Großvater und Großmutter väterlicherseits


       Also, mein Großvater Johannes, der große Herber genannt, wurde am 26. Dezember 1864 in Boaro geboren. (Es muß darauf hingewiesen werden, daß in Rußland bis 1918 alle Geburts- und andere kalendarische Daten alten Stils sind, d.h., daß dort bis 1918 noch nach dem Julianischen Kalender gerechnet wurde.) Er gehörte zu der ärmeren Schicht der Bauern. Wo seine Familie in Boaro gewohnt hat, ist mir unbekannt. Mehrere meiner Nachforschungen blieben erfolglos. Die Aussiedlung der Deutschen von der Wolga 1941 hatte alles durcheinander gebracht.

       Laut Revisionsliste von 1883 heiratete mein Großvater Johannes im Jahre 1885 Anna Katharina Bauer. Da ist auch die Rede von einem Sohn Johannes, der ihm 1886 geboren wurde, aber schon 1887 verstarb.

       Von seiner ersten Frau hatte der Großvater, nach den Erzählungen meines Vaters, noch drei Kinder, die auch alle drei groß wurden. Das waren zwei Söhne: David(1891-1943, der Großvater von Katja Hübert, Selma Pees und Ella Rosenfeld) ; ein weiterer Johannes (Geburtsjahr und weiteres Schicksal unbekannt) und die Tochter Pauline. Ihre genauen Daten fehlen auch. Es ist nur bekannt, daß sie mit einem Friedrich Neuwirt kurze Zeit verheiratet war. Nach Schätzungen müßte sie etwa 1893 in Boaro an der Wolga geboren und etwa 1926 in Krasnojar (Gebiet Omsk) verstorben sein. Als sie starb, hinterließ sie ein Waisenkind unsere spätere Tante Lyda (die Mutter der oben genannten Katja, Selma und Ella), die von ihrem Onkel David erzogen wurde.

       Was mit Großvaters erster Frau geschah, wie und wann sie gestorben ist, weiß ich ebenso wenig wie ihren genauen Namen. Nach mündlichen Überlieferungen soll sie ein ziemlich starrköpfiges Weib gewesen sein, die sich nur schwer in die rohe Herber-Familie hineinfügte und deshalb mit den Schwiegereltern oft in Konflikte geriet.

       So um 1904 heiratete mein Großvater Johannes (der Große Herber) zum zweiten Mal: Maria Susanna Kutscher aus dem Nachbardorf Beckerdorf (früher hieß es Ernestinendorf, heute Berjosowka). Großmutter Suse habe ich persönlich noch gut gekannt. Laut ihren Erzählungen während der langen Winterabende in Sibirien in der Kriegszeit war sie auch schon ein Mal verheiratet. Aber wann und wo das ist unbekannt. Ihr Mann war Zuschläger (Hammerschmied) in der Schmiede ihres Vaters Peter Kutscher, der von Wuchs ein kleiner Mann, aber ein anerkannter Schmiedemeister war. Sie liebte ihren ersten Mann nicht und heiratete ihn nur, weil ihr Vater es so wollte. Mit dem ersten Mann hatte sie ein Töchterchen, das in Sibirien als kleines Kind verstarb. Die Großmutter lebte mit ihrer Familie einige Jahre in Sibirien, unweit von Omsk. Ihr erster Mann war in den Armeedienst einberufen worden und kam nicht mehr zurück. Nach dem Tod der kleinen Tochter zog Großmutter mit ihrer Familie irgendwann wieder an die Wolga zurück.

