische Schule besucht, obwohl ich nur ein paar Brocken Russisch sprechen konnte. Das kam so.  Unser Nachbar, der Kolchosvorsitzende, lud unseren Vater abends manchmal zum Essen ein und ließ sich von ihm über die Deutschen und unserem Leben an der Wolga erzählen.  Kurz vor Neujahr hatten sie den Vater wieder eingeladen.  An jenem Abend saß bei dem Kolchosvorsitzenden der Dorfschuldirektor.  Der Vorsitzende machte die beiden bekannt und erzählte dem Direktor, daß in unserer Familie 3 schulpflichtige Kinder  wären.  Der Schuldirektor fragte den Vater, warum die Kinder nicht zur Schule gingen.  Der Vater antwortete, daß wir nicht Russisch sprechen könnten und auch arbeiten müßten,  um die große Familie zu ernähren.  Der Direktor ließ solche Argumente nicht gelten.  Der Vater mußte versprechen, daß wir nach Neujahr sofort alle drei  in die Schule kämen, er werde dort sein und uns in die nötigen Klassen einweisen.  Der Kolchosvorsitzende versprach materielle Hilfe.  Als der Vater nach Hause kam, ordnete er an, daß wir alle drei: ich, meine Schwester Lea (11 Jahre alt) und der Bruder Sascha (8 Jahre)  am 2. Januar 1942 um 8 Uhr morgens in der Schule sein sollten.  Wir  wollten nicht, hatten Angst, weil wir nicht Russisch sprechen konnten, die zwei jüngeren heulten sogar, aber es gab keine Widerrede,  was der Vater sagte, war Gesetz.  Wir gingen zur angesagten Zeit zur Schule.  Wie lange Sascha und Lea die Schule besuchten, weiß ich nicht mehr, meine Lehre  war nach der Einberufung des Vaters auch zu Ende. 

        Ich ging mit meinem jüngeren Bruder Sascha (Jahrgang 1933) zu den Dorfbewohnern, um Brennholz zu sägen und zu spalten. Damit verdienten wir Lebensmittel, um die Familie durchzubringen (da jetzt kein erwachsener Arbeiter mehr in der Familie war, wurden die Mehlrationen vom Kolchos immer karger). So verbrachte ich das Frühjahr 1942.

        Am 1.Mai brachte mich der Kolchosvorsitzende in eigener Person in die 25 km vom Dorf abgelegene Brigade (Feldstandort). Unterwegs lehrte er mich, wie man mit einem Pferd fahren muß, obwohl ich schon einiges vom Vater gelernt hatte. In der Brigade   begann jetzt  meine richtige Arbeitstätigkeit.  Wir kamen gegen Mittag dort an.  Der erste Eindruck von der Brigade war günstig: es gab eine sehr schmackhafte Kohlsuppe und weißes Weizenbrot zum Mittagessen. Am Nachmittag mußte ich zusammen mit noch einigen Jungen meines Alters und älter mit Pferden das im Herbst gepflügte Feld eggen.  Der alte Pferdewärter  gab mir zwei Pferde, half mir, sie vor die Eggen zu spannen und selbst auf ein Pferd zu steigen. Zu meinem Unglück war die eine Stute sehr kitzelig.  Ich saß ja auf der anderen, aber als ich jene zufällig berührte, begann sie zu bocken, zu beißen und auszuschlagen. Im Nu lag ich am Boden. Man verhalf mir noch einige Male aufzusitzen, aber vergebens, ich kam nicht so schnell auf das Pferd, wie ich wieder herunterflog. Mir schmerzten schon alle Knochen und ich gab es auf.  Ich nahm die Pferde an die Zügel, führte sie zum Acker und dann bis zum Abend auf dem Acker hin und her. Die Jungen versuchten noch einige Male, mich auf das Pferd zu setzen, aber es half nichts. Am Abend kam ich halb tot vor Müdigkeit und Schmerzen in die Brigade zurück.  Es gab aber auch keine anderen Pferde mehr. So mußte ich am nächsten Morgen mit den Frauen auf dem Feld vorjähriges Stroh verbrennen, damit die Traktoristen pflügen konnten.   Ich verrichtete alle Feldarbeiten, die im Kolchos vorkamen. Hauptsächlich arbeitete ich mit den Pferden: vom Pflügen und Eggen bis zum Heuschobern und Ernteeinbringen mit der Haspelmaschine (Mähmaschine).  Die Arbeiten waren zwar physisch ziemlich schwer, aber nicht kompliziert und ich arbeitete mich bald ein.  Da es fast keine erwachsenen Arbeitskräfte gab, wurden wir Jungen sehr geschätzt und bildeten uns nicht wenig ein. Wir wähnten uns geradezu unersetzlich (und waren es ja auch). Die Leute in der Brigade hatten genug zu essen, und wenn nicht die Sorgen um den Vater gewesen wären und die Haßausbrüche der Bevölkerung gegen uns „Faschisten“, wenn der Postbote die Totenbriefe von der Front brachte, hätte ich mich glücklich fühlen können.

       Den Sommer über erhielt ich vom Kriegskommissariat 2mal Vorladungen, um anschließend in die Trudarmee einberufen zu werden. Jedesmal verstand es der Kolchosvorsitzende, ein schon bejahrter Mann und im Rayon angesehener Kommunist, mich herauszuhauen. Er drohte einfach, falls man mich wegnähme, unsere ganze Familie zum Kriegskommissar zu bringen und sie in dessen Kabinett abzusetzen, denn die Familie könne ohne mich nicht existieren. Aber am 5. Dezember 1942 war es soweit. Der Vorsitzende war gerade abwesend. Der Rayon mußte 5 Personen „liefern“. Da es im ganzen Rayon keine passenden Deutschen mehr gab, wurde ich 14-jähriger einberufen.

       Unsere ganze Familie lebte damals in der Brigade, wo die Unterkünfte im Winter leer standen. Dadurch wollte der Kolchosvorstand 2 Fliegen mit einer Klappe schlagen: erstens war für Unterkunft und Heizung für die Familie gesorgt (Stroh zum Heizen gab es genug). Zweitens konnten sich auch die Kleinen irgendwie beim Viehfüttern nützlich machen. Die kranke Mutter konnte den Posten des Nachtwächters übernehmen. Mich hatte man als Pferdefütterer vorgesehen. Und da man auf den Feldern noch Ähren, Kartoffeln und Rüben finden konnte, würde die Familie auch nicht verhungern.

       Es war ein kalter, aber schneearmer Winter. Am 4. Dezember mähte ich noch mit meinem Altersgenossen Fedja Saizew mit der Haspelmaschine Weizen. Eigentlich war unser Kirow-Kolchos schon fertig mit der Ernte, alles Getreide war vom Halm abgemäht.  Wir arbeiteten schon eine Woche lang im nachbarlichen Tschapajew-Kolchos. Die Tschapajew-Brigade war  von der unseren nur 6 km entfernt, so daß wir fast jeden Abend nach Hause ritten, mußten aber morgens noch vor Sonnenaufgang  an Ort und Stelle sein.  Am Abend des 4. Dezember fuhren wir mitsamt unserer Haspelmaschine in unsere Brigade.  Ich und die Mutter schliefen diese Nacht fast gar nicht, wir waren mit meinen Reisevorbereitungen beschäftigt. Am 5. verabschiedete ich mich von der Familie, um die ich sehr bangte, und nahm meinen von der Mutter vorbereiteten Reisesack mit dem letzten Reichtum der Familie - einer über und über geflickten Steppdecke aus Kamelswolle und 3 Brotfladen, die mir die Mutter für den Weg gebacken hatte.  Mein Freund brachte mich ins Dorf zum Dorfsowjet. Dort hatten sich noch 4 Jungen aus anderen Kolchosen, auch 15-16-jährige, eingefunden. Ein einäugiger, lahmer Russenjunge aus einem Nachbarkolchos sollte uns mit einem einspännigen Gefährt die 40 Kilometer zur Stadt bringen. Er hielt auch schon vor dem Dorfsowjet. Zudem sollte er noch den Staatsanwalt des Rayons bis zum nächsten Dorf  Pestschannyj Borok („Sandwald“) mitnehmen. Als wir alle 7 Mann Platz genommen hatten und losfuhren, drehte unser Fuhrmann das Pferd zu scharf herum und ... knack! - war der stählerne Wagennagel zerbrochen. Das Pferd lief langsam fort und zog den Fuhrmann an der Leine mit. Wir saßen alle sechs auf dem Wagen und sahen einander an. Jetzt sollten wir Jungen um eine „Lebensweisheit“ reicher werden. Der Staatsanwalt kam als erster zur Besinnung. Prompt stieg er vom Wagen, ging zu einem anderen Einspänner, den eine Frau (eine Brigadierin irgendeines Kolchos) abgestellt hatte, solange sie irgendwelche Angelegenheiten im Dorfsowjet erledigte, zog dort den ganzen Wagennagel heraus und steckte unseren abgebrochenen Stutz hinein. Jetzt wußten wir, was zu tun war! Im Nu war unser Wagen wieder intakt und los ging es! Die Tatsache, ein fremdes Fuhrwerk zu demolieren, war an und für sich für uns nichts Neues. Das kam nicht selten vor. Aber daß das hier ausgerechnet ein Staatsanwalt machte, das mußten wir noch lange verdauen.

       Im Nachbardorf übernachteten wir und fuhren am nächsten Morgen weiter, in die Stadt, schon ohne unseren Staatsanwalt. Seit dieser Nacht wurde ich „erwachsen“. Ich wurde nachts Dutzende Male wach, sah nach der Uhr, um rechtzeitig aufzustehen und auch meine Kameraden zu wecken, obwohl ich der jüngste unter ihnen war. Noch vor zwei Tagen mußte mich die Mutter morgens mit Schimpfen und Tränen aufwecken, beim Anziehen helfen, meine Sachen bereitlegen, wobei ich jedesmal immer  wieder einnickte und sie mich von neuem wachrütteln mußte, so fest schlief ich. Und jetzt schlief ich so leicht, daß ich jede Minute bereit war, aufzuspringen.

