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Das 29. Bundestreffen der Russlanddeutschen
(Wiesbaden, am 26. Mai 2007)



Das 29. Bundestreffen der Russlanddeutschen (in Wiesbaden, am 26. Mai 2007) wurde sowohl in der deutschen als auch in der russischen Presse in Deutschland weitgehend erörtert. Ich mache diese Aufzeichnungen hauptsächlich für mich selbst und für meine Freunde und Verwandte, die, auch immer aus welchen Gründen, mit der Presse nicht sehr bekannt sind. Außerdem beschreibe ich hier nur das, was ich selbst gesehen, erlebt, gelesen und gehört habe. So dass von einer allumfassenden Schilderung dieses Ereignisses in dieser

Wie immer, wenn ich eine Reise vor mir habe, machte ich mich auch diesmal schon zwei Wochen zuvor Gedanken, schmiedete Pläne, obwohl es noch gar nicht so richtig feststand, ob ich überhaupt diesmal dorthin fahren würde. Natürlich wurde dieses Ereignis Hauptgegenstand unserer Gespräche, wenn wir mit meinem Freund Alexander Muth alltäglich unsere stundenlangen Spaziergänge machten. Also schmiedeten wir jetzt unsere Pläne schon zu zweit. Alexander zweifelte anfänglich noch, ob er zu dem Treffen fahren würde oder nicht. Es gab da noch mehrere Haken, die erst mal aus dem Weg geräumt werden mussten. Erstens war die Fahrt mit dem Zug für Alexander ziemlich teuer. Ich hatte ja eine Bahncard und konnte die Fahrkarten für den halben Preis kaufen. Alexander musste den vollen Preis zahlen. Dann erinnerte ich mich, dass ich einmal mit meinem Bekannten mit meiner Bahncard zu zweit für den halben Preis Fahrkarten bekam. Diesen Punkt musste man mal nachgehen.

Außerdem war da noch das große Problem mit den Übernachtungen in Wiesbaden. Ich war ja schon so viel in Deutschland gereist, habe auch sehr viele Bekannte, aber gerade in Wiesbaden kannte ich niemand. Schließlich erinnerte ich mich, dass mein Bekannter und ehemaliger Arbeitskollege ja irgendwo nicht weit von Wiesbaden wohnte. Ich studierte mein altes Adressbuch und fand wirklich die Adresse und die Telefonnummer von Onkel Sascha Baron (eigentlich ist sein Vorname Kornelius). Er wohnt mit der Familie seines jüngsten Sohnes Waldemar in dem Städtchen Hochheim, 15 km von Wiesbaden entfernt. Ich rief die Leute auch sofort an und sprach mit Wolodja und mit Onkel Sascha. Die waren natürlich einverstanden, dass wir bei ihnen zwei Nächte verbringen konnten. Es hatte sich auch so zugetragen, dass die Eheleute Wolodja und Nina übers Wochenende wegfuhren. Beide sind leidenschaftliche Volleyballspieler und fuhren zu Pfingsten irgendwohin zu einer Meisterschaft. So dass sie uns ihr Schlafzimmer mitsamt Ehebett zur Verfügung stellten. Wolodja sagte mir, wenn wir am Freitag bist 12 Uhr mittags in Hochheim ankämen, würde er uns mit dem Auto abholen. Also war dieses Problem vollständig gelöst. Am nächsten Abend, beim Spazierengehen teilte ich die frohe Nachricht meinem Freund Alexander mit. Jetzt verabredeten wir uns, am anderen Morgen uns um 9 Uhr an der Bahnhofskasse zu treffen, um erst mal die Sache mit den Fahrkarten auszukundschaften. Fahrkarten lösen wollte ich erst später, zwei Tage vor der Abfahrt. Es konnten ja noch unvorhergesehene Dinge passieren (Krankheiten u. a.), dann hätte man die Fahrkarten zurückgeben müssen.

Als wir am nächsten Morgen zur Bahnhofskasse kamen, stellte sich heraus, dass der Trick mit den zwei Fahrkarten zum halben Preis auf einer Bahncard nicht mehr funktionierte. Aber die Kassiererin sagte uns, wenn wir bereit wären, mehrere Umsteigungen in Kauf zu nehmen, könne sie uns noch Fahrkarten zum Spartarif verkaufen, allerdings müssten wir auch gleichzeitig Fahrkarten für die Rückfahrt lösen. Sie stöberte im Computer herum und erklärte dann, dass wir eine Fahrkarte 2. Klasse für zwei Personen von Horn-Bad Meinberg nach Hochheim und wieder zurück mitsamt 2 Reservierungen für 140 bekommen könnten. Allerdings müssten wir die Karten sofort lösen, denn sie wisse nicht, wie lange dieser Tarif noch gültig sei. Wir sollten nur 20 anzahlen und ich könnte die Karten dann morgen auskaufen. So machten wir es auch. Am anderen Morgen holte ich die Karten.

