Meine Kindheit


       Ich war das erste Kind meiner Eltern und wurde am 22. Dezember 1927 geboren, um 10 Uhr abends, wie Mutter immer erzählte. Wir waren also schon 6 Menschen in dem kleinen Häuschen: meine Eltern und ich und meine Großmutter mit ihren zwei jüngeren Söhnen Peter und Adolf.  Das Häuschen bestand aus einer Stube, einer großen Küche und einem Flur. Der Fußboden war aus Lehm gestampft und wurde mit einer Lösung von Wasser mit Kuhmist überrieben.

       1929 begann im Dorf die Kollektivierung. Aus unserem Chutor wurde eine Familie „entkulakisiert“ (Kulak = Großbauer), das heißt,  diese mehr oder weniger wohlhabende Familie wurde enteignet und irgendwohin nach Sibirien oder in den hohen Norden verschickt. Das war die Familie Geiger.  Es muß doch wohl im Frühjahr 1930 gewesen sein. Ich kann mich noch so ganz schwach erinnern an das Chaos und das Weinen der Weiber im Dorf.

       Das Vieh der in den Kolchos (Kollektivwirtschaft) zusammengetriebenen Bauern, hauptsächlich die Pferde, wurde alles in Geigers Ställe und Viehhof getrieben. Einige Tage kümmerte sich niemand um das Vieh. Es stand ohne Futter, nicht getränkt und schrie herzzerreißend. Viele Bauern gingen hin und versorgten ihre Pferde, manche nahmen ihre wieder nach Hause in ihre Ställe. Dabei nahmen sie auch das Pferdegeschirr wieder mit nach Hause. Vater ging auch hin und brachte seine zwei Wallache, den Schwarzen und den Braunen, wie er sie nannte, nach Hause, samt ihren Kummeten. Nach zwei Tagen kam ein Vertreter der Sowjetmacht aus dem Kreis. Er rannte im Dorf herum und fuchtelte ununterbrochen mit dem Nagan (Pistole). Die Bauern brachten die Pferde samt Geschirr wieder zurück in den „Kolchoshof“, wie jetzt Geigers Hof genannt wurde. Vater brachte als einer  der ersten alles wieder zurück. Später, 1937, als im ganzen Land die Repressalien wüteten,  hatte er wegen dieser Episode immer ein schlechtes Gewissen und schreckliche Angst. Er hatte gehört, daß aus Boaro 150 Mann abgeholt werden sollten. Wir schliefen nachts nicht und warteten jeden Augenblick, daß die Miliz kommt und Vater verhaftet. Aber es ging alles glimpflich vorbei. (Vielleicht, weil wir zu dieser Zeit in der Stadt wohnten, wo uns weniger Leute kannten.)

       Weiter erinnere ich mich an die sogenannte „Prodraswjorstka“, das heißt die zwangsmäßige Wegnahme des Getreides von den Bauern. Zu uns kam die zuständige Kommission mehrere Male, es war aber nichts mehr zu holen. Da wurde Vater in den Dorfsowjet geholt, in die Verwaltung. Er kam nach einer halben Stunde mit noch drei Männern nach Hause zurück, nahm einen leeren Sack und ging in den Flur zum Mehlkasten. Die Mutter hatte die kleine Schwester Lea auf dem Arm, und ich hing an ihrem Rock. Sie wollte sich vor den Mehlkasten stellen und schrie fürchterlich. Wir, Kleinen, begannen auch zu schreien. Aber Vater drückte Mutter schweigend beiseite  und fegte mit dem Flederwisch (ein Stück Gänseflügel) das letzte Mehl aus den Ecken des Mehlkastens. Es ergab sich ungefähr ein halber Eimer. Vater schüttete es in den Sack und übergab es den Leuten. Sie standen stumm mit weit aufgerissenen Augen und Mündern da. Schließlich sagte einer von ihnen: „Na, so war das doch nicht gemeint, Alexander.“ – „Weiter kann ich Euch nicht helfen, Männer“, antwortete der Vater und die Tränen quollen ihm aus den Augen. Die Männer nahmen das Mehl mit und hießen Vater auch mitkommen. Im Kolchoskontor stellten sie die Sache dem Vorsitzenden vor. Der ordnete an, Vater mit einem halben Pud (8 Kilo) Roggenmehl zu prämieren „für gewissenhaftes Abliefern des letzten Getreides“.

       Es mußte doch wohl im Winter 1932 gewesen sein, als wieder einmal der große Hunger durchs Land fegte. Vater war mit einer Gruppe Dorfgenossen weggefahren, nach Kursk. Sie wollten dort etwas verdienen und hauptsächlich deshalb von zu Hause weg, um den Kindern und der Frau nicht das Letzte wegzuessen. Aber bei uns gab es sowieso nichts mehr zu essen. Mutter nahm uns Kinder, mich und meine Schwester Lea, und ging durchs Dorf, um für uns etwas Eßbares zu erbetteln. Da ist mir eine heikle Szene im Gedächtnis geblieben. (Daß diese Szene eine heikle war, das erfuhr ich erst später, als ich etwas älter war.) Wir kamen in ein Haus. Die Leute saßen gerade beim Mittagessen. Meine Mutter drehte sich schroff um und zog mich durch die Tür zurück. Ich konnte das nicht verstehen. Wo es doch hier was zu essen gab! Aber ein Mann sprang hinter dem Tisch hervor, rannte uns nach in den Flur und nahm Mutter die kleine Schwester weg, mit der anderen Hand zog er sie zurück ins Zimmer. Es wurde am Tisch Platz gemacht, und wir mußten uns hinsetzen und essen. Ich erinnere mich noch, daß das Brot schwarz war wie Erde, was für Suppe wir aßen, konnte ich auch nicht erkennen, aber es schmeckte alles vortrefflich, und wir aßen uns satt. Mutter flossen   ununterbrochen die Tränen.  Und der Mann putzte auch dauernd mit dem Ärmel die Augen. Alle anderen sahen schweigend zu, wie wir aßen. Als wir fertig waren, bedankte sich Mutter und brach erst richtig in Weinen und Schluchzen aus. Jetzt verließen wir langsam das Haus. Erst später erfuhr ich, daß das derselbe Mann war, den Vater vor Jahren mal vom Stallboden von seiner Frau verscheucht hatte, es war auch dieselbe Frau. Ich konnte mir später gut ausmalen, wenn ich die Geschichte hörte, was das für eine Demütigung für Mutter war. Aber sie tat es ihrer Kinder wegen.

       Nach einer oder zwei Wochen nach dieser Episode kamen Vater und seine Kameraden aus Kursk  heim. Ich weiß nicht, ob er etwas verdient hatte, doch wohl wenig. Einige Leckerbissen hatte er für uns jedenfalls mitgebracht.

       Weiter erinnere ich mich an folgende Episode. Es war wieder Winter. Unser Hof war mit Stangen und Stroh gedeckt. Im Hof überwinterten 75 Kolchosschafe. Die Schafherde des Kolchos zählte ca. 250 Schafe. Es gab aber auch für diese relativ kleine Herde keine Unterkunft im Kolchosgehöft. Aber man fand eine Lösung: die Herde wurde in drei  Teile geteilt und den Kolchosmitgliedern, die einen passenden Hof hatten, zum Überwintern zugeteilt. So kam eine Herde zu uns. In dem mit Stroh gedeckten Hof, wo auf dieser Decke auch noch Heu zum Füttern geschichtet war, war es gemütlich und warm. Ringsum waren ja Gebäude, nur zur Straße waren das Hoftor und ein Stück Bretterwand, die ebenfalls durch Stroh abgedichtet war. Im Frühjahr kamen die jungen Lämmer, sowie auch das Kalb von unserer Kuh ins Wohnhaus, in Küche und Stube. Da es vor Gestank nicht mehr auszuhalten war, machte der Vater in der Wohnzimmerdecke, die ja auch gleichzeitig als Dach diente, ein ca. 8 cm breites Loch, darin wurde eine Wagenradbuchse angebracht. Wenn das Zimmer am Morgen zur Genüge gelüftet war, wurde das Luftloch mit einem Lappen verstopft.

