Marxstadt


       Also, wir lebten von Dezember 1934 bis September 1941 in Marxstadt. Das war unser Kantonzentrum. Es war eine der größten deutschen Städte in der damaligen Wolgadeutschen Republik und hatte vielleicht bis 15 000 Einwohner. Hier lebten fast ausschließlich Deutsche, dazu etwa 500 Russen. Aber das ist meine Schätzung, genau weiß ich es nicht. Die Stadt liegt am linken Wolgaufer, auf der sogenannten Wiesenseite. Vor dem Krieg befand sich das eigentliche Flußbett der Wolga 2 km von der Stadt entfernt. Direkt im Wasser gab es eine kleine Anlegestelle für die Schiffe, die von Astrachan bis Samara (damals: Kujbyschew) und auch noch weiter stromaufwärts verkehrten und bei uns anlegten. Die Fläche vom Wolgabett bis zur Stadt wurde im Frühjahr vom Hochwasser überschwemmt. Das war sandiger Boden, mit Wiesen und Rotweidenbüschen bedeckt. Wir Jungen gingen oft zur Sommerzeit an die Wolga baden. Das Wasser war über 100 m weit flach, der Grund und der Strand waren sandig, für Kinder wie zum Baden geschaffen. Dort lernte ich auch etwas schwimmen. Aber das war ein weiter Weg: durch die ganze Stadt (wir wohnten in der zweitletzten Straße, ganz am Rande der Steppe) und auch noch mal ca. 2 km durch den Sand. Es gab in Marxstadt weder öffentlichen Verkehr noch asphaltierte Straßen und auch wenig Autos. Aber die machten einen größeren Lärm als die Autos in einer heutigen Großstadt. Alles, was heute mit dem Blinker und mit der Ampel angezeigt wird, wurde damals mit der Hupe erreicht: beim Überqueren einer Kreuzung wurde gehupt, beim Wenden links oder rechts wurde gehupt, beim Überholen genauso, auch die Fußgänger wurden durch Hupen gewarnt.

       Heutzutage, nachdem an der Wolga mehrere Staudämme gebaut worden sind mit Wasserkraftwerken, sieht die Wolga ganz anders aus. Das Wolgawasser reicht bis zur Stadt. Auch die Anlegestelle liegt nahe an der Stadt. Inmitten der Wasserflächen ragen bewaldete Inseln heraus. Aber man kann die steile Bergseite am gegenüberliegenden Ufer gut sehen, obwohl die Breite des Flusses hier heute ca. 5 km beträgt.

       Wenn im Frühjahr der Eisgang auf der Wolga begann, strömten Hunderte Schaulustige ans Ufer, die sich dieses wirklich einmalige Schauspiel nicht entgehen lassen wollten. Das Wasser aus den Nebenflüssen und Bächen floß in die Wolga, wenn das Eis auf dem Fluß noch eine geschlossene Decke bildete. Allmählich stieg das Wasser der Wolga und das Eis zerbrach in einzelne große und kleine Schollen, die immer schneller dahinglitten, einander überholten, sich mit lautem Getöse aufeinandertürmten und wieder zerbrachen. Dieses Krachen, Tosen und Knirschen war ohrenbetäubend. Man konnte es sogar draußen in der Steppe einige Kilometer von der Wolga entfernt hören. Bei diesem Eisgang kam es manchmal zu lustigen, aber auch tragischen Vorfällen. Die Wolga diente ja auch im Winter als eine der Hauptverkehrsstraßen für die Einwohner der anliegenden Ortschaften. Das glatte, hart gefrorene, fast einen halben Meter dicke Eis war die beste Verkehrsstraße in der ganzen Umgebung. Die Wege führten an der Wolga entlang und auch von einem Ufer zum anderen. Marxstadt gegenüber liegt das russische Dorf Beresniki. Von dort kamen die Hausfrauen jeden Morgen mit ihren Handschlitten, beladen mit Dickmilch in irdenen Töpfen, mit Butter, Eiern u.a. nach Marxstadt auf den Markt. Gegen Mittag kehrten sie nach Hause zurück. Das ging so vom frühen Winter, wenn das Eis noch ganz dünn war, bis zum Frühjahr, wenn man schon jeden Tag den Eisgang erwarten konnte. Eines Frühjahrsmorgens zog eine ganze Karawane der Beresniker Frauen mit ihren Schlitten von zu Hause ab. Aber als sie das Ufer bei Marxstadt erreicht hatten, hatte sich hier das Eis schon vom Ufer losgelöst. Zwischen dem Eis und dem Ufer waren schon 30-40 m Wasser. Außerdem war der Eisweg schon ebenso weit stromabwärts getrieben. Die Frauen kehrten unter dem Gejohle der Marxstädter Schaulustigen, unter lauten Ratschlägen schnell um und liefen, was ihre Kräfte hergaben die 3 km zurück nach Hause. In Beresniki wurden sie schon über 100 m unterhalb ihrer Abfahrtstelle von ihren Männern mit Booten empfangen, die sie von dem treibenden Eis befreiten. Es kamen aber auch viel tragischere Fälle vor, wo so mancher in der Wolga unter dem Eis seinen Tod fand.

       Ich habe schon erwähnt, daß das Leben in der Wolgarepublik Ende der 30er Jahre im Vergleich mit den Hungerjahren Anfang der 30er Jahre etwas besser war. Und trotzdem war es eine harte Zeit, wenn ich zurückdenke, wie sich der Vater als alleiniger Arbeiter anstrengen mußte, um seine siebenköpfige Familie durchzubringen. Er mußte im Werk seine Schicht abarbeiten, oft mit Überstunden. Er mußte sehen, wie er Futter für die Kuh und Heizmaterial für den Winter besorgen konnte. Unsere Kuh war nicht verwöhnt, sie mußte nicht nur Milch geben, sondern auch ihr ganzes Futter und das Brennholz für den Winter mit einem selbstgemachten Wägelchen herbeifahren. Eine Zeitlang hatte Vater auch Anteil an einem Boot, das er zusammen mit noch zwei Kollegen gekauft hatte. Damit brachten sie Heu und Brennholz von den Inseln unweit von Marxstadt. Aber vom Ufer mußte es dann die Kuh nach Hause ziehen.

       Manchmal ging der Vater mit dem Hebegarn fischen. Das waren zwei lange dünne Weiden, die in der Mitte kreuzweise verbunden und an einer Stange befestigt wurden. An den 4 Enden der Weiden wurde ein Fischernetz befestigt. Mit Hilfe der Stange wurde dann das Netz ins Wasser getaucht, soweit die Stange reichte, und von Zeit zu Zeit herausgehoben. Manchmal waren ein paar Fische darin. Ich ekelte mich, die glatten, schleimigen Fische in die Hand zu nehmen, auch den Fischgeruch konnte ich nicht ertragen. Aber der Prozeß des Fischens selbst gefiel mir, und ich ging immer gern mit fischen.

       Die Mutter brachte es fertig, manchmal ein paar Eier oder etwas Milch oder Butter zu ersparen und auf dem Markt zu verkaufen, wenn sie Geld für den Haushalt brauchte. Wolle für Strümpfe und Handschuhe lieferten unsere Schafe im Dorf bei Großmutter. Ein neues Kleidungsstück war in der Familie schon eine Großanschaffung und eine Seltenheit. So lebten wir bis zu dem verhängnisvollen Jahr 1941. (Siehe: Wie das geschah).






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