Jetzt waren die beiden größten Probleme gelöst: es war für Quartier gesorgt und auch die Fahrkarten hatten wir schon in der Tasche. Aber, als ich zu Hause die Fahrkarten eingehender studiert hatte, fand ich heraus, dass die Fahrkarte von Horn-Bad Meinberg bis Wiesbaden lautete, in der Zugverbindung hieß es aber: von Horn-Bad Meinberg bis Hochheim und zurück. Aber wir brauchten ja wirklich am ersten Tag gar nicht nach Wiesbaden, auch beim Zurückfahren nicht. So machte ich mich am nächsten Tag wieder auf den Weg zum Bahnhof und klärte dort das Missverständnis. Es stellte sich heraus, dass der Computer auch bei der Eingabe von Hochheim die Fahrkarte stets bis und von Wiesbaden ausdruckte. Wir sollten uns aber dadurch nicht irritieren lassen und der Zugverbindung folgen. Jetzt war die Welt für mich wieder heiler geworden. Also, wir mussten am 24. Mai (Freitag) um 6 Uhr 30 von Horn-Bad Meinberg abfahren mit Umsteigungen in Bielefeld, Köln, Frankfurt Hauptbahnhof, von da zu Fuß in den Tiefbahnhof und von hier nach Hochheim. Dort mussten wir bei den Barons übernachten und am Samstagmorgen nach Wiesbaden zum Treffen fahren und am Abend wieder zurück zu unserem Nachtquartier. Am Sonntagmorgen von Hochheim nach Frankfurt zum Tiefbahnhof, dann vom Hauptbahnhof bis Kassel/Willhelmshöhe, dann über Warburg, Altenbeken nach Horn-Bad Meinberg. Von Hochheim nach Wiesbaden und am Abend zurück wollten wir mit dem Zug fahren. Vom Bahnhof Hochheim zu Barons sollten wir ja abgeholt werden. Sonst wollten wir vom und zum Bahnhof Hochheim mit dem Bus oder mit dem Taxi fahren. So war es geplant. Aber, wie es so heißt: Der Mensch denkt und Gott lenkt.

Wie auch vor jeder weiteren Reise musste ich auch diesmal zweimal umpacken. Zuerst verpackte ich meine Sachen in eine leichte und bequeme Tasche, aber dann stellte sich heraus, dass ich die Tasche größere Strecken unmöglich tragen könnte. So packte ich alles wieder um in den kleinsten Koffer mit Rollen, den ich besitze, den rollen ist immer noch leichter als tragen, obwohl der Koffer ganze 9 Kilo wog (die Tasche war vielleicht ein paar Hundert Gramm leichter).

Wir vereinbarten, dass ich am Freitagmorgen Alexander um halb 6 Uhr telefonisch wecken sollte, falls er noch schlafen würde. Ich erwachte nachts einige Male und stieg um Viertel vor 5 endgültig aus dem Bett. Ich duschte und rasierte mich, dann rief ich Alexander an, der aber auch schon auf den Beinen war. Ich frühstückte etwas, holte die Wurst und die Butterbrote als Wegzehrung aus dem Kühlschrank, verstaute sie noch im Koffer, zog mich an, ging um 6 Uhr aus dem Haus und zockelte so langsam zum Bahnhof. Nach 10 Minuten traf auch Alexander ein.

