Wie das geschah


E R L A S S

DES PRÄSIDIUMS DES OBERSTEN SOWJETS
DER UNION DER SSR


Über die Übersiedlung der Deutschen,
die in den Wolgarayons wohnen

        Laut genauen Angaben, die die Militärbehörden erhalten haben, befinden sich unter der in den Wolgarayons wohnenden deutschen Bevölkerung Tausende und aber Tausende Diversanten und Spione, die nach dem aus Deutschland gegebenen Signal Explosionen in den von den Wolgadeutschen besiedelten Rayons hervorrufen sollen. Über das Vorhandensein einer solch großen Anzahl von Diversanten und Spionen unter den Wolgadeutschen hat keiner der Deutschen, die in den Wolgarayons wohnen, die Sowjetbehörden in Kenntnis gesetzt, folglich verheimlicht die deutsche Bevölkerung der Wolgarayons die Anwesenheit in ihrer Mitte der Feinde des Sowjetvolkes und der Sowjetmacht.

        Falls aber auf Anweisung aus Deutschland die deutschen Diversanten und Spione in der Republik der Wolgadeutschen oder in den angrenzenden Rayons Diversionsakte ausführen werden und Blut vergossen wird, wird die Sowjetregierung laut den Gesetzen der Kriegszeit vor die Notwendigkeit gestellt, Strafmaßnahmen gegenüber der gesamten deutschen Wolgabevölkerung zu ergreifen.

        Zwecks Vorbeugung dieser unerwünschten Erscheinungen und um kein ernstes Blutvergießen zuzulassen, hat das Präsidium des Obersten Sowjets der UdSSR es für notwendig gefunden, die gesamte deutsche, in den Wolgarayons wohnende Bevölkerung in andere Rayons zu übersiedeln, wobei den Überzusiedelnden Land zuzuteilen und eine staatliche Hilfe für die Einrichtung in den neuen Rayons zu erweisen ist. Zwecks Ansiedlung sind die an Ackerland reichen Rayons des Nowosibirsker und des Omsker Gebiets, des Altaigaus, Kasachstans und andere Nachbargebiete bestimmt.

        In Übereinstimmung mit diesem wurde dem Staatlichen Komitee für Landesverteidigung vorgeschlagen, die Übersiedlung der gesamten Wolgadeutschen unverzüglich auszuführen und die überzusiedelnden Wolgadeutschen mit Land und Nutzländerein in den neuen Rayons zu versorgen.

Vorsitzender des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR
M. Kalinin.

Sekretär des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR
A. Gorkin.

Moskau, Kreml,
den 28. August 1941.

       Es gibt immer weniger  Menschen,  die noch Augenzeugen  der grauenhaften Ereignisse von 1941 waren und über das traurige Kapitel in der Geschichte der Sowjetdeutschen berichten können, das heißt über die Zwangsaussiedlung der Deutschen von der Wolga und anderen europäischen Gebieten der Sowjetunion nach Sibirien und Kasachstan. Nachfolgend möchte ich versuchen, einige meiner Erinnerungen hier zu Papier zu bringen.