       1903 oder 1904 heiratete sie meinen Großvater. Am 13. Januar 1905 alten Stils wurde in Boaro mein Vater Alexander geboren. 1907 zog die Familie mit noch 10 oder 12 Familien aus Boaro mit Pferden und Planwagen, mit Vieh und sämtlichem Hausrat nach Sibirien. Sie fuhren 2,5 Monate lang, hielten mittags, um Essen zu kochen, ein Mal in der Woche rasteten sie einen ganzen Tag, um sich gründlich zu baden, Wäsche zu waschen, etwas zu reparieren, das Vieh sich erholen zu lassen. Die meisten Männer ritten gewöhnlich auf Pferden und waren bewaffnet mit Jagdflinten. Als sie durch die kasachisch-kirgisischen Steppen zogen, ritt immer ein kleiner Trupp weit voraus, um die Gegend und die Lage auszukundschaften, denn dort mußten sie stets mit Überfällen der halbwilden Nomadenvölker rechnen. Die Kirgisen raubten oft Pferde oder anderes Vieh. Dann mußten die Umsiedler manchmal bis drei Tage haltmachen, bis sie das Vieh wieder gefunden und zurückerobert hatten. So manches ging auch für immer verloren.

       Der Treck kam bei Omsk im Spätherbst an. Die Familie meines Großvaters ließ sich im Dorf Alexandrowka, 60 km von Omsk, nieder. (Damals wurde das Dorf von den Einwohnern Koschkel genannt. Koschkel war aber eigentlich der kleine See, an dem sich das Dorf befand. Der See ist inzwischen verschwunden, und heute kennt kaum jemand den Namen Koschkel noch.) Ob sie dort eine eigene Unterkunft hatten, weiß ich nicht. Ich erinnere mich nur, wie mein Vater erzählte, daß sich sein Vater bei reichen Leuten als Knecht verdingt hatte, um den Unterhalt für die Familie zu erarbeiten. Die älteren Kinder mußten auch arbeiten. Als mein Vater 5-6 Jahre alt war, mußte er auf dem Pferd Vieh hüten, oder bei der Ernte auf dem Pferd das Getreide ausreiten. (Das Pferd wurde vor einen ca. 1 m langen achtzackigen 25-30 cm hohen Stein gespannt, der über das auf der Tenne ausgebreitete Getreide geschleppt wurde und es so ausdrasch.) Über diese Arbeit hat der Vater oft erzählt. Er konnte nicht vergessen, daß ihm damals der Bauer eine neue Hose versprochen, aber nicht gegeben hatte.

       Als sich die Familie nach mehreren Jahren unter größten Mühen etwas hochgearbeitet hatte, begannen in Sibirien die Wirren der Revolution und des Bürgerkrieges, wobei das Zusammengesparte fast alles wieder draufging. Die vielen Jahre unmenschlich harter Arbeit hatten den Großvater krank und müde gemacht. Er hatte Angst, er könnte plötzlich wegsterben und die Familie (Frau und drei Kinder, die von der ersten Frau waren ja schon erwachsen und selbständig) allein in der Fremde zurücklassen. Für ihn war Sibirien nicht zur Heimat geworden, seine Heimat war die Wolga. Für die Kinder war das vielleicht anders. Mein Vater kam zweijährig nach Sibirien. Seine zwei jüngeren Brüder (Peter, geboren 1910, und Adolf, geboren 1915,) wurden ja sogar in Sibirien geboren. Laut Dokumenten aus dem Archiv von Omsk hatte Großmutter dort noch zwei Söhne geboren: einmal einen Heinrich im Jahre 1913, dann wieder einen Heinrich 1919, aber beide starben wahrscheinlich noch als Kleinkinder). Großvaters einziges Ziel und Streben war: die Kinner hejm in ihre Heimat brengen, daß sie mich nicht die Knochen am Leib verfluchen, wenn ich mal tot bin.

       Im Sommer 1923 wurde alles verkauft das bißchen Land, das Häuschen, das Vieh usw., und los ging es mit der sibirischen Eisenbahn an die Wolga, wieder nach Boaro, von wo sie vor 16 Jahren weggefahren waren. Im Dorf blieben sie aber nur einige Tage, dann kaufte der Großvater von einer reichen Familie ein kleines Anwesen mit einer Lehmkate und 18 Desjatinen Land (1 Desjatine = 1,09 ha) 30 km vom Dorf entfernt in der Steppe, auf dem Chutor (Weiler) Rohrgraben. Kaum hatten sie sich da eingerichtet, wurde der Großvater krank. Am 3. August 1923 starb er an Fieber. Beerdigt wurde er im Dorf Boaro.






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