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Русский

P. S. Pallas

Reise durch verschiedene Provinzen des Russischen Reichs

* * *
Reise aus Sibirien zurück an die Wolga im 1773 Jahr

_______________________

Des dritten Teil
Zweites Buch

St. Petersburg, 1776



1773.Monat August den 11-ten bis 20-ten

…Ungefähr fünfzehn Werste vom Jeruslan nahmen wir heute, an einem von Norden her sich zu selbigem schlängelnden Bach Biluk [Bisjuk] das Nachtlager. Derselbe ist hin und wieder mit Sand verweht, sickert sich aber durch denselben, weshalb die Wasserstrecken, der unterbrochenen offenen Strömung ungeachtet, doch frisches Wasser führen, ja sogar an dem was darauf schwimmt einige, obwohl kaum merkliche Bewegung zeigen.

Von den Höhen, die um den Bach liegen, konnten wir in Westen die hohen Solotofschen Berge jenseits der Wolga sehen, und weil in dieser Gegend die untersten der diesseitigen deutschen Kolonien liegen, welche ich besehen wollte, so dienten uns diese Berge zum Leitstern, um den Weg dahin über die Steppe, wo keine Spur war, zu richten, und also verließen wir den nach Saratow führenden Salzweg. Der Boden erhöht sich gleich von abgedachtem Bach an merklich und bekommt gleich ein schwarzes, von dem vorigen leimigen ganz verschiedenes und grasreiches Erdreich. Wir hatten ungefähr dreißig Werste zu fahren, ehe wir die Acker der nächsten deutschen Kolonie Kotschetnaja erreichten, auf welche wir gerade zugefahren waren.

Dieses Kolonistendorf, welches aus neunundvierzig Häusern, meist katholischer Familien aus denen fränkischen Bistümern, besteht und von einem kleinem Bach Kotschetnaja den Namen hat, gehört zu dem sogenannten Warenburgischen Kreise, der durch die Direktion von Le Roy und Pictet mit Kolonisten besetzt und eingerichtet worden. Dieser Kreis besteht aus sechzehn an der Wolga hin angebauten Kolonien, wovon die unterste neun Werste von Kotschetnaja weiter Stromabwärts, von Saratow 81 Werste, die oberste aber nur 38 Werste von dieser Stadt entlegen ist. Die Ordnung der Lage und die Stärke dieser Kolonien kann man auf nachstehendem Verzeichnis sehen; wobei ich nur erinnere, dass jetzt hauptsächlich die russischen Benennungen, welche ihnen von dem in Saratow über alle Kolonien niedergesetzten Kontor beigelegt worden, üblich sind, dahingegen die von der Direktion anfangs gewählte ausländische Namen, deren mir einige nicht bekannt geworden sind, mehrteils in Vergessenheit geraten, weil auch die Kolonisten sich ihrer nicht bedienen, sondern gewohnt sind ihre Dörfer mit dem Namen der ersten, oder auch der jetzigen Vorsteher zu bezeichnen, die ich, als sehr zufällig, mit anzuführen nicht für nötig gehalten habe:

Russische Namen Deutsche Namen Familien Männliche Weibliche Entfernung von Saratow
Kasizkaja am Bach
Muchor Tarlyk
Oudigorod
sonst genannt
99 177 174    38 Werste.
Berjesowka - 39 71 79    39 -
Saumorje - 28 51 51    40 -
Stepnaja - 58 90 98    48 -
Wolskoje Neu-Braband 44 100 81    49 -
Jablonowka Schönfeld 41 77 73    52 -
Popowkina am kleinen Tarlyk Obernberg 66 121 98    53 -
Tarlyk Weidenfeld 56 116 103    54 -
Tarlykowka mit der vorigen
am großen Tarlyk
Oberholstein 47 90 89    55 -
Skatowka Wiesental 51 111 98    59 -
Priwalnaja Warenburg 145 327 252    65 -
Krasnopolje Choisi le Roy [Preuss] 99 204 178    70 -
Kotschetnaja Neuendorf 47 105 91    72 -
Krasnorynowka Schöntal 62 116 107    75 -
Kustarjowa Schönberg 63 124 118    79 -
Rownoje Kreuznach 71 145 135    81 -

Diese Kolonien sind fast aus allen Gegenden Deutschlands versammelt und von verschiedener, auch zum Teil vermischter Religion. Sie haben einen Lutherischen Prediger, welcher bei der evangelischen Kirche in Priwalnaja wohnt und zwei katholische Geistliche in Krasnopolje und Kasizkaja. Die Wohnhäuser sind auf allen Kolonien von Holz und mehrteils nach einem neuen Plan, zu zwei Wohnungen unter ein Dach, gebaut. Daraus entstehen zuweilen nachteilige Nachbarschaften und weil die Gehöfte zwischen denen Gebäuden ununterbrochen fortgehen und der Zwischenraum derselben nicht groß ist, so ist auch bei Feuersbrünsten die Gefahr allgemein, welches doch hat verhütet werden sollen. Ein jeder Kolonist hat eine gute Wohnstube, ein Vorhaus und eine Feuerstelle oder Küche, zuweilen auch noch ein Kämmerchen außer der Stube. – Die jetzt genannten Dorfschaften liegen sämtlich längst der breiter Niederung der Wolga, aus welcher sie sich mit Heu zum Überfluss und auch noch hinlänglich mit Brennholz versorgen können. Aber Bau- und Zimmerholz fehlt allen diesen Kolonien, und die Direktion hat bei deren Anlage zwei Hauptfehler begannen: erstens, dass sie einen Landstrich gewählte, der zwar schwarzes, gutes Erdreich zeigt, aber zu hoch und dürr gelegen ist, so dass in trockenen Jahren, die in der hiesigen Gegend weit häufiger als gute Jahre einfallen müssen, nichts als der Rand der Niederung und einige wenige feuchte Gründe tragbar sind; zweitens, dass sie auf ausländischen Fuß die Kolonien ohne Not so dicht aufeinender gesetzt hat, dass auf jede nur ein geringer Anteil des guten und immer tragbaren Landes gekommen ist. Diese Fehler, die allgemeine Lage des Landstrichs, der wegen der freien Sommerhitze, Ausbleiben des Taues in der heißen Jahreszeit und wegen der Anziehung, welche die gegenüber liegenden Berge auf Wetter und Regenwolken natürlich äußern, auf immer der Dürre und dem Misswachs ausgesetzt bleibt, auch zu Pflanzung von Waldungen gar keine Hoffnung gibt, und endlich die Wahl der Kolonisten, worunter mehr nahrungslose Handwerker und Müßiggänger, als gute Ackersleute sind, versprechen diesem ganzen Kreise einen schlechten Fortgang. Es ist zwar wahr, dass sich das Volk stark vermehrt, und schon seit dessen siebenjährigen Aufenthalt in dieser Gegend ein schöner Zuwachs der frischesten Jugend zu sehen ist, allein wenn die Gemeinden nicht durch Versetzung einiger Dorfschaften in andere Gegenden, mehr nutzbares Land gewinnen; so ist es nicht möglich, dass sie jemals recht gedeihen und in Aufnahme kommen können. Jetzt da die meisten dieser Kolonien sich von der vormaligen Direktion losgesagt und von tausend Familien fast neunhundert völlig unter die unmittelbare Oberherrschaft der Krone begeben haben, auch einen vom Saratowschen Kontor bestellten Kreisoffizier zur Aufsicht haben, ist zu hoffen, dass man diese Veränderung bald treffen wird ehe der öfter Misswachs üble Folgen haben kann. Es ist zwar  wahr, dass durch die Versetzung neue Kosten verursacht und diejenige, welche das Los trifft, wieder zurück gesetzt werden müssen. Allein wenigstens wird doch die bessere Nachkommenschaft dieser Leute in einen glücklicheren Zustand versetzt, um dereinst nützliche Untertanen abgeben zu können.

