HEIMATLICHE WEITEN

SOWJETDEUTSCHE PROSA, POESIE UND PUBLIZISTIK

1981 № 2



Русский

Wilhelm Brungardt

Sebastian Bauer

Historischer Roman

 

I. TEIL

Erstes Kapitel

KATRIN LINNEBERGER

Der Siebenjährige Krieg in Deutschland hatte auch Langenreuth heruntergebracht. Die Bauern hatten kein Vieh mehr, die Handwerker keinen Verdienst. Die Dorfmu­sikanten Konrad Bauer und sein Sohn Sebastian, man nannte ihn einfach Seb, waren ganz und gar überflüssig geworden. Selten nur wollten die Leute in dieser Zeit tanzen, und die wenigen, die Lust dazu hatten, hatten kein Geld für die Musik. Mit schwerem Herzen entschied Seb stian Bauer, Langenreuth zu verlassen. Seine Eltern waren dagegen. Sie hatten Angst, er könnte in der Fremde verlo rengehen. Doch noch schwerer war es für Seb, sich von sei ner Tanzpartnerin, der liebreichen Marie, zu trennen Sebs Mutter weinte; er war ihr ältester Sohn, und das erste ihrer Kinder, das in die Fremde zog. Beim Abschied belehrte der Vater seinen Sohn:

„Sei fleißig und verzage nicht, wenn es schwer wird Hilf denen, die Hilfe brauchen, und dir wird auch gehol fen. Grolle nicht, wenn dich jemand beleidigt. Sei nicht ohne Furcht: Der furchtlose Mensch ist immer in großer Gefahr.“

Sebastian eilte fortzukommen, um die Schwermut vom Abschied loszuwerden. Pläne für sein Leben in der Fremd hatte er nicht, nur ein festes Vorhaben, den Mut nicht zu verlieren und nicht enttäuscht und hilflos zurückzukehren Vor allem wollte er den Rhein erreichen. Er hatte oft ge hört, daß es an dem großen Strom lebhaft und fröhlich zugehe.

Seb ging nicht gleich geradeaus, sondern machte einen Umweg durch das Neckartal, das ihm nahe am Herzen lag So manches unvergeßliche Erlebnis hatte er hier als Kind und Jüngling gehabt. Es war ihm, als müsse er dem Fluß das Gelöbnis geben, daß er in der Fremde ehrlich und tapfer mit allen Gefahren ringen und als Sieger heimkeh ren werde. Nur kurze Zeit blickte er auf das grüne Neckar tal, dann kehrte er um und ging eiligst fort. Ganz plötz lich und unerwartet stand Marie vor ihm. Sie schaute Seh sanft und treuherzig an.

„Gehst du fort, Seb?" fragte sie. „Ja, wie du siehst, hab den Sack auf dem Rücken.“

„Kommst auch wieder?“

„Gewiß.“

„Bald?“

„Wie es sich schickt. Wenn man auszieht, weiß man nicht, wann man heimkehrt. In ein paar Jahren werden ja bessere Zeiten kommen, dann kann man sich zu Hause festsetzen.“

„Dann adé, Seb, viel Glückauf deiner Wanderschaft!“

Seb zog von Ort zu Ort. Er spielte überall, wo Menschen waren, auf dem Marktplatz, an den Stra?en, vor Kirchen und Kapellen. Es gab aber seinesgleichen so vie­le, daß hur wenig Belohnung von den Leuten zu erwarten war. Viele Menschen waren der Musik auch gar nicht ge­neigt. Sie wandten sich mürrisch ab oder fluchten böse über das Gefiedel, welches ihre Nerven nicht vertragen konnten. So kam Seb nach Koblenz am Rhein.

In die Stadt zog er mit Spiel ein. Seb spielte das Aller­beste, was er konnte: Tänze, Melodien von Liebeswehen, Trauer und Leid, von Sehnsucht, Mut und Tapferkeit. Spärlich waren die Münzen, die man ihm gab. Die Zuhö­rer waren gleichgültig, als spürten sie gar nicht sein eifriges Bemühen, ihre Herzen zu gewinnen. In einer fin­steren Herberge, bei einem mürrischen Wirt fand Seb Nachtquartier. Am Morgen begab er sich mit der Geige in die Stadt und kehrte am Abend in die Herberge zurück. Viele in Koblenz kannten schon den ernsten und fleißigen Spielmann. Untereinander lobte man den jungen Geigen­spieler. Aber nicht so sehr sein Spiel, mehr sein äußeres und sein frommes Gemüt, welches besonders den Müttern zusagte, die Freier für ihre Töchter suchten. Oft vergaß Seb, daß er wegen der kleinen Belohnung, die er bekam, für die Leute spielte. Er lebte und schwebte in den Tönen, die er seiner Geige entlockte. Einmal rief sogar ein Knabe aus der Zuhörermenge:

„Der Spielmann schläft!"

An einem Morgen hörte Seb Geigenmusik, wie er sie noch nie gehört hatte. Vor der Liebfrauenkirche spiel­te ein Mann so zart und rein, daß Seb verwundert Mund und Ohren aufsperrte. Um den Spielmann standen viele Menschen. Als er sein Spiel beendet hatte, gab ihm Seb einen Taler von seinen Ersparnissen.

„Meister", fragte Seb den Spielmann, „kommen Sie von weit hierher?"

„Hierher aus Bonn." Der Angeredete erkannte in Seb an der Geige auch einen Straßenmusikanten. Er war freundlich zu ihm und sagte weiter: „Soviel ich weiß, stamme ich aus Thüringen. Schon acht Jahre führe ich dieses unstete Leben. Es geht doch im Reich durcheinan­der wie in einem zerstörten Ameisenhaufen. Viele Leute suchen nach einem Heim, das sie im Krieg verloren haben. Soviel Menschen haben immer noch Elend und.Not zu ertragen. Das ganze Unglück hat über die Menschen der Preußenkönig, der tolle Fritz, gebracht."

Seb erinnerte sich, daß auch sein Pate Stefan behauptete, daß an dem Krieg der Preußenkönig Friedrich II. schuld gewesen sei.

„Ist Friedrich II. wirklich so ein böser König?“ fragte Seb.

„Ganz bestimmt. Sein Vater, König Wilhelm, wollte ihn, als Friedrich noch ein Bub war, schon erhängen lassen. Doch das Vaterherz hat dem Sohn wieder verziehen, dafür mußten jetzt die Deutschen leiden.“

„Meister, ich möchte Ihren Namen wissen.“

„Martin Müller. Man ruft mich Müller — Martin nore ich selten.“

Seb redete ihn beim vollen Namen an und sagte, daß er auch auf der Suche nach seinem Glück aus Langenreuth vom Neckar hierher kam. Er fragte Müller, ob er in der Stadt längere Zeit verbleiben werde. Müller erklärte, er habe sich einem Trupp Wanderer angeschlossen und ziehe in einigen Tagen von hier fort. Er fügte noch hinzu, er gehe ungern von hier weg, wegen Liebfrauenmilch, dem guten Wein, den man hier ausschenkt.

An einem Morgen, als Seb ausgehen wollte, hielt ihn der Schwarze Jakob, sein Herbergswirt, auf und sagte:

„Bleib im Haus. Kannst deinen Spielkasten auf immer weglegen.“

Das starre Gesicht des Wirtes war heller geworden, und auch seine kleinen spitzen Augen leuchteten heiter.

„Verstehe nicht, Herr Wirt, was Sie von mir wollen?“

„Das kannst du nicht erraten.“ Der Schwarze Jakob lächelte zufrieden. „Du wünschst dir, in einer hellen Stube im Federbett zu schlafen und dich immer satt zu essen.“ Der Wirt lachte wieder. „Unmöglich, nicht wahr?“

Seb schaute den Wirt erstaunt an. Hatte doch der Schwarze Jakob ihn immer feindselig und mißtrauisch an­gesehen. Was sollte heute sein zutrauliches Benehmen bedeuten?

„Herr Wirt“, sagte Seb ernst, „sagen Sie, was Sie von mir wollen. Ich habe keine Zeit und auch kein Verlangen, Rätsel zu raten.“

„O Bub!“ sagte der Schwarze Jakob, „du bist grob. Auf solch eine Art kannst du was Gro?es verlieren.“

„Sagen Sie geradeheraus, was Ihnen auf der Zunge brennt.“ Das Gesicht vom Schwarzen Jakob erstarrte wieder, er schaute Seb scharf an und sagte zu ihm:

„Höre, Bub! Ich werde eine Seifensiederei eröffnen. Nach Seife ist große Nachfrage. Bei diesem Geschäft wer­de ich nicht wenig aufstecken." Der Wirt schwieg in Er­wartung, was Seb dazu sagen wird.

„Und was habe ich damit zu tun?" fragte Seb.

„Die Sache ist die: Ich brauche starke Arbeitshände für die Siederei, und die hast du."

„Da werden wir uns nicht einig, Herr Wirt."

„Doch, wir werden uns einig. Du wirst meine Tochter Anna heiraten. Da bekommst du eine helle Stube und satt zu essen. Wenn das Geschäft gut läuft, bekommst du deinen Batzen davon. So sind wir doch schon einig?"

„Ist Ihre Tochter Anna einverstanden, mich zu heira­ten?"

„Ich habe doch keine Tochter großgezogen, die gegen meinen Willen wäre."

„Ist das alles, Herr Wirt, was Sie mir zu sagen ha­ben?"

„Ist das nicht genug und aller Ehre wert?"

„Dann adé. Ihre Tochter gefällt mir nicht. Suchen Sie einen Mann für sie, dem sie gefällt. Sie ist es wert."

Seb schickte sich an, fortzugehen.

„Halt!" schrie der Schwarze Jakob. „Du hast mich wahrscheinlich nicht verstanden. Ich will dir zu Vermö­gen verhelfen. Du kannst am Ende auch noch Bürger wer­den, ich spaße nicht. Was ich dir sage, ist mein voller Ernst."

Seb war wieder auf der Straße. Er dachte an Marie und an sein Vaterhaus in Langenreuth. Die Stadt war ihm jetzt schon nicht mehr so unbekannt und fremd wie am Anfang, als er unsicher durch die engen Gassen wander­te. Viele Häuser mahnten ihn schon heimisch an. Auch begegnete er bereits Menschen, die zu ihm freundlich wa­ren. Es schien ihm, als lechzten die Leute, so wie auch er, nach Freude, Liebe und Glück. Vielen von ihnen konnte man es von den Gesichtern ablesen, was für eine Gemüts­stimmung sie hatten. Ein Spielmann ist ein Menschenken­ner. Er sieht es den Zuhörern an, wie die Musik auf sie wirkt. Ein böses Herz verträgt kein süßes zartes Spiel. Musik ist nicht für böse Menschen. Dem Spielmann hören meistens Leute mit guten Herzen zu.

In einigen Tagen wollte Seb Koblenz verlassen. Er hat­te schon etwas Geld gespart, und es schien ihm gar nicht so schwer, durch die Welt zu kommen, wie er es sich am Anfang vorgestellt hatte. Meister Müller kam ihm nicht aus dem Sinn. Er wünschte sich, so gut Geige spielen zu können, wie Müller spielte. Warum Müller nicht am Hofe spielt? Ihn sollte man mit Gold überschütten für so ein wunderbares Spiel. Auch wünschte er sich, Müller noch einmal zu begegnen.

Seb spielte vor der Florinskirche. Hier auf dem stillen Platz benahmen sich die Leute andachtsvoll und sanftmütig. In der milden und reinen Luft, in der Nähe von hohen schweren Steinmauern, klang die Geige viel heller und zarter als in den dumpfen Gassen der Stadt. Seb spielte mit voller Hingabe und achtete wenig auf die ihn umgebenden Zuhörer. Als sein Spiel zu Ende war, stellte sich ein Bub vor ihn und schaute ihn aufmerk­sam an. Es war ein junger knorriger Mensch in Bürgerkleidung.

„Du bist aus dem Schwabenland? Vom Neckarstrom?“ fragte er. Seb war verlegen.

„Woher kennst du mich?"

„Ich bin schon viel herumgekommen und kenne die Leute an den Manieren und Kleidern."

An Seb wandte sich jetzt ein halbwüchsiges Mädchen, überreichte ihm einen Taler und sagte:

„Von Jungfer Katrin ein Lob und das Geld für Ihr Spiel."

Das Mädchen zeigte auf eine junge weibliche Gestalt, die Seb anmutig ins Auge gefaßt hatte. Er fühlte, daß es ihn heiß durchrieselte und daß er zur Jungfer Katrin hin­gehen und sich für die Belohnung bedanken müsse.

„Jungfer, darf man mit Ihnen reden?" fragte Seb.

„Hab nichts dagegen", war die Antwort.

„Ihre Bezahlung für mein Spiel ist viel zu hoch, darum will ich mich für das Rausgeld bei Ihnen herzlich bedanken.“

Katrin verzog den Mund zu einem liebreichen Lächeln.

„Sie sprechen wie ein Bankier. Von solchem Rausgeld habe ich noch nichts gehört."

Seb und Katrin standen voreinander und schauten sich freundlich an. Beide waren so gerührt, daß keiner wüßte, was er dem anderen sagen sollte. Katrin kehrte um und gab mit dem Blick zu verstehen, daß Seb ihr folgen soll. Langsam entfernten sich die beiden von dem Platz.

„Wie heißen Sie, Spielmann?" fragte Katrin. „Sebastian."

„Der Name gefällt mir. Sind Sie von weit zu uns ge­kommen?"

„Von Langenreuth am Neckar."

„Oh!" sagte Katrin erschrocken. „Dort, erzählt man bei uns, wimmelt es von Räubern. Wie kamen Sie den weiten Weg heil durch?"

„Die Räuber waren diesmal sehr vorsichtig. Sie hiel­ten sich gut versteckt."

„Und Sie haben nicht einen einzigen zu Gesicht bekom­men?"

„Doch, den Hauptmann, den Hiesel. Doch dieser ist so schnell verduftet, daß ich ihn nicht kriegen konnte."

Katrin schaute Seb verwundert an. Ein Spielmann wollte einen Räuberhauptmann fangen. Vielleicht hatte Katrin im geheimen den Verdacht, daß Seb selbst ein Räu­ber sei.

„Und wo ist Ihnen dieser Räuberhauptmann begeg­net?" fragte Katrin.

„Das war an einem Ort am Neckar. In dem Städtchen erschien ein junger Mann, herrschaftlich gekleidet. Er ging friedlich in der Stadt umher und sagte, er erwarte seinen Freund, der hier durchreisen werde. Auf dem Marktplatz im Menschenauflauf schrie plötzlich ein Weib: ,Gott im Himmel, steh mir bei! Das ist ja der Hütejunge, Klostermayers Matz, der Hiesel.4 Das Weib zeigte auf den fremden Mann. Bis die Leute sich vom Schrecken erholt hatten, war der Mann nicht mehr da. Viele, und auch ich, suchten nach ihm. Aber es war vergebens. Jemand hatte den Hiesel schon sicher versteckt."

„Hier", sagte Katrin, „fürchtet man sich vor den Räu­bern. Man sagt, sie seien kühn und tapfer und scheuen den Tod nicht im geringsten."

„Das ist Unsinn. Die Räuber haben immer große Angst um ihr Leben."

Katrin blieb plötzlich stehen und schaute Seb zu­traulich mit warmem Blick an.

„Dort", sagte sie und zeigte auf ein graues Haus am Anfang der Gasse, „steht unser Haus. Ade, Seb, ich muß gehen."

„Ich begleite dich bis ans Haus, Katrin."

„Nein. Das darfst du nicht. Mein Vater kann Spielleute knie nicht leiden.“

„Warum?“

„Vater sagt: Spielleute wären Strolche und täten die Leute verblenden.“

„Da dürfen wir uns also nicht mehr treffen?“

„Seb, wirst du für immer bei uns bleiben?“

Ohne es zu wollen, seufzte Seb.

„Ich bin ein Wanderer.“

„Wenn sich aber in unserer Stadt etwas an dein Herz hängt?“

„Dann wäre ich kein Wanderer."

„Und wenn aber doch?“

Seb fühlte, daß er unschlüssig wurde. Er verstand nicht, was mit ihm geschehen war. Vor kurzer Zeit hätte er auf diese Frage entschieden antworten können.

„Wenn es soweit kommt, werde ich schon einen Ent­schluß fassen."

„Seb, komm zu mir, wenn es dunkel ist. Dort, das zwei­te Fenster am Ausbau, ist meine Stube. Ich werde am Fen­ster sein."

Katrin drückte Seb die Hand und ging fort. Sie hatte nun mit dem schönen Spielmann gesprochen und war ganz von Erregung erfaßt. Sie fühlte, daß auch Seb in Neigung zu ihr brannte. Seb schaute ihr nach, bis sie sei­nen Augen entschwand.

Katrins Eltern, Philipp und Marget Linneberger, stammten aus einem Handwerkergeschlecht. Vor dem Krieg beschäftigte Philipp Linneberger in seiner Hutmacherwerkstätte drei bis vier Gesellen und noch einen Handlanger. Die Familie hatte einen guten Stand und brauchte über ihre Lage nicht zu klagen. Der Krieg hatte sie ruiniert. Jetzt wirkte Philipp allein mit seiner Familie in der verarmten Werkstatt. Die Wolle war teuer und schwer zu kaufen, die Nachfrage nach Hüten gering. Die Kaufleute hatten wenig zu tun. Der noch bestehende Han­del war in den Händen der Wucherer.

Seb kehrte zurück an die Florinskirche. In ihm brann­te die Aufregung. In seiner Vorstellung tauchte immer wieder Katrin auf. Er war kaum auf dem Platz angekom­men, da stand auch der knorrige Bub, der ihn vorhin ange­sprochen hatte, wieder vor ihm.

„Ich wollte mit dir über etwas Wichtiges sprechen“, sagte er ernst, „aber du hast dich so schnell an den Wei­berrock gehängt, daß ich nicht dazu kam, mit dir zu reden."

Seb schaute den aufdringlichen Buben schief an. Er erinnerte sich an den Schwarzen Jakob. Ob vielleicht die­ser eine Ledergerberei aufmachen will?

„Sag erst mal, wie du heißt, denn ich weiß nicht, wie ich dich anreden soll."

„Sebastian Bauer", murrte Seb.

„Ich heiße Willem Bach."

„Und was willst du von mir?" fragte Seb schroff.

„Seb, sei nicht böse. Ich bin auch so ein Landstrei­cher wie du. Nur habe ich keine Geige. Ich bin Schmied, doch ohne Hammer und Amboß. Die ganze Rhein- und auch die Moselgegend habe ich durchwandert. Außer bet­teln und stehlen fand ich keine Beschäftigung. überall sind die Leute arm, und die Schmieden liegen still, weil es keine Besteller gibt."

„Ich kann nicht klagen. Meine Geige ernährt mich und gibt mir auch Nachtquartier."

„Was ist das schon für einen starken Buben: Vor ei­nem Trupp Gaffer stehen, die mehr aus Neugier als aus Labung an deinem Spiel bei dir weilen."

„Dafür habe ich selbst Vergnügen an meinem Spiel."

„Da hast du Glück. Ich würde auch gern hämmern, für mich ist der Ton vom Hammerschlag auf den Amboß der schönste Klang. Bis jetzt konnte ich es nicht soweit bringen."

Willem sprach so zutraulich, daß Seb ihm glaubte und von Mitgefühl gerührt war.

„Und jetzt", sagte Seb, „willst du dich hier in dieser Stadt niederlassen?"

„Hier ist nichts zu erreichen. Die Franzosen haben die Stadt ausgeleckt wie ein hungriger Hund seine Schüssel. Außerdem ist die Stadt so dicht bewohnt, daß man sagen kann: einer lebt und zwei warten auf seinen Tod."

Seb fragte: „Und wohin führt jetzt dein Weg?"

„Eben das wollte ich dir sagen. Nach Rußland."

Erstaunt schaute Seb Willem an. Sollte er glauben, daß der Bettler auf einmal so kühn wäre und sich ein so gro­ßes Ziel steckte, oder hat er sich in dem Buben getauscht, daß er vielleicht einen Schwindler vor sich hat. Seb sagte teilnahmslos:

„Du willst dich also jetzt nach Rußland durchbetteln?“

„Das gerade nicht. Man wird mich umsonst hinfahren und auch beköstigen.“

Willem sah, daß Seb auf seine Worte aufmerksam ge­worden war. Er zog Seb zur Seite und erzählte ihm, daß am Rheinufer ein Werber aus Rußland sei. Es hätten sich schon viele Menschen zur Auswanderung nach Rußland anwerben lassen. Der Werber beköstigt die Angeworbenen und zahlt auch Vorschuß an Geld aus. Wenn eine Ladung für eine Schachtel beisammen ist, geht es ab nach Lübeck und von dort mit einem Seeschiff nach Petersburg.

Seb schaute Willem fest und forschend an. Er wollte noch zusätzlich etwas hören, woraus er die Wahrheit von dieser sonderbaren Mitteilung entnehmen könnte.

„Und was sollen die Angeworbenen in Rußland sein? Soldaten?" fragte Seb. Willem schüttelte entschieden den Kopf. Er lachte sogar etwas höhnisch über diese Frage.

„Die Angeworbenen werden in Rußland ganz freie Menschen sein, brauchen hundert Jahre keine Soldaten stellen und werden den Schutz des Reiches genießen."

In Nachdenken versunken, versuchte Seb sich alles in Erinnerung zu rufen, was er von Rußland wußte: Ein überaus großes Land, weit von Deutschland, mit Schnee bedeckt. Im Winter die Kälte so stark, daß die Vögel im Flug erfrieren. Sebs Pate Stefan hat im österreichischen Heeresdienst Russen in der Schlacht bei Kunersdorf ken­nengelernt. Ruhige, gehorsame und tapfere Menschen, so kamen dem Paten die Russen vor, mit denen er auf einer Seite gegen das Heer des Preußenkönigs kämpfte.

Willem schien es, als hätte Seb doch Mißtrauen gegen seine Worte, und er sagte:

„Komm hin, am Rheinufer in einem Warenlager haben wir unseren Sammelplatz. Dort kannst du alles genau er­fahren. Unter uns ist ein gelehrter Studiosus. Er erklärt gern alles. Auch ein großer Meister im Geigenspul ist bei uns. Er sagt, er hätte bei Hof des Landgrafen Friedrich in Kassel gespielt."

„Ich komme, erwarte mich", sagte Seb entschlossen. Langsam und bedächtig erhob Seb seine Geige und begann zu spielen. Um ihn versammelten sich Zuhörer. Sie lauschten ruhig seinem Spiel. Keiner sagte ihm, daß er schlecht spiele. Seb aber fühlte, daß seine Gedanken und Sinne nicht beim Spiel waren. Ihm war es so, als ob seine Wanderlust zu schwinden begann, und dieses schon am Anfang des Weges. Sein Vater hatte ihn vor der Abreise gewarnt: „Laß dir in der Fremde nichts ans Herz wach-sen."

Am Abend ging Seb zu Katrin. Sie bemerkte ihn sofort in der Dunkelheit, und im nächsten Augenblick war sie bei ihm. Die beiden suchten sich einen stillen Winkel, wo sie ungestört sein konnten. Katrin war guter Stimmung. Sie benahm sich wie bei ihrer Begegnung mit Seb am Tage: sanftmütig und liebreich. Dagegen war Seb niedergeschla­gen. Ihn quälte der Gedanke, nach Rußland zu gehen, wo­bei Katrin ihm jetzt im Wege stand. Er fühlte, daß Katrin sich ihm ergeben hat, und er war auch ganz in Katrins Händen. Nach langem Schweigen sagte Seb:

„In einigen Tagen gehe ich fort von hier."

Auf diese so verhängnisvollen Worte antwortete Katrin ruhig, als wäre nichts dabei:

„Ich gehe mit dir."

„Ich gehe weit, aus Deutschland fort", erklärte Seb.

„Ich auch", war Katrins Antwort.

Seb erklärte, daß dieses unmöglich sei, da er keine Mittel habe, eine Frau zu ernähren. Und dann noch: Ka­trins Eltern werden nie und nimmer ihre Erlaubnis geben, daß ihre Tochter sich mit einem Landstreicher verbinden werde. Sie werden Katrin Unbesonnenheit nachweisen, und ihre Gefühle zu Seb werden sich verziehen wie Nebel in der Sonne. Katrin hörte verständnisvoll zu und sagte darauf:

„Seb, ich bleibe bei dir: Wohin du gehst, gehe auch ich.'

Seb küßte Katrin auf ihren heißen Mund. Er spürte dabei nicht die geringste Lüsternheit. Ihn erfüllten Dank­barkeit und Liebe zu Katrin, mit der er jetzt seine ge­heimsten Wünsche zu teilen bereit war. Ohne Katrin gab es für Seb schon keine Gedanken mehr über die Zukunft. Solch eine mächtige Gewalt hatte Seb über sich noch nie im Leben verspürt.

Am anderen Morgen ging Seb wie gewöhnlich mit der Geige aus. Er besuchte die Stellen, wo man ihn vorher gut empfangen hatte, wo ihn die Leute schon kannten. Er spielte alte Weisen. Und doch kam ihm alles an­ders vor: Menschen und Häuser machten auf ihn einen an­deren Bindruck als vor ein paar Tagen Seb fand keine Ruhe Er eilte auf den Platz vor der Florinskirche. Mit Hingabe spielte er hier seine schönsten Melodien. Aber nur mit Gewalt verscheuchte er alle anderen Gedanken, die sich ihm aufdrängten. Und sein Auge suchte unaufhörlich nach Katrin. Allein der Gedanke, daß er sie unter den Zu­hörern erblicken könnte, durchströmte ihn mit heißer Er­regung.

Ganz unerwartet brach Seb sein Spiel ab und ging geradewegs zum Rheinufer. Es war ihm eingefallen, daß er Willem versprochen hatte, die Auswanderer zu be­suchen. Es war nicht schwer, sie zu finden. Das Ufer war fast leblos. Die Lagerräume waren außer Gebrauch, und auch viele Barken und Boote lagen fest am Pfahl. Sie wa­ren nur noch Zeugen dafür, daß sie hier einstmals bessere Zeiten gekannt hatten. Diese Wasserfahrzeuge brachten Güter flußauf und -ab zurecht: Von dort, wo sie erzeugt wurden, dorthin, wo man sie verkaufen konnte. Das war in den Zeiten, als am Rhein Frieden war. Leider dauerten diese Zeiten an dem schönen deutschen Fluß nicht lange.

In dem düsteren Raum, wo sich die Auswanderer be­fanden, hatten die Franzosen während des Krieges Pferde stehen. Es roch nach Pferdeschweiß und Mist. Seb ging langsam in der steinernen Grotte vorwärts und schaute sich aufmerksam um. überall waren Menschen. Sie saßen auf ihren Bündeln oder auf Steinbänken gelassen, untätig, halbschläfrig und scheinbar sorglos. An einer Stelle spielte man Würfel. Eine andere Gruppe unterhielt sich über den Tod des Kaisers Franz, wovon man eben erst erfahren hatte. Da waren Männer verschiedenen Alters, die verschiedenen Ständen angehörten, nach dem äu­ßeren zu urteilen. Bauern, Handwerker, Bürger und auch manche Soldaten. Die Witwe Katarina Braun aus Biber hatte vier unmündige Kinder bei sich. Konrad Hergert aus dem Saarland sagte, er wäre ein Meister im Glockengießen.

Seb konnte seinen Bekannten, Willem Bach, nicht fin­den. Als Seb die Leute nach ihm fragte, sagten sie: „Die­ser unruhige Geist ist bald hier bald dort und wenig an seinem Ort.“ Seb fragte nach dem Studiosus, von dem er brk arungen über die Auswanderung nach Rußland hören wollte. Der gelehrte Jüngling war da. Man sah es ihm an, daß er studiert hatte und auch mit seiner Weisheit nicht Von Rußland sagte er: Es sei ein großes Reich mit geeignetem Land zum Wohnen und mache nach der Größe wenigstens ein paar Dutzend Deutschland aus. Der Win­ter sei lang und kalt, der Sommer kurz und mäßig warm zeitweise sogar heiß. Im Reich sei viel Wald Das ganze Reich wird von einem Thron regiert.

Seb fragte den Studiosus:

„Kann ich als Deutscher aus Deutschland weggehen?"

Der Studiosus antwortete auf diese Frage geläufig:

„Die Hessische Regierung hat die Auswanderung ver­boten. Auch die Fürsten der anderen Länder sind gegen die Auswanderung. Wir aber werden den Willen der Für­sten nicht befolgen."

Seb war mit dem Studiosus ganz einverstanden. Er wollte aber seine Meinung bewiesen haben. Und er wider­sprach:

„Der Gewalt der Fürsten kann man entgehen. Doch vor seinem Gewissen und seiner Ehre fliehen, das ist schwer. Ein Deutscher ist verpflichtet, für Deutschland zu leben und zu sterben."

Der Studiosus schwieg. Sebs Worte hatten ihn zweifel­los überrascht. Doch in einigen Augenblicken hatte er sich schon wieder gefangen. Er erklärte:

„Hier in Deutschland sind Sie Deutscher und Untertan des Deutschen Reiches, in Rußland werden Sie Deutscher und Untertan des russischen Reiches sein. Hier müssen Sie für Deutschland stehen, dort für Rußland."

„Also wie ich Ihre gelehrten Worte verstehe, kann man das Vaterland wechseln wie die Schuhe an den Füßen und immer dorthin gehen, wo es für einen am vorteilhaftesten ist", bemerkte Seb.

Der Studiosus wußte sich nicht richtig zu helfen. Er begann damit, daß die Fürsten, die das Volk im Zaum halten, ihm Beispiel in Ehre und Pflicht sein müßten, beständig aber dem Reich die Treue brechen. Kurfürst Georg Ludwig von Hannover hat Deutschland verlassen und ging als König nach England. Er nahm noch ein Stück Deutschland, Hannover, für England mit. Das er­möglichte England, seinen Krieg mit Frankreich um Land in Amerika in Deutschland auszufechten. Dieser Krieg rui­nierte im Verlaufe von sieben Jahren Deutschland be­trächtlich. Der Preußenkönig Friedrich II. führte seine deutschen Soldaten gegen die deutschen Soldaten des Kai­sers, um die Oberherrschaft über Deutschland zu erringen. So starben Deutsche für das Unglück Deutschlands. Der Landgraf Friedrich von Hessäfl-Kassel hat Tausende Deutsche an England verkauft, wo diese im Krieg für England starben.

Seb widersprach nicht mehr. Und warum auch? Er hat­te schon beschlossen, nach Rußland auszuwandern und Katrin mltzölldimen. Weit im fremden Land in einer wil­den Gegend wollte Seb mit Katrin in einer Hütte ein neues Leben beginnen.

Seb schlenderte durch den Raum und hielt Umschau nach Willem. Vielleicht wird der ihm einen guten Rat ge­ben können? Denn Katrin mitzunehmen, war nicht so einfach.

Unverhofft stieß er auf den Geigenspieler, Martin Mül­ler. Müller erkannte Seb. Er teilte ihm mit Freude mit, daß er heute schon ein beträchtliches Maß Liebfrauen­milch getrunken und auch einen Krug von diesem Wein auf den Weg besorgt hatte. Er sagte, wenn er noch einmal zu entscheiden hätte, tat er wegen, diesem Wein noch eine Zeitlang in Koblenz bleiben. Man sah es Müller deutlich an, daß er einen Rausch hatte. Er lächelte heiter und grü­belte gewiß nicht über seine Zukunft.

Vor Seb erschien Willem. Mit gespreizten Armen schrie er freudig:

„Sebastianus! Ich wußte, daß du kommen wirst. Meine Gefühle trügen mich nicht. Ich bin wie ein Amboß: aufl jeden Schlag gibt er einen Ton. Nach dem Ton kann man den Schlag bestimmen. So fühle ich auch, was im Men­schen schlägt, wenn ich mit ihm verkehre." Willems Gesieht strahlte vor Freude. „Hast du dich aufschreiben las­sen?“ fragte er. Seb schüttelte verneinend den Kopf. „Hast du mit dem Studiosus gesprochen?" Seb nickte. „Na und? Ach ich weiß schon. Die schöne Jungfer... Ja, sie ist es wert. Aber das Jungfernzeug hängt sich heutzutage an uns Buben wie reife Kletten an die Hosen. Es sind ihrer viele, unserer aber... Rechne nur, wieviel Buben sind im Krieg umgekommen, und wieviel sind bei den Räubern. Des Hiesels Bande zählt tausend Mann. Da gibt es noch die Banden des Krummfingers, Stülpners, Bötgers, Hanickels und noch andere. Und wievielen geht es wie dir und mir, die umherstreichen und nicht heiraten, weil sie kein Dach über dem Kopf, keinen Herd und kein warmes Bett für die Frau haben So leben und warten Tausende Jungfern auf Freier. Und sie sind wie Blumen: Wenn sie mal blühen, dann leben sie in Sorgen, daß sie verblühen und nicht gepflückt werden."

Seb hörte geduldig zu, aber all dieses konnte ihn nicht von Katrin losreißen. Das fühlte auch Willem.

„Dann nimm die Jungfer mit, wenn du dich nicht von ihr trennen kannst. Das Geschöpf ist schön und wird un­seren Wandertrupp zieren."

Seb sagte, daß er Katrin heiraten und nach Rußland mitnehmen wird.

Am Eingang des Raumes schrie wütend eine Männer­stimme:

„Lumpenzeug ist hier zusammengekrochen, um vor seinen Landesherren auszureißen! Wofür haben eure Für­sten euch ihren Boden unter die Füße und ihren Himmel euch über den Kopf gegeben? Die Fürsten brauchen Solda­ten, und da wollen junge Bengel ausreißen in ein fremdes Land. Ob unter euch Lumpen nicht auch Fahnenflüchtige sind? Schnell auseinander, ehe es zu spät ist!"

Willem schrie aus vollem Halse:

„Bringt den Kerl zum Schweigen!"

„Ach so!" schrie der Wütende, „da wird gedroht! Wie könnt ihr es wagen, gegen einen Ratsherrn vorzugehen? Noch einmal im guten: Fort von hier, oder ich hole Leute, die euch in den kalten Turm bringen, um euch Gehorsam beizubringen."