Draußen war es angenehm kühl, aber plötzlich zog ein starkes Gewitter auf mit Donnern, Blitzen und etwas Regen. Aber da kam auch der Zug schon auf dem 2. Gleis an, und wir stiegen ein, um bis nach Bielefeld zu fahren. Auch in Bielefeld klappte alles wie am Schnürchen. Wir stiegen ohne Hektik in den Zug nach Köln, zumal wir ja reservierte Plätze besaßen. Aber die Reservierung hatte sich nicht gelohnt, der Waggon war in den frühen Morgenstunden halb leer. Ich vertiefte mich in meine Kreuzworträtsel, Alexander studierte die Zugverbindung, und so kamen wir mit ein paar Minuten Verspätung in Köln an. Hier begann unsere Pechsträhne. Unser Zug nach Frankfurt wurde per Lautsprecher annulliert. Man schickte uns zu einem anderen Gleis in einen anderen Zug. Als wir dort schon eingestiegen waren (nicht nur wir beiden), vermeldete der Lautsprecher wieder, der Zug ende hier und fahre nicht weiter. Die Leute, die nach Frankfurt fahren wollten, wurden wieder zu einem anderen Zug geschickt. Der kam aus Amsterdam und fuhr nach München über Frankfurt. Er war schon gepfropft voll. Alexander ging voran und ich zog meinen Koffer hinterher. In irgendeinem Waggon fand Alexander zwei leere Plätze hintereinander und wir ließen uns erschöpft nieder. Ich hatte einen Platz an einem Tischchen, Alexander direkt hinter mir. Zu meinem Unglück waren wir in einem Raucherwaggon gelandet. Die drei Fahrgäste an dem Tischchen tranken Bier, spielten Karten, rauchten, lachten und grölten. So war es auch meistens an den anderen Plätzen. Alexanders Nachbar verhielt sich ruhig. Alexander bot mir an, unsere Plätze zu tauschen. So konnte ich diese Hölle etwas leichter aushalten. Der ganze Waggon machte den Eindruck, als ob die Leute fast alle aus einem Narrenhaus ausgebrochen wären. Kein bisschen Anstand! Kein bisschen Rücksicht auf andere Passagiere! Und das soll europäische Kultur sein! Aber der Zug kam schließlich in Frankfurt/Hauptbahnhof an und wir stiegen erleichtert aus. Ich fragte sofort bei einer Gruppe Eisenbahndiener, wie man in den Tiefbahnhof gelangen könne. Man antwortete mir: Vor bis zum Bahnhofsgebäude, dann links und auf die Rolltreppe hinunter. Das war leicht zu finden und wir waren bald auch schon im Tiefbahnhof. Die Zeit war sehr knapp, und wir stiegen in der Eile wieder in einen falschen Zug. Das erfuhren wir aber erst, als wir das Gleisschema studiert hatten. Dieser Zug fuhr nicht nach Hochheim, sondern auf einer anderen Strecke, die parallel verlief, an Hochheim vorbei. Als wir an der Station Mainz-Kastell auf der gleichen Höhe mit Hochheim waren, stiegen wir aus und wollten noch einmal umsteigen. Wir setzten uns erst mal auf eine Bank und ich rief per Handy die Barons an. Am Telefon war Edik, Onkel Saschas Enkel, der Sohn von Wolodja. Es stellte sich heraus, dass seine Eltern schon weggefahren waren. Edik sagte, wir seien nur 8 km von ihnen entfernt. Wir sollten am besten ein Taxi nehmen. So machten wir es auch. Wir hätten ja so wie so am Bahnhof von Hochheim ein Taxi nehmen müssen. Der Taxifahrer, ein Pakistaner, sagte, es koste 12 Euro. Wir stiegen ein. Unterwegs verabredete sich Alexander mit dem Fahrer, dass er uns morgen früh um 8 Uhr von unserem Quartier abholen und nach Wiesbaden zu den Rhein-Mainz-Hallen bringen sollte. Das koste 20 Euro, sagte der Fahrer. Er brachte uns beinahe vor die Tür von Barons Wohnung.

Wir wurden von Onkel Sascha und Edik empfangen. Sie zeigten uns unser Nachtlager (das Schlafzimmer von Wolodja und Nina) und die anderen Räumlichkeiten. Wir trugen unsere Sachen ins Schlafzimmer. Ich wollte mich vor allem etwas frisch machen, denn ich war ganz verschwitzt. Alexander unterhielt sich inzwischen mit Onkel Sascha. Dann gingen wir in die Küche. Onkel Sascha wärmte eine Suppe auf (Schorpo eine kaukasische Suppe mit kleinen Fleischbröckchen und Reis). Auf dem Tisch standen schon ein Teller mit geschnittener Wurst, Käse u. a. Unsere mitgebrachten Lebensmittel verstauten wir im Kühlschrank. Wir nahmen jeder einen Schluck Kognak und ließen es uns schmecken. Nach dem Mittagessen legten wir uns auf unsere Betten und ruhten ca. 1 Stunde lang aus. Danach tranken wir Tee und machten dann zu dritt einen Spaziergang bis zur nächsten Bushaltestelle, um den Weg dorthin auszukundschaften für den Fall, wenn wir mit dem Bus zum Bahnhof fahren wollten. Der Bus musste laut Fahrplan am Sonntagmorgen um 10 Uhr hier vorbeifahren bis zum Bahnhof Hochheim. Als wir den Fahrplan zur Genüge studiert hatten, machten wir uns auf den Rückweg. Ich fühlte mich miserabel die Hitze und mein rechtes Bein machten mir sehr zu schaffen. Unterwegs kehrten wir an einem großen freien Platz ein, der von hohen Bäumen umsäumt war. Hier spielten Kinder Ball, sonntags diente der Platz als Marktplatz. Wir setzten uns im Schatten der Bäume auf eine Bank und ruhten uns wieder aus. Von dort waren es noch ca. 300 m bis zu unserem Haus in der Nordstädter Straße, Haus Nr. 2.