Ich fuhr diesen Nachmittag von Kotschetnaja über Krasnopolje, welches diesen Namen von seiner vortrefflich angenehmen Lage mit Recht führt; ferner Priwalnaja, wo eine Kirche und die Kreis-Direktion ist; bei Skatowka, Tarlykowka und Tarlyk vorbei; bis Popowkina, wo ich übernachtete.

Den 13-ten kam ich die Kolonien Jablonowka, Wolskaja, Stepnaja, Saumorje und Berjosowka vorbei, durch Kasizkaja, lies seitwärts die von Kleinrussen bewohnte Slobode Saumorje, fuhr durch einen kleinen Bach Metschetnaja, an welchem Viehhöfe und eine Mühle angelegt sind, und kam Nachmittags in Pokrowskaja Sloboda, Saratow fast gegenüber, an. – Auch diese Sloboda ist, wie die Nikolskische, von Malorossianen zum Behuf des Eltonschen Salztransports angelegt und besteht aus ungefähr vierhundert Häusern, deren einige sehr wohl gebaut sind, einer alten hölzernen und neuen steinernen Kirche. Der Marktplatz ist mit unzähligen Buden besetzt, wo allerlei gemeine Waren feil sind. Der Ort liegt etwas höher als Saratow, nahe unterhalb dem Ausfluss des Bachs Saratowka in die Wolga, bei welchem Salzmagazine erbaut sind.

Ich ging von hier noch selbigen Abend ab, um auch etwas von denen weiter oben am großen und kleinen Karaman, wie auch längst der Wolga angelegten deutschen Kolonien zu sehen.

Es sind diese oberhalb Saratow auf der Steppenseite befindliche Kolonien teils unmittelbar vor die hohe Krone, teils durch die Direktionen von Le Roi und Pictet, und vom Baron von Beauregard angelegt worden. Erstere liegen hauptsächlich um die unter Gegend des großen Karaman, teils an diesem Flüsschen selbst, teils an der Niederung des Wolgastroms und dessen Arm Telausa. Es sind überhaupt folgende:

1.) An der wolgischen Niederung:

Russische Namen Familien Männliche Weibliche Abstand von Saratow
Krasnojarowka wo der Kreisoffizier steht 115 218 242  30 Werste
Podstepnaja mit einer Kirche 65 139 135  35 -
Ust-Karaman 30 53 55  40 -
Telausa 35 73 69  45 -

2.) Am großen Karaman herauf:

Swonarjow Kut, rechts 43 91 80  34 Werste
Swonarjowka, links 25 47 45  33 -
Stariza, links 57 132 131  31 -
Lugowaja Grjasnucha, rechts 32 75 58  33 -

Diese Kolonien sind größtenteils evangelischer Religion und haben einen lutherischen Prediger.

Ferner ist die ganze obere Gegend um den großen Karaman mit Kolonien, die noch jetzt unter der Direktion von Le Roi und Pictet stehen, besetzt und diese sind nach der Reihe von unten aufwärts folgende:

Ossinowka, links 30 49 51  34 Werste
Lipow Kut, rechts 48 92 95  38 -
Lipowka, links 49 114 93  39 -
Raskaty, rechts 46 111 97  39 -
Krutojarowka, links 40 101 77  41 -
Susly, rechts 32 70 71  44 -
Tonkoschurowka, links 87 190 201  47 -
Otrogowka, rechts 56 118 119  56 -
Chaisol, links 39 91 86  57 -

Unter diesen sind nur die drei ersten evangelisch und haben keinen Prediger; die übrigen sind Römisch-Katholischer Religion und auf selbige werden zwei Geistliche gehalten.