Willem und Seb standen schon neben dem Ratsherrn. „Jetzt reicht's", sagte Willem. Er ergriff den Ratsherrn und drückte ihm die Arme fest an die Brust. Der Mann stierte erschrocken um sich. Rings um ihn hatte sich ein fe­ster Ring aus Männern geschlossen. Sie starrten ihn dro­hend an. Willem drückte ihn auf eine Steinbank:

„Bleib hier sitzen und muckse nicht. Uns kriegt ihr nicht. Wir gehen weg ehe deine Leute kommen. Aber wenn du ausreißt, dich kriegen wir. Dann kommst du bestimmt mit einem schweren Stein am Hals in den Rhein."

Der Mann schaute sich ängstlich um. Er wollte spre­chen, aber da stürzten mehrere Männer drohend auf ihn los, und er schwieg. Willem winkte einen langen gelenki­gen Buben aus dem Trupp heran:

„Bewache den Ratsherrn und lasse ihn keinen Schritt vom Platz gehen!"

Der Angeredete stellte sich vor dem Ratsherrn auf.

„Versteht ihr am Ende nicht deutsch? Ihr habt es mit dem Ratsherrn August Just zu tun", erklärte der Gefangelte. .

Sein Wächter nahm darauf eine stramme Haltung an und sagte:

„Johann Peter von der Lauterbach aus einem alten Adelsgeschlecht im Bayernland. Sitz ruhig, wenn du dich rührst, drücke ich dir mit diesen Krallen die Kehle zu." Von der Lauterbach zeigte zwei große Hände mit langen Fin­gern.

Seb und Willem gingen ins Freie. In der milden Luft atmete es sich leicht. Die beiden setzten sich auf einen Steinblock nieder und schauten in das ruhige Wasser. Ih­nen gegenüber lag das grüne malerische Ufer des großen Flusses. Seb warf Steinchen ins Wasser. Es war eine Gewohnheit aus der Kindheit am Neckar.

Eine Zeitlang saßen sie schweigend. Dann sagte Seb:

„Schön ist der Rhein. Er mahnt an einen anständigen Menschen. Die Menschen halten sich gern an ihm auf. Einstmals haben die Römer auf ihn geschaut und sich ge­freut. Auch die Germanen kämpften um den schönen Strom. Danach wurden die Germanen zu Deutschen, und auch sie halten sich fest an ihrem Rhein."

„Ich hänge nicht am Rhein", unterbrach Willem Seb. „Mir ist er zu ruhig und zu sanft. Mich zieht's an einen Strom, der rauher und wilder ist."

Willem erklärte, daß er die Ruhe nicht leiden kann. Wo es still ist, kann er sich nicht aufhalten. Er ist am liebsten dort, wo es lebendig ist, durcheinandergeht, wo Bewe­gung ist.

„Willem", sagte Seb, „die Abfahrt nach Rußland gehr bald los, vielleicht heute noch. Der Werber sagt, in Trier bereite die Regierung Maßnahmen zur Verhinderung der Auswanderung vor."

Wieder trat eine Pause ein.

„So schnell geht das nicht. Eine Regierung braucht füll alles viel Zeit."

„Ich werde Katrin mitnehmen", sagte Seb in vollem Ernst.

„Das gefällt mir. So habe ich mir das auch gedacht. Wir müssen sie sofort hierher holen."

„Ich muß sie aber erst freien. Ihre Eltern werden dagegen sein. Aber ich will meine Pflicht tun. Es wird ihnen so leichter sein, ihren Kummer zu verschmerzen, als wenn ich Katrin fortführe, ohne zu freien."

Willem war damit einverstanden. Die beiden heckten schnell einen Plan aus. Freiersmänner sollten Willem und der Spielmann Müller sein.

„Müller ist schon bejahrt, sieht vornehm aus und ver­steht mit Bürgern umzugehen."

Es wurde beschlossen, daß man Feiertagsgewänder an­zieht und sich in einer Stunde auf dem Platz vor der Flo­rinskirche treffen wird.

Seb, Willem und Müller traten ins Haus des Bür­gers Philipp Unneberger ein. Seb sah in seinem Gewand im Schnitt eines Bürgerkleides vornehm aus. Philipp Linneberger riß erschrocken die Augen auf. Er konnte nicht verstehen, was der Besuch der drei fremden Männer in sei­nem Haus bedeuten sollte. Seine Frau Marget schaute er­staunt auf ihren Mann, dann wieder auf die eingetretenen Gäste. Katrin, die aus der Nebenstube guckte, war erst verwirrt, aber schon nach einigen Augenblicken sah sie Seb liebreich an. Das Wort ergriff Müller:

„Wir, ich Spielmann Martin Müller, Schmiedegeselle Willem Bach und dieser junge, schöne, kluge und starke Bub Sebastian Bauer sind gekommen. Ihre Tochter Katrin für Seb zu freien. Seb ist Spielmann und hat fromme Eltern, die friedlich in Langenreuth am Neckar wohnen. Entschuldigt, daß wir mit der Tür ins Haus fallen. Wir stehen kurz vor der Reise, und unser Schiff geht in einigen Stunden. Darum haben wir es eilig. Also Ihr Wort, geehrte Eltern Philipp und Marget Linneberger."

Seb und Willem hielten sich in strammer Haltung. Sie wußten, daß jetzt irgend etwas geschehen wird. Gut, wenn es eine höfliche Ablehnung sein wird. Wenn es aber grober herauskommt, muß man bereit sein, sich zu helfen.

Philipp Linneberger wurde auf der Stelle zornig. Sein Gesicht färbte sich dunkelrot, die Augen traten hervor und wurden glasig.

„Wie konntet Ihr es wagen, mir, einem angesehenen Bürger, so etwas zuzumuten?"

„Vater Linneberger“, unterbrach ihn Müller, „schaut erst mal den Sebastian an, was für ein bildschöner Bub er ist: groß, stark und hat ein Gesicht, das der schönsten Jungfer gefallen kann.“

„Was Sie sich erlauben, ist eine gemeine Frechheit. Meine Tochter heiratet nur einen Bürger. Bemühen Sie sich nicht weiter.“

„Wir gehen nicht aus dem Haus, ehe wir die Katrin ha­ben.“ sagte Müller mit solchem Ernst, der keinen Zweifel an seinen Worten zuließ.

„Soll ich etwa den Rat zu Hilfe rufen? In Friedenszeit kommen Sie ins Haus wie Marodeure während einer Kriegsschlacht.“

„Vater Linneberger...“

Linneberger unterbrach Müller:

„Mein Wort hab ich gesagt. Das ist das Wort eines Mannes, eines Bürgers von Koblenz.“

Willem Bach trat vor.

„Unser Wort lautet: Katrin geht mit uns." Willem sprach befehlerisch, und Linneberger verstand, daß man ihn zwingen will, sein Einverständnis zur Verlobung sei­ner Tochter zu geben. Bestürzt schwieg er eine Zeitlang. Furcht überkam ihn. Müller war in adeliger Kleidung, sprach wie ein Adeliger. Sollten die Kerle, die in sein Haus eingedrungen sind und seine Tochter verlangen, vielleicht Räuber sein? Wird doch in der Stadt erzählt, daß die Ban­de Krummfingers aus Adeligen bestehe. Philipp Linneber­ger konnte nicht entscheiden: Soll er es wagen und um Hilfe rufen oder Katrin opfern. Marget bat kläglich:

„Philippus, sei nicht starrköpfig."

Aus dem Nebenzimmer kam Katrin. Entschlossen ging sie zu Seb, umarmte ihn und schmiegte sich an:

„Ich heirate Seb, davon werde ich nicht ablassen, mag da kommen, was will.“

Philipp Linneberger war wie vor den Kopf gestoßen. Er starrte verstört der Reihe nach die Anwesenden an, rang nach der Luft und versuchte zu schlucken. Dann machte er einige Versuche, vom Stuhl aufzustehen, setzte sich aber schwach wieder hin.

„Verzeih mir, Vater. Ich liebe nur Seb. Ihm habe ich mich ganz verschrieben. Ich habe nicht mehr zu entschei­den.“

Seb war auch das Herz aus Mitleid um Katrins Eltern weich geworden.

„Verzeiht mir, wenn ich Euch Leid zugefügt habe. Ich bin meiner auch nicht Herr. Ich kann ohne Katrin nicht sein. Sie ist mir lieb wie mein Leben.“

Phillip Linneberger hatte seine Sinne wieder beisammen. Er fragte:

„Du kennst wohl den Buben schon länger?"

„Ja", war die Antwort.

„Marget, wo hast du deine Augen gehabt, als deine Tochter sich auf der Straße mit einem hablosen Buben be­hängte?"

„Philippus", sagte Marget „sei nicht so streng, hab doch Einsicht."

„Listig habt ihr's gemacht", sagte Linneberger, „habt mir eine beschlossene Sache zur Entscheidung vorgelegt." „Vater", sagte Katrin flehentlich, „sei barmherzig und zerstöre nicht mein Glück."

Möller wurde unruhig. Er wollte nicht noch einmal sa­gen, daß die Zeit rennt und sie zu eilen haben. Willem hielt es nicht aus.

„Gebt Euer Einverständnis und segnet das junge Paar."

„Bist ein fixer Kerl. Eine der schönsten Jungfern der Stadt wegnehmen und dabei keine Zeit verlieren", sagte Philipp Linneberger in schon ruhigerem Ton. „Mein Herz soll auch nicht von Stein sein. Hast du sie dir er­obert, so nimm sie. So eine Heirat meiner Tochter hätte ich mir nie träumen lassen. Ist es aber mal so gekommen, will ich mich damit trösten, daß es so sein sollte."

Philipp Linneberger stand auf, ging zu Seb und Katrin und segnete sie. Müller zog seinen Krug mit Liebfrauenmilch hervor und schenkte aus. Er wünschte dem Brautpaar Glück, Liebe und frohe Kinder.

„Katrin", sagte Seb, „schnell pack deine Sachen zu­sammen, sonst können wir uns verspäten."

„Wohin?" fragte Vater Linneberger erschrocken.

„Nach Rußland", war Willems kurze Antwort.

Phillip Linneberger holte tief Luft.

„Ohne zu kopulieren? In das eiskalte Land zum Unter­gehen! Nein, das kann ich nicht zulassen. An den Neckar ziehen, das wollte ich mir noch gefallen lassen. Wer geht aus Deutschland nach Rußland? Nur ein Narr."

Müller erklärte, daß die Prinzessin von Anhalt-Zerbst vor langer Zeit schon als Fünfzehnjährige nach Rußland ging und gar nicht mehr zurück will.

„Was hältst du mir die Prinzessin vor, Katrin ist nicht mal eine Adelige", schimpfte Vater Linneberger.

„Desto beaeer“, sagte Willem, „sie braucht also keine Schutzhülle wie die verhätschelten Adeltgen.“

„Nein", schrie Vater Linneberger, „das ist mein eisern Wort.“

Mutter Marget weinte. Seb und Katrin standen niedergeschlagen, fest aneinandergeschmiegt.

„Wenn ihr mich von Seb trennt, springe ich in den Rhein und ersäufe mich."

Vater Linneberger schaute Katrin erschrocken an.

„Du bringst mich noch lebendig ins Grab."

„Vater, Mutter, fürchtet euch nicht, ich werde glückitch sein."

Philipp Linneberger machte einige schwere Bewegun­gen mit dem Kopf nach den Seiten, ließ seine Blicke in der Stube umherschweifen, als suche er etwas.

„Philippus, sei nicht streng“, bat Mutter Marget mit weinerlicher Stimme.

„Mag es denn so sein: fahrt! Mir tat es ganz unver­ständlich, wie man von unserem warmen grünen Rhein nach Ru?land an das Eismeer ziehen kann. Meine Katrin erfriert dort. Seb, halte sie nur immer warm. Sie ist doch die Kälte nicht gewohnt."

Müller holte wieder seinen Krug herbei und füllte die Becher. Auch Mutter Marget brachte einen Krug Wein. Es wurde auf das Wohl und Glück des jungen Paars getrun­ken, auch auf das Wohl der Stern des Brautpaares und aller Anwesenden und der Stadt Koblenz. In dieser Weile schnürten Mutter Marget, Katrin und ihre Geschwister, Stefan und Veronika, die Bündel.

„Aber wie wird es mit der Kopulation?" fragte Vater Linneberger, vom Wein schon etwas heiter geworden, in ge­schäftlichem Ton.

«In der Stadt Lübeck werden wir uns beim Warten auf die Einschiffung eine Zeitlang aufhalten müssen, und da lassen wir uns kopulieren", erklärte Seb seinem eben erst erworbenen Schwiegervater.

„Lübeck“, wiederholte Philipp Linneberger. „Marget, gib mir’s Buch her.“ In einem ziemlich dicken Buch blätterte er vorsichtig, bis er endlich las: „Lübeck: Dom, Marienkirche, Jakobikirche, Katharinenkirche. In der Katharinenkirche la?t ihr euch kopulieren.“ Vater Linneberger ging in ein Nebenzimmer und brachte ein Säck­ten mit Münzen und gab es Seb. „Da ist Geld für die Kopulation. Bezahle den Geistlichen gut und bitte ihn, er soll mir dienstlich melden, an welchem Tag und in welcher Stunde er euch kopuliert hat."

Seb bedankte sich für das Geld und versicherte seinem Schwiegervater, daß sein Wunsch in Erfüllung gehen werde. Die Becher wurden wieder gefüllt. Es bestanden jetzt schon freundschaftliche Beziehungen zwischen Philipp Linneberger und den Freiern. Aber das Auswandern nach Rußland ging Linneberger nicht aus dem Sinn.

„Wie kann man sich entscheiden, Deutschland zu ver­lassen?" wandte er sich an seine Gesprächspartner.

„Deutschland? So etwas gibt es auf der Welt nicht", sagte Müller mit solcher Gewißheit, als wäre da gar nicht dran zu zweifeln.

„Wie?" fragte Philipp Linneberger. „Aber unser Heili­ges Römisches Reich Deutscher Nation?"

„Das bricht bald zusammen wie ein verfaulter Schup­pen", sagte Müller.

Philipp Linneberger wußte nicht, was er zu solch einer gefährlichen Prophezeiung sagen sollte. Er träumte wie jeder Deutsche immer von einem großen starken Deutsch­land.

„Ich möchte nur wissen, was ihr in Rußland finden wollt."

Müller zuckte mit den Achseln.

„Was sucht man auf der Welt? Ein gutes Leben."

„Gutes Leben findet man in fremdem Lande nicht. Ver­mögen kann man finden, aber kein glückliches Leben. Ihr kommt in ein fremdes Land und bleibt dort ewig fremd."

Müller lachte:

„Wer Geld im Sack hat, ist nirgends fremd."

Philipp Linneberger begriff, daß er die Auswanderer von ihrem Vorhaben nicht mehr abhalten konnte, aber er wollte doch beweisen, daß sie unrecht haben.

„In Deutschland lebt es sich ganz gut. Vor dem Krieg gabs keine Not bei uns. Am Rhein fuhren mit Gütern vollbeladene Schiffe. Am Ufer hatten oft nicht alle Fahrzeuge Platz, die hier mit Gütern beladen und ausgeladen wur­den."

Müller widersprach:

„Und bei alldem hatten auch früher viele Menschen ein schweres Leben."

„Gewiß", gab Linneberger zu, „es gibt immer und überall unzufriedene Menschen. Da gab es Gesellentumul­te und Bauemunruhen. Aber der Krieg hat alle Menschen in Not gebracht, und schuld daran waren nur England und Rußland. Auch unser österreichischer Kaiser hat einen Feh­ler gemacht, daß er sich mit den Franzosen, unseren Erz­feinden, zusammengeschlossen hat."

Müller rief mit aufgeregter Stimme:

„Schuld am Krieg war der Preußenkönig, der Fritz."

"Nein", sagte Philipp Linneberger, „mir hat's Rats­herr Bellenger gesagt. Er hat es von einem Höfling gehört, und dem Höfling hat es ein Minister gesagt."

„Die Worte der Ratsherrn zählen bei uns nicht", sag­te Müller.

Philipp Linneberger erklärte, daß Ratsherr Bellenger ein zuverlässiger Mann sei. Er sei ehrlich und gerecht und nicht wie Ratsherr Just, der arme Leute mit Gewalt unter­drückt und immer seine schmutzigen Finger in die Rats­kasse stecken tut. Philipp. Linneberger kam wieder auf Deutschlands Schicksal zurück, auf Müllers Behauptung," daß das Reich in nächster Zeit zusammenbrechen wird.

„Gibt es denn niemand, der Deutschland retten kann?" fragte er Müller.

„Doch", sagte Müller klug, „den Preußenkönig, den tollen Fritz, er stellt schon ein Heer dazu auf."

„Nun aber unser österreichischer Kaiser?"

„Der Joseph? Der hat ein zu friedliches Gemüt, um diel Macht der Fürsten zu zerschlagen. Und dann will er auch nicht wieder mit Frankreich in Krieg stehen, das hängt ihm schon zum Hals heraus, ohne diesen Krieg aber kann Deutschland nicht auferstehen."

Die Dämmerung setzte ein. Die Freier wurden unruhig. Die Abfahrt der Auswanderer konnte jede Stunde begin­nen. Müller und Linneberger hätten noch lange über Ratsherrn, Kriegsstifter und die Zukunft Deutschlands gestritten, wenn Willem sie nicht unterbrochen hätte. Er, sagte:

„Es dämmert schon. Am Ende werden wir festgenomm men und kommen in den Turm anstatt nach Rußland."

Seb schrieb einen Brief an seine Eltern. Er stellte ihnen Katrin und seine Schwiegereltern vor. Ehrt und liebt siel schrieb er in seinem Brief.

Seb, Willem, Müller, Katrin, ihre Eltern und Geschwster gingen alle zusammen an das Rheinufer. Sie kamen gerade zur rechten Zeit und gingen gleich zum Schiff, wo die Auswanderer einstiegen. Mutter Marget weinte:

,,Seb“, sagte sie, „seid nur vorsichtig, damit euch kein Unglück widerfährt. Achte auf Katrin, sie ist oft leichtsin­nig."

Zum Abschied küßte die ganze Linnebergerfamilie Ka­trin und Seb. Mutter Marget rollten die Tränen unaufhör­lich über die Wangen.

„Es war alles zu kurz", sagte sie zu Seb, „ich konnte dich gar nicht liebgewinnen, mein Sohn."

Vater Linneberger sagte zu Seb:

„Du hast mir ein Stück meines Herzens entrissen. Be­wahre es, ich will dich dafür lieben."

Als letzter stieg der Bub ein, der den gefangenen Rats­herrn Just bewacht hatte.

Es war schon ganz dunkel, nur die Fenster der Häuser leuchteten matt. Ein weicher, milder Abend lag über dem Rheintal. Wird man uns verfolgen? fragte sich mancher auf dem Schiff besorgt. Doch die Regierung des Erzbis­tums Trier hatte es nicht so eilig, Sachen in Angriff zu nehmen, deren Erfolg nicht ganz gewiß war.

 

Zweites Kapitel

DIE STADT AM MEER

Weit und beschwerlich war der Weg von Koblenz bis ans Meer. Seb fühlte überall, daß er in eine andere ihm un­bekannte Gegend gekommen war. Die Backsteinbauten mit ihren geraden unverzierten Mauern, die feuchte rauhe Meeresluft und das Gemisch aus Salz- und Fischgeruch — alles war ihm fremd und wunderlich. Im Hafen standen große Seeschiffe, deren Masten hoch in die Luft ragten. Die Leute auf den Straßen waren ruhig und gelassen, als lebten sie nur von ihren Gedanken. Seb suchte Gastwirt Schmidt auf, der in russischem Dienst stand, erhielt Geld­vorschuß und erfuhr von ihm, daß die Auswanderer am Mittwoch, also in sechs Tagen, eingeschifft werden. Schmidt gab ihm auch eine Adresse, wo eine Herberge zu finden sei. Er sagte:

„Wirt Karlson ist ein gutherziger und behilflicher Mann. Sie werden sich bei ihm wohl fühlen.“

In der Herberge bei Karlson wohnten schon Gäste, auch Auswanderer. Wirt Karlson lächelte froh. Die Gäste waren ihm sehr willkommen. Seb und Katrin, Willem und Müller wies er Plätze in der Ecke zu, was bei ihm eine besondere Ehre war.

„Es soll euch hier gut gefallen", sagte er und lächelte wieder froh und treuherzig.

In der Stube war es düster. Die Fenster mit trüben Glasscheiben waren klein. Die Luft war ebenso feucht und rauh wie draußen auf der Straße, wo Wagen dröhnten und Fußtritte schwer schurrten. Nach einer Weile fand Müller einen Gesprächspartner. Es war der Offizier Daniel Damke, der sein Bettlager neben Müller hatte. Damke war aus Schwerin hierher gekommen und hatte sich fest vorge­nommen, in Rußland Offiziersdienst anzunehmen. Er hatte lange Jahre Krieg hinter sich und jetzt, da Frieden einge­treten war, war es ihm zumute, als ob er ausgespielt hatte. Im Krieg gibt es selten eine goldene Mitte, wo der Krieger immer und überall mit heiler Haut davonkommt. Damke hatte Unglück im Krieg. Er konnte keinen festen Stand für sich erreichen und hatte auch nichts erbeutet, wovon er jetzt ohne Dienst hätte leben können. Für sein Mißge­schick machte er den Krieg verantwortlich, und an dem Krieg, sagte er, sei Preußen schuld. Müller bestätigte die Meinung Damkes.

„Ja", sagte Müller, „das habe ich schon oft gesagt und werde es immer sagen: der Preußenkönig Fritz ist schuld."

Dies ermutigte Damke.

„Er hat Deutschland zerrüttet, darum sage ich: fort mit dem Hohenzollern Fritz, zurück zu Heinrich dem Löwen!"

Damke schrie, daß die Anwesenden aufhorchten.

„Wie sich der Mann entrüstet", sagte Hans Haal, ein Bauer aus Sachsen.

Philipp Schreiner erwiderte darauf:

„Bei ihm wirkt mehr der Branntwein, den er ge­schluckt hat, als sein Verstand im Kopf."

Haal schmunzelte dazu. Damke erzählte, daß es hier viel Branntwein gebe und er rieche ihn von weitem.

„Er ist so stark, daß er, wenn man ihn noch im Munde hat, schon prickelnd durch die Beine zieht."

Seb und Katrin waren bei Priester Herd Wegen ihrer Kopulation erschienen. Herd war mittleren Alters und Brautpaar durchdringend an. Am Anfang sagte der Priester, daß es nicht möglich wäre, das Ritual zu ändern. Die Brautzeit müsse eingehalten werden. Als Seb ihm aber ausführlich erklärte, daß er nichts an seiner Lage ändern könne und in einigen Tagen zu Schiff gehen müsse, so daß seine Kopulation mit Katrin nicht zustande kommen könne und somit der Wunsch des Brautvaters unerfüllt bliebe, wurde Herd weicher und gab nach. Er ver­langte, Seb solle ihm zwei Zeugen stellen, die bestätigen könnten, daß Seb und Katrin nicht verheiratet und nicht verwandt sind. Herd sagte, er käme ihnen, von der Ein­sicht in Seb und Katrins Lage geleitet, großzügig entge­gen.

„Man soll nie sein Herz verlieren und teilnahmslos gegenüber seinen Nächsten sein", meinte er.

Am nächsten Tag erschienen Seb und Katrin wieder bei Priester Herd und mit ihnen als Zeugen Willem und Mül­ler.

„Die Pastoren sind feige Männer. Sie halten alle Men­schen für Gauner und fürchten sich beständig vor Betrug", sagte Müller ganz mißgestimmt von dem Branntwein, den er zuvor mit Damke getrunken hatte.

Herd nahm amtsgemäß die Zeugenaussagen unter Schwur entgegen. Er bemerkte auch, daß irgendein Wider­willen in den Zeugen stak, und fragte Müller:

„Quält Sie Ihr Gewissen?"

„Nicht im geringsten", war die kurze Antwort.

„Sie haben irgend etwas auf dem Herzen, was Sie drückt, und Sie wollen es nicht gestehen," behauptete Herd.

Müller fühlte den hartnäckigen Druck des Priesters und wurde nachdenklich. Nach kurzem Schweigen sagte er:

„Eben gerade das ist mein Unglück, daß mein Herz leer ist. Nichts drückt es, nichts treibt es, nichts hält es. Wenn jemand mein Herz anrührt, rumort es wie ein leeres Faß." Müller sprach traurig und leidvoll.

Herd ließ von Müller ab. Er fühlte die hohe Pflicht, mit den Auswanderern ernst und tief zu sprechen. Herd begann seine Unterhaltung mit der Warnung vor bekann­ten und unbekannten Gefahren, die den Auswanderer, der in die weite Welt zieht, gefährlich bedrohen.

„Mag euch Not und Elend quälen, das Schwert des Feindes eure Häupter treffen, der Tod euch vor Augen stehen, verliert nie den Glauben an unsere wahre Erkennt­nis. Die Angriffspunkte sind groß. Da entdecken manche Grübler und Sucher Naturgesetze und anstatt sie als Of­fenbarung zu erkennen, versuchen sie unsere allumfassen­de Erkenntnis damit zu schwärzen. Der Franzose Diderot lehnt die göttliche Verwaltung von Natur und Leben ab. Dieser Gottesleugner hat Anhänger, sein Lug verbreitet sich immer mehr. Der Schwede Linnй stellt Mensch, Pferd und Rind in eine Reihe. Er zählt den Menschen zu den Säugetieren. Das ist unerhört. Solche Ketzer werden euch auch in der Fremde begegnen. Sie sind auch unter euch. Hütet euch vor ihnen. Man wird euch mit Entdeckungen, Kultur und Fortschritt zu verwirren suchen. Glaubt den fremden Worten nicht. Das Wort ist die stärkste Gewalt auf der Welt. Nur der Mensch besitzt das Wort. Es ist der Anfang von allem und die Macht des Menschen. Darum achtet das Wort und geht vorsichtig mit ihm um."

Alle vier: Seb, Katrin, Willem und Müller hörten auf­merksam zu, wie es sich gebührt, wenn ein Pastor spricht. Auf jeden von ihnen hatte die Rede nur einen flachen Eindruck gemacht. Die Reden der Pastoren haben schon seit eh und je einen mehr oder weniger bekannten Inhalt und sind darum für jeden Christen Gewohnheit. Innerlich widersetzte sich Müller den Behauptungen des Geistli­chen. Die Philosophie vom Wort schien ihm nicht ganz glaubhaft. Er überlegte: Das Wort ist ein unregelmäßiger Lärm, der verklingt, und das Wort verschwindet unwider­ruflich. Wenn es gehört und verstanden wird, dann kann es Folgen haben. Müller kapierte nicht, was Macht und Gewalt damit zu tun haben, weil diese Richtlinien des Lebens dem Besitzer in der Hand liegen und nicht im Munde.

Herd ging auf rein weltliche Besprechung über. Er sag­te, daß der junge emporstrebende Norden mit dem alten verknöcherten Süden einen langwierigen Kampf ge­führt hat.

„Jetzt haben sich endlich die Seiten ausgesöhnt. Deutschland liegt aber danieder. Voller Wunden und schwach ist unser Vaterland. Es kann heute nicht allen Deutschen Streben und Tüchtigkeit gewähren. Deutsche gehen in die Fremde. Aber verliert euch nicht. Bald wird Deutschland einig und stark sein, dann kehrt zurück in eure Heimat, um Glück und Freude zu genießen."

Herd sprach das Ende seiner Rede frohlockend aus, und unter dem hohen Gewölbe der Kirche klangen seine Worte rührend und begeisternd. Es trat völliges Schweigen ein, als seien Redner und Zuhörer immer noch unter der Wirkung der Worte des Priesters.

Herd fragte, ob jemand Fragen zu klären hätte. Dar­auf Willem:

„Wird die Kirche Seelsorger für die Auswanderer nach Rußland schicken?"

Herd gefiel diese Frage sehr, Und er lächelte zufrieden.

„Die Kirche", sagte er, „wird euch nie vergessen. Sie wird eure Gemeinden nicht ohne Hirten lassen."

Die Kopulation des Brautpaares war ohne Prunk und Aufzug. Willem, Müller und Damke und ein paar Auswan­derer aus der Herberge wohnten der Zeremonie bei. Auch einige Bürger aus dem Kirchenspiel waren zugegen. Seb und Katrin blieben ernst und ruhig. Sie befolgten alle Teile des Rituals ohne äußerliche Zeichen von Aufregung. Es schien, als sei die Zeremonie für sie eine gewohnte Sache. Willem aber zitterte am ganzen Körper. Er starrte unentwegt auf das Brautpaar. Müller bemerkte Willems Betragen und sagte:

„Sei unbesorgt. Es läuft alles wie geschmiert. Jetzt kann es schon kein Zurück mehr geben. Noch einige Minu­ten, und Seb und Katrin sind Mann und Frau."

Nach der Kopulation fand im Gasthaus „Zur runden Kugel" bei Gastwirt Schmidt ein Festessen statt. Schmidt hatte die Stube mit Rosen, Nelken und Herbstzeitlosen geschmückt. Der Tisch war reichlich mit Schweinebraten und süßem Kuchen gedeckt. Auch Branntwein fehlte nicht. Seb hatte nicht so viel bestellt. Weil es aber seine Hoch­zeit war, freute er sich über die reich gedeckte Tafel. Es wurde gegessen und getrunken, gratuliert und gute Wün­sche wurden ausgesprochen. Als man schon den Brannt­wein spürte, wurde musiziert und gesungen und auch ge­tanzt. So belustigte man sich bis zum späten Abend. Alle waren guten Muts. Nur Willem war traurig und nieder­geschlagen. Müller sagte zu Damke:

„Was mit Willem ist, verstehe ich nicht. Er war immer so rege und munter, in der letzten Zeit aber benimmt er sich wie ein Kranker."

„Er ist verliebt. Wenn ich in meiner Jugend verliebt war, war ich völlig krank", erklärte Damke.

Als Seb den Wirt nach der Rechnung fragte, sagte dieser:

„Sie ist schon bezahlt."

Seb war bestürzt. Er fragte:

„Wer ist mein Wohltäter?"

„Eine wichtige Person der Stadt hat Ihnen die Ehre er­wiesen."

Wirt Schmidt sagte, er dürfe den Namen jetzt nicht nennen, aber Seb wird seinen neuen Freund bald sehen; dürfen und mit ihm auch sprechen können. Seb gefiel die ganze Geschichte nicht. Er wollte schon verlangen, daß man ihm die Rechnung vorlege. Müller hielt ihn zurück:

„Sei nicht voreilig, Seb. Der Zahler hat vielleicht die allerbeste Absicht und will sich für einen Dienst bei dir bedanken. Mir hat einmal ein junger Edelmann hundert Taler geschenkt, weil ich ihn vor einigen Jahren, als er am Ertrinken war, aus dem Wasser gezogen hatte."

Auch Katrin belehrte ihren Mann, daß man für Wohlta­ten immer dankbar sein muß, auch wenn sie einem durch­aus nicht gefällig sind.

Am Morgen in der Frühe erschien in der Herberge bei Gastwirt Karlson ein vornehmer Herr und fragte nach Se­bastian Bauer. Der Mann war in Kaufmannskleidung, mit schwerem Filzhut, der ihm fest und tief auf dem Kopf saß. Als er Seb gegenüber stand, lächelte er freundlich und bat Seb, ihm zu folgen, da er mit ihm nähere Bekannt­schaft anstrebe und Seb daraus gewiß keinen Nachteil haben werde. Seb schaute den Mann prüfend an.

„Gut oder schlecht", sagte Seb, „die Langeweile in Er­wartung auf Wind kann man sich so vertreiben."

Herbert Notke, so hieß der Kaufmann, sah Seb mit scharfen blauen Augen an.

„An Zeitvertreib hatte ich noch keine Not. Ich kann Sie in das Geheimnis einweihen, wie man mit der Zeit umge­hen muß", erklärte Notke.

„Da bin ich neugierig drauf", sagte Seb.

Notke lachte vergnügt.

„Zuerst das Wichtigste davon. Wie nichts anderes steht allen Menschen die gleiche Zeit zur Verfügung — vierund­zwanzig Stunden pro Tag. Kein Mensch kann von seiner Zeit jemandem etwas abgeben oder von einem anderen borgen. Ein Jeder muß seine Zeit selbst ausnützen. Und so passierte es, daß der eine zuviel Zeit hat, der andere zuwenig, und dem dritten reicht die Zeit gerade aus."

Vor der Herberge stand eine Kutsche, und Seb und Notke fuhren in die Kaufmannssiedlung. An der Seite sah man die alte Burg, das Domviertel und das stille Wasser des Flusses, der die schwerbeladenen Schiffe hinaus aufs Meer trug. Der Himmel war trübe, und feuchter Nebel umschleierte die alte stille Stadt. Notke führte Seb in sein mehrstöckiges Haus aus Backstein in gotischem Stil. Die Stube, in der sie sich niederließen, war mit guten Möbeln eingerichtet, auch gab es hier teuren Zierat. An der Wand hingen Bildnisse von Notkes Vorfahren. Notke zeigte sie Seb mit Stolz und sagte, daß sein Familienstammbaum bis ins 16. Jahrhundert reiche. Heiter und froh begann Notke Seb sein Anliegen darzulegen:

„Sie haben Glück", sagte er zu Seb, „in den letzten Stunden vor der Abfahrt kommen Sie von der gefährlichen Auswanderung nach Rußland weg."

„Ich verstehe nicht, Herr Notke, wird man uns hier festhalten?" fragte Seb erstaunt.

„Nein, das kann die Stadt nicht machen, so nötig es auch wäre."

Der Kaufmann erzählte, daß die Stadt Arbeitshände brauche. In der neueröffneten Zuckermacherei fehle es an Leuten, Er erklärte, die Zuckermacherei gebe viel Gewinn, und er als der Hauptanteilbesitzer verliere viel Geld durch den Mangel an Arbeitshänden. Man ist daran, eine Zigar-renmacherei zu errichten, wo man nicht weniger Hände brauchen wird, klagte Notke. Nach kurzem Schweigen sprach er in heiterer Stimmung weiter:

„Hände, Hände, überall Hände. Die Hände schaffen den Geist, und der Geist führt die Hände — so ist das Men­schenleben."

Er erklärte Seb, daß die Stadt die Auswanderer nicht halten kann, um sich mit Rußland nicht zu verfeinden.

„Rußland ist jetzt noch unsere einzige Hoffnung. Schweden und alle, die über dem Sund sind, haben uns Hamburg genommen, und auch mit Rußland steht es für uns nicht gut. Der Handel mit Nowgorod ist eingeschla­fen. Vielleicht wird uns Petersburg helfen."

