Rohrgraben


       Mein Geburtsort Rohrgraben (in den offiziellen Dokumenten und Landkarten meistens Bauer(n)graben genannt) befand sich 30 km steppeneinwärts (östlich) vom Dorf Boaro. Rohrgraben entstand aus einer Reihe von Landstücken und Einzelhöfen, die sich reichere Bauern aus dem großen Dorf Boaro angelegt hatten, als um der Mutterkolonie herum das Land für die wachsende Bevölkerung nicht mehr ausreichte. Es befindet sich wirklich in einem Netz von Gräben und Bächen, die schließlich in den Kleinen Karaman münden (ein linker Nebenfluß der Wolga). Wann diese Siedlung genau entstand, ist mir unbekannt. Es könnte so um die Mitte des 19. Jahrhunderts gewesen sein. Solche Siedlungen wurden russisch Chutor genannt, so nannten es auch die Deutschen, zum Unterschied vom Dorf Boaro. Die Bauern aus Boaro hatten in jener Gegend mehrere solche Chutore gegründet. Die Bauern lebten dort nur zur Zeit der Aussaat, der Heumahd und der Ernte. Winters befanden sich hier gewöhnlich nur das Vieh und die Knechte. Erst später siedelten sich hier die Bauern fest an. Allerdings war es 1923, als mein Großvater nach seiner Rückkehr aus Sibirien hier ein Stück Land und eine Lehmkate erstand, schon ein kleines Dörfchen. Aber besonders zu Winterszeiten war es hier noch recht einsam und öde. Es gab hier keine Mühle (ohne die ein Bauer nicht auskommen kann), keinen Laden, keine Poststation, keine Verwaltungsbehörde. In die Mühle, in die Bude (wie die Läden und Geschäfte genannt wurden), auf die Post fuhren die Bauern nach Boaro oder nach Marxstadt. Auch Wiesenheu oder ein Stück Holz mußten sich die Bauern aus den Wiesen von Boaro oder Marxstadt holen. Das Dorf begann sich erst richtig zu entwickeln, als die Kolchose gegründet wurden. Der Kolchos, der hier entstand, hatte den Namen Thälmann bekommen. Es wurde eine Schule gegründet (mit einem einzigen Lehrer in dem Haus der enteigneten und verschickten wohlhabenden Familie Geiger), ein kleiner Kramladen, wo die Leute Petroleum, Salz, Zündhölzer und andere Bedarfsartikel kaufen konnten. Auch eine Kolchosverwaltung gab es. Der Dorfsowjet (Dorfrat) war jedenfalls in dem 3 km Richtung Boaro gelegenen Dörfchen "Kippel (das heute auch nicht mehr existiert).

       Eine lebensnotwendige Einrichtung war der Damm, wie der eingedämmte Teich genannt wurde. Vom Damm wurde Wasser zum Kohl- und Rübenpflanzen genommen, zum Beetegießen in den Hausgärten, hier wurde das Vieh im Sommer wie im Winter getränkt. Hier hatte die Dorfherde auch ihre Mittagstrift. (Das Vieh wurde zur Mittagszeit hier her getrieben, stillte hier seinen Durst und erholte sich während der heißen Tageszeit. Aber Schatten gab es leider keinen. Hierher kamen die Hausfrauen mittags, um ihre Kühe zu melken.) Vom Damm wurde Wasser auf die Felder gefahren, um Zieselmäuse (Pfifferte) aus ihren Löchern auszugießen. Diese Tierchen mußten erstens vertilgt werden, weil sie den Feldfrüchten großen Schaden zufügten. Zweitens gaben sie für manche Leute in den Hungerjahren (deren es mehr gab als satte) willkommene Fleischgerichte. Aber den allerwichtigsten Zweck, den der Damm erfüllte (für uns Kinder), war das Baden. Wir lagen tagelang im Wasser. Abends kamen oft auch Erwachsene nach der Arbeit und labten sich hier an dem kühlen Naß. Hinter dem Damm wurden auf einer mehr oder weniger ebenen Fläche Lehmziegel zum Bauen angefertigt. Später entstanden hier Kohlplantagen des Kolchos, da es direkt beim Wasser war.