       Eines Morgens, es war schon gegen Frühjahr,  geschah im Dorf ein Brand. Es stellte sich heraus, daß die Schule, das ehemalige Haus der Familie Geiger, sehr vom Feuer beschädigt worden war. Das Haus bestand aus zwei großen Zimmern, einer Küche und einer großen Diele in der Mitte. Das eine Zimmer diente als Klassenzimmer. Hier wurden tagsüber die Kinder unterrichtet. Im anderen Zimmer war die Wohnung meines Onkels Peter und seiner Familie: Frau und zwei kleine Kinder. Die Tante mußte  das Haus aufräumen, heizen und hatte die Familie zu versorgen. Bei ihnen wohnte auch der einzige, alleinstehende Lehrer. Außerdem hatten sie noch einen 12jährigen  Russenjungen in ihre Familie aufgenommen. Das war ein Waisenkind. Seine Eltern waren während der Hungersnot von 1933 verhungert. Der Junge bettelte durch die Gegend. Eines Morgens, im Spätherbst 1933, fand ihn Onkel Peter halb erfroren in einem Strohschober, wo er übernachtet hatte.  So nahmen ihn mein Onkel und meine Tante auf als Familienmitglied, wenn er sich einleben würde.  Er half der Tante im Haushalt und auch auf dem Hof.  Diese sechsköpfige Familie blieb jetzt durch den Brand ohne Obdach. Es blieb nur ein Ausweg: sie mußten zu uns in unser ohnehin schon vollgepfropftes Häuschen ziehen. Unsere Familie bestand selbst aus: Vater und Mutter, drei Kindern, Großmutter mit meinem jüngsten Onkel Adolf. Außerdem hatte Vater auch einen schon 18jährigen deutschen Waisenjungen zeitweise beherbergt, der natürlich auch in der Wirtschaft mithelfen sollte.  Es war abgemacht, daß er nur bis zum Frühjahr bleiben würde, bis es wärmer wäre. Man kann sich leicht denken, was in dem kleinen Häuschen los war, wo eigentlich drei selbständige Familien mit insgesamt 14 Menschen lebten, noch plus die Lämmer und das Kalb.  Wenn es auch nur für 3-4 Monate war.

       Aber für mich war jener Winter  besonders interessant, weil Lehrer Henscher, wie er genannt wurde, einen Haufen Bücher mitgebracht hatte, in denen ich nach Belieben blättern durfte. Ich war ja auch schon ganze 5 Jahre alt. Diese Bücher und die Erzählungen des Lehrers weckten in mir doch wohl den späteren Drang zum Lesen und Lernen.

       Als es draußen wärmer wurde, verzogen sich die Einwohner unseres Hauses so nach und nach.  Zuerst ging der deutsche Junge weg, der in unserer Familie lebte.  Er wurde immer frecher und fauler, je mehr er sich satt gegessen und  etwas erholt hatte.  Einige Male wurde er des Diebstahls überführt. Da nahm sich mein Vater  endlich ein Herz und erklärte ihm, daß er jetzt gehen müsse.  Als er weg war, vermißte Lehrer Henscher  seine Schuhe.  Schließlich fand man sie im Hof neben der Haustür unterm Strohdach.

       Dann zogen mein  Onkel Peter mit seiner Familie und Lehrer Henscher wieder in die Schule, die im Laufe dieser Zeit  renoviert und wieder hergerichtet  worden war. Das Feuer war damals folgenderweise entstanden: Das ganze Haus wurde, wie auch alle anderen Häuser im Dörfchen, mit Mistholz und mit Stroh geheizt. Um im Winter nicht so früh am Morgen  auf den Hof nach Stroh gehen zu müssen, hatte man am Vorabend die Diele  voller Stroh gestopft, das am Morgen dann handbereit  im Ofen verheizt werden konnte. Dieses Stroh hatte  in der Nacht vom Kamin Feuer gefangen.

       Als letzte zogen dann die Großmutter  und Onkel Adolf aus, für sie hatte man am Dorfende ein kleines Häuschen gekauft.

       Ich erinnere mich noch an eine Episode aus jenem Frühling, die meinen  „Gerechtigkeitssinn“ beweist. Ich weiß nicht mehr, warum unsere drei Familien in jenem Frühling unseren Hausgarten gemeinsam nutzten. Der Garten wurde gepflügt und in drei Teile aufgeteilt. Ob diese Teile gleich groß  oder nach Seelen aufgeteilt waren, das weiß ich auch nicht mehr. Ich weiß nur, daß ich einmal den ganzen Garten inspizierte  und entdeckte, daß es in unserem Garten Pflanzen gab,  die  bei Großmutter und bei Tante Hermine  (Onkel Peters Frau)  nicht vorhanden waren.  Und umgekehrt – bei denen gab es solche, die ich bei uns nicht fand.  Ich machte mich kurzerhand daran, diese „Ungerechtigkeit“ gutzumachen. Ich riß einen Teil der Pflanzen bei uns heraus und setzte sie in die beiden anderen Gärten und  umgekehrt. Bei dieser revolutionären Tätigkeit wurde ich von Tante Hermine erwischt.  Sie schrie laut: „Schwägerin, Schwägerin, kommt doch mal her! Der hat ja die ganzen Tomaten und Bohnen herausgerissen!“ Meine Mutter versohlte mir regelrecht den Hintern für meinen Fleiß. Ich war sehr beleidigt ob solcher Ungerechtigkeit und Grausamkeit, lief zu meiner Schlafstätte hinter dem Ofen, schluchzte und dachte über die Unvollkommenheit dieser Welt nach.  Inzwischen rief man mich zum Mittagessen. Aus Protest weigerte ich mich kategorisch. Aber der Mehlbrei, mit gebräunter Butter geschmälzt, roch so verführerisch, daß ich meinen Protest schon aufgeben wollte und nur darauf wartete, daß ich noch einmal gerufen würde.  Aber niemand rief. Alle aßen zu Mittag ohne mich. Aus Bedauern zu mir selbst begann ich, von neuem zu heulen. Am Ende holte mich Großmutter aus der Ofenecke und führte mich in die Küche, wo ich um Verzeihung bitten mußte und es mir dann schmecken ließ.

        Mit meiner Ofenecke ist noch eine Erinnerung verbunden. Ich wachte nachts des öfteren auf und schrie, daß mich irgendetwas gebissen habe. Man machte Licht, konnte aber nichts Verdächtiges entdecken. Kaum war ich eingeschlafen, begann ich von neuem zu schreien. Man fand, daß ich am Körper viele rote Flecke hatte.  „Es ist das wilde Feuer“, meinte meine Mutter und rieb mir den Körper mit Roggenmehl ein. Aber das half wenig. Am Morgen, als es hell war, entdeckte man in meinem Bett, an den Wänden und überall unzählige Wanzen, es wimmelte nur alles so. Ich wurde sehr bedauert und meine Schlafstätte hinter dem Ofen wurde herausgerissen. Was man verbrennen  konnte, kam in den Ofen, alles Übrige wurde mit kochendem Wasser desinfiziert.

       An dieser Stelle möchte ich etwas über meine beiden Onkel berichten, „so lange ich noch bei ihnen in Rohrgraben lebe“.  Ich beginne mit meinem Lieblingsonkel Adolf, der so früh und so jung sein Leben in dem grausigen Krieg lassen mußte.  Er war mein Lieblingsonkel, doch wohl, weil er zu jener Zeit, als unsere Familie noch im Rohrgraben lebte, selbst noch sehr jung war und mir sehr viel Zeit widmete.

       Es war an einem Sommernachmittag (wahrscheinlich 1933, die Großmutter und Onkel Adolf wohnten nicht mehr bei uns).  Meine Mutter stand auf dem Hof über den Waschkübel gebeugt und wusch Wäsche.  Ihr Rock hatte sich fest über den Hintern gestrafft.  Ich und Onkel Adolf lagen etwas abseits im Gras.  Er hatte eine neue Peitsche mitgebracht, die er eben erst gebastelt hatte, und neckte mich damit.  Ich bat ihn, er solle mir die Peitsche schenken, mein Herz hing geradezu daran. Er machte bald Anstalten, als ob er sie mir tatsächlich schenken wolle,  dann wieder nahm er mir alle Hoffnung.  Er schaute meiner Mutter zu, wie sie so über dem Waschkübel gebeugt stand, und sagte plötzlich so ganz geheimnisvoll: „Weißt du was, wenn du deiner Mutter mit der Peitsche eine überziehst (herunterhaust), dann schenke ich dir die Peitsche wirklich.“  Seine Stimme klang so ernst dabei, daß ich ihm glaubte.  Ich verstand schon, daß das ein grober Schabernack war,  und zögerte etwas.  Doch wie gesagt, mein Herz hing so stark an dieser Peitsche, daß ich alle Bedenken und Ängste in den Wind schlug und einwilligte.  Er gab mir die Peitsche, ich schlich mich von hinten bis auf 3 Schritte an die Mutter heran und haute ihr mit aller Kraft eine über.  Sie schrie auf und sprang hoch.  Ich war aber schon bei Onkel Adolf, der nahm mich schnell bei der Hand und wir rannten los, was unsere Beine hergeben konnten,  den Weg hinunter zum Dorfteich.  Wir getrauten uns natürlich beide nicht nach Hause.  So verbrachten wir den ganzen Tag am Teich, bis es dunkel wurde.  Aber wir konnten doch hier nicht übernachten!  So schlichen wir beide mit einem großen Schuldgefühl nach Hause.  Der Onkel brachte mich bis zu unserem Haus und schubste mich in den Hof.  Selbst rannte er dann nach Hause (er wohnte mit der Großmutter am anderen Dorfende).  Die Peitsche nahm er vorsichtshalber mit nach Hause, damit ich jetzt keine Tracht Prügel damit bekäme.  Ich weiß nicht mehr, wie damals der Abend für mich ausging, aber die Peitsche erhielt ich, das weiß ich genau.  Ich hütete damit die Schafe und prahlte mit dem „Prunkstück“ nicht wenig vor den anderen Jungen.  Ob ich ihnen erzählte, wie ich diese Peitsche erworben hatte, das weiß ich auch nicht mehr.