Zu Hause gab es Abendbrot: Wurst, Käse, Brötchen, Honig, Süßigkeiten und Tee. Wir machten 2 Flaschen mit Tee zurecht für den morgigen Tag zu trinken. (Ich trank in diesen zwei Tagen mehr Tee als zu Hause in einem Monat.) Dann saßen wir lange, zuerst auf dem kühlen Balkon, dann im Wohnzimmer und unterhielten uns über allerlei Dinge. Eduard bekamen wir, wie gesagt, gar nicht zu sehen. Gegen 12 Uhr gingen wir schlafen mit dem Ziel, um 7 Uhr aufzustehen, denn das Taxi war für 8 Uhr bestellt.

Ich erwachte am Samstagmorgen ca. um 6 Uhr. Dann erhoben sich allmählich auch Alexander und Onkel Sascha. Wir frühstückten und genau um 8 Uhr waren wir zwei draußen. Das Taxi stand schon vor der Tür. Es war aber ein anderer Taxifahrer (auch ein Pakistaner). Er brachte uns direkt nach Wiesbaden vor den Eingang der Hallen.

Wir gingen hinein ins Foyer des Erdgeschosses, direkt zur Kasse, wo wir zwei Eintrittskarten lösten, 10 Euro die Karte. Dann gingen wir zu einer breiten Treppe, wo wir die Karten abgaben und einen Stempel auf den Handrücken erhielten. (Der Stempel diente als Eintrittskarte, wenn wir mal im Laufe des Tages das Haus verlassen würden und wieder hineingehen wollten.) Überall standen Diensthabende, die auf Ordnung achteten und den Gästen behilflich waren. Beim Eintreten ins Foyer in der 1. Etage wurden unsere Taschen flüchtig geprüft, damit keine Spirituosen und unerlaubte Gegenstände hineingetragen wurden. Diese Ordnung war ja auch schon in der Zeitschrift Volk auf dem Weg angesagt. Außer den Diensthabenden standen und gingen überall auch stramme Jungens der Sicherheitskräfte in schwarzer Uniform herum. Mit einem Wort die Ordnung war auf der Höhe, was uns besonders imponierte.

Am Eingang zur 1. Etage trafen wir sofort unser bekanntes Ehepaar Lilly und Horst Buchholz. Es war eine echte Freude, die Leute nach orsts KranHHoHH Horsts Krankheiten wieder auf den Beinen zu sehen. Sie standen hier und warteten auf Bekannten. Wir unterhielten uns etwas, machten mehrere Fotos, verabredeten uns, dass wir uns im Laufe des Tages hier noch treffen werden, und gingen dann weiter. Wir gingen mit Alexander zu einer großen Halle mit Amphitheatern. Hier sollten die Eröffnungsfeiern und der Gottesdienst stattfinden. Alexander wusste, dass ich für diese Veranstaltungen nicht viel übrig hatte (denn ich verstehe ja wegen meines schlechten Gehörs so wie so fast nichts). Er sagte, jeder könne jetzt seinen Interessen nachgehen, aber um 7 Uhr abends, vor dem Nachhausefahren, wollten wir uns unten im Foyer treffen. Er interessierte sich in erster Linie für die Feierlichkeiten und den Gottesdienst.

Ich schlenderte langsam durch die Hallen, kaufte am Stand der Landmannschaft 2 Karten der ehemaligen Wolgarepublik, dann eine CD mit der Geschichte der Russlandsdeutschen. Dann kam ich an den Stand der amerikanischen Delegation. Ich hätte hier gern etwas über die Geschichte der Wolgadeutschen in englischer Sprache für Karl und Barbara (meine Bekannten in Amerika) gekauft. Aber hier gab es nur ein Buch über die Geschichte eines Dorfes im Kaukasus (oder in der Ukraine) in englischer Sprache. Außerdem konnte man hier Vordrucke für Suchanzeigen in russischer und deutscher Sprache bekommen, es lagen zum Mitnehmen ganze Stöße Visitenkarten von Herrn Miller da. Man sagte mir, er sei auch hier, ich konnte ihn aber nicht sehen. In der amerikanischen Delegation war ein ältlicher Herr (Homer Rudolf), der einigermaßen Deutsch sprach, und mit dem ich mich länger unterhielt. Wir tauschten unsere Anschriften, und ich machte einen Haufen Fotos. Ich nahm hier auch einige Suchvordrucke. Aber die Zieladresse war hier nicht mehr gültig. Ich bat, mir die Adresse aufzuschreiben, was man auch bereitwillig tat. Aber ich konnte es nicht lesen. Da bemühte sich eine Dame und schrieb mir die Adresse in Druckbuchstaben, die ich jetzt gut lesen konnte:

Robert Benson

624 Shangri Lane

Sacramento, CA., 95825-5505, USA.