Aus dem Gespräch mit Notke verstand Seb, daß Ruß­land für den Kaufmann von großer Bedeutung war. Notke erklärte seine Sorge um den Handel mit Rußland:

Land ist im Aufstieg begriffen. Heutzutage erzeugt man in Rußland Eisen, Kupfer und auch Tuch Wir müssen uns daher umstellen und neue Waren für Rußland bereithalten." Der Kaufmann sagte, daß er von Pastor Herd ein Vertrauenswort für Seb habe.

„Pastoren", erklärte Notke, „sind Menschenkenner weil ihnen die Menschen ihr Herz ausschütten, wozu auch jeder Mensch das Bedürfnis hat."

Seb erfuhr endlich, daß man ihn in der Zuckermacherei als Aufseher anstellen will.

"Für die vielen Hände muß ein wachsames Auge da sein, damit sie nicht stehlen und fleißig arbeiten", sagte Notke. Auch für Willem hatte der Kaufmann einen Dienst, und für Katrin versprach er vornehme Bürgergesellschaft.

Seb wollte widersprechen, aber Notke ließ ihn nicht zu Wort kommen.

"Ihre Geldschuld an den Kommissar werden wir dek-ken. Aber Sie dürfen auf keinen Fall verlauten hissen, daß wir Sie zurückgehalten haben. Sagen Sie einfach, Sie hätten sieh besonnen und beschlossen, nicht nach Rußland auszuwandern. Befürchten Sie keine Drohungen. Die rus­sische Regierung hat hier noch keine Gewalt über Sie."

Wieder wollte Seb was sagen, aber Notke fiel ihm ins Wort.

„Wenn es um Vorteil geht, müssen Ehre und Anstand zurücktreten. Ein jeder greift nach dem Besseren. Auch Könige und Kaiser ziehen Gewinn dem Verlust vor."

Seb erklärte, daß er in keinem Fall Notkes Vorschlag annehmen könne, weil es ihn nach Rußland zieht, fort voll hier, wo alles schon so geläufig und gleich ist.

„Das sind Jugendeinfälle, die nur in Gedanken schön, aber für das Leben verderblich sind." Weiter versuchte Notke, Seb Furcht vor Rußland einzuflößen. Er sagte: „Im Vertrauen gesagt: Rußland ist ein rohes Land, und nur wer zugrunde gehen will, kann sich in das halbwilde Reich begeben."

Seb schaute Notke ernst an. Notke verstand, daß er Seb hoch nicht reumütig gemacht hatte. Er begann wieder zu erzählen, daß in Rußland eine strenge Herrschaft der adeligen Gutsherren über ihre Hörigen bestehe. Bürger und freie Bauern gebe es in Rußland nicht. Alle nichtadeligen Menschen seien der Willkür der adeligen Herren ausgesetzt. Es sei nicht ausgeschlossen, daß auch die freien Einwanderef den adeligen Gutsbesitzern unterstellt werden

„Ich fahre nach Rußland", sagte Seb, "Für die Fürsorge meinen innigsten Dank. Die Rechnung für die Hochzeit zahle ich Gastwirt Schmidt."

Notke war bestürzt. Er stampfte zornig mit dem rech­ten Fuß auf den Boden. Es trat eine quälende Pause ein. Dann sagte Notke:

„Handeln Sie nach Ihrem Willen. Ich will Sie nicht daran hindern. Wir Kaufleute sind für die Freiheit. Unsere Stadt war hundert Jahre die Feste der Freiheit und soll et mich weiter bleiben. Seinen Willen einem anderen Men­schen aufzwingen, heißt die Freiheit verletzen."

Kaufmann Notke fuhr Seb zurück in die Herberge. Bei­de saßen friedlich in der Kutsche und sprachen kein Wort mehr über die Auswanderung nach Rußland. Notke zeigte auf die Burg und sagte:

„Sie ist der Anfang unserer schönen Stadt, auf die wir heute mit Stolz und Liebe blicken."

Es war stilles warmes Wetter, was für die Schiff­fahrt so unerwünscht war.

Als Seb in die Herberge kam, waren Katrin und Wil­lem nicht zu finden. Müller war mit Damke ausgegangen, hörte Seb von Philipp Schreiner. Wohin Katrin und Wil­lem sich begeben hatten, wußte niemand zu sagen. Seb ging auf die Straße und hielt nach allen Seiten Ausschau. In den engen steinernen Gassen konnte man nicht weit se­hen. Es war ruhig, und nichts erweckte seinen Ver­dacht. Die Menschen gingen still ihrer Wege, und auch die Fuhrwerke fuhren friedlich dahin. Aber was kann nicht alles mit einem Menschen in einer fremden Stadt gesche­hen? Nicht weit war das offene Meer, und Schiffe kamen und gingen. Unter den Schiffern gab es sehr oft Menschen mit schlechtem Gewissen... Mit jeder Minute wuchs die Unruhe in Seb.

Spät am Abend hielt eine Kutsche vor der Herberge, und Katrin und Willem stiegen aus. Katrin sah sogleich, daß Seb aufgeregt war. Sie schmiegte sich an ihn und schaute ihm demütig in die Augen.

„Gleich danach, als du mit dem Herrn Kaufmann fort­gefahren warst, kam ein ebenso wichtiger Mann zu mir und bat mich und Willem dir zu folgen. Anfangs traute ich ihm nicht. Als ich dich aber vor uns in der Kutsche sah, war ich ganz sorglos und fuhr ruhig mit", erzählte Katrin.

Am Hause des Ratsherrn Wandt hielt die Kutsche an. Katrin und Willem führte man in eine große Stube. Die Stube war reich geschmückt und gut möbliert. An der Tür stand ein Hausknecht, und eine Magd mit schönem zarten Gesicht und reizender Gestalt bediente die Angekommenen höflich und sanftmütig. Willem traf einmal ihre treuherzi­gen Augen, und ein Zug der Erregung durchströmte ihn. Er mußte sich bemühen, vor Katrin seine Wallung zu verbergen.

Für Katrin war es ein Rätsel, was Herr Wandt durch die erwiesene Ehre von ihnen erreichen will. Seb hatte man in ein Haus gebracht, sie und Willem in ein anderes. All dieses schien beinahe verdächtig. Es ist aber unmöglich, daß diese hohen Herren Räuber sind, dachte Katrin. So hatte sie sich die Reise nicht vorgestellt. Sie glaubte, daß sie ruhig und ohne Hindernisse verlaufen wird.

Katrin ließ nichts von dem Eindruck, den die pracht­volle Stube auf sie machte, merken. Willem war unruhig. Er schielte Katrin schlau an, als wollte er sagen: Hier will man uns ins Feuer nehmen.

Ratsherr Wandt war ein großer schlanker Mann. Er hatte ein starres, aber würdevolles Gesicht. In der Hand hielt er einen Stock, den er nie losließ. Der Stock war bei ihm der verlängerte Arm, den er beständig bewegte und so mit dem Stock seine Gedanken und seine Stimmung zum Ausdruck brachte.

Wandt setzte sich Katrin gegenüber und faßte sie fest, aber gutmütig in die Augen. Seine erste Frage an Katrin war, ob sie wohl frei und aus eigenem Wunsch nach Rußland ziehe, oder ob eine unbekannte Ursache sie dazu gedrängt habe.

"Aus eigenem Trieb und Wunsch", war Katrins kurze Antwort.

Scheinbar war dies für Wandt unerwartet. Er beharrte nicht auf seiner Frage und erzählte von der Stadt.

„Wir“, sagte er wichtigtuend, „sind führend in Deutsch­land, Vorbild für die anderen Städte."

Auch dies rührte Katrin wenig, und Wandt ging ge­radewegs auf sein Ziel los. Er sagte:

"Ihr dürft nicht nach Rußland ziehen. Euer Leben in bringt Deutschland großen Schaden. In Zukunft unser Vaterland als das stärkste Reich in Feinde werden sich dann auf Deutschland stürzen: Rußland, England und Frankreich. Ihr werdet dann euren deutschen Brüdern als Feinde gegenüberste­hen. Ist das nicht abscheulich? Ist das zulässig?"

„Unsere Männer sind auf hundert Jahre vom Soldaten­dienst befreit", erklärte Katrin.

„Das sind nur Versprechen, und sie können im Hand­umdrehen zunichte gemacht werden." Wandt schmunzelte. „Rußland wird von einer Selbstherrscherin regiert. Wie könnt ihr sie zwingen, ihr Versprechen euch gegenüber zu halten? Ihre Macht ist tausendmal größer als die eure. Viel­leicht denken Sie, ihr Gewissen wird es nicht zulassen, daß sie ihr Wort bricht. Schamgefühl, Ehrgefühl! Von all diesem haben Selbstherrscher keine Vorstellung, weil sie ihre Taten vor dem Volk nicht verantworten. Sie brau­chen mit nichts und niemand zu rechnen. Seid ihr erst mal unter russischer Botmäßigkeit, dann müßt ihr alles über euch ergehen lassen, was des Herrschers Wille ist."

Katrin hörte aufmerksam zu, sagte aber, daß ihr Vor­haben fest ist und nichts sie davon abhalten kann.

„Mein Mann, Seb Bauer, entscheidet über diese Frage, und ich werde ihm folgen."

Willem nickte Katrin zustimmend zu.

Wandt dachte lange nach. Man sah es ihm an, daß er es nicht leicht hatte.

„Ich habe meine Pflicht getan", sagte er ehrfurchtsvoll, „niemand kann mich beschuldigen, daß ich die Auswanderer nicht vor ihrem Unglück gewarnt habe." Des Ratsherrn starres Gesicht wurde weicher. Er lächelte freundlich. „Was ich mit Ihnen besprochen habe, muß unter uns bleiben. Die Stadt kann und darf ihre Beziehungen zu Rußland nicht verschlechtern. Wir verstehen gut, daß wir von dem großen und rätselhaften Reich stark abhängig sind." Wandt schielte nach Katrin. Als seine lüsternen Blicke Katrins Augen trafen, sagte er: „Schade, daß so ein reizendes Weibsbild uns verläßt. Ich beneide diejenigen, die die Schönheiten Frau Katrin bewundern dür­fen."

Dieser Schmeichelei konnte. Katrin nicht widerstehen. Sie färbte sich rot im Gesicht, lächelte kaum merklich. Willem brummte vor sich hin und schaute den Ratshernn böse an. Wandt verfiel wieder in seine väterliche Rolle.

„Starrsinn hat schon oft großes Unglück gebracht. überlegen Sie sich gut, was Ihnen bevorsteht. Jeder Deutsche muß vor allem vernünftig handeln. Gefühlen folgen ist nicht unsere Art. Wir stüfeen uns immer auf Tatsachen und überlegungen. Das Leben ist viel zu wertvoll, um es sinnlos zu vergeuden."

Katrin und Willem wurden unruhig. Wandt winkte der Magd an der Tür, und diese brachte sogleich auf einem Teiler Becher mit Wein und Wildbret als Imbiß.

„Zum Abschied", sagte Wandt, „auf euer Glück." Weiter sagte er, sie sollen sich in der Fremde an ihn und seine Worte erinnern. Er sei durchaus nicht böse, weil sie nicht auf ihn gehört haben. Es sei seine Pflicht als Rats­herr, den Leuten zu helfen, ihnen beizustehen und sie vor Unglück zu bewahren.

Seb dachte lange über das Bemühen der Bür­ger der Stadt nach. Es schien ihm, als wollten sie ihn hin­dern, sein Glück zu erreichen. Er sagte zu Katrin:

„Mir sind diese Gespräche zuwider. Ich sitze hier wie auf glühenden Kohlen. Wenn es doch bald fortginge von hier."

In der Herberge wurde bekanntgemacht, daß in der Ma­rienkirche Gottesdienst für die Auswanderer stattfinden wird. Den Auswanderern war das gefällig. Ihnen stand ei­ne lange Reise auf dem Meer bevor.

Die Predigt hielt Pastor Fischer. Die Auswanderer hör­ten aufmerksam zu.

„Furcht und Ergebenheit schützt euch vor Unglück und Not", sagte der Pastor. „Wer sich bescheiden aufführt, hat keine Feinde in der Welt. Alles Elend kommt von bösen Geistern. Ob sie Gestalt haben oder ohne Kör­per umher schweben, sie sind es, die euch angreifen, euch Leid zufügen oder euch sogar eures Lebens berauben."

Damke flüsterte Müller ins Ohr:

„Der Pfarrer will uns bange machen. Ich zweifle dar­an, ob der Pastor so viele Kenntnisse von Feinden hat wie ich. In der Schlacht bei Roßbach habe ich wenigstens ein paar Tausende gesehen, und wäre ich nicht geflohen, hät­ten mich die Kanaillen sicher umgebracht. "

"Ich denke auch so", sagte Müller, „das sicherste ist, man flieht vor seinen Feinden."

Seb und Katrin waren in tiefe Andacht versunken. Nach Beendigung der Predigt sagte Fischer in weltlichem Ton: "Vergeßt nicht, daß ihr Deutsche seid. Wer sich ver­leugnet, hat seinen Verstand verloren. Niemand ehrt den, der sich selbst nicht ehrt. Von ganzem Herzen wünsche ich euch Glück im fremden Lande. Doch ich will Gott bitten, daß er euren Geist erleuchtet und euch von dem gefahrvol­len Weg zurückhält."

Viele der Auswanderer waren traurig geworden. Die Leute aus dem Kirchspiel, die dem Gottesdienst beiwohn­ten, schauten die Auswanderer mitleidsvoll an. Ein dürrer Mann mit fahlem Gesicht sagte zu Willem vor der Kirche nach dem Gottesdienst:

„Bleib im Land und nähre dich redlich."

Willem darauf schroff:

„Das geht dich an, weil du vor Angst in fremdem Land sterben wirst."

Die Auswanderer gingen zurück in die Herberge. Der Tag der Abfahrt nahte, und damit kam die Schwermut des Abschieds von der Heimat. Hans Haal starrte lange ins Weite, dann brummte er seine Gedanken laut aus:

„Mir wird es in Rußland nicht gefallen. Ich werde dort darben müssen, mißmutig sein, und nichts wird mich freuen."

Sein Nachbar, Salomon Klein, nickte ängstlich.

„Ich", sagte er, „ginge gleich mit zurück in mein Land. Wenn auch mit Harm und in Not, aber zu Hause bei den Landsleuten."

Katrin fragte Seb, warum alle Menschen ihnen abraten, nach Rußland zu gehen. Seb schaute Katrin gerührt an.

„Die Leute sorgen sich um uns."

„Und warum schimpfst du über sie?"

Seb erklärte, daß er Widerstreben gegen seinen Willen nicht vertragen könne. Er sagte, daß er den Ratgebern zür­ne und sie dabei im Herzen ehre für ihre Teilnahme an sei­nem Schicksal. Katrin fragte Seb:

„Suchen die Leute vielleicht ihren Nutzen und halten sich deshalb so fest an uns?"

Seb nickte bejahend. Er erklärte:

„Bauern und Handwerker erwerben ihre Güter von der Natur. Alle anderen nehmen ihre Habe von den Bauern und Handwerkern. Darum bemühen sie sich, die Schäfchen zur Schur für sich zu behalten."

„Demnach wäre es wohl richtig, wenn alle Menschen Bauern und Handwerker wären?" fragte Katrin.

„Nein", sagte Seb, „so kann die Welt nicht bestehen. Die Seelsorger bemühen sich um gute Sitten und ein reines Gewissen der Menschen, die Kaufleute fördern den Handel. Die Unternehmer ernähren die Lohnarbeiter, und die Für­sten regieren uns. Alle sind nötig."

Katrin war mit der Erklärung nicht zufrieden. Nach ei­ner Weile fragte sie:

„Warum sind dann alle Leute mit den Geistlichen, Kauf­leuten und Fürsten unzufrieden?"

„Weil sie ungerecht gegen Bauern und Handwerker handeln."

Am anderen Tag gingen Müller und Damke auf den Platz vor der Jakobikirche, wo sich das Volk der Stadt ver­sammelte. Müller spielte auf der Geige. Damke sang Gotteslieder. Die Leute hörten hingerissen zu. Die zarten Töne von Müllers Geige rührten die Zuhörer tief. Damkes Stim­me paßte sehr gut hinein. Ein vom Gesang befangener Mann gab Damke einen Taler und nannte ihn Maestro. Das erstemal merkte Damke, daß er für Psalmengesang Talent hatte. Er fühlte, wie er sich innerlich an seinem Gesang erbaute. Die Spenden waren reichlich. Müller schielte nach dem Becher mit den Münzen und verstand, daß für Branntwein für eine Woche gesammelt war. Dam­ke war von seinem Erfolg begeistert. Er wäre nicht dage­gen gewesen, die Abfahrt nach Rußland noch etwas auf­zuschieben. Aber als er so recht zufrieden war, kam ein strammer Mann auf ihn zu, stieß ihn hart an und sagte böse:

„Du, ich kenne dich. Du bist der Schweriner Offizier, der auf der Seite von Hannover gegen uns gekämpft hat."

Damke war erschrocken. Er verstand alles im Nu. Mit einem Sprung war er in der Menge verschwunden. Mül­ler erwischte das Geld und rannte auch davon. Die Menschen waren verwirrt. Einige erzählten, man hätte hier Seeräuber erkannt, andere wiederum sagten, der Sänger sei der in der Stadt bekannte Dieb Gustav Busch gewesen.

Keiner setzte Damke und Müller nach. Die zwei kamen wohlbehalten ins Gasthaus „Zur runden Kugel" und zech­ten dort bis spät in die Nacht.

Daß sich Willem und Katrin bei Ratsherrn Wandt einig waren und so gut wegkamen, machte Willem heiter. Guten Muts schlenderte er durch die Gassen und trällerte eine muntere Weise, die er von einem Strolch am Main gehört hatte. Plötzlich stellte sich eine Jungfer vor ihm auf. Willem erkannte die Magd des Ratsherrn Wandt.

„Bist, frech, Bursch, fühlst dich auf den Gassen wie in deiner eigenen Stube", sagte sie liebäugelnd. Willem lächelte großmütig.

„Ich bin entzückt von dem Engel, der mir so unverhofft erschienen ist." Er griff nach der Hand der Jung­fer.

„Ich heiße Luise, bin eines Schiffers Tochter." Willem drückte zärtlich Luisens Hand und zog sie an sich, eine Gewohnheit, die ihm gut geläufig war. Luise folgte geduldig dem Willen des Mannes.

„Du ziehst nach Rußland?" fragte sie.

„Ja, in ein paar Tagen geht es aufs Meer."

„Nimm mich mit", sagte Luise. „Als ihr von uns fort ward, sagte der Ratsherr, daß ihr ihm gefallen habt. Je­der Mensch habe sein Glück auf Erden, sagte er, aber nicht alle finden es. Menschen, die nach ihrem Glück su­chen, sind zu loben." Luise schwieg eine Weile, dann sag­te sie: „Vielleicht ist mein Glück in Rußland?"

Willem freute sich darüber.

„Bei Gastwirt Schmidt kannst du dich melden und wirst mit uns fortkommen", sagte er ihr wohlwollend.

Luise schaute Willem demütig in die Augen.

„Aber du mußt mich erst heiraten", sagte sie entschie­den.

Willem starrte Luise an und konnte kein Wort sagen.

„Heiraten?" kam es ihm mühevoll von der Zunge.

Luise nickte.

Er ließ Luisens Hände los und ging mit gesenktem Kopf und schweren Schritten fort. Luise sah ihm nach. Sie hoffte, Willem wird sich nach ihr umsehen, und sie würde ihm alles erklären. Doch Willem ging immer weiter fori. Tränen rollten ihr über die Wangen. Ach, wo ist ihr Heinrich?

Vor zwei Jahren brachte ein Soldat ihr die Botschaft, daß Heinrich bei Alabama oder Louisiana gefallen sei. Der Bote wußte nur nicht genau, wo Heinrich gefallen war. Mit Heinrich war Luise verlobt. Vor ihrer Heirat wur­de Heinrich als Soldat eingezogen. Der Herzog schickte ihn mit anderen jungen Männern nach England für den Krieg in Amerika. Vielleicht lebt Heinrich noch und wird zu ihr zurückkehren?

Traurig kehrte Luise in das Haus des Ratsherrn Wandt zurück. Auch Willem kam schweren Herzens in die Herberge. Er wälzte sich die ganze Nacht hindurch auf seinem Lager. Am Morgen stand er früh auf und ging in die Stadt. Erregt wandelte Willem in den Gassen umher. Die Sonne ging auf und überstrahlte mit ihrem goldenen Ichein die Dächer der Backsteinhäuser. Es zog ihn nach dem Hause des Ratsherrn Wandt. Mehrmals ging er an dem Hause vorbei, aber Luise sah er nicht. Die Gassen füll­ten sich mit Menschen. Ein jeder ging seines Wegs, ohne Willem zu beachten.

Am Abend erschienen in der Herberge bei Wirt Karlson zwei Männer. Einer war hoch von Wuchs und schlank, mit ungewöhnlich langen Armen, einer langen dürren Na­se und großen trüben Augen. Der andere war das Gegen­teil: klein, dick, mit scharfen Augen, die in den Augenhöh­len fortwährend hin- und herflogen. Die beiden hatten fürst­liche Amtskleidung an, die ihnen schlecht am Leibe saß. Trotz ihrer ehrbaren Kleidung schenkte man den beiden nicht die geringste Beachtung.

Sie nahmen an dem Tisch aus groben Brettern, der an der Wand stand, Platz und winkten Hans Haal zu sich. Der Kleine flüsterte Haal ernst und schnell etwas zu, wäh­rend es der Große mit bedächtigem Kopfnicken bestätigte. Haal sah sich erregt um. Nach einer langen Unter­haltung zog Haal seinen Geldbeutel aus der Hosentasche und zahlte dem Großen ein Häufchen Münzen ab, der das Geld sofort in seinen großen Beutel steckte. Dann wechselten sie noch ein paar Worte mit Haal, wonach die­ser zu den Auswanderern ging. Haal erzählte, daß die zwei Beamten alle Verpflichtungen, die die Auswanderer Ruß­land gegeben haben, aufheben können, wenn die betreffende Person diesen bevollmächtigten Männern zehn Taler Geld abzahlt. Wer diese Summe eingetragen hat» kann mit freiem Gewissen nach allen vier Seiten ziehen, und es bleibt ihm dabei ein beachtlicher Gewinn, da doch die Schuld eines jeden angeworbenen Auswanderers an die russische Regierung gegen hundert Taler ausmacht

Die Zuhörer waren von dieser Neuigkeit erstaunt Es fanden sich bald Personen, die entschlossen waren sich loszukaufen. Einer erklärte seinen Entschluß:

"Wir gehen einer großen Gefahr entgegen. Der weite Weg auf dem großen Wasser, wo wir alle umkommen können, und ein unbekanntes Land, wo uns vielleicht die Hölle erwartet."

Als sich immer mehr Auswanderer entschlossen, ihre zehn Taler hinzugeben, wurden die fremden Männer fre­cher, und der Große verkündete laut in den Raum:

„Wer es bereut, her! Morgen ist es zu spät!"

Seb hörte die Bekanntmachung und ging an den Tisch zu den zwei Vermittlern. Er fragte, was sie da täten. Der Große versteckte sogleich seinen Geldbeutel an der Brust. Der Kleine steckte ein großes Messer in seinem Stiefel­schaft zurecht. Als Seb laut und entschieden von den zwei Vermittlern Antwort verlangte, wurden diese böse. Der Kleine stellte sich kampfbereit. Der Große sagte:

„Willst du bloß deine Knochen gebrochen haben oder lieber gleich sterben?"

Seb wich nicht, und der Kleine zog sein Messer her­vor und holte aus. Aber da hielten ihn Willem und Schrei­ner schon an den Händen fest und drehten sie ihm, daß er vor Schmerz aufheulte. Der Große ging jetzt mit einer ge­fährlichen Keule auf Seb los. Peter von der Lauterbach er­griff ihn im gleichen Augenblick an der Gurgel und würgte ihn, bis er ohnmächtig niedersank. Als man ihm das Hemd vom Leibe zog, um den Geldbeutel zu nehmen, sah man an seiner Schulter ein Brandmal. Mit tüchtigen Fußtritten stieß man zuerst den Kleinen, dann auch den Großen vor die Tür. Als man sie losließ, liefen sie eilig fort und ver­schwanden in der Dunkelheit. Der Große verlor ein golde­nes Kreuz, worauf geschrieben stand: Altar der Marien­kirche.

In der Herberge gab es jetzt große Aufregung. Adam Scheck sagte, daß sich die Gauner unbedingt rächen wer­den, und man hätte ihnen das Geld lassen sollen, weil es ihnen freiwillig gegeben wurde. Niemand stand Scheck bei, und er schwieg. Vorsichtshalber stellte man für die Nacht eine Wache an die Tür.

In der Herberge erschien Luise. Sie war ernst und sanft­mütig. Willem war von ihrem Anblick so überrascht, daß ihn ein heißer Zug durchströmte. Er wußte nicht, was er Luise sagen sollte.

„Willem", sagte sie, „die Worte vom Heiraten nehme ich zurück und möchte, daß du sie auf immer vergessen tätest." Sie sah Willem vertrauensvoll an: „Wenn du das nicht machst, finde ich keine Ruhe mehr."

Willem war so tief gerührt, er wollte ihre Hand neh­men, doch Luise kehrte ruhig um und ging fort. Willem schaute verwirrt nach Katrin, die ihn mitleidsvoll anblickte.

In der Nacht nach der Begegnung mit Willem träumte Luise von Heinrich. Er war traurig und niedergeschlagen und schaute immer von ihr weg. Als Luise ihn fragte, war­um er sich der Begegnung mit ihr nicht freue, sagte er, daß die Worte vom Heiraten, die sie Willem gesagt hatte, ihm Kummer bereiten. Er sagte noch, daß König Georg III., wenn er die ungehorsamen Kolonisten von Neu-England bezwungen hat, ihn nach Deutschland gehen lasse. Seit diesem Traum war Luise wieder in tiefer Trauer um Heinrich.

Spät am Abend vor dem Schlafengehen betete Gastwirt Karlson zu Gott. Erst sang er einige gottpreisende Lieder, was er immer tat, wenn es ihm schlecht oder gut ging. Heute sang Karlson anders als sonst. Seine Stimme klang voll und tönend. Jedes Wort und jeden Laut sprach er ge­prägt und klar aus. Die Flamme der Kerzen und die Wände der Kammer schwangen erhaben, ergriffen von der Stim­me des andachtsvollen Sängers. Auch die dunkle Stubendecke, an der Schatten hin und her flatterten, schien in Bewegung zu sein. Nach Beendigung des Gesanges brachte Karlson seine Bitten in Worten vor. Er sagte: „Allmächtiger Schöpfer, Herr und Gebieter, erfülle mei­nen Wunsch, damit ich Dich ehren und Dir gehorsam sein kann. Gib den Schiffen, die nach Rußland gehen, kei­nen Fahrwind, damit meine Herberge noch lange voll besetzt ist. Auch segne und bewahre die russische Kaiserin Katharina II., die den nützlichen Einfall hat, in Deutsch­land Auswanderer nach Rußland zu werben. Beweg sie dazu, daß sie immerfort Ausländer nach Rußland lockt." Karlson hatte vielleicht noch einige Bitten vorgebracht, wenn nicht ein Tumult in der Herberge und erboste Stim­men Ihn davon abgebracht hätten. Er lief schnell in die Herberge. Willem faßte Adam Scheck an der Brust und drückte ihn an die Wand. Scheck war bleich im Gesicht und schaute ängstlich um sich. Als es in der Stube ganz still geworden war, glaubte Scheck, alle schliefen, und er Willems Bündel und begann dort vorsichtig zu suchen. Willem erwischte Scheck, und da erwachten noch mehr Männer, die wütend auf den Dieb losschrien.

Scheck erklärte, er habe nach dem goldenen Kreuz gesucht, um damit seine Krankheit zu heilen. Das Kreuz war aber bereits dem Altar zurückerstattet. Alle haften sich bald beruhigt und schliefen ein.

Die Einwohner der Herberge bereiteten sich zur Ab­fahrt vor. Jeden Tag konnte es soweit sein. Es war trü­bes stilles Wetter. Dichter Nebel verschleierte die Stadt. Ab und zu blies nur leichter Wind vom Meer her.

Ein junger Bursche kam hastig in die Herberge. Er trug schwere Bündel und war erschöpft. Er fragte nach Sebastian Bauer. Seb stellte sich ihm vor, und sogleich er­kannte der Bursche auch Katrin. Er sagte, Katrin sei ihrem Vater sehr ähnlich, Meister Linneberger. Der Bursche nannte seinen Namen, Florian Wagner, und sagte, daß er aus Koblenz von Katrins Vater und Mutter Botschaft bringe. Florian erzählte, daß Meister Linneber­ger ihn in der Herberge „Beim Schwarzen Jakob" gefun­den habe. Linneberger wollte sich mit Auswanderern tref­fen und besuchte darum alle Herbergen der Stadt. Die Re­gierung verfolge jetzt streng alle Auswanderer, und diese können sich jetzt nicht mehr am Rheinufer versammeln. Florian sagte, daß Philipp Linneberger ihn in sein Haus genommen und wie seinen eigenen Sohn beherbergt hatte. Er öffnete die mitgebrachten Bündel und überreichte war­me Wämser aus dickem Tuch, wollene Strumpfe und Schu­he. Katrin lächelte aufgeregt und schaute bald Seb, der sich auch freute, dann wieder den rotbäckigen Florian an. Zuletzt reichte Florian ein großes Bündel, das sorgfältig Verpackt war, Katrin hin.

„Von Mutter Marget", sagte er, „Windel und Kinder­sachen."

Katrin schluchzte und lächelte dabei. Sie lehnte sich an Seb und streichelte ihm zärtlich den Arm.

Florian sagte, daß er mit noch einigen Dutzenden Aus­wanderern angekommen sei und jetzt mit Seb und Katrin weiter reisen wird. Danach überreichte er Katrin einen Brief von ihrem Vater. Katrin öffnete ihn und las. Tränen rollten ihr über die Wangen. Ihr Vater schrieb, daß er vor Wehmut krank ist. Er wartet jetzt schon auf ihre Rückkehr nach Koblenz. Ihm ist es, als sei sein Haus ausgestorben. das Licht verloschen und die Luft zum Atmen habe sich verflüchtigt. Er war beim Ratsherrn Bellenger. Bellenger sagte, daß die Regierung des Bistums sich an den Kaiser gewandt hat, er soll Maßnahmen zur Verhinderung der Auswanderung aus dem Deutschen Reich unternehmen. Auch wurde darauf hingewiesen, daß die Freistädte am Meer den deutschen Ländern zuwiderhandein, da sie unge­hindert deutsche Männer und Frauen durch ihre Häfen in andere Reiche ziehen lassen. Aber die Freistädte am Meer fürchten den Kaiser nicht, weil sie sich hinter dem Rücken von Hannover und Preußen verstecken. Der Kaiser wird ja schwerlich gegen die Städte Machtmittel anwenden, da österreich durch die Auswanderung nicht leidet. Mit Preußen will der Kaiser keinen neuen Krieg anfangen, weil er befürchtet, die neue russische Kaiserin könnte Preußen bei­stehen, was für österreich den Untergang bedeuten würde. Aber trotzdem, schrieb Philipp Linneberger, bete er jeden Tag zu Gott, daß er den Kaiser bewege, Truppen in die Hafenstädte zu schicken, um der Auswanderung ein Ende zu machen.

Katrin weinte bitterlich. Auch Seb war traurig, aber er versuchte Katrin zu trösten.

„Alte Leute sind kleingläubig. Sie sehen Gefahr, wo keine ist."

Katrin nickte bejahend, doch die Eltern taten ihr leid.

Seb fragte Florian, ob er eine Familie bei sich habe oder ob er noch ledig sei. Florians Gesicht wurde sogleich düster:

„Bin ledig und reise allein. Zu Hause in Hessen habe ich eine Braut, Maria, sie wartet auf mich, und ich werde ihr treu bleiben", sagte er ernst und fest.

„Da kann sie warten, die Maria, bis ans Ende ihres Lebens", bemerkte Peter von der Lauterbach, der Florians Worte gehört hatte. „Oder denkst du, an die Wolga ziehen wäre so wie über den Main von Frankfurt nach Offenbach fahren? Rußland hat feste Grenzen. Kein Land auf der Welt hat an den Grenztoren solche großen Sohlösser wie Rußland. Von Rußland gibt es kein Zurück."

Seb unterbrach Peter von der Lauterbach.

„Die Schlösser sind für die Russen. Uns geht das nichts an."

Florian blieb aber traurig.

Um ihn versammelten sich Männer und Frauen, die früher von Koblenz hierher gekommen waren. Alle fragten nach der Heimat, wie es dort aussieht, wie das Wetter ist und was sich dort, seitdem sie fort sind, verändert hat. Die Bauern fragten, ob die Gutsbesitzer immer noch das Flurrecht haben, ob die Waldgerechtigkeit wohl geregelt sei. Die aus den Städten fragten, ob die Gesellen die Meister zum Nachgeben gezwungen hätten oder nicht. Als ob sich in der kurzen Zeit ihrer Abwesenheit etwas hätte ändern können.

Am letzten Tag vor der Abfahrt erschien bei Seb uner­wartet Kaufmann Notke. Er brachte zwei Kisten in die Herberge und übergab sie Seb.

„Das ist Essen auf die Reise für Sie und Ihre Freun­de", sagte er zu Seb. „Da sind geräucherte Fische, Wür­ste, Zwieback, Zucker und Tee. Das Essen auf den Schiffen ist schlecht, Ihre Reise dauert lange, Rußland ist weit." Er sagte, daß die Kisten ein Geschenk sind, welches Pastor Herd zusammengestellt hat. „Ratsherr Wandt und noch einige meiner Freunde haben auch etwas dazuge­geben", erklärte Notke.

Seb dankte für die Fürsorge, die man ihm zukommen ließ. Notke erzählte, daß er gedenke, mit noch anderen Kaufleuten ein Schiff mit Waren nach Saratow zu senden.

„Wir werden uns anfangs mit wenigen Waren an die Wolga begeben, um den Weg und die Aussichten zu erkunden, natürlich, wenn uns die russische Regierung den nötigen Schutz leistet." Notke übergab Seb einen Brief an den Stadthalter von Saratow und dazu noch ein Kästchen mit einem Kleinod, das er hoch schätzte, und bat, es per­sönlich dem Stadthaupt, Herrn Alexander Wassiljewitsch Tschertkow, auszuhändigen. „Damit wollen wir der Stadt­verwaltung unsere Ehrerbietung bezeigen."