Endlich folgen die vom Baron Beauregard angelegte Kolonien, deren Bezirk unter dem Namen Katharinenlehn von der Telausa längst der Wolga hinauf, (nach der jetzigen Lage der Dorfschafen) bis fast an den Irgis und landeinwärts bis über den Ursprung des kleinen Karamans, mehr als dreißig Werste in die kalmükische Steppe erstreckt. In dieser Landschaft sind sechsundzwanzig Kolonien, welche zusammen über 1300 Familien stark sind, und worunter Katharinenstadt den Hauptort vorstellen soll, mehrteils längst der Wolga und einige am kleinen Karaman angesetzt, welche, auch nachdem die Beauregardische Direktion aufgehoben ist, ihre von derselben herstammende ausländische Namen noch immer beibehalten. Sie sind jetzt in zwei Distrikte eingeteilt und der eine Kreisoffizier hat in Katharinenstadt, der andere  in Paninskoje seinen Sitz. – An der Wolga hin liegen von unten hinauf, in folgender Ordnung und Entfernung von Saratow:

Benennungen Familien Männliche Weibliche Abstand von Saratow
Nieder-Monjou 81 175 174  46 Werste
Paulskoje 82 177 149  48 -
Beauregard 53 104 100  54 -
Katharinenstadt 163 336 279  52 -
Ober-Monjou 88 156 169  42 -
Orlowskoje 82 179 143  61 -
Hockerberg 24 55 55  67 -
Brockhausen 22 35 51  65 -
Resanowka 36 75 73  67 -
Baskakowka 35 75 65  88½ -
Susannental 19 44 42  70 -
Unterwalden 36 72 78  71½ -
Luzern 44 90 98  73 -
Zug 43 84 73  75 -
Paninskaja 54 98 100  77 -
Solothurn 54 93 93  81½ -
Zürich 56 104 89  83 -
Basel 45 80 86  85 -
Baratajewka 42 66 73  89 -
Glarus 46 102 74  90½ -
Schaffhausen 49 74 79  93 -

Von der Kolonie Brockhausen an sind alle folgende längst einem Bach Tischanka und einem Grunde, woraus derselbe entspringt, angelegt. Zug und die sieben darauf folgenden lagen anfänglich um die obere Gegend des kleinen Karaman verteilt; weil aber die Gegend zu dürr, salzhaft und elend war, so sind dieselben nochmals in die Reihe der übrigen an die Wolga, bis in die Nachbarschaft des Irgis verteilt worden, wo sie eine so günstige Lage haben, dass sie fast alle übrige auf dieser Seite gelegene Kolonien an Gedeihen übertreffen.

Noch jetzt liegen am kleinen Karaman, der zwischen Beauregard und Paulskaja zur Telausa kommt, folgende fünf Katharinenlehnsche Kolonien:

Benennungen Familien Männliche Weibliche Abstand von Saratow
Caneau [Kano], rechts 66 133 130  55 Werste
Philippsfeld 26 60 44  58 -
Ernestinendorf, links 20 47 42  60 -
Boisroux [Boaro], rechts 73 161 148  60 -
Cäsarsfeld, links 21 42 35  63½ -

Alle diese Kolonien sind in Religion vermischt, und haben Einwohner aus allen Gegenden von Deutschland, auch einige holländische und französische Familien. Sie haben zusammen nur einen evangelischen und einen katholischen Prediger, und sind der Lage und Nahrung nach etwas besser, als die obererwähnten unteren Kolonien.

Nach dieser allgemeinen Nachricht komme ich auf meine Reise zurück. – Ich erreichte Krasnojarowka da es schon Nacht war, und nahm durch Unwissenheit meines Fuhrmanns einen Umweg über Swonarjoka, Swonarew Kut, Nieder-Monjou, Paulskoje, Beauregard; und so kam ich den 14-ten Morgens nach Katharinenstadt, ohne von Räubern beunruhigt worden zu sein, welche in dieser nämlichen Nacht auf der ordentlichen Strasse die ich glücklicher Weise verfehlt hatte, in der Gegend des großen Karamans Gewalttätigkeiten verübt hatten.

Um Nachrichten von den hiesigen Kolonien einzuholen verblieb ich den ganzen Tag in Katharinenstadt. -  Die Anlage dieses Ortes war auf dreihundert Familien projektiert, welche mehrteils aus Professionisten bestehen sollten. Allein da gewisse Umstände den Anwachs von Katharinenlehn gehindert haben, so ist nur ungefähr die Hälfte des Städtchens zustande gekommen, und der Marktplatz, welcher die Mitte hatte einnehmen sollen liegt am Felde. Es ist hier eine gute evangelische Kirche, die einen Lutherischen Prediger hat; auch ein Reformiertes und ein Römisch-Katholisches Kirchenhaus, welche aber nicht mit Geistlichen besetzt sind, außer dass im letzteren durch den katholischen Geistlichen in Paninskaja zuweilen Messe gehalten wird. Die Wohnungen sind in regulären Strassen ziemlich wohl, aber sämtlich von Holz gebaut. Man findet in keiner Kolonie mehrere und bessere Professionisten beisammen, als hier, und einige fangen auch wegen der Nachbarschaft von Saratow an etwas Nahrung zu bekommen. Ein geschickter Tischler, gute Drechsler, einige Hutmacher, Schönfärber, Tuchmacher, Zeugweber, ein Stellmacher, Messerschmied, Schlösser und Turm-Uhrenmacher verdienen hauptsächlich erwähnt zu werden. Noch weniger fehlt es an gemeinen Handwerkern, Schneidern, Schustern, Bäckern, Müllern, Fleischern, Böttchern usw. Auch ein paar Bergbauer haben sich hier in die Steppe verirrt, und müssen statt der Keilhaue den Pflug gebrauchen, um ihre Nahrung zu fördern. Wäre in der Nähe mehr Gelegenheit diese Handwerker zu beschäftigen, so könnte Katharinenstadt ein nahrhafter Ort werden. Mit dem Ackerbau will es, wegen der gar zu gewöhnlichen dürren Jahren und des daraus nun so oft erfolgten, allen Mut benehmenden Misswachses gar nicht fort. Im heurigen Sommer ist durch das ganze Katharinenlehn, die obersten, neuversetzten Kolonien ausgenommen, an den meisten Orten nicht einmal das Saatkorn geerntet worden und von Gartengewächsen auch sogar Kartoffeln, welche sonst eine gute Notspeise für die Kolonisten wäre und auch viel gebaut werden, gar nichts aufgekommen. Es waren daher schon wieder die Anstalten getroffen, dass denen Kolonisten vom Saratowschen Kontor Brotmehl ausgeteilt wurde. Das einige Getreide, welches auf dem dürren Boden noch einigermaßen gedeihet, ist die Ägyptische oder hülsenlose Gerste, welche von einigen Kolonisten, so wie auch der hülsenloser Hafer, zu kultivieren ist angefangen worden, und auf allen jenseits der Wolga so trocken gelegenen Kolonien verdiente allgemein gemacht zu werden. Nächst dem kommt der Weizen in mittelmäßigen Jahren am besten fort. Man hat am Karaman Beispiele gesehen, da die Weizensaat ein dürres Jahr hindurch ohne zu keimen in der Erde geblieben und erst den folgenden Frühling aufgewachsen ist, dann aber eine unerhoffte gute Ernte gebracht hat. – Außer der Dürre tun auch die wilden Gänse am Getreide großen Schaden. Sie lassen sich hauptsächlich um die Erntezeit in großen Scharen auf die Acker nieder und richten oft ganze Morgen zu Grunde, ehe der Eigner zur Ernte kommen kann. – Sonst hatten die Einwohner am Tabakbau die beste Nahrung, weil die Kalmükische Horde zur Sommerzeit um diese Gegend zu ziehen pflegte, und fleißig davon kaufte. Aber jetzt fängt dieser Ware der Abgang zu fehlen. Dennoch baut man ihn noch mit Vorteil, weil die Blätter vom hiesigen Wuchs, nach dem Zeugnis der Kenner, an Güte den virginischen nichts nachgehen sollen, und also verdienten durch unternehmende Fabrikanten weiter ins Reich verführt zu werden. Allein auch dieser Kultur war im gegenwärtigen Jahr die Dürre so hinderlich gewesen, dass man ohne öfteres nachpflanzen und gießen gar nichts würde erzielt haben. Zuweilen sind auch die Raupen und im August einfallende Regenwetter dem Tabak schädlich gewesen. Heuer waren in Katharinenstadt doch zehn, und in Paninskaja bis zwanzig Desjatinen Landes mit Tabak bepflanzt. Man kultiviert hier hauptsächlich zwei Arten, den breitblättrigen und den mit lanzenförmigen kürzeren Blättern.