       Unsere Begleitpapiere hatte einer von uns, der älteste, Viktor Wieberg, in einem Umschlag. Unterwegs kam uns der freche Gedanke, die Papiere wegzuwerfen und einfach auseinanderzulaufen, ein jeder nach Hause in sein Dorf. Doch die Vernunft siegte (oder die Angst?). Vor der Sowjetmacht gab es sowieso keine Rettung. Und mit uns hätte man nicht viel Federlesens gemacht - dieser Spaß hätte uns 8-10 Jahre Gefängnis eingebracht, ungeachtet unserer jungen Jahre. Es war Krieg, und wir waren Deutsche.

       In Rubzowka fuhren wir zum Kriegskommissariat, gaben dort unsere Papiere ab und wurden dann auf dem Hof einem großen Haufen eben solcher mobilisierter Deutscher einverleibt. Gegen Mittag marschierten wir alle zum Bahnhof. Hier verlud man uns rund 800 Jungen und Mädchen, alte, kranke Männer und Frauen in eisige Güterwagen und transportierte uns immer nördlicher, nach Ansherka, Gebiet Kemerowo. 5 Tage waren wir in diesen fast ungeheizten Güterwagen unterwegs. Das kleine Gussöfchen in der Mitte des Waggons spendete Wärme nur in die allernächste Umgebung. Und so wärmten wir 45 Mann uns der Reihe nach. Von schlafen konnte in dieser Kälte fast kaum die Rede sein. Unterwegs träumten wir noch davon, daß man uns höchstens bis zum Frühjahr halten wird und dann zurückschickt in die Kolchose. Wer sollte denn zur Aussaatzeit pflügen und säen?! Doch es stellte sich heraus, daß niemand daran dachte, uns wieder freizulassen. Wir kamen in die Kohlengruben des Kusnezker Kohlenreviers. Die mehr oder weniger Gesunden, darunter auch wir ganz jungen, unter Tage zur Kohlenförderung, die ganz Alten und Schwachen fanden Verwendung bei anderen Arbeiten. Man hatte in diesem Schub wohl die letzten zusammengekehrt, denn es gab hier nur ganz junge, ganz alte und kranke Menschen. Es waren ja auch einige mittleren Alters darunter, die aus der Armee hierher gebracht worden waren, ehemalige Offiziere deutscher Nationalität. Aber die dienten als Natschalniks (Vorgesetzte) und führten über uns das Kommando.

       Wir wurden in einer Reihe von Baracken untergebracht, 3 km von der Stadt und vom Grubengelände entfernt, auf einer Anhöhe, wo der Wind besonders eisig wehte. Wir erhielten Lebensmittelkarten für Brot, warmes Essen, Zucker, Seife, Zündhölzer und mußten schon am 2. Tag in die Grube steigen. Gearbeitet wurde in drei Schichten, rund um die Uhr. Schichtweise, in Kolonnen, unter Bewachung von Soldaten mit MPis wurden wir zur Arbeitsstelle geführt. Nach Hause ins Lager ging es in Gruppen von 15-20 Mann, so wie wir in den Grubenabteilungen arbeiteten. Ein Ältester hatte einen Passierschein, mit dem man aus dem Grubengelände heraus- und ins Lager hineingelangen konnte.

       Den ganzen Winter über mußten wir nach der Arbeit vom Grubengelände Bretter, Bohlen, Latten und Pfosten zum Lager schleppen. Damit wurden wir erst mal richtig eingezäunt, mit 3 m hohen Zäunen, oben drauf 3 Reihen Stacheldraht, mit Wachtürmen. Auch diese Arbeit mußten unsere Alten, die nicht unter Tage arbeiteten, verrichten. Und sie machten sie gewissenhaft, mit deutscher Tüchtigkeit und deutschem Fleiß, um nicht in Ungnade und somit in die Grube zu kommen. Uns Jungen ärgerte das, wir glaubten, sie hätten es nicht so gut zu machen brauchen.

       Die Arbeit in der Grube war schwer, zumal für uns Halbwüchsige, die wir noch wenig Kräfte hatten, und unsere erfahrungslose, unrationelle Lebensweise in jeder Hinsicht ließ uns auch nicht zu Kräften kommen. Wir erhielten zwar 1 Kilo Brot pro Tag (Grubenarbeiterration), aber das aßen wir gewöhnlich schon in den ersten Stunden auf. Oft wurden wir auch wegen der geringfügigsten Vergehen (wenn es im Zimmer schmutzig war, wenn wir, oft krankheitshalber, aber ohne ärztliche Bescheinigung, die Arbeit versäumten, wenn wir unsere Gruppe mit dem Passierschein verpaßten und verspätet ins Lager kamen, wenn wir vom Kohlenstaub, der sich tief in die Gesichtshaut hineinfraß, im Gesicht schwarz waren, und .... und .... und) bestraft durch Brotentzug (z.B. wurden 200-500g pro Tag für 10 Tage aus der Brotkarte herausgeschnitten). Ich konnte in der Speisehalle die halb verfaulten Fleischbröckchen,  die es gab, mit dem besten Willen nicht hinunterbringen, so lebte ich nur von der Brühe und dem gefrorenen Gemüse, das wir bekamen. Ich magerte bald ab und konnte in der Grube mein Arbeitssoll nicht erfüllen (mit der Schaufel Kohlen schippen oder Holzstämme zum Ausbau des Kohlenflözes schleppen), und da hagelte es noch mehr Strafen. Es kam manchmal zum vollen Essenentzug. In den Baracken schliefen wir auf Pritschen ohne Matratzen oder Strohsäcke und Decken, die gab es erst nach einem Jahr. Natürlich war von Auskleiden vor dem Schlafengehen keine Rede. Wir schliefen in dem, was wir auf dem Leibe hatten, oft war es das Arbeitszeug, das wir in der Grube trugen. Da erinnere ich mich an einen sowohl kuriosen als auch traurigen Fall.

        In unserem Zimmer wohnte ein großer, starker Junge aus dem Rayon Slawgorod, Altai-Region. Er wusch sich nach der Grubenarbeit nur selten. Immer hatte er eine Ausrede bereit, wenn wir eine Bemerkung machten: bald kam er spät aus der Grube und mußte sich beeilen, um von seiner Gruppe nicht zurückzubleiben, bald hatte er keine Seife, und ohne Seife waschen wäre sowieso unnötiges Bemühen, bald fühlte er sich krank. In der Baracke gab es natürlich keine Möglichkeiten zum Waschen. So schlief er meistens ungewaschen in seinem schmutzigen Arbeitszeug, schwarz wie ein Teufel. Eines Vormittags im Winter, als er wieder einmal müde von der Nachtschicht gekommen, angezogen und schwarz vor Kohlenstaub wie er war, auf der Pritsche schlief, machten der Lagerkommandant Boos und sein Stellvertreter Frost, beide ehemalige Armeeoffiziere deutscher Nationalität, eine Kontrollvisite durch die Baracken (meistens wollte man während dieser Kontrollgänge Arbeitsschwänzer überraschen). Als sie den schwarzen Haufen auf der Pritsche sahen, weckten sie ihn unsanft, rissen ihn von der oberen Etage der Pritsche, verhörten ihn erst kurz und hießen ihn dann mitkommen. Wir seufzten alle schwer, da wir glaubten, unser Kumpel hätte sich mindestens drei Tage Karzer eingehandelt. Nach 15 Minuten hörten wir aus der Karzerstube, die sich im zweiten Stock der gegenüberliegenden Baracke befand, herzzerreißende Schreie. Es bestand kein Zweifel, daß sie von unserem Zimmergenossen kamen, den man doch wohl erbarmungslos schlug. Die Schreie hielten über eine halbe Stunde an, bis sie schließlich in ein leises Wimmern übergingen. Um die Baracke herum hatten sich Menschen versammelt, die gerade Spät- oder Nachtschicht arbeiteten. Plötzlich hörte auch das Wimmern auf, unser Kumpel stürmte die Treppe herunter und kam auf die Straße. Aber er war kaum wiederzuerkennen. Gesicht und Hände waren rot wie bei einem neugeborenen Säugling. Er lief in seine Baracke, kam ins Zimmer und erzählte halb schluchzend, halb erleichtert unter stürmischem Gelächter der Anwesenden, was ihm widerfahren war. Als die zwei Kommandanten ihn in den Karzer gebracht hatten, ließen sie vom Hausmeister eine große Badewanne mit frischem Schnee hereinschaffen. Der Sträfling mußte sich nackt ausziehen und auf eine Pritsche legen. Er wurde vom Hausmeister und dem stellvertretenden Kommandanten festgehalten, während der Kommandant Boos sich die Hemdsärmel hochkrempelte und unseren Kollegen aus Leibeskräften mit Schnee bearbeitete, über eine halbe Stunde lang, von Kopf bis zu den Füßen, bis er blitzsauber war. Mit den Worten, das nächste Mal werde man ihn direkt auf der Straße bei eisiger Kälte (im Karzer war es auch nicht viel wärmer) in einer Schneeschanze bearbeiten, wurde er entlassen. Und keiner zweifelte daran, daß Boos seine Drohung wahrmachen werde. Seit jenem Tage war unser Zimmer hinsichtlich Sauberkeit ein Musterzimmer. Unser Täufling war nun allen voran ein Vorbild.

       Und trotzdem lebten wir noch in besseren Verhältnissen, als sie in anderen Lagern waren. War es vielleicht deswegen, weil es bei uns keine vollwertigen Arbeiter gab: nur halbe Kinder, Greise und Kranke?  War es vielleicht der Kommandant Boos, ein ehemaliger Hauptmann, ein Mann mit starkem Charakter, der es verstand, allmählich eine Art Ordnung in seinem Lager zu schaffen?