Notke zog noch ein, Päckchen mit einem Brief hervor.

„Dieses für den Ataman der Vorstadt Pokrowsk, Herrn Iwan Stanislawowitsch Kobsar. Wir hörten schon von sei­nem Großmut und Diensteifer. Ihm übergeben sie unse­ren Freiheitsgruß."

Die Zeit der ersehnten Abfahrt war gekommen. Man be­fürchtete, daß die deutschen Länder, die die Auswanderung verboten hatten, von der Stadt verlangen könnten, die Ausfahrt der Auswanderer aus dem Hafen der Stadt zu verhindern. Doch die Stadt selbst dachte nicht daran, die Auswanderung zu verbieten, da der Verkehr mit Rußland die größten Einkünfte für die Schiffe brachte: Fahrten nach Obersee waren eingeschlafen, da in dieser Richtung alle Frachten jetzt über Hamburg gingen.

Es war dunkel. Die niedrige, mit blassen Sternen be­säte Himmelsdecke hing beinahe Ober den Baumkronen. Kühler feuchter Wind rauschte in den schweren Wellen des Flusses.

Die Bündel wurden auf Fuhren gefahren. Die Auswanderer wurden von Freunden, die sie schon in der Stadt erworben hatten, begleitet. Die hohen Masten der Schiffe malten sich kaum merklich am Firmament ab. An einem Sechsmaster sah man Laternen leuchten. Auch hörte man Gemurmel von Menschenstimmen und mitunter laute Befehle de Schiffer. Am Schiff blieben die Auswanderer ste­hen. Florian Wagner starrte nachdenklich vor sich hin. Er sagte zu Seb:

„Ich gehe nicht aufs Schiff. Ich fahre zurück zu Maria. Ich sehe sie vor mir, höre sie rufen. Auf das Meer gehe ich nicht allein."

Seb, Katrin und die anderen versuchten, Florian zu be­ruhigen. Er aber trat zurück und verschwand.

Seb, Katrin, Willem und Müller bestiegen das Schiff. Jeder besetzte eine Koje und richtete sich auf die weite Fahrt ein.

In dem Schiffsraum war schwere Luft. Abscheuliche Gerüchte erschwerten das Atmen. Willem ging aufs Deck an die frische Luft Am Ufer stand eine Menge Begleiter aus der Stadt Willem übersah sie mit forschendem Blick. Unter den Menschen erkannte er plötzlich Luise. Sie hatte Willem auch bemerkt und winkte ihm zu. „Luise!" schrie Willem. Luise rief ihm zurück:

„Willem! Viel Glück auf deiner Reise, kehre bald wieder zurück!" Dann ging sie weg und verschwand in der Menschenmasse.

Willem war es, als müsse er das Schiff verlassen und Luise suchen. Doch er blieb.

Am anderen Tag stach das Schiff in See. Fahrwind trieb es schnell voran. Bald sah man am Horizont die

Küste Deutschlands nur noch als schmalen Streifen, der nach und nach ganz aus den Augen verschwand.

 

Drittes Kapitel

KATHARINA II.

Die Zarin Katharina II. saß am Tisch im kleinen Gastzimmer im neuen Winterpalais. Ihr gegenüber placierte sich Fürst Grigori Orlow. Katharina hatte ein prunkvolles Kleid an: himmelblauer Samt, mit Gold bestickt, am Hals weit ausgeschnitten. Nur eine durchsichtige Rüsche bedeckte die weißen reizenden Brüste der jungen Zarin. Das Leibchen lag fest um die Brust. Besonders hart schnürte es die Tail1e, von wo an der Reifrock voller Falten den Unterkörper gleich einer weiten Kuppel verhüllte.

Grigori Orlow war bei Hof als schöner Mann berühmt. Er war einer der drei Brüder Orlow von der Garde, die Katharina am 28. Juni 1762 auf den Thron verhalfen. Da­mals war Grigori Offizier und in die Zarenfrau Katharina verliebt. Auch Grigori Orlow war für Katharina ein heiß­begehrter Mann. Doch die Zarin mußte immer öfter ihre natürlichen Gefühle unterdrücken.

Herrscherin zu werden, war das Ziel der jungen Prin­zessin Sophia von Anhalt-Zerbst, als man ihr den russi­schen Thronerben, ihren Cousin Peter, den Prinzen von Holstein, zum Mann antrug. Mit fünfzehn Jahren kam sie nach Moskau, wo die Zarenfamilie residierte. Zu dieser Zeit regierte in Rußland die Zarin Elisabeth, die Tante des Cou­sins Peter. Die Zarin war sehr froh über die Braut für ihren Neffen. Nach einem Jahr, nachdem die Prinzessin von Anhalt-Zerbst russisch getauft worden war, ließ Elisabeth die beiden vermählen. Doch gleich am Anfang des Ellelebens fühlte Peter, daß er von Katharina weder Liebe noch Zärtlichkeit zu erwarten hat Bis zum Tode der Zarin Elisabeth lebten Katharina und Peter getrennt voneinander. Peter ließ aus Holstein eine Truppe Soldaten kommen, übernachtete bei ihnen, trug die Holsteiner Uniform und ließ die Holsteiner Buben zu seinem Vergnügen exerzieren. Später hatte sich Peter eine Meute angeschafft und widmete seine ganze Zeit der Dressur der Hunde.

Nachdem Katharina ihren Mann, der als Peter III. den russischen Thron bestiegen hatte, mit Hilfe der Garde gestürzt hatte und selbst Zarin wurde, begann sie Autbauplä­ne für das Reich zu entfalten. Es waren eine ganze Menge: Gründung von Städten, Reformen in Handel und Verwal­tung, Bau von Palästen, Kirchen und Schulen. Einer der größten und wichtigsten für sie war der Plan für die Wol­ga. Der große Strom sollte für Rußland das werden, was für die westeuropäischen Länder die sie umspülenden Meere waren. Sie sah in ihren Gedanken, wie sich das Land an der Wolga belebt und aufblüht. In ihrem Bericht erklärte Katharina: Die Untere Wolga ist eine Lücke wo der lange und für uns wichtige Wasserweg Wolga—Kaspisches Meer unterbrochen wird. In der Gegend gibt es keine christliche seßhafte Bevölkerung. Das Land wird von den nomadisierenden Heiden beherrscht, die uns feindlich gesinnt sind. Wir müssen es mit seßhafter Bevöl­kerung besiedeln und von da aus nach Mittelasien vordringen. Eroberung neuer Länder genehmigt uns jeder Mann. Sie stärkt die Vaterlandsliebe und die Regierungs­treue.

Katharina erließ ein Manifest über die Anwerbung von Ausländern zur Ansiedlung an der Unteren Wolga. Fürst Grigori Orlow war in dieser Frage von der Zarin empfan­gen worden. Er berichtete von den Einwanderern die vor ein paar Tagen auf einem Hansaschiff in Oranienbaum angekommen waren. Wie die Kommissare berichteten, sind die Akömmlinge sehr ermüdet, unter ihnen gibt es Kranke. Eine Person ist nach der Ankunft gestorben. Ein Arzt leistet den Kranken Hilfe. Einige Schwerkranke wurden zur Ader gelassen. Sie befinden sich nach der Pozedur in halbohnmächtigem Zustand, es besteht aber Hoffnung auf ihre Genesung. Essen und Ruhe werden alle bald wieder auf die Beine stellen. Ein Teil der Ausländer sagt sich ab, weiter zu reisen. Sie wünschen in der Hauptstadt zu bleiben.

„Rebellieren?" fragte Katharina.

„Vorläufig sind es nur Bitten. Drohungen waren noch nicht zu hören", erwiderte Fürst Grigori Orlow.

„Und was sagt das Volk zur Ankunft der Ausländer?"

„Uns Russen sind von Natur aus alle Ausländer zuwider. In der Garde sagt man: Peter hat uns Holsteiner Bengel auf den Hals gehetzt, Katharina bringt jetzt Deutsche zu uns ins Land."

Die Zarin wurde gereizt und vor ärger rot.

„Erklären Sie der Garde, daß diese Menschen keine Soldaten sind. Sie tragen keine Waffen. Es sind friedliche Menschen, die uns helfen werden, unser Reich zu festigen und zu vergrößern."

„Ihre Majestät, die Garde befürchtet, daß die deutschen Kolonisten unser Reich untergraben werden.“

„Wieso?" fragte Katharina bestürzt.

„Sie werden keine adeligen Herren über sich haben, was für uns verderblich ist."

„Reden Sie weiter", befahl Katharina.

„Wir befürchten Unruhen im Reiche, die unter den Ko­lonisten guten Boden haben können. Die Kosaken am Jaik murren bedrohlich. Die Ausländer bringen aus ihrer Heimat die Voltairesche Seuche mit sich, was Anklang bei uns fin­den könnte."

„Ich halte dieses für unmöglich", widersprach Katha­rina.

„Aber Rasin und Bulawin? In der Hauptstadt verbreitet ein junger Edelmann aus Saratow mit Namen Alexander Radistschew Voltairesche Ideen, die er aus Leipzig hierher gebracht hat. Radistschew hat Anhänger unter den Adli­gen."

„Wie kann das sein?" fragte Katharina erbost. „Vol­taire ist gegen die Adligen?"

Grigori Orlow nickte schwermütig mit dem Kopf.

„Es finden sich eben immer solche Menschen, die den Ast abhauen wollen, auf dem sie sitzen."

Katharina saß eine Weile in Gedanken versunken.

„Wir werden für die Ausländer ein Departement grün­den", sagte sie dann, „welches sie gerade so regieren wird, wie die adligen Gutsherren ihre leibeigenen Bauern ver­walten. In Deutschland ist die Leibeigenschaft faktisch aufgehoben. Wir können darum die Kolonisten nicht dazu zwingen."

Grigori Orlow berichtete weiter:

„Von den Vorstehern der schon an der Unteren Wolga bestehenden Kolonien trafen ernste Klagen ein. Sie be­haupten, daß die Gegend ihrer Ansiedlung für seßhaftes Leben nicht geeignet sei. Besonders schlecht sei es in den Steppen am linken Ufer der Wolga. Große Dürre zerstöre die Saaten, das Gras verdorre und die Bäume vertrockne­ten. Von der brennenden und anhaltenden Hitze erkrank­ten Menschen und Vieh. Bei alledem sei der Sommer zu kurz, und man könne so wenig Feldarbeit verrichten. Auch klagen sie, daß die Nomaden, die sich in der Nähe der Kolonien aufhalten, mit ihrem Vieh ihre Saaten ver­nichten. Die Kolonisten bitten um eine geeignetere Gegend zur Ansiedlung und geben den Nordkaukasus an."

Katharina war merklich erregt.

„Man berichtete mir früher, daß die Kosaken aus der Vorstadt Pokrowsk in kurzer Zeit sehr reich geworden seien", sagte sie zu Grigori Orlow.

„Die Pokrowsker Kosaken sind Salzfahrer. Sie weigern sich beständig, sich mit Landwirtschaft zu beschäftigen. Wahrscheinlich ist es für sie nicht vorteilhaft.“

Katharina befahl:

„Schicken Sie sofort eine Expedition in die Umgegend von Saratow, die die Sachlage untersuchen und mir darüber Bericht erstatten soll." Nach einer Pause fügte Katharina in halblautem Ton hinzu: „Ehe die Ausländer dort zugrunde gehen und unser Geld verloren ist.“

„Der sachkundigste in der Naturerfarschung ist Peter Simon Pallas, ihn wird man mit der Expedition beauftragen müssen", sagte Grigori Orlow.

„Das ist der Franzose mit dem deutschen Hezen? Ist er immer noch seinem Preußenkönig treu?"

Grigori Orlow nickte zustimmend.

„Teilen Sie seiner Expedition noch einige gelehrte Russen zu“, willigte Katharina nach kurzem überlegen ein.

 

Viertes Kapitel

AUF RUSSISCHEM BODEN

Kalter feiner Regen rieselte vom trüben schwereHimmel auf Oranienbaum herab. In den düsteren Nebel waren die alten Schlösser gehüllt. Das Meer wiegte sich langsam in schweren, festen Wogen weit bis an den Horizont.

Oranienbaum war leer. Kronprinz Paul mit seinem Gefolge, der den Sommer hier verbrachte, war mit dem Herannahen des Herbstes nach Petersburg zurückgezogen. Es waren nur einige Aufsichtswärter, Restauratoren, Gärtner, Pferde- und Hofknechte zurückgeblieben. Diese aber gingen bei dem schlechten Wetter nur selten aus und wenn, dann ganz vermummt. Nur die Soldaten des Regiments Ingermanland, die Oranienbaum bewachten, schritten ausgerichtet, offen bei dem endlosen Regen durch die durchnäßten Straßen. Der Soldat darf Wetter und Zeit nicht beachten. Ihn darf nichts hindern, weder Schnee noch Regen, weder Berg noch Tal, weder Tag noch Nacht — alles muß er bezwingen. Das ist die Pflicht des Kriegers.

Das Heer der Zarin Katharina II. bestand aus Landregimentern, deren Waffen nach außen gerichtet waren, und der Garde, die den Schutz des Thrones zu leisten hatte. Seit ihrem Bestehen hatte die Garde schon mehrere russische Herrscher vom Throne gestoßen, wenn deren Regieren dem Adel nicht gefiel. Die Garde war aus Adeligen rekrutiert und erfüllte deren Willen. In den langen siebzehn Jahren, wo Katharina auf die Zarenkronte wartete, hatte sie gut gelernt, daß man den Willen des Adels berücksichtigen muß, um ihn dann umgeformt als den seinigen ausgeben zu können, was ihr beim Adel stets das gewünschte Vertrauen verschaffte.

Neben der Stadt, wo einst das Lager des Holsteiner Truppendetachements war, befand sich jetzt das Lager an­geworbener Einwanderer, die vor ein paar Tagen auf einem Hansaschiff aus Lübeck angekommen waren. Müde von der langen und schweren Seefahrt, waren sie zufrieden, daß sie wieder auf festem Boden waren. Starker Gegen­wind hatte bei den Leuten an Bord alle Geduld erschöpft. Die heimliche Angst vor Schiffbruch, die jeder den weiten Weg zu Wasser in sich trug, war geschwunien. Jetzt war man an Land und seinem Ziel schon viel näher.

Eine Gruppe Männer hatte Streit. Es waren Bauern, die die ganze Fahrt ihre Zeit in Gesprächen über ihre Zukunft verbrachten. Karl Frank meinte, daß das vorteil­hafteste Vieh für den Bauern das Rind sei. Der dicke Heinrich Schulz schrie Frank böse an:.

„Und woher das Futter nehmen für so große Fresser, frage ich dich? Ein Halbdutzend Rindvieh braucht ein Landgut für sich als Weidegrund."

„Wo eine Kuh frißt, dort gibt das Land mehr von dem Dünger, den du von der Kuh kriegst", erklärte Frank

Schulz lachte laut dazu.

„Die Kuh muß aber erst fressen, ehe sie Mist gibt", bemerkte Schulz.

„Das ist doch nur am Anfang", sagte Frank.

„Den Anfang machen, darin liegt gerade das Unmög­liche in deiner Viehzucht", triumphierte Schulz.

„Was erzählt ihr für Unsinn", fiel Salomon Klein ins Wort. „Kühe kann man halten, wenn man reich ist, und reich kann man nur werden, wenn man Schafe züch­tet. Wenn schon von Nutzen die Rede ist, da geht nichts über das Schaf. Da hast du Wolle, und Wolle, das ist Tuch, und auch Fleisch und Fett hast du vom Schaf. Schafe, das ist ein heimlicher Reichtum."

David Puhl unterbrach das Gespräch. Alle horchten auf. Man wußte, daß er ausgegangen war und etwas Neues mitteilen wird.

„Ich traf einen Soldaten aus Saratow , sagte er. „Er lobt die Gegend."

„Was hat er gesagt?", fragte Karl Frank.

"Feld, erzählte der Soldat, sei dort viel. Auch Wald, Wiesen und Wasser. Nur gibt es in der Gegend keine Dörfer und Städte außer Saratow und Pokrowsk. Nur wil­de Menschen ziehen dort umher und rauben und plündern, wo sie nur können."

Schulz war so erschrocken, daß er sich duckte.

„Man schickt uns dorthin, damit uns die Wilden um­bringen", sagte er ganz traurig und ängstlich.

„Umbringen, was ist dabei", sagte Frank böse, „wir werden uns schon wehren. Wenn es soweit ist, steht ein jeder von uns seinen Mann."

Die Zuhörer nickten Frank beistimmend zu. Und doch waren sie verwirrt. Klein fragte, ob die Wilden an der Wolga groß und stark seien und ob sie auch mutig angreifen. David Puhl erzählte weiter, die Wolga sei so breit, daß man von einem Ufer das andere nicht sehen könne. Im Sommer wäre es dort so heiß, daß man im Sand Eier kochen kann.

„Ihr Leute", stöhnte Klein, „uns erwartet nichts Gutes. Unser Bestes wäre umkehren — dorthin, woher wir gekommen sind."

„Bist bange vor der Hitze?" fragte Puhl. „Den ganzen Weg hast du dich vor Kälte gefürchtet, jetzt fürchtest du dich vor Hitze. Was bist du für ein Mann? Hast nichts als Angst im Leibe."

Die Männer lachten. Schulz sagte:

„Du hast recht. Ein Mann darf sich nicht fürchten."

„Ja", bestätigte Frank, „wenn man sich fürchtet, dann ist man sicher verloren.“

Die Aufregung bei den Männern hatte sich völlig gelegt, und ein anderes Gespräch wurde angeknüpft. Es war die Frage, was rihtig ist: Aus Liebe oder aus Berechnung zu heiraten. Da teilen sich wieder die Meinungen. Die einen sprachen sich für die Liebe, die anderen für den Vorteil aus. Besonders eifrig trat für die Heirat aus Liebe Salamon Klein ein. Er redete mit tiefem Gefüfhl und so gerührt, daß seine Stimme weinerlich klang.

„Mein Bruder Abraham ist an einer Heirat ohne Liebe gestorben. Er mußte unsere Nachbarin Susanna heiraten, weil sie reich war und er Erbe des Hofes werden sollte. Abraham ekelte sich aber dermaßen vor Susanna, daß er bald nach der Heirat an Gelbsucht starb.“

„Da war dein Bruder aber ein niedlicher Kerl“, bemerkte Frank.

„Ja, ja", bestätigte Puhl, „er brauchte einfach tagsüber nicht daran zu denken, daß Susanna seine Frau ist, und in der Nacht sieht man sowieso nichts."

Ein lautes Gelächter brach aus. Als man der Gespräche müde war, spielte man Würfel. So vertrieb man sich die Zeit und hoffte, bald an die Wolga zu kommen.

Katrin Linneberger saß auf ihren Bündeln und starrte müde in den Raum, der voll von sich langweilenden Menschen war. Ein Mann, nicht weit von Katrin, seufzte unzufrieden und sagte:

„Wann hört nur mal das Sudelwetter auf, damit man sich wenigstens einmal in Rußland ordentlich umsehen könnte."

Sein Nachbar lachte und erklärte:

„So regnet es hier hundert Tage im Jahr, die restliche Zeit schneit es."

Zu Katrin kam Willem Bach. Er war eben erst wegge­gangen und kam schon wieder zurück. Katrin sah ihm an, daß er was Wichtiges auf dem Herzen hatte. Willem war erregt wie nur selten.

„Katrin", sagte er, „ergib dich dem Müller nicht. Sein Ziel ist nicht das deinige. Er will bei Hof bleiben."

„Das ist doch gut, wenn er es fertigbringt. Müller sagt, daß seine Bittschrift bei der Zarin zum Entscheid kommt", erklärte Katrin.

„Aber die Ehre und das Gewissen", sagte Willem und seufzte tief.

„Verliert er etwa seine Ehre, wenn er bei Hof dient?" fragte Katrin.

„Nein, verlieren vielleicht nicht, aber er darf seine Ehre nicht zeigen. Wer Herren bedient, muß seine Ehre und sein Gewissen gut versteckt halten."

„Wenn man eins will, muß man das andere verlieren", sagte Katrin. Nach kurzem überlegen fügte sie hinzu:

„Dabei muß jeder selbst wissen, was wichtiger ist."

„Für mich;",, sagte Willem, „ist eine Handvoll. Freiheit mehr wert als ein reichliches Festessen und das weichste Federbett in einem schönen Schloß.“ Willem holte wieder tief Luft. „Lieber auf Stroh in einer Hütte schlafen als in den Federn als rechtloser Diener eines Herrn".

„Willem", sagte darauf Katrin, „da müssen wir uns eben hier trennen. Du fährst an die Wolga, und wir bleiben hier in der Hauptstadt."

„Das wird nicht geschehen", sagte Willem kurz und schroff.

„Warum?" fragte Katrin.

„Warum, fragst du mich? Weil ich dich liebe", sagte Willem.

„Du hast mich bis ins Herz erschreckt", antwortete Katrin. Vor Erregung war sie bleich geworden.

„Hast du bis jetzt nicht gemerkt, daß ich nur dich sehe, mich immer bei dir aufhalte, nur für dich lebe?"

„Ja, aber ich dachte nie, daß du es mir sagen wirst.“

„Ich wollte es auch nicht sagen, nie in meinem Leben. Aber, ich bin nicht mehr Herr über meine Gefühle."

„Über deine Zunge hättest du doch Herr bleiben sollen. Was versprichst du dir von der Liebe zu mir?" fragte Katrin ernst.

„Was ich bis jetzt davon hatte: dich in meiner Nähe."

„Für mich bedeutet das ein großes Unglück, ewige Qual. Zwei Männer kann ich nicht lieben. Ich müßte dann heuheln und lügen. Das kann Ich nicht machen, da kom­me ich vorzeitig um mein Leben.“

„Verzeih mir, Katrin, daß ich so unbedacht gehandelt habe.“ Willem senkte beschämt den Kopf und starrte auf den Fußboden.

Katrin blieb auch eine Weile still, dann erhob sie ihren Blick treuherzig zu Willem und sagte:

,,Wir werden an die Wolga fahren. Seb sagte mir auch, daß Diener sein kein leichtes Los ist.“

Müller ging unruhig im Lager umher. Sein Geld hatte er bereits versoffen, und jetzt suchte er, ob er nicht irgend jemanden auf Leim locken könnte. Er ließ sich wieder bei Philipp Schreiner nieder. Schon vielmals machte Müller auf den Weinkrug, den Schreiner aus Hessen mit sich hatte. Schreiner hatte sich das Gelöbnis gegen, den Krug in Rußland, wenn er am Ansiedlungsort ort angekommen ist, zu seinem künftigen Glück auszutrin­ken. Müller erzählte, daß er bei Hof bleibt, mit einflußreichen Höflingen Freundschaft schließen wird, so daß er Schreiner dann helfen kann.

Schreiner brummte böse.

„Das habe ich nicht nötig und glaube auch nicht daran. Die sind mir viel zu schlecht und zu sündhaft."

„Hilfe", sagte Müller, „kann man auch vom Feind an­nehmen, das Gewissen verbietet das nicht."

„Schweige mir wegen den Fürsten. Es gibt nichts Gemeineres als solch einen Landesherrn. Ich will von ihnen nichts und bin deshalb nach Rußland gegangen, um mir selbst zu helfen."

Neben Philipp Schreiner saß Johann Haal. Er winkte Müller zu sich.

„Hoffen Sie nicht darauf, Müller, daß Sie an den Hof kommen. Ich habe gestern mit einem Gärtner vom Schloßgarten gesprochen. Der Mann ist Franzose und heißt Lamberti. Er spricht gut deutsch und ist offenherzig. ,Die Zarin Katharina II.’, sagte er mir, ,entläßt alle Ausländer aus dem Hofdienst, um nicht in den Verdacht zu kommen, sie sei nicht für die Russen. ’“

Müller schaute sich eingeschüchtert um.

„Könnte man doch ein Glas Wein auftreiben, um sich zu beruhigen und Mut zu fassen."

Haal zeigte auf Philipp Schreiner. Müller spuckte böse aus.

„Ein Geizhals", sagte Müller, „sitzt mit dem Arsch darauf und gibt keinen Schluck, wenn man auch gleich auf der Stelle sterben tät.“

Schreiner, der das Gespräch gehört hatte, sagte höh­nisch:

„Deine Krankheit ist nicht zum Sterben."

Die Männer schwiegen. Dann sagte Haal:

„Die Zarin ist eine kluge Frau. Sie hat uns hierher kommen lassen, um von uns Nutzen haben, und den wer­den wir ihr bringen müssen, ob wir wollen oder nicht."

 

Seb saß am Bett des sterbenden Adam Scheck. Der junge Mann stammte aus Württemberg und mag Mitte der Zwanzig gewesen sein. Sein Bauch und auch die Gliedmaßen waren dick angeschwollen. Er stöhnte vor Schmerz und machte hartnäckige Versuche, sich zu krümmen und zu wälzen. Seine Augen waren trübe und matt.

„Seb". sagte er, „du bist ein ehrlicher und gewissehafter Mann. Du tust keinem Menschen was zu leid." Scheck schwieg vor lauter Schwäche. Es schien, als hatten seine Schmerzen nachgelassen. „Ich", sprach er auf einmal weiter, „bin sündhaft. Schwere Verbrechen habe ich auf dem Gewissen." Der Kranke machte wieder eine Pause. „Du sollst darüber vor meinem Tode erfahren", sagte er jetzt. „Da kein Geistlicher zugegen ist, sollst du mich von meiner schweren Schuld freisprechen."

Seb wollte dem Sterbenden Trost geben und sagte:

„Soweit ist es noch nicht bei dir. Es kann sich noch alles zum besten wenden."

Adam Scheck schaute Seb scharf fragend an.

„Hast du schon einmal gehört, daß ein Mensch, der Wassersucht hatte, gesund wurde? Wer an Wassersucht leidet, der muß sterben. Das habe ich schon als Kind gewußt." Der Kranke stöhnte wieder schwer, und es schien, als verließen ihn die Sinne. Er machte Versuche, sich zu erheben, fiel aber ohnmächtig wieder zurück und schloß die Augen. Schwerer dumpfer Atem entstieg seiner Brust. Seb und noch einige Landsleute, die um den Kranken waren, schauten sich traurig an.

Nach einer Weile öffnete Adam Scheck die Augen. Sein trüber Blick war auf Seb gerichtet.

„Ich heiße Nazi Saumsig. Adam Scheck ist mein fal­scher Name. Unter diesem Namen entkam ich der Strafe, die mir drohte. Krank und schwach ging ich unter die Menschen, um der Verfolgung zu entgelten." Nach langem Schweigen machte Scheck mit der Hand ein Zeichen, daß alle außer Seb fortgehen sollen. Als er mit Seb allein war, sagte er leise und furchtsam: „Ich habe Menschen erschlagen."

„Wieviel?" fragte Seb erschrocken.

Adam Scheck zeigte zitternd drei Finger.

„Drei?“ fragte Seb. Scheck nickte bejahend mit dem Kopf. Seb erhob sich, schaute streng und erregt auf den vor ihm liegenden Kranken. Einen Augenlick stand mir kurz und wahr, warum und unter welchen Umständen du die Mordtaten begangen hast.“

„Die Gier nach Habe hat mich dazu verführt. Erst war ich Dieb, dann Räuber und Mörder.“ Scheck erzählte zusammenhängend, als hatte er vorher alles gut eingeübt.

„Meine Opfer überfiel ich an den Straßen. Heimtückisch versetzte ich ihnen den Todesschlag. Einer bemerkte mich und bat weinend, ich soll ihm doch sein Leben lassen." Scheck machte eine Pause, als rühre ihn das, was er erzählte.

„Mich ärgerte dieses Winseln, und ich zerschmetterte dem Flehenden den Kopf mit der Keule."

Seb stand auf und wollte weggehen.

„Seb, wo willst du hin?" rief Scheck erschrocken.

„Dich der Gerechtigkeit ausliefern, damit du der ver­dienten Strafe erliegst."

„Bedaure mich. Ich hatte Vertrauen zu dir, und du bist grausam gegen mich."

„Wie kannst du auf Mitleid hoffen?"

Seb wollte eilig die Polizei rufen, die den Verbrecher festnehmen sollte. Das ging aber nicht so schnell. Adam Scheck war ganz von Furcht ergriffen. Sie trieb ihn zur Verzweiflung. Am Morgen fand man Scheck tot auf seinem Lager. Er lag in Blut. Neben ihm fand man Messer, mit dem er sich die Gurgel durchgeschnitten hatte.

Um den Toten versammelten sich Weiber und beteten für seine ewige Ruhe. Ein Beamter bestätigte den Tod von Adam Scheck, der durch Sdfbstmord eingetreten war. Danach wurde die Leiche ohne Aufzug und Gebet im Moor unweit vom Lager begraben. Man häufte keinen Hügel darüber und stellte auch kein Kreuz darauf. In dem Verzeichnis der Einwanderer machte ma hinter dem Namen Adam Scheck den Vermerk: Durch Selbstmord verschieden, seine Schulden an die Kasse des Reiches sind einer Kolonie an der Wolga auf die Rechnung zu schreiben.

 

Die Versorgung der Einwanderer im Lager bei Oranienbaum besorgte das Regiment Ingermanland. Die Er­richtung einer Küche für hundert Menschen für einige Tage hielt man für vefschwenderisch und verpflichtete darum das Regiment, für die Einwanderer zu kochen. Die Soldaten übgrnahmen aber diesen Auftrag gar nicht gern:

„Uns Krieger hat man zu Lakaien der ausländischen Lümmel gemacht."

Die Einwanderer bekamen dies am schlechten Essen zu spüren. Aber nach so langer Zeit mit karger und schlechter Verpflegung auf dem Schiff schmeckte das Essen hier gut, und man erhob keine Klagen.

Ein Offizier der deutsch sprach, fragte Willem Bach nach dem Ziel der Einwanderer. Willem erklärte, daß sie von den Kommissaren der Zarin angeworben seien, um sich in freien Gegenden des Reichs anzusiedeln. Der Offizier, der kaum zwanzig Jahre alt war, schüttelte erstaunt den Kopf. Er war erbost:

Auch da sollen uns Auslander vorangehen. Können wir etwa nicht selbst unser Land besiedeln? Ist das so eine komplizierte Sache, daß wir ein Vorbild brauchen?" Der Offizier seufzte schwer. „Unser Thron und alle, diel um ihn herum sind, haben keinen Glauben an uns Russen. Sie wollen uns regieren und sich dabei auf Ausländer stützen."

Willem erklärte dem Offizier, daß man ihnen von Vorbildsein nichts gesagt hat. Er verstehe die Maßnahmen der Zarin mit den Einwanderern als Zweck zur Vermehrung der Bevölkerung.

„Unser Land", sagte der Offizier, „brauchen wir selbst für unsere Nachkommen in künftigen Zeiten." Mit diesen Worten trat der Offizier zornig beiseite.

 

Bei Tisch saßen heute nur drei von den Freunden. Müller war abwesend. Er hatte sich zu Offizier Damke ge­sellt. Die zwei hatten bei einem Bauern ein Getränk er­hascht, das berauschende Wirkung hatte. Es schmeckte nach Kleister, und trotzdem hatten sich Müller und Dam­ke gehörig einen angesoffen.

Katrin hatte sich unauffällig verändert. Sie schaute tiefernst und traurig. Wenn ihr Blick Willem traf, senkte dieser den Kopf und erstarrte.

Seb merkte, daß Katrin anders geworden war. Er glaubte, sie litt an Heimweh, und erzählte ihr einige lustige Geschichtchen, bis sie lachen mußte.

Müller kam angeheitert zurück. Er holte nach langer Zeit seine Geige hervor und spielte lustige und traurige Weisen. Um ihn versammelten sich bald fast alle. Die bekannten Melodien im fremden Land besänftigten das Herz. Mit voller Stimme sang man Lieder der Heimat. Philipp Schreiner schmetterte lustige Reime zu Hochzeitsfesten, Seb sang ein Lied im Schleifertakt vom Neckartal. Hans Haal und Margeth Rötel tanzten in dem engen Raum einen Schleifer. Die Leute umschlangen sich, wiegten sich im Takt und trällerten ganz vergnügt.

Als es so schön und lustig zuging, erschien in der Tür ein Offizier in Uniform. Er war ein junger und schöner Mann. Er nahm militärische Haltung ein und sprach laut und ernst in den Raum. Ein Dolmetscher übersetzte.

„Ich verbiete", sagte der Offizier, „hier in der Nähe des Schlosses Seiner Hoheit des Kronprinzen Paul jeden Gesang und Belustigungen. In so unmittelbarer Nähe der Gemächer Ihrer Majestät, die von Ihr öfters be­wohnt werden, darf man sich nur mit gebeugtem Haupt aufhalten. Lose Haltung, Lärm, Gesang und lautes Spre­chen schaden der Ehre Ihrer Majestät. Auch verbiete ich hier, in eurem ausländischen Welsch zu sprechen. Sie dür­fen nur russisch sprechen."

Die Einwanderer waren erstaunt.

Seb ging zu dem Offizfier und fragte ihn:

„Wer sind Sie und woher kommen Sie?" ,

„Leutnant Schuwalow, Patrouillenoffizier des Regi­ments Ingermanland“, war die Antwort des Offiziers.

Seb schaute Schuwalow verächtlich an, dann sagte er:

„Sie sind wahrscheinlich nicht ganz klar im Kopf."

Schuwalow nahm noch strammere Haltung ein.

„Vergessen Sie nicht, ich bin Offizier der Garde Ihrer Majestät."

Als aber Seb drohend auf Schuwalow losging, machte dieser kehrt und verließ den Raum. Beim Hinausgehen schrie er laut und verächtlich Schimpfworte.

Damke meinte, man hätte nicht so grob mit dem Offi­zier verfahren sollen. Seb erklärte, daß das, was Schuwa­low verlangte, der größte Unsinn wäre.

Darauf sagte Damke, er als Offizier wisse, daß Offizieren erlaubt sei, Unsinn zu sprechen.

Die Menschen waren etwas niedergeschlagen, aber Seb spielte bald wieder auf der Geige, und man sang und träl­lerte und ergab sich der Freude, als ob nichts vorgefallen wäre.