Weiter schlenderte ich stundenlang durch die unzähligen Hallen, aber, ob ich auf diese Art in alle Hallen kam, das bezweifle ich. Ich suchte die Hallen der alten und neuen Siedungsgebiete mehrere Male auf, fand auch die Tische mit den Schildern Kirgisien, Frunse, Talas da war anfänglich kein Mensch. Ich setzte mich auf einen Stuhl, trank aus meiner Flasche etwas gekühlten Tee und ruhte mich aus. Es kamen einige Personen aus Kirgisien, aber keine Bekannten.

In den meisten Hallen waren Stände mit Lebensmitteln aufgebaut. Da konnte man kalte Speisen und Getränke bekommen (natürlich nur alkoholfreie), warmes Mittagessen, von sibirischen Pelmeni bis zu kaukasischen Tscheburecki. Ich verspürte keinen Hunger, wollte mir auch in dieser Hitze den Magen nicht voll laden. Ich machte noch einige Runden durch die Hallen, die eher einem Jahrmarkt glichen (es gab hier auch viele Stände mit Museumsartikeln: seltene alte Bücher, die liebevoll restauriert waren, ältere und neuere Bilder, alte Schreibmaschinen, Telefone, Fotoapparate, verschiedene kunstvolle Handarbeiten), die alle nicht zum Verkauf, sondern zum Bewundern ausgestellt waren. Die Wände der Hallen und die Dutzende von aufgebauten Ständen waren voll von Fotos und Texten zur Geschichte der Russlanddeutschen. In mehreren Hallen hatten sich Laienkünstler breit gemacht (kleine Orchester, die ohrenbetäubende Musik machten, Sänger, Tanzgruppen von Kleinkindern bis zu älteren Damengruppen, die unter schon besagten ohrenbetäubenden Musik feurige Tänze vollführten).

So um die Mittagszeit ging ich hinaus auf die Straße, wo auch alles voller Menschen war. Ich wollte hier etwas frische Luft schnappen, aber, da war die glühende Hitze noch schlimmer als in den Hallen, es gab keine Gelegenheiten zum Sitzen, und mir schmerzten die Beine unerhört. Ich ging etwas die Hausfassade entlang, wollte schon wieder hinein in die Hallen gehen, da rief mich jemand zu. Es war sichtlich eine ganze Familie. Die Leute begrüßten mich, fragten dies und jenes, ob ich wohl allein da sei oder mit meiner Frau. Ich konnte mich mit dem besten Willen nicht erinnern, wer mich da umringte. Versuchte aber, es nicht zu zeigen, es war mir sehr peinlich. Es war nicht so schlimm, dass ich die Leute nicht erkannt hatte, die mich sichtlich gut kannten, sondern die Tatsache, dass ich überhaupt kein Gedächtnis mehr hatte. Das junge Mädchen, deren Name Lena ich aufgeschnappt hatte, kam mir zwar sehr bekannt vor, ich wusste aber nicht, wer sie war. Sie gingen in die Hallen, und ich stand da wie ein geplatzter Hintern.