       Im Dorf gab es anfänglich zwei Brunnen, wo das Trink- und Kochwasser geholt wurde. Beide Brunnen befanden sich hinter dem Damm und waren sehr tief. Das Wasser wurde mit Hilfe einer langen Kette, die an einer Winde befestigt war, durch das Drehen der Winde heraufbefördert. Ein Brunnen befand sich direkt vor Merkers Vaters Gehöft, der zweite war weiter unten im Graben vor einem großen Weidenbaum (das war unter anderem der einzige Baum im Dorf, abgesehen von einigen Kirschbäumchen, die in Vater Merkers Gärtchen wuchsen). Von hier wurde schon zu meiner Zeit (Mitte der 30er Jahre) nur selten Wasser geholt, da der Ausbau des Brunnens schon baufällig war. Manche Leute holten das Trinkwasser mit Handwägelchen und einem kleinen Faß darauf aus dem benachbarten Chutor Boregardt. Da gab es oft Zwistigkeiten zwischen den Boregardtern und den Rohrgräbern. Zu dieser Zeit wurde neben dem Kolchoskontor ein neuer Brunnen gebohrt. Der war noch tiefer. Um da das Wasser heraufzubefördern, wurde über dem Brunnen eine Pumpstation angebracht, die von einem Windmotor getrieben werden sollte. Aber der Windmotor funktionierte aus irgendeinem Grunde nicht. So stand die ganze Anlage längere Zeit außer Betrieb da. Irgendjemand hatte die inneren Streben an dem Turm abmontiert, und eines Nachts, als gerade ein starker Wind brauste, fiel das ganze Turmgestell um. Es war Sommer. Die Kühe der Dorfbewohner standen wie gewöhnlich auf dem Hof im Freien. Unweit von dem Brunnen war die Kuh des Kolchosvorsitzenden (damals war der Dicke Günthers Vorsitzender) an einem Pfahl angebunden. Der Stabilisator (Schweif) der Drehflügel schlug einen halben Meter von der Kuh in die Erde hinein. Das war damals ein großes Dorfereignis, das mir im Gedächtnis geblieben ist.

       Als 1941 die Leute nach Sibirien ausgesiedelt wurden, hatte das Dorf rund 100 Höfe. Die Aussiedlung der Rohrgräber fand am 12. September 1941 statt. Die Leute wurden samt einer kleinen Habe auf Militärautos nach Marxstadt an die Wolga gebracht. (Die Marxstädter waren damals schon weg.) Hier wurden sie auf Lastkähne verladen und auf der Wolga nach Engels zur Bahn gebracht. Da in Rohrgraben fast ausschließlich Deutsche lebten, lag das Dorf nach der Aussiedlung der Einwohner ausgestorben da. Nur ein paar Kasachenfamilien blieben hier und kümmerten sich um das Vieh.

        Im Mai 2002 besuchte ich zusammen mit meinem Verwandten Robert Lieder, der bis zur Aussiedlung in Rohrgraben (Bauergraben) lebte, den Ort des ehemaligen Rohrgraben. Heute haben das Land des ehemaligen Dorfes zwei Familien gepachtet: die Kasachenfamilie Dawletow, die Viehzucht betreibt. Sie besitzen hier ein Zweifamilienhaus. Eine Hälfe davon bewohnen sie selbst, die andere eine Russenfamilie, die bei Dawletow als Gehilfe arbeitet. Die Dawletows besaßen damals ca. 30 Stück Rindvieh, 5 Pferde und 5 junge Fohlen, ca. 30 Schafe, einen Haufen Hühner, Gänse und Enten. Im Dorf Kirowskoje, zu dem das ganze Land hier gehört, haben die Dawletows ein Haus gekauft. Ihre  Adresse: + , , . , . , 14-2.  : 9-11-09. 