       Im Frühjahr 1943 erkrankte ich an Lungenentzündung. Ich lag einige Tage, oft besinnungslos, mit hohem Fieber auf meiner Pritsche ohne jegliche ärztliche Hilfe. Im Lager gab es keinen Arzt. Endlich brachte man mich mit einem einspännigen Wagen und einer Schindmähre davor durch die ganze Stadt ins Krankenhaus. Es war ein sonniger, warmer Frühlingstag. Die Kinder meines Alters und auch ältere spielten auf den Straßen Ball und andere Spiele. Ich lag auf dem ratternden Wagen, sah mit halbem Bewußtsein dem lustigen Treiben zu, und zum ersten Mal wurde ich mir meiner hilflosen, sklavenähnlichen Lage als Deutscher so richtig bewußt und vermochte nicht, die Tränen zu unterdrücken, die mir über die Wangen rollten. Der Fuhrmann, ein alter Russe, glaubte, ich weine vor Schmerzen, und fuhr langsamer, damit der Wagen nicht so rüttelte. Ja, es waren Schmerzen, aber die konnte ich dem alten Manne damals nicht beschreiben. Es war die Hilflosigkeit, mit der wir dem Schicksal ausgeliefert waren, die Beleidigung über die Ungerechtigkeit, weil wir, noch halbe Kinder, so behandelt wurden, nur weil wir Deutsche waren, während unsere russischen Altersgenossen wenigstens zu Hause bei Muttern und Geschwistern sein konnten, die Schule besuchen und spielen konnten und nicht in der Fremde tagtäglich schwerste Arbeit verrichten mußten und wie Sklaven behandelt wurden. Es war das hoffnungslose und ohnmächtige Mitleid mit sich selbst. Das konnte ich dem Mann nicht verständlich machen, ich hätte mich auch nicht getraut, es zu sagen.

       Als ich nach zwei Wochen aus dem Krankenhaus zurückkehrte, hatte man mir meine alten Filzstiefel gestohlen. Die wurden wie so vieles andere, was  gestohlen wurde, bei der  örtlichen Bevölkerung gegen Lebensmittel umgetauscht. Komischerweise lag mein „Prunkstück“, die alte Steppdecke aus Kamelswolle, die mich so oft vor Frost und Kälte geschützt hatte, noch auf der Pritsche. Es war doch wohl zu gefährlich, sie ungesehen aus der Baracke und aus dem Lager, das streng bewacht wurde, herauszutragen.

       Trotz der strengen Ordnung, die im Lager und auf den Arbeitsplätzen, besonders in der Kohlengrube, herrschte, kam es doch sehr häufig zu Arbeitsversäumnissen, wogegen von der Obrigkeit die kompliziertesten disziplinarischen  Methoden erdacht und angewandt wurden. Hier nur ein Beispiel dieser „Kunststücke“. 

       Wie bekannt wurde in der Kriegszeit zur Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln das sogenannte Kartensystem im ganzen Land eingeführt. Verschiedene Bevölkerungsschichten erhielten verschiedene Lebensmittelkarten, die sich sowohl  durch  die Arten der Lebensmittel als auch durch die Quantität derselben unterschieden.  Wir Grubenarbeiter erhielten Grubenrationen:  1 kg Brot pro Tag, pro Monat 500 g  Zucker, 1 Kilo 200 g Fett, 1 Kilo 600 g Fleisch (oder Fleischkonserven), 2 Kilo 500 g Grütze oder Mehl.  Jeder Arbeiter war an einer Kantine  „angeknüpft“, wo er täglich sein Brot gegen Vorzeigen der Brotkarte erhielt.  Die Tagesration an Brot bestand aus Teilen: 500 g,  300 g,  200 g.  Man konnte den Kilo Brot auf einmal nehmen, oder auch teilweise.  Die Verkäuferin schnitt dann jedes Mal die entsprechende Menge aus der Karte heraus. Außerdem hatte das Brot auch einen geringen  Geldwert (ich habe vergessen, wieviel 1 Kilo damals kostete).  Die anderen Lebensmittelkarten wurden in der Kantineverwaltung abgegeben und man erhielt dagegen einen Monatsessschein (er wurde „Kantinepassierschein“ genannt, weil man ohne ihn gar nicht in die Kantine hinein gelassen wurde).  Dieser Passierschein war wie ein Kalender in 30 oder 31 Tage eingeteilt mit Datumsangabe.  Jeder Tag war in „Frühstück“,  „Mittagessen“ und „Abendessen“ unterteilt.  Am Kassenschalter (wo gewöhnlich auch das Brot ausgegeben wurde) schnitt die Kassiererin  die entsprechende Mahlzeit mit der Schere ab und gab einen Talon  für eine entsprechende Essenportion  (Brei, Gulasch, Fisch, Kartoffeln, Kohl, Suppe und dgl.).  Dafür mußte auch noch Geld gezahlt werden.  Wenn man zur Arbeit kam,  mußte man, bevor man in die Grube fuhr,  zuerst zum Schalter des Tabellenführers gehen und dort seinen Kantinenpassierschein abgeben.  Man bekam eine Tabellennummer. Das war eine Runde Blechmarke, in die die Abteilungsnummer, wo man in der Grube tätig war, und die persönliche Tabellennummer (man könnte vielleicht auch sagen: PIN) eingestanzt war.   Die meine, z.B., war: 20-15104, d.h. Grubenabteilung Nr. 20, PIN Nr. 15104.  Sie wurde auch noch die Einfahrnummer genannt (in die Grube).  An demselben Nagel hing noch eine Nummer, genau dieselbe, nur war die nicht rund, sondern quadratisch.  Also, ich nahm die Einfahrtsmarke, ging zum Grubenaufzug und warf diese Marke in den Schlitz eines Kastens mit der Nr. 20, der vor dem Aufzug stand.  Der Schichtmeister ging als letzter in die Grube. Er öffnete mit einem Schlüssel den Markenkasten, nahm die Einsteigemarken seiner Abteilung heraus und brachte sie dem Tabellenführer. Der nahm sie entgegen und händigte dem Meister die quadratischen Ausfuhrmarken aus von den Arbeitern, die in die Grube gestiegen waren.  Erst dann fuhr auch der Schichtmeister in die Grube.  Am Ende der Schicht verteilte der Meister die Ausfuhrmarken an die Arbeiter. Mit diesen Marken gingen die Arbeiter zum Grubenschacht, zeigten dem Aufzugführer die Marke und stiegen in den Aufzug, um aus der Grube hinauszufahren.  Beim Tabellenführer gaben sie die Ausfuhrmarke ab und erhielten ihren Kantinenpassierschein, auf dem der entsprechende abgearbeitete Tag gestempelt war. Auf dem Stempel war das Datum, die Abteilungs- und die PIN-Nr.  Jetzt konnte der Arbeiter mit dem Passierschein in die Kantine gelangen, er erhielt am Eingang einen Löffel und konnte essen gehen.  Am nächsten Tag begann der ganze Prozeß von neuem. 

       Wenn der Meister mit dem Arbeiter unzufrieden war, hatte er das Recht, ihm am Ende der Schicht die Ausfuhrmarke nicht auszuhändigen, ohne die dann der Arbeiter erst gar nicht aus dem Schacht fahren konnte.  Er mußte im Schacht verharren, bis, 4 Stunden nach Beginn der nächsten Schicht, ein Kontrolleur kam und ihn hinausfahren ließ. Wenn er draußen war, gab es wieder Probleme bis er seinen Kantinenpassierschein hatte.  Es kam vor, daß der Tabellenführer erst zum Schichtwechsel erschien, so daß der Arbeiter schon zwei Schichten auf der Arbeit war. Natürlich trug diese Methode zur Hebung der Arbeitsdisziplin bei, aber bei  weitem nicht bei allen, die die Arbeit schwänzten.  Manche verstanden es, solche Stempel mit Hilfe einer Kartoffel so gut zu fälschen, daß es keiner erkennen konnte.

       Einmal war ich selbst in einer ähnlichen Situation.  Der Schichtmeister wollte eine Gruppe junger Kerle, wir waren 4 Mann, noch eine Stunde nach der Schicht arbeiten lassen, bei der auch ich war.  Er redete lange auf uns ein, aber wir willigten nicht ein, verlangten unsere Ausfuhrmarken.  Plötzlich  riß er mit einem Ruck  allen Vieren die Grubenlampen aus den Händen.  Er sagte zynisch: „Jetzt könnt ihr gehen!“ und ging selbst davon.  Von Ausfuhrmarken konnte natürlich keine Rede sein.  Wir standen ein paar Minuten verblüfft da in der Dunkelheit. Es war so dunkel, wie es dunkler nicht mehr sein kann.  Dann sagte einer: „Kommt Jungs, ich kenne die Strecke gut.  Haltet euch an mir und aneinander fest.“ Er hatte Gummigaloschen an, mit denen er gut die Schienen der Kleinbahn fühlen konnte, auf der eine kleine Elektrolok die Loren mit der Kohle zur Grubenausfuhr brachte.  Der Kumpel trat mit dem linken Fuß auf die Schiene und wir gingen los.  Wir gingen ziemlich schnell, traten manchmal in eine Wasserpfütze, oder jemand stolperte, aber, was machte das schon.  Nur manchmal blieb unser Vordermann kurz stehen, wenn das Gleis auseinander ging. Er fand aber schnell wieder die richtige Richtung und es ging weiter.  Einmal kam uns ein Zug mit leeren Loren entgegen.  Wir drückten uns an die Wand, bis er vorbei war, dann ging es wieder weiter.  Wir hatte so 3 km zu gehen, die wir in weniger als eine Stunde zurücklegten.  Am Schacht angelangt mußten wir aber doch warten, bis der Kontrolleur kam, der Aufzugführer ließ sich nicht überreden und ließ uns nicht nach oben.  Wie es weiter ging, das habe ich schon vergessen.