Mit Anpflanzung der Maulbeerbäumen hat man hier einen Versuch gemacht, allein die Haasen haben die jungen Pflanzen zur Winterzeit rein abgefressen. Ein hiesiger Einwohner hat, aus dem häufig wild wachsenden Waid, Farbe zu bereiten angefangen, aber keinen Abgang seiner Ware gefunden, weil die Färber an den Indigo gewöhnt sind, und das Ansehen der Weidfarbe nicht vorteilhaft ist. Fruchtbäume und Weinstöcke hat man, erstere wegen der Dürre, und letztere wegen des strengen Winters, nicht fortbringen können. Da auch die ersten Fröste in dieser Gegend gemeiniglich in der Mitte des Septembers einfallen, so ist wohl an einem guten Weinbau zu zweifeln; zumal da auch das Land ganz platt ist und keinen Schutz hat. Stiege die Wolga nicht so hoch, dass sie alle Niederung bedeckte, oder bliebe das hohe Wasser nur nicht so spät in den Sommer hinein stehen, so wäre auf den Vorländern zur Kultur von Krapp, Farbenkräutern, Tabak, usw. treffliche Gelegenheit. So aber kann man nichts als Heuschlag und notdürftig Brennholz davon hoffen; Zimmerholz aber fehlt auch hier.

Mit der Viehzucht hat es einen besseren Fortgang, ungeachtet einige der hiesigen Kolonien anfänglich mit der Seuche heimgesucht worden sind, auch vieles Vieh durch unvorsichtiges Weiden auf der Niederung, gleich nach Ablauf des Wassers, verwahrlost worden ist ehe man sich davor zu hüten gelernt hatte. Aus diesem Zweig der Landwirtschaft könnte in Katharinenlehn ein beträchtlicher Vorteil erwachsen, wenn die Bereitung des holländischen Käses mit so gutem Erfolg, als sie von einem Kolonisten in Katharinenstadt und von einem anderen in Paninskaja angefangen worden, fortgesetzt und allgemeiner gemacht würde; so auch die auf einer Direktions-Kolonie am großen Karaman versuchte Bereitung des Schweizerkäses die auf Veranstaltung des dortigen Kreishauptmannes Gogel gut gelungen sein soll, nicht ohne Hoffnung ist. – Überhaupt müssen alle Kolonisten an der linken Seite der Wolga auf Viehzucht und Tabakbau am meisten rechnen. Denn im Ackerbau werden die meisten Dorfschaften, durch die hartnäckige Dürre des Sommers, welche von der Anziehung der bergigen Gegend über der Wolga ganz unzertrennlich ist, wohl immer zurück gesetzt werden und den Vorrat der guten Jahre am allerklügsten auf die schlechten Jahre sparen. - Übrigens vermehrt sich das Volk auch hier stark, ungeachtet im Anfang wegen der ungewohnten Luft und Hitze bei der Arbeit, auch an den beiden Karamans wegen des etwas bracken Wassers, viel Leute weggestorben sein sollen.

Ehe ich diese Kolonien verlasse, muss ich noch eines besonderen Essigs erwähnen, welchen der Mangel eines besseren Säuern die hiesigen Kolonisten aus Molken zu bereiten gelehrt hat. Sie nehmen gemeine Molken von gesäuerten Milch und stellen sie in einem Fäßlein, mit Zusetzung einer kleinen Quantität Hefen oder Sauerteig, oder auch ohne diese hin, bis sie ausgegeftet hat, da denn ein recht starker und wohlschmeckender Essig erhalten werden soll.

Noch verdienen einige alte Grabsteine, die unförmliche Bildsäulen vorstellen, angemerkt zu werden, deren zwei fünfzehn Werste von Nieder-Monjou, in der Steppe, und eine bei Schaffhausen auf einem Grabhügel gestanden haben soll. Wie denn auch in den häufigen Gräbern dieser Gegend allerlei Altertümer und auch hin und wieder kleine tatarische Münzen gefunden worden sind.