Am Morgen erschien ein hoher Offizier in prunkvoller Uniform und fragte:

„Wer hat gestern mit Patrouillenoffizier Schuwalow Streit angefangen?“

Die Einwanderer waren erschrocken. Im Raum war es still geworden.

Seb ging zu dem Offizier und sagte:

„Ich.“

„Sie müssen mit mir gehen.“

„Sofort?" fragte Seb.

„Ja.“

Seb schaute sich nach Katrin um. Er wollte sich von ihr verabschieden.

Der Offizier sagte:

„Beunruhigen Sie sich nicht. Ihre Sicherheit wird ge­währleistet. Heute noch kommen Sie zurück."

Vor der Tür stand ein prächtiger Fürstenwagen, wie Seb noch keinen gesehen hatte. Vor den Wagen waren vier Pferde gespannt, glatt wie aus dem Ei gepellt. Seb und den Offizier umkreisten Diener in bunten Kleifern. Die Diener öffneten den Schlag der Kutsche, und innen sah Seb eine solche Pracht, die man mit bloßen Händen nicht zu berühren wagte. Zwei Diener mit großen Bürsten säuberten Seb das Gewand und die Stiefel, danach nötigte der Offizier Seb einzusteigen. Das Gefährt setzte sich in Gang. Es ging ohne Aufenthalt, nur ein­mal wechselte man die Pferde, und dann ging es wieder rasend weiter.

Die Kutsche hielt vor dem neuen Winterpalais an. Seb staunte über diesen großen und herrlichen Palast. Er konnte gar nicht auf einmal all die schönen und wunderlichen Verzierungen wahrnehmen, die sich vor ihm auftaten.

Man führte Seb durch große Türen, bald treppauf, bald Gänge entlang, bis man vor einer reich verzierten Tür haltmachte.

Überall standen stumm und wie versteinert stramme Diener in buntfarbenen Gewändern. Ein Diener öffnete die Tur, und Seb und der Offizier, der ihn hierherbrachte, tra­ten ein. Der Raum, in den sie kamen, war groß, hoch und prunkvoll. An der äußersten Wand stand erhöht ein großer Sessel mit einer hohen Lehne, geschmückt mit der Krone. Auf diesem Sessel saß junge Frau in einem teuren Kleid, sie hatte ein schönes Gesicht und ruhige kalte Augen. Um sie leblos wie Bildsäulen standen Män­ner in schönen herrschaftlichen Gewänden.

Katharina II. schaute forschend auf Seb. Dann fragte sie:

„Wie ist Ihre Stimmung hier in Rußland?"

Seb sagte, daß die Reise sehr langweilig wäre, und er sehne sich, möglichst schnell an seinen Wohnort zu kom­men.

„Die Wolga", sagte die Zarin, „wartet auf euch An ih­ren Ufern können vernünftige Menschen mit gesundem Geist, fleißigen und geschickten Händen glücklich leben.“

Die Zarin fragte noch, wie die Einwanderer ihre mü­ßige Zeit verbringen. Seb sagte:

„Mit Geigenspiel, Gesang und Spiel, manchmal auch bißchen Tanz."

Die Zarin nickte leicht mit dem Kopf was bedeuten sollte, daß die Vorgeladenen abtreten dürfen.

Am Abend war Seb schon wieder im Lager. Der Offizier, der Seb begleitet hatte, sagte, Seb solle den Leu­ten übermitteln, daß sie sich belustigen dürfen wie auch zuvor und brauchen dem Vorfall mit Schuwalow keine Be­deutung beizumessen.

Philipp Schreiner traf sich mit Lambert aus dem Schloßgarten. Der alte Mann war sehr besorgt um das Schicksal der Einwanderer. Er prophezeite, daß es ihnen schwerfallen werde, auf fremdem Boden Wurzel zu schlagen.

„Ich habe bittre Erfahrung gemacht", klagte er.

Besonders warnte er Müller vor seinen Illusionen, am Hof Geigenspieler zu werden:

„Großfürst Peter hatte etwas musikalisches Gehör fand zupfte manchmal tagelang die Geige, so laß der Zarin das Geigenspiel an und für sich verpönt ist."

Endlich kam ein Kommissar und machte eine ausführ­liche Mitteilung. Er meldete, daß alle Einwanderer ohne Ausnahme an der Unteren Wolga in landwirtschaftlichen Kolonien angesiedelt werden. In den nächsten Tagen geht es auf Barken auf dem Fluß Wolchow zu der Stadt Now­gorod und von dort auf Pferdewagen an die Obere Wolga.

Große Aufregung ergriff die Einwanderer. Müller schrie:

„Wir sind betrogen! Widerstanist der einzige Aus­weg! Das alles sind Anordnungen der falschen Beamten. Die Zarin weiß davon nichts. Einstimmig müssen wir bei ihr Klage erheben!"

Philipp Schreiner freute sich, daß es weiter geht.

„Damit man schneller einen Anfang kriegt", sagte er.

Seb meinte:

„Wir können doch nicht ewig unterwegs sein, da­von kann man sich nicht ernähren."

Auch Katrin war froh, daß die Frage, Petersburg oder die Wolga, entschieden war.

Der Kommissar erklärte den unzufriedenen Menschen, daß kein Betrug vorliegt. Alles läuft so, wie es vorgesehen war und im Manifest kundgetan wurde. Er be­tonte besonders stark, daß die Einwanderer in ihren Kolonien eine bevorzugte Lage haben werden. Sie werden unabhängig vom Adel sein und unmittelbar von der Kro­ne regiert werden.

„Warum aber schleppt man uns noch weiter in den Winter?" empörten sich einige Einwanderer. Eine Gruppe mit Müller und Damke an der Spitze verlangte dringend ihren Rücktransport nach Deutschland. Ob sie das im Ernst meinten oder die russische Regierung zum Nachge­ben zwingen wollten, wußte man nicht.

Der Kommissar hörte sie an, und schon am anderen Tag brachte er den Beschluß auf ihr Verlangen. Er lautete: Einem jeden Einwanderer steht es frei, nach Wunsch in seine Heimat zurückzukehren, nur muß er sofort alle Auslagen, die mit seiner Anwerbung und dem Transport nach Rußland verbunden waren, an die Regierungskasse entrichten und danach sofort das Reich verlassen.

Soviel Geld besaßen Müller und auch Damke nicht. Sie hatten kein Geld vor der Auswanderung gehabt und jetzt erst recht nicht. Müller und Damke beklagten sich bei Seb. „Wenn wir im Lande nicht frei sind, dann sind wir Leibeigene", erklärte Damke.

„Die Zarin will uns an der Unteren Wolga festsetzen und nicht mehr loslassen", meinte Müller. „Sie will uns auf ewig zu Sklaven machen. Ich bin Spielmann, meine Finger entlocken den Saiten die feinsten Töne, und man will mich zwingen, den Pfluggrindel zu halten. Wie kann man da von einer freien Entfaltung des Geistes reden! Wir müssen uns dieser Gewalttat widersetzen!"

Es regnete. Alle waren des kalten und feuchten Wetters überdrüssig. Man hatte gehört, daß in Nowgorod das Klima besser sei als bei Petersburg, und viele freuten sich auf die Abfahrt aus Oranienbaum.

Die Leute wurden auf die Barken gebracht. Seb ging voran, hinter ihm Katrin, dann Willem und in einer gewis­sen Entfernung Müller. Schreiner schrie Müller zu:

„Es geht fort!"

„Ja, in Etappen", war Müllers Antwort. Ihm schien es, als spotte Schreiner, und um zu zeigen, daß er sich nicht ergeben hat, sagte Müller stolz: „In der Stadt Nowgorod laß ich mich nieder."

Klein zitterte vor Angst. Einer von der Barkenmannschaft hatte gesagt, die Fahrt gehe über den Ladogasee, und das sei lebensgefährlich. Der See tobe noch wilder als das Meer.

 

Fünftes Kapitel

DER FLUSS WOLGA

Der langersehnte Frühling war gekommen. Die Sonne schien hell und warm. Der Schnee war geschmolzen. Frei und mild war es ringsum von der lauen, leichten Frühlingsluft. In den erwachten Bäumen und Büschen zwitscherten freudig die Vögel. Hie und da prangte stolz mit roter Brust der gemessene Gimpel. Raben krächzten laut in den Krönen der alten knorrigen Espen. Stare flogen geschäftig umher, und Dohlen spazierten gravitätisch auf den Wegen.

Im Freien spielten Kinder eifrig Gorodki. In ihren al­ten weiten Hemden, mit groben Stricken umschnürt, in Bastschuhen und mit langen zottigen Haaren sahen sie plump aus. Sie waren lebendig und beweglich und hattet sich ganz ihrem Spiel hingegeben.

Die Wolga war eisfrei. Nur noch kleine mürbe Eisschollen schwammen einzeln mit dem trüben Strom data. Vom Fluß her wehte ein kalter rauher Wind.

Am Ufer lag eine große Barke aus rohen, mit Teer durchtränkten Brettern. Mitten auf dem Deck erhob sich ein schuppenähnlicher Bau für die Schiffsmannschaft und ein Mastbaum mit einer Rahe daran. An den Seiten waren ein Dutzend Ruder, am Heck ein langes Steuerruder angebracht.

Die Barke stand noch vom Herbst da. Der rasch ein­getretene Winter hatte sie hier einfrieren lassen. Die Insassen waren zweiundachtzig Einwanderer, die auf dem Wege nach Saratow waren. Unter ihnen befanden sich auch Seb, Katrin, Willem und Müller. Sie waren gezwungen, im Dorf bei Bauern den Winter zu verbringen. Nun war der lange kalte Winter vorbei, und die Fortsetzung der Reise stand bevor.

Im Laufe des Winters hatten sich die Einwanderer mit den russischen Bauern angefreundet. Die Deutschen hatten die allernötigsten russischen Wörter, die Bauern einige deutsche Wörter gelernt. So verständigte man sich zum Teil mit Wörtern, im übrigen mit Gesten. Zur Abfahrt der Deutschen waren viele Bauern des Dorfes gekommen, um ihre neuen Freunde und Bekannten in Ehren zu begleiten. Die Mädchen und Burschen sangen am Ufer lustige Lie­der und tanzten. Manche küßten sich zum Abschied. Pe­ter von der Lauterbach hatte den Winter über mit Marussja Gorschkowa eine Liebschaft gehabt. Er wollte sie jetzt mitnehmen. Ihre Mutter, Baba Njura, weinte bitterlich. Sie hatte Marussja und auch Peter von der Lauterbach in ihre Arme geschlossen und wollte sie nicht loslassen. Um die drei versammelte sich eine Gruppe Zuschauer. Baba Ga­lina sagte:

„Was gibt's da jetzt zu heulen? Sie hätten den Mann nicht aufnehmen sollen. Nun ist es zu spät." Ein Bursche aus der Zuschauergruppe schrie: „Peter, nimm auch die Schwiegermutter mit, sonst ist es zu langweilig auf der Welt."

Von der Lauterbach rührte der Aufzug nicht. Er schaute auf den Fluß und die lebhaften Menschen am Ufer.

Aus der Menschenmenge trat ein alter Bauer mit einem langen buschigen Bart hervor. Er stellte sich vor Peter von der Lauterbach stramm hin, schaute diesen ernst und gebieterisch an und sagte:

„Marussja kannst du nur dann zur Frau nehmen, wenn du hier im Dorf bleibst. Zu den Fremden geben wir sie nicht."

Der Alte zeigte auf einen Burschen, der einige Schritte weiter wie angewurzelt stand.

„Wassili wirf sie heiraten. Er ist Schiffer und kann die Wolga flußauf und -ab fahren. So ist unser Beschluß." Er wandte sich an den Burschen: „Wassili, sage Marussja, daß du sie heiraten wirst, wenn Peter nicht bei uns im Dorfe bleiben will."

Wassili nickte erst bejahend, danach sagte er laut:

„Ich nehme Marussja heute noch zur Frau, wenn es so sein soll."

Marussja sah Peter fragend an. Sie legte ihren Kopf an seine Brust. Baba Njura weinte noch lauter und bitterer. Sie drückte sich fester an Peter von der Lauterbach und schluchzte laut. Zu Wassili rief sie böse:

"Geh fort!"

Als Baba Galina mit ihr sprechen wollte, sagte sie:

„Gevatterin, hindere sie nicht, siehst du nicht, wieviel Menschen da zusehen?"

Die Mädchen am Ufer sangen und wiegten sich im Reigen:

Peterche, Peterche, halte die Maschka fest,

Verlasse nicht, verlasse nicht das liebe warme Nest.

Die Wolga ist groß, die Wolga ist breit,

An ihrem Ufer hier sind fromme Leit'.

Auf die Barke da setze dich drauf,

Sei nicht bös, sei recht wohlauf.

Die Maschka nimm und küß sie heiß,

Wer nichts sieht, der auch nichts weiß.

Der alte Bauer strich sich vergnügt seinen vollen Bart und sagte:

„So ist es auch richtig. Wir sind in unserem Reich und brauchen keinem Fremden nachzugeben."

Baba Njura brach plötzlich ihr Weinen ab, stemmte herausfordernd zornig ihre Fäuste in die Hüften und sagte:

„Du plauderst da, Timofej Iwanowitsch, als wenn du zu entscheiden hättest. Marussja heiratet Peter, und damit Schluß."

Timofej Iwanowitsch färbte sich vor Zorn rot im Ge­sicht.

„Du wirst sehen, wer Herr im Dorfe ist. Von Weibern lassen wir uns nicht beherrschen."

Die Einwanderer bestiegen die Barke. Ihre Bündel und Nahrungsmittelvorräte brachten sie unter Deck und verwahrten sie auf Pritschen. Dort war es noch winterlich kalt. Nur durch das Viereck der Luke fiel Licht und Wärme in den niedrigen dunklen Raum.

Peter von der Lauterbach und Marussja standen noch am Ufer. Marussja weinte, und auch Peter war traurig.

Die aufgewühlten Fluten rissen wild an den Ufern, die für den mächtigen Strom zu eng schienen. Eine mit den Wurzeln ausgerissene Kiefer drehte sich lange in einem Wirbelstrom nicht weit vom Ufer. Timofej Iwanowitsch wandte sich an Peter von der Lauterbach:

Peter", sagte er, „wenn du hier bei uns im Dorfe bleibst, bauen wir dir gemeinsam eine Isba, teilen dir Land zu und helfen dir. Du wirst in die Gemeinde vollberechtigt aufgenommen werden."

Von der Lauterbach schaute den. alten Bauern böse an. Dieser fühlte, daß er nicht gut angekommen war, und verfärbte sich aus Verlegenheit im Gesicht.

„Entscheide selbst: mit Mascha oder ohne Mascha. Deinen Willen können wir dir nicht nehmen. Du bist ein Fremder, ein Zugvogel. Du kommst leicht geflogen und fliegst so auch wieder fort."

Ein stämmiger Alter von der Barkenmannschaft schaute stolz und vergnügt auf den reißenden Strom. Er wandte sich an Seb:

„Schau hin, wie gewaltig unsere Wolga ist! Man nennt sie im Volk nicht umsonst Mütterchen Wolga und erzählt über sie viele ruhmreiche Legenden."

 

Vor vielen, vielen Jahren setzte südlich vom Aralsee eine starke Trockenperiode ein. Mit jedem Jahr wurde die Hitze größer und quälender. Wolken und Regen wurden immer seltener. Wasserquellen versiegten, Flüsse und Teiche trockneten aus. Das Gras verdorrte. Die dort lebenden Hirtenstämme setzten sich in Bewegung. Auf der Suche nach Weiden und Wasser zogen sie nach Norden, von wo kühle Winde und Regenwolken kamen, geführt von ihrem Stammesführer Turala.

Turala war ein eigensinniger Herrscher und beriet sich mit niemandem außer seiner Tochter Indira, Ra, wie er sie liebkosend nannte.

Im Zuge ritt Turala mit seiner Tochter voraus. Ihnen folgten seine vier Söhne. Danach trieben Knechte Pferde mit Turalas Gütern: Gold, Silbersachen, Waffen, Schmuck und Kleidern, und zuletzt ritten mit Dolchen, Pfeilen und Bogen bewaffnete Männer, die Turala Schutz boten.

Nach Turala brach der Stammesführer Noto auf, dessen Sohn Indira liebte. Turala wollte aber seine Macht mit niemandem teilen. Wenn Indira heiratet, dann werden sie und ihr Mann den Stimm führen. Das konnte Turala nicht zulassen — solange er lebt, bekommt Dario Indira nicht.

Der Stammesbund von Noto war größer und stärker als der von Turala, und Turala verlangte; daß, wenn In­dira Dario heiratet, Noto ein Drittel seines Silbers und Goldes und ebenso viele Hirten mit ihren Herden Dario mitgeben solle. Noto war darüber empört. Er gedachte einen Krieg mit Turala |u fuhren, damit Dario Indira eroberte. Doch befürchtete er, der starrsinnige Turala werde vielleicht seine Tochter aus Eigensinn töten.

Auf dem Zuge nach Norden stießen Turalas Hirten­stämme unerwartet auf Berge. Sie drehten deshalb nach Westen und zogen weiter. Vor ihnen breiteten sich unendliche Steppen aus. Das Gras war spärlich. Selten nur fanden sie Teiche oder Flüßchen. Eine große Strecke hatte Turala mit seinem Zug ohne Wasser zurückgelegt. Menschen und Tiere waren erschöpft. Die Hirten verlangten zurückzukehren zu dem Fluß an den Bergen. Sie murrten und sagten, daß man sie in den wahren Tod führe.

Am dritten Morgen spürte man in der Luft die Nähe von Wasser. Eilig folgte Turala der Richtung, woher der Geruch des Wassers kam. Auch die Viehherden witterten das Wasser und lebten auf. Bald erreichte der Zug einen großen Fluß mit stillem reinen Wasser. Menschen und Tiere stürzten sich hinein, um ihren Durst zu löschen. Den großen Fluß, der Turala Rettung gab, nannte man zu Ehren seiner Tochter Ra.

Nirgends waren Spuren von Menschen. Es war die Zeit, als Homer seine Iliade und Odyssee dichtete. Drei­hundert Jahre später erfuhr Herodot von Notos Nachkom­men von der großen Ra, die aus dem grauenhaften kalten Norden kommt und ihr großes Wasser in das Kaspische Meer ergießt.

Bald kam auch Noto mit seinen Stämmen an die Ra. Dario verlangte, daß sein Vater mit seinem Zuge immer in der Nähe von Indira bleiben solle. Noto hörte von Tu­ralas Leuten den Namen des Flusses und war damit sehr einverstanden.

Noto sann einen Plan aus, um Dario mit Indira zu ver­heiraten. Am frühen Morgen überfiel er mit großer übermacht Turalas Lager. Im Kampf sollte Dario Indira erobern. Turala aber ergab sich nicht. Er befahl Indira unter Todesstrafe, sich auf ihrem Pferd ins Wasser zu stürzen und auf die nahe Insel in den Wald zu fliehen. Indira gehorchte, und Turala folgte ihr. Als sie der Insel schon nahe waren, kehrte Indira plötzlich um und schwamm zurück. Auf den Ruf ihres Vaters: „Wohin?“ sagte sie; „Ich will zu Dario.“ Turala setzte ihr nach, und als er sie eingeholt hatte, sprang sie vom Pferd und versank in den Fluten.

Am Ufer beobachtete man das schreckliche Geschehen, Dario stürzte sich mit vielen Reitern ins Wasser, um Indira zu retten, doch sein Bemühen war vergebens.

Turala kehrte in sein Lager zurück. Er trauerte viele Tage, mit ihm Dario, Noto und ihre Leute Nachdem die Trauerzeit vorbei war, zog Noto über den Fluß nach We­sten woher, wie er merkte, Regenwolken und warme Winde kamen.

Turala blieb an der Ra. Er konnte seine Tochter nicht vergessen. An der Stelle, wo er Indira zum letzten Mal sah, ließ er ein Pferd, geköpfte Schafe und Korn ver­senken.

Turala führte seinen Stamm die Ra entlang, nach Nor­den, wo es kühl und feucht war. Das Gras in der Steppe war hoch, und die Flüsse und Teiche voll Wasser. An den Ufern der Ra betrauerte er Indira und sprach mit ihr.

Die Viehherden wuchsen zusehends, und jedes Jahr ließ Turala viel Vieh ans Meer treiben, wo er es für Gold, Silber, Webstoffe und Wein verkaufte. Turala und seinen Leuten gefiel das Leben an der Ra, und sie dachten nicht daran, von dort weiter zu ziehen. Als Turala alt wurde und er den Tod rufen hörte, wählte er auf einem Hügel in der Steppe einen Platz für sein Grab aus. Nie­mand durfte von nun an die Stelle betreten. Als er gestor­ben war, hob man ein tiefes Grab aus. Die Wände und den Boden des Grabes tünchte man mit gelber Erde. Da­nach wurde der Leichnam auf Webstoff und Wolldecken mit dem Kopf nach Süden gebettet, woher Turala gezogen kam Auch seinen Dolch und seinen Speer bekam er mit ins Grab. Zaum und Sattel, Gold und Silber, Töpfe mit Essen und geköpftes Schaf wurden auch ins Grab gelegt. Darauf häufte man einen riesengroßen Hügel auf, so wie es keinen zweiten in der Steppe gab.

Nach Turalas Tod lebten die Nachkommen seiner Stammesfamilie noch Hunderte Jahre in der Steppe an der Ra. Ganz unerwartet setzte eine große Dürre ein. Heiße Winde wehten. Die Luft war voller Staub. Das Wasser in den Flüssen und Teichen trocknete aus. Kein Gras wuchs mehr weit und breit. Armut und Not kamen über die Menschen. Zur Rettung ergriff man die Flucht. Die noch am Leben gebliebenen Hirten mit ihrem wenigen Vieh überquerten die Ra und zogen nach Westen. Dort stießen sie auf die Nachkommen von Notos Stämmen und vermischten sich mit ihnen.

Lange Zeit blieb der große Fluß an seinem unteren Lauf unbesiedelt. Die Trockenperiode ging zu Ende, und es wurde wieder kühl an der Ra. In der Steppe regnete es im Sommer und schneite es im Winter. In den Flüssen und Teichen sammelte sich nach und nach viel Wasser. An die Mündung der Ra kamen Menschen aus der alten Welt. Ihnen gefiel der wasserreiche Fluß und sein fruchtbares Tal. Sie setzten sich fest, legten Gärten an, züchteten Vieh und säten Getreide aus. Sie kannten den Namen des Flus­ses nicht und gaben ihm ihren eigenen Namen — Itil.

In derselben Zeit fand eine große Völkerwanderung aus Mittelasien statt. Die Nomaden zogen auf dem Itil stromaufwärts nach Norden, bis sie an seinem mittleren Lauf von Ugrostämmen aufgehalten wurden. Diese nann­ten den Itil Walke. Auch auf den breiten Steppenstreifen beiderseits des Itils zogen Hirtenstämme nordwärts. Sie gaben den Flüssen und Seen in der menschenleeren Gegend ihre eigenen Namen. Den Fluß auf dir Höhe, wo Turalas Hügelgrab lag, nannten sie Karaman, den Nebenfluß, der dort Windung hat, Susly.

Es war gerade die Zeit der kühlen Witterung, und das kniehohe Gras und saftige Blumen bedeckten die Steppe. Der Karaman war sehr wasserreich, und in seinem Tal wuchs dichter Wald. Auf den Ebenen weideten so große Herden, daß die Hirten die Tiere nicht zählen konnten. Tiere trennten sich von den Herden und lebten wild. So kamen wilde Pferde, Kamele und Rinder in die Steppe. Wölfe hausten im Schilfgras und waren immer gesättigt. Sie vermehrten sich ungehindert. Nur auf Füchse mach­ten die Hirten Jagd, weil deren Fell zum Anfertigen von warmen Kleidein geschätzt wurde.

In dieser Zeit entstand die Kiewer Rus. Um das Jahr 1000 kamen die Russen an die Walke und nannten den Fluß Wolga.. Bald danach begannen sie, Handel mit ugrischen Völkern und den Bulgaren an der Wolga zu treiben. Später drangen sie auf der. Wolga bis ans Kaspisehe Meer vor und knüpften Beziehungen mit Muttelasien an.

Die Goldene Horde der Tataren-Mongolen unterbrach die Schiffahrt der Russen auf der Unteren Wolga. Im Jahre 1466 wagte sich Afanassi Nikitin aus der Stadt Twer auf die Untere Wolga. Er wurde von den Tataren überfallen und beraubt. Im Jahre 1480 schüttelte Iwan III. das Joch dl Goldenen Horde, das die russischen Fürstentümer belastete, ab. Iwan IV. besiegte 1552 das Kasaner und 1556 das Astrachaner Chanat, und der große Fluß gehörte von nun an vom Ursprung bis zur Mündung zu Rußland. Er erhielt für seine ganze Länge den Namen Wolga.

Zur Erhaltung der Macht an der Unteren Wolga gründete Boris Godunow im Jahre 1590 die Fe­stung Saratow. Nach beinahe hundert Jahren wurde die Festung am linken Ufer von Stepan Rasin zerstört. Erneut errichtete man sie 1674 nun am rechten Ufer der Wol­ga. Saratow entwickelte sich schnell durch Fisch- und Salzhandel und als Klostersiedlung.

Die Kirgisen in der Steppe an der Unteren Wolga waren Rußland noch nicht untertänig. Von den Festungen Saratow und Zarizyn und von der Wolga aus versuchte man, sie zur Untertänigkeit zu zwingen. Man bemühte sich auch, die Kirgisen zur russischen Kirche zu bekehren. Dieses war ein erprobtes Mittel, die Völker der Randge­biete Rußlands gehorsam zu machen. Die Bekehrung der Kirgisen zum russischen Glauben kam aber nicht zustande. Die Kirgisen hielten sich an ihrem Islam fest und lehnten den Glauben ihrer Feinde ab.

Um die Wolga kümmerten sich die Kirgisen wenig. Ihr Gut war Vieh und Viehzuchtprodukte, die sie in ihrer Wirtschaft selbst verarbeiteten und verbrauchten. Sie wollten aber auf der Wolga keine Russen sehen, da sie sich dadurch bedroht fühlten. Die Schiffahrt auf der Wolga entwickelte sich trotzdem immer weifer. Aus Mittelaien brachte man nach Nowgorod, Susdal, Murom Gewebe und Gegenstände aus Metall. Aus den russischen Städten ka­men Pelzwaren, Wachs und Honig. An der Wolga arbeiteten Tausende Treidler, die gleich Lasttieren in Strängen die Schiffe auf der Wolga schleppten.

Die Kirgisien konnten diesen mächtigen Zustrom nicht lange aufhalten. Einige Jahre vor der Ankunft der Einwanderer am Karaman waren sie aus der Umgebung von Saratow endgültig vertrieben. Anfangs wollten die Herren der Steppe sich nicht ergeben. Sie versuchten, der stürmischen Entwicklung Widerstand z leisten. Einige Strafoperationen brachten sie in scheinbare Ruhe.

 

Die Barke mit den Kolonisten näherte sich Saratow Willem sah die Stadt als erster: graue hölzerne Häuser, Kirchen und ein paar Wachtürme. Alles aus Holz. Von weitem sah man, daß es hier nichts zum Bestaunen gab.

Zum Bewundern war der Wolgastrom. Kaum daß man von einem Ufer das andere sah. Damke sagte:

„Das ist schon kein Fluß mehr, das ist ein fließend Meer."

 

Etwa 200 Nebenflüsse und 151000 Gräben mit einer Gesamtlänge von 574000 km bringen ihr Wasser in dieWolga. Ein Drittel des europäischen Rußland wird von der Wolga entwässert. Drei Fünftel des Abflusses der Wolga ist Schneewasser. Diese ungeheure Wassermenge fließt im Verlaufe von fünfzig bis sechzig Tagen bei Saratow vorbei. Bei Hochwasser im Frühlahr steigt der Wasserspiegel, und das flache breite linke Flußtal wird über­schwemmt. Wunderschön ist die Wolga in dieser Zeit. Wer sie sieht, erfreut sich des herrlichen Naturbildes.

 

Die Barke mit den Einwanderern lag tief im Wasser und wurde langsam an das linke Wolgaufer, an die Vor­stadt Pokrowsk, betrieben. Hier landete man. Es war gegen Mittag. Die Sonne stand hoch am wolkenlosen Him­mel und brannte heiß. Am Ufer zogen Treidler Holzstäm­me von einem Floß aus dem Wasser. Sie riefen mit tiefen Baßstimmen: Hau-ruck! Und noch einmal hau-ruck!

 

Sechstes Kapitel

KOSAKEN

Seb sah sich neugierig um: dies sollte seine neue Heimat werden.

„Und wie gefällt es dir hier?" fragte er Katrin. Sie schaute ihn zutraulich an und schwieg. „Brennt die Sonne?"

Katrin lächelte. Die Beschwernisse der Reise, auch kaltes oder heißes Wetter machten ihr wenig Kummer. In der Nähe von Seb war alles gut und schön für sie.

Die Sonne brannte unbarmherzig. Die Blätter der Bäu­me waren welk von der Hitze. Starker Wind wirbelte Staub auf.

Die Kolonisten begaben sich in den kühlen Schatten der großen Erlen am Ufer. Hans Haal atmete erleichtet auf:

"Endlich sind wir angekommen."

"Und Gott sei Dank am Leben und wohlbehalten", fügte Salomon Klein hinzu.

Müller sagte:

„Weiter fahre ich nicht. Das ist mein letztes Wort."

Philipp Schreiner lachte laut:

„Mach noch eine kleine Strecke in die Steppe mit, und dort bleibst du sicher bis ans Ende deines Lebens."

Nicht weit vom Ufer sah man Häuser und Hütten in großem Durcheinander stehen. Wege und Pfade krümmten und kreuzten sich zwischen den Wohnstätten. Hie und da ragten Kirchtürme über die Dächer.

Mitten auf dem Wasser, auf einer Insel, standen Hütten und Schuppen aus Brettern. Sie sahen baufällig aus. Graue verlumpte Menschen hockten oder lagen um die Gebäude. Die Insel hieß Osokorje und war die Pokrowsker Arbeitsbörse der Saisonlandarbeiter. Da in den Hütten und Schuppen nicht alle Menschen unterkommen konnten, wohnten viele Arbeitssuchende unter freiem Himmel.

Ein hoher flachsiger Mann in derben Stiefeln und Pluderhosen, mit einer spitzen Pelzmütze auf dem Kopf, erklärte, er sei der Beauftragte des Atamans Kobsar und habe für die angekommenen Kolonisten zu sorgen. Er sei, sagte er, Kosak und heiße Stepan Antonowitsch Chmara. Als er das Wort Kosak und seinen Namen nannte, richtete er sich stramm auf.

Seb und Willem führte er am Ufer ein paar Dutzend Schritte weiter zu einem großen Lagerraum, der erst gebaut worden war und noch leer stand. Hier solten die Kolonisten zeitweilig untergebracht werden. Der Raum war groß, und die Luft darin angenehm kühl. Längs der Wände waren Pritschen als Betten aufgestellt. Der Kosak erklärte, daß die Abreise der Kolonisten von Pokrowsk nicht so bald unternommen werden kann, da die Wege zum Karaman durch den Regen ganz unbefahrbar geworden seien.

„Wieder ein Hindernis", sagte Hans Haal, „erst war es der Winter, jetzt ist es der Regen."

„Da kann man nichts machen. Den Regen kann man nicht aufhalten, Kälte nicht vermeiden", meinte Philipp Schreiner.

„Aber Wege kann man bauen", widersprach Salomon Klein.

Hans Haal lachte laut:

„Dazu hat man uns hierher gebracht."

Stepan Antonowitsch gebärdete sich wichtig und stolz. Er erklärte, daß er zu den Saporoger Koliken gehöre, die hier in Pokrowsk eigentlich Herren seien. Hinter dem Graben, der Pokrowsk in zwei Teile teilt, wohnen die Rus­sen und andere Auswärtige, die nicht dem Kosakenstand angehören.

Als man Stepan Antonowitsch nach den Leuten auf der Insel Osokorje fragte, schmunzelte er ein wenig und sagte:

„Das Pack. Sie sind aus den benachbarten Gegenden — Pensa, Tambow, Tula und anderen - hierher zu den Ern­tearbeiten gekommen. Was sie verdienen, versaufen sie im Kabak und ziehen mit nichts heim. In Pokrowsk lassen wir sie nicht wohnen."

Seb hatte Ataman Kobsar melden lasset, daß er ihm eine Botschaft von Kaufleuten aus seiner deutschen Heimat zu überbringen habe. Der Ataman lud Seb und seine nächsten Freunde zu einer festlichen Begegnung in sein Haus ein. Die Stube im Haus des Atamans war voll von Gästen — alle von den reichsten und angesehensten Pokrowsker Kosaken. Tische, Bänke, Stühle und auch Eß­geschirr mußten bei den Nachbarn geborgt werden, um die vielen Gäste zu bewirten. Von den Kolonisten waren Seb, Katrin, Willem und Müller erschienen. Die Kosaken waren mit ihren Weibern gekommen, die sich aufgeputzt hatten. Der Schnitt ihrer Kleider war anders als bei den Russen an der Oberen Wolga.

Die Kosakenfrauen benahmen sich unbefangen und offenherzig. Xenia Nikolajewna, die Frau des Atamans, begrüßte Katrin und bat sie höflich, am vorderen Tisch Platz zu nehmen. Auf Seb schaute Xenia Nikolajewna mit Neugierde. Er gefiel ihr.

"Es ist ein Gluck, daß Sie an der Seite Ihres Mannes sind sonst würden sich unsere Frauen an ihn hängen", sagte sie zu Katrin. „Mit Ihnen aber kann es keine unserer Frauen aufnehmen."

Katrin lachte anmutig.

„Sie übertreiben es mit Ihrem Lob", sagte sie geschmei­chelt.

Die Kosaken trugen ihre besten und schönsten Kleider. Keiner ließ es an Hochmut fehlen. Sie verhielten sich ernst und angemessen. Um zu beweisen, daß die Kosaken tief­sinnig und kaltblütig sind, was ihrem Stand eigen sein soll, hielten sich die Männer steif und förmlich.

Marfa die Tochter des Atamans, ließ Willem nicht aus den Augen. Sie trug ein buntes Kleid und war mit Bändern geschmückt. Einigemale trafen sich ihre Blicke und Marfas schwarze Augen funkelten so lebendig und lockend, daß es Willem heiß überlief.