       Ich möchte hier noch einige Episoden aus meiner Tätigkeit in der Kohlengrube schildern. Wir hatten ein paar Monate lang einen Meister mit Namen Danilow  (ein Russe natürlich, auch die Kumpel waren alle Russen).  Der schrieb uns, 5 deutschen Jungen,  jeden Tag  hundertprozentige Planerfüllung an, obwohl wir die Norm niemals erfüllen konnten, und wir erhielten täglich für diese „Normerfüllung“ ein zusätzliches warmes Mittagessen.  Er tat es angeblich aus rein menschlicher Zuneigung.  Der Mann hatte einen Sohn an der Front und zu Hause noch Kinder in unserem Alter und jünger.  Als wir stutzig wurden und ihm unsere Bedenken über unsere „Planerfüllung“ äußerten,  erklärte er uns:  wenn man unser Alter und unsere Lage in Betracht zöge, würden wir unsere Arbeitsnorm sogar übererfüllen.  Wir dankten ihm, indem wir ihm manchmal eine Portion Brot für seine Kinder zuschoben.  Mir kam manchmal der Gedanke, daß der Mann vielleicht gerade damit gerechnet hatte.  Aber anmerken ließ er sich natürlich nichts, wir sollten nicht auf solche Gedanken kommen.

       Im Lager hatte ich einige Landsleute, mit denen ich Freud und Leid teilte. Einer von ihnen war Edgar Hertje aus Marxstadt. Er war damals ungefähr 30 Jahre alt, Schneider von Beruf und lebte mit einem ungeheuren Leistenbruch, der ihn vor der Grubenarbeit schützte. Er arbeitete im Lager und nähte für die „Natschalniks“ (Vorgesetzten) verschiedene Kleidung. Er erhielt keine Grubenration an Lebensmitteln, war aber dank seiner Lage viel besser gestellt als die anderen Lagerinsassen. Besonders angesehen war er bei den „freien“ Frauen aus der Speisehalle, für die er Tag und Nacht schuftete und nähte, und die ihn dafür mit Lebensmitteln versorgten. Er konnte sogar mir mit Lebensmitteln helfen und besserte oft meine heruntergerissene Kleidung aus. Aber das Wichtigste für mich war, daß ich bei ihm stets ein offenes Ohr fand und ihm mein Herz ausschütten konnte. Er gab mir auch manchen guten Rat, trug dazu bei, daß wir junge Kerle weniger „Dummheiten“ machten (die bestanden meist aus Fluchtplänen). Diesem Mann bin ich bis heute noch dankbar für seine Anteilnahme an meinem Schicksal. Leider ist mir nicht bekannt, was weiter aus ihm wurde.

       Es war gut, besonders für uns junge Kerle, jemanden zu haben, der einem in der Not beistand, dem man sein Herz ausschütten und die geheimsten Pläne anvertrauen konnte. Denn diese Pläne fielen oft mit den Plänen des Freundes zusammen. Geträumt wurde meistens vom Essen und einem „freien Leben und freier Arbeit“ auf den weiten Kolchosfeldern. Man tauschte Erinnerungen, wie schön es war, im Kolchos mit Pferden zu arbeiten (nicht zu vergleichen mit der Arbeit im Schacht), in der Brigade, wo wir Jungen und unsere Arbeit gebraucht und geschätzt wurden. Zuvor, im Kolchos, träumte man von der Wolga und von der Schule. Um diese Träume zu verwirklichen, schmiedete man Pläne, zu zweit, zu dritt, manchmal auch einer allein, aus der Trudarmee, aus dem verhaßten Lager und dem dunklen, feuchten Schacht zu fliehen, nach Hause zur Familie, zur Mutter und den Geschwistern. Man war sich bewußt, was dabei herauskommen konnte: ungeheure Schwierigkeiten unterwegs, und, wenn man gefangen wurde, 8-10 Jahre Gefängnis, oder bestenfalls eine beschämende Rückkehr ins Lager unter noch schwierigere Bedingungen. Aber man dachte nicht lange darüber nach und war bereit, alles in Kauf zu nehmen. Hauptsache war, zur Familie zu gelangen, noch einmal die Eltern und die Geschwister zu sehen, dann konnte die Welt über uns zusammenbrechen.

       Im Frühling, als der Zeitpunkt, unsere Pläne zu verwirklichen, immer näher kam, fühlten wir plötzlich, daß das Leben auch hier erträglich wurde: es wurde wärmer, und die fürchterliche Kälte quälte uns nicht mehr so; es gab mehr Grün, man konnte für eine halbe Brotration bei den örtlichen Frauen Zwiebeln, Knoblauch, gekochte Kartoffeln, Beeren und Zedernüsse, ja manchmal sogar einen halben Liter Milch bekommen. Jeden Tag wurden Flüchtlinge ins Lager zurückgebracht, die in vergitterten Zimmern, hinter Schloß und Riegel auf ihren Gerichtsprozeß warteten und uns durch die Gitter von ihren Abenteuern berichteten. Sie fühlten sich als Helden des Tages. Nach dem Gericht, das oft im Lager im Beisein aller Lagereinwohner stattfand, war ihre Stimmung jedenfalls anders. Angesichts dieser Veränderungen beschlossen ich und mein Freund Viktor Wieberg, ebenfalls aus Marxstadt  und  zwei Jahre älter als ich, mit dem wir auch zusammen einberufen worden waren, solch ein Risiko nicht einzugehen und noch eine „Zeitlang“ abzuwarten.

       Aber der Sommer verging, es wurde wieder eisig kalt. Ich hatte keine Filzstiefel mehr, die meine Füße vor dem Frost schützten. Ich trug wie viele andere Segeltuchschuhe mit Holzsohlen. Die Holzsohlen bogen sich nicht mit dem Fuß beim Gehen, deshalb mußte man, hauptsächlich auf glattem Weg, um nicht vornüber zu fallen, immer schneller laufen, wenn man mal in Bewegung war. Dadurch wurden die Füße warm. Die Sohlen schliffen sich schnell von einer Seite ab und hielten höchstens 1-2 Monate. Ich habe in jenem Winter drei Paar solcher Schuhe durchgelaufen. Die wurden auch in der Grube bei der Arbeit getragen, wo sie besonders unbequem waren. Die Glücklicheren hatten gegossene Gummischuhe, „Tschuni“ genannt. Man lief darin bequemer, aber viele haben sich darin für ihr ganzes Leben die Füße zugrunde gerichtet, denn bekanntlich ist reiner Gummi für die Füße Gift.

       Die Normen bei der Kohlenförderung waren so hoch, daß erwachsene, starke Männer sie kaum bewältigen konnten. Man hatte uns junge Kerle den alten Kumpeln zugeteilt, die aber jetzt auch eine doppelte Norm erfüllen mußten, was unmöglich war. Natürlich kam es da zu Unzufriedenheiten. Wir hörten nur immer: „Wozu hat man euch hierher gebracht? Wir können jetzt unsere Familien nicht mehr ernähren. Sollten sie euch doch bei der Mutter im Kolchos lassen und euren Kilo Brot uns geben, dann würden wir das Doppelte schaffen“. Wir waren darin ganz ihrer Meinung, doch leider dachte die Obrigkeit anders.

       Mit dem Arbeitsschutz war es damals in der Grube nicht gut bestellt.  Wir wurden so manchmal Zeugen von tragischen Grubenunfällen.  Diese Unfälle haben sich jedes Mal sehr tief in unser Bewußtsein eingegraben, besonders wenn man selbst dabei war und hatte alles mit eigenen Augen mit ansehen müssen.  Ich will hier nur von zwei Fällen etwas berichten, wo ich selbst dabei gewesen bin.

       Damals, im Krieg, war es üblich, jedes Mal, wenn die Rote Armee an der Front einen Sieg errungen hatte, wurde auch im Hinterland etwas Besonderes getan, um den Sieg über den Feind näher zu bringen.  Das drückte sich in den sogenannten „Woskressniks“ aus, das heißt, am Sonntag wurde der gesetzliches Ruhetag gestrichen und alle mußten arbeiten, einerlei wo und was.  Hauptsächlich wurden an solchen Tagen  Arbeiter der verschiedensten Betriebe in den Kohlenschacht gebracht, damit sie dort mithalfen, eine übrige Tonne Kohle an den Tag zu fördern.  Sie wurden dann irgendeiner Grubenabteilung zugeteilt und mußten die verschiedensten primitiven Arbeiten verrichten: Kohlen schippen, Holz für die Streben (Befestigung der schon ausgearbeiteten Kohlenflöze)  beischleppen, oder sonst noch irgend etwas tun.  Da wurde ich an einem Sonntag Zeuge, wie ein mehrere Tonnen schweres Stück Gestein von oben herunterbrach mitsamt einem Befestigungsbalken.  Unter dem Balken lag ein Mann, einer von den Fremden, die zum Woskressnik gekommen waren.  Die Leute ringsum bemühten sich, den Balken etwas anzuheben, um den Mann herauszuziehen, aber das war unmöglich.  Der Verunglückte schrie fürchterlich, aber nicht lange, er hatte bald keine Kraft mehr.  Bis die Rettungsmannschaft kam und ihn befreit hatte, war er tot. 

       Solche Dinge geschahen aber nicht nur mit Neulingen, die sich im Schacht besonders unbeholfen verhielten.  Ein anderes Mal war ich Zeuge, wie unser gute alte und erfahrene Schichtmeister über etwas stolperte und auf das Fließband fiel, auf dem mit gewaltiger Geschwindigkeit die Kohle auf die Hauptstrecke hinuntersauste.  Der Meister flog mit,  das ging so schnell, daß er nicht mal schreien konnte (man hätte das in dem allgemeinen Tosen und Lärm auch gar nicht gehört).  Hinter ihm flogen Tonnen von Kohle auf ihn und deckten ihn im Nu völlig zu.  Bis er befreit war, war er tot.  Der Mann sah aus wie eine große schwarze Puppe.  Dieser Vorfall hinterließ bei allen Arbeitern und auch bei der Grubenverwaltung einen besonders tiefen Schmerz – er war ein herzensguter Mensch, ein erfahrener Kumpel und bei allen sehr beliebt.  Da will ich von den Angehörigen schon ganz schweigen.