Den 15-ten kehrte ich von Katharinenstadt auf einem näheren Wege über Telausa zurück und passierte den großen Karaman bei einer darin von Podstepnoje aus angelegten Mühle. Auf diesem Wege, der meist an der Niederung hingeht, sieht man dass beste Land welches die Kolonien besitzen. – Ich konnte heute noch über die Wolga setzen und in Saratow früh anlangen, wo ich bis zum 18-ten August verweilte.

Saratow war ursprünglich auf der linken Seite der Wolga am Bach Saratowka gelegen, wo noch die Spuren davon zu sehen sind, und von welchem die Stadt den Namen her hat. Diese erste Anlage soll zu Ausgang des sechzehnten Jahrhunderts geschehen sein. Gegenwärtig ist dieser Ort zu einer beträchtlichen Stadt erwachsen, welche in den letzten zehn Jahren durch die Anlage der deutschen Kolonien keine geringe Vermehrung ihrer Nahrung genossen hat. Sie liegt längst einem steilen Ufer der Wolga hin, am Fuß hoher Berge, deren die nördlichen, hart an die Wolga anliegenden Sokolowskie, die westlich von der Stadt und vom Fluss etwas entfernter streichenden aber, wegen ihrer kahlen steinigen Beschaffenheit, Lyssie Gory genannt werden und mit denen gegen Uwjek die Wolga hinabwärts gehenden Bergen zusammenhängen, überhaupt aber mit denen von Kasan her längst der Wolga streichenden und mit der Ilowlja endlich zum Don übergehenden, meist kalkigen Flößgebirgen eine Kette ausmachen. Die Stadt wird durch eine tiefe Kluft geteilt und ist noch überdies durch einen alten Wall in die Stadt und Vorstadt unterschieden. Der niedere Teil der Stadt liegt mehrteils in einer Ebene, hat breite und regelmäßige Straßen und sieben Kirchen, worunter ein Mönchen- und ein Nonnenkloster, denen ein Archimandrit vorsteht. Es befindet sich hier, außer der Woewoden-Kanzlei, auch ein Salzkontor (Nisowaja Soljanaja Kontora) und das Tutelkanzlei-Kontor welches die Regierung der deutschen Kolonien hat, ingleichen ein Kommandant der die Polizei verwaltet. Die Woewoden-Kanzlei ist von Stein bebaut und derselben gegenüber sind auch steinerne Kaufläden auf Privatkosten gebaut. Die Stadt hat viele wohlhabende Einwohner, welche wie einige in der Gegend Güter besitzende Edelleute, schöne Wohnhäuser haben, worunter auch nach und nach manche von Stein aufgeführt werden, die der Stadt ein gutes Ansehen geben. Der große Markt ist von Holz und mit allerlei Wahren wohl versehen, die man gemeiniglich von Lomowschen und Urupinschen Jahrmarkt holt.(*) Unter die Einwohner haben sich ungefähr hundert Deutsche einschreiben lassen, mit deren Hantierung es aber schlechten Fortgang hat, einige gute Professionisten ausgenommen. Fünf Werste von der Stadt ist durch einen gewissen Verdier eine starke Maulbeerplantage angelegt worden, und es ist auch schon ein Versuch mit dem Seidenbau geschehen, der aber noch nicht von Erheblichkeit gewesen. – Der starke Einspruch von denen hier vorbei von Astrachan und aus den unteren Gegenden aufwärts ins Reich mit Häuten, Talg, Fischen, Salz und persischen Waren, und von oben herab mit Brotkorn, Holz, irdenem und hölzernen Geschirr usw. gegen Astrachen gehenden Schiffen, ingleichen der sonderlich im Winter oft zu vielen tausenden in einer Woche ankommenden Fuhren, welche Salz und Fische ins innere des Reichs verführen, verschaffen dem Ort viele Nahrung.

Am Fuß der Sokolowschen Berge liegen oberhalb der Stadt die diesseitigen Salzmagazine, ingleichen längst der Wolga die Wohnungen der das unter dem Salzkontor stehende Schiffsvolk und unterhalb der Stadt sind, zur Einquartierung der Kolonisten, Kasarmen angelegt worden; auch wird in der Stadt von einem Deutschen für dergleichen Leute ein Wirtshaus gehalten.

Die Sokolowschen Berge sind oben her leimig, enthalten aber, wie die Lyssie Gory, Kalk und Tonflöße und am Fuß der letzteren liegen unter dem Rasen hin und wieder dicke Lagen von Kalkmergel. In dem Defilee, welches Saratow teilt, werden Ammonshörner und andere Versteinerungen, nebst Kiefern gefunden und eine darin befindliche alaunhafte Quelle hat ihren Inhalt vermutlich den kiesigen Tonlagen, über welche sie fliest, zu danken.

Ich habe oben alle auf der linken oder östlichen Seite des Wolgastroms angelegte deutsche Kolonien verzeichnet, welche unter dem Tutelkanzlei-Kontor in Saratow stehen. Hier will ich noch, ehe ich Saratow verlasse, eine genaue Liste aller diesseitigen Kolonien, die gedachtem Kontor untergeordnet sind und deren ich auf meiner Rückreise nur eine kleine Zahl berühren werde, hersetzen und mich wegen ihrer Lage auf die beigefügte Karte berufen.

Diese Kolonien sind zwar in sechs Kreise eingeteilt und so vielen Kreisoffizieren zur Aufsicht übergeben, sie lassen sich aber füglicher nach Kirchspielen und denen Hauptflüssen, längst welchen sie liegen, nämlich dem Karamysch, der Ilowlja, Medwediza und Wolga selbst ordnen.

Eine einige Kolonie (Jagodnaja Poljana) ist oberhalb Saratow in der Pensischen Provinz angelegt. Sie ist sechzig Werste von Saratow und dreißig Werste von Petrowsk entfernt, bekennt die Lutherische Religion und besteht aus 85 Familien, welche 206 männliche und 196 weibliche Köpfe zählen.