Die Tische waren reich gedeckt. Vor jedem Gast stand eine Schüssel mit Suppe und ein Becher mit Branntwein. Kobsar erhob sich wiegend, schaute auf die Anwesenden und hielt seinen Becher hoch.

„Zu Ehren unserer Gäste, der Einwanderer, die sich bei uns ansiedeln werden. Die Krone hat sie als freie Bauern hierher geschickt. Darum müssen wir Freundschaft mit ihnen pflegen. Zum Wohl!"

Alle leerten ihre Becher. Der Schnaps brannte in Mund und Kehle. Die Kolonisten aßen eilig die Suppe aus den Schüsseln, um die ätzende Wirkung des Getränks zu til­gen. Sie waren nicht an so starken Alkohol gewöhnt. Die Kosaken schmunzelten zufrieden. Sie waren stolz auf ihren Schnaps.

Seb überreichte Kobsar das Geschenk von Kaufmann Notke. Der Ataman war etwas bestürzt. Er schaute die Kosaken fragend an, die auch Verwunderung durchblicken ließen. Nach einer Weile fing sich das Oberhaupt der Kosakenstadt wieder, und er nahm seine gewohnte gebieterische Haltung ein. Zu Seb sagte er:

„Danke für das Geschenk und für die Ehre, die mir der Kaufmann zuspricht. Wir Kosaken bleiben nichts schuldig. Wenn man uns beschenkt, antworten wir mit Dank.“

Die Kosaken brummten Beifall. Nur der Kosak Schkoda schrie entrüstet:

„Mit dieser Bagatelle will man uns kaufen."

„Du hast zu viel gesagt, Mitrofan Mitrofanowitsch", sagte Kobsar böse zu Schkoda. „Vergiß nicht, die Kolonisten sind Kronsbauern."

„Dreißig Werst Steppe sind uns bereits für die Kolonisten abgeschnitten worden", erklärte Schkoda.

Einige Kosaken nickten zustimmend.

„Für die dreißig Werst verspricht uns Saratow die Ponomarjow-Insel bei Tschardym und die fünfzehn Werst breite Viehweide bei Pokrowsk. Ich denke, wir sind damit nicht im Nachteil", erklärte Kobsar.

Marfa stand nahe hinter Willem: gerade aufgerichtet hielt sie ihren vollen Busen vor, lächelte froh und blinzelte Willem verführerisch zu.

Die Kosaken wurden lauter. Mitrofan Mitrofajiowitsch erklärte, daß der vierzig Werst breite Steppentrakt Pokrowsk gehört und Saratow nicht das Recht hatte, auch nur einen Fußbreit davon zu nehmen. Ein anderer Kosak erhob sich und schrie erbost:

„Saratow bedrängt uns immer mehr. Wir müssen uns von ihm losreißen. Kosaken, duldet das nicht mehr länger, wehrt euch!"

Seb hob seinen Becher auf das Wohl der Pokrowsker Kosaken.

„Ich hoffe", sagte er, „daß wir uns als Nachbarn gut vertragen werden."

Einer der Kosaken erhob seinen Becher und brüllte aus vollem Halse:

„Auf das Wohl unseres klugen Atamans Iwan Stanislawowitsch Kobsar!"

Die Kosaken waren besoffen. Einige brummten Melodi­en von Liedern, andere taumelten umher und stießen Stüh­le und Bänke um. Eßgeschirr klirrte, wurde von den Ti­schen gestoßen Auch die Weiber waren von einem guten Rausch befallen. Xenia Nikolajewna küßte leidenschaftlich Mitrofan Mitrofanowitsch. Schkodas Frau, Pawlina Wassiljewna, ermahnte die beiden:

"Xenia", sagte sie, "besinnt euch, hier sind Fremde. Sie werden eine schlechte Meinung von uns haben."

Marfa lockte Willem:

„Komm", sagte sie zu ihm, „an die frische Luft. Hier ist es schwül und riecht nicht gut."

„Sie wird ihn verführen", bemerkte ihre Tante.

„Nicht verwunderlich, hüpft und fliegt um ihn herum wie ein Vöglein im Geäst", sagte ihre Nachbarin am Tisch.

Willem sah sich nach Katrin um. Diese war gerade von Ataman Kobsar eingenommen, der ihr ausdrücklich erklär­te, daß er und die Kosaken zum Westen halten.

„Die Russen konnten mit den Kirgisen nicht fertig wer­den, und da haben sie uns vom Dnepr hierher verbannt." Kobsar schlug sich mit der Faust auf die Brust und sagte: „Wir haben es gemacht. Heute sind die Kirgisen unsere Freunde."

Müller fragte einen Kosaken, ob Saratow eine reiche Stadt sei.

„Saratau, so nennen es die Kirgisen, was in ihrer Spra­che Gelber Berg bedeutet. Also kommt der Name der Stadt von dem kahlen Berg bei Saratow." Der Kosak schwieg eine Weile. „In diesem Nest", sprach er dann weiter, „le­ben verschiedene Schmarotzer. Die meisten von ihnen sind Pfaffen und Mönche. Dann gibt es noch eine Menge von Beamten, Offizieren, Soldaten, Kaufleuten und Hand­werkern und vielen Dienern und obdachlosen Bettlern."

„Gibt es unter diesen Menschen Liebhaber von Musik?" fragte Müller den Kosaken.

„Ja, Bettler machen vor Kirchen und Küchen schöne Schalmeienmusik. Die Leute hören gerne zu."

„Doch pflegt man Saitenmusik im Salon?" „Das weiß ich nicht. Die hohen Beamten haben doch" alles, die haben gewiß auch das, was Sie soeben gefragt haben."

Kobsar erzählte den neugierigen Kolonisten von den Kämpfen mit den Kirgisen. Dabei strich er sich wichtig­tuerisch seinen langen Schnurrbart, der ihm an beiden Mundwinkeln gleich Zöpfen herunterhing. „Ja", wieder­holte er oft mit Nachdruck.

"Das war noch in meinen jungen Jahren. Unsere Tschumaken, Fuhrmannleute von zweihundert mit Salz beladenen Ochsenfuhren, waren auf dem Heimweg vom See Altanor. Es war frühmorgens und ganz ruhig in der Step­pe - kein Mensch ringsumher. Auf einmal sahen wir in der Ferne am Horizont einige Reiter. Es schien, als hätten sie uns gar nicht beachtet. Doch bald wurden es mehr und mehr Reiter. Die Sache kam uns verdächtig vor. Wir machten uns zur Abwehr bereit. Die Säbel wurden umgehängt und die Gewehre geladen. Alle Kosaken begaben sich auf eine Seite zum Schutz der Wagen. So fuhren wir weiter. Jeder von uns spürte die Kampfeslust."

„Und die Furcht vor dem Tod?" fiel Seb ein. Kobsar schüttelte verneinend den Kopf.

„Wenn es in den Kampf geht, denkt der Kosak nicht an sein Leben. Da ist alles vergessen." Kobsar geriet förmlich in Feuer, so daß es schien, als wolle er jetzt den Säbel ziehen und alles um sich zerfleischen.

„Das ist kühn", sagte Seb.

Kobsar schwieg eine Weile, um seinen Eifer zu dämpfen. Dann sprach er beruhigt weiter:

„Es hatten sich viele Reiter versammelt. Ihre übermacht war ohne Zweifel. Die Tschumaken brachten die Fuhren zum Stehen, und wir machten uns zur Abwehr bereit. Die Reiter mögen dies bemerkt haben und sprengten jetzt auf uns los. Der Haufen war so groß, daß die Erde von den Huf­schlägen zitterte. Es war schrecklich. Wir verhielten uns ruhig und ließen sie näher herankommen. Es war befoh­len, der Reihe nach zu schießen. Die eine Hälfte sollte dann schießen, wenn die andere ihre Gewehre lädt. Wir konnten schon genau erkennen, daß die Angreifer Kirgisen waren. Der Reiterschwarm kam mit solcher Wucht auf uns zu, daß man hätte glauben müssen, sie würden uns alle leicht niedermachen. Wir aber standen fest. Als die Kirgisen in Schußweite vor uns waren, feuerten wir los. Wie auf Kommando machten die Kirgisen kehrt und er­griffen in großem Durcheinander die Flucht. Wir brauchten kein zweites Mal zu schießen. Ungefähr ein Dutzend der Feinde blieb tot oder verwundet zurück. Manche Ver­wundeten regten sich noch und versuchten, sich zu erhe­ben, stöhnten und jammerten. Einer schleppte sich mühse­lig fort, den Fliehenden nach. Die Kanaillen ritten aber unaufhaltsam und kümmerten sich nicht um ihre hilflosen Brüder. Sie waren schon beinahe am Horizont verschwun­den, als man bemerken konnte, wie ein paar Reiter anhiel­ten und nach uns ausschauten. Wir trieben unsere Ochsen an und machten, daß wir bald von dieser Stelle fortkamen, damit die Kirgisen zu ihren Verwundeten zurückkehren konnten. Die Armen taten uns leid. Wir Kosaken kämpfen nicht gegen hilflose Menschen."

Kobsar sagte, daß die Kirgisen seitdem keine überfälle auf die Tschumaken mehr wagen. Die Ursache, behaupte­te er sei die Feuerwaffe. Die Kirgisen fürchten den Gewehrschuß sehr. Ein Schuß in die Luft erschreckt sie schon.

„Mit vielen Kirgisen sind wir jetzt befreundet. Es kommt vor, daß einzelne Kosaken oder auch kleine Gruppen von zwei, drei Mann unserer Leute von den Kirgisen immer noch überfallen werden. Besonders wer sich weit in die Steppe wagt und keine Feuerwaffe bei sich hat. In der Rada bei uns gibt es da zwei verschiedene Meinungen. Die einen verlangen, man müsse die Kirgisen bekämpfen, wo man ihnen auch nur begegnet, die anderen, und das ist die Mehrheit, meinen, man müsse mit den Kirgisen Freundschaft anknüpfen. Ich bin auch dieser Meinung. Alle Menschen sind Gottes Geschöpfe und haben somit gleiche Rechte. Und zudem reicht hier der Platz in der Steppe für uns und auch für die Kirgisen aus."

Willem und Marfa kamen in die Stube. Willem war ganz befangen. Er war erregt und sah Schlichtern aus. Marfa dagegen gab sich frei, war froh und wohlauf. In ihrem Arm hielt sie einen großen Strauß von Fliederblüten. Der süße Duft war stärker als der Wein- und Schweißgeruch in der Stube.

Die Gäste versammelten sich wieder an den Tischen. Ein Durcheinander herrschte im Raun. Die einen sangen, andere schrien, fluchten und brüllten. Noch immer wurde Schnaps getrunken. Doch nach und nach versiegte der Lärm. Viele Gäste lagen herum und schliefen. Andere taumelten hinaus ins Freie und verschwanden dort im Dunkel.

„Stepan Antonowitsch", rief Kobsar Chmara zu sich. „Versammle die Leute und führe das Gelage weiter und sorge dafür, daß mir keiner nüchtern aus dem Hause geht Bewirte alle bis zum Umfallen. Die Nacht ist lang, und morgen gibt es noch einen Tag."

In der Herberge am Wolgaufer sagte Katrin zu Seb:

„Ich kann die Kosaken nicht verstehen. Mir scheint, sie haben genug Verstand und auch Vernunft, und den­noch treten sie alles mit Füßen."

„Sie werben uns an unserem Leben nicht hindern. Und wir sind doch auch nicht wehrlos", erklärte Seb.

Es war schon spät. Am hohen reinen Himmel stand der volle Mond. Er spiegelte sich verschwommen im Wasser der Wolga wider. In den Kronen der mächtigen Erlen rauschte leise der Wind. Von der Wolga wehte kalte Luft ans Land. Auf der Insel Osokorje brannte ein Feuer. Menschengestalten hockten um die Flammen. Es waren die Lohnarbeiter, die sich in der kalten Nacht am Feuer wärmten.

Pokrowsk oder Pokrowskaja Sloboda, wie die Stadt früher hieß, war von Kosaken aus der Saporoger Setsch, Anhängern von Hetman Mazepa, gegründet worden. Die Meuterer wurden vom Zaren Peter I. nach Saratow verbannt. Der Wojewoda von Saratow hatte sie dann als Tschumaken am linken Ufer der Wolga, Saratow gegen­über, angesiedelt. Anfangs hieß die Siedlung Chutor Bokura und war nicht groß. Doch jedes Jahr kamen aus der Ukraine freiwillige übersiedler nach Bokura, und die Siedlung wuchs schnell.

Die Kosaken lebten vom Salzfahren vom Eltonsee nach Saratow. Der Wojewoda hatte den Kosaken streng verbo­ten, sich mit Landwirtschaft zu beschäftigen. Sie solltelf nur Salz fahren, das für die Zentralgebiete Rußlands not­wendig war. Die Arbeit war schwer und wurde schlecht be­zahlt. Noch schwerer war das Salzbrechen. Trinkwasser gab es in einer Entfernung von fünf Werst vom Eltonsee. Die Salzbrecher wohnten in Hütten, die an den Ufern des Sees errichtet waren. Von der Krone erhielten sie keinen Lohn und lebten von ihrem gewonnen Salz, das sie für fünfzig Kopeken die Fuhre verkauften. Das Salz wurde von Arteis gewonnen, weil ein einzelner Mensch die Arbeit allein nicht verrichten konnte. An den Ufern des Sees war das Wasser sehr salzig und flach und der Boden sumpfig. Die Salzbrecher begaben sich auf Booten bis sechs Werst weit auf den See. Beim Brechen standen sie bis an die Knie, nach Regen manchmal auch bis an die Brust im Salzwasser. Schützende Kleidung oder Fußwerk gab es nicht. Das Salzwässer fraß Wunden am Körper bis auf die Knochen. Die Wunden heilte niemand, und die Menschen starben daran. Das gewonnene Salz wurde auf Booten näher zum Ufer gebracht. Eine oder zwei Werst vom Ufer mußte man es auf leichtere Boote oder auf Fuhren verladen. Am Ufer wurden die Salzschollen zerkleinert und im Wasser gewaschen.

Marfa kam ans Wolgaufer zu den Einwanderern. Auf ihrem Gesieht lag dieselbe freudige Miene wie am Abend zuvor beim Gelage. Sie brachte Willem Honigkuchen und Milch zum Frühstück. Willem wollte die Gabe nicht neh­men Marfa zwang Willem aber dazu, sie bewirtete auch Seb und Kaiirin. Katrin beobachtete Marfa aufmerksam. Auch Seb merkte, daß Marfa zärtliche Gefühle zu Willem hegte.

Nach dem Frühstück trug Marfa ihren Freunden, Wil­lem, Seb und Katrin, an, mit ihr in die Stadt zu gehen. Der Weg bog bald nach der einen, dann wieder nach der ande­ren Seite. Er wich Bäumen, Plötzen, Graben und Teichen aus. Um die Häuser standen zerstreut Schuppen und Stäl­le. Die an Größe sehr verschiedenen Hofflächen waren mit Stangen umzäunt. Die Teiche in der Stadt waren groß und hatten klares Wasser. Der größte, der Sapsajewteich, war kristallklar, und darin schwammen dicke Fische. Marfa führte ihre Gäste über ein Flüßchen, das sie Jerik nannte. über dem Jerik erhob sich eine Siedlung, die anders aus­sah als die Kosakenstadt. Es war die Vorsiedlung von Pokrowsk, die von Russen und Einwohnern anderer Natio­nen besiedelt war - die russische Vorstadt. Die Einwohner hier wurden von den Kosaken Auswärtige genannt. Die Häuser in der Vorstadt waren aus Lehm geschlagen. Die Nebengebäude waren kleiner, und es gab davon weni­ger als bei den Kosaken. Die Einwohner arbeiteten zum größten Teil bei den Kosaken als Knechte. Nur wenige Bauern und einige Handwerker hatten ihr eigenes. Aus­kommen. Die Auswärtigen kamen aus Pensa, Tula, Tam-bow und anderen Gegenden hierher, an die freie Wolga.

Willem hörte Amboßschläge, und er horchte auf. Marfa merkte dies und zeigte auf einen kleinen, nicht weit von ihnen stehenden Lehmbau. „Eine Schmiede", sagte sie und erklärte, der Schmied sei ein Pole, der im vorigen Sommer hierher kam. Sein Name sei Zygmunt Klatzky. Marfa lobte ihn als fleißigen gutmütigen Mann.

„Er hat Frau und Kinder mitgebracht, spricht ukrai­nisch und besucht den Gottesdienst in der russischen Kir­che."

Zygmunt Klatzky war ein gesprächiger Mann. Er war freundlich zu den Deutschen. Von den Kosaken sagte er, daß diese hochmütig seien.

„Manche von ihnen sind durchs Salzfahren reich geworden. Unter ihnen gibt es auch arme Leute, weil jeder nur das besitzt, was er sich hier erwerben kann", erklärte der Pole.

Willem besah sich den engen Raum der Schmiede: Herd, Amboß und eine Bank mit Zange, Meißeln und ein paar Hämmern. An einer Stelle lagen sorgfältig geordnet Stücke von Brucheisen. Seb fiel das auf, und er fragte, ob wohl Eisen in der Stadt zu kaufen sei. Zygmunt schüttelte verneinend den Kopf:

„Es ist hier schwer zu finden und sehr teuer. Neueisen bekommt man selten in die Hände, nur wenn jemand zu­fällig ein Stück von irgendwo hierher bringt. Ich schmie­de nur Bruchstücke."

Seb sagte zu Willem:

„Wenn das Herr Notke wüßte, würde er ein Schiff mit einer Eisenladung hierher bringen."

Seb fragte Zygmunt, ob wohl in Rußland Eisen gewon­nen wird. Der Pole bejahte die Frage. Er sagte, daß es im Ural Eisenhütten gibt. Nur gäbe es keine Kaufleute, die es hierher, an die Wolga, schaffen könnten. ZygJnunt be­hauptete, daß Pokrowsk viel schneller vorwärtskäme, wenn hier genug Eisen wäre. Außerdem meinte der Schmied, daß es gar nicht so schwer wäre, Eisen vom Ural zu holen.

„Sind die Hütten weit von hier?" fragte wieder Seb.

„Auf der Achse kann man zwei Reisen in einem Som­mer machen", erklärte Zygmunt. „Einzelne Fuhrleute kön­nen sich nicht auf einen solchen Weg wagen, da sie sicher Gefahr laufen, überfallen und ausgeraubt zu werden. Deshalb müßten Züge von Dutzenden von Fuhren aufge­stellt werden, die sich Schutz gegen überfälle leisten könnten. So etwas kann aber nur ein großer Unternehmer, ein Kaufmann fertigbringen. Leider hat sich bis jetzt weder in Saratow noch in Pokrowsk ein Interessent für die Sache gefunden."

Wie Zygmunt weiter mitteilte, sei das Leben im Ural jetzt nicht ohne Gefahr. Die dort wohnenden Kosaken und auch heidnische Völker seien von Unruhen ergriffen. Sie entsagten der Krone den Gehorsam.

Auf dem Heimweg stießen die vier auf einen betrunke­nen Mann. Der hielt sie an und schwang eine flammende Rede:

„Euch hat die Krone hierher gelockt. Ihr werdet bitte­re Tränen weinen. Hier gibt es für euch Fremde kein gu­tes Leben, weil ihr vorwärts streben und hoch hinaus wollt. Daraus wird nichts." Der Mann blickte seine Zuhörer dro­hend an. „Ihr denkt, ich lüge? Das verbiete ich mir. Hier ist alles: Brot, Fleisch und Fische. Kleider und Geräte könnt ihr euch selbst herstellen. Aber Geld ist hier wenig, so wenig wie Schnee im Sommer, und ohne Geld gibt es keinen Reichtum und auch kein Glück." Der Mann ließ seinen Kopf herabsinken und torkelte weiter.

Marfa sagte:

„Das ist Semjon Michailow, ein Fischer aus der Vor­stadt. Ein geschickter Mann, nur versäuft er alles, was er aufbringt. Die Fische werden hier gut gekauft, und alle Fi­scher haben Geld. Die Kosaken fischen nicht. Sie haben Gefallen am Vieh und an der Steppe. Auf dem Wasser fühlen sie sich nicht wohl."

Es war ein heller und stiller Tag. Von der Höhe am Jerik sah man in der Ferne Saratow und weiter das blaue hohe Ufer und den kahlen Berg, dessen Gipfel ganz im weißen Sonnenlicht lag. In den Fenstern der Häuser am Marktplatz spiegelte sich die Sonne groß wider. Seb und Katrin setzten sich auf einen Baumstamm am Ufer und schauten hinaus auf das große Wasser. Der Strom war reißend und floß mächtig am Ufer vorbei. Trübe Wasser schäumten, als siede es in einem riesengroßen Kessel. Seb wandte sich an Katrin:

„Wird Willem mit Marfa anbändeln?" fragte er ernst.

Katrin schaute ihren Mann erstaunt an.

„Das will ich nicht raten", sagte sie ruhig.

„Wie verhältst du dich dazu?"

Katrin schwieg eine Weile.

„Warum bist du so gleichgültig?" fragte Seb erregt. „Willem ist unser Freund, und wir müssen um sein Schicksal besorgt sein."

„Glaubst du, daß ihm Marfa gefällt?" fragte Katrin, ohne ihren Blick zu heben.

„Ich kann das nicht bestimmt sagen. Willem benimmt sich unverständlich. Seitdem wir uns kennen, hat er sich sehr verändert. Irgend etwas quält ihn."

„Und wenn er Marfa heiratet, denkst du, daß er seine Qualen los wird?"

"Die Heirat mit Marfa wäre für ihn ein Ausweg. In der Kolonie gibt es kein Mädchen, das zu ihm passen könnte. Er zeigt auch nicht die geringste Neigung zu unseren Mädchen."

"Dann kann er allein und unverheiratet bleiben", sagte Katrin. Plötzlich sprang sie erschrocken auf. Eine Schlan­ge schwamm auf sie zu: Sie hielt den Kopf frei übers Was­ser und trieb gewandt mit dem Strom. Seb ergriff einen Stock und schlug damit nach der Schlange. Das Reptil kehrte leichtfertig um und schwamm vom Ufer weg. Seb und Katrin gingen in den Lagerraum.

Am Abend versperrte beim Erlenhain ein junger Kosak Willem den Weg.

„Du, Fremder, ich wollte dich fragen, ob du Marfa hei­raten wirst."

„Was hast du davon?"

„Meine Eltern wollen, daß ich Marfa heirate. Ich aber liebe Natalka, unsere Magd, ich will sie heiraten. Sie liebt mich auch. Unsere Eltern sind dagegen. Ich werde Natalka aber nicht im Stich lassen. Sie ist die schönste in Pok­rowsk. Komm zu uns auf den Hof, ich zeige dir Natalka Unser Haus steht am Jerik, wo der Weg über den Graben führt. Es ist frisch mit Rasenstücken gedeckt und hat einen großen Schornstein aus Flechtwerk."

Willem hörte aufmerksam zu und nickte zustimmend. Als der Kosak beim Erzählen eine Pause machte, sagte Willem:

„Ich liebe auch eine andere."

„Und warum heiratest du sie nicht?"

Willem seufzte schwer.

„Sie ist mit meinem besten Freund verheiratet."

„Da mußt du verzichten. Dem Freund darf man bei uns Kosaken kein Leid antun. Heirate Marfa", bat der Kosak eifrig. „Sie ist nett und die Tochter des Atamans." Willem schwieg. „Gefällt dir Marfa nicht? Sie liebt dich und wird dir gehorchen."

Willem lächelte geschmeichelt und schaute den Kosa­ken freundlich an.

„Wie heißt du?" fragte er seinen neuen Bekannten.

„Mikola Schkoda."

„Besuche mich in der Kolonie am Karaman. Ich werde dich als Freund empfangen. Frage nach dem Schmied Willem, und du findest mich."

Noch lange an jenem Abend ging Willem der offenher-zige Kosak nicht aus dem Sinn. Es schien ihm, als hätte er die gleichen Gefühle wie er, etwas Gemeinsames, das sie in gewissem Maße vereinte.

In der Nacht dröhnten schwere Donnerschläge. Manchmal schmetterte es so schrecklich, als sei eine bretterne Himmelsdecke durchbrochen worden. Zackige Blitze leuchteten auf. Ein Platzregen goß herab. Auf dem Dach der Herberge rauschte der Regen wie wild. An verschiede­nen Stellen sickerte das Wasser durch, und manche der In­sassen mußten ihre Betten verlassen. Der Regen hatte die Abfahrt in die Kolonie wieder verhindert. Der Weg war noch mehr durchnäßt und ganz unbefahrbar geworden.

Bei der Begegnung mit Marfa sah Willem, daß sie traurig war. Sie schaute Willem sinnend und flehend an. Die beiden standen am Wolgaufer unter einer großen Espe. Willem umfaßte Marfa und küßte sie. Marfa weinte. Wil­lem fühlte, wie ihm die warmen Tränen auf die Wangen tropften. Mitleid zu Marfa erfaßte ihn.

"Willem", sagte Marfa, „bleib hier in Pokrowsk. Hier bist du bei vielen Menschen und nahe beim Geld. Die Ko­lonisten haben wenig Geld und werden auch keins erwerben können. Sie fahren kein Salz und fischen auch nicht."

Willem horchte auf. Auch er hatte schon den Gedanken gehabt, in Pokrowsk zu bleiben. Aber ohne Freunde, ohne Katrin, dazu konnte er sich nicht entschließen.

„Du kannst dir hier eine Schmiede kaufen. Der Kosak Ryschko, der am Sapsajewteich wohnt, verkauft seine Schmiede. Er hat jetzt eine große Brauerei und wird nicht mehr schmieden."

Geld für eine Schmiede hatte Willem noch. Schon lange sparte er Geld, um in Rußland eine Schmiede zu errichten. Er begriff gut, daß in Pokrowsk viel mehr Aussicht für ein gutes Gedeihen seines Geschäfts wäre als in der Kolo­nie. Doch das wäre nur dann gut, wenn auch Seb und Katrin in Pokrowsk blieben. Seb könnte hier Kaufmann wer­den. Der Handel in Pokrowsk hätte sicher Zukunft. In die­ser kurzen Zeit, die Willem in der Kosakenstadt lebte, wur­de ihm klar, daß der schlecht entwickelte Handel die größ­te Plage war, es haperte daran an allen Ecken und Enden. Getreide, Vieh und Viehprodukte gab es in Pokrowsk im überfluß und hätte es noch mehr geben können. Aber der Absatz der Erzeugnisse war viel zu klein, nur für den örtlichen Bedarf. Hier brauchte man Eisen, Flachs, Holz und Gewebe.

Willem beschloß, mit Seb darüber zu reden. Zu Marfa sagte er:

„Glaubst du, daß es mir ohne dich schlecht gehen werde?"

Marfa nickte, und ein sanftmütiges Lächeln lag auf ihren Lippen.

Die Dunkelheit verleitete Willem. Im Augenblick ver­gaß er seine Ehre, Katrin und auch die Kolonie. Fest um­schlossen hielt er Marfa in seinen Armen. Marfa widersetz­te sich nicht. Sie war ganz liebestrunken.

 

Mitten auf dem Marktplatz, an der lebhaftesten Stelle, stand die große Schenke des Kosaken Poroschenko. Sie zu besuchen, war der seligste Wunsch vieler Männer von Pokrowsk. Doch manche Liebhaber mußten als Zu­schauer außen um die Schenke ihr Vergnügen suchen. Da­zu brauchte man kein Geld, das bei den Pokrowskern so knapp war. Wenn einer aus der Schenke mit trüben Augen heraustaumelte und nicht mehr imstande war, ein ver­ständliches Wort zu reden, brach der ganze Haufen der Gaffer in lautes Gelächter aus. Und wenn der Besoffene torkelnd zu Boden fiel, war die Freude noch viel größer. Einer stellte sich dann gewöhnlich als Anführer vor dem Liegenden auf und sprach zu ihm botmäßig wie zu einem hohen Herrn oder tröstend wie zu einem Sterbenden. Die Zuschauer lachten aus vollem Hals.

Nicht selten flog ein Besucher mit einem Fußtritt von Poroschenko aus der Schenke. Ein solcher Fall war das allerergötzlichste Schauspiel für die Leute. Wollte sich aber mal einer der Herausgeworfenen nicht fügen und kehrte wieder zurück in die Schenke, so wurde er dann von Poroschenko gleich mit noch größerer Wucht auf die schmutzige Straße hinausbefördert. Nach dem dritten Versuch wurde der Besoffene schon halbtot fortgebracht. Oft blieben solche Saufbolde lebenslänglich Krüppel.

Poroschenko war ein kräftiger Mann — groß, flachsig und geschickt, und was beim Raufen entscheidend ist — unbarmherzig. Er hatte in Pokrowsk viele Feinde, doch kei­ner wagte es, ihn offen anzugreifen. Seine Grausamkeit zog ihm Haß und Mißgunst zu. Poroschenko wußte das genau, und er war immer auf der Hut.

In Pokrowsk gab es auch eine Menge Männer die Poroschenko ehrten. Hatte er doch die größte Schenke in der Stadt und besaß, wie man annahm, nicht wenig Geld.

In der Schenke standen lange rohgezimmerte Tische die mit einer grauen Schicht von auseinandergeschmierten Speiseresten bedeckt waren. Um die Tische herum zogen sich lange Holzbänke, worauf die Gäste beim Zechen Platz hatten. An der hinteren Wand hatte Poroschenko den ganzen Raum entlang seinen Schanktisch, der von der Außenseite dicht mit Brettern benagelt war. Dahinter be­fand sich ein Herd mit einem großen Kessel, in dem das Essen gekocht wurde. Der Kessel war das teuerste Zube­hör der Schenke. So einen großen Kessel, wie den bei Po­roschenko, gab es in der Stadt nicht mehr. Hinterm Schanktisch stand Poroschenko und stützte seine knochi­gen Arme auf die Tischplatte. Er schaute starr, gebiete­risch und selbstzufrieden auf die Zecher. Die Gäste bestell­ten am Schanktisch Schnaps und Essen und zahlten sofort für die Bestellung. Poroschenko verabreichte die Suppe und den Schnaps in Tongefäßen, das Fleisch auf einem Brettchen. Jeder Gast bekam einen großen hölzernen Löffel. Salz und Rettich brachten die Besucher von zu Hause mit. Jeder von ihnen besaß diese Zutaten zur Genüge und wollte dafür kein Geld zahlen. Am Essen sparten die Gäste, um für das restliche Geld mehr Schnaps kaufen zu können. Die stärksten Säufer aßen auch das bestellte Essen nicht, damit der Schnaps im Magen, wie sie glaubten, größere Wirkung haben möge. Manche Zecher gossen in ihre Schnapsgefäße noch Rettichbrühe, um ein größeres Quantum zum Trinken zu haben. Es gab auch solche, die ihren Schnaps in die Suppenschüssel ausschütteten, danach Fleisch und Brot einbrockten und dann das Ganze auslöffelten.

Poroschenko kannte seine Besucher und wußte, wie er mit jedem umgehen durfte. Es gab Besucher, die er schon in der ersten Minute ihres Erscheinens in der Schenke auf die Straße setzte, da er wußte, daß sie zum Zechen kein Geld hatten. Es gab auch solche, die er nie anrührte, wenn­gleich sie nicht zahlten oder anderen Frevel trieben. An­gesehene Männer der Stadt kamen selten zu ihm, und wenn einer trotz alledem erschien, so räumte ihm Poroschenko einen vornehmen Platz ein und hielt bei den Besuchern im Schenkraum strenge Ordnung. Einmal besuchte Ataman Kobsar die Schenke. Poroschenko bewirtete ihn hinter dem Schanktisch an einem sauberen Tisch unentgeltlich, gab dem Ataman noch eine Flasche Schnaps als Geschenk mit und ließ Xenia Nikolajewna ehrerbietig grüßen.

Am Sonntag, an dem die Schenke immer stark besucht wurde, befanden sich darin die Kolonisten Damke, Müller und Peter von der Lauterbach. Poroschenko hatte ihnen bei den Kosaken eine ruhige Ecke zugewiesen. Die erste Tischreihe vor dem Schanktisch hatten die Kosaken be­setzt, die zweite, näher zum Ausgang, hatten die Russen eingenommen, und bei ihnen saßen noch Besucher ande­rer Nationalitäten. Diese Einteilung verlangten die Kosa­ken, weil sie sich mit anderen nicht vermischen wollten.

An den Tischreihen, wo die Kosaken saßen, benahm man sich anders als an den Tischen der Auswärtigen. Die Kosaken verhielten sich ruhig, gemessen, hochnäsig. Im Gegensatz dazu gab es bei den Russen viel Tumult, Aus­einandersetzungen, Drohungelfi, Klagen und Schmähungen über Recht und Gerechtigkeit.

Die Kosaken waren die Mehrheit in der Stadt, reicher und einiger als die Auswärtigen. Mit ihnen Streit anzufan­gen, war für die Russen aussichtslos. Und trotzdem kam es zwischen den beiden Lagern öfters zu Raufereien.

Neben den Kolonisten an der anderen Tischreihe saß der Fischer Semjon Michailow. Um ihn herum haben sich noch einige stämmige und gut genährte Mitzecher »ge­schart, auch Fischer. Nach ihrem äußeren unterschieden sich die Fischer von den Landarbeitern und Salzfahrern. Sie sahen nicht so ausgetrocknet und abgezehrt aus wie die Bauern und Salzfahrer, die immer der heißen Sonne und dem Steppenwind ausgesetzt waren. Michailow gegenüber saß Mitrofan Mitrofanowitsch Schkoda. Er war ein selte­ner Gast und fühlte sich unter den Säufern unbehaglich. Michailow starrte eine Weile auf Schkoda und rief ihm dann spöttisch zu:

„Schkoda, dich haben wohl böse Hunde hierher getrieben, oder hast du dich verirrt?"

Schkoda schaute Michailow böse an.

„Was geht dich das an, warum ich hier bin, armseliger Saufbold, ist nicht deine Sache."

"Ich wollte nur erfahren, aus welchem Grund du so ver­schwenderisch bist."

Schkodas Nachbar, der Kosak Schmyrko, mischte sich in das Gespräch.

„Schkoda ernährt schon zwei Auswärtige. Er füttert be­ständig einen Knecht und eine Magd. Kann man das ver­schwenderisch nennen? Was Mitrofan Mitrofanowitsch sich selbst gibt, das ist keine Verschwendung."

„Ein richtiger Kosak spart und an erster Stelle an sich selbst. Der Kosak ißt und trinkt, was seine Schweine nicht fressen und saufen", erwiderte Michailow.