       Ein anderes Mal stachelte er mich dazu an, unser Nachbarmädchen, die Hampeters Dorte (Dorothea), die zwei Jahre älter war als ich, zu verfolgen und zu verprügeln.  Da ich dieses langbeinige Geschöpf nicht  einholen konnte, nahm ich das erste Beste, was ich erwischen konnte und warf nach ihr.  Zum Unglück war es ein abgebrochener Flaschenhals.  Ich traf das Mädchen an der Ferse, und das spitze Flaschenstück bohrte sich ins Fleisch hinein, so daß es ziemlich blutete.  Die Dorte begann ein ungeheures Geschrei.  Wir beide suchten wieder Zuflucht am Damm, wo wir bis zur Dunkelheit blieben.  Wieder erhielt ich meine Tracht Prügel von der Mutter, Onkel Adolf jedoch kam ungeschoren davon, denn die Großmutter erfuhr über den Zwischenfall erst viel später, oder gar nichts.  Zudem war er ja auch schon 16 oder 17 Jahre alt damals.

       Meine Mutter war die älteste Schwägerin, war auch nach Jahren die Älteste.  Sie mochte den „Taugenichts“, wie sie den Onkel Adolf immer nannte, obwohl er ihr in seinen jungen Jahren so manchen Schabernack spielte.  In den ersten Tagen, als Mutter in die Herbers-Familie kam, versteckte sich der Onkel Adolf oft irgendwo, und wenn er Mutter sah, rief er sie aus seinem Versteck zu: „Joldmanns Rosale!“

       Ich bin nicht mehr sicher, aber mir scheint, daß er vor seiner Heirat mit Amalie   Schmidt schon einmal verheiratet war.  Ich kannte aber nur diese seine Frau.  Er hatte sie 1937 geheiratet und war die Tochter des lahmen Vetter Gustav Schmidts.  Am 1. August 1939 kam ihre Tochter Irma zur Welt.  Ein Jahr darauf, am 23. August 1940, wurde er in die Armee einberufen.  Wir erhielten einige Briefe von ihm:  aus Omega, aus Archangelsk und aus Wologda.  Von da ging er 1941 an die Front.  Von der Front erhielt unsere Familie noch zwei Briefe von ihm.  In dem einen schrieb er, daß er Fuhrmann ist und die Feldküche fährt.  Er habe ein Paar Pferde – wenn er zu Hause im Kolchos solche gehabt hätte, wäre er der glücklichste Mann gewesen.  (Natürlich wurden damals für die Front stets die besten Pferde in den Kolchosen ausgesucht.)  Im zweiten Brief schrieb er: „Wir sind wie die Wölfe – am Tage verstecken wir uns im Wald, nachts kriechen wir langsam und still vor an die Frontlinie, um die Soldaten zu füttern.  Es regnet Eisen und Feuer vom Himmel.“  Das war auch die letzte Nachricht von ihm.  Außerdem erhielten wir damals ein Foto von ihm, wo er, sein Landsmann Kappes vom Rohrgraben und noch ein anderer Soldat darauf waren.  Nach dem Krieg haben wir an mehrere Behörden geschrieben und erhielten immer dieselbe Antwort:  er ist nicht in den Listen der Gefallenen, nicht in den Vermisstenlisten und auch nicht unter den Gefangenen.  So daß wir von ihm auch weiter nichts mehr hörten.  Er kam doch wohl in solch einen Schlamassel, wo nur noch Eisen, Erde und Blut von den Soldaten übrigblieb. 

       Onkel Peter, der älteste von Vaters zwei Brüdern, geboren 1910, ist mir als ein mehr ernsthafter Mann im Gedächtnis geblieben.  Er war doch wohl in seiner Jugend Komsomolze, denn ich erinnere mich, daß er in den ersten Jahren  der Kolchoswirtschaft Brigadier einer Jugendbrigade war.  Er hatte das Schmiedehandwerk erlernt und heiratete 1930, das heißt mit 20 Jahren, die Hermine Schmidts (mehr als Hampeters bekannt), die damals 16 Jahre alt war (geboren 1914).  Ihre Familie wohnte direkt neben uns.  Daß das junge Ehepaar bei uns im Häuschen gewohnt hatte, daran kann ich mich nicht mehr erinnern.  Später wohnten sie in der Schule (in dem Geigershaus).  Dann kaufte Onkel Peter in einem Nachbardorf ein Holzhaus, baute es dort ab, fuhr das Holz nach Rohrgraben und baute es da wieder auf.  Es stand in der Zentralstraße, so ungefähr in der Dorfmitte. Das konnte er sich damals doch wohl nur leisten, weil er schon zum Wirtschaftsleiter des Kolchos emporgestiegen war (er hatte mehrere leitende Posten im Kolchos inne).  Kurz vor dem Krieg wurde Onkel Peter von der Kolchosverwaltung nach Engels geschickt, er sollte dort  zweijährige Kurse für Kolchosvorsitzende absolvieren.  Ich erinnere mich, wenn er aus Engels nach Hause zu seiner Familie fuhr, kehrte er stets bei uns in Marxstadt ein und übernachtete da.  Er liebte es, sich mit mir über meine Schulangelegenheiten zu unterhalten. Das schmeichelte mir, sowie auch meinem Vater, der immer von einer Gelehrtenkarriere seines Sohnes träumte.  Onkel Peter spornte mich stets zum Lernen an, er meinte ich wäre der erste in unserer Verwandtschaft, der gelernt habe und auch die Möglichkeit hätte, weiter zu studieren.  Der Krieg hatte auch diese Hoffnung vermasselt, sowie auch, daß er seine Vorsitzendenkursen hätte absolvieren können.

       Als wir 1941 ausgesiedelt wurden, kam Onkel Peter mit seiner Familie zusammen mit den Rohrgräbern nach Wojewodskoje, einem Dorf  unweit von Bijsk in der Altai-Region.  Von dort kam er in die Trudarmee.  Onkel Peter und Hermine-Tante hatten  4 Vorkriegskinder.  Als er aus der Trudarmee heimkehrte, bekamen sie noch 4 Kinder.  Soweit ich weiß, starb ihr erstes Kind als Kleinkind, ein Junge mit Namen Peter. 

       Nach dem Krieg arbeitete Onkel Peter im Kolchos als Schmied.  Jetzt wurde er auch im Altai ein unentbehrlicher Mann.  Mit der Zeit ging es ihm materiell gut.  Man hatte ihn sogar von der Kolchosverwaltung aus zur Kur nach dem Kaukasus geschickt.  Bei seiner Heimfahrt war er damals bei uns in Nowojegorjewka  eingekehrt, so daß er seinen kranken Bruder (meinen Vater) noch einmal vor ihrem Tod zu sehen bekam.  Ich persönlich hatte ihn nach 1956, nach unserer Befreiung von der Kommandanturaufsicht einige Male in Wojewodskoje besucht.  Wir unterhielten uns damals immer lange über das Leben.  Ich hatte stets das Gefühl, daß bei ihm irgend- etwas nicht stimmte, irgend etwas bedrückte ihn.  Sein jüngster Sohn Wolodja, damals 18-jährig, war auf krumme Wege geraten und kam ins Gefängnis.  Dieses Ereignis konnte mein Onkel nicht verkraften.  Er machte sich stets Vorwürfe, daß er den Jungen nicht vor diesem Unheil bewahrt hatte. Die anderen Kinder lebten auch alle nach ihrem eigenen Verstand, der ihnen nicht immer der richtige Ratgeber war.   Er klagte mir jedes Mal, wenn wir uns trafen seine Not.  Der Onkel selbst war mit heranrückendem Alter auch nicht mehr die Autorität, für die er sich sein Leben lang meistens gerechnet hatte.  All diese Mißgeschicke brachten ihn so weit, daß er sich das Leben nahm – er hat sich erhängt.  Ich flog damals zur Beerdigung. Es war im Januar 1976, als ich das Telegramm erhielt, daß er gestorben sei.  Wir wohnten damals in Frunse.  Ich kaufte eine Flugkarte nach Bijsk und flog abends von Frunse  weg.  In Barnaul mußte ich umsteigen und verbrachte 3 Stunden im Flughafen.  Draußen war es 20° kalt.  Als ich am Morgen nach Bijsk kam, war es dort schon 30° Kälte.  Ich war in Schuhen und habe unterwegs von Bijsk bis Wojewodskoje  mir in einem mit einer Plane abgedeckten LKW fast die Füße angefroren.  Die Leute waren alle in Filzstiefeln und bemitleideten mich, gaben mir allerlei Ratschläge.  Erst als ich von meinem Sitz aufstand und in dem Wagen ununterbrochen hin und her lief, wurden mir die Füße warm.  Nach der Beerdigung, wo ich mich auch noch sehr erkältet hatte, wurde ich bei meiner Rückfahrt mit dem Zug sehr krank, ich bekam eine schreckliche Mandelentzündung.  Ich stieg an der Station Rubzowka ab, unterbrach meine Heimreise nach Frunse und fuhr nach Nowojegorjewka zu meiner Schwester Lea und Bruder Sascha.  Da lag ich eine ganze Woche, bis ich gesund war und weiterreisen konnte.  Zu Hause hatte man sich schon die größten Sorgen um mich gemacht.  Damals war es nicht so einfach, ein Telegramm zu schicken oder gar telefonieren, so daß ich nach Frunse keine Nachricht geschickt hatte.