An der Wolga selbst ist nur für wenige Kolonien Raum gewesen, weil der größte Teil des Landes schon mit den Achmatischen und Solotowschen Hofgütern besetzt war. Überhaupt liegen gegen diesen Fluss folgende deutsche Dörfer:

Namen der Kolonien Familien Männliche Weibliche Abstand von Saratow
Sosnowka 95 215 214  41 Werste
Sewastjanowka 59 127 143  58 -
Wodjanoj Bujerak 32 70 74  108 -
Krestowyi Bujerak 35 69 73  110 -
Schtscherbakowka 49 114 115  115 -
Bujdakow Bujerak 45 102 85  126 -
Werchnjaja Kulalinka oder Galka (**) 43 114 88  123 -
Ust-Kulalinka 57 124 116  131 -
Werchnjaja Dobrinka 35 83 68  127 -
Nischnjaja Dobrinka 83 185 168  133 -

Außer Sewastjanowka sind diese Kolonien sämtlich Lutherischer Religion und haben in Wodjanoj Bujerak und Ust-Kulalinka Kirchen und Prediger, zu denen Kirchspielen auch noch einige von der Wolga abwärts gelegte Dörfer gehören. Sewastjanowka gehört zu den Reformierten Kolonien welche unter Ust-Solicha eingepfarrt sind.

Der Karamysch entspringt von Solotowskoi Selo westlich, näher gegen die Medwediza als Wolga, aus einer bergigen Gegend, nimmt seinen Lauf nördlich den wolgischen Bergen ziemlich nahe und krümmt sich endlich gegen die Medwediza westlich in, welche er sich mit dem Latrig vereinigt ergießt. Seine untere Gegend näher zur Medwediza ist mit Russischen Dorfschaften besetzt. An dessen größter Länge aber und darein fallenden Bächen ist das meiste Land, einige zu den Hofgütern gehörige russische Dorfschaften ausgenommen, mit folgenden deutschen Kolonien besetzt, worunter die mit einem Sternchen *) bezeichnete nach Nebenbächen, woran sie liegen, benannt, die übrigen aber am Karamysch selbst gelegen sind:

Namen der Kolonien Familien Männliche Weibliche Abstand von Saratow
* Talowka, rechts 75 185 175  44 Werste
* Norka, links 212 501 456  60 -
* Splawnucha, links 80 195 185  63 -
Popowka, rechts 79 184 169  59 -
* Golyj Karamysch, rechts 89 257 222  57 -
* Kljutschi, rechts 61 149 127  62 -
* Ust-Solicha, links 87 206 191  65 -
* Gololobowka, links 105 238 232  66 -
* Lesnoj Karamysch, rechts 171 402 367  77 -
Karamyschewka, links 54 124 107  75 -
* Kamennyj Owrag, rechts 14 27 23  84 -
Makarowka, rechts 36 83 58  84 -
Potschinnoje, rechts 34 76 61  86 -
Werschinka, rechts 30 74 67  87 -
Oleschnja 72 202 149  86 -
Pamjatnaja 29 63 60  87 -
Werchowje 39 107 79  89 -

Unter diesen Kolonien ist Talowka und Lesnoj Karamysch, welche Kirchen haben, inkl. Gololobowka Lutherischer Religion; Norka und Ust-Solicha haben reformierte Kirchen und sind dieser Religion nebst Splawnucha, Popowka, Golyj Karamysch und Kljutschi zugetan. Kamennyj Owrag hat eine Römisch-Katholische Kirche und ist mit allen übrigen größtenteils dieser, ein Teil der Einwohner aber auch der Lutherischen Religion zugetan.

An der zum Don fließenden Medwediza sind zwischen kleinrussischen Dörfern und Sloboden nachstehende vier Lutherische Kolonien ansässig gemacht, welche an diesem Fluss die fruchtbarste Gegend und gute Waldung genießen, so wie auch überhaupt die am Karamysch und der Ilowlja angelegte Dörfer, je näher sie der Medwediza sind, desto besser Ackerland haben:

Namen der Kolonien Familien Männliche Weibliche Abstand von Saratow
* Peskowatka 31 83 60  83 Werste
Gretschinnaja Luka 99 224 207  88 -
Krestowyj Medwedizkij Bujerak 115 247 216  91 -
Linewo Osero 115 282 243  102 -

Darunter ist Kerstowyj Bujerak als der Kirchort angewiesen und hat einen Lutherischen Prediger.

An der zum Don fließenden Ilowlja sind vom Ursprung an, der nicht weit vom Karamysch entfernt ist, bis in die Gegend von Karamyschewka, folgende mehrteils Katholische  Kolonien errichtet, und dieser vorhin noch völlig unbewohnte Strom dadurch ansehnlich bevölkert worden:

Namen der Kolonien Familien Männliche Weibliche Abstand von Saratow
* Grjasnowatka 36 81 79  90 Werste
Rossoschi 46 79 71  87 -
Jelschanka, links 34 65 58  92 -
Kopenka, rechts 47 111 110  95 -
Kamenka, links 103 229 224  96 -
Gniluschka, rechts 95 213 180  105 -
Panowka, links 42 75 89  108 -
Karaulnyj Bujerak, rechts 84 201 167  110 -
Ilowla, links 47 97 91  112 -
*[Werchnjaja] Grjasnucha, links 63 132 114  118 -
* Ust-Grjasnucha, links 73 157 131  119 -
Semjonowka, rechts 49 110 122  118 -

Zwei Katholische Kirchen befinden sich in Kamenka und Semjonowka; Grjasnucha hat Lutherische, und Jelschanka zum Teil russische Einwohner, weil diese Kolonie mehrenteils mit abgedankten Kriegsleuten aus der russischen Armee besetzt worden ist.

Außer diesen allen sollte jetzt noch eine neue Kolonie von protestantischen Ankömmlingen unter dem Namen Pobotschnaja angesetzt werden, wozu schon neunzehn Familien von 45 männlichen und 28 weiblichen Köpfen beisammen waren. Dadurch wird die Zahl aller im Saratowschen Bezirk angelegter deutschen Dörfer auf 104 gesetzt, deren Bevölkerung überhaupt 6194 Familien oder 25781 Seelen beträgt, worunter die Zahl der Mannsbilder etwa um elf Hundert die weibliche Zahl übersteigt.

