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György DALOS

GESCHICHTE DER
RUSSLANDDEUTSCHEN

VON KATHARINA DER GROßEN
BIS ZUR GEGENWART



Dalos G. Geschichte der Russlanddeutschen. Von Katharina der Großen bis zur Gegenwart. — Verlag C.H.Beck oHG, München 2014, — 336 S.

ISBN 978-3-406-67017-6

Dalos G. Geschichte der Russlanddeutschen.

Einen bemerkenswerten Aufschwung erlebten die deutsch-russischen Beziehungen 1763 mit dem Einladungsmanifest von Katharina II. Die aufgeklärte Monarchin forcierte die Besiedelung ihres Herrschaftsgebietes und die Erschließung seiner Naturreichtümer. Mitteleuropa war gerade durch den Siebenjährigen Krieg (1756-1763) verwüstet worden. Daher sahen viele Rheinländer, Bayern, Badener und Hessen ihre Zukunft an der unteren Wolga und in der Schwarzmeerregion. Angelockt wurden sie von Katharinas Versprechen, ihnen Religionsfreiheit, Entbindung vom Militärdienst und Steuererleichterungen zu gewähren. Ihre Nachkommen erlebten 100 Jahre später, wie die Reformen Alexanders II. ihren materiellen und gesellschaftlichen Status nachhaltig beeinträchtigten. Die 1897 rund 1.7 Millionen Menschen zählende Minderheit sah sich zudem einem zunehmenden Nationalismus ausgesetzt, der in den Anfeindungen als «Verräter» im Ersten Weltkrieg eskalierte. Pogrome, Deportationen und der wirtschaftliche Ruin wurden von der Oktoberrevolution zunächst aufgehalten. Krieg und Revolution hatten aber die Landkarte verändert, und viele Angehörige der Minderheit befanden sich nun nicht mehr auf russischem Gebiet und dennoch unter sowjetischer Herrschaft. Überließ ihnen Lenin zunächst eine autonome Republik an der Wolga, gerieten sie spätestens Ende der 1930er Jahre im Zuge des Stalinistischen Terrors erneut unter Generalverdacht. Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion folgten entweder die Umsiedlung in den Westen durch die Nationalsozialisten oder die Deportation in den Osten durch das Sowjetregime. Erst das Tauwetter unter Chruschtschow brachte den Überlebenden eine begrenzte Freiheit zurück und in den folgenden Jahrzehnten die Möglichkeit zur Ausreise in die Heimat ihrer Ahnen.




György DALOS

 

 

 

 

 

 

 

György Dalos ist eine brillant erzählte, sachlich fundierte und reich bebilderte Darstellung dieser rund 230-jährigen Beziehung gelungen, in der er sowohl gegenüber der russischen als auch der deutschen Position eine neue, dritte Perspektive einnimmt.

György Dalos, 1943 in Budapest geboren, studierte in den 1960er Jahren Geschichte in Moskau. Er wurde 1995 mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis und 2010 mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet. Im Verlag C.H.Beck sind von demselben Autor lieferbar: Gorbatschow. Mensch und Macht (2011); Der Vorhang geht auf. Das Ende der Diktaturen in Osteuropa (22009); Lebt wohl, Genossen. Der Untergang des sowjetischen Imperiums (2011); Ungarn in der Nußschale. Ein Jahrtausend und zwanzig Jahre (22012).




Vorwort

Im Frühjahr 1965, ich studierte Geschichte an der Lomonossow-Uni-versität in Moskau, erhielt ich eine Einladung nach Frunse, heute Bischkek. Mein Gastgeber war der kirgisische Dichter Temirkul Umetoli. So verbrachte ich eine gute Woche in der Hauptstadt der kirgisischen Sowjetrepublik, zwischen dem ersten Mai, dem international begangenen Tag der Arbeit, und dem neunten Mai, dem zwanzigsten Jahrestag des Sieges der Sowjetunion über Hitlerdeutschland. Temirkul Umetoli, damals ein sehr bekannter Literat, besaä eine Villa mit Garten im Stadtzentrum und hatte eine groäe, weitverzweigte Familie. Einer seiner Enkel, der fünfjährige Serjoscha, litt an Kinderlähmung und konnte weder laufen noch sprechen. Er saä im Kinderwagen und wurde von Ida Iwanowna gepflegt, einer älteren deutschen Frau, die so liebevoll mit ihm umging, als wäre der Kleine ihr eigener Enkel. Ab und zu nahm sie ihn auf den Arm, wiegte ihn hin und her und sagte mit sanfter Stimme auf Deutsch: «Du armes schönes Kind!»