       Manche kamen unter die Loren des Elektrozuges, der die Kohle zum Ausgang beförderte,  zwei Mann wurden an ihrer Arbeitsstelle tot aufgefunden – an Grubengas erstickt.  Keiner wußte mit Sicherheit, wenn er in den Schacht  fuhr, ob er noch einmal lebendig heraus kam.

       Wie gesagt, wir erhielten zwar täglich einen Kilo Brot, waren aber doch immer hungrig.  Eines Abends, es war im Sommer 1943, gab mir mein Freund Viktor Wieberg, nach der Arbeit zwei kleine Mohrrüben.  Die schmeckten vortrefflich.  Ich aß sie auf und fragte, wo er die her habe.  Er sagte: „Die habe ich unterwegs in einem Gärtchen geklaut.  Wenn du willst, kannst du ja morgen mitgehen.“  Ich willigte ein.  Als wir am nächsten Tag mit der Kolonne durch die Stadt zur Arbeit marschierten, zeigte er mir ganz heimlich die Gartenpforte, wo er gestern Abend beim Nachhausegehen eingedrungen war,  man konnte auch die Möhrenbeete sehen.  Viktor klärte mich auf.  Er sagte: „Wenn wir nach Hause gehen, halte dich immer neben mir auf.  Wir stehlen uns heimlich von der Kolonne  weg, verstecken uns ein wenig im Gebüsch und dann gehen wir in den Garten.  Aber die Gartentür muß offen bleiben!“  Am Abend, besser gesagt, nachts, es war schon nach 12, machten wir es so wie geplant.  Viktor ließ die Pforte weit offenstehen, wir schlichen uns an die Mohrrübenbeete heran, da erhob sich plötzlich ein junger Mann mit einem Knüppel aus dem Gebüsch.  Mit einem Satz waren wir an der offenen Gartentür und auch schon draußen auf der Straße.  Wir rannten in die Kolonne hinein und waren gerettet.  Ich wollte keine Mohrrüben mehr.

       Am 30. Januar 1944 versammelte man 25 der jüngsten und schwächsten Jungen und Mädchen, verlud unsere „Habe“ auf einen Schlitten, und wir zogen unter Begleitung eines bewaffneten Soldaten durch den Wald in einen 15 km abgelegenen Ort. In der Siedlung lebten Waldarbeiter, die Grubenholz fertigstellten. Etwas abseits von der Siedlung stand eine einzelne Baracke, in der Deutsche untergebracht waren.  Es waren alles ehemalige Frontsoldaten, die noch im Herbst 1941 von der Front abgezogen worden waren, weil man ihnen mißtraute. Zu ihnen brachte man auch uns. Die Obrigkeit meinte doch wohl, daß die Arbeit im Wald für uns leichter wäre und wir hier unsere Norm erfüllen würden. Oder gab sie einfach dem Drängen und Murren der alten Kumpel nach? Oder noch einfacher: man brauchte vielleicht zusätzliche Arbeitskräfte im Wald. Wie dem auch war, wir trauerten jetzt der Kohlengrube nach. Dort war es wenigstens im Winter warm, und im Sommer gab es keine Stechmücken und Schnaken. Aber am meisten trauerten wir um das verlorene Kilo Brot. Hier bekamen wir 600 g Brot pro Tag. Bei Erfüllung der Norm auf 100 Prozent und mehr erhielt man 800 g. Nun, bei uns blieb es bei den 600 g pro Tag, wir bekamen auch entsprechend weniger andere Lebensmittel. Die Kälte erreichte im Winter 55 und mehr Grad, und der weiche über einen Meter tiefe Schnee wurde oft zu einem unüberwindbaren Hindernis. Jetzt lernten wir das Betteln um Almosen. Es begann mit dem Tauschen von Seife, Zwirn, Zündhölzern, die wir auf  Karten erhielten, gegen Kartoffeln, Zwiebeln und anderes Gemüse. Wir gingen im Dorf von Haus zu Haus und boten unsere Ware an. Manche Leute gaben uns oft etwas zu essen, ohne die Ware zu nehmen, denn der Hunger schaute uns ja unzweideutig aus den Augen. Manche hetzten aber auch die Hunde auf uns. Manchmal kam es vor, daß wir irgendeine Arbeit fanden (an den wenigen Ruhetagen, die es gab): Holz sägen; helfen, Heu zu holen aus dem Wald mit dem Handschlitten; Garten graben; Heu mähen; die Gärten abernten. Das wurde gewöhnlich gut belohnt mit Naturalien. Außerdem hatte man den ganzen Tag über sein Essen. Solche Tage waren für uns die reinsten Feier- und Schlemmertage. Dann hatte man die ganze Woche über beliebten Gesprächsstoff.  

       An einem solchen Tag lief ich einmal in einem 12 km entfernten Dörfchen von Haus zu Haus und kam schließlich in ein in der Dorfmitte alleinstehendes Häuschen.  Ich klopfte an und öffnete die Tür.  In einem großen Zimmer saßen so 6-7 junge Kerle meines Alters um einen großen Tisch.  Es stellte sich heraus, daß ich in eine Komsomolzenversammlung geraten war.  Ich wollte sofort umkehren, aber einige der Kerle sprangen herbei, hielten mich fest und zogen mich wieder ins Zimmer zurück.  Sie fragten, wer ich sei, woher ich komme und was ich  hier suche.  Plötzlich sagte einer: „Ach, das ist ja einer von den mobilisierten Deutschen aus Kamenka“, (so hieß unsere Waldsiedlung),  „den müssen wir an Alexej Grigorjewitsch, den Milizionär, abliefern, der hat mir von solchen Kerlen erzählt.“  Jetzt berieten sie, was sie im Moment mit mir machen sollten.  Schließlich wurden sie sich einig, mich in der Dorfschmiede, die wahrscheinlich leer stand, einzusperren, bis zum Abend, bis dieser Alexej Grigorjewitsch kommt.  Jetzt wollte mich keiner dort hin bringen.  Schließlich erhob sich aus der Ecke ein junger Junge und erbot sich, mich zur Schmiede zu eskortieren.  Ich erkannte in ihm den Sohn einer armen Familie, die am Dorfende wohnte, und bei denen ich schon einige Mal eingekehrt war.  Sie hatten sich immer sehr gut zu mir benommen.  Der Junge zeigte aber nicht, daß er mich kennt.  Da schöpfte ich etwas Hoffnung.  Manche hatten Bedenken, ob er es schaffen würde, allein mich in die Schmiede einzusperren.  Er wies aber diese Zweifel zurück und sagte kurz zu mir: „Komm!“ Er faßte mich am Ärmel und zog mich hinaus.  Als wir zum Weg kamen, der aus dem Dörfchen hinaus führte,  sagte er: „Geh jetzt, aber laß dich, bitte, hier nicht mehr sehen.“ Ich bedankte mich und ging los.  Ich hatte ja auch schon etwas in meinem Sack und es war auch so wie so schon Zeit, nach Hause zu gehen.

       Wie ich schon erwähnt habe, lebten wir hier in der Waldarbeitersiedlung in einer großen Baracke, die in 5  Zimmern aufgeteilt war.  Jedes Zimmer hatte einen Ausgang direkt zum Hof.  Wie überall in jener Zeit wurden die Leute im Wald nicht nur von Stechmücken und Schnaken geplagt, sondern auch von Wanzen.  Diese Biester gab es überall wo Menschen lebten, sowie in der Stadt, als auch auf dem Land, in den Dörfern.  In den Waldsiedlungen gab es besonders viele.  Als unser ehemaliger Kommandant Boos aus der Stadt zu uns in den Wald als Kommandant überführt wurde, versuchte er, uns von diesem Übel zu befreien.  Den ersten Versuch machte er  mit Schwefel.  Die Ritzen in den Zimmern wurden mit Lehm verschmiert, dann ließ er in der Mitte des Zimmers einen Haufen trockenen Lehm schütten,  in dessen Mitte ein Krater geformt wurde.  In den Krater schüttete man zwei Eimer trockenen Schwefel.  Der wurde angezündet, dann gingen alle hinaus, verschlossen die Tür und verschmierten auch  die Ritzen.  Als wir am Abend von der Arbeit nach Hause kamen, wurde der Lehm mit dem Schwefel entfernt und das Zimmer ausgelüftet.  Im Zimmer stand ein schrecklich beißender Gestank, aber die Wanzen lebten.  Man hatte uns gewarnt, daß wir tagsüber, so lange diese Infektion durchgeführt wurde, keine Lebensmittel im Zimmer lassen sollten, sie würden vergiftet und man könne daran sterben, wenn man sie ißt.  Ich aß zu dieser Zeit zusammen mit einem Freund, einem Altersgenossen.  In seinem kleinen Koffer lag ein Kanten Brot und ein Stück Speck, das er am Morgen vergessen hatte, herauszunehmen.  Als wir nach der Arbeit nach Hause kamen, waren wir hungrig, hatten aber Angst, die vergifteten Lebensmittel zu essen.  Wir saßen und dachten nach, was wir tun sollten.  Schließlich meinte mein Partner: „Essen wir, komme, was da wolle.  Wenn es so sein soll, sterben wir eben.“ Er schnitt Brot und Speck ab und begann zu essen.  Ich dachte: Wenn die Wanzen nicht verreckt sind, kommen vielleicht auch wir durch, und begann, auch zu essen.  Als wir alles aufgegessen hatten, legten wir uns schlafen mit der Hoffnung, daß uns im Schlaf das Sterben nicht so schwerfallen wird.  Am Morgen erwachten wir.  Ich fragte meinen Partner, wie er sich fühle.  Er sagte: „Ich habe einen Bärenhunger.“