       Das Leben ist doch eine komische, unvorhersehbare Angelegenheit.  Onkel Adolf, ein lebensfroher junger Mann, mußte sein junges Leben im Krieg verlieren.  Onkel Peter, der von den drei Brüdern stets als der am praktischsten veranlagte galt, ein echter Realist von Natur – beging Selbstmord.  Mein Vater hatte es im Leben immer am schwersten und starb auch am schwersten, wenn auch eines natürlichen Todes, der allerdings durch die Leiden in der Trudarmee herbeigeführt wurde.  So ist das Leben.

       Zwei Winter hatten wir damals die Kolchosschafe auf dem Hof – 1932/33 und 1933/34. Im Sommer 1933  “hütete“ ich die Schafe, das heißt am Morgen trieb sie die Mutter hinters Dorf, dann holte sie mich, ich mußte aufpassen. Der Vater war gewöhnlich mit anderer Arbeit im Kolchos beschäftigt. Nicht weit von „unserer“ Herde weideten auch die anderen zwei Herden,  auch unter der Aufsicht solcher Jungen wie ich. Oft kam es auch vor, daß, während wir, Jungen, spielten, die Herden wegliefen.  Ich rannte dann heulend nach Hause, und  Mutter kam mit, sie zu suchen und wieder näher  zum Dorf zu treiben. Während die Herden friedlich grasten, spielten wir gewöhnlich Ball oder gossen mit Wasser, das wir vom Dorfteich manchmal einen halben Kilometer weit heranschleppten, Zieselmäuse aus. Der Kampf gegen die Zieselmäuse war eine Angelegenheit des ganzen Dorfes. Es wurde oft vermeldet, daß  es morgen zum „Pfifferten“ rausgeht. Aufs Feld wurde Wasser mit dem Wasserfaß gefahren und in die Löcher der Tiere gegossen, bis sie heraussprangen. Da standen wir (auch Erwachsene) bereit mit einem Stock und erschlugen sie. Für diese Arbeit erhielt man Arbeitseinheiten.

       Einmal gerieten wir Jungen beim Ausgießen an einen Iltis. Vor denen hatten wir große Angst. Es soll vorgekommen sein, daß Iltisse Menschen an die Gurgel sprangen. Vor dem Iltis liefen sämtliche Kinder damals nach Hause und ließen die Herden im Stich.

       Im Frühjahr 1934 gab der Vater die Schafe ab und übernahm die Hühnerfarm. So ungefähr 200 Hühner nächtigten auf Stangen in Häuschen auf Rädern, „Kamelhäuschen“ oder „Feldhäuschen“ genannt, weil sie gewöhnlich von Kamelen auf den Feldern hin- und hergezogen wurden. Es waren drei solcher Häuschen für die Hühner. Der Fußboden dieser Häuschen bestand aus Brettern, die ganz lose quer hineingeschoben waren. Morgens wurden die Bretter herausgezogen, und ich mußte sie mit einer Hacke vom Hühnerkot säubern. Das war eine unangenehme Arbeit, denn es stank fürchterlich. Tagsüber trockneten  die Bretter und abends wurden sie wieder hineingeschoben. In einem vierten Häuschen hatten ich und der Vater in der einen Hälfte unsere Schlafstätten. Die andere Hälfte war von Nestern für die Hühner eingenommen. Hier standen auch die Kisten mit den Eiern.  Unsere ganze Hühnerfarm wurde vom Frühjahr bis zum Herbst auf den Feldern umhergefahren, wo sich die Hühner das Futter selbst suchten.  Wir mußten nur für Trinkwasser sorgen und die Eier einsammeln.  Nach 3-4 Tagen wurden die Häuschen einen Kilometer weiter gefahren, wo noch Futter war. Das geschah immer früh morgens, wenn die Hühner noch schliefen (und ich auch).  Wenn ich dann aufstand, waren wir schon auf einer ganz anderen Stelle.  Ich konnte mich nach dem Frühstück an meine Arbeit machen, d.h. die Bodenbretter der Hühnerhäuschen säubern.  Vater hatte die Hühner schon herausgelassen ins Freie, und sie liefen vergnügt auf dem Feld herum und gackerten.  Außer dem Reinigen mußte ich noch auf dem Feld herumlaufen und nach Eiern suchen, denn manche Hühner machten sich nicht die Mühe, ein Nest aufzusuchen, und legten die Eier  einfach irgendwo in der Steppe  auf die Erde, wo es sie gerade dazu drängte.

       Einmal brachte man uns von irgendwo 6 große, weiße Rassenhähne.  Man sagte, sie seien in Holland gekauft worden für Gold.  Alle übrigen buntfarbenen Hähne wurden eingefangen und landeten doch wohl im Brigadenkessel, wo die Kolchosbauern arbeiteten, oder sie mußten an den Staat abgeliefert werden.  Diese weißen Rassenhähne sorgten auch für weiße Nachkommen.  Einmal, als ich allein auf dem Feld bei den Hühnern war,  besuchte mich Vetter Alexander Wald („Wols“), der Leiter der Hühnerfarm. Er fragte mich, wieviel weiße Kücken wir zu Hause hätten.  Ich antwortete, daß ich es nicht wüßte.  Da sagte er: „Sage deiner Mutter, so viel weiße Kücken ihr habt, so viel Eier hat sie hier in der Farm gestohlen.“  Ich verstand schon, daß „Stehlen“ etwas Schimpfliches ist, und  wurde ganz rot im Gesicht, denn ich wußte, daß bei unseren Glucken zu Hause auch weiße Kücken waren.

       Die neuen holländischen Hähne waren groß von Wuchs, hatten große rote Kämme, die stets bluteten, denn die Hähne waren unheimlich aggressiv und kämpften gegeneinander wie die mittelalterlichen Ritter.  Aber das Schlimmste war, daß diese Hähne auch hinter mir her waren wie die Ratten hinterm Speck, wenn ich in die Steppe ging,  um meine Not zu verrichten.  Sie scheuten sich auch nicht, mich mal in den Hintern zu picken. Und wenn ich dann weglief, verfolgten sie mich bis in meine Behausung. So daß ich schreckliche Angst vor ihnen hatte.  Der Vater lehrte mich, ich solle einen Stock nehmen und mich wehren.  Als ich mich dann mit dem Stock verteidigte und einen meiner Plagegeister an den Kopf traf, wurde der plötzlich ganz blau. Der Hahn tanzte ein paar Runden um mich herum und fiel auf die  Erde.  Der Vater eilte herbei,  nahm ihn auf den Arm, lief zum Wasserfaß und tauchte ihn zwei- drei Mal hinein. Kurz darauf kam der Hahn wieder zu sich und öffnete die Augen.  Vater selbst war ganz blaß im Gesicht und sagte leise: „Junge, Junge, so hatte ich das nicht gemeint. Nimm dir das nächste Mal eine dünne Rute. Wenn der Hahn krepiert wäre, hätte man uns die Kuh weggenommen.“

       Im  Großen und Ganzen war der Sommer bei den Hühnern für mich viel angenehmer als bei den Schafen.  Die Arbeit war leichter, und dank der Eier waren wir immer verhältnismäßig satt.  Es war herrlich in der Natur. Ich liebte es, im weichen Gras auf dem Rücken zu liegen und den Lerchen zuzusehen, wie sie hoch oben am Himmel trillerten und an einer Stelle mit den Flügeln schwirrten.  Dabei träumte es sich so schön. Schlecht war, daß ich so viel allein bei den Hühnern sein mußte: der Vater arbeitete auf der Kolchostenne, und die Mutter hatte zu Hause zu tun.  Angst hatte ich nur vor den Habichten,  die uns ständig belästigten.  Im Handumdrehen hatte sich einer eine abseits spazierende Henne geschnappt und zog ab mit ihr.  Aber man konnte damals auch vor herumstreunenden Vagabunden nicht sicher sein.  Es war gerade nach dem großen Hungerjahr 1933 und da strichen verschiedene dunkle Gestalten im Land umher.