       Der Anfang des Krieges von 1941 ist mir durch die schaurig-feierliche Stimme des Ansagers Lewitan vom Moskauer Rundfunk in Erinnerung geblieben, danach durch die Rede Molotows, des damaligen Außenministers der Sowjetunion, obwohl ich von all dem damals ganz wenig verstand. Die Leute in unserem Marxstadt, einem Kantonzentrum in der Autonomen Republik der Wolgadeutschen, gingen traurig und niedergeschlagen umher. Unter den Erwachsenen (ich war damals 13 Jahre alt) verbreiteten sich die verschiedensten Gerüchte. Die älteren Leute machten beklemmende Voraussagungen: das sei wohl jetzt das Ende. Zum dritten Mal werde das Unglück an den Deutschen nicht vorübergehen (sie erinnerten sich noch gut, daß schon während der Zarenzeit die Deutschen von der Wolga ausgesiedelt werden sollten). Wir Kinder spürten zwar ein auf uns zukommendes Gewitter, verstanden aber im Allgemeinen ganz wenig von dem, was da ringsum vor sich ging. Ich persönlich war damit beschäftigt, Lehrbücher für die 7. Klasse zu beschaffen, deutsche natürlich, denn ich hatte in jenem Sommer die 6. Klasse der deutschen Mittelschule beendet. Russisch verstand und sprach ich nur sehr wenig, wie auch die meisten anderen deutschen Einwohner der Stadt. Ringsum wurde Deutsch gesprochen, auch in den Betrieben und Anstalten wurden die Geschäfte in deutscher Sprache geführt. Die wenigen Russen des Ortes sprachen alle nicht schlecht Deutsch. Es gab nur eine russische Schule für die Russenkinder. Die Rundfunksendungen wurden auch meistens in deutscher Sprache übertragen. Die örtlichen Sendungen in deutscher Sprache begannen gewöhnlich um 16 Uhr nachmittags, die russischen spät am Abend, wenn es schon Zeit war für uns Kinder, schlafen zu gehen. Die Filme im Lichtspieltheater (der ehemaligen katholischen Kirche) waren meistens Stummfilme. Wir lasen auch meistens nur deutsche Zeitungen: „Junger Stürmer“ (Pionierzeitung), „Rote Sturmfahne“ (Kantonzeitung), „Nachrichten“ (Republikzeitung). Außerdem gab es noch die „Deutsche Zentral-Zeitung“, die in Moskau hauptsächlich von Emigranten aus Deutschland herausgegeben wurde. Wir abonnierten diese Zeitung nicht und lasen sie nur selten. Was die Russischkenntnisse der damaligen Wolgadeutschen anbetrifft - da drängt sich mir heute oft ein Vergleich mit den Russischkenntnissen der Kirgisen aus den entlegenen Gebirgsdörfern auf. Nur sind die Bedingungen zur Erlernung der russischen Sprache damals bei der deutschen Bevölkerung und heute bei der kirgisischen nicht vergleichbar. Damals gab es keine Fernseher und nur ganz wenig Rundfunkempfänger (am Zentralnetz angeschlossene Lautsprecher gab es nur in den Städten), es gab keine Busverbindung zwischen den Dörfern und den Kantonzentren, gar nicht zu sprechen von einer Verbindung mit der Republikhauptstadt Engels oder anderen größeren Städten. In den städtischen deutschen Schulen wurde Russisch von der 2.Klasse an als Fach unterrichtet, am Ende der 7.Klasse lehrte man die russische Grammatik schon nach dem Programm der russischen Schulen. Nur in der russischen Literatur blieben die deutschen Schüler hinter den russischen zurück. Trotzdem waren die Russischkenntnisse, wie gesagt, gering. Ich erinnere mich noch ganz gut an einen kuriosen Fall. Wir hatten als Hausaufgabe eine Übung in Russisch schriftlich zu machen. Man mußte in kleinen Sätzen die Benennung eines abgemalten Gegenstandes einsetzen. Ich lief damals bei großer Kälte die ganze Nachbarschaft ab, und keiner konnte mir sagen, wie „Hobel“ auf Russisch heißt (Wörterbücher gab es damals nicht).

       Die Fenster der Häuser wurden verdunkelt. Auf den Straßen konnte man Plakate sehen: „Unsere Sache ist gerecht!“ „Der Feind wird geschlagen!“ „Der Sieg wird unser sein!“ Diese kurzen lakonischen Losungen wirkten auf uns Kinder irgendwie beruhigend. Waren wir doch durch und durch gespickt mit hurrapatriotischen Liedern, Reden, Losungen und Filmen.

       Dann hörte man immer beharrlichere Gerüchte, daß die Deutschen ausgesiedelt werden sollten. In der Stadt wimmelte es von Truppen. In den Schulen wurden Hospitäler eingerichtet. Und schließlich, am Vorabend des neuen Schuljahres, stand in den Zeitungen der „Erlaß des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR über die Übersiedlung der Deutschen, die in den Wolgarayons wohnen“. Dort beschuldigte man die Deutschen an der Wolga der Kollaboration mit den deutschen Truppen.

       Viele unserer Leute wollten gar nicht glauben, daß man ein ganzes Volk aussiedeln kann, sie glaubten, es sei eine Falschmeldung. Man  meinte: Ist denn so etwas möglich, wo doch fast noch das ganze Getreide am Halm steht?! Doch leider hatte alles seine Richtigkeit und war todernst. Endgültig glaubte man es, als der Erlaß in den deutschen Zeitungen erschien und die Leute ihn selbst lesen konnten.