       Na und die Waldarbeit? Dort konnten wir die Norm noch weniger erfüllen als in der Grube. Und viele alte Holzfäller fluchten über uns nicht anders als die Kumpel vorher. Die Sehnsucht nach Hause zur Familie war nicht geringer geworden. Nur die Aussichtslosigkeit einer Flucht wurde uns verständlicher. Trotzdem wagten es viele in ihrer Verzweiflung, die Reise ins Ungewisse anzutreten. Im Frühjahr 1943 waren in unserem Lager in Ansherka von 800 Mann nur noch 500 geblieben. Die meisten der geflohenen jungen Kerle landeten in den Gefängnissen und Lagern des GULAG. Einige wurden zurückgebracht und manchmal wurde ihnen von den Lagerleitern verziehen. Manche, wie wir später erfuhren, wurden nicht mehr gefunden. Sie hatten sich in der sibirischen Taiga verirrt und waren erfroren. Nur einzelnen gelang es, das Ziel zu erreichen und unter fremden, russischen Namen (Russisch sprachen sie ja besser als Deutsch) unterzutauchen. So wurde z.B. aus einem Mayer Johann ein Majorow Iwan, der sich angeblich von der Frontlinie, wo alle seine Angehörigen umkamen, nach Osten durchgeschlagen hatte, ohne Papiere, versteht sich. Die erhielt er dann im Dorfsowjet eines sibirischen oder kasachischen Dorfes. Sein Geburtsort war natürlich irgendwo im Westen und nicht mehr auffindbar. Aber er hatte sein Ziel erreicht und überlebte auch manchmal „ungeschoren“ den Krieg.

        

       Ich wurde am ersten Tag einem alten Holzfäller zugeteilt.  Ich mußte die Bäume vom Schnee frei schippen, Äste von den Bäumen abhacken, auf Haufen schleppen und verbrennen – alles für mich unbekannte und ungewohnte Arbeit.  Diese Arbeit war für mich noch schwerer als die im Kohlenschacht, und da ich solche Arbeit zum ersten Mal machte, stellte ich mich dabei auch entsprechend an.  Mein Partner, ein alter mürrischer Ukrainer, der schon sein Leben lang im Wald arbeitete und lebte, brummte jetzt: „Wie soll ich mit dir  zwei Normen machen, wir bleiben jetzt ohne Brot, die Familie zu Hause muß jetzt deinetwegen hungern!“  So ging das den ganzen Tag.  Mittags ging der Mann zum Essenausteilungspunkt  (das Mittagessen wurde mit einem Pferdeschlitten in den Wald gebracht), aß dort seine Suppe und brachte mein Essen in seinem Geschirr mit.  Ich mußte in dieser Zeit gewöhnlich von einem gefällten Baum die Äste abhacken.  Ich kletterte auf dem Baum herum und brauchte mindestens eine Viertelstunde, um einen der bis 20 cm dicken Äste abzuhacken.  Oft rutschte ich mit den gefrorenen Filzstiefeln auf dem glatten Baumstamm aus und fiel in den anderthalb Meter tiefen Schnee.  Das war ein Problem, mich durch den weichen Schnee bis zum Ende des dicken Baumstammes durchzupuddeln, denn nur dort konnte ich wieder auf den Baumstamm gelangen.  So verlief im Nu die Mittagspause und mein Partner kam mit meiner Suppe zurück, ich aber hatte erst  2-3 Äste abgehackt.  Da begann das Gebrumme von neuem.

       Eines Tages, als ich wieder allein war und nichts fertig brachte, befiel mich der Gedanke,  mir einen Finger abzuhacken, um wenigstens für ein paar Wochen nicht in den verhaßten Wald gehen zu müssen, zu dem nicht weniger verhaßten Holzfäller Kossenko.  Aber ich brachte den Mut nicht auf, es zu tun.  Ich weinte vor Verzweiflung über meine Lage und über meine Feigheit.  Ich hatte genau drei Äste abgehackt, da kam auch schon mein Partner mit meinem Mittagessen.  Ich war hungrig, aber das Essen schmeckte mir an jenem Tag nicht.  Ich aß die Hälfte auf und bot dem Mann das übrige an, er sollte es aufessen.  Er fragte, ob ich krank wäre.  Ich verneinte es natürlich, mir schmecke bloß das Essen heute nicht.  Am nächsten Morgen, als ich im Wald zu meinem Arbeitsplatz ging, mußte ich an einem Lagerfeuer vorbeigehen.  Am Feuer saßen vier Männer, es waren Fuhrleute, die die Stämme mit ihren Pferden zum Weg schleppten, wo sie auf Traktorschlitten verladen wurden.  Es waren drei Deutsche und ein Moldawier.  Ich fragte, ob ich mich an ihrem Feuer etwas wärmen könne.  Sie sagten: „Natürlich!“  Sie backten dort Kartoffeln am Feuer und bewirteten auch mich.  Die im Lagerfeuer gebackenen Kartoffeln schmecken vortrefflich, sogar wenn man sie auch noch ein bißchen salzen kann.  Ich aß sogar die Schalen, die die Männer verschmähten, hatten doch wohl Kartoffeln genug.  Sie fragten mich, wie ich heiße, woher ich komme, bei wem ich arbeite.  Sie beeilten sich nicht, ihre Arbeit zu beginnen, und ich saß bei ihnen und freute mich, weil sich jemand für mein Schicksal interessierte.  Als sie an die Arbeit gingen,  sprach ich mein Bedenken aus, was mich jetzt  an meiner Arbeitsstelle erwartet, wenn ich mit Verspätung dort hinkomme.  Sie sagten: „Es ist besser, wenn du heute nicht zu deinem Kossenko gehst.  Bleibe hier und unterhalte das Feuer.  Schaue nur nach diesem Pfad, von hier kann der Meister  vorbeikommen, wenn du ihn siehst, gehe etwas in den Wald hinein, bis er vorbei ist.“ So schwänzte ich drei Tage hintereinander die Arbeit, verbrachte die Zeit bei den freundlichen Holzfahrern, hatte aber schreckliche Angst vor dem Finale.  Ich malte mir aus, daß ich mindestens ein paar Wochen Karzer verdient hätte,  oder noch schlimmer, ich käme ins Gefängnis.  Am vierten Morgen kam der Meister der Holzfahrer in unsere Baracke und fragte, wer hier Johannes Herber sei.  Ich trat hervor, nicht lebend und nicht tot und sagte verzagt und vor Angst zitternd, daß ich es sei.  Er sagte: „Du gehst jetzt hinunter zum Pferdehof,  fragst nach dem Moldauer Biwol und sagst ihm, daß der Meister dich zu ihm geschickt hat. Du wirst von heute an bei diesem Holzfahrer als Gehilfe arbeiten.  Er wird dir schon sagen, was du zu tun hast.“  Mir war ein Stein vom Herzen gefallen. Ich war so glücklich, daß  mein Schicksal solch eine Wende bekommen hatte.  Was noch weiter kommen konnte, darüber wollte ich jetzt nicht nachdenken.  Als ich dorthin kam und nach Biwol fragte, stellte es sich heraus, daß das der Moldawier war, den ich am Lagerfeuer getroffen hatte.

       In der Trudarmee  traf ich nicht nur böse, mürrische Menschen, die mit uns jungen Kerlen stets unzufrieden waren, obwohl wir ja auch nicht schuld waren an unserem Elend und dem der älteren Kollegen. Es gab auch gute Menschen, die uns bemitleideten und mithalfen, wenn sie konnten.  Ich habe oben schon aus der Zeit meiner Tätigkeit in der Kohlengrube über zwei solcher Menschen berichtet.  Das waren der Schneider Hertje und der Schichtmeister in der Grube Danilin. Später, als ich im Wald arbeitete, traf ich auch gute Menschen. Als man mich im Februar 1944 zusammen mit noch ca.  20 deutschen  Jugendlichen aus der Kohlengrube in den Wald überführte,  doch wohl , weil wir die Normen trotz allem nicht erfüllen konnten  (vielleicht war auch ein anderer Grund dafür),  arbeitete ich einige Zeit mit dem oben erwähnten Moldawier mit Namen Biwol zusammen.  Der Mann war für mich wie ein leiblicher Vater.   Er kümmerte sich darum, daß ich stets warm angezogen war, so gut es ging,  daß ich immer gründlich sauber war, verbot mir,  allein einen Baumstamm zu heben, der für mich zu schwer war,  gab mir manchmal auch noch von seinem Essen etwas ab:  er könne das nicht vertragen, und ich sei jung, wachse und brauche mehr Essen.  Er unterhielt sich gern mit mir über meine Familie, über die Schule und erzählte viel über seine Familie und seine Heimat  Moldawien.  Ich konnte mich an ihn mit einem beliebigen Problem wenden, er hatte für mich stets ein offenes Ohr.  Über Weltanschauungen konnte ich mit ihm aber kaum reden, er hatte nur ein paar Monate eine Schule besucht, konnte kaum seinen Namen schreiben und sprach sehr schlecht Russisch, was ja die Kontaktsprache zwischen den verschiedenen Nationalitäten war.  Umso lieber und aufmerksamer  hörte er mir zu, wenn ich  über unser Leben an der Wolga erzählte, über den Kolchos in Sibirien, über die Schule und andere Dinge.

