Einleitung. Die Urahnen.


       Also muß ich mir einen Ruck geben und die Arbeit beginnen, wenn ich auch nur Bruchstücke liefern kann.

       Noch vor 1941, vor dem 2. Weltkrieg, als wir noch an der Wolga lebten, erzählte mir der Vater oft von seiner Kindheit, seinen Eltern und Verwandten. Die Herbers, d.h. Vaters Eltern und Großeltern väterlicherseits, lebten im Dorf Boaro (heute: Borodajewka), das sich auch heute noch auf der Wiesenseite (linkes Wolgaufer), 10 km von dem Rayonzentrum Marx (früher: Marxstadt) entfernt, steppeneinwärts befindet.

       Das Wort Boaro stammt aus dem französischen Bois roux (soviel wie Roter Wald). Wieso die damalige Kolonie diesen Namen erhielt ist mir unbekannt. Laut Beratz: Die deutschen Kolonien an der unteren Wolga in ihrer Entstehung wurde diese Kolonie am 7. Juni 1767 gegründet. Dort lebten damals 109 Familien mit insgesamt 281 Einwohnern männlichen und weiblichen Geschlechts. 1912 waren es 6063 Einwohner. Boaro gehörte damals zum Ujesd (Kreis) Nikolajewsk im Gouvernement Samara und lag am Ufer des Kleinen Karaman, einem Nebenfluß der Wolga. (Damals gehörten alle Kolonien auf der linken Seite der Wolga zum Gouvernement Samara, die auf der rechten Wolgaseite zum Gouvernement Saratow). Die Poststation für Boaro war damals in Katharinenstadt (Baronsk, Marxstadt, heute: Marx).

       Die ersten Herber-Familien (jedenfalls unsere Vorfahren), die aus Deutschland an die Wolga kamen, lebten aber nicht in Boaro. Mein Vater erzählte mir immer, daß die erste Herber-Famile, seine Vorfahren, aus einer Witwe mit einem 10-12jährigen Sohn bestand, die nach Boaro von der Bergseite (dem rechten Wolgaufer) hereingewandert waren. Wann das war und aus welcher Kolonie sie genau kamen, das wußte mein Vater auch nicht. Der Junge soll nach Vaters Angaben Karl geheißen haben (später fand ich aus den Dokumenten im Archiv von Engels heraus, daß er nicht Karl, sondern Johannes hieß. Gottlieb Carl hieß sein ältester Sohn.) Dieser Johannes, der der Stammvater unserer Herbers war, hatte später 6 Söhne und 5 Töchter. Der 2. Sohn, mit Namen Christian, war mein Urgroßvater. Das ist dokumentarisch belegt. (Den genaueren Zusammenhang werde ich später in einem Stammbaum aufzeichnen.)

       Mein Urgroßvater Christian (am 06.12.1831 in Boaro geboren) heiratete Katharina Christiane (nach anderen Angaben: Maria Christiane) Kappes (Jahr der Eheschließung ist noch unbekannt). Sie hatten nach einer Revisionsliste (Volkszählungsliste) aus Boaro von 1883 3 Söhne und 1 Tochter. Söhne: 1) Johannes ( geb. am 26.12.18 64) 2) Salomon ( geb. am 18.04.1869) 3) David ( geb. am 24.08.1871) 4) Tochter Berta (Geburtsdatum unbekannt).

       Salomon verstarb 1888, also ca. 19 Jahre alt. Von der Tochter Berta ist weiter nichts bekannt. Der 1871 geborene David war der Stammvater aller Herbers, die vor ihrer Ausreise nach Deutschland im Dorf Kairma in Kirgisien lebten. Der älteste Sohn Johannes war mein Großvater väterlicherseits.