       Wie gesagt, man hatte die Wolgarepublik mit bewaffneten Truppen besetzt. Die Regierung hatte doch wohl Angst, es könnte zum Widerstand oder gar zu Revolten kommen. Immerhin war die Aktion gegen rund 400.000 Menschen in Angriff genommen. Doch die Leute begannen geduldig wie Schafe, sich auf die lange Reise vorzubereiten. Frau Amalie Rau, eine 70jährige Rentnerin aus Frunse, erzählte darüber folgendes:

       In jenem Sommer wurden alle Lehrer des Kantonzentrums Hussenbach, wo Frau Rau damals in der Schule als Lehrerin arbeitete, vorzeitig aus dem Urlaub abberufen und in den Dorfsowjet eingeladen. Fast zwei Wochen lang mußten sie dort sämtliche deutschen Einwohner des Dorfes in eine Kartei aufnehmen. Danach wurden sie auf die Felder geschickt, um bei der Ernte mitzuhelfen. In den letzten Augusttagen waren die Lehrer damit beschäftigt, sämtliches Inventar aus der Schule in die Kirche zu räumen, um dort Klassenzimmer einzurichten. Die Schule wurde als Hospital gebraucht.

       Der letzte Tag vor dem neuen Schuljahr war ein herrlicher Sonntag. Frau Rau und ihr Mann Konstantin wollten am Nachmittag mit ihren Mädchen, zwei Vorschulkindern, ins Kino gehen. Plötzlich wurde Herr Rau ins Parteikomitee gerufen, das sich nicht weit von ihrer Wohnung befand. So kamen sie damals auch nicht ins Kino. Es wurde Abend, dann kam die Nacht - Herr Rau kehrte nicht nach Hause zurück. Die verschiedensten Gedanken bemächtigten sich der 33jährigen Frau. 1937 wurde ihr Schwager, der Bruder von Herrn Rau, verhaftet und zum Volksfeind erklärt. Seitdem war er für immer verschollen. Man konnte ja nicht wissen, vielleicht war auch ihr Mann verhaftet. In jener Zeit konnte man alles erwarten. Natürlich machte sie die ganze Nacht kein Auge zu, beruhigte die Kinder und weinte selbst.

       Am Morgen ging sie zuerst ins Parteikomitee. Dort beruhigte man sie und sagte, ihr Mann sei in der Redaktion. (Konstantin Davidowitsch Rau, Mitglied der Partei seit 1930, ein aktiver Organisator der Kolchose, ehemaliger Lehrer und Schuldirektor, dann Sekretär des Rayonparteikomitees, arbeitete in dieser Zeit als Redakteur der Rayonzeitung „Rote Fahne“.) Frau Rau lief in die Redaktion. Das Gebäude war von Rotarmisten abgesperrt, und man ließ sie nicht hinein. Es war schon Zeit, in die Schule zu gehen. Sie ging dorthin, begann den Unterricht, aber die Tränen rollten nur so aus ihren Augen. Sie bemühte sich, so zu stehen, daß die Kinder nicht sahen, wie sie weinte. Doch die konnte sie nicht täuschen, sie bemerkten alles und verhielten sich mäuschenstill. Nach einigen Minuten öffnete sich die Tür, und herein trat ihre Nachbarin, die zwei Mädchen der Lehrerin vor sich her schiebend. Die Nachbarin, eine Russin, beaufsichtigte die Kinder, wenn Frau Rau in der Schule war. Sie sagte laut in russischer Sprache: „Was machst du denn hier, Maljuscha, weißt du denn nicht, daß ihr ausgesiedelt werdet? Geh schnell nach Hause und packe ein!“ Doch Frau Rau, die vor Gram ganz von Sinnen war, schubste die Frau und die Kinder in den Korridor und sagte nur: „Wie kann man denn so während der Stunde in die Klasse stürzen?“

