Meine Eltern


       Mein Vater war jetzt als ältester Sohn (18 Jahre) für die Familie verantwortlich. Der zweite Bruder, Peter, war 13, Adolf, der jüngste, gerade 8 Jahre alt. Großmutter Susanne muß 44 Jahre alt gewesen sein, als sie zum zweiten Mal Witwe wurde.

       Mein Vater hatte es sehr schwer, eine neue Wirtschaft aufzubauen und die Familie zu ernähren. Er war noch jung und unerfahren und allein unter fremden Leuten (er war ja in Sibirien aufgewachsen und hier nun ganz fremd). Er wurde oft zum Ziel des Spotts der älteren Dorfbewohner. Erst als man sah, daß er mit seiner Wirtschaft gut fertig wurde und sie auch ziemlich schnell auf die Beine brachte, wurde er von seinen Dorfgenossen akzeptiert und geachtet.

       Im Frühjahr 1924 hatte Vater geheiratet. (Das kam mir erst sehr spät zu Ohren, denn über diese Angelegenheit wurde in unserer Familie nicht gesprochen.) Diese Ehe hatte ihm kein Glück gebracht. Im Sommer erwischte der Vater seine Frau mit einem Mann aus dem Chutor nachts auf dem Stallboden im Heu. Sie mußte noch in derselben Stunde mitten in der Nacht mit ihrem Hab und Gut den Hof verlassen.

       Zu Beginn des Winters 1926, genauer: am 27. November, heiratete er das zweite Mal. Diese Frau, meine Mutter, war damals schon 26 Jahre alt, also 5 Jahre älter als der Vater. Sie war eine Vollwaise. Ihre Eltern waren 1921 in dem schrecklichen Hungerjahr an der Wolga verhungert. Ihre Geschwister Dorothea, Emilie und Bruder Karl waren, wie so viele andere Kinder in jenen Jahren, mit fremden Leuten nach Taschkent ausgewandert. Es hieß, Taschkent wäre eine brotreiche Stadt, wo es sogar keinen Winter gebe.

       Meine Mutter hieß Rosalie, eine geborene Goldmann (geboren am 19. Mai 1900 in Boaro).Sie lebte zu jener Zeit zusammen mit ihrer jüngsten Schwester Olga (deren Geburtsdatum ist mir unbekannt) und diente in einer Familie Lieder als Magd. Von da holte sie auch der Vater nach Rohrgraben. Es war ein kalter, schneereicher Winter. Und als Mutter aus dem großen und einstmals reichen Lieder-Hause in die ärmliche, dunkle Lehmkate trat, konnte sie die Tränen nicht verbergen. Aber die Großmutter brachte sie mit ihrer robusten Art rasch wieder zur Besinnung. Die Kissen wurden schnell von dem einzigen kleinen Fensterchen weggenommen, wo sie den Schnee und das Eis, die das Fenster bedeckten, etwas abtauen sollten. Auch der große Schafspelz wurde von der Stubentür gezerrt, wo er das bißchen Wärme, das der Ofen spendete, halten sollte. Wenn uns später Mutter das erzählte, verteidigte der Vater sich und sein Haus: Aber aus dem Ofen wurde ein fetter Schweinebraten geholt, im Stall standen zwei Melkkühe, ein gutes, schönes Pferd, Schweine und Schafe. Und Brot hatten wir auch genug. Die Großmutter hatte sogar einen Kuchen aus Weizenmehl gebacken und dazu Schnitzensuppe gekocht aus gedörrtem Obst. Ja, zu essen war genug da, mußte ihm meine Mutter beipflichten.

       Die Heirat meiner Eltern war überprosaisch. Wenn Vater wegen irgendeiner Angelegenheit ins Dorf nach Boaro fahren mußte, kehrte er immer bei Vetter Andrusch Bauers an. Dieser Mann war früher mal mit meinem Großvater bekannt. Seine Frau war aber die Cousine von meiner Mutter. So kam dem Mann die Idee, meinen Vater mit der Cousine seiner Frau zu verheiraten, also beide unter Dach und Fach zu bringen. Eines Abends überredete er meinen Vater, zu Lieders zu gehen (wo meine Mutter diente und auch wohnte), um die Rosalie Goldmanns zu freien. Meine Mutter war ja verunsichert, solch einen wichtigen Schritt so aus dem Stehgreif zu wagen (sie kannte ja Vater fast gar nicht). Aber entscheidend war da das Wort der alten Frau Lieder. Das war die Schwester von meiner Großmutter mütterlicherseits . Und meine Mutter wußte auch nur zu gut, daß sie bei den Liedern die längste Zeit gelebt hatte. Wäre die alte Dame erst mal verstorben, wäre die Mutter dort so wie so überflüssig gewesen. Und daß solche alten Jungfern wenig Chance auf eine Heirat hatten, wußte sie auch. Also sagte sie zu. Der Vater übernachtete bei Vetter Andrusch, und am Morgen fuhr er zu Lieders und nahm seine Braut mitsamt ihrem Bündel und fuhr nach Rohrgraben. Das Weitere wissen wir ja.






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