       Von meinem Ururgroßvater Johannes, von meinem Urgroßvater Christian und von meinem Großvater Johannes besitze ich einige zwar spärliche, aber dokumentarisch belegte Angaben. Aus mündlichen Überlieferungen weiß ich noch, daß sowohl der Urgroßvater als auch der Großvater Bauern von Beruf waren, aber ihre Familien nur recht und schlecht ernähren konnten. Vom Großvater Johannes weiß ich, daß er sich in manchen Jahren auch als Bauernknecht verdingen mußte, ja er war sogar gezwungen, auch seine minderjährigen Kinder bei reicheren Leuten fürs tägliche Brot arbeiten zu lassen. Sowohl der Urgroßvater als auch der Großvater waren groß von Wuchs und stark, so daß von ihren Kräften bei ihren Landsleuten verschiedene Legenden in Umlauf kamen. Großvater Johannes wurde im Dorf nicht anders als der Große Harber genannt. Aber an Charakter sollen es grundverschiedene Leute gewesen sein: der Urgroßvater war jähzornig und in der Familie ein richtiger Despot. Man erzählte z.B., daß er seine erwachsenen Söhne und Schwiegertöchter mit der Peitsche züchtigte den Sohn im Beisein von dessen Frau, die Schwiegertochter im Beisein ihres Mannes. Der Großvater wiederum war ein stiller und geduldiger Mann. Er ließ sich alles von seinem Vater gefallen, obwohl er an Größe und Stärke ihn noch weit übertraf. Er benutzte seine Kräfte nur bei übermäßiger Arbeit, was ihn auch relativ früh ins Grab brachte. Von ihm wird noch weiter die Rede sein.

       Den Stammvater meiner Herber-Vorfahren in Boaro hätte ich somit gefunden. Jetzt habe ich aber im Archiv von Saratow drei Herber-Familien entdeckt, die, manche vielleicht auch nur zum Teil, von Deutschland kamen und sich am rechten Wolgaufer in der Kolonie Bujdakow Bujerak angesiedelt hatten. Daß zwei von ihnen im Frühjahr und Sommer 1766 in Hessen getraut wurden, um anschließend an die Wolga zu wandern, das entnahm ich hier in Deutschland aus den Kirchenbüchern. Aber welche von den drei Familien die Stammfamilie unserer Herbers war das ist die große Frage. Nach meinen Nachforschungen könnte einer von mindestens 6 Söhnen der Eingewanderten der Vater meines Ur-Ur-Großvaters Johannes in Boaro sein. Also welcher? Das konnte ich bis jetzt leider noch nicht klären. Da muß noch in den Archiven von Saratow, Wolgograd und Samara nach den (noch nicht aufgefundenen) Revisionslisten aus der Kolonie Bujdakow Bujerak weitergesucht werden, und zwar nach den Listen folgender Revisionen: Nr. 5 (für 1783), Nr. 7 (für 1816) und Nr. 8 (für 1934) aus der Kolonie Bujdakow Bujerak; und Nr. 6 ( für 1798), Nr. 7 (für 1816) aus der Kolonie Boaro (Bois roux). Man kann auch noch nach Angaben in Kirchenbüchern nachforschen. Es wäre auch gar nicht so schlecht, wenn man weitere Angaben über die 1766 ausgewanderten Personen fände (Geburtsdaten und Geburtsorte, andere Verwandte). Die müßte man hier in Deutschland suchen, besonders in Hessen. Die meisten Herber sind doch wohl 1766 aus Hessen ausgewandert. Auch heute leben in Hessen noch die meisten Herber-Familien. Von ca. 1350 Familien mit dem Namen Herber leben in Hessen allein über 370 Familien.

       In Rußland ist es schwierig, den Familiennamen Herber von Gerber zu unterscheiden, denn , da es im Russischen keinen Laut und Buchstaben H gibt, werden alle solche Namen mit G geschrieben. Es gibt in Rußland auch Deutsche mit dem Namen Gerber. So muß demnach nicht jeder Gerber ein Herber sein, aber auch nicht unbedingt ein Gerber.

       Um alle diese Daten und Angaben zusammenzubringen, habe ich Hunderte von Briefen an verschiedene Kirchen, Archive und Einzelpersonen in Deutschland und in Rußland geschrieben, habe selbst mehrere solcher Institutionen aufgesucht, war dreimal an der Wolga und arbeitete in den Archiven von Engels und Saratow, war zweimal in den Archiven von Petersburg. Aber ich muß doch wohl noch öfter solche Archive in Rußland besuchen, dort kommt man, wenn auch mit großem materiellem Aufwand und mit viel Mühe, am ehesten zu etwas.

       Jetzt aber wieder zurück zu Zeiten und Personen, über die ich mehr schriftliche Angaben, mündliche Überlieferungen und eigene Erinnerungen besitze.






Inhaltsverzeichnis

© DIE GESCHICHTE DER WOLGADEUTSCHEN.