       Doch nach 5 Minuten kam der Sekretär des Rayonkomsomolkomitees herein und stand wie versteinert vor der Tür. Er lispelte nur „Maljuscha, man siedelt uns aus, hörst du? Man siedelt uns aus! Lasse die Kinder los und gehe schnell nach Hause!“ Erst jetzt verstand die Lehrerin die ganze Tragödie, die auf sie hereingebrochen war. Sie sagte leise: „Kinder, geht nach Hause“, und lief wieder in die Redaktion. Diesmal ließ man sie durch. Im Kabinett ihres Mannes sah sie einen fremden Mann in Milizuniform, ihr Mann stand an einer großen Landkarte der Sowjetunion. Er drehte sich um zu seiner Frau und sagte dieselben Worte wie der Sekretär vorhin „Maljuscha, man siedelt uns aus.“ Dann drehte er sich wieder zur Karte, damit sie seine Tränen nicht sehen sollte. Doch sie bemerkte, wie seine Schultern zuckten, und begann selbst wieder zu weinen. Der Milizionär gab ihr ein Glas mit Wasser und versuchte, sie zu beruhigen. Ihr Mann zeigte mit dem Finger auf die Karte und sagte, nach dem er sich etwas beruhigt hatte: „Hierher, Maljuscha, wird man uns aussiedeln. Geh nach Hause und packe die Sachen ein. Wir müssen mit dem Genossen den Erlaß deutsch abdrucken, dann komme ich auch. „Ja, ja“, sagte der Milizionär, „er wird bald kommen.“ Sie ging weg.

       Zu Hause konnte sie gar nicht zu sich kommen. Koffer und Truhen hatten sie nicht. Die Nachbarn gaben ihr eine Furnierkiste, und sie begann, Bücher hineinzupacken. Bei dieser Beschäftigung traf sie auch ihr Mann an, als er gegen Abend mit dem Milizionär nach Hause kam. Er warf die Bücher aus der Kiste und begann Kindersachen und anderes einzupacken. Der Milizionär sagte: „Nehmt auch das Fahrrad mit, das gibt für Eure Kinder ein Stück Brot.“ Wie dankbar war Frau Rau später dem Manne für diesen Rat.

       ... Wir wurden aus Marxstadt auch so in den ersten Tagen im September ausgesiedelt. Ein paar Tage zuvor gingen Russenleute durch die Häuser der Deutschen und registrierten alles: Bestand der Familie, Häuser und Kühe. Wir besaßen kein eigenes Haus, wohnten in einer Kommunalwohnung (die Kuh lieferten wir ab; später, in Sibirien, hatten wir unter wenigen das Glück und erhielten dafür eine Kuh aus dem Kolchos). Der Vater arbeitete im Betrieb fast bis zum letzten Tag. Dann lief er zwei Tage dorthin, um den ihm noch zustehenden Lohn zu erhalten, doch vergebens. Wo sollten auch die Betriebe und örtlichen Banken das viele Geld auf einmal hernehmen? Die Zentralbehörden kümmerten sich nicht darum.

       Am Nachmittag des 6. September kamen Militärs und kündigten an, daß in zwei Stunden die Wagen kämen, wir sollten uns bereithalten. Doch sie waren kaum weg, als die Fuhren schon vor dem Haus hielten. Unsere Familie hätte nach den von oben bestimmten Normen für 7 Personen (die Eltern und 5 Kinder) zwei Fuhren bekommen sollen - eine zweispännige und eine einspännige. Doch es gab nur eine zweispännige. Es mußte alles schnell umgepackt und einige Kisten und Bündel zurückgelassen werden.

       In der Stadt herrschte ein unbeschreibliches Chaos - auf den Straßen liefen Schweine, Schafe, Ziegen und schrien, Hühner gackerten, die Hunde heulten (sie spürten am stärksten, daß etwas Ungewöhnliches in der Luft lag). Schüler russischer Nationalität aus den Berufsschulen liefen auf den Straßen und Höfen herum und versuchten, die Tiere einzufangen.

       Einige unserer Nachbarn, Vaters Arbeitskollegen, luden ihre Sachen nicht auf die Wagen, sie weigerten sich, ohne Geld wegzufahren. Sie fuhren zwei Tage später weg, nachdem sie in den Betrieben vollständig ausbezahlt worden waren. Unser Vater hatte zu große Angst, sich den Behörden zu widersetzen. Er war froh, daß er seine Kinder alle zusammenhalten konnte und in dem Durcheinander nicht verlor und daß er bei seiner Familie bleiben konnte (Angst vor Verhaftung). So fuhren wir los mit 5 kg Zwieback an Bord (den die Mutter noch trocknen konnte), einem Eimer gebratenem Fleisch und 13 Rubel Geld. Unterwegs sahen wir Kinder dann mit Neid auf die anderen, die Geld hatten und Lebensmittel kaufen konnten.