„Und wenn ich auch verschwende, so bleibt mir doch noch genug. Aber bei euch, Auswärtigen, ist immer das letzte in der Schüssel", sagte Schkoda zornig.

„Und dabei essen und trinken wir und belustigen uns, und unsere Schüssel wird nie leer. Nicht wie bei euch, Dreckfressern."

Die Herumsitzenden hörten alle das Geplänkel mit.

„Wir Kosaken ernähren euch. Ohne uns wäret ihr schon verhungert."

„Ihr ernährt uns, und euch ernähren eure Ochsen." Die Kosaken sahen drohend zu Michailow.

„Kosaken, laßt euch nicht beschimpfen!"

Auf der Seite der Auswärtigen erhoben sich einige stämmige Männer. Einer mit Vollbart hielt seine Schüssel zum Werfen bereit.

Schkoda wandte sich Schmyrko zu:

„Das ist der Dank für unsere Wohltaten an dem Lumpenpack."

Gleich darauf flog Schkoda die Schüssel an den Kopf. Die Scherben splitterten nach allen Seiten. Alle, die in der Schenke waren, sprangen auf. Schmyrko schleuderte seinen Becher nach dem Mann mit dem Vollbart. Dieser bückte sich, und der Becher zerschellte an der Wand. Jetzt flogen schon von allen Seiten Schüsseln und Becher. Po­roschenko eilte zur Tür, wo neugierige Zuschauer bereits hereinguckten. Einige von den Gästen versuchten, die Schenke zu verlassen. Poroschenko hielt sie an. Er ver­langte, sie sollten erst für das zerbrochene Geschirr bezahlen.

Zwei Kosaken ergriffen eine Bank und warfen sie auf ihre Gegner. Diese erwischten die Bank im Flug und war­fen sie zurück. Die Bank fiel krachend zu Boden. Die Bankbeine wurden abgebrochen und als Schlagwaffen benutzt. Tische wurden umgestoßen. In allen Ecken krachte und klirrte es. Wieder stießen zwei Kosaken mit einer Bank nach ihren Feinden. Michailow stürzte vor und ver­setzte Schkoda einen Schlag auf den Kopf, daß dieser betäubt hinfiel. Da warf ein Kosak geschickt und mit Wucht Michailow einen schweren Gegenstand an den Kopf, so daß er ohnmächtig niedersank. Der Mann mit dem Vollbart schlug auf den Kosaken mit einem Bankbein, und dem Getroffenen schoß das Blut aus der Kopfwunde. Gleich darauf versetzte man dem Vollbärtigen einen heftigen Schlag von hinten, und er stürzte zu Boden. Schkoda stöhnte. Zwei Kosaken versuchten, ihn auf die Beine zu stellen. Aber von Fußtritten getroffen, fielen sie neben Schkoda hin. Michailow erhob sich und taumelte zum Wasserfaß in der Ecke. Er trank gierig daraus und tauchte den Kopf bis an die Schultern ins Wasser. Das Wasser erfrischte ihn. Er ging auf Schmyrko los. Dieser stand schreckensbleich und rührte sich nicht. Michailow schlug ihm ins Gesicht, und er fiel wie erschossen um. In demselben Augenblick erhielt Michailow einen Schlag, tau­melte und fiel auf Schmyrko. Poroschenko stand ruhig an der Tür. Ein Kosak versuchte, hinter den Schanktisch zu schlüpfen. Poroschenko ertappte ihn und stieß ihn in die Schenke zurück.

Müller und Damke saßen auf ihren Plätzen und sahen ganz entgeistert dem Geschehen zu. Peter von der Lauter­bach geriet in den Haufen der Auswärtigen. Er stieß bald den einen, bald den anderen an und schrie:

„Schlag doch zu, ehe du selbst einen kriegst!" In dem Raum herrschte ein entsetzlicher Lärm. Flü­che, drohende Schreie, Schmähworte aller Art mischten sich zu einem unverständlichen Chaos wilder erboster Menschenstimmen. In der Tür der Schenke erschien der Sotnik vom Marktplatz, der Kosak Titarenko. Er wurde sofort bemerkt, und der Lärm flaute ab. Titarenko trat bis in die Mitte der Schenke, zog seinen Säbel und befahl:

„Hört auf, es reicht!"

Die Kosaken schrien:

„Ins Ostrog mit den Lumpen! Wir Kosaken werden es nicht mehr weiter dulden, daß uns auswärtige Schurken beleidigen."

Die Auswärtigen schrien und erhoben drohend die Fäu­ste.

„Ihr Ochsenvieh habt angefangen, wir haben uns nur verteidigt."

Der Sotnik erhob seinen Säbel höher. In diesem Au­genblick schob Peter von der Lauterbach seinen langen Arm hinter den Sotnik durch, ergriff mit der Hand hastig den Säbel und brach ihn am Griff ab. Die Klinge fiel klir­rend zu Boden. Titarenko stand wie versteinert da. Dann drehte er langsam den Kopf und schaute die Umstehenden fragend an. In der Schenke herrschte Grabesstille. Alle waren zutiefst erschrocken. Titarenko sagte in drohendem Ton:

„Der Säbel stand im Dienste der Krone. Wer ihn zerbrochen hat, ist ein Verbrecher. übeltäter, tritt vor!" Niemand regte sich. Die Kosaken hatten stramme Hal­tung angenommen.

„Wer den Halunken kennt, der melde ihn sofort!"

Wieder ungebrochenes Schweigen.

Schkoda sagte:

„Es ist besser, ihr gebt ihn heraus, sonst werdet ihr alle für ihn büßen müssen."

"Schweig doch! Ein jeder weiß selbst, was er zu tun hat", sagte der Mann mit dem Vollbart.

Titarenko wurde rot im Gesicht. Seine wulstigen Lip­pen zuckten.

„Ich befehle, den Schuldigen herauszugeben!"

"Iwan Antonowitsch", sagte Michailow halb flehend zu Titarenko. „laß doch die Sache sein. Wer gibt dir schon jemanden heraus? Es ist doch jedem klar, daß eine starke Hand den Säbel abgebrochen hat. Geh zu Zygmunt, der schweißt dir die Klinge an, genau so fest, wie sie war, und damit ist die Sache erledigt. Wozu Schande über; die Stadt bringen?'1

Von allen Seiten wurden beipflichtende Stimmen hörbar.

„Ja, ja," bestätigte ein alter Kosak, „Zygmunt arbeitet gut. Er kann das. Gebt ihm Eisen, und er macht auch Kanonen."

Michailow nahm wieder das Wort:

„Wir sind doch Slawen und stehen unter der Botmäßigkeit einer slawischen Krone. Zur Versöhnung trinken wir ein Glas und was war, soll vergessen sein. Nun, Kosaken, Auswärtige!"

In der Schenke wurde gebrummt und gelacht. Alle wa­ren bereit, auf friedliche Einigung einzugehen und dar­auf zu trinken. Poroschenko hatte schon berechnet, wieviel ein jeder für das zerbrochene Geschirr und für die ' Holzbänke zu bezahlen hatte, und niemand hatte was dagegen. Frohgestimmt tranken sie ihren Schnaps, und kei­ner zürnte dem anderen. Auch der Sotnik trank mit. Ihn halte Poroschenko unentgeltlich bewirtet.

Als die Gäste nach und nach die Schenke verlassen hatten, wandte sich Poroschenko an Damke:

„Was sagen Sie zu unserer Rauferei? Rauft man bei euch auch so?"

„Ich finde sie nicht . schlecht", antwortete Damke. „Schade, daß die Schlägerei nicht zu Ende geführt wurde. übrigens rauft man bei uns auch so."

„Was denken Sie von unserem Sotnik?"

„Ein tüchtiger Mann. Er kann sich nur schlecht helfen."

Damke und Müller machten ernste Gesichter. Peter von der Lauterbach lachte listig.

Auf dem Wege in die Herberge sagte Damke traurig:

„In einigen Tagen geht es in die Kolonie, und ich habe noch keinen festen Platz gefunden. Vielleicht besser hier in Pokrowsk bleiben und eine Schenke eröffnen? Solch ein Geschäft kann viel einbringen. Allerdings werde ich eine Schenke entweder nur für Kosaken oder nur für Auswärtige aufmachen. Davon habe ich begeisterte und ständige Besucher, die mir als ihresleichen beistehen werden."

„Dein Plan ist nicht schlecht", sagte Müller, „was soll aber ich anfangen? Hier an der Wolga ringen alle nur um das liebe Geld. Hohe Kunst braucht niemand."

„Geld ist im Leben sehr wichtig", erklärte Peter von der Lauterbach. „Und wer nicht an sein Leben denkt, der ist verloren." Nach einer Weile sagte Peter betrübt: "Ich denke immer nach, wie ich Mascha befreien könnte."

„Dummes Zeug!" sagte Damke. „Sich an eine Frau hängen, bedeutet schwelgen und leiden. Ein Mann muß Heldentaten vollbringen."

"Du", wandte sich Müller in feierlichem Ton an Peter von der Lauterbach, „bist dazu geboren. Der edle Herr von der Lauterbach mag mutvoll beseelt gewesen sein, als er den Keim steckte, aus dem du geboren wurdest."

Damke nickte zustimmend und sagte:

„Aus dir, Peter, wird ein kühner Kaufmann. Und du, Müller, was machst du dir Sorgen? Geh als Pastor, du hast das Herz und Wissen dazu. Du wirst uns vor Sünden und Gefahren bewahren."

 

Mitrofan Mitrofanowitsch ging auf Besuch zu Ataman Kobsar. Er war mit seinen festlichen Kleidern angetan und hatte einen großen Spazierstock in der Hand. Langsam und bedächtig schritt er das Wolgaufer entlang, wo Kobsars Haus stand. Der Hof des Atamans war einer der bestgebauten Höfe in Pokrowsk.

Es war gegen Abend. Die Sonne versank in den breiten Fluten der Wolga. Das hohe Saratower Wolgaufer glänzte in den goldenen Abendstrahlen. Die Viehherden kehrten von der Weide in die Stadt zurück. Kühe brüllten, und Schafe blökten.

Kobsar war auf seinem Hof und labte sich an der kühlen Luft. Schkoda begrüßte ihn:

"Gesundheit, Ataman!"

Kobsar antwortete:

„Gesundheit, Kosak!"

Schkoda begann vom Wetter zu sprechen:

„Das Gras schießt nach dem Regen zum Erstaunen schnell in die Höhe."

"Die Feuchtigkeit treibt es. Auch die Saaten wachsen erfreulich", sagte Kobsar.

Schkoda meinte, daß die Ernte heuer gut wird:

„Vielleicht besser, als es erwünscht ist. Man hat viel Arbeit und große Auslagen, wenn die Ernte gut ist, aber das Korn kriegt man sowieso nur für einen Pappenstiel los."

Kobsar widersprach:

„Dann heb doch dein Getreide bis zur nächsten Mißernte auf. Da kannst du gut verdienen."

Daß Mißernten an der Wolga keine Seltenheiten sind, wußte jeder in der Kosakenstadt. Alle drei, vier Jahre stellten sich anhaltende Trockenperioden ein. Die Saaten wuchsen recht spärlich und verdorrten gänzlich. In den Jahren, wenn es reichlich regnete, gab es aber gute Ern­ten, die auch den Ausfall für die Jahre der Mißernten deckten. Neuland gab viel höhere Ernten als Land, das schon jahrelang bestellt wurde. Deshalb wechselten die Pokrowsker Bauern ihre Saatfluren alle zwei, drei Jahre. Die Möglichkeiten dazu waren last unbegrenzt. Jedem männlichen Einwohner waren siebzehn Deßjatinen Land zugeteilt. Außerdem war den Kosaken erlaubt, einen Land­streifen von der Stadt Pokrowsk bis an den Fluß Usen, hundertdreißig Werst lang und sechzig Werst breit, als Viehweide und Heuschlag zu benutzen. Der Bedarf an Viehweide und Futter war groß. Einige Bauern besaßen von zweihundert bis dreihundert Fahrochsen, fünfzig bis sechzig Kühe und ebensoviel Schafe. Das Vieh wurde das ganze Jahr? hindurch unter freiem Himmel gehalten...

Schkoda wechselte das Gesprächsthema:

„Mein Mikola ist ein bildschöner Mann: ein schönes Gesicht, breite Schultern, starke Arme und dicke Beine hat er. Auch fehlt es ihm nicht an Verstand. Ich kann mich auf ihn verlassen. Er macht in der Wirtschaft manches besser als ich. In der Not weiß er sich auch zu helfen. So ist ihm einmal auf dem Wege der Kummetriemen ge­rissen und verlorengegangen. Was machen? Du hast keinen Riemen und keinen Strick bei dir." Kobsar starrte Schkoda fragend an. Nach einer Weile fuhr Schko­da fort: „Mikola stülpte seine Mütze auf die Kummetenden, und das hielt bis nach Hause."

Kobsar schaute seinen Gesprächspartner erstaunt an.

„Marfa." sagte er, „hat auch oft wunderbare Einfälle."

Schkoda unterbrach ihn:

„Marfa? Nein, sie ist nicht so klug wie Mikola. Sie spricht nur viel, aber ihre Gedanken sind oberflächlich." Kobsar hüstelte: Das Gespräch ärgerte ihn. „Marfa ist auch nicht so schön wie Mikola."

„Mikola", sagte Kobsar zornig. „ist ein Tölpel und hat ein Mopsgesicht."

Schkoda schüttelte unwillig den Kopf.

„Marfa hat keine schöne Gestalt, sie ist groß und dünn."

"Es ist genug", sagte Kobsar grob.

"Die Nase ist bei Marfa zu lang und der Busen zu stark."

Kobsar stand auf und ging in sein Haus. Beim Fortgehen brummte er böse:

„Ein Narr tadelt mein Kind."

Schkoda schaute dem Ataman erschrocken nach. Alles, was er mit Kobsar gesprochen hatte, war nur Vorbereitung zum eigentlichen Gespräch, welches er mit Kobsar führen wollte. Er wollte doch wegen der Heirat Marfas mit seinem Sohn Mikola Absprache halten.

Eine Weile saß Schkoda allein in Nachdenken versun­ken. Er konnte sich nicht gleich entschließen, was jetzt zu machen wäre. Ins Haus zu Kobsar zu gehen, sich zu ver­aeigen und um Entschuldigung zu bitten, oder fortzuge­ben und zu warten, bis Kobsar ihn zu sich ruft. Das letz­te verlangte sein Ehrgefühl. Wenn aber Kobsar starrköpfig wird, dann verliert Schkoda seine Freundschaft. Das wünschte er durchaus nicht. Xenia Nikolajewna kam aus dem Haus. Sie ließ sich neben Schkoda nieder;

„Was hast du an Marfa auszusetzen? Was gefallt dir nicht an ihr?" Schkoda schaute sich verwirrt um. Er wollte was erklären, aber Xenia Nikolajewna ließ ihn nicht zu Wort kommen. „Ist Marfa eine Kuh, die man auf dem Markt verkauft, daß du sie mißfällig beurteilen darfst?"

„Richtig", sagte Schkoda, „wenn ich eine Kuh kaufe, muß ich sie doch tüchtig tadeln."

„Da kommst du bei uns nicht an. Marfa ist schön. Sie hat ein Gesicht wie die Mutter Gottes, dieselbe Nase, Augen und auch die Lippen sind wie bei der heiligen Jungfrau. Und ihre Gestalt? Die hast du nicht gesehen. Die kannst du auch nicht sehen, weil sie die Kleider verdecken. Brüste, Leib", Xenia Nikolajewna zeigte dabei auf alles, was sie nannte, „Hintern, Beine — alles ist bei Mar­fa ergötzlich schön."

„Ich wollte sie für Mikola", stammelte Schkoda.

„O nein, daraus wird nichts. Marfa geben wir so leicht nicht her. Sie ist noch jung. Erst soll sie einem Halbdutzend Freier absagen, dann kann sie heiraten."

Schkoda sagte erschrocken:

„Ein Halbdutzend!"

Eine solche Antwort hatte er nicht erwartet und fand jetzt deshalb keine Worte, um weiter von seinem Vorhaben zu reden. Der harte Ton von Xenia Nikolajewna war ihm ungewohnt. Ein Weib, dachte er bei sich, ist eben nicht beständig. Es kann Engel und gleich danach auch Teufel sein. Groll stieg in dem ehrgeizigen Schkoda auf.

Marfa kam spät am Abend nach Hause. Sie umklam-merte ihre Mutter und weinte so bitter, daß sie am gan­zen Körper zitterte. Xenia Nikolajewna drückte ihre Tochter an sich und bedauerte sie tief.

„Was ist geschehen?" fragte sie. Marfa weinte noch heftiger. „Nun, sag nur erst mal, was mit dir los ist, mein Kind."

„Er fährt fort", sagte Marfa weinend.

„Wer?"

„Was fragst du? Er, der!"

„Sag nur endlich mal, wer. Der Kolonist? Der Auslän­der?" Marfa nickte bejahend und weinte bitterlich. „Was ist dabei? Er ist doch Kolonist und muß in seine Kolonie. Warum nimmst du dir das so sehr zu Herzen? Du wußtest doch, mit wem du es zu tun hattest. Wie soll ich dir jetzt helfen?"

Marfa weinte noch heftiger, und Xenia Nikolajewna kamen auch Tränen in die Augen.

„Beruhige dich, mein Kind", sagte die Mutter traurig, „es vergeht auch wieder so wie jedes Leid. Auch ich habe schon gelitten. Ich weiß, was das ist, hoffnungslose Liebe."

Kobsar kam hinzu. Er verstand sofort, was los war, und wollte weggehen. Marfa klammerte sich an ihn.

„Laß ihn nicht fort, halt ihn hier fest. Er soll nicht in die Kolonie fahren", bat sie weinend. Kobsar schwieg. „Sprich, warum schweigst du, Vater?"

„Das ist eine schwere Frage. Laß mich erst darüber nachdenken."

Kobsar ging in seinen Garten. Er setzte sich auf eine Bank und schaute betrübt hinaus auf die Wolga. In den letzten Jahren hatte sich das Leben in Pokrowsk sehr ver­ändert. Ein großer Zustrom von Menschen kam an die Untere Wolga, und die damit verbundenen Umstände trafen den Ataman peinlich hart. Die Stadt wuchs, wurde schö­ner, und allein dieser Gedanke stärkte ihn und ließ ihn manche schwere Schicksalsstunde leichter ertragen. Jetzt kamen noch die Einwanderer hierher. Kobsar betrachtete das als ein übel für die Kosaken. Er hatte seine Meinung noch nie offen ausgesprochen, weil die Kolonisten den Schutz der Regierung genossen und er ihnen daher ohn­mächtig gegenüberstand. Wer sind diese Kolonisten und was wird aus ihnen werden, fragte sich Kobsar und fand keine Antwort darauf. Vielleicht werden sie hier aufblühen und alle überflügeln, vornehm und angesehen sein. Oder werden sie herabsinken zu Lumpenpack, rackern und bet­teln und so dahinleben. Viele Gedanken gingen dem Ata­man noch durch den Kopf. Erst spät in der Nacht schlief er ein.

In derselben Nacht quälte sich auch Willem schlaflos. Viele Bilder tauchten vor ihm auf. Die einen erfreuten, die anderen erschreckten ihn. Marfa stand vor ihm, leiden­schaftlich, zutraulich. Eine Schmiede, Eisen, eine Fahrt nach dem Ural, die Kolonie am Karaman, die deutsche Heimat am Rhein und andere Traumbilder erschienen ihm. Und inmitten all dieser Träume stand Katrin, mit der er sich nur in Gedanken treffen durfte, aber vor deren Er­scheinung sich alle Bilder seiner Phantasie wie Morgen­tau in der aufsteigenden Sonne auflösten.

Katrin hatte sich fest entschlossen, mit Willem zu re­den. Es geschah in der Herberge. Die Kolonisten waren ausgegangen, und auch Seb war am Wolgaufer. Katrin wandte sich an Willem:

"Sag mir offen, hast du Marfa Liebe versprochen?" Willem war bestürzt. Er schaute traurig auf Katrin. Sie sprach ruhig weiter: „Hast du dich gefragt, ob du recht dazu hast, oder bist du nicht ehrlich und hältst dein Wort nicht?"

Willem hörte ohne Widerrede zu. Er konnte kein Wort über die Lippen bringen.

"Deine Worte zu mir in Oranienbaum, hast du sie ver­sessen?"

"Katrin!" schrie Willem.

Katrin beschrieb mit der Hand ein Zeichen, das Willem zu sprechen verbot.

"Ich trage deine Worte in meinem Herzen. Sie quälen mich, sind mir aber lieb und unentbehrlich."

"Verzeih, Katrin, verzeih mir, ich bin schuld."

"Das kann ich und habe es schon getan. Aber ich kann dich nicht freilassen. Ich weiß, daß ich dir im Wege stehe, aber ich kann nicht anders." Willem wollte Katrin umarmen. Katrin wehrte streng ab. „Bist du von Sinnen? Willst du mir meine Ehre nehmen?"

Willem gehorchte. Nach kurzem Schweigen lächelte er froh.

„Ich bin glücklich und werde glücklich bleiben, solan­ge ich bei dir sein kann, meine Geliebte."

„Sag so etwas nie wieder. Ich vergesse es nicht. Ge­fühle flauen durch Wiederholungen ab."

Von jener Stunde an war Willem wieder froh und auf­gelebt. Die Kolonisten freuten sich und sagten, daß Willem wieder derselbe sei, der er in Koblenz am Rhein war. Auch Seb klopfte Willem auf die Schulter und sagte:.

„Froh und munter, so muß man sein, wenn man nach dem Glück sucht."

Am Abend kam Stepan Antonowitsch Chmara in die Herberge. Er war streng, sachlich und ganz fremd. Die Ko­lonisten bemerkten das und konnten die Veränderung in dem früher so gastfreundlichen Kosaken nicht verstehen. Chmara sagte, die Kolonisten wären froh, daß sie so lange in Pokrowsk verweilen dürfen. „Das Faulenzen gefällt euch wahrscheinlich recht gut", meinte Chmara. Er be­trachtete prüfend den Raum der Herberge, fand verschiede­ne Beschädigungen und machte die Kolonisten darauf auf­merksam. Damit wollte er gleichsam sagen, die Kolonisten hätten das Gebäude ruiniert. Er erklärte, daß die Kosten zur Behebung des Schadens die Stadt tragen müsse, die ohnedies durch die Kolonisten schon belastet ist. Chmara befahl, daß alle Kolonisten sich jetzt in Reih und Glied aufzustellen haben, damit er sie zählen könne. Als er dies mit viel Mühe fertiggebracht hatte und überzeugt war, daß alle anwesend waren, verkündete er die Verfügungen des Atamans. Am Morgen in aller Frühe solle die Abreise in die Kolonie stattfinden. Jeder solle zu der bestimmten Zeit bereit sein, damit alles reibungslos vonstatten gehe.

„Die Fuhren werden nicht warten, bis der eine oder der andere erst seine Sachen gepackt hat", warnte Chmara. Außerdem habe der Ataman angeordnet, daß von nun an niemand mehr die Herberge verlassen dürfe. So sei es Sitte bei den Kosaken, wenn sie sich zum Aufbruch für einen Kampfzug anschicken.

„Wer nicht alles streng befolgt, wird vom Ataman nach üblicher Art bestraft."

An der Herberge stellte Chmara zwei Kosaken als Wa­che auf, damit keiner von den Kolonisten den Ort verlassen konnte. Die Kolonisten empörten sich über die beleidigenden Verfügungen. Sie schwiegen aber und befolgten alles? denn sie waren Deutsche, also gehorsam und untertänig.

 

Siebentes Kapitel

DIE STEPPE

Am frühen Morgen standen die Kolonisten mit ihren Bündeln im Freien in Erwartung der Fuhren zum Abtrans­port in die Kolonie. Die Kosaken waren aber bei wei­tem nicht so pünktlich, wie sie es von den Kolonisten ver­langt hatten. Einer nach dem anderen kamen sie schläfrig auf ihren Ochsen angefahren. Sie beeilten sich auch nicht beim Laden der Fuhren. Es schien sogar, als würden sie sich über den Eifer der Kolonisten ärgern. Nicht mal, als die Wagen schon fertig geladen waren, fuhren die Kosaken ab: Chmara, der die Abfahrt leitete, war noch nicht erschienen. Auf die Frage, wo er so lange verweile, sagte ein Fuhrmann:

„Vielleicht berät er sich mit Kobsar. Oder schläft er noch. Ihm haben wir nichts vorzusagen. Er vertritt hier den Ataman."

Zur Abfahrt waren einige Kosaken gekommen: Die einen aus Neugier, die anderen, weil sie Freunde unter den Kolonisten hatten. Sie gaben ihnen Honigbrötchen, Milch, geräucherten Speck und auch Dörrfische mit auf den Weg — alles Pokrowsker Leckerbissen. Auch Mikola Schkoda war dabei. Er sprach mit Willem.

„Kobsar hat Marfa eingesperrt, damit sie sich mit dir nicht treffen kann. Auch die Kolonisten ließ er über Nacht bewachen, damit du nicht zu Marfa kommst. Er hat fest beschlossen, euch für immer zu trennen. Die Kosaken wollen nicht zulassen, daß sich die Ausländer mit ihnen vermischen. Marfa rauft sich die Haare. Sie will sich nicht fügen. Auch du halte fest zu Marfa. Sie ist die Treue wert. Bei Zygmunt kannst du Halt machen, wenn du von der Kolonie nach Pokrowsk kommst. Ich habe mit ihm darüber gesprochen, es ist abgemacht."

Willem blieb kalt. Er sagte zu Mikola, daß seine Be­mühungen unnötig seien.

Der Tag war angebrochen. Fern im Osten erhellte sich der Himmel. Chmara erschien endlich. Er gähnte schläfrig und sagte zu Seb:

„Ataman Kobsar gibt zwei Reiter zu eurem Schutz mit. Die Reiter sind seine Knechte, und auch die Pferde sind sein Eigentum. Die Reiter sind tüchtige Kerle, und die Pferde sind auch nicht schlecht. Saratow behält das Geld, das die Krone für eure Bewachung bestimmt hat, für sich. Es ist eine gewagte Sache, euch ohne Schutzwache in die Steppe zu fahren. Saratow zahlt aber nichts, und wir ha­ben keinen Gewinn davon. Die Kirgisen rauben hier hauptsächlich Menschen. Sie handeln sie teurer als alles andere. Auf uns Kosaken machen sie schon lange keine überfälle mehr. Sie fürchten uns. Nur wenn sich jemand allein weit in die Steppe wagt, verschwindet er manchmal. Die Ankunft der Kolonisten hat die Horden der Kirgisen wieder angelockt. Die Einwanderer sind zutraulich, und nicht wenige mußten schon für ihre Treuherzigkeit ihr Le­ben lassen. Die Räuber versprechen sich wahrscheinlich reiche Beute von den Kolonisten."

Chmara erklärte, daß die Kirgisen ihre Opfer nur am Tage, vorwiegend am Morgen, überfallen. Da ist der Erfolg viel sicherer. Wenn sie ihre Opfer eingefangen ha­ben, begeben sie sich mit ihnen ins Versteck — in einen tie­fen Graben, Jerik genannt, oder in hohes Schilf — und warten dort die Nacht ab. In der Dunkelheit ziehen sie dann mit ihrer Beute fort. Ihren Weg bestimmen sie nach den Sternen. Die geraubten Menschen verkaufen die Kirgi­sen als Sklaven auf dem Markt in Chiwa, ein Reich, seitlich vom Meer.

Wie Chmara sagte, sollten die zwei Reiter im Falle eines überfalls die Nachricht sofort nach Pokrowsk brin­gen. Deswegen sollte einer der Reiter in Sichtweite vor dem Zug, der andere ebensoweit hinter dem Zug reiten, damit einer immer entkommen könne, von welcher Seite der über­fall auch immer kommen werde. Wenn die Nachricht in kurzer Zeit nach Pokrowsk gemeldet wird, kann die Ver­folgung sofort begonnen und die Räuber eingeholt werden, da sie mit den Gefangenen nicht so schnell vorwärts kommen.

Seb bedankte sich bei Chmara und bat, dem Ataman seinen Dank für dessen Bemühungen um die Kolonisten zu überbringen. Chmara nickte willig, wandte aber seinen Blick mürrisch ab. Seb konnte Chmaras Benehmen nicht begreifen, außerdem brauchte man in der fremden Gegend gute Freunde. Er fragte:

„Haben unsere Leute jemandem von den ihrigen was zu Leid getan?"

Chmara schwieg nachdenklich. Dann zeigte er rings um sich:

„Dies war alles unser Eigen. Wir haben der Krone gedient und die Gegend erobert. Nun kommt ihr und nehmt uns große Stücke unentgeltlich davon weg. Ist das nicht beleidigend?"

„Das Land gehört doch der Krone, und die hat uns hier­her bestellt und uns das Land gegeben."

Chmara schüttelte den Kopf:

„Wenn ihr nicht gekommen wärt, wem hätte die Krone das Land geben können? Es wäre unser geblieben."

Seb schwieg. Er glaubte, daß er in der von Chmara auf­geworfenen Frage nichts zu verantworten und auch nichts zu entscheiden hätte.

Der Zug verließ die Stadt. Vorn fuhren die Wagen mit Gepäck, Lebensmitteln, Geräten, Kindern und Kranken. Die Kolonisten folgten den Fuhren zu Fuß zu zweit hinter­einander. Es war kühl. Die Menschen hüllten sich in ihre warmen Kleider ein. Von der Wolga her wehte kalter Wind.

„Wir gehen auf unsere Heimat zu", sagte Müller in traurigem Ton.

„Die Heimat ist hinter uns", erwiderte Damke. Er zeig­te mit der Hand zurück nach Westen. „Geradewegs, immer der Sonne nach, kommt man an den Dnepr, so ha­ben mir die Kosaken erklärt, die unlängst von dort hierher gekommen sind."

„Du kommst an den Dnepr und weiter wohin?" fragte Schreiner.

„Vom Dnepr geht es noch eine kleine Strecke durch Rußland, dann ein bißchen österreich, Schlesien, über die Oder, durch Brandenburg, und da ist auch schon Schwe­rin, unser Land."

In den Reihen lachte man laut auf.

„Nur ein Katzensprung", bemerkte spöttisch Schreiner.

Die Kolonisten lachten noch lauter. Damke erwiderte ernst:

„Kein Katzensprung! Aber wenn ich mich jetzt auf den Weg mache, bin ich Anfang Winter zu Hause in Schwerin."

Die Kolonisten schwiegen. Sollte Deutschland wirklich so nahe sein? Da könnte man ja im Falle der Not leicht wie­der in die Heimat zurückkommen. Es wird dort jetzt gewiß schon besser sein, als es vor ihrer Abreise war.

„Warum hat man uns so weit und so lange umherge­fahren, wenn Deutschland so nahe ist?" fragte Schreiner.

„Wahrscheinlich handelte die russische Regierung mit Berechnung: die Fahrt zu Wasser ist billiger als auf der Achse."

„Dann", sagte Schreiner, „glückliche Reise, und wenn du vielleicht nach Thüringen kommst, laß mir meine alte Tante grüßen, sie wohnt in Ilmenau."

Ein lautes Gelächter brach aus. Damke war beleidigt.

„Spottet nicht. Mein Soldatenherz kann das nicht ertra­gen. Ihr werdet sehen, wenn es mir in einem Jahr hier nicht gefallen wird, gehe ich nach Deutschland zurück."

Keiner lachte mehr. Wenn das Leben am neuen Ort mißglückt, könnte Damkes Plan dann vielleicht ein Ausweg sein?

Der Zug näherte sich dem Fluß Saratowka. Pokrowsk verschwand hinter der Höhe am Ufer. Ringsum nur Steppe. Seitlich glänzte der Wasserspiegel der Wolga. Am Himmel kreisten Habichte. Sie hatten keine Scheu vor dem Zug der Kolonisten und schossen ganz nahe ins Gras herab, wo sie ihre Beute — eine Maus oder eine Lerche — erjagten. Am westlichen Horizont zogen schwarze Wolken herauf. Unweit vom Fluß weideten große Schafherden. Die Steppe war von üppigem Gras überwuchert: Quecke. Schmiele, Schwingel... Im Flußtal wuchsen Bäume und Sträucher. Am Ufer sah man einige Hirtenhütten. Auch eine Bucht aus Stangen war da. Die bärtigen Hirten kamen näher an den Zug heran und schauten verwundert auf die Kolonisten. Sie trugen lange Hemden und Hosen aus Lein­wand, die alt, schmutzig und abgetragen waren. Die Haare schnitten sich die Hirten einmal im Jahr, wenn die Schafe geschoren und die Scheren von Pokrowsk an die Saratow­ka gebracht wurden. Die Hirten waren Auswärtige. Mit Beginn des Winters holten die Kosaken ihre Schafe heim. Die Hirten aber blieben den Winter über in ihren Hütten am Fluß. Sie heizten viel, und in den Hütten war es warm. Sie kochten Grießsuppe, Kascha und Fleisch. Die meiste Zeit im Winter schliefen die Hirten in ihren Hütten.

Der Zug stieg langsam das Ufer hinab. Der Fluß war breit und das Wasser hell. Am Wasserrand wuchsen Schilf, Weiden und Lieschgras. Der Boden war sumpfig. An einer Stelle kamen die Fuhren ins Wasser und fuhren dann den Fluß entlang weiter. Die Männer krempelten die Hosenbeine auf, die Frauen steckten die Röcke hoch und folgten den Fuhren. Müller stand ängstlich am Wasser­rand. Er konnte sich nicht entschließen hineinzuwaten. Das Wasser schreckte ihn. Die junge Witwe Marget Wulf er­griff seine Hand:

„Herr Prior", sagte sie in höflichem Ton, „folgen Sie mir, da ist nichts Gefährliches."

Müller schaute zutraulich auf Marget. Er folgte ihr und sah dabei ihre reizenden nackten Beine an.

„Wasser", sagte Marget, „heilt. Unser Pfarrer Wende­lin heilte alle Krankheiten mit Wasser. Meine selige Mutter sie halte eine hitzige Krankheit, heilte er mit Packungen, Wickeln und Waschungen. Dreimal am Tage hat er sie mit kaltem Wasser begossen."

Damke, der nahe hinter Marget herging, bemerkte:

„Wasser heilt hitzige Krankheiten nicht. Sie sitzen innen im Körper und müssen darum auch innen im Menschen angegriffen werden, und das kann nur Spiritus vini. Er ist stark und dringt überall hin. Wer ihn trinkt, fühlt das gut."