       So kam der Herbst 1934. Vater hatte auch die Hühner schon wieder abgeliefert, und ich fühlte mich ganz frei.  Aber das Unglück lag schon auf der Lauer.

       Es war Anfang November. Nachts gab es schon Frost, die Felder, Bäume, Sträucher und auch alle anderen Gegenstände waren am Morgen stets stark  mit Reif bedeckt.  Aber die Hirten trieben ihre Herden noch aus, denn es lag noch kein Schnee. Unsere Kuh nächtigte noch unter freiem Himmel.  Sie wurde am Abend immer an einen Pfosten gebunden.  Eines Morgens ging die Mutter wie gewöhnlich hinaus, um die Kuh zu melken.  Da kam sie auch schon zurück und weckte den Vater.  Sie rief laut, daß die Kuh nicht da sei. Als der Vater herauskam und den mit einem Messer durchschnittenen Kuhstrick sah, sagte er sofort: „Sie ist gestohlen.“  Vater ging ums Dorf herum, suchte nach Spuren und weckte seine näheren Bekannten und Freunde.  Es versammelte sich schnell ein Trupp junger Männer auf Pferden und mit Flinten.  Sie ritten noch vor dem Frühstück zum Dorf hinaus (unser Häuschen war das vorletzte im Dorf) in Richtung Kirgisensteppe.  3 km hinter dem Dorf stand neben dem Weg ein großer Strohschober.  Dort fanden die Leute den Kuhkopf, die Beine, viel Blut  und die Eingeweide.  Hier war die Kuh geschlachtet worden.  Das reine Fleisch war auf Pferden fortgeschafft worden.  Alle vermuteten, daß das eine Tat von Kirgisen war. Aber viele deuteten auch auf einen Dorfgenossen hin, ohne dessen Mithilfe die Untat nicht geschehen sein konnte.  Dieser Mann arbeitete nirgends und trieb sich immer mit dunklen Persönlichkeiten und verdächtigen Geschäften herum.  Er sprach Russisch und Kirgisisch, war oft irgendwo unterwegs und bekam  öfter seltsamen Besuch.  Es gab auch einen Grund für ihn zu dieser Aktion.  Er war am Abend zuvor an unser Fenster gekommen und wollte Vater einladen, „eins zu trinken und Karten zu spielen“.  Vater hatte die Einladung abgelehnt, da er  sich nicht gesund fühlte. Aber der wirkliche Grund der Absage war, daß Vater diese Gesellschaft nicht mochte.  Der Bote hatte das verstanden und ging böse und schimpfend weg.  Vater meinte, er habe sich auf so gemeiner Art gerächt.  Aber beweisen konnte ja niemand etwas. Man hatte auch einen Milizionär aus der Stadt geholt, aber es wurde nichts mehr gefunden.

       Der Vater lief eine Woche lang wie ein verprügelter Hund herum. Er konnte sich ein Leben ohne Kuh nicht vorstellen, denn das war die einzige Stütze für die Familie mit drei Kindern, um nicht zu verhungern.

       Eines Morgens ging der Vater mit noch zwei jungen Dorfgenossen in das 4 km entlegene Dorf Kippel zum Dorfsowjet. Sie wollten sich einen Ausweis, ein Dokument also, das sie ausweisen konnte, holen. (Pässe gab es damals noch keine.)  Denn sie wollten mit ihren Familien in die ferne Ukraine auswandern.  Dorthin begaben sich zu jener Zeit viele Wolgadeutsche, die sich dort ein besseres Leben erhofften.  Ich verstehe das aus der heutigen Sicht nicht. In der Ukraine war damals eine genauso große Hungersnot wie an der Wolga.

       Als die Drei im Dorfsowjet ankamen und ihr Anliegen vorbrachten, wurden sie  vom Dorfratsvorsitzenden  auf recht spöttische Weise verhöhnt.  Er sagte buchstäblich folgendes zu den Männern: „Männer, wenn ihr euch noch nicht zu Morgen gewaschen habt, so geht mal nach Hause, wascht euch, frühstückt und dann kommt ihr wieder.  Dann reden wir miteinander.“  Mein Vater konnte diesen hochmütigen Spott nicht ertragen. Er kehrte auf der Stelle um, ging hinaus und lief schnellen Schrittes Richtung Marxstadt, das 40 km entfernte Kantonzentrum.  Einer von den jungen Männern,  Schmidts David, ging zurück nach Rohrgraben, der andere, der Drusche Lieder, holte Vater ein und ging mit ihm zu Fuß nach Marxstadt. Er hatte in Marxstadt eine Schwester. Dort kehrten sie fürs erste ein. Auf Fürsprache des Bruders willigte diese Familie ein, Vater mit seiner Familie für ein paar Monate in ihrem Hause Obdach zu gewähren.  Das war direkt neben einer kleinen Drehbankfabrik, die früher den Gebrüdern Faller gehörte. Jetzt war sie Staatseigentum und hieß „Metallwerk“. Dieser Betrieb produzierte Drehbänke und andere kleinere Erzeugnisse aus Metall. Hier fand Vater zeitweilige Arbeit in der kleinen Gießerei. Der Vorsitzende des Artels (Arbeitergenossenschaft) war ein Immigrant  aus Deutschland, ein deutscher Kommunist, der vor den Faschisten in Deutschland geflohen war.  Zwei seiner Kollegen arbeiteten auch hier in der Gießerei.  Der Vorsitzende mit Namen Kienast  kümmerte sich wenig um Papiere, als er Vater einstellte.  Er meinte: „Die werden wir schon bekommen.“ Er brauchte Arbeiter.

       Vaters Hauptbeschäftigung war, Gußstücke mit einem großen Zuschlaghammer zu zerkleinern, damit sie in den kleinen Schmelzofen paßten.  Aber er mußte jetzt vor allem seine Familienangelegenheiten lösen.  Mutter wußte natürlich Bescheid. Sie war von dem zurückgekehrten  Drusche Lieder  informiert worden.

       Nach einer Woche Arbeit nahm sich Vater drei Tage Urlaub, kam zu Fuß nach Rohrgraben, vertauschte unser Häuschen  bei dem „Weißen Belsch“ (es gab auch einen roten und einen schwarzen Belsch in Boaro) für eine Kuh und einen „deutschen“ Wagen (so nannte man damals einen zweispännigen Wagen) Zuckerrüben.  Dieser Belsch setzte in das Häuschen  seine Frau mit ihren drei Kindern, von der er sich getrennt hatte. 

       Als Vater diese Formalitäten erledigt hatte und auch noch einmal erfolglos beim Dorfratsvorsitzenden  vorgesprochen hatte wegen der Ausweispapiere, ging er wieder zu Fuß nach Marxstadt, um seiner Arbeit nachzukommen.  Die Großmutter und Vaters Brüder Peter und Adolf halfen meiner Mutter, unseren Kram zusammenzupacken.  Am 22. Dezember 1934, genau an dem Tag, wo ich 7 Jahre alt wurde, wurde früh morgens ein großer Schlitten mit unserer Habe bepackt, und zwei Kühe – unsere und die der Großmutter – wurden davor gespannt, und Onkel Adolf zuckelte mit diesem Gefährt nach Marxstadt.  Unsere schwangere Mutter und wir drei Kinder saßen gut verpackt in Decken und Pelzen auf dem Schlitten,  Onkel Adolf führte die Kühe oder lief hinter dem Schlitten her.  Es war um die 30° Kälte. Die Euter der Kühe waren mit Leinensäcken verbunden, damit sie nicht anfroren.  Diesen meinen 7. Geburtstag werde ich nie vergessen.  Gegen 6 Uhr abends kamen wir mit unserem Kuhschlitten in das 30 km von Rohrgraben entfernte Boaro an.  In diesem großen Dorf übernachteten wir bei Bekannten.  Ich weiß nicht mehr bei wem, obwohl ich es doch bestimmt damals gehört hatte.

       Am nächsten Tag in aller Früh ging es weiter, noch 10 km bis Marxstadt. So vollzog sich damals unser Umzug aus dem Dorf in die Stadt (sie war ja auch nur kaum mehr als ein großes Dorf, aber immerhin – das Kreiszentrum, ganz an der Wolga gelegen, für mich eine ganz andere Welt).