       Wir hielten immer zusammen mit den Nachbarn, die an diesem Tag wegfuhren. Unsere Verwandten lebten im Dorf. Später erfuhren wir, daß die Kraftfahrer des Rayons als letzte abtransportiert wurden, nachdem sie sämtliches Getreide aus den leeren Kolchosen an den Staat abgeliefert hatten.

       Wir fuhren langsam im Schritt durch die ganze Stadt. Es war ein schauriges Bild, das an die Aussiedlung der Kulaken (Großbauern) Ende der 20er und Anfang der 30er erinnerte, nur um das Hundertfache vergrößert. Der Treck zog sich Dutzende Kilometer dahin, begleitet von den Hunden der Einwohner. Auf den Straßen standen Menschen, russische Nachbarn, Kollegen. Viele weinten, andere winkten mit Tüchern, liefen zu den Wagen, um sich zu verabschieden.

       Wir fuhren nach Engels, zur Eisenbahn. Fuhren sehr langsam, mußten oft und manchmal sehr lange wegen irgendeiner Panne halten. So fuhren wir die ganze Nacht. Wir fuhren durch leere Dörfer, wenn da Deutsche gewohnt hatten, durch schlafende Dörfer, wenn da Russen wohnten. Doch wenn der Treck ankam, erwachten die Leute, liefen auf die Straße, um sich den seltsamen Zug anzusehen. Viele kamen zu den Fuhren und übergaben den Frauen und nicht schlafenden Kindern Milch, Tomaten, Äpfel und anderes. Wußten sie doch zu gut, daß den Leuten ein langer und schwieriger Weg bevorsteht.

       Zur Eisenbahn kamen wir schon am anderen Morgen. Das Gepäck wurde abgeladen, in langen Reihen die Eisenbahn entlang. Die Fuhrleute verabschiedeten sich und fuhren zurück, nach Hause. Vielleicht mußten sie dann denselben Weg noch öfter machen. Manche von den Fuhrleuten waren Deutsche, die aus anderen Dörfern mobilisiert waren, an sie kam die Reihe später. Sie sahen sich das Bild an und sagten traurig: „Wer weiß, wie wir weggeschafft werden.“ Und sie hatten recht. Uns erging es noch verhältnismäßig gut. Wir waren bei den ersten, die zwar überstürzt abtransportiert wurden, aber unter besseren Verhältnissen als die späteren, kamen auch gewöhnlich an bessere Orte der Aussiedlung.

       Wir warteten auf den Zug. Wieder kamen Militärs, machten Listen, erteilten irgendwelche Befehle. Es begann zu regnen. Die Fuhren mit den Aussiedlern kamen noch viele Stunden lang herangefahren, das Gepäck wurde jetzt direkt auf die nasse Erde gestapelt, manchmal sogar in Pfützen, denn jeder Familie wurde ein genauer Platz angewiesen. Am Nachmittag hörte der Regen auf, es zeigte sich die Sonne. Doch zum Trocknen der Sachen war keine Zeit mehr - der Zug kam. Es waren Güterwagen. Manche waren mehr oder weniger sauber, manche aber sehr schmutzig. Zum Saubermachen war keine Zeit, und die Leute mußten sich mit ihren Sachen auch so darin einrichten. Die Aussiedler wurden auf die Wagen verteilt. In jeden zweiachsigen Wagen kamen 40-45 Mann. Große Truhen und Bündel wurden von den Männern zum Kopfe des Zuges geschleppt, wo sie in große vierachsige Gepäckwagen verstaut wurden. Natürlich gab es wieder viel Lärm, Tränen, Durcheinander. Oft mußte wieder umgepackt werden, um die notwendigen Gegenstände mit sich auf den Weg zu nehmen. Endlich waren Menschen und Gepäck verfrachtet. In unserem Waggon waren 42 Mann: auf der einen Seite des Waggons  wir drei Familien zu je 7 Personen, auf der anderen Seite   mehrere Familien, insgesamt 19 Personen. In der Mitte des Waggons lagerte ein älteres Ehepaar direkt auf seinem Gepäck, sie wollten nicht auf die Pritschen klettern, die in zwei Etagen zu beiden Seiten des Waggons angebracht waren. Dieser Waggon wurde für 17 Tage unser Wohnort.