Nach einer halben Stunde kam ich wieder in eine Halle mit Tischen und Bänken, wo in einer abgezäunten Ecke eine Art Bühne eingerichtet wurde. Plötzlich rief jemand meinen Namen. Ich drehte mich um und sah den jungen Mann, dem ich draußen schon begegnet hatte. Er saß an einem Tisch und winkte mir energisch zu. Er sagte, ich solle mich doch etwas zu ihnen setzen, die Frauen seien weggegangen, um etwas zu Essen zu holen. Ich kam heran, entschuldigte mich und sagte offen, sie kämen mir so bekannt vor, aber ich wisse immer noch nicht, wo wir uns getroffen hätten. Er sagte: Sie waren doch vor einem halben Jahr zwei Tage bei uns, bei Iskams in der Stadt Siegen. Erst jetzt wusste ich, wen ich vor mir hatte. Die Iskams stammten von der Wolga, aus dem ehemaligen Dorf Wiesenmüller, dem Geburtsort von Alexander Muth. Wir waren bei ihnen im Jahre 2003, als wir zum letzten Male an der Wolga waren. Wir unterhielten uns ein wenig, da kamen auch die Lena und ihre Mutter mit Mittagessen. Lena erzählte, dass sie unten im Erdgeschoss in einer Halle eine Delegation aus Engels getroffen hätte. Darunter war auch ihre ehemalige Studiengenossin aus dem Pädagogischen Institut von Saratow. Das interessierte mich sehr. Ich bat Lena, sie solle mich doch mal dorthin begleiten, was sie nach dem Essen auch tat. Wir kamen in die Halle 5, gingen zu dem Stand, wo die angebliche Delegation aus Engels ihren Stand hatte. Es war aber niemand da. Am Bücherstand daneben stand ein älterer Herr. Er sagte, das Fräulein Irina sei weggegangen, um etwas zu sich zu nehmen, es sei ja Mittagszeit. Er solle nur auf ihren Stand aufpassen. Wir standen ungefähr 15 Minuten, da sagte Lena, sie wolle zu den Ihrigen gehen, dort sollte ein Konzert stattfinden. Ich blieb hier und wartete. Endlich kamen drei Frauen, unter ihnen auch Frau Irina Franzewa (doch wohl eigentlich Franz). Die anderen zwei waren eine aus Samara und eine aus Moskau, diese war die Leiterin der ganzen russischen Delegation. Irina war aus Engels die einzige. Ich unterhielt mich lange mit den Frauen, machte mehrere Fotos. Irina schenkte mir ein sehr schönes dünnes Heft, das in Bild und Text ein wenig von dem Zentrum der deutschen Kultur in der Stadt Engels berichtete.

Die russische Delegation bestand aus 18 Personen, die 4 Tage in Deutschland verweilen wollten. Sie wollten doch gewiss etwas von Deutschland sehen, wenn sie schon mal da waren.

Nach der Unterhaltung mit den drei Frauen von der russischen Delegation begab ich mich wieder hinauf in den Saal, wo sich die Iskams aufhielten, und wo das Tanzkonzert unter der überlauten Musik sein Bestes hergab. ich machte auch hier einige Fotos, hauptsächlich von den Kindertänzen.

Dann streunte ich weiter in den Hallen umher. Da wurde ich wieder von einem jungen Mädchen angerufen. Ich war voll und ganz der Meinung, es sei die Natascha, die im August 2005, als wir die Gäste aus Amerika hatten, bei uns als Dolmetscherin diente. Aber ich war sehr vorsichtig, fragte, was sie so mache. Sie sagte, sie hätte ihr Abitur gemacht und suche jetzt eine Ausbildungsstelle. Ich sagte, sie arbeite doch noch dazu irgendwo (das war bei der Natascha der Fall). Sie antwortete : Nein, ich hatte doch gar keine Zeit dazu, ich habe doch mein Abitur gemacht, da war keine Zeit, um noch was zu arbeiten. Dann fragte sie, ob ich ihren Vater schon gesehen hätte, der sei hier und bereite eine Art Pressekonferenz vor. Da funkte es bei mir: Nataschas Vater würde nie hierher kommen, und schon gar nicht an einer Pressekonferenz teilnehmen. Ich verstand: das konnte nur Dr. Kriegers Tochter sein, bei denen war ich auch vor ein paar Jahren zu Hause. Da hatte ich mich viel mit deren jüngsten Tochter Inna unterhalten. Sie interessierte sich damals sehr für die Feinheiten der deutschen Sprache (und das ist ja auch mein Steckenpferd). Sie fragte jetzt, ob sie mich zu ihrem Vater bringen solle. Natürlich sagte ich zu, und sie führte mich in Saal 12A, wo das Historikerforum unter der Leitung ihres Vaters Dr. Viktor Krieger stattfand. Als ich den sah, war ich sicher, wen ich vor mir hatte. Am Eingang trafen wir noch eine Dame (ich dachte zuerst es sei Frau Krieger, aber, als sie fragte, ob Herr Muth auch da sei, und ob wir mit dem Zug gekommen wären, wusste ich, dass das nur Frau Neufeld aus dem Museum in Detmold sein konnte). Im Saal traf ich noch Herrn Horst Bredemeyer. Er sagte, er warte hier auf seine Frau und noch einige Bekannte. Ich setzte mich ganz vorne in die zweite Reihe (weil ich so schlechte höre) und wollte auch noch einige Plätze für Horst und sein Gefolge belegen, aber, er sagte, sie hätten schon Plätze. Nach ein paar Minuten tauchte er nochmals bei mir auf und übergab mir ein Päckchen mit der Aufschrift Johannes Herber. Anfänglich glaubte ich, es sei ein Büchlein für mich, aber dann stellte sich heraus, dass es die Dokumente zu meinem neuen Computer waren, die ich ihm per Post zugeschickt hatte, damit er sich mit ihnen bekannt machen konnte. Weiter sah ich Horst und Frau Buchholz auch nicht mehr.