       Vater verdiente damals 93 Rubel im Monat. 1 Kilo Weißbrot kostete 2,70 Rbl., Weizenbrot 2. Sorte  1,50 Rbl.,  gemischtes Brot  0,90 Rbl., weißes Roggenbrot  1,30 Rbl. und schwarzes Roggenbrot  0,75  Rbl. das Kilo.  Anfangs gab es bei uns zu Hause fast nichts zu essen als gekochte Zuckerrüben. Ich konnte sie nicht mehr essen, mir wurde übel davon. Zwei Wochen nach unserer Ankunft in Marxstadt sagte die Köchin der Werkkantine  zu meinem Vater: „Alexander, deine Frau und die Kinder sind doch gewiß  hungrig. In der Kantine bleibt jeden Tag vom Mittagessen viel übrig, auch was auf den Tischen übrigbleibt, das ist ganz sauber.  Vielleicht holt deine Frau was davon für die Kinder.“  Die Mutter ging jetzt jeden Tag nach dem Mittagessen an den Zaun hinter der Kantine mit einem Eimer. Die Köchin füllte den Eimer mit Speiseresten: Suppe, Hirsebrei, Kartoffeln, Brotstücken, auch Fleisch- oder Speckstücke waren manchmal dabei.  Jetzt waren wir gerettet.  Zwei Monate  lang wurden wir so von der Frau versorgt und waren immer satt.

       Am 11. März 1935 wurde unser Bruder Richard geboren.  Jetzt waren wir schon 4 Kinder.

       Der Vater mußte noch oft die 40 km zum Dorfsowjet unseres ehemaligen Wohnorts  zu Fuß zurücklegen.  Aber immer gab es Ausreden, und er konnte und konnte seine Papiere nicht bekommen.  Schließlich sagte man ihm,  daß er dem Kolchos noch eine bestimmte  Summe Geld schulde, das sollte er erst bezahlen, dann bekäme er seine Papiere.  Als der Vater fragte, woher denn so viele Schulden kämen, antwortete ihm der Buchhalter: „Siehst du, Alexander, du hast immer fleißig gearbeitet und viele Einheiten verdient .  Aber auf die Einheiten konnte der Kolchos nichts herausgeben, weil wir eine schlechte Ernte hatten.  Da es aber im Kolchos verschiedene Ausgaben gab, wurden alle verdienten Einheiten mit dem Zeichen „Minus“ versehen, d.h. auf jede verdiente Einheit muß das Kolchosmitglied dem Kolchos eine bestimmte Summe herauszahlen, wenn er mal was verdient und auf die Einheiten bekommt.  Du hast viele Einheiten verdient und mußt auch viel bezahlen. Aber, da du weggegangen bist aus dem Kolchos, können wir von dir später nichts mehr verlangen, so mußt du deine Schulden jetzt in bar bezahlen.  So stehen die Sachen.“ 

       Aber woher sollte der Vater solch eine Summe nehmen, wo sein Verdienst kaum ausreichte, um die Familie zu ernähren.  Der Vorsitzende des Betriebs  Genosse Kienast half auch hier wieder.  Er gab dem Vater die nötige Summe  als Vorschuß, die er so nach und nach abzahlen sollte.  Der Mann fuhr selbst mit dem Vater in den Dorfsowjet, daß man ihn nicht noch einmal übers Ohr haute.  Als Vater endlich seine Papiere in der Hand hatte und Herr Kienast vom Dorfsowjetvorsitzenden noch ein Dokument ausstellen ließ, daß der Vater dem Kolchos jetzt nichts mehr schulde, wurde er ein ganz anderer Mensch.  Zu Hause freute sich die ganze Familie über diesen „Sieg“.  Herr Kienast half auch weiterhin oft unserer Familie.  Aber er  selbst fand 1937 auch sein trauriges Ende unter den stalinschen Repressalien.  In der Gießerei arbeiteten mit Vater noch zwei Deutsche aus Deutschland: einer als Gießermeister, der andere  als Hilfsarbeiter wie Vater.  Einmal sagte einer von ihnen: „Die Luft ist nicht rein, man muß sich aus dem Staub machen.“ Am anderen Morgen erschienen die beiden nicht zur Arbeit. Auch am nächsten Tag nicht.  Sie waren verschwunden.  Vater meinte, sie hätten sich „abgesetzt“. Was das bedeutete verstand ich erst später.  Der Direktor war zu gutgläubig. Er glaubte, deutsche Kommunisten aus der Partei Ernst Thälmanns würde man in Ruhe lassen.  Aber er hatte sich sehr geirrt.  1937 wurde er verhaftet und, wie man hörte, erschossen.

       Im Herbst 1935 brachte mich die Mutter zur Schule.  Der Schuldirektor, ein junger Mann mit Namen Paul Herr,  wollte mich nicht aufnehmen, da ich erst am 22. Dezember  8 Jahre alt wurde.  Damals wurden die Kinder eingeschult, die zum 1. September, d.h. zum neuen Schuljahr, volle 8 Jahre alt waren.  Aber meine Mutter bat so inständig, daß sich der junge Direktor erweichen ließ und mich aufnahm.

       Die ersten Wochen waren für mich, einen Jungen aus dem Dorf, sehr schwer in der Schule.  Erstens sprach ich den Marxstädter Dialekt sehr durchdrungen mit Elementen des Boaroer Dialekts. Zweitens war ich in städtischen Dingen nicht so gewandt wie meine Schulkameraden.  Dann hing das doch wohl auch viel von meinem Charakter ab: ich wollte immer alles genau so machen, wie es der Lehrer sagte.  Und da es bei mir natürlich nicht so wurde (das Schreiben, z.B.), kam ich jeden Tag mit Tränen nach Hause.

       Das erste Halbjahr schrieben wir ABC-Schüler mit Griffeln auf schwarze Täfelchen oder mit Bleistiften auf Papier  in Heften.  Das sollte das ganze erste Schuljahr so bleiben.  Aber der Lehrer (uns unterrichtete in der 1. Klasse der Schuldirektor in eigener Person, der Lehrer Herr)  konnte die Bleistifte von 42 Schülern während der Schreib- oder Rechenstunde nicht so schnell anspitzen, wie wir sie abbrachen.  So ging er im 2. Halbjahr zur Tinte über.

        Ich war zu dieser Zeit schon einer der besten Schüler in der Klasse.  Aber als wir begannen, mit Tinte zu schreiben,  begann mein Elend von neuem.  Wir sollten zu Hause alle von den Eltern Tintenfässer kaufen lassen oder einfache kleine Fläschchen nehmen und Tinte machen lassen.  Die Mutter hatte kein Geld, weder  für ein Tintenfaß noch für Tinte.  Also machte sie alles selbst.  Da wir auch keine Tintenstifte hatten, die wir gewöhnlich zum Tintemachen verarbeiteten, machte sie Tinte aus Wäschefarbe.  Die „Tinte“ schrieb schlecht.  Da meinte meine Mutter, sie habe noch zu ihrer Schulzeit  immer gehört, daß in richtige Tinte etwas Zucker hineingehöre.  Sie hätten als kleine Mädchen die Tinte immer etwas mit der Zunge probiert, und sie habe süß geschmeckt.  So füllte sie auch in mein Tintenfaß einen halben Teelöffel Zucker hinein.  Die Tinte zog sich jetzt wie Sirup. Schon am ersten Schultag nach den Winterferien hatte ich die Kleidung, Hefte und Bücher, sowie die Schulbank und sogar meine Banknachbarin mit meiner Tinte so eingeschmiert, daß es furchtbar anzusehen war.  Die beklagte sich auch sofort beim Lehrer.  Der sah mich verächtlich an und sagte nur: „Du Schmierhannes!“  Und dieser Spitzname blieb dann noch jahrelang an mir haften, obwohl ich sauberer aussah als die meisten Jungen unserer Klasse.  Wie gesagt, ich lernte leicht und gut, und auch mit viel Fleiß und Eifer.  Am Ende des 1. Halbjahres  wurde ich mit einem Schreibheft belohnt.  Nach der Beendigung der ersten Klasse erhielt ich als Prämie eine Trikotageunterhose.  Der Elternbeirat, der diese Prämien verteilte, wußte gut, daß wir 4 Kinder und sehr arm waren.  Andere Kinder erhielten Bücher, Malhefte, Farbkasten, Schreibkasten, Schulmappen u.a.  Ich heulte wieder. Ich wollte solch eine Prämie nicht, ich wollte auch Farben oder etwas Ähnliches haben.  Die Mutter beruhigte mich: für meine Unterhose könnte man ja 10 Farbkasten kaufen. Das sei doch die höchste Prämie, die vergeben wurde.  Aber dieses Argument wollte mir nicht einleuchten.  Ich lernte auch weiterhin gut in der Schule und wurde oftmals ausgezeichnet.  Unsere  Schule war die damalige Schule Nr. 4 in der Rotarmistenstraße.  Das war eine kleine Schule mit nur 4 Klassenzimmern. Es gab zwei solcher Schulen  in Marxstadt, die andere stand am anderen Stadtende.  Beide wurden 1910 erbaut, aus roten Ziegeln.  Unsere war, als ich eingeschult wurde, schon weiß gestrichen. Seitdem ist sie mehr scheckig als weiß.  Da die Schule an einem Teich stand, in dem zur Sommerzeit die  Frösche und Unken ihre Lieder zum besten gaben, wurde sie von groß und klein nicht anders als das „Krottennest“ genannt (Krötennest), obwohl man da Kröten nur selten sah.  Aber wir liebten unser „Krottennest“, denn ihre Lage, nur 150 m von dem Teich, der sich im Frühjahr bis vor die Schule ausdehnte; (dann war direkt neben der Schule ein ungeheuer großes rundes Loch, wo der Lehm zum Bau der Schule genommen worden sein soll, dessen Ränder von der einen Seite  ziemlich lang und von der anderen Seite ganz kurz waren, und das Ganze sich für uns Kinder gut zum Ski- und Schlittschuhlaufen eignete) –  machte sie so anziehend.  Ich verbrachte in dieser Schule 6 unvergeßliche Jahre, und sie hat mir sehr viel mit auf den Lebensweg gegeben, was ich natürlich meinen Lehrern zu verdanken habe. Das waren in erster Linie der Direktor der Schule, Lehrer Paul Herr.  Er unterrichtete uns in der 1. und in der 2. Klasse. Weiter konnte er uns nicht unterrichten, denn er hatte selbst nur 7 Klassen hinter sich. Aber er war ein vorzüglicher Schulleiter und Organisator.  Dann war da Lehrer Dörr, der uns in Russisch von der 2. Klasse unterrichtete. Er war ein schon ältlicher nervöser und jähzorniger Herr, der sein Fach aber sehr liebte und uns viel beibrachte. Der nächste war Lehrer Emich, auch schon ein älterer Herr, mager wie ein Reis und immer sehr ernst und unzufrieden. Der führte uns nicht nur in die klassische deutsche Literatur ein, er lehrte sie uns auch lieben.  Die russischen Gedichte und Fabeln, die uns Lehrer Dörr beigebracht hat, und die deutschen Balladen und Gedichte, die wir bei Lehrer Emich gelernt haben, die habe ich bis heute nicht vergessen.  Dann waren noch die Lehrerinnen Ebert, Keilmann, Bersch und Schulz.