       Wir fuhren, wenn auch langsam, immer weiter nach Osten. Anfänglich war für uns Kinder diese Reise sehr interessant. Wir wußten ungefähr, daß man uns nach Kasachstan oder Sibirien fuhr. Wir erinnerten uns an die Bilder im Lehrbuch für Geographie, an Kinofilme, und das alles kam uns sehr exotisch vor. Für uns war interessant, jetzt das zu sehen zu bekommen, was früher nur in unserer Phantasie lebte.

       In jedem Waggon wurde ein Ältester gewählt, der zusammen mit anderen Männern nach warmem Mittagessen und Brot ging, die uns an manchen Eisenbahnstationen zugeteilt wurden. Dann wurde dieses unter den Familien nach Personenzahl verteilt. Es kam vor, daß unsere Suppenträger vom Zug zurückblieben. Dann mußten sie ihn auf anderen Zügen einholen, was im allgemeinen nicht besonders schwierig war, da unser Zug fast an allen Stationen stundenlang hielt, denn er mußte alle übrigen Züge vorbeilassen. Doch es kamen Fälle vor, wo Familienmitglieder einander für lange verloren. Manche kamen auch beim Durchkriechen unter Waggons unter die Räder eines anfahrenden Zuges.

       Nachts reichten im Waggon die Schlafplätze nicht für alle aus. Da saßen wir drei Halbwüchsige in der Tür des Waggons mit baumelnden Beinen und erzählten einander Märchen und verschiedene Geschichten. Um 2-3 Uhr nachts wurden wir dann von Erwachsenen abgelöst.

       Der Zug, besser gesagt die Insassen, wurden natürlich von Militärs bewacht, die in zwei Wagen am Anfang und am Ende des Zuges untergebracht waren. Manchmal mußten unsere Wagenältesten zum Begleitstab kommen, um irgendwelche Befehle entgegenzunehmen. Dies wurde dann von Waggon zu Waggon durchgeschrien.

       Am 18. September kam unser Zug auf der Station Rubzowka (Altai-Region) an. Es war ein kühler Herbstmorgen. Wir luden unser Hab und Gut aus dem Waggon und freuten uns, daß unser Leben unter dem Klopfen der Räder endlich vorbei war. Aber die Ungewißheit über unser weiteres Schicksal wirkte sehr beunruhigend. Die schlechten Russischkenntnisse (manche verstanden überhaupt kein Wort Russisch) machten die Lage noch schwieriger.

       Am Abend desselben Tages kamen Pferdefuhren aus den verschiedensten nahe und weit gelegenen Kolchosen. Wir wurden nach einem uns unbekannten Prinzip auf verschiedene Rayons verteilt, so daß  verwandte oder befreundete Familien, die bis jetzt zusammengehalten hatten, getrennt wurden. Diejenigen, die Russisch beherrschten, brachten es manchmal fertig, zusammenzubleiben, aber die meisten wurden auseinandergerissen. Ich glaube nicht, daß das von den örtlichen Behörden absichtlich getan wurde. Absicht war es von oben gewesen, die Deutschen so auf die weiten Regionen zu zerstreuen, daß sie nicht aufmucken konnten und zwangsläufig unter der anderen Bevölkerung assimiliert wurden. Wir kamen in das Rayonzentrum Nowo-Jegorjewka, 40 km von Rubzowka. Es war 2 Uhr nachts, als wir vor dem Dorfsowjet ankamen, wo wir wieder lange warten mußten. Dann brachte man uns und noch etliche Familien in den Kirow-Kolchos, der am Ende des großen Dorfes, weit vom Zentrum entfernt, gelegen war. Wir wußten eigentlich gar nicht, wo wir uns befanden, wir wollten nur eines - schlafen. Über Nacht brachte man uns im leerstehenden Kolchoskontor unter. Die Ernte war in vollem Gange und die Kolchosverwaltung war in die Brigade (Feldstandorte) gezogen, 25 km vom Dorf, deshalb stand das Kontor leer. Wir waren drei Familien und drei alleinstehende Frauen in diesem Kolchos. Am Morgen machten sich alle Männer, außer unserem Vater, auf zur „Lageerforschung“. Am Abend desselben Tages fuhren die anderen Familien weiter, sie hatten für sich etwas Passenderes als den Kolchos gefunden. Sie, ständige Stadtbewohner, konnten sich ein Leben im Kolchos nicht vorstellen. Einer, Buchhalter von Beruf, fand Arbeit in einer Rayonorganisation, der andere zog in ein anderes Dorf desselben Rayons und wurde Mechaniker in einem Sägewerk (später erfuhren wir, daß wir in den Grenzen eines Rayons anfänglich noch etwas Bewegungsfreiheit hatten). Mein Vater, ein ehemaliger Bauer, und die drei alleinstehenden Frauen fuhren schon am Morgen des ersten Tages in die Brigade und begannen dort auf dem Feld zu arbeiten. Dort waren Arbeitskräfte sehr nötig.