„Herr Offizier", sagte Müller, „Sie haben recht, aber Frau Marget hat auch recht. Das Wasser nimmt die Hitze weg, die in dem Kranken brennt."

Damke verteidigte seine Ansicht eifrig weiter.

„Die Hitze geht bei dem Kranken von innen nach außen, darum muß das Innere des Kranken gewärmt werden. Spi­ritus vini wärmt den Menschen."

Müller lächelte hinterlistig.

„Sie sind eben ein Krieger und müssen immer angreifen, ganz gleich, wo und wann."

Müller hielt Frau Marget fest an der Hand. Damke er­klärte mit Stolz:

„Ich bin Schüler des Herzogs von Wallenstein. Der große Feldherr verstand nur anzugreifen. In der Abwehr war er hilflos". Er wollte sich im Beisein von Frau Marget, von deren zierlichen weißen Beinen auch er nicht weg­schauen konnte, nicht ergeben.

In Müller stieg Männermut auf. Er nahm Frau Marget in Schutz.

"In Rom heilte Asklepios die Patrizier mit Wasser und vielleicht auch Gajus Julius Cäsar. Mit Wasser heilte sich Kaiser Sigismund, derselbe, der den großen Schritt zu Deutschlands Unglück machte, als er dem Burggrafen von Nürnberg die Mark Brandenburg als Lehn gab." Mül­ler erklärte, daß Wasser und Massage alle Krankheiten bezwingen.

Frau Marget seufzte schwer.

„Meine arme Mutter verspürte nach jeder Wasserkur Erleichterung." Müller nickte zustimmend. „Nach einer Waschung aber ist sie ganz plötzlich gestorben." Frau Marget kamen Tränen in die Augen. Bald sah sie Müller aber wieder sanftmütig an. „Mein Vater behauptete, Wen­delin hätte meine Mutter totkuriert."

Damke sagte darauf:

„Da hat er recht, Ihr Vater. War er Soldat?" Marget nickte. Damke sprach weiter: „Ein Krieger hat große Erfahrungen. Er weiß, woran ein Mensch sterben kann."

An einer Stelle, wo der Boden fest war, bogen die Fuhren aus dem Wasser. Langsam ging es die Höhe auf­wärts, bis die weite Steppe wieder vor den Augen lag. Trostlos kam den Kolonisten die eintönige Landschaft vor. Hie und da hörte man unter den Einwanderern schwere Seufzer.

„Wir ziehen unserem sicheren Unglück entgegen", sagte Salomon Klein.

„Das Glück ist nicht immer dort, wo es schön und gut ist", meinte Müller.

Die Kolonisten schwiegen. Ein jeder machte sich Gedanken, was ihn hier in dieser unbekannten Gegend er­warten wird.

Um die Menschen zu trösten, begann Müller das Märchen von der unzufriedenen Fee zu erzählen. Schon in sei­ner Kindheit hatte er das Märchen gehört, und jetzt tauchte es wieder in seinem Gedächtnis auf. Müller sprach laut und eindrucksvoll, und die Kolonisten hörten dem Erzähler aufmerksam zu.

Eine junge Fee war mit allem in der Welt unzufrieden. Sie trug immer Haß im Herzen. Wenn ein Mensch Un­glück hatte, grollte sie ihm. Wenn er freudig und glücklich war, wurde sie darüber noch zorniger. Wenn es regnete, war sie ärgerlich, schönes Wetter gefiel ihr aber auch nicht. Das Essen schmeckte ihr nicht, und sie be­schimpfte die Köche. Ihre Kleider waren immer so schlecht, daß sie beim Anziehen Wutanfälle bekam. Auch an sich selbst schien ihr alles verhaßt. Von dem vielen ärger und Zorn, die die Fee in sich trug, wurde sie mit jedem Tag häßlicher und konnte schon nichts Gutes mehr für die Menschen stiften. Die alte Fee, die sie erzog, sah das alles, und da eine Fee doch schön und gutherzig sein muß, be­schloß sie, die junge Fee aus der Feenwelt zu verjagen. Sie sagte zu ihr:

„Bleib so lange bei den Menschen in Armut und Not, bis dein Herz edel geworden ist. Um das zu erreichen, mußt du mit reinem Herzen gute Taten vollbringen."

Die junge Fee wohnte jetzt allein im Wald in einer armen Hütte. Ihre Kleider waren alt und zerrissen, ihr Bett war aus Stroh. Es gab keine Köche, die ihr das Essen kochen konnten. Sie war hungrig und fror in ihrer Hütte. Ober ihr Leben war sie so empört, daß sie vor Zorn nicht sprechen konnte. Um ihren Hunger zu stillen, ging sie in den Wald und sammelte Beeren, Pilze und Wurzeln, die sie sich selbst zubereitete. So verflossen viele Jahre, und nichts änderte sich im Leben der jungen Fee. Da erinnerte sie sich an die Worte der alten Fee, daß sie gute Ta­ten vollbringen müsse, um aus der Not zu kommen. Die jun­ge Fee sammelte jetzt Früchte für die Menschen. Zur Nachtzeit ging sie in die Häuser und auf die Felder und arbeitete» für die armen Leute. Sie sah, wie sich die Menschen wun­derten und freuten. Aber sie ärgerte sich darüber und war voll Mißgunst. Um aber wieder in die Welt der Feen zu kommen, fuhr sie fort, den Menschen zu helfen.

Es vergingen viele Jahre. Die Menschen wurden alt und starben. Junge wuchsen heran, alterten und segneten auch das Zeitliche. Die Arbeit bei den Menschen wurde der Fee zur Gewohnheit. Auch an ihrem armen Leben fand sie Gefallen. Sie war immer zufrieden und freute sich über alles. Da kam ein süßer Schlaf über sie, und als sie wieder erwachte, sah sie sich in der Feenwelt in einem reichen und sauberen Schloß. Die alte Fee stand vor ihr und sprach:

"Jetzt hast du dich gebessert, und gute Taten veredelten dein Herz. Darum habe ich dich zurückgenommen."

Die junge Fee schaute sich entzückt um. Ihr Gesicht strahlte vor Freude. Aber schon nach einer Weile wurde sie trübsinnig und seufzte schwer. Sie wandte sich an die alte Fee:

„Mächtige und gerechte Fee, bring mich zurück in meine Hütte zu den Menschen, dort war ich zufrieden und freute mich des Lebens. Der Glanz in deinem Schloß blen­det mich und nimmt mir die Ruhe."

Als das Märchen zu Ende war, sagte Hans Haal:

„Da haben Sie recht, Herr Müller. Gerade so sehe ich unsere Zukunft am Karaman: Glück in Armut und Not."

Die Fuhrmänner trieben die Ochsen an. über Saratow hingen schwere Gewitterwolken. Blitze durchrissen sie, und der Donner dröhnte. Die Wolken näherten sich dem Zuge. Die Fuhrleute erklärten, man müsse, ehe es zu reg­nen beginnt, über das Melonenwasser kommen, weiter ist Sandboden, dem der Regen nicht schadet.

Müller ging neben Marget und hielt sie immer noch fest an der Hand. Katrin war bei Seb. Sie sagte zu ihm:

„Es ist gut, daß wir Müller bei uns haben. Er versteht es, die Leute zu unterhalten."

Ringsum lag die weite sonnendurchwärmte Steppe.

Bei wolkenlosem Himmel in Sommerzeiten erwärmt die Sonne die Trockensteppe an der Unteren Wolga sehr stark. Die Feuchtigkeit verdunstet, das Gras verdorrt, und der ausgetrocknete Boden wird immer lebloser. Der Boden erwärmt die Luft, wodurch starke Winde entstehen, die der Steppe noch größeren Schaden zufügen. Auch Flüsse und Teiche trocknen aus. Die heiße Luft steigt hoch, bis zu den Wolken, und verhindert ihre Bildung, der Regen bleibt lan­ge aus. Nur durch einen Zufall kann eine änderung eintre­ten: Wenn große kalte Luftmassen aus Norden oder Nordwesten in die Gegend eindringen.

Ist ein trockener Sommer vergangen, so wird im näch­sten Frühling das Schneewasser von dem trockenen Boden schnell und restlos aufgesaugt. Einige Tage Sonnenschein trocknen die obere Bodenschicht wieder aus und erwärmen den Boden und die Luft ebenso wie im vorigen Jahr. So kann leicht ein Tag dem anderen ohne Regen folgen und auch ein Trockenjahr nach dem anderen eintreten. Das Gras wächst dann fast nicht, die Luft wird heißer und heißer. Es muß schon ein überaus kalter und langanhal­tender Luftstrom in die Gegend eindringen, um den Boden und die Luft abzukühlen, damit sich Regenwolken bilden können.

Dann wechselt die Trockenperiode mit der Zeit der großen Regenfälle ab. Das Gras wächst und schützt den Boden vor starker Erwärmung. Flüsse und Teiche führen viel Wasser, und auch das Grundwasser steigt. Die Flüsse sind Wege, auf denen das überschüssige Wasser der Niederschläge von der Erdoberfläche abgeleitet wird. Der Karaman und seine Nebenflüsse und Gräben sind ein großes Entwässerungssystem, das nur durch eine große Wassermenge entstehen konnte. Das breite Flußtal und die hohen Ufer zeugen ebenfalls von dieser Auffassung.

Die Ursteppe aber hat keinen Schutz vor der Sonne und vor zerstörenden Luftströmungen. Ackert man die Steppe um, so wird sie ganz und gar der Zerstörung freigegeben. Ackerboden trocknet schnell aus und wird rissig. Heiße reißende Winde treiben die feinen Bodenteilchen hoch, wo sie dann als Stäub längere Zeit in der Luft schweben. Sie erwärmen sich in den Sonnenstrahlen, und der erhitzte Staubwind fegt die obere Bodenschicht glatt weg, und die Steppe wird zu einem toten Land. So kann die Trockensteppe gänzlich zugrunde gerichtet und zu einer Halbwüste werden.

Die Kolonisten kamen an den Karaman, um Feldbau zu betreiben. Sie waren darum schon von vornherein, ohne zu ahnen, dazu bestimmt, die Steppe am Karaman zu vernichten.

Der Zug hatte das Melonenwasser überquert und war jetzt auf der Seite, wo der Boden sandig war. Die Sonne brannte heiß. über der Wolga ging ein Platzregen nieder. Kühle Luft wehte von dort her. Es wurde Rast gemacht. Die Ochsen wurden ausgejocht, und man ließ sie nahe am Fluß grasen. An mehreren Stellen wurde Feuer angezündet und an drei Stecken darüber Kessel aufgehängt und Essen gekocht. Die Wanderer suchten Kühle im Schatten der Wagen. Seb, Katrin und Willem saßen beisammen. Neben ihnen an einem Wagen hatten sich Müller, Frau Marget und Damke niedergelassen. Müller sagte, daß die freie Natur den Menschen immer erquickt, besonders wenn sie weit und offen ist.

„Man fühlt da keinerlei Beklemmung und Not an Luft und Raum."

Marget nickte zufrieden. Damke sagte:

„Mir scheint hier alles leer. Ich fühle mich verlassen."

Müller schaute besorgt Frau Marget in die Augen.

„Sind Sie vielleicht traurig wegen der öden Gegend, in der wir jetzt sind?"

„Mein einzig Leid habe ich auf dem Wege gelassen. Mir wird es mit jedem Tag leichter ums Herz. Es war gut, daß ich von zu Hause fortzog. Den Schrecken vom Tode meines Mannes wäre ich in der Heimat nie losgeworden." Marget erzählte, wie ihr Mann seinen Tod fand. „Als die Preußen ins Dorf kamen, ging er vor das Tor hinaus und wollte sich umschauen. Da rannten auch schon hinter dem Haus drei Soldaten hervor und durchbohrten ihn mit ihren Spie­ßen. Er sank sofort tot nieder."

Rings um den Rastplatz pfiffen Zieselmäuse. Diese neugierigen Tierchen wagten sich nahe an die Menschen heran. Den Kolonisten machten die ihnen unbekannten Tierchen Vergnügen. Ein Fuhrmann, Andrej Dubny, sagte, daß die Zieselmäuse von den Eichhörnchen abstammen. Das habe ihm ein gelehrter Edelmann, bei dem Dubny in Saratow Knecht war, gesagt.

„Und dein Herr hat es von einerm anderen Herrn ge­hört?" fragte ihn Schreiner.

„Nein, er hat es sich selbst ausgedacht."

Die Zuhörer waren heiter geworden und lachten lustig. Hans Haal sagte zu Dubny:

„Du bist ein fixer' Hanswurst. Merke dir, wir glauben nicht alles, was wir nicht selbst gesehen haben."

„Oh!" sagte Dubny und lächelte listig. „Da sind Sie beinahe wie ich. Ich glaube auch nur das, was ich selbst gesehen habe."

„Sie wollen sagen, was Sie im Traum gesehen haben?" bemerkte Müller.

„Ich ergebe mich. Sie haben meine Gedanken erraten. Sie haben mich durchschaut. Sie haben ein helles Köpf­chen."

Müller sagte schmunzelnd:

„Ich habe schon in meiner Kindheit leicht Rätsel erraten. Dazu braucht man keinen großen Geist, nur einen scharfen Sinn."

Dubny starrte Müller an.

"Herr", sagte er, „Sie lieben die Frau, die da neben Ihnen sitzt. Sie liebt Sie auch, doch Ihnen steht ein gro­ßes Hindernis im Wege zum vollen Glück. Ich kann nicht sagen, ob Sie es überwinden werden."

Müller war erschrocken. Er schaute nach Frau Marget hin, die ihm mit gerührtem Blick antwortete. Müller ver­färbte sich verlegen im Gesicht. Er zürnte Dubny.

„Ich glaube nicht an Ihre Prophezeiungen, will Ihnen aber sagen, daß ich hartnäckig bin und mir den Weg zu meinem Glück ebnen werde."

Dubny blieb ungerührt und wich nicht von seiner Mei­nung ab. Damke griff Dubny an:

„Geh zu deinen Ochsen, wir benötigen deine Hellsehe­rei nicht", sagte er böse und richtete sich drohend auf. Marget wandte sich flehend an Damke:

„Herr Offizier, beleidigen Sie doch den Mann nicht. Er meint es nicht böse. Er hat nichts Schlechtes gewünscht, nur vor Gefahr gewarnt." Zu Dubny sagte sie: „Haben Sie vielen Dank für Ihre Sorge um uns."

Dubny schaute ernst auf Müller und sagte:

„Die Leute wollen die Wahrheit über ihr künftiges Schicksal nicht hören, weil diese immer schlechter ist, als man sich seine Zukunft vorstellt. Die Wahrheit wird gern geglaubt, wenn sie eurem gefällt."

Willem gewahrte fern in der Steppe einen Menschen. Seine verschwommene Gestalt schaukelte wie auf Wellen. Mit jedem Augenblick aber tauchte er immer mehr auf, und schon zeigte sich auch der Kopf eines Pferdes. Willem machte die Kolonisten darauf aufmerksam, und alle schauten auf den schnell herannahenden Reiter. Ein einsamer Reiter in der menschenleeren Steppe war verdächtig. Er konnte ein Kundschafter der Räuberbande sein.

Die Leute gingen näher zu den Fuhren. Die Män­ner griffen nach Beil und Hammer. Die zwei Reiter, die den Zug begleiteten, verhielten sich ganz ruhig. Als man sie fragte, warum sie ihre Pferde nicht besteigen, um die Nachricht nach Pokrowsk zu bringen, erklärten sie ruhig, daß der Reiter kein Kirgise sei, da er im Galopp angeritten kommt, und die Kirgisen reiten nur im Paß­gang.

Bald konnte man schon an Hut und Wams erkennen, daß es ein Deutscher war. Die Kolonisten beruhigten sich. Der Reiter kam näher, und alle freuten sich sehr, daß sie einen Menschen ihresgleichen in der weiten Steppe getrof­fen hatten.

Der Ankömmling war ein junger Mann mit harten und strengen Gesichtszügen. Er war stark gebaut, hatte breite Schultern und einen steifen Nacken, Er stieg vom Pferd, begrüßte alle mit christlichem Gruß und ohne ein einlei­tendes Gespräch begann er eifrig jemanden unter den Ko­lonisten zu suchen.

Die Kolonisten schauten den Fremden fragend an. Phi­lipp Schreiner fragte:

„Suchen Sie einen Freund oder einen Feind?"

„Ich suche, was ich brauche", gab der Fremde schroff zur Antwort. Sein fester Blick fiel auf Katrin. Diese wurde nicht zaghaft. Der Fremde fragte sie:

„Bist du, Weib, im Ehestand?" Katrin nickte und schmunzelte.

Dem Fremden gefiel das nicht, und er schaute böse auf Katrin.

„Gibt es in eurem Zug Weibspersonen, die nicht verhei­ratet sind?" fragte er Katrin gebieterisch. Seb musterte den Fremden mit ruhigem Blick. Katrin schaute sich nach­denklich um, dann zeigte sie auf Frau Marget.

„Da, Frau Marget ist noch frei", erklärte Katrin.

Müller mag nichts Gutes geahnt haben, als Katrin Frau Marget nannte, und verzog mißtrauisch das Gesicht. Der fremde Mann stellte sich Frau Marget vor.

„Ich heiße Joseph Riedel", sagte er, „bin aus dem Sächsischen Land. Von Stadt Roßlau fuhr ich auf der Elbe ans Meer, danach auf dem Schiff nach Rußland an den Ka­raman. Wir haben eine Kolonie gegründet. Sie liegt am Fluß im Walde. Von allen Seiten ist sie von Höhen ge­schützt. Einen Winter haben wir schon in der Kolonie verbracht. Ich besitze eine warme Erdhütte, zwei Pferde, eine Kuh und Schafe. Nur ein Weib fehlt mir für mein Herz, eine Wirtin und eine Mutter der Kinder, die mir die Frau bringen wird."

Die Kolonisten lachten über den offenherzigen Freier. Anna Maria Kanter bemerkte:

„Den möchte ich nicht zum Mann haben. Er ist imstan­de, alle Ehegeheimnisse auszuplaudern."

„Um uns Ihre Not mitzuteilen, machten Sie den weiten Weg zu uns?" bemerkte Müller höhnisch und böse.

Joseph Riedel starrte ihn an. Dann griff er nach Margets Hand und sagte befehlerisch:

„Du gehst mit mir. Wo ist dein Bündel? Wir machen uns sogleich auf den Weg, damit wir noch bei Tag in die Kolonie kommen. Wir müssen noch die Kuh melken und Essen kochen. Die Nächte sind kurz, und am Morgen gibt es viel Arbeit."

Marget schaute Riedel erstaunt an. Müller und Damke waren empört. Damke stellte sich drohend vor Riedel auf. Dieser schob ihn leicht beiseite und sagte zu Marget:

„Komm, komm! Die Sonne steht schon hoch. Mein Pferd ist stark. Es trägt uns beide und auch noch dein Bündel."

Marget rührte sich nicht. Sie maß Riedel mit ruhigem Blick von Kopf bis Fuß. Riedel schrie auf sie ein:

„Was zögerst du noch? Morgen lassen wir uns kopulie­ren. Dem Musikus Jochim Kuhn hat die Gemeinde alle Pastorenrechte erteilt, und er macht alles mit Eifer und Geschick, besser als ein Priester, der Schule genossen und die Weihe erhalten hat."

Müller sprang auf und schrie empört:

„Welch eine Roheit! Kommt da ein Kerl über die Steppe, fällt über uns her wie ein Räuber, und wir halten still, als ob wir ganz macht- und rechtlos wären. Seb", sagte er, „greif doch ein."

„Der Mann spricht mit Frau Marget, er macht nichts. Unzulässiges."

Müller erwiderte darauf böse:

„Ich will aber nicht, daß er mit Marget spricht. Er freit um sie und will sie fortführen. Ich kann das nicht zu­lassen."

„Ein jeder hat das Recht, seine Wünsche auszuspre­chen", meinte Seb dazu. Müller wurde noch böser.

„Mir gefällt es nicht, wie der Kerl da spricht Ich ver­biete es ihm."

Seb sagte darauf:

„Hast du deine Worte, die du in Deutschland so oft gesagt hast, vergessen? ,Ich ziehe nach Rußland, um ein freier Mann zu sein', damit lagst du uns allen so oft in den Ohren. Jetzt willst du dem anderen den Mund stopfen. Willst du nur für dich allein Freiheit haben? Herr Riedel, sprechen Sie weiter. Sie haben das Recht dazu."

Damke schrie:

„Der Kerl beschimpft Frau Marget und wendet Gewalt an!"

Seb machte mit der Hand eine beruhigende Bewegung. Müller und Damke stellten sich schützend vor Marget. Es kamen noch mehr Kolonisten hinzu, die Riedel umringten. Einige traten für Müller und Damke ein.

Riedel verstand, daß er weiter nichts mehr machen kann. Er stand eine Weile gelassen mit enttäuschtem Ge­sicht und schaute verwundert auf die um ihn stehenden Menschen. Dann kehrte er langsam um, ging zu seinem Pferd und vergrub sein Gesicht in die Mähne des Pferdes.

Marget schaute gerührt nach ihm. Ganz unerwartet stand sie auf und ging zu Riedel. Müller wollte sie zurück­halten.

„Herr Prior", sagte sie streng, „rühren Sie mich nicht an. Ich bin Bäuerin und kenne meinen Platz."

Müller ließ von ihr ab. Er schaute hilfesuchend nach Damke. Auch der wagte es nicht, Marget zurückzuhalten.

Marget sagte zu Riedel:

„Nimm mein Bündel und mach schnell, daß wir von hier fortkommen."

Die Kolonisten schauten erstaunt den zwei forteilen­den Menschen nach. Müller sagte traurig zu Damke:

„Dieser Schlag hat mich ins Herz getroffen. Es war ein kurzer süßer Traum. Nie in meinem Leben hat mich ein Weib so gerührt wie die Bäuerin Marget Wulf."

Damke antwortete bissig:

„Gräme dich nicht so sehr. Ich hätte dir Marget nicht abgetreten, ich liebe sie auch."

Müller riß erstaunt die Augen auf.

„Was sprichst du da?" schrie er. „Wie konntest du das wagen?"

„Ich habe nichts gewagt. Es kam mir plötzlich in den Sinn, vor ein paar Stunden, ebenso wie dir."

Müller war stark erregt:

„Marget hatte Neigung zu mir. Sie wußte, daß ich an Fürstenhöfen lebte und daß ich Grütze im Kopfe habe."

Damke schmunzelte.

„Wozu braucht ein Weib Grütze in deinem Schädel? Sie braucht..." Damke zeigte auf seine starken Arme und rüstige Gestalt.

Müller schaute Damke drohend an, kehrte dann aber um und ging von ihm weg.

Damke brummte vor sich hin:

„Ein gemeiner Stengel versucht sich zu erheben." Doch Müller tat ihm leid. Vielleicht war es das erstemal, daß der Vagabund versuchte, im Leben festen Fuß zu fassen, mußte aber gleich am Anfang scheitern.

Die Kolonisten schauten mitfühlend auf Müller. Man­che meinten, daß man ihn vor Riedel hätte schützen sol­len, da er selbst so unbeholfen sei. Es wäre nicht gerecht, daß der Stärkere den Schwächeren beleidige. Salomon Klein behauptete, Marget wäre mit Gewalt genommen worden, und am besten hätten die Männer eingreifen sol­len, da es ihre Pflicht sei, die Weiber zu schützen. Die Weiber waren aber anderer Meinung- Sie sagten, es sei gut, daß so listige Lockvögel aus der Kolonie kom­men. Katrin erklärte, daß nicht Riedel, sondern Mar­get die Entscheidung getroffen hat, und dazu habe sie das volle Recht. Der Vorfall hatte den ganzen Zug aufge­bracht. Die Bäuerin Anna Maria Kanter sagte voller Haß:

„Es war dieser Schlange sofort anzusehen, daß sie einen Mann sucht, und ich war immer auf der Hut."

Die Weiber gaben ihr recht: Der fremde Mann habe sich Marget nicht ohne Grund ausgewählt. Marget sei ein leidenschaftliches Weib und von ihren Gefühlen so hingerissen, daß sie oft nicht weiß, wem sie sich hingibt — ei­nem braven Mann oder einem durchtriebenen Flegel.

Nach der Rast fühlten sich die Menschen immer noch matt, und der Zug bewegte sich nur langsam vorwärts. Die brennende Sonne, der die Menschen den ganzen Tag ausgesetzt waren, und die eintönige Steppe wurden all­mählich zum überdruß. Der einzige Trost war, daß sie das lang ersehnte Ziel bald erreichen werden; dieser Gedanke trieb die Kolonisten an.

Nach kurzer Zeit erreichten sie den Karaman. Es war ein stiller Fluß mit sandigem Bett und grünen steilen Ufern, bewachsen mit Büschen und Gestrüpp. Das Tal war mit saftigen Wiesengräsern bedeckt. über dem Wasser schwebten zartweiße Möwen. Auch Fischreiher stolzierten auf ihren Stelzbeinen im flachen Wasser umher. An einer seichten Stelle überquerte der Zug den Fluß, und auf der anderen Seite ging es an einer steilen Höhe aufwärts. Oben angekommen, sahen sie die große weite Ebene bis nach Pokrowsk vor sich liegen. Seitwärts kam das blaue hohe Ufer der Wolga in Sicht. Ringsum war es quälend still als liege die Gegend in tiefem Schlaf.

Von der Höhe führte der Weg weiter nach Osten. In der Ferne erhob sich Turalas Hügelgrab. Weiter am Ho­rizont konnte man andere alte Hügelgräber sehen.

Die Sonne war schon untergegangen, und es wurde kühler. Der Karaman lag tief unten im Tal. Als schmaler Streifen schlängelte er sich in Serpentinen durch die Wie­sen der mächtigen Wolga zu.

Von der Höhe führte ein Weg zu einem Teich, dessen Rand dicht mit Riedgras bewachsen war. Das helle Was­ser zog die lechzenden Ochsen an, und die Fuhrmänner konnten nur mit Mühe die Fuhren mit den eingespannten Tieren auf dem Wege halten. Die Höhe beschattete schon weithin das Tal. Ganz in der Nähe standen einige Holzhäuser, mit Rasen gedeckt. In einem Pferch wur­den Pferde gehalten, Männer traten heraus und sahen dem Zug entgegen. Es war die Kolonie, das Ende der langen Reise vom Rhein an den Karaman, in die Steppe an der Unteren Wolga.

Die Kolonisten besahen neugierig ihre neuen Wohn­stätten. Die Häuser waren aus rohen Holzstämmen ohne Fundament gebaut und hatten links und rechts ein Wohn­zimmer und eine Diele in der Mitte. Die Decke war aus Holzstangen und von außen mit Lehm belegt. Zur Verdichtung war zwischen den Holzstämmen Moos einge­legt. Der Dachstuhl war dicht auf den Rumpf des Baus aufgelegt und mit Rasenstücken gedeckt. In jedem Wohn­raum war ein Herd mit Rauchfang. Außer den zwei Häu­sern waren noch zwei Erdhütten und ein Schuppen errich­tet. Alle diese Gebäude sollten als Muster für den Bau der Siedlung dienen.

Die Kolonisten nahmen mit ihren Bündeln in den Häu­sern Platz. Seb, Katrin, Willem und Müller bezogen eine Erdhütte. Sie fanden die Wohnung in der Erde ganz bequem: Zwei Pritschen an den Seitenwänden, ein Tisch vor dem Fenster und ein Herd an der Tür in der Ecke. Ei­nige überdachte Stufen führten in die Hütte, wo es angenehm kühl war.

Aus Neugier verstreuten sich die Einwanderer in der Gegend um die Siedlung: an den Karaman, in den nahen Wald im Tal und an den Teich unter der Höhe, wo die Fuhrleute auf grüner Wiese ihre Ochsen weideten. Gleich hinter der Ebene, wo die Kolonie angelegt war, lag tief im Wald, beinahe dem Wasserspiegel des Flusses gleich, eine große Ebene in der Form eines Halbkreises. Eine grüne Heide war mit Wald umsäumt. In der Richtung nach dem Fluß erhob sich ein großer Hügel, bewachsen mit Bäumen und Sträuchern. Der Gipfel des Hügels ragte hoch über die Ebene, auf der die Kolonie lag. Er sah aus, als wäre er von Menschen zusammengetragen worden, und machte deshalb einen geheimnisvollen Eindruck.

In der Kolonie erschienen zwei Reiter. Der eine war Joseph Riedel, der vor einigen Stunden Marget Wulf fortgenommen hatte, der andere Jochim Kuhn, der in der Nachbarskolonie die Pastorenstelle versah. Beide waren guten Mutes. Der beleibte, aber schlaksige Jochim Kuhn bemühte sich würdevoll zu sein. Joseph Riedel war ernst.

Die zwei Männer sprachen mit Seb. Pastor Kuhn woll­te zwei Zeugenaussagen haben, daß Marget Wulf nicht in der Ehe stehe. Er sagte, daß Joseph Riedel hart darauf bestehe, noch heute abend mit Marget kopuliert zu werden.

Seb schmunzelte und sagte zu Riedel:

„Wenn aber ein Mann von deiner Kolonie, bis du heimkommst, Marget schon entführt hat?"

Riedel schaute unruhig in die Richtung, wo seine Ko­lonie lag.

„Damit das nicht geschehe, habe ich Maßnahmen ergriffen. Marget sitzt hinter Schloß und Riegel, und meine Freunde bewachen sie."

Jochim Kuhn wurde aus Scham rot im Gesicht.

Seb wollte behilflich sein und zwei Zeugen herbeiru­fen. Kuhn erklärte, daß bei der Zeugenaussage noch anders Kolonisten dabei sein müssen. Es blieb also nichts ande­res übrig als abzuwarten, bis die ausgegangenen Koloni­sten zurückgekehrt waren.

Jochim Kuhn besah sich die Gegend. Sie gefiel ihm, und er sagte, daß der Ort seltsam malerisch sei. Die Höhen, das Tal, der Wald, der Fluß und der Teich — alles wäre entzückend schön. Kuhn sah lange nach dem Hügel im Tal. Die Sonne, die jetzt schon den Horizont berührte, beschien den Hügel, und er leuchtete hell in ihrem abend­lichen Schein.

„Der Hügel ist einzig hier im Karamantal. Die Kal­müken nennen ihn Schatzhügel. In ihm soll ein Schatz begraben sein, der verzaubert ist und darum nicht gehoben werden darf."

Nach und nach kehrten die Kolonisten zurück und ver­sammelten sich um die Ankömmlinge. Jochim Kuhn erklärte noch mal das Ziel seines Erscheinens in der Kolonie: Er bat um zwei Zeugenaussagen über den Ehestand von Frau Marget Wulf. Die Leute schwiegen. Jochim Kuhn war verblüfft. Er fragte, ob das Bezeugen, daß Frau Mar­get Wulf nicht in der Ehe stehe, nicht der Wahrheit ent­spreche. Anna Maria Kanter sagte, daß Frau Marget un­dankbar gehandelt hat.

„Sie hat ohne zu fragen die Kolonie verlassen. Ihre Tat ist Frevel, anders kann man es nicht nennen. Nein, wir werden ihr absagen, damit sie und auch andere verstehen lernen, wie man sich benehmen muß."

Unter den Kolonisten trat eine peinliche Stille ein. Manche wagten es nicht, für Marget zu zeugen, andere wollten nicht gegen ihre Meinung handeln. Es schien, als müßten der Bräutigam Joseph Riedel und Pastor Jochim Kuhn unverrichteter Sache heimkehren.

Ganz unerwartet meldete sich Müller.

„Ich werde Zeuge sein", sagte er mit gehobener Stim­me. Die Kolonisten hielten den Atem an. Eine solche Wen­dung in Müllers Benehmen konnte niemand ahnen. Anna Maria Kanter sagte bestürzt: „Nun Herr Müller, Sie ha­ben ein frommes Herz."

Gleich nach Müller meldete sich Damke als Zeuge. Auch das schien den Leuten höchst sonderbar. Willem schmunzelte.

„Kluge Männer sind das", sagte er, „sie verstehen, daß das, was sich ihnen nicht hergibt, ihnen nicht beschieden ist."

Jochim Kuhn schrieb die Namen der Zeugen auf, und er und Joseph Riedel rüsteten zur Heimkehr.

„Wir müssen eilen", sagte Jochim Kuhn, „der Weg durch den Wald ist in der Nacht nicht gefahrlos."

Kuhn und Riedel bestiegen ihre Pferde. Als sie wegrei­ten wollten, trat Damke zu Riedel hin.

„Du, Bauersmann", sagte er in vollem Ernst, „wenn du stirbst, heirate ich Marget, darauf kannst du dich ver­lassen. Sie wird die Frau des Gastwirts Damke vom Gast­hof ,Zum Kolonisten' in Pokrowsk werden. Wir werden glücklich leben. Sie wird mir einen Haufen Kinder gebären, und alle werden tüchtig sein so wie ihr Vater, der da vor dir steht."

Riedel schaute Damke mit großen Augen an. Er wußte nicht, was er dazu sagen sollte. Er trieb sein Pferd an und verschwand im Wald.

Kaum war die Sonne hinter dem Horizont versunken, wurde es stockdunkel. Am hohen Himmel funkelten hell die Sterne. Die Kolonisten versammelten sich an einem Feuer. Die Aufregung des ersten Tages auf der Kolonie war so groß, daß niemand schlafen wollte. Es wurde gescherzt und gelacht, doch manche waren betrübt.

Seb und Müller kamen mit ihren Geigen ans Feuer. Sie spielten so schön und so rührend, wie sie noch nie ge­spielt hatten, seitdem sie aus Deutschland fort waren. Erin­nerungen an die deutsche. Heimat stiegen auf. Viele saßen jetzt hier am Karaman und fühlten sich, als wären sie wie­der an der Mosel, am Neckar, am Rhein. Die heimatlichen Melodien rührten sie zutiefst. Müller zauberte aus den Saiten seiner Geige solche reine und zarte Töne, daß man glaubte, alles ringsum lebe auf und höre verwundert zu. Die wogende ländliche Weise brachte die Zuhörer in Be­wegung. Sie sangen und wiegten sieh im Takt der heimi­schen Lieder. Weit ins Karamantal schallte die deutsche Weise.




II. Teil



Heimatliche Weiten. М., 1981, № 2, S. 5-118.