Der Saal, in dem die Historikerkonferenz stattfand, war nicht besonders groß und war voll besucht. Vorn, an den Tischen saßen die Lektoren, 6 an der Zahl:

1) Dr. Krieger der die Leitung übernommen hatte;

2) Frau Dr. Katharina Neufeld die Leiterin des Museums für russlanddeutsche Kulturgeschichte in Detmold;

3) Frau Dr. Olga Kuriolo die Osteuropa-Historikerin von der Europa-Universität in Frankfurt/Oder;

4) Tilman Zülich der Generalsekretär der Menschenrechtsorganisation Gesellschaft für bedrohte Völker;

5) Dr. Hans-Werner Retterath der stellvertretende Leiter des Johannes-Künzig-Instituts in Freiburg;

6) Dr. Alfred Eisfeld der Leiter der Abteilung Göttingen des Instituts für Kultur und Geschichte der Deutschen in Nordosteuropa.

Hinter den Lektoren war eine Fensterwand, durch die die Sonne unbarmherzig in die Augen des Publikums schien. Ich konnte den grellen Sonnenschein nicht mehr ertragen und setzte eine Sonnenbrille auf, aber das half wenig. Wegen meiner Schwerhörigkeit musste ich mich auch noch sehr anstrengen, um wenigstens einige Fetzen zu verstehen von dem, was die Lektoren sagten. Ich bekam heftige Kopfschmerzen. Die 1,5 Stunden, die ich da saß und mir die Vorlesungen der 6 Lektoren anhörte, verwandelten sich für mich in eine echte Pein. Die ganze Versammlung artete am Ende, als das Publikum mit seinen Fragen kam, in einen echten Balagan (Balagan eine Jahrmarktsbude) aus, wie Herr Eisfeld diese Diskussionen sehr treffend charakterisierte. Die Leute stellten Fragen, die weit aus der Kompetenz der Lektoren hinausragten. Manche gerieten geradezu in Rage. Viele Aussiedler fühlten sich benachteiligt und beleidigt und wollten hier auf diesem Forum ihrem Frust Luft machen. In dieser Situation beneidete ich Herrn Dr. Krieger nicht, der sich mit aller Kraft bemühte, das Publikum im Zaum zu halten. Er tat mir geradezu leid.

Als ich endlich aus diesem Saal herauskam, musste ich vor allen Dingen die Toilette aufsuchen im Kellergeschoss, wo sich die Toiletten und die Garderoben befanden.

Es war noch lange keine 7 Uhr, aber ich ging zum Ausgang. Hier traf ich auch meinen Freund Alexander Muth. Wir unterhielten uns ein bisschen, dann gingen wir noch einmal zum Konferenzsaal, wo die Leute noch in Gruppen die einzelnen Lektoren umringten. Dann gingen wir zum Ausgang, um nach Hause zu fahren, denn wir waren beide ziemlich müde. Draußen sahen und hörten wir keine Bushaltestelle. Es gab in der Nähe eine, aber die war gesperrt wegen der vielen Busse und PKWs, die die Straße um die Hallen herum blockiert hatten (die Stadt hatte sich auch bemüht, den Teilnehmern des Treffens so komfortabel wie möglich zu machen). Wir gingen kurzerhand zu einem Taxistand in der Nähe und fuhren nach Hochheim. Aber dort gab es Probleme. Viele Straßen hatten nur einseitigen Verkehr, und unser Fahrer kannte sich hier schlecht aus. Aber Ende aller Enden gelangten wir doch noch zu unserem Haus, nachdem wir zweimal den Stadtteil umkreist hatten. Bei Onkel Sascha schmeckte das Abendbrot jetzt besonders gut, denn ich hatte seit dem frühen Morgen noch nichts im Mund. Nach dem Abendbrot gingen wir noch einmal zu der Haltestelle, stellten noch einmal fest, dass morgen der Bus zum Bahnhof hier genau um 10 Uhr vorbeikommt. Und wir beschlossen ganz fest, dass wir morgen zu Fuß zur Bushaltestelle gehen und mit dem Bus zum Bahnhof Hochheim fahren. Zeit hatten wir genug, unser Zug von Hochheim nach Frankfurt ging erst um 11 Uhr 20 ab. Auf dem Heimweg gingen wir wieder zu unserer gestrigen Bank und ruhten uns unterm Schatten der Bäume. Plötzlich erhob sich ein starker Wind, die Bäume rauschten und krachten, der Himmel überzog sich mit Wolken. Wir machten uns schnell auf den Heimweg, vor dem Haus erreichten uns die ersten Regentropfen.