       In dem Kontorgebäude lebte jetzt nur noch unsere Familie: die Mutter und wir fünf Kinder. Später siedelten wir in ein leerstehendes Häuschen über. Wir Kinder, ich war der Älteste, 13 Jahre alt, halfen im Dorf den alten Frauen und Soldatenwitwen die ungeheuer großen Gärten abräumen. Dafür bekamen wir Kartoffeln, Rüben, Kürbisse, Kohl und anderes Gemüse, so daß wir für die erste Zeit genug zu essen hatten. Brot erhielten wir aus dem Kolchos, anfangs gebackenes, dann Mehl (später bekamen wir auch eine Kuh). Doch die Familie war groß, und wir begannen so nach und nach unsere mitgebrachten Kleidungsstücke und andere Sachen gegen Lebensmittel umzutauschen. An eine Schule war vorerst gar nicht zu denken. Ich verstand zwar ein paar Brocken Russisch, aber ich mußte arbeiten. Die beiden jüngeren schulpflichtigen Geschwister verstanden überhaupt nichts. So blieb der Bruder (Jahrgang 1933) auch für sein ganzes Leben lese- und schreibeunkundig. Solche gibt es unter den Rußlanddeutschen heute noch viele.

       Anfangs verhielt sich die örtliche russische Bevölkerung ganz friedfertig zu den Aussiedlern, sogar mitleidig. Es wurden Arbeitskräfte gebraucht (die Männer waren alle an der Front), und die Deutschen waren geradezu willkommen mit ihrer Arbeitslust und kindlichem Gehorsam. Man mußte ja manchmal dumme Fragen einstecken z.B. wie unsere Meinung wäre, wer siegen wird - die Sowjetunion oder „unser Hitler“; ob wir wohl „Nemzy“ (Deutsche) oder „Nenzy“ (ein Volk im Norden der Sowjetunion, am Eismeer) seien. Manche hatten bis dahin ernsthaft geglaubt, dass die Deutschen Hörner an den Köpfen hätten. In den Kinos lief damals der Film „Alexander Newskij“. Das war ein mittelalterlicher Nowgoroder Fürst, der im Jahre 1242 den Deutschen Ritterorden auf dem Peipussee besiegt hatte. Die Ritter hatten da oftmals Hörner an ihren Helmen. Dieser Umstand und die bösartige Propaganda der Politkommissare gegen alles Deutsche hatten unter der Bevölkerung ihr Ziel erreicht, hatten den Haß auch gegen die eigenen Deutschen auf die Spitze getrieben.

       Schlimmer wurde es, als die Totenbriefe von der Front begannen, dutzendweise in die Häuser der russischen Bevölkerung zu flattern. Das Wehklagen erschütterte dann die Luft. Die Frauen und Kinder rauften sich die Haare aus, beschütteten ihre Köpfe mit Asche.

       Wir Deutschen getrauten uns an solchen Tagen nicht auf die Straße. Schimpfworte wie: „Faschisten“, „Hitleristen“, „Fritzen“ - das war das Geringste, was wir über uns ergehen lassen mußten. Wenn man das von einer vor Gram wild gewordenen Witwe hören mußte, oder von Kindern, die es von Älteren lernten - das konnte man ja noch verstehen. Aber wenn man von der Kolchos- oder Dorfobrigkeit, den Vertretern der Sowjetmacht, so beschimpft wurde, da ließen auch die Geduldigsten und Verständnisvollsten die Arme sinken. Oft kam es zu Raufereien (wegen einer solchen Beschimpfung), schuld waren natürlich wieder die „Nemzy“.