        Dort in der sibirischen Taiga hatte ich noch gute Kontakte (nebst den deutschen Männern) mit einem Griechen, dem Meister der Holzstapler.  Er war mein nächster Vorgesetzter, solange ich mit dem Moldawier zusammen arbeitete.  Der Mann hatte viel Verständnis für uns junge Deutschen.  Vielleicht war es deshalb, weil er zusammen mit deutschen Rotarmisten  im Herbst 1941 von der Front abgezogen worden war (die Griechen standen ebenfalls wie auch die Deutschen unter Kommandanturaufsicht, und die Obrigkeit traute ihnen genauso wenig wie den Deutschen).  Da kam es einmal zu einem kuriosen Zwischenfall.  In den letzten Kriegsjahren durften wir,  wenn am Sonntag gerade Ruhetag war (was selten vorkam) mit der schriftlichen Erlaubnis des Kommandanten frei ausgehen in die umliegenden Dörfer oder in die Kreisstadt Ansherka.  Wir tauschten bei der Bevölkerung  ein Kleidungsstück, ein Stück Seife,  Zwirn oder ähnliches gegen Kartoffeln, Zwiebeln, Knoblauch und dergleichen.  Manchmal hatte einer auch das Glück, einer Soldatenwitwe im Haushalt etwas zu helfen (den Garten umgraben,  Heu mähen,  Brennholz aus dem Wald holen).  Dafür gab es auch Lebensmittel.  Ich hatte auf meiner Pritsche  unterm Stroh ein ganz neues Tischlerbeil versteckt, das ich im Wald gefunden hatte.  Eigentlich hätte ich das Beil dem Meister abliefern müssen.  Aber einer von meinen deutschen Bekannten, dem ich diesen Fund gestand, meinte, ich solle nicht so dumm sein.  Nach dem Beil, das den ganzen Winter über im Wald unterm Schnee gelegen habe, suche jetzt so wie so keiner mehr, es wäre einfach  abgeschrieben worden.  Ich solle es behalten, das könne ich ja mal im Dorf gegen Lebensmittel vertauschen.  So lag das Beil  (ein kleines handliches Prachtstück)  einige Monate in meinem  Bett  (eine der größten Dummheiten, die ich je begehen konnte!).  Als es wieder einmal mit dem Essen sehr knapp war und der Hunger bei mir sehr groß, faßte ich mir ein Herz, ging an einem Sonntagmorgen in ein 10 km abgelegenes Dorf, um etwas Eßbares zu erbetteln, und nahm das Beil mit.  In einem Haus mittleren Aussehens bot ich der Hausfrau das Beil gegen Kartoffeln an.  Sie nahm das Beil, sagte, es sei ein schönes Beil, und fragte, wo ich es her hätte.  Dann rief sie einen Mann aus einem anderen Zimmer und fragte ihn, ob man das Beil in der Wirtschaft gebrauchen könne, zum Holzhacken sei es jedenfalls zu leicht.  Wie groß waren mein Erstaunen und mein Schrecken, als ich in dem Hauswirt  meinen Vorgesetzten, den Griechen erkannte.  Er fragte, ob ich das Beil wirklich gefunden hätte.  Dann meinte er, na ja, anders hätte ich auch nicht zu dem Beil kommen können.  Wieviel Kartoffeln ich dafür haben wollte.  Ich stotterte:  „Ich dachte an zwei Eimer.“ Da sagte er: „Wir geben dir 3 Eimer Kartoffeln, zwei nimmst du jetzt, und den anderen holst du dir am nächsten Ruhetag. Aber du mußt mir versprechen,  wenn du noch einmal etwas Ähnliches findest, es beim Meister abzugeben.  Es ist gut, daß du gerade auf uns gestoßen bist. Nicht alle Leute im Dorf sind so wie wir. Paß auf!“  Zu der Frau sagte er: „Das könnte ihm 10 Jahre Gefängnis einbringen, er ist ein Deutscher.“  So machte ich nähere Bekanntschaft  mit dem Griechen.  Ich war dann öfter in diesem Haus. Meist gaben sie mir irgendeine Arbeit, für die sie gut bezahlten.  Es stellte sich heraus, daß die Hausfrau, eine Lettin, nicht seine Ehefrau, sondern nur seine Freundin war, deren Mann im Krieg  gefallen war.

       Ich will nicht sagen, daß der Mann ein Regimegegner war, weil er mich nicht  verriet und nicht den Behörden auslieferte.  Er war einfach ein guter Mensch, der selbst in seinem Leben viel durchgemacht hatte und andere gut verstand.

       Nach der Arbeit als Holzfahrergehilfe war ich ziemlich lange bei den Holzverladern an der Seilbahn tätig.  Diese Seilbahn zog sich ca. 20 km weit vom Holzverarbeitungskombinat am Rande der Stadt Ansherka bis weit in den Wald hinein.  Mit dieser Seilbahn wurde das Holz aus dem Wald zum Verarbeitungskombinat befördert.  Im Wald arbeiteten vier Verladerbrigaden.  Sie standen in einer Reihe an der Seilbahn und hängten das Holz von unten an die Waggons, die selbst hoch oben auf der Estakade auf Schienen liefen und von dem Stahlseil gezogen wurden.  Das war ein ziemlich komplizierter Vorgang, mit dessen Beschreibung ich den Leser nicht belästigen will.  Meine Arbeit bestand darin, die aus der Stadt kommenden leeren Waggons  vor den Ladebrigaden aufzuhalten und sie den Ladearbeitern nach Bedarf zuzuführen.  Ich hatte diese Arbeit schnell erlernt und hatte darin bald gute Übung.  Diese Arbeit war nicht schwer, aber besonders gefahrvoll, es konnte sehr leicht ein Unfall geschehen, der lebensgefährlich war.  Diese Waggons konnten leicht von der Estakade herunterspringen und man konnte darunter geraten.  Die Ladearbeiter waren mit mir sehr zufrieden, sowie auch der Meister.  Ich arbeitete hier über ein Jahr.  Im Frühjahr 1946 wurde ich auf meine Bitte hin als Streckenwärter an der Seilbahn eingestellt.  Ich hatte die Arbeit der Streckenwärter lange Zeit beobachtet und sprach viel über meinen Wunsch, dort zu arbeiten, mit meinen Kollegen, den Ladearbeitern.  Hauptsächlich sprach ich darüber mit einem Deutschen, einem ehemaligen Lehrer für deutsche Literatur mit Namen Emich.  Die Ladearbeiter wollten mir diese Idee mit Gewalt ausreden.  Ich hatte mich schon gut eingearbeitet, und ein Neuer hätte erst angelernt werden müssen.  Dieser Herr Emich sagte immer: „Junge, es ist immer besser, unter den Kleinen der Erste zu sein, als unter den Großen der Letzte." Er meinte, hier wäre ich bei meiner Arbeit der Erste, als Streckenwärter wäre ich wieder der Letzte.  Aber hier war ich vom Tempo der Ladearbeiter und von der Seilbahn abhängig, dort aber war ich nur von mir selbst abhängig.  Und ich hatte es durchgesetzt, man hatte mich dort eingestellt, als eine Stelle frei wurde.  Hier arbeitete ich jetzt, bis ich  im Juni 1946 Urlaub erhielt und nach Hause in den Kolchos fuhr (um nicht mehr zurückzukehren).

       Zwei Ereignisse aus der Trudarmee sind mir besonders im Gedächtnis haften geblieben.

       Das erste geschah im Frühjahr 1943. In unserem Lager war eine schwachsinnige, etwa 35jährige Frau. (Später stellte sich heraus, daß sie erst 25 war.)  Sie arbeitete als Putzfrau im Büro des Kommandanten und wurde gewöhnlich mit mehr Nachsicht behandelt, denn alle wußten von ihrer Krankheit. Einmal bat sie den neuen Wachposten halb mit deutschen Worten, halb mit Gesten, er möge sie ohne Passierschein aus dem Lager zur Speisehalle gehen lassen, die sich etwa 200 m außerhalb des Lagers befand. Dorthin konnte man auch nur gruppenweise mit demselben Passierschein gelangen, mit dem man von der Arbeit ins Lager ging. Wir, eine ganze Gruppe von Leuten, standen am Tor und warteten, bis unser Ältester mit dem Passierschein käme. Der Wachposten rief der Frau zu, sie solle zurückgehen. Die verstand ihn natürlich nicht, sie drehte sich nur um und machte eine komische, lachende Grimasse. Der Wachposten legte an und schoß die Frau aus ungefähr 10 m Entfernung mit einem kurzen Feuerstoß aus der MPi nieder. Die Leute begannen zu schreien, zu murren, doch wir wurden von anderen, auf den Schuß herbeigeeilten Soldaten mit Hunden auseinandergejagt und in die Baracken zurückgetrieben.

       Alle warteten gespannt, daß der übereifrige Soldat bestraft würde. Aber wie groß waren unser Staunen, unsere Empörung und Niedergeschlagenheit, als wir erfuhren, daß er für seinen „wachsamen Dienst“ noch befördert und ausgezeichnet wurde.

       Dieses Ereignis hinterließ bei allen Lagerinsassen einen besonders tiefen Eindruck, denn es bewies ein übriges Mal, wie rechtlos wir Deutschen waren, und wie schonungslos wir der Willkür der anderen ausgeliefert waren.