       An dieser Stelle möchte ich etwas ausführlicher über das Alltagsleben meiner Schule berichten, denn ich glaube, das wird für die nachfolgenden Generationen von Interesse sein.

         Es gab in unserer Schule überhaupt nur 4 Klassenzimmer, und der Unterricht verlief in 2 Schichten.  Es gab für jedes Schuljahr je zwei Klassen, und die waren überfüllt: mit 40 bis 44 Schülern in der Klasse.  Ich lernte in der Klasse „A“.  Anfänglich war unsere Schule  eine Grundschule, d.h. es gab nur 4 Schuljahre.  Dann mußten die Schüler in eine andere Schule umwechseln, wo es  7 Schuljahre gab (eine „unvollständige“ Mittelschule), oder 10 Jahre (eine  Mittelschule).  Als ich in die 5. Klasse kam, wurde unsere Schule zu einer unvollständigen Mittelschule  gemacht.  Ich konnte also auch weiterhin in unserer Schule bleiben.  Ich absolvierte in dieser Schule, wie oben schon gesagt,  im Sommer 1941 die 6. Klasse. 

       Wir wurden in folgenden Fächern unterrichtet: Deutsche Sprache (Grammatik, Rechtschreiben, Literatur).  In Literatur wurden wir mit den Werken der deutschen Klassiker  Goethe, Schiller, Heine, Lessing, Freiligrath, Bürger bekanntgemacht. Wir lernten Gedichte, Balladen und Prosa- und Dramenauszüge.  Außerdem lernten wir aus den Werken  der russischen Klassiker  Puschkin, Lermontow, Krylow,   und zeitgenössischer Schriftsteller und Dichter: Gorki, Demjan Bedny u.a.  in deutscher Übersetzung.

       Von der 2. Klasse an lernten wir Russisch – ebenfalls Grammatik und Literatur und  schrieben Diktate. In der 6. Klasse lernten wir die russische Grammatik auf der Ebene der russischen Schule.

       Wir hatten Mathematik,  Naturkunde, Geographie, Malen, Singen und Sport.  In den höheren Klassen beschäftigten wir uns außerschulisch in verschiedenen Zirkeln.  Es gab  einen dramatischen Zirkel, einen Gesangzirkel und einen Sportzirkel.  Außerdem gab es Zirkel mit militärischer  Ausrichtung: „GTO“  („Bereit zur Arbeit und Verteidigung“),   „GSO“  („Bereit zur sanitären Verteidigung“),  „PWChO“  („Luft- und Chemieschutz“)  und  „Woroschilowschütze“  (hier wurde schießen gelernt).  Für die Schüler der jüngeren Klassen gab es entsprechend  dieselben Zirkel nur mit dem Vorsatz „Seid“ ( z. B.: „Seid bereit zur Arbeit und Verteidigung“).  Wenn man diese Zirkel mit einer entsprechenden Prüfung absolviert hatte,  erhielt man ein Abzeichen. Doch es muß gesagt werden, daß die Teilnahme an den Zirkeln  freiwillig und ziemlich locker war.  Und es nahmen höchstens 40-50% aller Schüler daran teil.

       Während der Pausen mußten die jüngeren Klassen im Korridor oder auf dem Schulhof organisiert spielen oder singen.

       Während der großen Pause (15 Minuten nach der 3. Stunde) spielten wir älteren Jungen draußen vor dem Schulgebäude das beliebte Spiel „Stellhopsen“.  Es bestand aus folgendem:  ein Junge stellte sich mit dem Rücken an die Wand. Das war gewöhnlich ein neutraler Schüler, der selbst am Spiel nicht teilnahm.  Die anderen (bis zu 12 oder 14) teilten sich in zwei Gruppen. Es wurde gelost. Wen das Los traf, der stellte sich gebückt, mit dem Kopf  gegen den an der Wand Stehenden und hielt sich auch an ihm fest. Der zweite ebenfalls gebückt, umfaßte seinen Vordermann von hinten und legte den Kopf zur Seite. Und so die ganze Gruppe.  Sie mußten sich gut bücken, möglichst weit voneinander abstehen, so daß eine womöglich längere „Brücke“ oder ein „Pferd“ entstand.  Die zweite Gruppe stellte sich so 20 m vor diesem „Pferd“ auf. Ein jeder nahm einen Anlauf, stieß sich mit beiden Händen vorn am „Pferd“ oder „Bock“ ab, sprang und landete womöglich ganz vorn vor dem an der Wand Stehenden auf dem Rücken des gebückt  stehenden Gegners.  So sprangen alle der Reihe nach auf.  Der beste Springer  sprang gewöhnlich zuletzt, denn er mußte ja manchmal schon auf dem Rücken seines Kameraden landen. Hier mußte er frei sitzen, in die Hände klatschen und bis „drei“ zählen.  Fiel niemand von den Springern herunter, so durfte die ganze Gruppe noch einmal springen. Und das so oft, bis jemand sich nicht halten konnte und herunterfiel.  Dann wurde gewechselt.

       Gegen solche Spiele hatten die Lehrer nichts einzuwenden. Nur  wenn wir durch das Spiel das Glockenzeichen zur Stunde überhörten, dann gab’s  Krawall.

       Da war aber noch ein anderes Spiel im Umlauf: „Geldspielen“. Das wurde von den Lehrern streng geahndet.

       Fremdsprachenunterricht gab es an unserer Schule nicht.  Wir hatten einfach keine Lehrer.  An anderen Schulen wurde er schon durchgeführt.  Wir sollten im nächsten Schuljahr einen Fremdsprachenlehrer bekommen.  Das hatte auch der Krieg vermasselt.  Fremdsprache wurde an den sowjetischen Schulen obligatorisch 1938 eingeführt.  Es wurde Englisch, Französisch oder Spanisch an unseren deutschen Schulen unterrichtet.

       Prüfungen hatten wir in den Schulen vor dem Krieg nach jedem Schuljahr. Für gutes Lernen und mustergültiges Betragen gab es Prämien oder Auszeichnungen.  Nach der 4. Klasse hatte ich einen „Belobigungsschein“ erhalten. Der ging später in Sibirien irgendwann verloren.

       Während der Sommerferien fuhr ich mehrmals für 1 Monat in ein „Pionierlager“ (ein Erholungslager, wo viel Sport getrieben, gesungen, gewandert wurde.) Dort herrschte eine ziemlich straffe Disziplin.