       Der Vater arbeitete bis zum späten  Herbst 1941 in der Brigade.  Als das Getreide alles gedroschen war, gab man ihm zwei Pferde und zwei einspännige Schlitten und er wurde Fuhrmann wie noch einige Männer, die noch im Kolchos waren.  Die Pferde waren Nachts über im Kolchosstall, das Pferdegeschirr und die Schlitten standen bei uns zu Hause.  Wir wohnten, als die Kolchosverwaltung wieder ins Dorf zog und das Kontor gebraucht wurde, in einem leerstehenden Häuschen direkt neben dem Kolchosvorsitzenden Stepan Nasarowitsch Sjukin, ein Ukrainer.  Er war ein dicker kleiner, schon ältlicher Mann,  der seines Alters wegen doch wohl auch nicht an die Front genommen wurde. 

       Im Dezember 1941 wurde der Vater mit noch einem Russen mit ihren Fuhren in die 150 km entfernte Stadt Smejinogorsk geschickt. Sie mußten für die Dorfkonsumgenossenschaft für das neue Jahr Wodka und Wein holen.  Es war eine sehr kalte und schneestürmische  Zeit, so das der Vater in seiner dünnen, für den sibirischen Winter nicht geeignete Kleidung beinahe erfroren wäre.  Die anderen Fuhrleute, die hiesigen Sibirier, hatten alle warme Schafpelze an.  Die Fuhren waren zwei Wochen unterwegs und übernachteten meist in Dörfern bei den Einwohnern.  Als sie kurz vor Weihnachten mit den Getränken zurückkamen und sie in der Konsumgenossenschaft abliefern mußten, stellte es sich heraus, daß bei meinem Vater und seinem Partner eine ganze Menge Getränke fehlte.  Abgeliefert wurde pauschal, so daß beide verantworten  und eine beträchtliche Summe zahlen mußten.  Alle verstanden, daß der Russe unseren Vater reingelegt hatte, er hatte unterwegs  Schnaps verkauft, hatte für die Übernachtungen mit Schnaps bezahlt und war auch die meiste Zeit selbst stets betrunken.  Da er sich Geld in die Tasche gemacht hatte, konnte er jetzt gut seinen Anteil bezahlen, der Vater aber mußte seinen Mantel verkaufen, um das Geld aufzubringen.  Alle bemitleideten den Vater und sprachen die Vermutung aus, daß der Partner unseren Vater reingelegt hatte, denn er galt im ganzen Dorf als Gauner und Dieb. Und gerade den hatte man nach Schnaps geschickt.  Da hatte man richtig den Bock zum Gärtner gemacht. Aber der Vater konnte nichts beweisen. Dieser Vorfall brachte ihn bis zur Verzweiflung, er wurde sogar krank.

       Anfang 1942 wurden sämtliche deutsche Männer, auch die Frauen ohne Brustkinder  zur Arbeitsarmee eingezogen. Die andere deutsche Bevölkerung kam unter Aufsicht der Sonderkommandantur. Alle über 16 Jahre mußten sich zweimal monatlich melden. Es wurde immer strenger. Die Deutschen mußten stets die Arbeit verrichten, vor der sich die Einheimischen scheuten. Die Deutschen konnten sich nicht dagegen sträuben

-                 es wurde sofort mit der Kommandantur gedroht. Man durfte nicht mal ins Nachbardorf gehen und einen Verwandten oder Freund besuchen, auch wenn es nur 2 km vom eigenen Dorf entfernt war, sich aber in einem anderen Rayon befand. Vor den Städten waren Sperren eingerichtet, damit die Deutschen nicht dorthin konnten. Man konnte nicht mal zum Markt gehen. Das verschlechterte noch die ohnehin schwere Lage der Deutschen. Wenn es trotzdem jemand wagte, die Grenze des Rayons zu überschreiten, und dabei geschnappt wurde, wurde er sofort verhaftet und unter Bewachung zu „seinem“ Kommandanten gebracht. Die Strafe hing dann vom Charakter und der Stimmung des „Vaters“ ab. Es konnten im Winter einige Nächte kalten Karzers, Arrest in der Gefängniszelle, Zwangsarbeit unter Bewachung, Peitschenhiebe oder auch eine einfache Standpauke sein.

-       Vater kam im März 1942 in die Arbeitsarmee. Ich kam im Dezember 1942, 14jährig, in eine Kohlengrube im Gebiet Kemerowo. Die Mutter blieb krank mit den vier jüngeren Kindern (dabei unser 8monatiges, jüngstes Schwesterchen) im Kolchos zurück.

-       Doch das ist ein weiteres Kapitel.






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