       Das zweite Ereignis geschah mit mir persönlich. Es war im Winter 1946, schon nach Kriegsende. Am späten Abend, so um 12 Uhr, verließ ich in Unterwäsche und Filzstiefeln die Baracke und wollte die Toilette aufsuchen, die sich ca. 150 m von der Baracke entfernt im Wald befand. Ich war an jenem Tag krank, hatte sogar eine schriftliche ärztliche Befreiung von der Arbeit. Und draußen war es 45° kalt, ein eisiger Wind trieb einem Schnee in die Augen. Unter diesen Umständen blieb ich ungefähr 50 m von der Baracke entfernt stehen. Als ich schnell zurücklief und in die warme Stube rennen wollte, tauchte plötzlich der Kommandant neben mir auf, packte mich am Kragen und zerrte mich zu seiner Behausung. Er wohnte in einem speziellen Raum vor der Baracke und hatte mich im Mondschein von seiner Tür aus beobachtet. Er öffnete aber die Tür nebenan, die in einen extra für die Deutschen eingerichteten kalten Karzer führte, und stieß mich dort hinein. Ich war anfänglich völlig schockiert, verstand gar nicht richtig, was mit mir passiert war. Aber die schreckliche Kälte brachte mich schnell zur Besinnung. Ich begann in dem Karzer zu tanzen, machte die komischsten Sprünge und Bewegungen, um mich zu erwärmen. Doch bald spürte ich, wie mir die Gliedmaßen in den Gelenken steif wurden und aufhörten, zu gehorchen. Die Kniekehlen, die Ellbogen, das Genick - alles wurde steif. Ich bekam Angst und begann zu schreien und mit den Fäusten an Tür und Wände zu trommeln. Der Kommandant nebenan konnte dieses Konzert doch wohl nicht länger aushalten und ging weg. Ich hörte die Tür gehen und zuschlagen. Dann die Stimme des Kommandanten, der seinem Gehilfen (auch ein Deutscher, der krankheitshalber für die Arbeit im Wald nicht tauglich war und den Posten eines Flurdieners versah) die Anweisung gab, mich um 7 Uhr morgens herauszulassen. Ich lärmte noch eine Weile, wurde heiser, die Kräfte wurden weniger, die Bewegungen immer langsamer, und ich erinnerte mich daran, was ich über Erfrierende gelesen und gehört hatte und sah meinen Tod schon vor Augen. Nach kurzer Unterbrechung begann ich wieder zu schreien und zu klopfen. Ich rief Namen meiner Zimmergenossen in der Hoffnung, daß mal jemand herauskäme, um die Toilette aufzusuchen. Aber keiner dachte daran, bei diesem Hundewetter auf den Hof zu gehen. Es waren alles ältere, erfahrenere Männer, die von der Front weggenommen worden waren. Sie bedienten sich einfach eines großen Wassereimers, der im Zimmer stand, und den der Stubendiener als Putzeimer gebrauchte. Plötzlich hörte ich Schritte, und der Türriegel rasselte. Der Gehilfe des Kommandanten stand in der Tür und sagte, ich solle schnell in mein Zimmer gehen. Der Kommandant sei in die Siedlung zu einem Freund schlafen gegangen.

       Ich war im Gesicht und an den Haaren mit Reif bedeckt, die Ohren und die Nasenspitze waren angefroren, ich konnte mich kaum noch bewegen. Der Mann nahm mich unter den Arm und führte mich ins Zimmer. Die Männer wachten auf, machten Licht und setzten sich in den Betten. Der Kommandantengehilfe erzählte ihnen, was vorgefallen war. Ich konnte nicht mehr sprechen - nur noch schluchzen und mit den Zähnen klappern. Es war 1 Uhr nachts, also war ich eine knappe Stunde in dem Karzer. Bis sieben Uhr morgens hätte ich es nicht ausgehalten, ich wäre ein Eisklumpen gewesen. Die Jungen legten mich ins Bett, deckten mich mit Decken und Pelzen zu, aber ich konnte bis zum Morgen nicht warm werden. Von den Leuten schlief keiner mehr. Sie waren sehr aufgebracht, daß so etwas auch nach Kriegsende mit uns noch passieren konnte. Ich schlief erst am Morgen etwas ein. Ich brauchte ja an jenem Tag nicht zur Arbeit, weil ich krankgeschrieben war.

       Zu uns war vor kurzem unser ehemaliger Kommandant vom Lager aus der Stadt strafversetzt worden. Ein mächtiger Hüne von Mann mit einem pockennarbigen Gesicht. Er war damals Anfang dreißig, ein ehemaliger Hauptmann aus der Roten Armee mit Namen Boos, derselbe Boos, von dem oben schon die Rede war. Wie man hörte, hatte er in der Stadt ein hohes Tier in dessen Kabinett mit einem Schemel zusammengeschlagen, weil der ihn mit „Faschist“ beschimpft hatte. Im Walde hatte Boos dann in unserem deutschen Lager etwas Ordnung geschafft. Dann kam der jetzige von der Front und brauchte einen „warmen“ Posten. Boos mußte wie alle Deutschen arbeiten. Aber, da er sich nicht so viel gefallen lassen wollte, wie wir es tun mußten, wurde er von demselben Kommandanten für drei Nächte in diesen Kühlschrank gesperrt. Jedenfalls in warmer Kleidung.

       Boos hatte früher mal einige Jahre in Marxstadt, meiner Heimatstadt, gelebt und war mir irgendwie zugetan. Er überredete mich, eine Beschwerde an den Staatsanwalt zu schreiben. (Ich weiß nicht, was da am meisten mitspielte: daß wir uns als Landsleute zählten; war es ein Rachegefühl oder gewöhnlicher Gerechtigkeitssinn, das ihn dazu veranlaßte, sich für mich einzusetzen. Höchstwahrscheinlich alles zusammen.) Er klärte mich auf, daß die Handlung des Kommandanten rechtswidrig gewesen sei, sogar in unserer Lage. Einerseits hatte ich Angst vor der Rache des Kommandanten, andererseits trieb es mich dazu, diese Ungerechtigkeit nicht ungesühnt zu lassen. Ich gab nach. Boos diktierte, und ich schrieb eine Beschwerde an den Staatsanwalt und legte meine ärztliche Bescheinigung dazu. Alles Weitere erledigte Boos. Nach einem Monat wurde ich in die Stadt zum Staatsanwalt vorgeladen. (Der Krieg war vorbei, die Russen hatten gesiegt, und man wurde etwas großzügiger mit uns Deutschen. Oder machte es, daß dieser Staatsanwalt ein ehemaliger Bekannter von Boos war?) Nach weiteren zwei Monaten wurde „unser“ Kommandant versetzt, und wir Deutschen kamen unter die Obhut des allgemeinen Ortskommandanten. Eine Woche zuvor hatte der Kommandant mich noch zu sich gerufen und hinter verschlossener Tür vernommen. Er glaubte nicht, daß ich die Beschwerde von mir aus, auf eigene Initiative, geschrieben hätte. Er ahnte, daß Boos dahinter steckte, und wollte das von mir nur bestätigt haben. Ich leugnete es natürlich und sagte ihm, daß ich selber schreiben könne. Hier gestand er großzügig, daß er meinetwegen versetzt werde, schwor aber, solche „Faschisten“ wie mich und Boos hätte er schon viele erschossen, würde auf  sie auch weiterhin schießen. Ich konnte darauf nichts erwidern, als gehorsam zuzugeben, daß ich im Moment natürlich in seiner Macht stände. Selbst schielte ich fortwährend zum Fenster und erwägte, wie ich den Rahmen am besten heraustreten könnte, wenn das Ungeheuer über mich herfallen würde, die Tür war ja abgeschlossen. Doch zum Glück kam es so weit nicht. Er öffnete die Tür und stieß mich hinaus.

       Ich glaube nicht ganz daran, daß dieser Zwischenfall damals uns Deutschen von der direkten Aufsicht eines Kommandanten befreite. Diese Aufseher wurden später allerorts weggenommen. In diesem Fall wurde durch mein „Abenteuer“ unsere unmittelbare „Befreiung“ nur beschleunigt. Wir mußten uns nur noch zweimal monatlich beim Ortskommandanten melden, weil wir bis 1956 unsere Wohnorte nicht verlassen durften.

       Es gab während der Jahre in der Trudarmee auch glückliche Tage für mich. Einer davon war ein Tag im Sommer 1944, als ich von zu Hause einen Brief bekam mit der Nachricht, daß Vater nach Hause gekommen wäre, „aus gesundheitlichen Gründen“, wie es hieß. Was diese lakonischen Worte bedeuteten, erfuhr ich erst später, als ich im Juni 1946 selbst aus der Trudarmee eigenmächtig zurückkehrte. Ich erhielt Urlaub, fuhr zu meiner Familie und kehrte nicht mehr in den Wald zurück. Derselbe Kolchosvorsitzende machte die Sache mit dem Ortskommandanten ab und ließ mich nicht mehr aus dem Kolchos fort, was ganz meinen Wünschen entsprach. Obwohl das Leben im Kolchos noch schwieriger war als im Wald, alle Familienmitglieder abgerissen und vor Hunger geschwollen waren, wollte ich lieber zu Hause bleiben. So konnte ich die Familie vor dem sicheren Hungertod retten, weil ich jetzt arbeitete und man uns vom Kolchos  aus unterstützte. (Obwohl der Kolchosvorsitzende uns sehr geneigt schien, weil Vater früher ein guter Arbeiter war und ich auch immer mein Bestes tat, galt hier doch der Grundsatz: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.)

       Jetzt erfuhr ich erst, unter welchen Umständen der Vater damals, 1944, „losgelassen“ wurde. Von der schweren Arbeit und ständigem Hunger war er völlig kraftlos geworden und atrophiert. Er konnte sich sogar nicht mehr selbständig auf den Beinen halten. Die Ärzte konnten solchen Kranken nicht helfen, sie starben aber auch nicht. Also wurden sie nach Hause geschickt, weil sie völlig nutzlos waren und nur zur Last fielen. Ich weiß nicht mehr genau, wie Vater sein Dorf und seine Familie erreichte. Nur eines ist mir bekannt, daß er nach einer Woche Erholung „arbeiten“ mußte. Er mußte Kühe hüten. Morgens hoben ihn die Nachbarn aufs Pferd, den ganzen Tag ritt er hinter der Herde her, und abends nahm man ihn vom Pferd herunter. So ging es zwei Monate lang, bis er lernte, wieder zu gehen und, wenn auch mit fremder Hilfe, selbständig aufs Pferd zu steigen. Doch danach erkrankte er an Lungen- und Herzleiden und wurde kein vollwertiger Arbeiter mehr. Er erlag seinen Leiden im Herbst 1954, gerade in dem Jahr, als wir wieder zum ersten Mal Brot satt zu essen hatten. Die Befreiung von der Sonderkommandantur erlebte er nicht.

       So sah für uns die Trudarmee in groben Zügen aus. Und wir konnten beide noch von Glück reden, denn wir überlebten und kehrten zu unserer Familie zurück, was Tausenden dieser  „Sklavenarbeiter“ nicht beschieden war.






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