In Ida Iwanowna begegnete mir zum ersten Mal das Phänomen der Russlanddeutschen, von deren Existenz ich zuvor keine Ahnung hatte. Offenbar hatte mich diese Begegnung beeindruckt, denn in einem Aufsatz über meine Reise nach Kirgisien für die Szegediner Literaturzeitschrift «Tiszatáj» widmete ich ihr einen ganzen Absatz. Unter Hinweis auf das Gespräch mit der alten Frau schrieb ich:

«Hier im kirgisischen Land leben viele Deutsche, ebenso wie es in der benachbarten Kasachischen Republik ganze deutsche Dörfer, deutsche Kolchosen gibt. Diese Deutschen flüchteten gegen Ende des 18. Jahr-hunderts vor den vielen Wirtschaftskrisen in das Russische Reich, in dem damals eine relative ökonomische Konjunktur herrschte und wo man viele fleiäige Arbeiterhände brauchte. Die Deutschen blieben auch nach der Groäen Sozialistischen Oktoberrevolution im Lande. Ihre Zahl wurde auf eine halbe Million geschätzt, als sie ihre Autonomie im Rahmen der 1922 gegründeten Union erhielten. Das Zentrum der Deutschen Autonomen Republik lag im Wolgagebiet, in der provinziellen Kleinstadt Engels. Doch die Kriegsjahre dezimierten die deutsche Bevölkerung. Die Schrecknisse der Evakuierung, die Integration eines Teils der Deutschen in die fünfte Kolonne und andere, rein subjektive Faktoren machten es für die deutsche Bevölkerung unmöglich, sich nach dem Krieg in einer neuen autonomen staatlichen Formation zu vereinigen. Ein Teil von ihnen lieä sich daraufhin hier in Zentralasien ansiedeln, wo sie die ohnehin vielfarbige ethnische Karte dieses Gebiets noch bunter machen.»

Heute, fast fünfzig Jahre später, weiä ich nicht, was mich beim Lesen dieses Textes mehr verblüffen soll: meine Wohlinformiertheit, die weit über den durchschnittlichen Kenntnissen der Sowjetmenschen lag, oder die Blauäugigkeit des damals 21-jährigen Jungkommunisten, der irgend-etwas aufgeschnappt hatte und allerlei Halbwahrheiten für bare Münze nahm. Dabei muss betont werden, dass ich meine Weisheiten ausschlieälich aus Ida Iwanownas Äuäerungen und vielleicht einigen ergänzenden Kommentaren der kirgisischen Gastgeber geschöpft hatte. Es gab auch nicht die Möglichkeit, das Gehörte anhand schriftlicher Quellen zu verifizieren. Literatur zu dem Thema galt in den Bibliotheken des gesamten Ostblocks als «Verschlusssache», und westliche Bücher lagen zu dieser Zeit im Giftschrank. Dabei war mein Spezialgebiet und das Thema meiner Diplomarbeit ausgerechnet die neuere Geschichte Deutschlands, insbesondere der Weimarer Republik.

Wenn ich nun ein Buch über das Schicksal der Russlanddeutschen vorlege, muss ich gestehen, dass mir diese Materie zu Beginn der Arbeit an dem Buch relativ neu war, obwohl meine Recherchen zu Themen der russischen Geschichte auch früher gelegentlich sowjetdeutsche Aspekte tangierten. Gleichzeitig festigte die gründlichere Auseinandersetzung mit der Historie der Russlanddeutschen meine Überzeugung, dass diese sehr viel mit dem Ende der Sowjetunion zu tun hatte. Der Staatssozialismus scheiterte natürlich nicht zuletzt an der ökonomischen Unhaltbarkeit des Systems und den vielfältigen absurden Formen der Unfreiheit. Aber seine Achillesferse, seine gröäte Verwundbarkeit entstand langfristig durch den doktrinären und lebensfremden Umgang mit der nationalen Frage.

Noch zwei Gebrauchsanweisungen für die deutschen Leser, insbesondere für diejenigen, die aus der ehemaligen Sowjetunion stammen. Erstens: Anders als in meinen früheren Büchern zu historischen Sujets arbeite ich mit Anmerkungen - genauen Quellenhinweisen und persönlichen Kommentaren -, was vielleicht das Lesen umständlicher macht, mir aber für die Schilderung des Themas unverzichtbar erscheint. Als Entschädigung für die dadurch entstehenden Mühen bei der Lektüre gibt es im Apparat die Internetadresse für zwei russische Wolgalieder.

Und zweitens: Obwohl ich es im Laufe dieser Arbeit fast ausschlieälich mit deutschem und russischem Material zu tun hatte, haben mich bei der Darlegung zweifelsohne die Erfahrungen eines Mitteleuropäers, genauer gesagt eines Ungarn jüdischer Abstammung beeinflusst. Somit habe ich nicht unbedingt die Perspektive der deutschen und russland-deutschen Kollegen eingenommen. Ich hoffe sehr, dass dieser gewissermaäen fremde Blick neue Gesichtspunkte zum Nachdenken über die eigene Geschichte ergeben kann.


György Dalos




INHALT

 

Vorwort
9

Die heile Welt der Kolonisten
12

Genesis eines Konflikts
34

Zwischen den Fronten, 1914-1917
50

Deutsche in der Feuertaufe
72

Die Geburtswehen einer Republik, 1918-1924
84

Jahre mit Januskopf, 1924-1928
113

Die Sowjetisierung
133

Deportation und Trudarmee
172

Eine sogenannte Rehabilitierung
219

Falsche Morgendämmerung Die Sowjetdeutschen in der Perestroika
256

Epilog
291

Anmerkungen
298

Dank
319

Zeittafel
320

Literatur
322

Bildnachweis
324

Personenregister
325

 


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