       Ende der 30er Jahre wurde das Leben an der Wolga in materieller Hinsicht etwas erträglicher. Aber Brot satt zu essen gab es immer noch nicht, obwohl es einige sehr gute Ernten gab.  Ich kann mich noch gut erinnern, daß wir in den Jahren 1938-39 nachts um 2-3 Uhr aufstehen mußten, zum Markt liefen, wo ein Brotladen war, und uns in die Schlange stellen mußten, bis morgens um 8 Uhr der Laden geöffnet wurde. Um die Reihenfolge nicht zu verlieren, wurde uns die Nummer in der Schlange mit einem Tintenstift auf den Handrücken geschrieben.  Und da es nur 1 kg Brot auf die Person gab, mußten auch die ganz kleinen Kinder, die erst kaum gehen konnten, nachts aus dem Bett und mitgehen, damit sie auch eine Nummer auf die Hand bekamen und darauf 1 kg Brot. Das war für die Kinder eine harte, nervenzerreißende Plage.  Und wenn es dann Morgen war und das Markttor geöffnet wurde, liefen doch alle Hals über Kopf  zum Brotladen. Dort gab es dann ein fürchterliches Gedränge. Es gab immer Typen, die die allgemeine Ordnung ignorierten und sich nur auf ihre Kräfte verließen. Es kam oft soweit, daß die Miliz her mußte, um Ordnung zu schaffen.

       Von 1935 bis 1941 waren ich und immer noch eines meiner Geschwister während der Sommerferien draußen im Dorf bei Großmutter, bei Onkel Peter und Onkel  Adolf.  Die arbeiteten alle im Kolchos und jeder hatte sein eigenes Häuschen.  Es gab im Dorf schon Plattenspieler und Batterieradios, da  in den Dörfern meist noch kein Stromanschluß war. Diese Batterieradioempfänger  konnten sich allerdings nur die wohlhabenderen Kolchosbauern leisten. Jedes Radio hatte bis zu 20 Kilo Batterien, die nach 1-2 Monaten Gebrauch gewechselt werden mußten.  Wir Kinder mußten oft auch bei den Feldarbeiten mithelfen. Meistens handelte es sich dabei ums Jäten, d.h. wir mußten aus den Getreidefeldern das Unkraut mit den Händen herausrupfen.  Aber meine Lieblingsbeschäftigung war, wenn ich mit Onkel Adolf hinters Dorf auf die Weide nach den Pferden oder Kamelen gehen konnte. Da lernte ich das Reiten.  So blieb mir auch das Dorfleben kein Geheimnis.  Auch in den Winterschulferien  waren wir  öfters bei der Großmutter im Dorf. Am Tage tollten wir auf der Straße herum und abends halfen wir der Großmutter beim Wollgarnspinnen und beim Strohflechtennähen.  Die gesponnene Wolle war für den eigenen Bedarf an Socken, Strümpfen und Handschuhen bestimmt. Die Strohflechten (aus Strohhalmen geflochtene Bänder) wurden im Kantonzentrum Marxstadt abgeliefert. Dort gab es einen Betrieb, wo aus diesen Flechten Hüte,  Körbchen und andere Gegenstände genäht wurden. Für die Frauen der Dörfer war das ein kleiner Nebenverdienst.

       Die Kolchosbauern aus unserem Dorf kehrten immer, wenn sie in die Stadt kamen und da etwas zu erledigen hatten, bei uns ein. Sie blieben manchmal über Nacht, oder sie ruhten sich einfach etwas aus, stärkten sich mit ihrer mitgebrachten Verpflegung und warteten auf eine Gelegenheit, nach Hause zu fahren. Es gab in der Stadt auch sogenannte Bauerngasthöfe.  Aber bei uns gefiel es den Leuten besser: zu uns kamen ja nur Leute aus unserem Dorf, die alle kannten, und auch uns kannten alle. Da brauchten sie keine Angst zu haben, daß sie bestohlen wurden, und fühlten sich hier wie zu Hause. Offiziell mußten die Leute bei uns für das Einkehren nichts zahlen. Jeder gab, was er konnte oder wollte.  Manche wußten gar nicht, daß das kein offizieller Einkehrhof war und glaubten, daß unsere Mutter für das Durcheinander und den Schmutz, die da entstanden, vom Kolchos belohnt würde und zahlten gar nichts.  Da gab es oft Streit und Zank unter den Eltern: die Mutter wollte, daß der Vater den Leuten mal alles erklärte und ihnen absagte, aber der Vater hatte nur immer das eine Argument: „Ich kann doch die Leute nicht auf die Straße jagen!“ Die Leute kamen zu uns, auch wenn sie Kolchosangelegenheiten zu erledigen hatten. Da gab es oft Zwistigkeiten zwischen dem Kolchosvorstand und den Leuten, die in die Stadt geschickt wurden, z.B. um auf dem Markt für den Kolchos Mehl zu verkaufen.  Die Leute weigerten sich, in Kolchosangelegenheiten bei uns einzukehren. Sie sagten mit Recht, das könne man uns nicht zumuten. Es wurde sogar extra eine Kolchosversammlung einberäumt, um diese Angelegenheit zu klären.  Die einen waren dafür, bei uns weiter nicht mehr einzukehren. Die anderen meinten, man könne auch weiter einkehren, nur müsse man offiziell zahlen dafür.  Sie dürften keinen Einkehrhof offiziell mieten.  Einen eigenen einzurichten, wären keine Mittel da.  Man einigte sich, für die ganze Arbeit und das Chaos, das unserer Familie und besonders meiner Mutter zugefügt wurde, unsere Kuh mit Heu für den Winter zu versorgen.  Unsere Eltern  waren mit solch einer Lösung zufrieden. Das war immerhin für unsere Familie eine große Erleichterung. Wir waren ja schon 6 Kinder, und Vater verdiente nicht allzuviel.

        Vom Staat gab es damals kein Kindergeld. Eigentlich gab es was, aber die Bedingungen waren so aufgestellt, daß die meisten kinderreichen Familien leer ausgingen.  Der Staat unterstützte Familien, die 7  Kinder hatten, mit 2000 Rubel im Jahr, auch wenn da schon 3-4 verheiratete Kinder dabei waren.  Diejenigen, die 8 Kinder hatten, erhielten 4000 Rubel jährlich. Aber solche, die 6 kleine Kinder hatten, erhielten gar keine Unterstützung.  Als Mutter 1937 Zwillinge bekam, freute sich die ganze Familie, daß wir in einem Jahr vielleicht auch 2000 Rubel bekämen wie unsere Hausnachbarn.  Aber die Zwillinge, Wolodja und Viktor, starben nach 6 Monaten, und der schöne Traum vom großen Geld war ausgeträumt.  1939 bekam Mutter wieder einen Sohn – wieder ein Wolodja.  Aber an Geld dachten wir nicht mehr. Er war nur das 5. Kind in der Familie. Zu dieser Zeit waren wir auch schon aus der größten Armut heraus. Vater arbeitete jetzt im selben „Metallwerk“ als Dreher und verdiente etwas besser.  Wir hatten eine Kuh, stets ein kleines Schwein, ein paar Hühner. Auf der Steppe bei Onkel Adolf und der Großmutter hatten wir stets 4-5 Schafe.  So daß wir im Winter auch nicht ohne Fleisch waren.  Zum Heizen machten wir alljährlich Mistholz  (aus Stallmist geformte Briketts) und holten mit der Kuh trockenes Reisig aus dem Wald.  Von der Stadtverwaltung hatten wir für eine mäßige Miete eine kleine Wohnung bekommen.  Wir wohnten in der Kollektivistenstraße Nr. 84, nicht weit vom Markt.  Und als sich das Leben so einigermaßen, nach unseren Maßstäben,   stabilisiert hatte,  begann 1941 der Krieg mit Deutschland.  (Siehe das Kapitel  „Wie das geschah“)

        1941, im letzten Sommer an der Wolga, fuhr ich 3mal mit Kolchosfrauen nach Saratow (70 km von uns flußabwärts).  Ich diente ihnen als Dolmetscher bei ihren Angelegenheiten auf dem Markt und in den Geschäften.  Da ich aber die russische Sprache selbst noch sehr schlecht beherrschte, kam es oft zu kuriosen Fällen.  Die Mutter hatte mir auch etwas Geld mitgegeben, ich sollte einige Textilstoffe kaufen, denn bei uns in Marxstadt  gab  es wenig zu kaufen und nur sehr teures Zeug.  Als ich dann einmal in der Schlange stand nach Stoff, bat ich den  Verkäufer mir dreieinhalb Meter abzumessen, drückte mich aber so aus, wie man nur bei Geld  „dreieinhalb“ sagt.  Der Verkäufer machte große Augen und korrigierte mich ziemlich schroff.  Ich wurde rot im Gesicht und ganz verlegen, aber seitdem weiß ich, wie man sich richtig ausdrücken muß.  Diese Fahrten waren für mich sehr lehrreich und interessant. Manchmal fuhren wir mit dem Dampfer auf der Wolga, manchmal mit dem Bus. Die Fahrt hatte ich jedesmal gratis,  als Lohn für meine Arbeit  sozusagen.






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