* * *

Den 18-ten August Abends trat ich von Soratow die Rückreise nach Zarizyn an. Der Weg führt bei den Lyssie Gori hin, über eine Anfangs bergige Gegend und dann über ebenes hohes Land, ziemlich fern von der Wolga, deren Ufer durch häufige steile Klüfte zerteilt und unwegsam ist. Gegen den Anbruch des folgenden Tages erreichte ich das Kirch-Dorf Sinenki, wovon ein Teil mit der Kirche nahe an der Wolga; die andere Hälfte zwischen den kleinen Bächen Sinenka und Gubernatorka (oder auch Nasarowa genannt) in einem weiten, schönen, mit Holzung wohl versehenem Tal liegt. Das Dorf gehört unter die Solotowschen Hofgüter. – Von da nahm ich einen Nebenweg an der Gubernatorka hinauf, über schöne grasreiche, aufgehende Steppe an den Bach Talowka, dessen Kolonie in einer fruchtbaren Gegend zur linken blieb. Über diesen Bach, welcher nicht weit von der Wolga entspringend zum Karamysch fliest, kam ich nach Bobrowka einem gleichfalls unter Solotoj gehörigen Hofgut, am linken Ufer des Karamysch, welchen ich hier auf einer Brücke passierte. Er ist hier ein unbeträchtlicher kleinen Strom, der hin und wieder ganz mit Sand verweht und sehr seicht ist, dabei in wunderlichen Krümmungen fliest. Die Gegend um denselben ist durchgängig hügelig und die Gründe fruchtbar, die Höhe aber ziemlich trocken und kiesig, auch größtenteils nicht mehr als notdürftige Holzung vorhanden. Auf den Wiesengründen pflegt Senecio Doria und auf den Höhen Cucubalus tataricus häufig zu wachsen.

Westlich vom Karamysch wird die Gegend noch besser, als das gegen die Wolga gelegte Land, und um etwas davon zu sehen ging ich von Bobrowka längst dem darein fallenden Bach Splawnucha oder Splawnaja aufwärts nach der Kolonie dieses Namens, welche unter dem Kreishauptmann in Norka steht. – Die Einwohner derselben sind, so wie die meisten reformierten Kolonien, größtenteils gute Ackersleute, aus dem Ysenburgischen, der Pfalz und anderen Gegenden des deutschen Reiches. Sie haben fast seit Anlegung der Kolonie sich selbst mit Getreide versorgt, ja schon genug zum Verkauf gehabt und sich allerlei Bequemlichkeiten, auch gut gebaute Kornhäuser geschafft. Oberhalb der Kolonie am Bach Olchowka, der hier in die Splawnucha fällt, ist ein ansehnlicher doppelter Quell des kältesten und reinsten Wassers merkwürdig, der aus einem kalkfelsigen Ufer sprudelt und mit kleinen Kaskaden in den Bach fällt. – Die Olchowka war zu einer Mühle angedämmt worden; weil sich aber das Wasser in Teich zu verderben anfing, so haben die Kolonisten selbigen abgelassen und die Mühle weggerissen. Der hiesige Vorsteher hat einige Weinreben, die aber heuer vom Frühlingsfrost beschädigt worden waren.

Um mich meinem Wege wieder zu nähern ging ich von hier nach dem russischen Dorfe Topowka am geringen Bache gleiches Namens, gegen welchen man durch einen Strich guter Holzung von Eichen, Birken und Aspen kommt. Das Dorf hat eine neue Kirche und steht unter dem Solotowschen Amt. Erst vorgestern waren hier Räuber gewesen und hatten sich bei den Bauern nur mit Lebensmitteln versorgt.

Von der Splawnaja an sind um die obere Gegend des Karamysch und den Ursprung der Ilowlja die freien Höhen mehrteils voll kleiner Erdhügel (Kotschki) welche von vormaliger Waldung herzurühren scheinen, aber kaum mehr die Spur von Baumwurzeln oder alten Stöcken zeigen. – Gegen Abend erreichte ich über lauter solche Höhen, welche zwischen dem Karamysch und den Quellbächen der Ilowlja liegen, die sogenannte Französische Kolonie, und blieb daselbst über Nachts.

Diese Kolonie hat eine vorzüglich schöne und fruchtbare Lage an weiten, angenehmen und holzreichen Gründen, woraus die Ilowlja entspringt. Sie hat auch vor allen anderen Kolonien den Vorzug, dass alle Kolonistenhäuser daselbst von Stein, sehr geraum und wohl gebaut sind. Nur schade dass dieses schone Dorf nicht fleißigere und ernsthaftere Einwohner bekommen hat, als die zum Ackerbau größtenteils nicht gewöhnten Franzosen, von welchen es bewohnt wird. Unter selbigen befindet sich zwar ein sehr geschickter Hutmacher, und ein  vortrefflicher Hautelisse – Fabrikant, allein was können diese auf einem Dorf und hinterm Pfluge nutzen? – Es befindet sich hier ein Kreisoffizier, der die meisten Kolonien an der Ilowlja unter sich hat, wovon viele unter die durch den Direktor de Boffe angelegte elf Kolonien gehören., welche jetzt alle unmittelbar unter der Krone stehen.

Hier hatte ich wieder die gewöhnliche von Saratow nach Astrachan führende Landstrasse oder den sogenannten Stanischnik erreicht, welchem ich bis Kamenka folgte. Nach einigen Wersten führt derselbe durch Elschanka oder die sogenannte Hussaren-Kolonie., weil viel dergleichen abgedankten Kriegsleute unter deren Einwohnern sind. Seitwärts sieht man die nahe Kolonie Kopenka, und ein paar Werste weiter abwärts an der Ilowlja liegt die Kolonie Kamenka, wo eine schöne katholische Kirche ist, bei welcher der Prior Müller, der den Ruhm eines exemplarischen und wackern Mannes verdient, seinen Sitz hat. – Viele der älteren Kolonien diesseits der Wolga haben einzeln von einander abgesonderte und nicht nach dem neuen Plan erbaute Wohnungen. Darunter ist auch Kamenka. In den Kolonien Makarowka und Potschinnoje soll es viele sehr gute Tuch- und Zeugweber geben, welche allerlei Materien auch Kamellote zu bereiten geschickt sind, und den Wunsch, dass dergleichen Fabriken hier angelegt werden möchten, rege machen.