        Die zweite Hälfte des Territoriums des ehemaligen Dorfes besteht aus einer Reihe Fischerteiche, die zu beiden Seiten des ehemaligen Dorfteiches angelegt sind. Diesen Teil hat sich der ehemalige Sowchosvorsitzende Gennadij Wassiljewitsch Lebedjew angeeignet (gepachtet).

        Der Dawletow führte uns damals durch das Dorf und erklärte die Umgebung. Man konnte den alten, kleinen Friedhof gerade noch so ausfindig machen, hauptsächlich durch den kleinen Graben um ihn herum. Heute wird hier keiner mehr beerdigt. Weiter abwärts von diesem Friedhof befindet sich ein moslemischer Friedhof: ziemlich groß, von einer Lehmwand umzäunt, mit verschiedenartigen moslemischen Denkmälern, ziemlich gut gepflegt. Vor dem ehemaligen Dorfteich fanden wir einen alten sehr tiefen Brunnen, eingefasst in Betonringen, der heute nicht mehr benutzt wird. Das muss der alte Brunnen sein, der schon zu meiner Zeit fast nicht mehr benutzt wurde, weil die alte hölzerne Einfassung schon damals sehr baufällig und nicht ungefährlich war. Quer durch das ehemalige Dorf führt heute ein aufgeschütteter Weg.

        In Boaro (heute Borodajewka) trafen wir eine alte Kasachin, Frau Teneljowa, Soja, geb. 1928. Sie wohnt: ., 125. Die Frau kam 1930 als zweijähriges Kind mit ihrer Familie aus Kasachstan nach Rohrgraben. Ihr Mädchenname war Kabasowa, Suban. 1948 heiratete sie nach Boaro. Sie konnte sich nur noch sehr wenig an ihr Vorkriegsleben erinnern, sprach aber noch etwas Deutsch. Sie hatte eine sehr leichte deutsche Aussprache, man konnte sofort verstehen, dass sie die deutsche Sprache als Kind erlernt hatte. Als wir sie das zweite Mal besuchten, waren ihre Tochter Bitshanowa, Dshebek Petrowna (Marx, Prospekt Stroitelej, 14, Kwartira 74) und deren Tochter Marina (geb. 1977) hier bei der Großmutter. Sojas Vater hieß Islam. Er hatte noch zwei Brüder: Kakasch und Masi (Andrej). Die Alte bezog jetzt 1350 Rubel Rente (ca. 53 ).

       Einige Zeit nach der Aussiedlung der deutschen Dorfbewohner kamen Familien aus verschiedenen westlichen Gebieten, die vor der deutschen Okkupation geflohen waren, ins Dorf. Das Land war aber einer benachbarten Sowchose einverleibt worden. Die Einwohner verließen nach und nach das Dorf. Die hölzernen Gebäude (z.B. die Getreidespeicher) wurden meistens in das Zentralgehöft der Sowchose gebracht, in die 7 km entfernte Siedlung Kelke (heute: das Dorf Kirowskoje, Sowchos Kriwowskij). 1961 verließen auch die letzten Einwohner das zerrüttete Dorf. Nur die Viehfarm und ihre Betreuer blieben hier. Etwas später machten sich hier Fischer breit, baggerten noch einige Teiche aus und beschäftigten sich mit Fischzucht. (Siehe das Kapitel Wolgareise 1996 meiner Biographie.)

       Die vorliegende Skizze wurde von den Autoren nach dem Gedächtnis angefertigt. Es ist nur eine schematische Zeichnung von Rohrgraben, ohne Maßstab. Die Hausnummern sind willkürlich gewählt, in Rohrgraben gab es weder Straßennamen, noch Hausnummern. Die Häuser standen im Dorf natürlich nicht in so streng geraden Reihen, wie sie in der Skizze dargestellt sind. Die Straßen, Gassen und Wege krümmten sich manchmal nach dem Gelände. Die Häuser hatten natürlich verschiedene Größen und Formen. Die Namen der Dorfbewohner sind manchmal mit kleinen Kommentaren versehen, um das Gedächtnis aufzufrischen.






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