Am Abend tranken wir nochmals Tee und machten unsere Koffer und Taschen bereit zur Heimreise.

Am Sonntagmorgen standen wir ziemlich früh auf, frühstückten. Hier sahen wir den Sohn der Hauswirte Eduard zum zweiten Mal. Ich lieh mir von ihm das Buch Kriminelles Russland von Sergej Dyschew zum Lesen aus.

Also, heute sollte laut Fahrplan der Bus von der Haltestelle zum Bahnhof Hochheim fahren. Wir verabschiedeten uns von unseren Gastgebern und zockelten langsam zu Fuß mit meinem Köfferchenkarren zur Haltestelle. Dort setzten wir uns auf eine Bank und warteten auf den Bus. Es wurde 10 Uhr, dann halb 11 der Bus kam nicht. Wir mussten uns wohl oder übel zu Fuß auf den Weg machen, wenn wir uns zu unserem Zug nach Frankfurt nicht verspäten wollten. Die glühende Hitze, die Ungewissheit wegen des Busses, keine Hinweise auf einen Bahnhof, kein Mensch auf der Straße, den man nach dem Weg hätte fragen können, die Angst, den Zug zu verspäten, meine Schmerzen im rechten Bein das alles machte mich verrückt. Zweimal hatten wir doch die Möglichkeit, nach dem Bahnhof zu fragen. Es war ein ziemlich weiter Weg und die Zeit drängte. Der Bus zum Bahnhof holte uns nicht ein. Wir machten einen großen Umweg, von der Wohnung der Barons gesehen. Man hätte einen kürzeren Weg gehen können. Aber wir hatten ja nicht geplant, von der Wohnung zum Bahnhof zu Fuß zu gehen. Wir gingen an Weinberge vorbei, ganz außerhalb der Stadt. Endlich kamen wir völlig kaputt und verschwitzt (ich wenigstens) kurz vor der Ankunft des Zuges am Bahnhof an. Wir hatten kaum 5 Minuten, uns etwas zu verschnaufen. Als der Zug kam, stiegen wir ein und fuhren ohne Zwischenfall bis Frankfurt/Hauptbahnhof. Dort fuhren wir mit einem Lift hoch und gingen zu unserem Gleis und unseren Zug. Hier nahmen wir unsere Plätze laut Reservierung ein und waren mit dem ICE in einer knappen Stunde in Kassel/Willhelmshöhe. Hier stiegen wir laut Zugverbindung in einen Zug, der uns nach Warburg bringen sollte. Dieser Zug hielt doch wohl stundenlang auf dem Gleis in der glühenden Sonne, denn im Waggon war eine Temperatur wie in einer Sauna. Wir fuhren über den Hauptbahnhof von Kassel bis Warburg. Die Tatsache, dass wir jetzt bald in dem uns vertrauten Altenbeken sein werden, versöhnte uns mit den Unannehmlichkeiten dieser Fahrt. Ich holte meine Wegzehrung herbei, die mir Pauline zu Hause noch eingepackt hatte, und die zwei Tage bei Barons im Kühlschrank lag und jetzt vortrefflich mit unserem Tee schmeckte, den ich bei Barons eigenhändig gebraut hatte.

Als wir nach Altenbeken kamen, mussten wir noch 20 Minuten auf unseren Zug nach Horn warten. Es wurde ziemlich kühl und windig, ich zog mir die Strickweste über. Gegen 16 Uhr waren wir in Horn. Es regnete in Strömen, noch stärker, als es am Freitagmorgen hier geregnet hatte. Wir warteten etwas, bis der Regen ein wenig nachgelassen hatte, dann zuckelte ich mit meinem Koffer nach Hause. Alexander hatte seinen Regenschirm aus der Tasche geholt und ging auch seinen Weg.

Unsere dreitägige Reise war zu Ende. Und wir bereuten es nicht, dass wir diese Strapazen auf uns genommen hatten, obwohl wir in Wiesbaden keine neuen Bekannten getroffen hatten.

Johannes Herber

Juni 2007

© DIE GESCHICHTE DER WOLGADEUTSCHEN.