Ich verließ hier wiederum die Landstraße und nahm meinen Weg zur linken, näher gegen die Wolga, über trockene Höhen, welche viele merkwürdige Überbleibsel von Pflanzen und darunter auch häufiges Echium italicum, Plantago Cynops, Stachys annua und Aftragalus dafyanthus zeigen.

Von der Kolonie Wodjanoj Bujerak, welche ich kurz nach Mittag erreichte, ging ich über Schtscherbakowka nach Werchnaja Kulalinka oder Galka*, welche auch die Holsteiner Kolonie zugenannt wird, obgleich viele Einwohner aus den Rheinischen Gegenden her sind. Der in dieser Kolonie mit gutem Erfolg angefangene Weinbau hatte mich zu dem genommenen Umweg verleitet. Der Noah unter den hiesigen Kolonisten ist ein Winzer aus Mensingen am Rhein, Namens Johann Philipp Peiler. Er hat in zweien Gärten schon auf drei Tausend tragbare Reben, die ihm verwichnes Jahr auf zwanzig Pud Trauben eingetragen haben. Die diesjährige Ernte schien etwas geringer werden zu wollen, weil die in Pfingsten eingefallene Kälte vieles in der Blüte verderbt hatte. Er wässert seine Reben gar nicht, obgleich sie auf ziemlich trockenem Boden stehen; und diesem ist es wohl, nächst der Salzlosigkeit des Erdreichs, hauptsächlich zuzuschreiben, dass die hiesigen Trauben, welche doch an Größe, Schönheit und Geschmack den Astrachanischen nicht gleich kommen, gleichwohl einen viel besseren Most geben, der wenn man ihn, wie ich selbst versucht habe, stehen läst, zu einem hellroten, denen leichten Französischen ganz ähnlichen Wein wird, und gegen den elenden Astrachanischen für Nektar gelten kann. Da man in Astrachan die üble Gewohnheit hat, die Weingärten ganz unmäßig zu wässern und oft die Rebenbetten fast zum Sumpf macht, so ist es kein Wunder, dass der Saft aus wässrigen Trauben an schleimigen und zuckerigen Teilen arm ausfällt und keine gute und geistige Gärung leisten kann. Mir scheint das wässern mehr, als die Salzhaftigkeit des Bodens, und dann vielleicht das nachlässige Verfahren beim Keltern und er schlechten Beschaffenheit des astrachanischen Weins die Ursache zu sein. Es ist wahr, man erhält durch fleißiges Wässern größere und vollere Trauben, und sie reifen viel früher. Weil man nun die Reben in Astrachan bisher noch mehr um der Frucht, als um des Weins willen baut, so ist man mit dieser feuchten Kultur sehr zufrieden. Will man aber dass ein ordentlicher Weinbau nach und nach Statt finden soll, und sucht man gute und dauerhafte Weine im Lande zu ziehen, so wird das überschwängliche Bewässern der Reben als ein Hauptfehler zu vermeiden sein.

Der Bach Kulalinka an welchem diese und bei der Mündung noch eine Kolonie liegt, verliert sich nicht weit von seinem Ursprung unter die Erde, kommt aber näher gegen die Wolga wieder hervor und macht fischreiche Pfützen.

Mein Weg war von dort auf Werchnaja Dobrinka. Diese Kolonie hat gegen den Bach zu einen breiten Grund, wo auch in trockenen Jahren alles Gartengewächs und Tabak sehr wohl gedeiht. Einige der hiesigen Einwohner fangen auch an, nach dem Beispiel des Winzers in Galka, sich auf den Rebenbau zu legen und es wäre zu wünschen das alle unterhalb Solotoje Selo gegen die Wolga zu gelegene Kolonien durch kleine Preise aufgemuntert würden den Weinbau vorzüglich zu treiben., weil sie unter allen die vorteilhafteste Lage dazu haben. Ihre Landschaft ist bergig, die Höhen sind sonnig und vorteilhaft gelegen, größtenteils steinig, grandig oder mergelhaft, an ihrer Oberfläche, nicht gar zu trocken, und im geringsten nicht salzhaft. Es ist auch bemerkt worden, dass die Ländereien nahe um die Wolga eine viel mildere Lage, als weit landwärts in die Steppe und an der Ilowlja haben, so dass wenn hier einige Gewächse erfrieren, dieselben mehrteils an der Wolga wohlbehalten nachbleiben. Eben diese vorteilhafte Beschaffenheit scheint auch der Dmitrewskische Distrikt zu haben, so vieler zum Weinbau günstigen Gegenden um den Don nicht zu gedenken.

Der Bach Dobrinka versiegt, so wie die Kulalinka und die weiter unten folgende Bächer Dubowka und Ternowka, hin und wieder in den Grund und ist auch bei seiner Mündung zur Sommerzeit ganz trocken und mit kreidigen Steinchen ausgefüllt.

Dobrinka ist die südlichste von allen Kolonien des Saratowschen Bezirks und nur noch dreißig Werste von Dmitrewsk entfernt. Bei einbrechender Nacht kam ich zu dem Bach und Dörfchen Dubowka, wo sich Dmitrewskische Stadtbewohner (Bobyli) wohnhaft gemacht haben; und von hier langte ich mit frischen Pferden, über den Ternowka und Lipowka Bach, gegen Tagesanbruch in gedachte Festung an.

__________________

[*] Um 13 ten April 1774 hatte Saratow nochmals das Unglück in wenig Stunden völlig abzubrennen, und in August desselben Jahres war es noch überdies von dem verruchten Schwarm der flüchtigen Rebellen mitgenommen.

[**] Den Nanem Galka trug deutsche Kolonie Ust-Kulaninka und nicht Werchnjaja Kulalinka wie fälschlicherweise von P.S. Pallas angegeben ist. (Ред.)



Pallas P.S. Reise durch verschiedene Provinzen des Russischen Reichs. St. Petersburg, 1776. 3. Teil, 2. Buch, S. 608-628

 


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